The Project Gutenberg EBook of Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw

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Title: Man Kann Nie Wissen

Author: George Bernard Shaw

Posting Date: December 5, 2011 [EBook #9810]
Release Date: February, 2006
First Posted: October 19, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAN KANN NIE WISSEN ***




Produced by Michalina Makowska










Man Kann Nie Wissen

(Komdie in vier Akten)

George Bernard Shaw

bersetzung von Siegfried Trabisch




Die erste deutsche Ausgabe dieser Komdie fhrte den Titel "Der
verlorene Vater".--Die Hauptperson heit im Original nicht Fergu
McNaughtan, sondern Fergus Crampton.  Shaw, der Hauptmann sehr verehrt,
wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton
verbinden, nicht stren und nderte ihn in McNaughtan um, womit
zugleich die bertragung eines Wortwitzes mglich wurde, der im
Original eine Rolle spielt.

Anmerkung des bersetzers.




PERSONEN

Frau Clandon
Gloria }
Dolly  } ihre Kinder
Philip }
Dr. Valentine, Zahnarzt
Fergus McNaughtan
McComas, Rechtsanwalt
Justizrat Bohun
Ein Kellner
Ein Stubenmdchen
Ein Kellnerjunge
Ein Koch

Ort: Ein englisches Seebad.
Zeit: 1896.



ERSTER AKT

(An einem schnen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer
eines Zahnarztes.  Es ist nicht das bliche winzige Londoner Loch,
sondern das beste Zimmer einer mblierten Wohnung an der
Strandpromenade in einem vornehmen Seebad.  Der Operationsstuhl mit
Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und
einer der Ecken.  Wenn man durch das dem Stuhl gegenberliegende
Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte
der dem Beschauer gegenberstehenden Wand.  Links eine Tr.  ber
dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen.  Vor dem Kamin
steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein
sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem
Mrser und einem Stel darauf.  In der Nhe dieser Bank befindet sich
ein dnnes peitschenartiges Gert, das mit einem Stnder, einem Pedal
und einer bertrieben groen Kurbel versehen ist.  Da man dieses
Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach
links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit
Lscher und Mappe sieht.  Vor dem Schreibtisch ein Stuhl.  In seiner
Nhe, gegen die Tre zu, ein lederberzogenes Sofa.  Die
gegenberliegende rechtsseitige Wand wird hauptschlich von einem
langen Bchergestell eingenommen.  Der Operationsstuhl steht dem
Beschauer dicht gegenber; in handlicher Nhe links davon befindet
sich der Instrumentenschrank.  Man bemerkt, da die zahnrztliche
Einrichtung samt Apparaten neu ist.  Die mit einem Muster von
Girlanden und Urnen geschmckten Tapeten im Geschmack eines
Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von
reichen, kohlkopfartigen Blumenstruen, der glserne Gaskronleuchter
mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmckten, vergoldeten, blauen
Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter
einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige
amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und
jetzt auf zwlf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem
schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en
miniature gibt, um Kaufmannsanstndigkeit im Anfang der Regierung der
Knigin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor
der Hlle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt,
instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst,
der Liebe und der rmisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die
ersten Frchte der Geldherrschaft in den Anfngen der industriellen
Revolution anzudeuten.)

(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt ber den zwei
Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind.  Die eine davon, eine sehr
hbsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten
Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehrt einer spteren Generation an: sie
ist kaum achtzehn Jahre alt.  Dieses liebe kleine Geschpf gehrt
offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine
Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heieren Sonne als
der Englands gebrunt worden; aber trotzdem besteht fr einen sehr
feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und
England.  Sie hlt nmlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem
winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentmlich
geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke
spartanischer Hartnckigkeit.  Wenn man die kleinste Gewissenslinie
zwischen ihren Augenbrauen entdecken knnte, wrde ein Pietist wohl
die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu
finden--ihr Kleid ist nmlich verwnscht hbsch--aber sowie die Wolke
flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem
Sndenbewutsein wie die eines Ktzchens.)

(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen
Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefhr dreiig Jahren.
Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der
geschftsmigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf
der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige
Liebenswrdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach
lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt.  Er ist nicht
ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenflgel
stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen.  Seine Augen sind klar,
flink, von skeptisch miger Gre und doch ein wenig wagelustig;
seine Stirn ist prchtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und
sein Kinn sind kavaliermig hbsch.  Im ganzen ein anziehender,
beachtenswerter Anfnger, dessen Aussichten ein Geschftsmann ziemlich
gnstig einschtzen wrde.)


(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schn.  (Trotz ihrer
mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.)

(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das
war mein erster Zahn!

(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!...  Wollen Sie damit sagen,
da Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren?

(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt mu einmal mit jemandem den Anfang
machen.

(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit
Leuten, die bezahlen.

(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zhlt natrlich nicht!...  Ich
meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten
Sie kein Lachgas haben?

(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, da das noch fnf Schilling
extra kostete.

(Der Zahnarzt unangenehm berhrt:) Oh, sagen Sie das nicht!  Da hab'
ich das Gefhl, als htte ich Ihnen wegen der fnf Schillinge weh
getan.

(Die junge Dame mit khler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch.
(Sie steht auf:) Warum auch nicht?...  Es ist Ihr Beruf, den Leuten
weh zu tun.  (Es macht ihm Spa, in dieser Weise behandelt zu werden,
und er kichert heimlich, whrend er fortfhrt, seine Instrumente zu
reinigen und wieder wegzulegen.  Sie schttelt ihr Kleid zurecht,
blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber
wirklich eine schne Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus!
--Sind sie teuer?

(Der Zahnarzt.) Ja.

(Die junge Dame.) Ihnen gehrt aber nicht das ganze Haus?

(Der Zahnarzt.) Nein.

(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um
und betrachtet ihn kritisch, whrend sie ihn auf einem Fu
herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste;
nicht wahr?

(Der Zahnarzt.) Sie gehrt dem Hausherrn.

(Die junge Dame.) Gehrt ihm dieser hbsche bequeme Rollstuhl auch?
(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.)

(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet.

(Die junge Dame geringschtzig:) Das habe ich mir gedacht!  (Sie
blickt umher, um noch mehr Schlsse ziehen zu knnen:) Sie sind wohl
noch nicht lange hier?

(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wnschen Sie sonst noch etwas zu
wissen?

(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie
Familie?

(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet.

(Die junge Dame.) Selbstverstndlich.  Das sieht man.--Ich meine
Schwestern... eine Mutter... und sowas.

(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort.

(Die junge Dame.) Hm...  Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn
der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr gro sein?

(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht.  (Er schliet den Schrank, nachdem er
alles in Ordnung gebracht hat.)

(Die junge Dame.) Nun denn, Glck auf!  (Sie nimmt ihre Brse aus der
Tasche:) Fnf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr?

(Der Zahnarzt.) Fnf Schillinge.

(Die junge Dame nimmt ein Fnf-Schilling-Stck heraus:) Rechnen Sie
fr jede Operation fnf Schillinge?

(Der Zahnarzt.) Ja.

(Die junge Dame.) Warum?

(Der Zahnarzt.) Das ist mein System.  Ich bin eben, was man einen
Fnf-Schilling-Zahnarzt nennt.

(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier!  (Sie hlt das Silberstck in die
Hhe:) Ein hbsches neues Fnf-Schilling-Stck--Ihre erste Einnahme!
Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zhne
anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette.

(Der Zahnarzt.) Danke sehr.

(Das Stubenmdchen erscheint an der Tr:) Der Bruder der jungen Dame.

(Die hbsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der
Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein.  Er trgt einen
terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit
brauner Seide gefttert.  In der Hand hlt er einen braunen Zylinder
und dazu passende, loh*braune Handschuhe.  Er hat die mattgelbe
Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Mastabe
gebaut wie sie.  Aber er ist elastisch, muskuls und von
entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige
Sprechwiese.  Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten
persnlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden
knnte.  Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und
obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter
Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf ltere
Leute verblffend und wre bei einem weniger fr sich einnehmenden
jungen Menschen unertrglich.  Er ist die Schlagfertigkeit selbst und
hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:)

(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit?

(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorber.

(Der junge Mann.) Hast du geheult?

(Die junge Dame.) Oh, frchterlich!  Herr Doktor Valentine--mein
Bruder Phil.  Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt.
(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander.  Sie fhrt in
einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist
Junggeselle.  Das Haus gehrt ihm nicht, und die Einrichtung gehrt
seinem Hausherrn, aber die ntigen Gegenstnde fr seinen Beruf hat er
gemietet.  Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck
herausgekriegt.  Und wir sind sehr gute Freunde.

(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was?

(Die junge Dame als ob sie unfhig wre, das zu tun:) O nein!

(Philip.) Das freut mich.  (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswrdig von
Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor.  Wir sind nmlich noch
nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet,
da die Leute uns hier einfach nicht ertragen wrden.--Kommen Sie,
frhstcken Sie mit uns.

(Dr. Valentine erschreckt ber das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft
fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu
sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reiend und andauernd ist.)

(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor!

(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei.

(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzhlen knnen, da ein
achtbarer Englnder versprochen hat, mit uns zu frhstcken.

(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen!

(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?...  Ich habe berhaupt noch kein Wort
gesagt...  Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?...
Es ist mir wirklich ganz unmglich, mit zwei mir vollstndig
Unbekannten im Marine-Hotel zu frhstcken.

(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was fr ein Unsinn!...  Ein Patient in
sechs Wochen!  Kann Ihnen doch ganz einerlei sein?

(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis besttigt Herrn
Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, da ich Ihnen
Frulein Dorothea Clandon, gewhnlich Dolly genannt; vorstelle.  (Dr.
Valentine verneigt sich vor Dolly.  Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip
Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare
Leute.

(Dr. Valentine.) Clandon?...  Sind Sie verwandt mit--

(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's!

(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie--

(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!...  Alles ist zu Ende, Phil!  Man wei
alles ber uns in England!  (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie knnen sich
nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer berhmten
Persnlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen
geschtzt zu werden.

(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte,
ist durchaus nicht berhmt.

(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?...

(Philip ist auch erstaunt.)

(Dr. Valentine.) Ja.  Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufllig die
Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind.

(Dolly ausdruckslos:) Nein.

(Philip.) Na, Dolly, woher weit du das?

(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich verga, natrlich--vielleicht bin ich's!

(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht?

(Philip.) Ganz und gar nicht.

(Dolly.) Ein kluges Kind--

(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch!  (Dr. Valentine fhrt bei diesem
Laut ngstlich zusammen.  Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als
ob ein Stck Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten wrde.
Er ist das Resultat langer bung und soll Dollys Indiskretion
verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der
berhmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von groem
Ruf--in Madeira.  Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke.  Wir
sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden.  Sie heien
"Abhandlungen fr das zwanzigste Jahrhundert".

(Dolly.) Die Kche des zwanzigsten Jahrhunderts!--

(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar--

(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum hufigen Familiengebrauch,
zwei Dollar.  In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie
sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln.

(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf.

(Philip.) Richtig!  Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor.
Unsere eigene Seele befindet sich nmlich in dieser frischen und
unverdorbenen Verfassung.

(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm!

(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren
Seelen veredelt sind.

(Philip.) Wenn das der Fall ist, mssen wir ihn mit dem andern
Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten
Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria!

(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schpfung!

(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft!

(Dolly.) Dem Stolz Madeiras!

(Philip.) Dem Inbegriff der Schnheit!

(Dolly wird pltzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint!

(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen?

(Philip hflich:) Entschuldigen Sie--bitte.

(Dolly sehr liebenswrdig:) Verzeihen Sie.

(Dr. Valentine versucht, vterlich zu ihnen zu sein:) Ich mu euch
jungen Leuten wirklich einen Wink geben.

(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut!  Wie alt sind Sie?

(Philip.) ber dreiig.

(Dolly.) Nein.

(Philip zuversichtlich:) Doch!

(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig!

(Philip unerschtterlich:) Dreiunddreiig!

(Dolly.) Unsinn!

(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor!

(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:)
Einunddreiig.

(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt!

(Dolly.) Du auch!

(Philip pltzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung,
Dolly.

(Dolly reuig:) Ja, das tun wir.

(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor.

(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu
veredeln.

(Dr. Valentine.) Tatsache ist, da Ihr--

(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?...

(Dolly.) Unsere Manieren?...

(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwre Sie, lassen Sie mich
sprechen!

(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel!

(Philip.) Das tun wir.  Schweigen wir alle beide!  (Er setzt sich auf
den Arm des Operationsstuhles.)

(Dolly.) Mm!  (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und
hlt ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.)

(Dr. Valentine.) Danke.  (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke,
stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene.
Sie beobachten ihn mit grtem Ernst.  Er wendet sich zuerst an Dolly:
) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem
englischen Seebad gewesen sind?  (Sie schttelt langsam und feierlich
den Kopf.  Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll
seinen Kopf schttelt.) Das habe ich mir gedacht!...  Nun, Herr
Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von
groer Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um
berzeugt zu sein, da Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in
einem englischen Seebade bedeutet.  Glauben Sie mir, es kommt weder
auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft,
genieen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit.  (Dolly schttelt
heftig den Kopf.) O ja, das drfen Sie mir glauben.  Lord de Crescis
Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt fr
Reformkleider ein und trgt hygienische Schuhe.  (Dolly blickt
verstohlen nach ihren eigenen Schuhen.  Dr. Valentine bemerkt das und
fgt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine.
(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern
und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind
noch Manieren haben.  Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir
nicht bel, wenn ich aufrichtig bin?  (Sie nicken.) Ich danke.--Nun,
eins mssen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand
sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein
lebendiger oder ein toter.  (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an.
Sie begegnen seinen Blicken wie Mrtyrer.) Mu ich annehmen, da Sie
diesen unumgnglich ntigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen
Ausrstung auer acht gelassen haben?  (Sie stimmen ihm durch
melancholisches Kopfnicken zu.) Dann mu ich Ihnen leider sagen, falls
Sie die Absicht haben, lngere Zeit hierzubleiben, da es mir
unmglich sein wird, Ihre liebenswrdige Einladung zum Frhstck
anzunehmen.  (Er erheht sich, als ob er nun Schlu machen wollte, und
setzt den Schemel wieder an die Wand.)

(Philip erheht sich mit ernster Hflichkeit:) Komm, Dolly!  (Er reicht
ihr den Arm.)

(Dolly.) Adieu.  (Sie gehen zusammen mit vollendeter Wrde zur Tr.)

(Dr. Valentine von Gewissensbissen berwltigt:) O bleiben
Sie--bleiben Sie!  (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.)
Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Tlpel vor.

(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir.

(Dr. Valentine energisch, lt allen Anspruch auf berufsmige
Manieren beiseite:) Mein Gewissen?...  Mein Gewissen hat mich zugrunde
gerichtet.--Hren Sie mich an!...  Ich habe mich schon zweimal in
verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt
niedergelassen.  Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe
meinen Patienten statt dessen, was sie hren wollten, immer die nackte
Wahrheit gesagt.  Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich
hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fnf-Schilling-Zahnarzt, und
habe ein fr allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist
meine letzte Hoffnung.  Ich habe mein letztes Goldstck fr den Umzug
ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt.  Ich esse und
trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie
Stahl.  In sechs Wochen habe ich fnf Schillinge verdient.  Wenn ich
um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche,
so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umstnden recht und billig,
mich zum Frhstck einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht
kennen?

(Dolly.) Na, schlielich ist unser Grovater Stiftsherr der
Lincoln-Kathedrale.--

(Dr. Valentine wie ein Schiffbrchiger, der ein Segel am Horizont
sieht:) Was?  Sie haben einen Grovater?

