The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri

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Title: Vom This, der doch etwas wird

Author: Johanna Spyri

Release Date: February, 2006  [EBook #9859]
[This file was first posted on October 25, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***




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Vom This, der doch etwas wird

Erzhlung

Johanna Spyri







1. Kapitel

Alle gegen einen


Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
eine frische, grne Wiese.  Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
schnen, weichen Gras zu kosten.  Die sauberen, wohlgenhrten Khe
ziehen lieblich lutend immer hin und her.  Denn jede trgt am Hals
ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist.  So kann sich keine Kuh
unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte.  Es ist auerdem ein
ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen.  Aber die
Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
keiner sie entbehren mchte.  Am Bergabhang stehen hie und da
vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
daneben ein schumender Bach ins Tal hinab.  'Am Berghang' heit es
hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
ebenem Boden.  Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
worden und da hngengeblieben.  Man begreift gar nicht, wie sie da
oben an den Hang hingebaut werden konnten.  Vom Weg unten sehen sie
alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
kleinen, hlzernen Treppe am Haus.  Steigt man aber hinauf und kommt
in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
ist.  Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
verschieden aus.  Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
Schwemmebach, hinunter.

Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben.  Das war
aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
damit man im Winter drinnen nicht frieren mute.  An dem hlzernen
Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen.  Und die Galerie war
so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen.  Sie
hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere.  Die Kinder
waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
Kamm gesehen.  Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu.  Drei krftige
Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen.  Denn sie
konnten sich doch schon selbst waschen.

Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben.  Die
Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden.  Und
oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
ganzen Sommer lang ins Fenster hinein.  Eines von den kleinen, hellen
Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte.  Sie flickte gewhnlich an
einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
gewaschen war.  Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
herangekommen.  Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen.  Der machte den Sommer
ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen.  Denn
dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag.  Da ber
den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
ganz getrennt.  Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
etwa einmal am Tag stumm hinberschaute.  Gewhnlich schttelte sie
dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah.  Sie schaute aber
nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht.  Lieber
betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.

Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
Heumachen suchte.  Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf.  So
war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung.  Die
Frau hatte genug daheim zu tun.  Aber sie schien anzunehmen, so viele
kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
dann von selbst besser.  So lie sie alles gehn, wie es ging.  Und in
der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
sein.  Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
um die Khe zu hten.  Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
bewacht wird.  Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen.  Das ist
immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
miteinander unternehmen.  Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
Arbeiten auf den Feldern.  So verdienten sie dann den ganzen Sommer
ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
das die Mutter gut brauchen konnte.  Sie hatte ja immer noch die vier
Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen.  Wenn
diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
und die vier Groen noch ein Stck dazu.  Eine Kuh hatte der
Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.

Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten.  Er hatte nur eine
Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand.  Der Vater kam im
Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
etwas abzuzahlen hatte.  Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
er fand.

So mute die Frau mit den Kindern oft hungern.  Sie selbst konnte
keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
der Hand.  Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben.  Anstatt zu arbeiten,
schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten.  Dann sagte sie
rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.

Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
Hlmli-Sepp wohnte.  Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
fr achtjhrig gehalten htte.  Er schaute auch so scheu und
verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
This hatte nie eine Mutter gekannt.  Sie war gestorben, als er kaum
zwei Jahre alt war.  Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
und den Weg abkrzen wollte.  Seit dem Sturz war er lahm und konnte
nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte.  Der kleine This
hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
eine Strohmatte auf den Knien.  Alle Leute hatten ihn den lahmen
Matthis genannt.

Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
Ort.  Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht.  Und in
die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war.  Der kleine This
war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen.  Und hatte er vor seinem
Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.

So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen.  Als er dann
seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
saubere Huschen der Sennerin drben hatte.  Der This wehrte sich aber
nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
nutze doch alles nichts.  Nach und nach wurde der Bub so scheu und
verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
vorging.  Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
anrief.  Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.