(Dolly.) Nur einen.

(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels
willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?...  Ein
Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale!  Das bringt natrlich alles in
Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen
Rock wechseln.  (Er ist mit einem Satz an der Tre und verschwindet.
Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an.
Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und
werden Alltagsmenschen.)

(Philip stt Dollys Arm fort und gebt bellaunig zum Operationsstuhl:
) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es fr uns
eine Ehre wre, ihm ein Frhstck zu bezahlen!  Wahrscheinlich seit
Monaten sein erstes anstndiges Essen!  (Er gibt dem Stuhl einen Sto,
als ob der Dr. Valentine wre.)

(Dolly.) Das ist doch zu stark!  Ich kann das nicht lnger ertragen,
Phil!  Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen
Vater hat oder nicht.

(Philip.) Ich will es auch nicht lnger ertragen.  Mama mu uns sagen,
wer er war!

(Dolly.) Oder wer er ist!  Vielleicht lebt er noch.

(Philip.) Das will ich nicht hoffen.  Kein lebender Mensch soll sich
mir als Vater aufspielen!

(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?!

(Philip.) Das bezweifle ich.  Meine Menschenkenntnis sagt mir, da er
seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden wre, wenn er
eine Menge Geld besessen htte...  Immerhin, trachten wir, die Dinge
im gnstigsten Licht zu sehn.  Verla dich darauf, er ist tot!  (Er
geht an den Kamin, bleibt mit dem Rcken gegen das Feuer stehen und
streckt sich.  Das Stubenmdchen erscheint.  Die Zwillinge strahlen
gleich wieder in ihrem frheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.)

(Das Stbenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gndiges Frulein.
Ich glaube, die Frau Mutter und das Frulein Schwester.

(Frau Clandon und Gloria treten ein.  Frau Clandon ist eine Dame
zwischen vierzig und fnfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem,
sehaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schnheit--letzterem
nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte
gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprche in
dieser Beziehung mehr erhoben hat.  Man knnte sie fast verdchtigen,
zu Hause eine Haube zu tragen.  Sie trgt sich mit Kunst und gut, wie
es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern
gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen knstlerischen Kultus
von Schnheit und Gesundheit verdrngt wurden.  Ihr flachsblondes, von
Silberfden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt,
geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden.  Gute Beobachter eines
gewissen Alters knnen daraus schlieen, da Frau Clandon in ihrer
Mdchenzeit gengend Individualitt und guten Geschmack besessen hat,
um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu
widersetzen.  In Krze: sie ist in Kleidern und Manieren fr ihr Alter
auffallend unmodern, aber sie gehrt in das Vordertreffen ihrer
eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eiferschtig betonenden Haltung
des Charakters und Verstandes und darin, da sie eher eine Frau mit
kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten
persnlichen Neigungen ist.  Ihre Stimme und die Art, sich zu geben,
sind durchaus freundlich und menschlich.  Sie gibt sich gewissenhaft
den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre
Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persnlichen Gefhls sie
heimlich verlegen.  In ihr lebt mehr menschenfreundliches als
menschliches Gefhl; sie begt starke Gefhle, was soziale Fragen und
Grundstze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten,
da diese ihre Verstndigkeit und auerordentliche Zurckhaltung im
Persnlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders
erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner
anderen Frau sein knnten, in Dollys Fall nicht standhlt;--obgleich
fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen
irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zrtlichkeit in
ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht berraschend, da
eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.)

(Gloria hat die Zwanzig kaum berschritten, ist aber eine viel
furchterregendere Dame als ihre Mutter.  Sie ist die Verkrperung
geistigen Hochmuts.  Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschschtigen
Charakter hlt blo die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und
gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte
Gefahr, von ihren jngeren leichtlebigeren Geschwistern lcherlich
gemacht zu werden.  Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz
Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem
hartnckigen Stolz und ihrer bertriebenen Feinheit hat eine eisige
Klte des Betragens zur Folge.  Bei einer hlichen Frau wrde das
alles abstoend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau.  Ihr
tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen
Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glnzen,
zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch
muskelkrftige Gestalt sprechen in hochmtiger Freimtigkeit zu
Einbildungskraft und Sinnen.  Man knnte sie fr ein sehr gefhrliches
Mdchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr
edlen Stirn zum Ausdruck kme.  Ihr tailor-made Kleid aus
safranbraunem Tuch erscheint von rckwrts gesehen konventionell, aber
eine Bluse von meergrner Seide hebt das Konventionelle der Kleidung
mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die
Zwillinge--von den gewhnlichen modernen Strandmenschen.)

(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwrts und blickt umher, um zu
sehen, wer da ist.  Gloria, die es absichtlich vermeidet, den
Zwillingen irgendein Interesse fr sie zu zeigen, geht an das Fenster
und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmdchen,
anstatt sich zurckzuziehen, schliet die Tr und wartet davor.)

(Frau Clandon.) Na, Kinder!...  Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly?

(Dolly.) Geheilt!  Gott sei Dank.  Ich hab' ihn mir herausziehen
lassen.  (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls.  Frau
Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.)

(Philip mischt sich vom Kamin aus gravittisch ins Gesprch:) Und der
Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von grtem Ruf, wird mit uns
frhstcken.

(Frau Clandon sieht sich ngstlich nach dem Stubenmdchen um:) Phil!

(Das Stubenmdchen.) Verzeihen Sie, gndige Frau, ich warte auf den
Herrn Doktor.  Ich habe ihm etwas auszurichten.

(Dolly.) Von wem?

(Frau Clandon verdrielich:) Dolly!

(Dolly fat ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrckt einen
kleinen Heiterkeitsausbruch.)

(Das Stubenmdchen.) Blo vom Hausherrn, gndiges Frulein.

(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut
in der Hand, in bester Laune zurck, ganz atemlos infolge der Eile,
mit der er sich umgezogen hat.  Gloria wendet sich vom Fenster ab und
mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.)

(Philip.) Erlauben Sie, da ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine
Mutter, Frau Lanfrey Clandon.

(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewut
und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria.  (Gloria
verneigt sich mit kalter Wrde und setzt sich auf das Sofa.  Dr.
Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich
verwirrt.  Er dreht seinen Hut nervs zwischen den Fingern und macht
Gloria eine schchterne Verbeugung.)

(Frau Clandon.) Ich hre, da wir das Vergngen haben werden, Sie
heute zum Frhstck bei uns zu sehen, Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn
Sie so liebenswrdig sein wollen--(Zum Stubenmdchen verdrossen:) Was
ist los?

(Das Stubenmdchen.) Der Hausherr wnscht Sie zu sprechen, bevor Sie
ausgehen, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, da ich mit vier Patienten beschftigt
bin.  (Die Clandons sehen berrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der
unerschtterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten
wollte, so wrde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen.
(Er verlt sich darauf, da sie die Situation begreift.) Sagen Sie
ihm, da ich zu tun habe, aber da ich mit ihm zu sprechen wnsche.

(Das Stubenmdchen besttigend:) Jawohl, Herr Doktor.  (Sie gebt ab.)

(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich frchte, wir halten Sie auf.

(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht!  Ihre Anwesenheit
wird hier von grtem Vorteil fr mich sein.  Ich bin nmlich seit
sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen
einzigen Patienten gehabt.  Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird
nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschftes viel besser
ablaufen.

(Dolly rgerlich:) O wie grlich langweilig von Ihnen, das alles
auszuplaudern!  Und wir haben gerade eben behauptet, da Sie ein
hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind.

(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly!  Dolly! wie kannst du so grob sein!
(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese
Barbaren, Herr Doktor!

(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewhnt.--Wre
es unbescheiden, wenn ich Sie bitten wrde, fnf Minuten zu warten,
whrend ich unten meinen Hausherrn abfertige?

(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig!

(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly!

(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut!  (Zu Frau Clandon:) Besten Dank.
Sie sind sehr gtig--ich werde nicht lange ausbleiben.  (Whrend er
abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria.  Sie betrachtet ihn
sehr ernst.  Er wird sehr verlegen.) Ich--h--h--ja--ich danke--ich
danke Ihnen...  (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu
drcken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.)

(Philip.) Habt ihr gesehen?  (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den
ersten Blick.  Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen,
Gloria.

(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil!  Er kann es gehrt
haben!

(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und
nun gib acht, Mama.  (Er nimmt den Schemel, der neben der)

(Bank steht, und setzt sich majesttisch in die Mitte des Zimmers, die
vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.)

(Dolly fhlt, da ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht
der Wrde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut
wichtig und entschlossen drein.  Sie geht an das Fenster und lehnt
sich mit dem Rcken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Hnde
hinter sich auf den Tisch legend.)

(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.)

(Gloria wird aufmerksam.)

(Philip streckt sich, legt die Handknchel symmetrisch auf die Knie
und trgt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin
mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich
nicht, glauben wir nicht, da du... (er spricht sehr pointiert, mit
Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite
erfat hast...

(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... da wir erwachsen
sind!

(Frau Clandon.) Wirklich?...  In welcher Beziehung habe ich euch Anla
zu Klagen gegeben?

(Philip.) Nun, wir fangen an zu fhlen, da es gewisse Dinge gibt,
ber die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen knntest.

(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist
pltzlich fort, und eine merkwrdig harte, wrdevolle, aber verbissene,
vornehme, jedoch unerschtterliche Aufregung, die Art der alten
Vorkmpferin der Frauenbewegung, berkommt sie:) Phil, nimm dich in
acht!  Vergi nicht, was ich dich immer gelehrt habe!  Es gibt zwei
Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt
sich vorlufig nur auf die eine.  (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst,
ist auf gegenseitige Achtung gegrndet, auf der Anerkennung des
Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhngigkeit und
Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist
bedeutsam:) in seinen persnlichen Angelegenheiten.  Und weil du
dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverstndlich,
da du es nicht mehr schtzest;--aber (mit beiender Schrfe:) es
gibt noch eine andere Art des Familienlebens.  Ein Leben, in dem
Ehemnner die Briefe ihrer Frauen ffnen und von ihnen Rechenschaft
fr jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit
verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren
Kindern fordern!  Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer
abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht,
Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte
Tyrannen sind und das Dasein eine vulgre Kette von Strafen und Lgen
bedeutet, von Zwang und Unterdrckung, Eifersucht, Argwohn und
gegenseitigem Beschuldigen--oh!  Ich kann es dir nicht beschreiben: zu
deinem Glck weit du nichts davon.  (Sie setzt sich und holt Atem.

(Gloria hat mit glnzenden Augen zugehrt und teilt den ganzen
Unwillen ihrer Mutter.)

(Dolly ganz unempfnglich fr Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des
zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel ber Freiheit, passim.

(Frau Clandon berhrt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein
Spottwort von ihr besnftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur
wtest, wie froh ich bin, da dir das alles nur einen Scherz
bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist.  (Wendet sich etwas
entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen
Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich
nach den meinigen zu fragen--wie?

(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklren,
da die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere
Angelegenheit wie die deine ist.

(Dolly.) berdies kann's nicht gut sein, da jemand eine Menge Fragen
in seinem Innern verschlossen herumtragen soll.  Das hast du getan,
Mama!  Aber schau, wie entsetzlich es dafr aus mir hervorbricht.

(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr mt eure Frage stellen.  Also tut es.

(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.)

(Philip.) Nun aber, Dolly!  Soll ich diese Angelegenheit fhren oder
du?

(Dolly.) Du.

(Philip.) Dann halte deinen Mund.  (Dolly tut das in des Wortes
buchstblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der
Zahnschlosser--

(Frau Clandon protestierend:) Phil!

(Philip.) Zahnarzt ist ein hliches Wort.  Der Mann des Goldes und
des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore
Clandon aus Newbury Hall wren.  Gem deinen, in der Abhandlung ber
das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und
deinen uns wiederholt persnlich erteilten Ermahnungen, die Zahl
unserer unntigen Lgen zu beschrnken, haben wir wahrheitsgetreu
geantwortet, da wir es nicht wten.

(Dolly.) Das wuten wir auch nicht!

(Philip.) Sch!  Die Folge davon war, da der Gummiarchitekt bezglich
der Annahme unserer Einladung groe Schwierigkeiten machte, obgleich
ich bezweifle, da er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes
genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner
Menschenkenntnis zu der berzeugung gelangt, da wir einen Vater
gehabt haben mssen und da du wahrscheinlich weit, wer das war.

(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil!  Dein Vater
bedeutet weder etwas fr dich noch fr mich.  (Heftig:) Das gengt!
(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt.  Sie machen
lange Gesichter.)

(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehrt hat, mengt sich pltzlich
ein.  Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser
Vater ist!

(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria!  "Wir?" Wer
ist "wir"?

(Gloria, entschlossen:) Wir drei.  (Ihr Ton ist nicht mizuverstehen,
sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter
feindlich entgegen.  Die Zwillinge treten sofort zum Feinde ber.)

(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und
ich" zu bedeuten, Gloria.

(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir
tun dir weh--also lassen wir's sein.  Wir dachten nicht, da es dich
so unangenehm berhren knnte.  Ich will es nicht wissen.

(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht
so traurig drein, Mama!  (Sie blickt rgerlich auf Gloria.)

(Frau Clandon fhrt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich
wieder:) Ich danke dir, Liebling.  Ich danke dir, Phil.

(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren,
Mutter!

(Frau Clandon entrstet:) Ah!  Du bestehst also darauf!

(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren?

(Dolly.) O Gloria--nicht doch!  Das ist unmenschlich!

(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist?
Du hrst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter.  Ganz
dasselbe ist auch mir widerfahren.

/*
(Frau Clandon)                   Was meinst du?
(Dolly)        }(alle zusammen:) O erzhle!
(Philip)                         Was ist dir passiert?
*/

(Gloria.) Oh, nichts von Belang!  (Sie wendet sich ab und geht an den
Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Rcken gegen die
andern, niederlt.  Da alle erwartungsvoll schweigen, fgt sie, ber
die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgltigkeit hinzu:) An Bord
des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine
Hand anzuhalten.

(Dolly.) Nein, um meine Hand!

(Frau Clandon.) Der erste Offizier?...  Ist das dein Ernst,
Gloria?--Was hast du ihm geantwortet?  (Sich verbessernd:)
Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen.

(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Mdchen, das nicht
einmal wei, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht
annehmen.

(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen?

(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein.  Aber
gesetzt den Fall, ich htte Lust gehabt--

(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly?

(Dolly.) Nein.  Ich habe seinen Antrag angenommen.

/*
(Gloria)                               Was?
(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly!
(Philip)                               Na, ich mu sagen!
*/

(Dolly naiv:) Er sah so bldsinnig aus!

(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly?

(Dolly.) Aus Spa wahrscheinlich.  Er mute meinem Finger fr den
Ehering Ma nehmen.  Du httest das auch getan.

(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das htte ich nicht!  Tatschlich hat mir
der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm
gesagt, er mge sich derlei Scherze fr Frauen aufheben, die jung
genug wren, daran Spa zu haben...  Er scheint meinen Rat befolgt zu
haben.  (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere,
da du mich fr schwach hltst.  Aber ich kann dir nicht sagen, was du
verlangst.  Ihr seid alle zu jung.

(Philip.) Das ist ein berraschendes Auerachtlassen der Prinzipien
des zwanzigsten Jahrhunderts.

(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und
beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen.
"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"--

(Philip.) Seite eins--

(Dolly.) Kapitel eins

(Philip.) Satz eins.

(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, da ihr zu jung
seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr wret zu jung, um von mir ins
Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle--
aber es freut mich um euretwillen, da ihr noch sehr unerfahren seid
und daher auch sehr teilnahmslos.  Ich aber habe Erfahrungen gesammelt,
ber die ich nur mit Leuten sprechen knnte, die durchgemacht haben,
was ich durchgemacht habe.  Ich hoffe, da ihr euch fr solche
Mitteilungen nie eignen werdet.  Aber ich will dafr sorgen, da ihr
alles, was ihr wissen mchtet, erfahren sollt.--Gengt euch das?

(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly!

(Dolly:) Wir sind teilnahmslos!

(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter
auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich
nicht sein.

(Frau Clandon zrtlich:) Gewi nicht, mein Herz.--Glaubst du, da ich
dich nicht verstehe?

(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter--

(Frau Clandon etwas zurckweichend:) Ja?...

(Gloria hartnckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, da unser Vater uns
nichts angehe.

(Frau Clandon zu pltzlichem Entschlu herausgefordert:) Erinnerst du
dich an deinen Vater?

(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zrtliche wre:)
Ich wei es nicht bestimmt... ich glaube.

(Frau Clandon grimmig:) Du weit es nicht bestimmt?

(Gloria.) Nein.

(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals
geschlagen htte, (Gloria weicht zurck, Philip und Dolly sind
unangenehm berhrt; alle drei starren sie emprt an, whrend sie
schonungslos fortfhrt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar
bewut--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens fr diesen
Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, da du dich daran erinnern
wrdest?

(Gloria stt einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh!

(Frau Clandon:) Das wrde deine letzte Erinnerung an deinen Vater
gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen htte.  Ich
habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern,
indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet.

(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Hnden.
Da sie jemanden vor der Tr hrt, wendet sie sich ab und tut so, als
wre sie damit beschftigt, die Namen der Bcher im Bcherschrank zu
besehen.)

(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.)

(Dr. Valentine kehrt zurck:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu
lange warten lassen.  Mein Hausherr ist wirklich ein auergewhnlicher
Kerl!

(Dolly lebhaft:) Oh, erzhlen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen
die Zahlungsfrist verlngert?

(Frau Clandon auer sich ber ihres Kindes Manieren:) Dolly!  Dolly!
Liebe Dolly!  Gewhne dir doch das Fragen ab!

(Dolly verstellt demtig:) O bitte, verzeihen Sie...  Aber Sie werden
es uns erzhlen--nicht wahr, Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben.  Er hat sich an
einer brasilianischen Nu einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn
zu untersuchen und dann mit ihm zu frhstcken.

(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich
aus; dann wollen wir ihn auch zum Frhstck mitnehmen!  Sagen Sie dem
Mdchen, sie soll ihn heraufholen.  (Sie luft zur Glocke und klingelt
energisch.  Dann wendet sie sich mit pltzlichem Bedenken zu Dr.
Valentine und fgt hinzu:) Ich nehme an, da er ein angesehener Mann
ist... wirklich angesehen?

(Dr. Valentine.) Sicherlich!  Nicht wie ich.

(Dolly.) Ganz gewi?

(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum
Protestieren ist erschpft.)

(Dr. Valentine.) Ganz gewi!

(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf!

(Dr. Valentine blickt zgernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel wrde er
entzckt sein, wenn--wenn--

(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich wrde mich sehr
freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen
knnen.  Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um
dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den
ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verlie--nicht gesehen habe.
--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte?

(Dr. Valentine.) Gewi, Frau Clandon.

(Gloria.) Soll ich mitkommen?

(Frau Clandon.) Nein, mein Kind.  Ich will allein sein.

(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt.  Dr. Valentine ffnet
ihr die Tr und folgt ihr.)

(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm...

(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha!  (Das Stubenmdchen hat dem
Glockenzeichen Folge geleistet:) Fhren Sie den alten Herrn herauf.

(Das Stubenmdchen verblfft:) Gndiges Frulein?

(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen.

(Philip.) Den Hausherrn!

(Das Stubenmdchen.) Herrn McNaughtan?

(Philip.) Heit er McNaughtan?

(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr?

(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten.

(Dolly ber die Schulter zum Stubenmdchen:) Fhren Sie Herrn
Gichtknoten herauf.

(Das Stubenmdchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gndiges Frulein.
(Ab.)

(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:)
McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan...  (Sie setzt sich
nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich mu diesen Namen lernen, oder
der Himmel wei, wie ich ihn nennen werde.

(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben,
die uns die Mutter eben ber unsern Vater gemacht hat?

(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages.  Der alte
Chamico pflegte seine Frau und seine Tchter mit einer Pferdepeitsche
durchzubleuen.

(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese!

(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel hnlichkeit, ob
es nun Portugiesen oder Englnder sind, Dolly.  Verla dich auf meine
Menschenkenntnis.  (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit
einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.)

(Gloria mit bekmmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, da wir jemals
unser altes Rtselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen
werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem
vielen Geld?

(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten
Mann, mit dem zrtlichen kummervollen Herzen?  Der ist dir nun auch
durch die Binsen gegangen, wie es scheint.

(Philip.) Es steht auer Zweifel, da der alte Herr ein zerplatzter
Aberglauben ist.  (Man hrt Dr. Valentine vor der Tr mit jemandem
sprechen:) Aber still--er kommt!

(Gloria nervs:) Wer?

(Dolly.) Gichtknoten.

(Philip.) Sch!  Aufgepat!  (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.)

(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein
genugist, da man ihn zum Frhstck einladen kann, nick' ich Dolly zu;
und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein.

(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurck.  Herr Fergus
McNaughtan ist ein Mann von ungefhr sechzig Jahren, gro, abgehrtet
und sehnig, mit einem furchtbar hartnckigen, bellaunigen,
habgierigen Mund und einer gebieterisch streitschtigen Stimme.  Dabei
ist er ungemein nervs und empfindlich, was man an seiner dnnen,
durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann.
Seine daraus folgende Fhigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein
Temperament und seine Halsstarrigkeit ber ihn bringen, stark zu
leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in
dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an
Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer
fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemhung, seine angeboren
unhflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit
abzustreifen.  Seine khn geschweiften Brauen und seine Stirn
verraten deutlich einen befhigten Menschen; ein Zeichen
beschrnkter Geldmittel oder geschftlichen Mikredits ist an ihm
nicht bemerkbar. Er ist gut gekleidet und knnte auf den ersten
Blick fr den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der
Geschftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden.  Sein
marineblaue Rock ist nicht nach dem blichen modernen Muster; es ist
nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die
groen Knpfe und breiten Aufschlge wrden besser auf eine
Schiffswerft als in ein Kontor passen.  Er hat Gefallen an Dr.
Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschrtigkeit nichts macht
und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, fr die er Dr.
Valentine heimlich dankbar ist.)

(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr
McNaughtan--Frulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Frulein
Gloria Clandon.  (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervs.  Sie
verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan.

(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl,
Herr--McNaughtan.

(McNaughtan.) Ich danke.  Aber will nicht das gndige Frulein da
sitzen--?  (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.)

(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan.  Wir wollen gerade gehn.

(Dr. Valentine weist ihn mit gutmtiger Entschiedenheit nach dem Stuhl:
) Setzen Sie sich--setzen Sie sich.  Sie sind mde.

(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der lteste unter den Anwesenden bin,
darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas
gichtischer Gebrde in den Operationsstuhl setzt.  Inzwischen nickt
Philip, der ihn whrend seines Ganges durch das Zimmer kritisch
studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.)

(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, da Herr
Dr. Valentine nicht mit Ihnen frhstckt; da wir ihn mithaben wollen.
Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen.

(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat,
dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergngen erscheinen.

/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr fr...  (Dolly) } (hflich:
) Es freut uns auerordentlich, da...  (Philip) Wir sind wirklich
entzckt, Ihre... */

(Die Unterhaltung stockt.  Gloria und Dolly blicken erst einander und
dann Dr. Valentine und Philip an.  Die beiden Mnner, der Lage nicht
gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind
augenscheinlich dadurch so verwirrt, da sie wieder zurckschauen und
den Augen von Gloria und Dolly begegnen.  So sucht einer das Auge des
andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total
verlegen.  McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor
er beginnt.  Das Stillschweigen fngt an, unertrglich zu werden.)

(Dolly pltzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt
sind Sie, Herr McNaughtan?

(Gloria schnell:) Ich frchte, wir mssen eilen, Herr Doktor.--Es
bleibt also dabei, da wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen.
(Sie geht zur Tr, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den
Glockenzug.)

(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei.  (Er klingelt:) Vielen Dank.  (Er
begleitet Gloria und Philip zur Tr und geht mit ihnen hinaus.)

(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen
Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fnf Schillinge extra, aber
die Sache ist es wert.

(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet!  (Sie ernster betrachtend:) Sie
wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich?  Ich bin
siebenundfnfzig.

(Dolly mit berzeugung:) Sie sehen auch so alt aus.

(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall.

(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an?  Ist etwas an mir nicht
in Ordnung?  (Sie befhlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.)

(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen.

(Dolly.) An wen?

(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwrdige hnlichkeit mit meiner
Mutter.

(Dolly unglubig:) Mit Ihrer Mutter?!...  Meinen Sie nicht vielleicht
mit Ihrer Tochter?

(McNaughtan bricht pltzlich haerfllt aus:) Nein--verlassen Sie sich
darauf, da ich nicht meine Tochter meine!

(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh?  (McNaughtan.)
Nein, nein--es ist nichts.  Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von
Zahnschmerzen, Frulein Clandon.

(Dolly.) Heraus damit!  "Wurzelnden Gram ausreuten dem
Gedchtnis"[*]--mit Lachgas, fnf Schillinge extra.

[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).]

(McNaughtan rachschtig:) Nein, kein Schmerz.  Eine Beleidigung, die
mir einst zugefgt wurde!  Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und
ich will sie nicht vergessen!  (Sein Gesicht legt sich in
unvershnliche Falten.)

(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht,
da wir Sie werden leiden mgen, wenn Sie ber erlittenem Unrecht
brten.

(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly
geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan,
aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort!  (Er geht mit ihr zur Tr.)

(Dolly in einem vollkommen hrbaren Flsterton:) Er behauptet, da er
erst siebenundfnfzig ist--er hlt mich fr das Ebenbild seiner
Mutter--er hat seine Tochter--und...  (Sie wird durch die Rckkehr Dr.
Valentines unterbrochen.)

(Dr. Valentine.) Frulein Clandon ist schon voraus.

(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei.

(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zhne brig, da
er mit uns essen kann.  (Sie gehen ab.)

(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und ffnet sie.)

(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor!  Das richtige
Frchtchen der modernen Erziehung!  Als ich im Alter dieser jungen
Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Prgel frisch in der
Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren.

(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade
gegenber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester?
(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr!

* * * * *

(Dr. Valentine berschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein
Wesen--(Er besinnt sich und fgt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts
mit dem Geschft zu tun.  (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte
Schulter und nimmt seinen berufsmigen Ton an:) Aufmachen, bitte.

(McNaughtan ffnet den Mund.)

(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zhne:)
Hm!...  Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade!  So ein
prchtiges Gebi zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nsse auf?
(Er zieht den Spiegel zurck und tritt vor, um mit McNaugthan zu
sprechen.)

(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zhnen Nsse geknackt--wozu hat
man sie denn?  (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zhne in
gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, da man sie an Knochen und
Nssen gengend abntzt und sie tglich mit Seife putzt--mit
gewhnlicher Schmierseife!

(Dr. Valentine.) Seife?...  Warum mit Seife?

(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt,
und seitdem hab' ich's immer getan.  Und ich hab' in meinem ganzen
Leben keine Zahnschmerzen gehabt!

(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft?

(McNaughtan.) Ich habe gefunden, da die meisten Dinge, die mir gut
getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit
abzufinden, und man sorgte dafr, da ich mich damit abfand.  Jetzt
bin ich daran gewhnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die
Seife wirklich gut ist.

(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen
sehr sorgfltig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan.

(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden!

(Dr. Valentine lchelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher?

(McNaughtan.) Wie meinen Sie das?

(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zhne sind gut--ich gebe es zu; aber ich
habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso
gute gesehn.  (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde
mit einer andern.)

(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zhne an, sondern auf den
Charakter.

(Dr. Valentine vershnlich:) Oh!  Auf den Charakter--ich verstehe.
(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!...  Der
da wird heraus mssen--er ist nicht mehr zu retten.  (Er zieht die
Sonde zurck und tritt wieder seitwrts an den Stuhl, um zu plaudern:)
Frchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fhlen; ich werde Ihnen
Lachgas geben.

(McNaughtan.) Unsinn, Mensch!  Ich brauche kein Lachgas!  Heraus damit!
Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen
zu ertragen.

(Dr. Valentine.) Oh!  Wenn Sie Schmerzen gern mgen--schn.  Ich werde
Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne fr den gnstigen Einflu
auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen.

(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden
mir sechs Wochen Miete!

(Dr. Valentine.) Richtig.

(McNaughtan.) Knnen Sie mich bezahlen?

(Dr. Valentine.) Nein.

(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht.
--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfhig sein, da Sie nichts
Besseres wissen, als sich ber Ihre Patienten lustig zu machen?  (Er
setzt sich wieder.)

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan.  Meine Patienten haben
nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet.

(McNaughtan packt ihn pltzlich am Arm, whrend Dr. Valentine sich
wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer fr sie!  Ich sage Ihnen,
Sie verstehen meinen Charakter nicht!  Wenn ich all meine Zhne
entbehren knnte ich wrde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen
ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tchtiger, abgehrteter
Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat.  (Er
nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklrung zu bekrftigen, und lt
ihn los.)

(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stren
lt:) Und Sie wollen noch mehr abgehrtet werden, nicht wahr?

(McNaughtan.) Ja.

(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Fr mich sind Sie als
Hausherr--schon abgehrtet genug.

(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.)

(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beilufiger Weise,
whrend er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet,
Herr McNaughtan?  Eine Frau und Kinder wrden Ihnen Ihre Abhrtung
schon ein wenig ausgetrieben haben.

(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das
an?!

(Das Stubenmdchen erscheint an der Tr.)

(Dr. Valentine hflich:) Bitte, etwas warmes Wasser.  (Sie zieht sich
zurck, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans
Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht.  Er setzt die
Unterhaltung fort, whrend er eine Zange aussucht und sie sich zur
Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie
fragten eben, was zum Teufel mich das angeht...  Nun, ich habe vor,
mich selbst zu verheiraten.

(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natrlich, Mensch--natrlich!  Wenn
ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in
vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfndet werden soll,
dann heiratet er.  Das habe ich schon fter beobachtet.--Gut, heiraten
Sie und werden Sie unglcklich!

(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon?

(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle!

(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan?

(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefhl des Unwillens:) Ja--der
Teufel soll sie holen!

(Dr. Valentine unerschtterlich:) Hm!...  Am Ende sind Sie auch Vater,
nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan?

(McNaughtan.) Drei Kinder!

(Dr. Valentine hflich:) Der Teufel soll sie holen--was?

(McNaughtan eiferschtig:) Nein, Herr: die Kinder gehren mir so gut
wie ihr.

(Das Stubenmdchen bringt einen Krug heies Wasser herein.)

(Dr. Valentine.) Danke.  (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an
den Stuhl; dann fhrt er in dem gleichen nachlssigen Ton fort:) Ich
mchte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan.  (Er
giet etwas warmes Wasser in das Trinkglas.)

(Das Stubenmdchen geht hinaus.)

(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu knnen.  Ich bin so
glcklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden,
solange sie mir nicht in den Weg kommen.

(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern
die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heien Wassers.)