So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
nachsagten, sobald sie nur reden konnten.  Da sich der This niemals
dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
This' genannt.  Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
wie die andern es taten.  Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken.  Da sa er
meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
mitmachte, die sie spielen wollten.

Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren.  So verkroch er sich,
sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
und fraen auf der Weide der Nachbarn.  Das gab dann groen rger, und
jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
stellte ihn mehr an.  Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten.  Da
warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe.  Und jeder gab dem
anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte.  Der This gab aber
nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
Seiten, von woher er getroffen werde.  Das war gerade, was die anderen
gern wollten.  Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
die Knollen an den Rcken und an den Kopf.

Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
Kartoffelstauden zu verstecken.  So war es auch mit dieser Arbeit
nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden.  Weil er nun
gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt.  Wenn schon die
eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.

Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
vorbeiging.  Betteln ging der This aber nicht.  Satt hatte er sich in
seinem Leben noch nie gegessen.  Aber das war ihm nicht so schrecklich
wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.



2. Kapitel

Bei der Schwemmebachsennhtte


An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben.  Der Jopp,
von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung.  Und als alle
nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag.  Nun
msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben.  Da kam der schlaue
Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
die Khe acht zu geben.  Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
im voraus ein wenig durchprgeln.  Der Vorschlag fand Anklang, und
schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
Gescheites, was der Uli erfunden hat.  So bekommen wir nur alle den
Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
haben.  Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann.  Man mu losen,
und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen.  Drei aus
der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
der Uli war unter diesen drei.  Murrend und knurrend kehrte er der
siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
beiden Leidensgenossen.  Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
entgegen.

Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
sollte.  Denn das war ein Hauptfest fr sie.  Das war der Tag, an dem
der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
eine lange, schneeweie Wurst.  Die wurde dann in viele Stcke
gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
Das waren dann die sogenannten Ksfische.  Dieses Fest wiederholte
sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
Freudengeschrei begrt.

This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging.  Er gab keinen Ton
von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
da die groe Schar davonlief.  Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
hervor.  Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
kehrten ihm den Rcken zu.  Die anderen waren schon ein gutes Stck
die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
Hhe hernieder.  Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen.  Ganz behende schlpfte er
hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf.  Nach dem
letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
stand die Sennhtte.  Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
klare Schwemmebach nieder.  Dort in der Tr seiner Htte stand der
Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht.  Er lachte ber
die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten.  Jetzt
waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.

"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton.  "Wenn ihr alle in
die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte.  Das Schneiden
ging rasch vor sich.  Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
Schnur heran.  Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
vordringen konnten.  Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
Teilung.

This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
Seite zur anderen.  Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte.  Zuletzt bekam
er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte.  Die Teilung
war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
Schlge mehr.  Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
Bumchen.  Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
Sonnenschein.  Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
Leid verga, das ihm eben geschehen war.

Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende.  Dann sah er immer noch, wie
jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi.  Er seufzte dann ein
wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
heute in die Schar der Glcklichen einzudringen.  Jetzt hatte er
gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
zusammenraffte.  Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde.  Darber wurde er
so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.

Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
brachte.  Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
hatte.  Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde.  Er wre
viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte.  So kam er
gehorsam heran.  "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
jetzt der Hans an.

"Keinen", gab This zurck.  "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
brachte.  Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.

Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war.  Er lief jetzt zu dem
Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
und unten niemand sehen.  Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
den Boden sumpfig machte.  Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
ein angenehmer Aufenthalt.  Denn es reiften da schne, dunkelrote
Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
der Huser und der Hterbuben war.  Denn diese konnten ihn ja jeden
Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen.  Der
This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas.  Da dachte er noch
einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
zog.  Er mute noch einmal dorthin.

Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
Tannenbumchen setzen konnte.  Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
Tannenversteck ein wenig offen.  Da sa nun der This in vlliger
Sicherheit.  Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied.  Die Sonne wollte
untergehen.  Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
Abendlicht.  Der This schaute mit stillem Staunen um sich.  Ein nie
gekanntes Wohlsein kam ber ihn.  Hier konnte ja auch alle Angst und
Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.

So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
gewesen.  Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
her.  Es war der Senn.  Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen.  This verhielt sich
muschenstill.  Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
gleich auch tun und ihn dann fortjagen.  Er duckte sich tief unter die
Bumchen.  Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.

"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.

"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.

"Komm nur heraus.  Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
Bses getan hast.  Vor wem verbirgst du dich denn?  Hast du dich etwa
mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
verzehren kannst?"

"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.

"Nicht?  Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
sonst nie ein Mensch mit dem This redete.  Nun erwachte in seinem
Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
Menschen.

"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
hinter den buschigen Zweigen auf.

"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
"komm noch ein wenig nher.  Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
sie dich wegstoen?  Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"

"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
wohl auch dem Franz Anton einleuchtete.  Erst jetzt konnte dieser den
Buben recht sehen.  This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne.  Der krftige Mann
betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
fast nur Haut und Knochen zu sehen waren.  Aus dem mageren Gesicht
schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.

"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.

"Niemand", gab This zur Antwort.

"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein?  Wo wohnst du denn?"

"Beim Hlmli-Sepp."

Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf.  "Ach so, bist du der!"
sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
gekannt.

"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig.  "Wenn du beim Hlmli-Sepp
bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."

Der This wute gar nicht, wie ihm geschah.  Er ging hinter dem Franz
Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
das war ihm noch nie geschehen.  Der Senn trat in die Htte, holte
hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
Stck ab.  Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus.  Das
strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
der dicken Butter darauf dem This hin.  In seinem ganzen Leben hatte
der This so etwas noch nie bekommen.  Er schaute darauf, als sei es
nicht mglich, da es ihm gehre.

"Komm heraus.  I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war.  Dieser gehorchte.
Vor der Htte setzte er sich auf den Boden.  Und whrend der Senn zum
Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
und er es bekommen htte.

Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
goldenen Abendhimmel hinauf.  Dem This ging das ganze Herz in nie
gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
singen anfangen.

Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
gegangen.  Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
stehengeblieben und hatte rundum geschaut.  Die Berge waren nicht mehr
rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
hinter dem weien Zacken empor.  Nun kam der Senn wieder zur Htte
zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
sa.

"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich.  "Mit dem Abendessen
bist du fertig, wie ich sehe.  Du mut dich auf den Rckweg machen.
Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"

Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht.  Aber jetzt fiel
ihm ein, da es wohl ntig sei.  Er stand auf, dankte noch einmal dem
Franz Anton und ging.  Aber er kam nicht weiter als bis zu den
Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck.  Er schaute noch
einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige.  Franz
Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
und Liebe behandelt hatte.  Das hatte auf den This einen solchen
Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte.  Er mute noch ein wenig
in der Nhe dieses guten Menschen bleiben.  This lag ganz verborgen
unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
nicht noch einmal she.  Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.

Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
milde Mondlicht leuchtete.  Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
Heiterkeit sehen.  Dann faltete er seine Hnde.  Er hielt wohl still
seine Abendandacht.  Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu.  Sein
Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
und den Menschen gegolten, die er liebte.  Der This hatte in stiller
Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut.  Er fhlte Liebe und
Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.

Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.

Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen.  Aber das war ihm gleich,
die Tr war ja nie geschlossen.  Er trat leise ins Huschen und
schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte.  Dieser
schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
So hat man doch Platz!"

This legte sich leise nieder.  Und bis seine Augen zufielen, sah er
immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
gefalteten Hnden vor seiner Htte stand.  Zum erstenmal in seinem
Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.