(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu wrmen;
ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl.  (Dr. Valentine beugt sich
vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu
bringen:) Was ist das fr ein schweres Ding?

(Dr. Valentine.) O nichts!  Ich setze blo meinen Fu darauf, wenn ich
den ntigen Sttzpunkt fr einen krftigen Zug bekommen will.

(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.)

(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der
Zange in Bereitschaft.  Er fhrt fort mit herausfordernder
Gleichgltigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu
verheiraten, Herr McNaughtan?  (Er bckt sich, um die Kurbel an den
Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden
kann.)

(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und
endlich aufzuhren, mich an meine Frau zu erinnern!  Vorwrts, Herr!
(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und sthlt sich.)

(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und
sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, da ich den Zahn herauskriege,
ohne da Sie es spren?

(McNaughtan.) Um Ihre sechswchige Miete, mein Junge!  Mich foppen Sie
nicht!

(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel
krftig hinauf, so da der Sessel steigt:) Abgemacht!  Sind Sie
bereit?  (McNaughtan, der beunruhigt ber sein pltzliches
Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt
sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor.  Dr.
Valentine lt den Rcken des Stuhles pltzlich zu einem stumpfen
Winkel hinab.)

(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, whrend er
zurckfllt:) Au!  Nehmen Sie sich in acht, Mensch!  Ich bin ganz
wehrlos in dieser La--

(Dr. Valentine hlt ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und
erfat das Mundstck des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch
wehrloser sein!  (Er pret das Mundstck ber McNaughtans Mund und
Nase und lehnt sich dabei ber McNaugthans Brust so zurck, da er ihm
Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.)

(McNaughtan stt einen unartikulierten Laut in das Mundstck aus und
versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenber glaubt.  Nach
einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen
herab.  Er ist vollstndig bewutlos.)

(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das
Mundstck rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und
der Vorbang fllt.)




ZWEITER AKT

(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform,
die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus
schweren Sttzpfeilern eingefat ist, die wie schwerfllige lkrge
aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.)

(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschftigt ist, auf
einem Frhstckstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den
Rcken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in
der Ecke, befindet sich in der Nhe des Meeres die Flucht von Stufen,
die hinunter zum Strand fhren.  Wenn er vor sich die Terrasse
hinunterblickt, sieht er gegenber, etwas zu seiner Linken, einen
Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an
einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen
umschwirrte Zuckerdose befindet.  Er liest den "Standard" und hat
seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schtzen,
die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine
rstet.  Ihm gegenber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine
Gartenbank von der gewhnlichen Strandpromenadenform.  Besucher treten
durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man ber
ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhhten,
gepflasterten Viereck erheben.  Nher an der Brstung ist ein geheimer
Weg in die Kche durch ein kleines Gitterportal maskiert.  Der Tisch,
an dem der Kellner sich beschftigt, ist sehr lang.  Er steht quer
ber der Terrasse und ist mit fnf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck
steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Sthle auf jeder
Lngsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite.
Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Bfett eingerichteter Tisch,
von dem aus serviert werden soll.)

(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch.  Ein zarter
alter Mann mit weien Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und
zufrieden, da in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als
Gemeinheit gergt fhlt und Einbildungskraft als Verrat an dem
berstrmenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit.  Er hat jenen
gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf
hervorragend sind und die, im Bewutsein der Nichtigkeit des Erfolges,
von Neid unberhrt bleiben.)

(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht fr den Strand gekleidet.
Er trgt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder
steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose.  Die vortreffliche
Verfassung und Qualitt dieser Kleidung, der goldgernderte Zwicker,
mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem
Ellbogen ber der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit
hin.  Er ist ungefhr fnfzig Jahre alt, glatt rasiert und
kurzgeschoren.  Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als
htte er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und wre
entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen.  Er hat groe, weite
Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn,
die er resolut offen trgt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend
beschlossen htte, wahrheitsliebend, gromtig, unbestechlich zu
bleiben, es ihm aber niemals gelungen wre, diese geistige Gewhnung
automatisch und unbewut zu machen.  Trotzdem macht er durchaus keinen
lcherlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwche
ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er wrde dem Anblick nach berall
fr einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschftlichen
Fhigkeiten und geschftlicher Verantwortung gehalten werden.
Augenblicklich geniet er das Wetter und das Meer zu sehr, um die
Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen
durchgelesen und ist gegenwrtig auf die Inserate angewiesen, die aber
nicht interessant genug sind, ihn fr die Dauer zu fesseln.)


(Der Herr ghnt und verzichtet auf die Zeitung als ungeniebar:)
Kellner!

(Der Kellner.) Bitte?  (Er nhert sich ihm.)

(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, da Frau Clandon vor dem
Frhstck zurckkommt?

(Der Kellner.) Ganz bestimmt.  Sie erwartet den Herrn um dreiviertel
auf Eins.  (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besnftigt, sieht
ihn mit einem lssigen Lcheln an.  Der Kellner hat eine ruhige,
sanfte, melodische Stimme, die seinen alltglichsten Bemerkungen ein
sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem sesten Anstand,
ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in
irgendeine andere Vulgaritt zu verfallen.  Der Kellner sieht nach der
Uhr und fhrt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht?  Erst zwlf Uhr
dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten mu sich der Herr gedulden.--
Schner Morgen, nicht wahr?

(Der Herr.) Ja.  Sehr frisch im Vergleich zu London.

(Der Kellner.) Ja.  Das sagen alle unsere Gste.--Eine sehr angenehme
Familie, die von Frau Clandon.

(Der Herr.) Sie mgen sie?  (Der Kellner.) Ja.  Sie haben ein sehr
unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend.
Namentlich die junge Dame und der junge Herr.

(Der Herr.) Frulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich.

(Der Kellner.) Jawohl.  Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen
Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, da wir Ihretwegen
in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehrt haben, was fr ein
vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, da ich
ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr fhrt auf bei
diesen Worten:) und da er von mir erwartet, da ich mich gegen ihn
auch wie ein Vater benehmen werde.  (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall:
) Oh, so liebenswrdig... wirklich, sehr hflich und freundlich sind
sie!

(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater hnlich sein!  (Er lacht ber
diese Idee.)

(Der Kellner.) Oh, wir drfen nicht zu ernst nehmen, was die
Herrschaften sagen.  Wenn es wahr wre, so wrde die junge Dame die
hnlichkeit natrlich auch bemerkt haben.

(Der Herr.) Hat sie das nicht?

(Der Kellner.) Nein.  Sie fand, ich htte mit der Shakespear-Bste in
der Stratford-Kirche hnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch
"William"--mein richtiger Name ist Walter.  (Er wendet sich um, will
nach dem Tisch zurckgeben und erblickt Frau Clandon, die ber die
Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon.
(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr
ist da, der Sie sprechen will, gndige Frau.

(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns frhstcken,
William.

(Der Kellner.) Sehr wohl, gndige Frau.  Danke schn, gndige Frau.
(Er zieht sich in das Hotel zurck.)

(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um,
geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu
geben.)

(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:)
Erkennen Sie mich nicht?

(Frau Clandon sieht ihn scharf und unglubig an:) Sind Sie Finch
McComas?

(McComas.) Knnen Sie das nicht raten?  (Er schliet den Schirm,
stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Hnden in den Hften lustig
vor ihr auf und lat sich betrachten.)

(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich!  (Sie reicht ihm
die Hand.  Der Hndedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer
Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart?

(McComas komisch feierlich:) Wrden Sie einen Anwalt mit einem Bart
beschftigen?

(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:)
Ist das Ihr Hut?

(McComas.) Wrden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschftigen?

(Frau Clandon.) Ich habe Sie whrend der ganzen achtzehn Jahre in
Gedanken mit einem Bart und einem groen, runden Hut vor mir gesehen.
(Sie setzt sich auf die Gartenbank.  McComas nimmt seinen Platz wieder
ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen
Gesellschaft?

(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr.

(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist!  Sie
sind respektabel geworden!

(McComas.) Und Sie nicht?

(Frau Clandon.) Nicht im geringsten.

(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest?

(Frau Clandon.) Fester denn je.

(McComas.) Was Sie sagen!...  Und sind Sie noch immer bereit,
ffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts?  (Frau Clandon nickt.
) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete
Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermgen von dem ihres Gatten zu
trennen?  (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer
Vorkmpferin fr die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und
fr John Stuart Mills Schrift ber die Freiheit?  (Sie nickt.) Lesen
Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot?  (Sie nickt dreimal.)
Und verlangen Sie noch immer fr die Frauen so gut wie fr die Mnner
den Zutritt zur Universitt, die Ausbung aller Gewerbe und das
parlamentarische Wahlrecht?

(Frau Clandon energisch:) Jawohl.  Ich bin nicht um Haares Breite
davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort
fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich
nach England zurckgefhrt hat.  Ich fhlte, da ich kein Recht hatte,
meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch!
--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist
darauf vorbereitet.

(McComas.) Ausgezischt?...  Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage
knnte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof
heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, da ich respektabel
geworden bin.  Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten
Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und
ich tue nicht so, als ob ich es tte.  Ich bekenne, was ich bin: ein
radikaler Philosoph, der fr Freiheit und fr die Rechte des
Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt
hat.  Werde ich ausgezischt?...  Nein!  Ich werde nachsichtig
belchelt, wie ein altmodischer Kauz!  Ich bin vollstndig erledigt,
weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen.

(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus!

(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Frulein
Gloria bis ber die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen.

(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, da der
Sozialismus ein Trugschlu ist!

(McComas pathetisch:) Dadurch, da ich es bewies, habe ich alle meine
Schler verloren, Frau Clandon.  Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie
Gloria ihren eigenen Weg gehen.  (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch
geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurckgeblieben!  Es
gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen fr
vorgeschritten gelten wrden.

(Frau Clandon spttisch und nicht berzeugt:) Die Kirche vielleicht?

(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache.  Warum haben Sie
mich hierher kommen lassen?

(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte.

(McComas mit gutmtiger Ironie:) Danke!

(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich mchte, da Sie den Kindern
alles erklren.  Sie wissen nichts.  Und jetzt, wo wir nach England
zurckgekehrt sind, ist es unmglich, sie noch lnger im unklaren zu
lassen.  (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschlieen, es
ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria
unterbrochen.  Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestrzt, im
Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestrten
Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet.
Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stt durch die Heftigkeit
ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe ber den Haufen.)

(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama!  Der Zahnarzt kommt,
und seinen alten Hausherrn bringt er mit!

(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht?

(McComas erhebt sich lchelnd.)

(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die grte Enttuschung
ausdrckt:) Der?!...  Wo sind die wallenden Locken?

(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das
poetische Aussehen?!

(Dolly.) Oh, Herr McComas!  Sie haben sich ganz und gar verdorben!
Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?!

(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der
schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil fr einen Rechtsanwalt
achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare
schneiden zu lassen.

(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas.
(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drckt sie, mit
einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie
endlich zu sehen.

(McComas.) Frulein Gloria, nicht wahr?  (Gloria lchelt zustimmend
und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurck.  Sie tritt hinter
die Gartenbank und neigt sich ber die Lehne neben Frau Clandon:) Und
dieser junge Herr?

(Philip.) Ich wurde in einer verhltnismig prosaischen Laune getauft.
Ich heie--

(Dolly ergnzt sein Zitat fr ihn, deklamatorisch:) "Ich heie Norval,
auf den Grampianhgeln"...

(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur
ein Schfer"--[*]

[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel
"Douglas" von John Horne (1724-1808).]

(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so
albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, da sie in der
tollsten Laune sind.  Sie halten jeden Englnder, dem sie begegnen,
fr einen Witz.

(Dolly.) Ja, das ist er auch!  Wir knnen nichts dafr!

(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas;
aber es ist mir unmglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen.

(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip?  (Er bietet
ihm die Hand.)

(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der
junge Philip--das war ich durch viele Jahre.  Genau so wie Sie einmal
der junge Finch gewesen sind.  (Er schttelt ihm einmal die Hand; dann
lt er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es
doch, so auf seine Knabenzeit zurckzublicken!

(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)*

(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen?

(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns
frhstcken.

(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt?  Vergi nur nicht den alten
Herrn!

(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind.  Wie heit er?

(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein.  (Zu McComas:)
Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben?

(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas
hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen
alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich
gerichtet habt, zu beantworten.  Er ist sowohl der Freund eures Vaters
als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens
besser erzhlen, als ich es knnte.--Gloria, bist du nun zufrieden?

(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr gtig.

(McComas nervs:) Durchaus nicht, mein Frulein, durchaus nicht.  Doch
das kommt ziemlich pltzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet--

(Dolly argwhnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes
hren.

(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit.

(Dolly nachdrnklich:) Die nackte Wahrheit!

(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen,
was ich zu sagen habe?

(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, da es das verdient, Herr
McComas.  Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu
erwarten.

(Frau Clandon abwehrend:) Phil--

(Philip.) Ja Mutter, schon gut.  Entschuldigen Sie, Herr McComas,
stoen Sie sich nicht an uns.

(Dolly vershnlich:) Wir meinen es gut.

(Philip.) Schweigen wir beide!

(Dolly hlt ihre Lippen fest.  McComas nimmt einen Stuhl vom
Frhstckstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die
Gartenbank, so da Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken
zu stehen kommt.  Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im
Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen.  Die
Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.)

(McComas.) Hm!--Ihr Vater--

(Dolly.) Wie alt ist er?

(Philip.) Sch!

(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht
unterbrechen.

(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke!
(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfnfzig Jahre alt.

(Dolly mit einem Satz, berrascht und aufgeregt:) Siebenundfnfzig?!...
Wo lebt er?

(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly!  Dolly!

(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau
Clandon.  Die Antwort wird Sie sehr berraschen.--Er lebt hier, an
diesem Ort.

(Frau Clandon erhebt sich sehr bse, setzt sich aber wieder sprachlos
nieder.  Gloria beobachtet sie ganz starr.)

(Dolly mit berzeugung:) Ich wute es!...  Phil--Gichtknoten ist unser
Vater!

(McComas.) Gichtknoten--?!

(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was wei ich!  Er sagte mir,
ich she seiner Mutter hnlich; ich wute es ja, da er seine Tochter
meinte.

(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich mchte Ihre Gefhle auf jede
mgliche Art bercksichtigen--aber ich warne Sie!  Wenn Sie den langen
Arm des Zufalls derart verlngern, da Sie mir einreden wollen, der
hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf
Ihre Ausknfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen.

(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf?

(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gnzlich
ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater,
oder der Mann meiner Mutter zu sein!

(McComas.) Oh, wirklich?--So.  Dann mu ich Ihnen sagen--ob Sie es nun
gern hren oder nicht--: er ist tatschlich Ihr Vater und der Vater
Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu?

(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so bse zu sein!  Gichtknoten
ist ja nicht Ihr Vater!

(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos.  Sie finden hier
eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit
geniet, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines
Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des
Bandes einer frei gewhlten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen
Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstoen, den wir
nicht kennen....

(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann!  (Vorwurfsvoll:) Und
Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater fr uns htten!

(McComas rgerlich:) Woher wissen Sie, da er nicht nett ist?  Und
welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu whlen?  (Seine
Stimme erhebend:) Ich mu Ihnen sagen, Frulein Clandon, da Sie zu
jung sind, um--

(Dolly unterbricht ihn pltzlich mit Heftigkeit:) Still!  Das hab' ich
ja ganz vergessen... hat er Geld?

(McComas.) Er hat sehr viel Geld.

(Dolly entzckt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil?

(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell
verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas.

(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr.  Ich bin zu emprt,
zu verletzt dazu.