3. Kapitel

Ein hilfreicher Engel


Der Tag darauf war ein Sonntag.  Die Kinder, die an der Halde wohnten,
muten nach Beckenried hinunter zur Kirche.  Trotz des langen Weges
gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung.  So kam eben jetzt die ganze
Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
Pfarrer konnte beginnen.  Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
viel zutrauen kann.  Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
wohl werden, da er kein Leid versprt?"

"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
schaute.  Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken.  Der This beugte sich
so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen.  Von dem,
was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute.  Jetzt hatte
er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,

Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an.  Als er aber sah, da es dem
This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
machen."

Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
gekommen?"

"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf.  Oben
wurde er nun nicht mehr verfolgt.  Denn die anderen wollten den
schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.

Der This lief immer weiter hinauf.  Er hatte bei allem Leid jetzt
einen Trost im Herzen.  Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
vor Verfolgung sicher sein.  Nun sa er wieder unter den Tannen und
ber ihm sang der Vogel sein Lied.  Die Schneeberge glitzerten in der
Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
friedlich ins Tal hinab.  Dem This wurde es so wohl, da er allen
Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
weggehen zu mssen.

Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
bestndig ausschaute.  Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
nieder.  Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
Butterbrot zu bekommen.  Und er kam doch nur, weil er der erste und
einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
nirgends auf der Welt.  Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen.  Aber
das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
dort oben.

So ging es eine ganze Woche.  Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige.  Von da beobachtete
er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen.  Und
nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.

Es waren ausnahmsweise heie Tage.  An dem wolkenlosen Himmel stieg
jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
niedergegangen war.  Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
prchtigsten Kse daraus herstellen konnte.  Das machte ihm Freude,
und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche.  Da hrte
man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen.  Bald hatte er sie
auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken.  Es
war der heieste Tag des ganzen Sommers.

Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte.  Bald
war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
etwas zu sich nehmen wollte.  Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen.  Da zog ihn
jemand am Arm.  Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
Einladen geholfen hatte.  "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
zu dem Wirtshaus.

Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
Schatten zu sitzen.  Er trank sein Glas in einem Zug aus.  Dann aber
stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
an den Wein gewhnt.  Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
Schritten auf den Berghang zu.  Aber so schwer war ihm das Steigen in
seinem Leben noch nie gefallen.  Die Mittagsonne brannte hei auf
seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
da er sie nur mit Mhe heben konnte.  Je steiler die Alm wurde, je
grer wurden seine Schritte.  Und er spornte sich selbst mit der
Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege.  Dann wrde er
oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.

Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen.  Die Sonne
brannte wie Feuer auf seinen Kopf.  Pltzlich wurde es ihm vllig
schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
Boden nieder.  Er hatte das Bewutsein verloren.

Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war.  Er stellte seine
Milch in eine Ecke und ging fort.  Er dachte nicht daran, nach dem
Senn auszuschauen.

Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
Anton gewartet, das war der This.  Schon seit ein paar Stunden hatte
er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen.  Er kannte jeden Schritt,
den der Senn tat.  Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
Franz Anton seine Milch stehen lie.  Sonst go er sie immer gleich in
die verschiedenen Gefe.  Die eine kam zum Buttern in die groen,
runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
lag.  Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen.  Der Senn
kam immer noch nicht.  Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
sein mute.  Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
zur Sennhtte.  Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
auf dem Heuboden.  Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
war zu hren, alles wie ausgestorben.  ngstlich lief der This
jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
in einer anderen Richtung wieder hinab.  Jetzt auf einmal--dort unten
erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag.  This sprang hinzu--da
lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
ein Sterbender.  Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
vertrocknet.

Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
Schrecken, auf seinen Wohltter.  Dann strzte er in schnellem Lauf
den Berg hinunter.  Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
Boden gelegen.  Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen.  Er litt
an einem verzehrenden Durst.  Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
und trinken.  Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.

Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser.  Dann schwand ihm das
Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
Da standen sie noch.  Oh, wie sehnte er sich danach!  Er wollte die
Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen.  Aber
jetzt hatte er pltzlich eine im Mund.  Ein Engel kniete da und hatte
sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine.  Oh, wie tat ihm der
Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen!  Der Franz Anton schlrfte und
schluckte, es war ein unsgliches Labsal.  Er erwachte.  War das alles
Wirklichkeit?  Es war kein Traum.  Da kniete neben ihm der Engel und
steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.

"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton.  Aber
nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund.  Auf
einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht.  Er legte die
Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden.  Er konnte nicht einmal
mehr die letzte Erdbeere genieen.  Jetzt trumte er ganz schreckliche
Dinge.  Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
zuviel pfel tragen."  Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet.  Nun
brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
zerspringen.  Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.

Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
Gesicht.  Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
khlenden Trank ein.  ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
sah der Franz Anton deutlich.  Er wute auch, da er noch am Boden lag
drauen auf der freien Alm.  Aber das konnte doch nicht der
Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
lie.  Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"

Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.



4. Kapitel

Was die Sennenmutter haben will


Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute.  Er
schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn.  Er wollte sich
aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf.  Er fuhr mit der Hand
an die Stirn, es war, als liege etwas darauf.  Und er irrte sich nicht.
Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
aus der Sennhtte auf seinem Kopf.  Er legte es weg, und als nun der
frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute.  Da
sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
unverwandt auf ihn gerichtet waren.

"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
die Alm?  Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
Schulter sttzen kann.  Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."

Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran.  Er
stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
was ihm eigentlich passiert war.  Doch blieben ihm einige Vorgnge der
Nacht vllig unklar.  Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
helfen.  In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
dich hierher zu mir.  Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
noch nicht machen.  Ein Schsselchen steht daneben.  Sieh nur, wo ist
es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
regelmig dort hinauf.  Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
gestern."

Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
heruntergenommen hatte.  Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
dem Senn.  Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf.  Solange er
lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
Boden gestellt.  Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
auch!  Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
kamst.  Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
sicher der erste?"

"Nein, gewi nicht", versicherte This.

"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte.  "Sag mir, This, habe ich
denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
heraufkamst?"

Jetzt wurde der This ganz dunkelrot.  Denn er dachte, wenn der Senn
alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
recht, und er knnte bse werden.  Aber der Franz Anton schaute ihm
jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.

"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.

"Weil sie so hei waren", erwiderte This.

Der Senn staunte immer mehr.  "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
erwacht", sagte er.  "Wann bist du denn heraufgekommen?"

"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
"der Melker kam erst lange nachher."

"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen?  Was hast du denn
gewollt und gemacht?"

Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein.  Ganz
vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This.  Da, trink noch
eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
Mut.  Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
herrlich.

Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
nicht kamen, habe ich Sie gesucht.  Und dann habe ich Sie am Boden
gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
gehabt.  Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
gebracht.  Und Sie haben sie gern genommen.  Aber dann haben Sie auf
den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt.  Da habe ich aus der Htte
das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
habe ich ihn gefllt.  Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
haben immer wieder Durst gehabt.  Wenn dann der Kessel leer war, bin
ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt.  Aber weil das
Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
Tuch wurde den Kopf besser khlen.  Und so habe ich das Tuch aus der
Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt.  Nur, wenn es dann
trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
es dann wieder na auf den Kopf getan.  Am Morgen sind Sie dann
erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
etwa krank werden."

Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt.  Jetzt stand alles
deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte.  Er wute auch
wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
genossen hatte.  Der Franz Anton schaute den This so stumm und
verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen.  Nein, einen
solchen hatte er noch nie gesehen.  Wie war es denn mglich, da
dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
gerettet hatte.

Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
was bis zum Morgen daraus geworden wre!  Und wie konnte dieser This,
dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
pflegte!  Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
berdachte.  Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
vergesse ich nicht.  Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu.  Geh du nun hinunter
zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
nicht ganz wohl.  Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"

Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen.  Er lief
springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
vor Freude.  Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
die Sennhtte eintreten.  Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben.  Bei jedem dieser
Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
Mutter an.  Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
Kirche.  Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
denn er war ganz atemlos vom Laufen.