(Frau Clandon kmpft mit ihrem Zorn:) Finch, knnen Sie die ganze
Sachlage mit allen Folgen berblicken?  Wissen Sie, da meine Kinder
diesen Mann zum Frhstck eingeladen haben und da er in einigen
Augenblicken hier sein wird?  (McComas ganz auer sich:) Was!...
Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es...

(Philip nachdrcklich:) Ruhig Blut, Finch!  Denken Sie darber langsam
und sorgfltig nach.--Er kommt--kommt zum Frhstck.

(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen?  Habt ihr darber
nachgedacht?

(Frau Clandon.) Finch, Sie mssen es ihm sagen!

(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen!  Schau
doch, was er damit angerichtet hat, da er es uns gesagt hat!

(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen.  Ich protestiere.

(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht bse
sein!

(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden
Augenblick kommen!

(Gloria stolz:) Rhr' dich nicht vom Fleck, Mutter.  Ich werde mich
auch nicht rhren.  Wir drfen nicht davonlaufen.

(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so knnen wir nicht zu
Tisch gehen.  Wir kommen gleich wieder.  Wir mssen kein Heldentum
posieren.  (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm,
Dolly!  (Als sie sich der Hoteltre nhert, kommt ihr der Kellner
daraus entgegen.  Er trgt ein Servierbrett, auf dem sich Teller fr
die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.)

(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gndige Frau?

(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei.  Sie werden gleich da sein.  (Sie
geht ins Hotel.  Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den
Serviertisch.)

(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas.  Die Mitteilung, die Sie
zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt,
nicht wahr?

(McComas.) Es gehrt sicherlich Takt dazu.

(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen?

(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich wei, wen du
meinst!  William!

(Philip.) Das ist der Mann!  (Rufend:) William!

(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr.

(McComas entsetzt:) Der Kellner?!...  Nein!  Nein!  Das kann ich nicht
zugeben, ich--

(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu
Diensten.

(McComas setzt sich auer Fassung.  Sein Gesicht wird aschfahl, und
seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos.  Er setzt sich total
verdutzt.)

(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren
Sohn zu betrachten?

(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewi, junger Herr?--Alles,
womit ich Ihnen dienen kann.

(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und
schon ist ein Rivale auf der Bildflche aufgetaucht.

(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr?  Nun, das war frher
oder spter zu erwarten, nicht wahr?  (Er wendet sich mit einem
glcklichen Lcheln zu McComas:) Sind Sie es, gndiger Herr?

(McComas kommt durch seine Entrstung wieder zu Krften:) Nein, ganz
gewi nicht, Gott sei Dank!  Meine Kinder wissen, wie sie sich zu
benehmen haben!

(Philip.) Nein, William, dieser Herr htte nur mein Vater werden
knnen!  Um ein Haar wre er's geworden.  Er hat um meine Mutter
angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben.

(McComas beleidigt:) Ich mu doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit--

(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden.
--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt?

(Der Kellner.) Der schielugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen
Knttel--meinen Sie den?

(Philip.) Das wei ich nicht!--Finch, hlt er ein Wirtshaus?

(McC omas erhebt sich emprt:) Nein, nein, nein!  Ihr Vater, Herr, ist
ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Mnner der
Stadt!

(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie,
gndiger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Gte!

(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns frhstcken.

(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr.  (Diplomatisch:) Er
frhstckt fr gewhnlich wohl nicht mit seiner Familie?

(Philip nachdenklich:) William--er wei nicht, da wir seine Familie
sind.  Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns
nicht erkennen.  (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich
Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner
mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.)

(Dolly.) Wir wollen, da Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William!

(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, da er's errt, wenn er Ihre
Mutter sieht, gndiges Frulein?

(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre
Bewegung ein.)

(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht!

(Philip.) Ich auch nicht!  (Er verlt den Tisch und wendet sich
vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht!

(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein?

(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulnglichkeit ist erschreckend!
--William, Ihr Scharfsinn beschmt uns alle.

(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr hnlich, William!

(Der Kellner.) Aber nein!  Es ist nicht der Rede wert, gndiges
Frulein... ich schtze mich glcklich, junger Herr.  (Er gebt
bescheiden zum Frhstckstisch zurck und legt die beiden
hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Nhe
der Stufen und das andere so, da noch ein drittes hinzukommen kann an
der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.)

(Philip ergreift pltzlich McComas' Arm und fhrt ihn gegen das Hotel
zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Hnde.

(McComas.) Ich bin beraus ungehalten und verletzt, Herr Clandon--

(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewhnen.
Komm, Dolly!

(McComas schttelt ihn ab und geht ins Hotel.  Philip folgt ihm mit
unerschtterlicher Gemtsruhe.)

(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen
um:) Halten Sie Ihre fnf Sinne beisammen, William--es wird drunter
und drber gehen!

(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie knnen sich auf mich verlassen, gndiges
Frulein.

(Dolly geht ins Hotel.)

(Dr. Valentine kommt leichten Fues die Stufen vom Strand herauf,
McNaughtan folgt ihm strrisch.  Dr. Valentine hat einen Spazierstock,
McNaughtan trgt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen
unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten berzieher.  Er
bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der
Terrasse stehen, sttzt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein
bichen Kraft.)

(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig.  (Er fhrt
sich mit der Hand ber die Stirn:) Ich habe dieses hllische Gas noch
immer im Leibe.  (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so da er seine
Ellbogen auf den kleinen Tisch aufsttzen und den Kopf in die Hnde
sttzen kann.  Er erholt sich bald und beginnt seinen berrock
aufzuknpfen.  Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.)

(Dr. Valentine.) Kellner!

(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gste:) Zu Befehl?

(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause?

(Der Kellner mit einem sen Lcheln des Willkommens:) Zu dienen, Herr
Doktor, wir erwarten Sie.  Dies ist der bestellte Tisch.  Frau Clandon
wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben
von ihrem Freunde gesprochen.

(Dr. Valentine.) Wirklich?

(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl.  Die jungen Herrschaften
sind sehr ausgelassen--eine spahafte Ader sozusagen, gndiger Herr.
(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen berrock
abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie...  (Er hilft ihm den
berrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr.
(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene
Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, da Sie sein
Vater sind, gndiger Herr.

(McNaughtan.) Was?!

(Der Kellner.) Nur ein Spa, Euer Gnaden--sein Lieblingsspa.  Gestern
sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, da Sie kommen
wrden, gndiger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, da Sie
sein Vater wren--sein lang verlorener Vater.  Achtzehn Jahre lang hat
er Sie nicht gesehen--sagt er.

(McNaughtan verblfft:) Achtzehn Jahre?...

(Der Kellner.) Zu Befehl.  (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war
seinen Spen gewachsen, gndiger Herr.  Ich sah, wie ihm die Idee kam,
als er hier stand und ber einen neuen Scherz nachdachte, den er sich
mit mir machen knnte.--Ja, gndiger Herr, das ist so seine Art.  Sehr
vergngt, liebenswrdig, sehr frei und sehr umgnglich--wahrhaftig,
gndiger Herr!  (Verndert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine,
der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf
ich so frei sein?...  (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schn.

(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Men.)

(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und fhrt in seinem
Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen,
obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm ber den jungen Herrn
gesprochen hatte...  Ja, ich versichere Ihnen, Sie wrden nicht
glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem
Ausflug, wenn die Meerluft sie anblst, imstande sind!

(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich?

(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gndiger Herr.  Ein Herr
McComas.  (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang,
glcklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit
diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.)

(McNaughtan erhebt sich in wtender Erregung:) McComas!  (Ruft:) Dr.
Valentine!  (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine!  (Dr. Valentine wendet
sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwrung!  Das ist meine
Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib!

(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen!  Ein interessantes
Zusammentreffen.  (Er geht wieder daran, das Men zu studieren.)

(McNaughtan.) Zusammentreffen?...  Es wird nicht stattfinden!  Lassen
Sie mich fort!  (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen berzieher!

(Der Kellner.) Ja, gndiger Herr!  (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines
Stock vorsichtig an den Frhstckstisch, schttelt den berzieher
behutsam und hlt ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem
jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gndiger Herr?

(McNaughtan.) Rrrh!  (Er hlt inne, im Begriff in die Armel au
schlpfen, und wendet sich mit pltzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:)
Doktor, Sie sind im Einverstndnis!  Das haben Sie angestiftet!  Sie--

(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn!  (Er wirft das Men fort, geht um
den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgltig hinaus.)

(McNaughtan rgerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel,
Philip und Dolly folgen ihm.  Er wankt bei McNaughtans Anblick einen
Moment zurck.)

(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gndiger Herr!
Hier kommen sie.  (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock
ber seinen Arm werfend, ins Hotel.)

(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan
zu, der zurckweicht und mit den Hnden auf dem Rcken ihn bse
anstarrt.  McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an,
mit der Majestt eines fleckenlosen Gewissens.)

(Der Kellner flstert Philip whrend seines Abgangs zu:) Ich hab' es
ihm beigebracht, junger Herr.


(Philip.) Unschtzbarer William!  (Er tritt vor, an den Tisch.)

(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen?

(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gndiges
Frulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben.
(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.)

(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht:
) Da wren Sie also, Herr McNaughtan!

(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz
gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder?

(Philip mit tdlicher Hflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas?

(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und hlt inne.)

(Dolly frmlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen.  (Sie
kommt nachlssig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr.
Valentine ein Lcheln und ein Wort des Grues.)

(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenber zu
erfllen und Ihren Wein zu bestellen.  (Er nimmt die Weinkarte vom
Tisch; seine hfliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose
Gleichgltigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zuflligen
Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben.  Diese
Erkenntnis berhrt den Vater mit so heftiger Qual, da er ber und
ber zittert.  Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn
schweigend an.  Dieser ist sich seiner eigenen Gefhllosigkeit genug
bewut, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit auerordentlich
zu freuen.  Er fhrt freundlich fort.) Finch, darf ich fr den alten
respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein
bestellen?

(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts
Erhitzendes nehmen.  (Er wendet sich nach der andern Seite der
Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.)

(Philip.) Doktor--?

(Dr. Valentine.) Wrde Lagerbier zu gemein gefunden werden?

(Philip.) Wahrscheinlich.  Bestellen wir welches.  Dolly trinkt es
auch.  (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Hflichkeit:) Nun, Herr
McNaughtan, was drfen wir Ihnen bestellen?

(McNaughtan.) Was soll das heien, Junge?

(Philip.) Junge?...  (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, da ich
ein Junge bin?  (McNaughtan reit ihm die Weinkarte grob aus der Hand
und tut unschlssig so, als ob er sie lese.  Philip berlt sie ihm
mit vollendeter Hflichkeit.)

(Dolly ber McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der
vorletzten Seite.

(McNaughtan.) La mich zufrieden, Kind.

(Dolly.) Kind?...  Nein, nein, das geht nicht!  Sie knnen mich
"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie drfen nicht "Kind" zu mir
sagen!  (Sie hngt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor
McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.)

(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar
durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha!  Das wird
ein--ein nettes Frhstck werden!

(McComas kleinmtig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht
nett werden sollte.  (Er blickt uerst trbe drein.)

(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen.

(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel.  Frau Clandon nhert
sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau
getragenem wrdigem Benehmen.  Sie hlt auf der obersten Stufe inne,
um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria
bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen
Widerwillen.)

(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor.  (Er
lchelt.  Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenber in der
Absicht, ihn mit vollstndiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber
sein Anblick erschttert sie.  Sie hlt pltzlich inne und sagt
ngstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus,
du hast dich sehr verndert.

(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen!  Ein Mann verndert sich in
achtzehn Jahren.

(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint.  Ich hoffe,
du bist gesund.

(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glck, da
steckt die Vernderung, die du meinst, nicht wahr?  (Pltzlich
ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb
lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an!

(Philip.) Sch!  (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben
erschienen ist:) Still!  Haltung vor William!

(Dolly berhrt McNaughtans Arm warnend:) Hm!

(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kcheneingang,
aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit
weier Schrze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschssel.  Der
Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von
Zeit zu Zeit, die Gnge auftragend, wieder herein.  Er tranchiert,
aber er serviert nicht.  Der Kellner tritt an das in der Nhe der
Stufen gelegene Ende des Frhstckstisches.)

(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich
glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet...
doch nein, entschuldigen Sie.  (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr
Rechtsanwalt McComas.  (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem
Hotel zunchst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte.

(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan!

(Der Kellner hlt ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier,
ich bitte.

(McNaughtan fgt sich und nimmt Platz.)

(Der Kellner.) Danke schn.

(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist
auf den Stuhl in der Nhe der Balustrade:) neben Gloria.  (Dr.
Valentine und Gloria nehmen ihre Pltze ein, Gloria neben McNaughtan
und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie mu ich auf diese
Seite setzen, zwischen Dolly und Phil.  Wehren Sie sich, so gut Sie
knnen.  (Die drei nehmen die briggebliebene Seite des Tisches ein;
Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas
zwischen ihnen.  Die Suppe wird aufgetragen.)

(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe?

(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein
Tischgebet?

(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir
zu essen und zu trinken bekommen werden.--William!

(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an
Philips linke Seite; auf dem Wege flstert er dem Kellnerjungen zu:)
Suppe!

(Philip.) Zwei kleine Lager fr uns Kinder, wie gewhnlich, und ein
groes fr diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine groe
Flasche Apollinaris fr Herrn McComas.

(Der Kellner.) Zu dienen.

(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch?

(McComas entrstet:) Nein, nein, ich danke!

(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer fr meine Mutter und
Frulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen
Sie?

(McNaughtan mrrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich--

(Der Kellner honigs dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger
Herr.  Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt.  (Er geht ins Hotel.)

(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte
Gewohnheit, Wirtshuser zu besuchen!

(Der Koch, dem ein Kellner mit bereinandergetrmten heien Tellern
folgt, bringt den Fisch aus der Kche und beginnt, ihn auf dem
Serviertisch zu zerlegen.)

(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt.

(Frau Clandon.) Phil! bedenke geflligst, da deine Scherze Leute, die
nicht daran gewhnt sind, auf-* zubringen imstande sind und da dein
Vater heute unser Gast ist.

(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches!
(Die Suppenteller werden weggenommen.)

(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr?  Aber uns ist
es ebenso peinlich.

(Philip.) Sch!  Wir sind beide taktlos.  (Zu McNaughtan:) Wir meinen
es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr gebt in
unseren Rollen als Kinder.  (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den
Getrnken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen
wieder her.

(Der Kellner ermunternd:) Mit grtem Vergngen, junger Herr.  (Setzt
die Getrnke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und
Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager,
(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gndige
Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr groes Lager; (zu Gloria:)
vierhundertdreizehn, gndiges Frulein.

(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie!

(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd!  (Der Fisch wird herumgereicht.)

(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch,
Familiengemtlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch
ganz gut.

(Dolly kritisierend:) Eigentlich...?  Warum "eigentlich", Finch?

(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, da es trotz eures Vaters
Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr
McComas?

(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich"
gesagt, um den Satz abzurunden.  Ich--ich--

(Der Kellner taktvoll:) Turbot?

(McComas beraus dankbar fr die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte.

(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte.  (Er geht an den Serviertisch
zurck.)

(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes
gedacht?

(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William!

(Der Kellner.) Zu Befehl?

(Philip.) Was glauben Sie: wie lange mte ich in die Lehre gehen, um
ein wirklich tchtiger Kellner zu werden?

(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr.  Das liegt
im Charakter.  (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen
scheint:) Brot fr das gndige Frulein?...  Hier, bitte.  (Er reicht
Gloria Brot und fhrt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige
sind dazu geboren, junger Herr!

(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was?

(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr.  O ja.  (Zu Gloria, seine Stimme
wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gndiges Frulein?  Sie drften
sich nicht viel aus Braten machen zum Frhstck.

(Gloria.) Nein, ich danke.  (Die Fischteller werden weggenommen.)

(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William?

(Der Kellner bedient Gloria mit Geflgel:) O nein, gndiges Frulein.
Dafr ist er zu heftig.  Er ist vor den Schranken ttig.

(McComas gnnerhaft:) Schenkkellner--was?

(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an
eine durch die Zeit gelinderte Enttuschung erinnerte:) Nein, gndiger
Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken.  Ihr Gewerbe, Herr
Rechtsanwalt.  Kniglicher Anwalt.

(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie.

(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gndiger Herr.  Ein sehr
begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewnscht, es wre ein
Schenkkellner aus ihm geworden!  Dann htte er mir nicht halb so lange
auf der Tasche gelegen.  (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas
zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor.

(Fhrt wieder fort:) Ja, ich mute ihn bis zu seinem
siebenunddreiigsten Jahr erhalten.  Aber jetzt geht es ihm gut--recht
zufriedenstellend, wirklich!  Er plaidiert nicht unter fnfzig Guineen.

(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie!

(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, blo Erziehung,
gndiger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium,
gndiger Herr.  (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und
sie flstert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gndiges
Frulein?  Sofort!  (Zu McComas:) Fr ihn war es ein Glck, er hatte
nie Lust zu wirklicher Arbeit.  (Er geht ins Hotel und lt die
Gesellschaft etwas bermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes
zurck.)

(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen
Befehl zu erteilen?

(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht bel, da ich ihn um
Ingwerbier geschickt habe.

(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein
Geschft!  Wenn ihr ihn behandelt httet, wie ein Kellner behandelt
werden soll, so wrde er geschwiegen haben.

(Dolly.) Das wre jammerschade gewesen!  Vielleicht gibt er uns eine
Empfehlung an seinen Sohn, der knnte uns doch in die Londoner
Gesellschaft einfhren.

(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.)

(McNaughtan brummt wtend:) Londoner Gesellschaft,...  Londoner
Gesellschaft!...  Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind!

(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn
Sie glauben--

(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gndiges Frulein.

(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug
wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William.  Sie
sind gerade im rechten Augenblick gekommen.  (Sie trinkt.)

(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in
leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, da ich das Thema
wechsle, Frulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras?

(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion.  Ich habe nie
danach gefragt.

(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft
nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die
Herrschaften mssen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das
auch in England, William?

(Der Kellner.) Fr gewhnlich nicht, gndiges Frulein.  Vielleicht in
einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehrt.  (Er
fngt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die
Salatschssel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gndige Frau?--Ja,
ja, ich habe welchen fr Sie.  (Zu seinem jungen Kollegen, ihn
anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herber, Joe.  (Er nimmt eine
Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons
Teller.  Whrend er das tut, bemerkt er, da Dolly ein saures Gesicht
macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtmlicherweise hineingekommen,
gndiges Frulein.  (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie.
(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe!
(nimmt das frhere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der
anglikanischen Kirche, gndiges Frulein.

(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche?  Wie hoch ist der
Jahresbeitrag?

(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen emprt auf:) Sie sehen,
wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es...  Sie hren
es!  Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverstndlich und ist
im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen
zu bercksichtigen, als der Kellner ihm rcksichtsvoll den Teller
fortnimmt.)

(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus.  Es ist gar kein Anla zu
diesem Auftritt.  Du mut bedenken, da Dolly hier wie eine
Auslnderin ist.--Bitte, setze dich!

(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch
an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhren mu.  Ich bin
wirklich im Zweifel.

(Der Kellner.) Kse, gndiger Herr?...  Oder wnschen Sie eine kalte
se Speise?

(McNaughtan verwirrt:) Was?...  O Kse--Kse!

(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William.

(Der Kellner.) Hier, gndiges Frulein.  (Er nimmt eine
Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die
eine auswhlt und sich zu rauchen anschickt.  Dann gebt er an den
Serviertisch zurck, um Wachshlzer zu holen.)

(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!...

(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich frchte,
ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand
rauchen.  (Sie verlt pltzlich den Tisch und luft rgerlich die
Stufen hinunter.  Der Kellner will ihr die Wachshlzer geben, aber sie
ist fort, bevor er sie erreichen kann.)

(McNaughtan wtend:) Margarete, rufe das Mdel zurck!... rufe sie
zurck, sag' ich!

(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen
Sie sich nichts daraus!  Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter
nichts.

(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch.  (Sie
erhebt sich.  Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr,
Sie entschuldigen mich?  Ich frchte, Dolly ist ber diesen Vorfall
ganz auer sich, ich mu zu ihr gehen.

(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?!

(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so
lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind?  (Sie geht auf die Stufen
zu.  McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Ha; die brigen
beobachten sie in verlegenem Schweigen und fhlen sich von dem
Zwischenfall sehr peinlich berhrt.)

(Der Kellner hlt Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr
eine Schachtel Wachsblzer an:) Die junge Dame hat die Streichhlzer
vergessen, gndige Frau.  Wenn Sie so gtig sein wollten, gndige
Frau--

(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner sen und ermunternden
Stimme berrascht, den Ton dankbarer Hflichkeit an:) Ich danke Ihnen
sehr.  (Sie nimmt die Wachshlzer und geht hinab an den Strand.)

(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Kchentr mit sich ins
Hotel und berlt die Gesellschaft sich selbst.)

(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurckwerfend:) Eine Mutter nach
Ihrem Geschmack, McComas!  Eine Mutter nach Ihrem Geschmack!

(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter!

(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was?

(Dr. Valentine erhebt sich entrstet und wendet sich zu Gloria:)
Frulein Clandon, ich--

(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Mdchen heit McNaughtan, Herr
Doktor--nicht Clandon!  Wollen Sie sich meiner Familie in den
Beleidigungen meiner Person anschlieen?

(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin auer mir, Frulein
Clandon!  Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin fr
ihn verantwortlich, und ich schme mich fr ihn!

(McNaughtan.) Was meinen Sie damit?

(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich
frchte, wir sind alle ein bichen kindisch gewesen; unsere
Zusammenkunft ist miglckt.  Wir wollen sie abbrechen und Schlu
machen.  (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen
zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fgt sie mit nachlssiger Ruhe
hinzu:) Adieu, Vater.  (Sie geht die Stufen mit kalter, verdrielicher
Gleichgltigkeit hinab.)

(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rckkehr des Kellners
nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein
paar Schals, Sonnenschirmen und einem weien Leinensonnenschirm und
einigen Feldsthlen beladen, aus dem Hotel kommt.)

(McNaughtan fr sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck
nachblickend:) Vater--Vater!...  (Er schlgt mit der Faust heftig auf
den Tisch:) Jetzt--

(Der Kellner den berzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre,
gndiger Herr.

(McNaughtan starrt ihn an, reit dann den berzieher grob an sich und
geht lngs der Terrasse gegen die Gartenbank zu.  Er kmpft mit seinem
Rock bei seinen rgerlichen Bemhungen, ihn anzuziehen.  McComas
erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe.  Dann nimmt er seinen Hut und
Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu.
Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unvernderter
Sigkeit fr die Abnahme des berziehers gedankt hat, etwas von
seiner Last Philip an.)

(Der Kellner.) Die Sonnenschirme fr die Damen, junger Herr.--Das Meer
blendet heute stark, das ist sehr schdlich fr den Teint...  Ich
werde die Strandsthle selbst hinuntertragen.

(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste
Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben
Sie mir die Strandsthle.  (Er nimmt sie.)

[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.]

(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu gtig, junger Herr.

(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir.  (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie!
(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.)

(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen.
.. einen von diesen.  (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.)

(Der Kellner diskret:) Der gehrt der jngeren Dame, Herr Doktor.  (Dr.
Valentine berlt ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so
glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen.  (Er legt den
Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren
Fracktasche ein Buch.  Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blttern
als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die ltere junge
Dame jetzt gerade liest.  (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke
schn.  Schopenhauer, wie Sie sehen.  (Er nimmt die Sonnenschirme
wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was
die Damen betrifft.  (Er geht die Stufen hinab.)

(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an
McNaughtan und ndert seinen Entschlu.  Er geht ziemlich aufgeregt zu
McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schmen Sie sich denn gar
nicht?

(Mc Naugthan streitschtig:) Mich schmen?...  Weshalb?

(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Br!...  Was
wird Ihre Tochter von mir denken, da ich Sie hergebracht habe?

(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darber nachzusinnen,
was meine Tochter von Ihnen denkt.

(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht!  Sie sind ein
krankhafter Egoist!

(McNaughtan tiefbekmmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein
Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser
Generation?...  Mu ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten
Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu
hren!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!...
platze zufllig in das Frhstck herein--heie Herr McNaughtan!...
Was fr ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?...  Ich
bin ihr Vater--leugnen sie es?...  Ich bin ein Mann mit allgemein
menschlichen Gefhlen!...  Habe ich keine Rechte, keine Ansprche?...
Was fr Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?...  Diener,
Angestellte, Geschftsfreunde!...  Aber ich habe ihre Achtung
genossen--ja ihre Gte!...  Wrde einer von diesen Leuten so mit mir
gesprochen haben, wie dieses Mdchen?...  Wrde einer von denen ber
mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit ber mich gelacht
hat?  (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan!  Meine--

(Dr. Valentine.) Aber, aber!...  Es sind ja nur Kinder!  Das einzige
von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt.

(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu!  O ja!  Dies Kind hat sich an
mein Herz gewendet--mit einem Dolchsto.

(Dr. Valentine nimmt das sehr bel auf:) Hren Sie, McNaughtan, lassen
Sie die in Ruh!  Sie hat Sie sehr gut behandelt.  Ich habe eine viel
schlimmere Stunde beim Frhstck zugebracht als Sie.

(McNaughtan.) Sie?...

(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich!  Ich habe neben
ihr gesessen und habe whrend der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort
mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und
nicht ein Wort hat sie fr mich gehabt!

(McNaughtan.) Nun?

(Dr. Valentine.) Nun... nun?...  (Spricht sehr ernst und immer
schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?.
..  Sie glauben doch nicht, da ich die Gewohnheit habe, meinen
Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe?

(McNaughtan.) Hoffentlich nicht.

(Dr. Valentine.) Der Grund ist, da ich entweder vllig verrckt bin,
oder vielmehr frher nie wirklich im Besitze meines gesunden
Menschenverstandes gewesen bin.  Jetzt bin ich zu allem fhig--ich bin
endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es,
die einen Mann aus mir gemacht hat!

(McNaughtan unglubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt?

(Dr. Valentine, seine Worte ergieen sich nun in einem wahren Strom
von seinen Lippen:) Verliebt?...  Unsinn!...  Es ist viel mehr und
viel hher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewiheit,
Paradies...

(McNaughtan unterbricht ihn mit beiendem Hohn:) Unsinn, Mensch!  Was
haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?...  Sie knnen sie nicht
heiraten.

(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?...  Ich will ihre Hnde
kssen, ich will zu ihren Fen knien, ich will fr sie leben, ich
will fr sie sterben... und das soll mir gengen!  Sehen Sie ihr Buch
an--sehen Sie!  (Er kt das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes
Geld anbten fr diese Gegenstnde, die mir als Ausrede dienen, an den
Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich wrde
Ihnen nur ins Gesicht lachen.  (Er geht bermtig gegen die Stufen zu,
wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme luft.
Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich
gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.)

(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte!

(Dr. Valentine ber seine eigene Heftigkeit unangenehm berhrt:)
Entschuldigen Sie!

(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte.  Das ist ganz natrlich in
Ihrem Alter.--Das gndige Frulein hat mich um ihr Buch
heraufgeschickt; drfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort
zu bringen?

(Dr. Valentine.) Mit Vergngen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit
der sechswchentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken...  (Er
bietet ihm Dollys Fnf-Schilling-Stck an.)

(Der Kellner, als ob diese Summe seine hchsten Erwartungen bertrfe:
) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank!

(Dr. Valentine strzt die Stufen hinunter.) Ein sehr bermtiger
junger Mann, sehr mnnlich und gut gewachsen!

(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell
ein Vermgen machen--zweifellos!  Ich wei, wieviel seine
sechswchentlichen Einnahmen betragen.  (Er geht ber die Terrasse an
den eisernen Tisch und setzt sich.)

(Der Kellner philosophisch:) Ja, gndiger Herr, man kann nie wissen...
Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie gtigst verzeihen wollen, da ich
so ein Ding habe.  (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart
fhlenden Kellner zurckgedrngt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht,
da Sie Ihr Getrnk noch nicht berhrt hatten, als die Gesellschaft
aufbrach.  (Er nimmt das Glas vom Frhstckstisch und setzt es vor
McNaughtan hin.) Ja, gndiger Herr--man kann nie wissen...  Sehen Sie
nur meinen Sohn: wer htte je gedacht, da er es dahin bringen wrde,
einen seidenen Talar zu tragen als kniglicher Anwalt?  Und dennoch
verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Proze,
gndiger Herr.  Was fr eine Lehre!

(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und wei, was er
Ihnen schuldet.

(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in
Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen.  (Mit einem zweiten
seiner unwiderstehlichen bergnge:) Ein Stckchen Zucker wird, ohne
den Trank merklich zu sen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen.
Erlauben Sie, gndiger Herr.  (Er wirft ein Stckchen Zucker in das
Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schlielich der
Unterschied?  Ich mu einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was
ich bin, und er mu eine Percke und einen Talar anlegen, wenn er
zeigen will, was er ist.  Wenn mein Einkommen vorwiegend aus
Trinkgeldern besteht und ich doch so tun mu, als ob ich nicht darauf
aus wre, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebhren, und auch
er mu, wie ich wohl verstehe, so tun, als wre er nicht darauf aus.
--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Berhrung mit allen
mglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch.  Wenn
es fr einen Advokaten nicht gnstig ist, der Sohn eines Kellners zu
sein, so ist es auch fr einen Kellner nicht gnstig, der Vater eines
Advokaten zu sein.  Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin
eine groe Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas
besorgen, gndiger Herr?

(McNaughtan.) Nein, danke.  (Gedemtigt und bitter:) Ich hoffe, man
wird nichts dagegen einzuwenden haben, da ich hier noch eine Weile
sitzen bleibe.  Hier str' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am
Strande.

(Der Kellner gerhrt:) Es ist sehr gtig von Ihnen, gndiger Herr, da
Sie tun, als ob Sie nicht wten, da Ihre Anwesenheit hier eine
Auszeichnung und eine Ehre fr uns alle ist... wirklich sehr gtig!
--Je mehr Sie sich hier zu Hause fhlen, desto glcklicher werden wir
sein.

(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause!

(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gndiger Herr, das ist auch
Ansichtssache.  Ich behaupte immer, der groe Vorzug eines Hotels
besteht darin, da es Schutz bietet vor dem Familienleben.

(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt.

(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, wei Gott!  Immer
geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr?  (Er schttelt
den Kopf:) Man kann nie wissen, gndiger Herr--man kann nie wissen!
(Er geht ins Hotel.)

(McNaughtan sttzt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den
hartblickenden Augen in die Hnde:) Familie--Familie!  (Er legt seine
Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden
kommen hrt, setzt er sich wieder kerzengerade auf.  Es ist Gloria,
die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in
Hnden.  McNaughtan sieht sie trotzig an.  Die brutale Hartnckigkeit
seines Mundes und die sehnschtigen Augen stehen zueinander in
pathetischem Widerspruch.  Sie geht an das eine Ende der Gartenbank
und lehnt sich mit dem Rcken dagegen und sieht auf McNaughtan herab,
wie erstaunt ber seine Schwche.  Sie ist zu neugierig auf ihn, um
kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhltni ist ihr hchst
gleichgltig:) Nun?...