"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
nicht gern etwas Unordentliches sah.  Mibilligend musterte sie den
Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"

"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.

Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
zu brauchen.  Den hatte sie wohl jetzt vor sich.  "Und was willst du
denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.

Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
klar und richtig aus.  Die Frau erschrak sehr.  Noch nie war der
kerngesunde Franz Anton krank gewesen.  Und da er nach ihr schickte
und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
Zeichen.  Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
Korb am Arm heraus.

"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn.  Warum mut du
wieder mit?"

"Ich wei nicht", antwortete er.  Und fast als wre es etwas Bses,
setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"

"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
in ihren Gedanken versunken.  Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
Stolz und ihre Freude.  Sollte er wirklich erkrankt sein?  Konnte die
Krankheit gefhrlich sein?  Ihre Angst wurde immer grer, je nher
sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
nicht mehr weiter.  Jetzt trat sie ein.  Es war niemand da.  Sie
schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf.  Dort lag ihr Sohn
tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen.  Mit klopfendem
Herzen stieg sie die Leiter hinauf.

Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
schob er in die Htte hinein.  Als die Mutter sich jetzt angstvoll
ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
"Gr dich Gott, Mutter!  Das freut mich, da du da bist.  Ich habe
aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
wute gar nicht, was sie denken sollte.  "Franz Anton", sagte sie
jetzt ernsthaft, "was ist mit dir?  Redest du im Fieber, oder weit du,
da du mich hast holen lassen?"

"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
bei mir und das Fieber ist vorbei.  Aber alle Glieder zitterten mir
noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
reden.  Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
nicht weit."

"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton?  Sag mir's doch",
drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.

"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte.  "Sieh einmal
zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
nur den dummen This nennt."

Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.

"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.

"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter!  Wenn dieses Bblein nicht
gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
zugetragen hatte.  Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.

Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen.  Sie stellte sich
vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut.  Und jetzt stieg ein
Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
"Gott sei Lob und Dank!  Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
sie ihn laufen lassen.  Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf.  Er mu es nicht
schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
geholfen hat."

"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
zuerst wissen, was du dazu sagst.  Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte.  Es geht
nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn.  Dann sagte
sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
kommst.  Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig.  Aber es ging.
Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
sich selbst niedergesetzt hatte.

"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
"willst du ein Senn werden?"

Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
Und schchtern antwortete er.  "Ich kann nichts werden."

"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit.  Nun
bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
allem.  Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
Gehilfe."

"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
diese Glckseligkeit ganz unfabar war.

"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.

Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute.  Der Bub war wie
verwandelt.  Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte.  Sie
streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
miteinander frhlich sein und morgen auch noch.  Und alle Tage wollen
wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
begreift, warum du da heraufgekommen bist."

Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
und daneben Butter und weien Kse.  Und mitten auf dem Tisch stand
eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch.  Von allem legte jetzt die
Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
gab es gleich noch einmal so viel.

Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
bleiben, bis du wieder ganz gesund bist.  Er kann dir helfen, wo es
ntig ist.  Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."

Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
das er erreichen konnte.  Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'

Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
Melker berichtet hatte.  Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm.  Sie sagte, sie
sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
den Senn eine grere Hilfe als der dumme This.  Und die Buben schrien
alle aus vollen Hlsen: "Mich!  Mich!  Mich!" Denn sie wuten wohl,
wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
Dinge gab.  Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.

Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
This nenne.  Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
zu tun.  Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte.  Dann verlie die
Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
Sennhtte leben.  Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
sein.  Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
This so bel behandelt worden war.  Von nun an wrde er ja gewi alle
Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
Freund wre.  Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
allen gerecht aufzuteilen.  Und er konnte sich nicht genug darber
wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren.  Er wurde nie
mehr ausgelacht.  Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This.  Denn bei
allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
von Johanna Spyri.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***

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