(Gloria.) Ich mchte Sie einen Augenblick sprechen.

(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich?  Das ist berraschend!  Du
begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den
Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist rhrend--wahrhaftig!
(Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gesttzt, und blickt, in
dsteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)*

(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so
unberechtigt.  Was fr Gefhle haben Sie von uns erwartet?  Was sollen
wir fr Sie tun?  Warum sind Sie gegen uns weniger hflich als andere
Leute?...  Sie knnen uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum
sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen
knnen, ohne zu streiten.

(McNaughtan, ber dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht:
) Machst du dir klar, da ich dein Vater bin?

(Gloria.) Vollkommen.

(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebhrt?

(Gloria.) Zum Beispiel--?

(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekmpfen htte:)
Zum Beispiel--... zum Beispiel--?...
Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam!

(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell
und stolz gegenber:) Ich gehorche nur meinem Sinn fr das Rechte; ich
achte nichts, was nicht edel ist!  Das ist meine Pflicht.  (Sie fgt
weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner
Macht--ich glaube nicht, da ich genau wei, was Liebe eigentlich ist.
(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab
und geht an den Frhstckstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie
ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.)

(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst?

(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das
ist eine unhfliche Frage.  Ich spreche ernst mit Ihnen und ich
erwarte auch, da Sie mich ernst nehmen.  (Sie nimmt einen der Sthle,
wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas mde nieder.) Knnen
Sie diese Dinge nicht khl und vernnftig besprechen?

(McNaughtan.) Khl und vernnftig?...  Nein, das kann ich nicht!
Verstehst du?  Das kann ich nicht!

(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen.  Ich habe
keine Sympathie fr--

(McNaughtan fhrt nervs zusammen:) Halt, sprich nicht weiter!  Du
weit nicht, was du tust!  Willst du mich toll machen?  (Sie runzelt
die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unertrglich.  Er setzt
rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht!  Warte,
warte--la mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen.  (Er steht einen
Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Hnde in seiner
Aufregung.  Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Frhstckstisches und
setzt sich neben Gloria.  Mit einer rhrenden Anstrengung, sanft und
geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit.
Jedenfalls will ich es versuchen.

(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende
denkt.

(McNaughtan mit pltzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht!  Denke
nichts--ich will, du sollst fhlen!  Das ist das einzige, was uns
helfen kann.  Hre!  Weit du--aber vor allem--ich verga: wie heit
du eigentlich?  Ich meine deinen Kosenamen.  Sie knnen dich nicht gut
Sophronia nennen.

(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria.
Ich werde immer so genannt.

(McNaughtan, dessen Zorn zurckkehrt:) Dein Name ist Sophronia,
Mdchen!  Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia
getauft!  Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin
geschenkt.

(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben.

(McNaughtan rgerlich:) Sie hatte kein Recht dazu!  Ich werde das
nicht zugeben!

(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu
geben.  Ich kenne sie nicht einmal.

(McNaughtan.) Unsinn!  Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine
Grenzen!  Ich will das nicht haben--verstehst du?

(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem
znkischen Ton fortzufahren?

(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich!  Willst du?
(Sie sieht ihn an und lt ihn in Ungewiheit.  Er zwingt sich, den
verhaten Namen auszusprechen:) Gloria!

(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen
Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch,
dir zu zeigen, da ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind.  (Die
Zrtlichkeit ist so klglich unbeholfen, da Gloria gegen ihren Willen
lchelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Hre mich
an.  Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner
nicht?  Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm,
aber du konntest schon alles recht gut verstehen.  Kannst du dich
wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder--
(schchtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest?  Besinnst du
dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine
kleinen Schiffe ansehn durftest, die du fr Spielzeug hieltest?  (Er
sieht ihr ngstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner
Antwort.  Dann fhrt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:)
Auf jemanden, der dich tun lie, was du nur wolltest, und dir nie ein
bses Wort gab, dir hchstens sagte, du solltest still sein und nicht
sprechen?  Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand
gewesen ist--der dein Vater war!

(Gloria ungerhrt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern,
dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, da ich mich daran
erinnere.  Aber tatschlich erinnere ich mich an gar nichts.

(McNaughtan sehnschtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzhlt?

(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenber nie erwhnt.  (Er sthnt
unwillkrlich auf.  Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und
fhrt fort:) Doch!  Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an
etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte.

(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was?

(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten,
um mich zu schlagen.

(McNaughtan mit den Zhnen knirschend:) Oh!  Das aufzutischen, um dich
mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest!  (Mit pfeifendem,
schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr!

(Gloria aufspringend:) Sie Elender!  (Mit heftigem Nachdruck:) Sie
Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen!

(McNaughtan.) Hr' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen!  Ich bin
dein Vater!

(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse!  Wie ich das Wort "Mutter" liebe!
Es wre besser, Sie gingen.

(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich tten!
Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.)

(Gloria gebt zur Balustrade; khl und nicht verlegen um ein
Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine!

(Valentine antwortet von unten:) Bitte!

(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf!  Herr McNaughtan
braucht Sie.  (Sie geht an den Tisch zurck und schenkt ein Glas
Wasser ein.)

(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! la mich in Ruhe!
Ich brauche ihn nicht.  Ich fhle mich vollkommen wohl!  Ich brauche
seine Hilfe nicht und deine auch nicht!  (Er erhebt sich und rafft
sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe.  (Er
setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort?

(Gloria.) Ich hoffe.  (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt
grimmig, als wenn er damit einverstanden wre, und geht ins Hotel.
Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet.  Dann
macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine,
der die Stufen heraufgelaufen kommt.)

(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los?  (Er siebt sich um:) Wo ist
McNaughtan?

(Gloria.) Fort.  (Dr. Valentines Gesicht drckt pltzliche Freude,
Furcht und Durchtriebenheit aus.  Er hat eben bemerkt, da er mit
Gloria allein ist.  Sie fhrt gleichgltig fort:) Ich glaubte, er
fhle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt.  Er wollte
nicht auf Sie warten--es tut mir leid.  (Sie geht ihr Buch und den
Sonnenschlrm holen.)

(Dr. Valentine.) Um so besser!  Er geht mir ohnedies auf die Nerven
nach einer Weile.  (Tut so, als ob er sich verge:) Wie kommt dieser
Mann nur zu so einer wundervollen Tochter?

(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit hflicher,
aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem
Kompliment zu sein.  Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu
machen, Doktor, da Komplimente eine sehr de Unterhaltung abgeben.
Bitte, lassen Sie uns auf eine vernnftige und gesunde Weise Freunde
sein, falls wir Freunde werden sollen.  Ich habe nicht die Absicht,
mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen
wollen, so wre vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht
fortzusetzen.

(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe.  Gestatten Sie mir nur eine
einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche
Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich
persnlich zu heiraten?

(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um ber Ihre
persnlichen Vorzge irgendeine Meinung zu haben.  (Sie wendet sich
mit unendlicher Gleichgltigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem
Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe
nicht fr solche, die irgendein Weib annehmen knnte, das sich selbst
achtet.

(Dr. Valentine schlgt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um,
als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annhme und von ihren
Grundstzen entzckt und beruhigt wre:) Oh, da haben wir denn schon
einen Punkt gemeinsamer Sympathie!  Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die
heutigen Eheeinrichtungen sind hchst ungerecht.  (Er nimmt seinen Hut
ab und wirft ihn frhlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich fr mein
Teil mchte all diesen Unsinn loswerden.  (Er setzt sich so unbefangen
neben sie, da sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und
fhrt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich,
da ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um
verdchtigt zu werden, da sie Heiratsabsichten haben?  Als ob es
keine andern Interessen gbe--keine andern Unterhaltungsmglichkeiten--
als wenn die Frauen zu nichts Besserem fhig wren!

(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und
vernnftig zu sprechen, Herr Doktor!

(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen ber den Erfolg
seiner Jgerlist:) Selbstverstndlich!  Zwei intelligente Menschen wie
wir...!  Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen
gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden
zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklrten, hellen
Geist?

(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu
begegnen.

(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm...  Es gibt eine Menge Menschen in
England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindschtige
Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira.

(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfllt:) Oh, in Madeira sind
alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale
Geschpfe!  Ich hasse Schwche; und ich hasse Sentimentalitt!

(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern knnen!

(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern?

(Dr. Valentine.) Ja.  Strke ist ansteckend.

(Gloria.) Schwche ist es--das wei ich.

(Dr. Valentine mit berzeugung:) Sie sind stark!  Wissen Sie, da Sie
mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben?  Ich war schwermtig
und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte
mich ber die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet!  (Ihre
Stirn bewlkt sich ein wenig.  Er fhrt rasch fort:) Das war natrlich
albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir!  Erklren
Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zgert und sucht nach
einem gengend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt,
meine Muskeln spannten sich, mein Geist klrte sich, mein Mut wuchs.
--Das ist sonderbar, nicht wahr?  Wenn man bedenkt, da ich durchaus
kein sentimentaler Mensch bin.

(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurck an den Strand.

(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, dster:) Wie?  Sie haben das auch?

(Gloria.) Was?

(Dr. Valentine.) Angst.

(Gloria.) Angst?...

(Dr. Valentine.) Ja, da irgend etwas geschehen knnte.  Es kam
pltzlich ber mich, gerade ehe Sie vorschlugen, da wir weglaufen
sollten zu den andern.

(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar!  Ich hatte
dasselbe Gefhl.

(Dr. Valentine.) Wie merkwrdig!  (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir
fliehen?

(Gloria.) Fliehen?...  O nein, das wre kindisch!  (Sie setzt sich
wieder.  Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster
Sympathie.  Nachdenklich und etwas verwirrt fgt sie hinzu:) Ich wte
aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklrung fr solche
gelegentlichen Einbildungen.

(Dr. Valentine.) Ja, die mchte ich zuweilen auch gern wissen.  Es ist
ein merkwrdig hilfloses Gefhl--nicht wahr?

(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?...

(Dr. Valentine.) Ja.  Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns
jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehren und zu tun, was wir fr
richtig und vernnftig halten--pltzlich ihre groe Hand erhbe und
uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern
Willen, auf ihre eigene Weise fr ihre eigenen Zwecke dienstbar zu
machen?

(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch?

(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen bergang zu einem Ton
uerster Sorglosigkeit:) Das wei ich nicht--ich frage nicht danach!
(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Frulein Clandon--Frulein Clandon--wie
konnten Sie nur!

(Gloria.) Was hab' ich getan?

(Dr. Valentine.) Diese Verzckung in meine Seele schleudern!--Ich
bemhe mich aufrichtig, vernnftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie
immer Sie mich wnschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit
Sie meine Phantasie erfllt haben?!

(Gloria mit emprter verachtungsvoller Hrte:) Ich hoffe, da Sie
nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von...  "Liebe" zu
sprechen!

(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwche in Abrede zu
stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe!  Wir sind zu gescheit, an so
was zu denken!  Wir wollen es Chemie nennen!  Sie knnen nicht leugnen,
da es so etwas wie eine chemische Ttigkeit, eine chemische
Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt.  Sie ist die
unwiderstehlichste aller Naturkrfte...  Nun, Sie ziehen mich
unwiderstehlich an--chemisch.

(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn!

(Dr. Valentine.) Natrlich ist das Unsinn, dummes Mdel!  (Gloria
weicht mit emprter berraschung zurck.) Ja, ein dummes Mdel sind
Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache!  Sie sind ein
eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister!  Das sind Sie!  (Er
erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--fr immer!
(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.)

(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer
Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie
wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im
geringsten beleidigt.  (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.)
Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler
aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde
mich so ungeheuerlich miverstehen wie Sie!  Ich habe viele
Fehler--sehr groe Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist
es das, was Sie einen Philister nennen.

(Sie pret ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und
herausfordernd an, whrend sie gefater ist denn je.)

(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurck, um Gloria mit
mehr Nachdruck gegenber zutreten:) O doch, das sind Sie!  Mein
Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung
sagt es mir.

(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, da
Ihr Verstand und Ihr Gefhl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar
sind--ich hoffe es wenigstens.

(Dr. Valentine.) Ich mu diesen aber glauben.  Es sei denn, Sie
wollten, da ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und
meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle ber Ihre Person die
ungeheuerlichsten Lgen erzhlen.

(Gloria, deren Fassung anfngt nachzulassen:) Lgen?...

(Dr. Valentine hartnckig:) Ja, Lgen.  (Er setzt sich wieder neben
sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, da Sie das schnste Weib der
Erde sind?  Erwarten Sie das von mir?

(Gloria.) Das ist lcherlich und etwas persnlich noch dazu.

(Dr. Valentine.) Natrlich ist es lcherlich!--Aber es ist das, was mir
meine Augen sagen.  (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen
Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch,
da ich meinen Augen nicht traue.  (Sie schmt sich darber, da ihr
das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, da ich hier sitzen und
wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine
Schwche nichts von mir wissen wollen?

(Gloria beginnt einzusehen, da sie, um standhaft zu bleiben, kurz und
bndig sprechen mu:) Warum sollten Sie das wohl, bitte?

(Dr. Valentine lt absichtlich eine Gefhlsbewegung in seiner Stimme
zittern:) Natrlich werde ich das nicht!  Ich bin kein solcher Esel!
--Und doch sagt mir mein Herz, da ich heulen wrde--mein nrrisches
Herz.  Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es
zur Vernunft bringen.  Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der
Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen...  Ist ja doch auch ganz
leicht, vernnftig zu sein...  Tatsachen sind Tatsachen.  Wo sind wir
hier?  Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel!  Die Zeit ist nicht
die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags.  Was bin ich?  Ein
Zahnarzt--ein Fnf-Schilling-Zahnarzt!

(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister.

(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht
ertragen!  Eine Illusion mu mir bleiben--die Illusion ber Sie!  Ich
liebe Sie.  (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu
berhren, nicht lnger widerstehen knnte.  Sie erhebt sich zornig und
ist auf der Hut.  Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt
zurck.) Oh, was bin ich fr ein Narr--was fr ein Idiot!  Sie
verstehen mich nicht...  Ich knnte ebensogut zu den Steinen am Strand
sprechen!  (Er wendet sich entmutigt ab.)

(Gloria beruhigter infolge seines Rckzuges und etwas reuig:) Es tut
mir leid.  Ich mchte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was
soll ich sagen?

(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurck, und an die Stelle seines
Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:)
Sie knnen nichts sagen, Frulein Clandon.  Verzeihen Sie mir.  Ich
allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt.
Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern mchten.  (Sie ist
im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebrden:
) Oh, ich wei--Sie drfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern mgen
oder nicht; aber--

(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundstzen:) Ich darf nicht?...
Warum nicht?...  Ich bin ein freies Weib!  Warum soll ich es Ihnen
nicht sagen drfen?

(Dr. Valentine weicht ngstlich zurck; bittend:) Nicht!  Ich knnte
es nicht ertragen!

(Gloria nicht lnger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu
frchten.  Ich halte Sie fr sentimental und fr ein wenig
berspannt--aber ich habe Sie gern.

(Dr. Valentine fllt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles
vorber!  (Er ist ein Bild der Verzweiflung.)

(Gloria nhert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn?

(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht gengt!  Jetzt, wo ich ernstlich
darber nachdenke, wei ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder
nicht.

(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir
leid.

(Dr. Valentine.  Im Schmerz zurckgehaltener Leidenschaft:) Oh,
bemitleiden Sie mich nicht!  Ihre Stimme zerreit mir das Herz!
Lassen Sie mich allein, Gloria.  Sie whlen mich in meinen tiefsten
Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den
Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen--

(Gloria bricht pltzlich nieder:) Oh, hren Sie auf mir zu sagen, was
Sie fhlen: ich kann es nicht ertragen!

(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme
klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah!  Er ist endlich gekommen--der
Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Hnde; sie blickt ihn
entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes!  (Er ziebt sie an sich,
kt sie mit ungestmer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen,
Gloria--es ist alles vorber--wir sind ineinander verliebt!  (Sie kann
nur nach Luft ringen.) Aber was fr ein Ungeheuer waren Sie, und was
fr ein Hasenfu bin ich gewesen!

(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine!

(Dollys Stimme.) Doktor Valentine!

(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir.  (Er kt ihr
rasch die Hnde und luft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden
Frau Clandon begegnet.  Gloria, ganz verloren, kann ihm nur
nachstarren.)

(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor.  (Sie siebt sich
ngstlich um:) Ist er fort?

(Dr. Valentine verwirrt:) Er?...  (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan!
--Der ist schon lngst fort, Frau Clandon.  (Er luft in gehobener
Stimmung die Stiegen hinunter.)

(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter!

(Frau Clandon strzt ngstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein
Kind?

(Gloria mit tief bekmmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich
nicht ordentlich erzogen, Mutter?

(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein mglichstes getan!

(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts!

(Frau Clandon.) Was ist mit dir?

(Gloria mit dem grten Nachdruck:) Ich schme mich--schme
mich--schme mich--(Da sie unertrglich errtet, bedeckt sie ihr
Gesicht mit den Hnden und wendet sich von ihrer Mutter ab.)

(Vorhang)




DRITTER AKT

(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im
Marinehotel gemietet haben.  Eine bis auf den Fuboden reichende
zweiflgelige Fenstertr fhrt in den Garten.  In der Mitte des
Zimmers steht ein massiver, von Sthlen umgebener Tisch, der mit einer
kastanienbraunen Decke bedeckt ist.  Kostspielig eingebundene Hotel-
und Eisenbahnfhrer liegen darauf.  Ein Besucher, der durch die
Fenstertr kme und zu diesem Mitteltisch ginge, wrde den Kamin zu
seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner
Rechten, in der Nhe die Tr, die weiter hinten ist.  Er wrde, wenn
dies seiner Geschmacksrichtung entsprche, die pflaumen- und
bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel
und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern
knnen.  Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf
Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Unterstzen aus
poliertem schwarzem Holz.  Zunchst der Vase, in der nchsten Nhe des
Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tr aus
Holzmosa[*or i?]k verschliet und dessen durch gewlbte Glasscheiben
abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weiem
Steingutgeschirr schtzen.  Ein Teetisch aus Bambusrohr mit
zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenber auf der andern Seite
des Fensters.--An den Wnden hngen Bilder, gemalte Ozeandampfer und
Hunde von Landseer.  In einer Linie mit der Tre, aber auf der andern
Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich
stehen zwei bequeme dazu passende Sthle.  ber dem Fenster ist
eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune
Ripsvorhnge mit mattgrnen Zierborten hngen.  Kurzum, ein Zimmer,
das danach eingerichtet ist, den Gefhlen des Bewohners von seiner
eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der tglichen Ausgabe
eines ganzen Pfundes fr die Bentzung auszushnen.)

(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen.  Gloria
lehnt am Fenster und starrt in gequlter Trumerei ins Weite.  Die Uhr
auf dem Kaminsims schlgt Fnf mit schwachem Klirren, da die Glocke
gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist,
nicht aufkommen kann.)


(Frau Clandon.) Fnf!  Ich glaube, wir brauchen nicht lnger auf die
Kinder zu warten; sie trinken gewi auer Haus Tee.

(Gloria mde:) Soll ich klingeln?

(Frau Clandon.) Ja, mein Kind.

(Gloria geht an den Kamin und klingelt.)

(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig.  Gott sei
Dank!

(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den
Stuhl ihrer Mutter:) Was fr Korrekturen?

(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten
Jahrhunderts".

(Gloria mit einem bittern Lcheln:) Es fehlt noch ein Kapitel.

(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstbern:) Glaubst du?...
doch nicht.

(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes.  Vielleicht werde ich es fr
dich schreiben--sobald ich erst den Schlu wei.  (Sie geht an das
Fenster zurck.)

(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Rtsel?

(Gloria.) O nein! das alte Rtsel.

(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter
einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind--

(Gloria zurckkommend:) Ja?

(Frau Clandon>) Du weit, da ich niemals Fragen stelle.

(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich wei, ich wei!  (Sie wirft
pltzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe
leidenschaftlich.)

(Frau Clandon sanft Lchelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst
ganz sentimental!

(Gloria zurckfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh!  (Sie erhebt
sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob
sie sich losrisse.)

(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen?  Was--(Der
Kellner kommt mit dem Teebrett herein.)

(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gndige Frau?

(Frau Clandon.) Ja, ich danke.  (Sie wendet ihren Stuhl vom
Schreibtisch fort und setzt sich wieder.)

(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht
in einen Stuhl.)

(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das
habe ich mir gedacht, gndige Frau.  Sonderbar, wie die Nerven
nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen.  (Er holt den Teetisch und
setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und
das gndige Frulein sind eben zurckgekommen, gndige Frau.  Sie
waren in einem Boote auf dem Meer.  Sehr angenehm an einem schnen
Nachmittag wie heute, sehr krftigend.  (Er nimmt nun das Teebrett vom
Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt
nicht zum Tee, gndige Frau.  Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu
besuchen.  (Er nimmt zwei Sthle und setzt sie rechts und links vom
Teetisch hin.)

(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?...

(Der Kellner verfllt unbewut einen Augenblick in die Tonart eines
Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt,
gndiges Frulein--oh, der kommt.  Er hat gerudert und ist eben in die
Apotheke gelaufen, sich etwas fr seine wunden Handflchen geben zu
lassen.  Aber er mu gleich hier sein, gndiges Frulein!

(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und luft zur Tr.)

(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau
Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.)

(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefllig, gndige Frau?

(Frau Clandon.) Nein, danke.

(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gndige Frau.

(Als er sich zurckziehen will, kommen Philip und Dolly in
frhlichster Laune bereingestrmt; er hlt ihnen die Tr auf, geht
dann hinaus und schliet sie.)

(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee!  (Frau Clandon schenkt
ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen.  Dr.
Valentine wird gleich da sein.

(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewhnt.--Wo ist Gloria?

(Frau Clandon ngstlich, whrend sie ihm Tee eingiet:) Phil, mit
Gloria ist etwas los.  Ist etwas passiert?  (Philip und Dolly sehen
einander mit unterdrcktem Lachen an.) Was ist es?

(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo--

(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia!

(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die
alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch.  (Er reit
ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Frhling--

(Dolly)--kann eines Jnglings Phantasie--

(Philip)--leicht Liebesblten treiben...  Ich danke.  (Zu Frau Clandon,
die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt brigens auch im Herbst
vor.  Diesmal ist der Jngling--

(Dolly.) Doktor Valentine.

(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Mae gehuldigt, da
er sie--

(Dolly)--gekt hat--

(Philip.)--auf der Terrasse--

(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten!

(Frau Clandon unglubig:) Phil--Dolly--spat ihr?  (Sie schtteln den
Kopf.) Hat sie es geduldet?

(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden
geschmettert zu sehen--

(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen--

(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein.

(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten...  (Sie fllt Philip, der
im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugieen, in den Arm:) Nein,
du hast die zweite Tasse abgeschworen!

(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr drft nicht hier sein,
wenn Doktor Valentine kommt.  Ich mu darber sehr ernst mit ihm
sprechen.

(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?...  Was fr eine
Verletzung der "Grundstze des zwanzigsten Jahrhunderts"!

(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama!  Stelle ihn zur Rede.  Schlage
soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange
es dauert.

(Philip.) Sch! er kommt!

(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich versptet zu haben,
Frau Clandon.  (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich
trinke niemals Tee.  Frulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon
erzhlt, was mir passiert ist.

(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzhlt.

(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama
sehr genau erzhlt.

(Philip.) Es war unsere Pflicht.  (Sehr ernst:) Komm, Dolly!  (Er
bietet Dolly seinen Arm, die sich einhngt.  Sie sehen Dr. Valentine
mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus.  Dr. Valentine sieht
ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine
Erklrung bittend an.)

(Frau Clandon erhebt sich und verlt den Teetisch:) Wollen Sie
geflligst Platz nehmen, Herr Doktor.  Ich mchte etwas mit Ihnen
besprechen, wenn Sie erlauben.  (Dr. Valentine setzt sich langsam auf
die Ottamane nieder.  Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme
Viertelstunde.  Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich
bedchtig in gemessener Entfernung.) Ich mu zunchst ein wenig
Nachsicht fr mich erbitten.  Ich bin im Begriff, ber einen
Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts
verstehe.  Ich meine--Liebe.

(Dr. Valentine.) Liebe!

(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt
dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt.

(Dr. Valentine berwltigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es
wrde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es wren.

(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt,
jetzt nach damit anzufangen.

(Dr. Valentine.) Anzufangen?!...  Haben Sie nie--?

(Frau Clandon.) Niemals.  Mein Schicksal ist sehr alltglich gewesen.
Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich
eigentlich tat.  Wie Sie sich selbst berzeugt haben, war die Folge
davon eine bittere Enttuschung fr uns beide, fr meinen Mann und fr
mich.  So kommt es, da ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals
verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige
Liebesangelegenheit gehabt.  Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr
Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe,
hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen.
(Dr. Valentine, der sehr verdrielich dreinschaut, blinzelt skeptisch
nach ihr hin und sagt nichts.  Sie errtet ein wenig und fgt mit
unterdrcktem rger hinzu:) Sie glauben mir nicht.

(Dr. Valentine bestrzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber,
warum denn nicht... warum nicht?

(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, da ein der
Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften
kennt, die bei weitem die selbstschtigen Verblendungen und
Sentimentalitten eines Liebesromanes bersteigen.  Ihre
Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr?  (Dr.
Valentine wei wohl, da Frau Clandon ihn deswegen geringschtzt, und
antwortet negativ mit melancholischem Kopfschtteln.) Ich dachte mir's.
--Nun, dafr bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten
Herzensangelegenheiten besprechen mu, in denen Sie ein Fachmann zu
sein scheinen.

(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon?

(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es.

(Dr. Valentine.) Gloria?

(Frau Clandon.) Ja, Gloria.

(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria.
(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich wei
schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld.

(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Mtter,
die mit mir gesprochen haben.

(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor!  Sie
sind ein alter Praktikus!  (Er ffnet die Lippen, um zu widersprechen.
Sie unterbricht ihn mit einiger Entrstung:) Oh, glauben Sie doch
nicht, da ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu
wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--da ein Mann, der
bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit
kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann!

(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen--

(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr
Doktor.  Es war Glorias Sache, sich selbst zu schtzen, und Sie haben
das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten.

(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?...  Oh, Frau Clandon!

(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie
es ernst?

(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst!
(Sie sieht ihn forschend an.  Sein Sinn fr Humor bricht bei ihm durch,
und er fgt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst
gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen!

(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte.  (Streng:) Herr
Doktor, Sie sind einer von den Mnnern, die mit den Gefhlen der
Frauen spielen.

(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der
Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden?  Aber ich verstehe.
(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit frmlicher Hflichkeit:) Sie
wnschen, da ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle.

(Frau Clandon.) Nein.  Ich bin klug genug zu wissen, da fr Gloria
die beste Mglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser
kennen zu lernen.

(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau
Clandon!  Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein?

(Frau Clandon.) Ich habe groes Vertrauen zu der gesunden Schule, die
Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat.

(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht!
(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut bermtig beiseite, mit
der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu frchten hat.)

(Frau Clandon emprt ber seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das?

(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch
etwas lehren, Frau Clandon?

(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen.

(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschtzkunst--Artillerie,
Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon?

(Frau Clandon.) Hat die Geschtzkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen?

(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erluterung nmlich.--Whrend dieses
ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf
zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von
kugelsichern Panzerplatten.  Man baut ein Schiff, das gegen die besten
Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet
jemand ein besseres Gescho und bringt das Schiff zum Sinken.  Sofort
baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone
undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres
Gescho und bringt das Schiff wieder zum Sinken.  Und so weiter.--Nun,
der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise.

(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?...

(Dr. Valentine.) Ja.  Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter
gehrt, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht!  Sie sind lange
in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen.
Brauche ich ihn zu erklren?

(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein.

(Dr. Valentine.) Natrlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem
Geschlechterzweikampf?...  Die altmodische Mutter bekam eine
altmodische Erziehung, um gegen die Rnke des Mannes gerstet zu sein.
Gut.  Sie kennen das Resultat.  Der altmodische Mann hat sie
herumgekriegt.  Die altmodische Frau entschlo sich nun, ihre Tochter
wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der
altmodische Mann nicht aufkommen knnte.  Sie gab ihrer Tochter
deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System!  Diese neue
Ausrstung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei
nicht gerecht, unweiblich und wei Gott was alles.  Aber das half ihm
nichts, und so mute er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie
wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam
schwren--und so weiter.

(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen.

(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natrlich,
es war das Weib!--Nun gut.  Was hat der Mann getan?  Genau dasselbe,
was der Kanonengieer tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau,
bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau
so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte.  Ich war
noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die
frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, da
man das herausgefunden hat.  Sie sehen, meine Methoden sind grndlich
modern.

(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos.

(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Mdchensorte, gegen
die diese Methode nutzlos ist.

(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das?

(Dr. Valentine.) Das grndlich altmodische Mdchen.  Wenn Sie Gloria
in der ehemals blichen Weise erzogen htten, so wrde ich achtzehn
Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag
in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die
Frauenemanzipation hat Gloria in meine Hnde geliefert, und Sie waren
es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat.

(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit.

(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon!

(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt.  Adieu.

(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen,
bevor ich gehe?

(Frau Clandon.) Ich frchte, sie wird erst zurckkommen, wenn Sie
gegangen sind, Herr Doktor.  Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um
Ihnen auszuweichen.

(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen.  Adieu.  (Er
verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tr.)

(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das fr ein gutes Zeichen?

(Dr. Valentine dreht sich in der Nhe der Tr um:) Weil ich eine
Todesangst vor ihr habe; und es scheint, da sie eine Todesangst vor
mir hat.  (Er will nun gehen, steht aber an der Trschwelle pltzlich
Gloria gegenber, die eben eingetreten ist.  Sie sieht ihm standhaft
ins Auge.  Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau
Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen auer Fassung.)

(Gloria bleich und sich nur mhsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr,
was Dolly mir gesagt hat?

(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind?

(Gloria.) Da du mit diesem Herrn ber meine Angelegenheiten
gesprochen hast?

(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh!

(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--knnen Sie einen Augenblick
schweigen?  (Er blickt sie klglich an, dann geht er mit einem
verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurck und wirft seinen Hut
darauf.)

(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du
fr ein Recht dazu?

(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein
Recht gehabt htte, Gloria.

(Dr. Valentine besttigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das
geringste.  (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entrstung an.)
Verzeihen Sie.  (Er setzt sich beschmt auf die Ottomane.)

(Gloria.) Ich glaube nicht, da irgend jemand das Recht hat, ber
Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen.  (Sie wendet
sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.)

(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben
sollte--

(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort!
Ich wei jetzt, da ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein
knnte.  (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht
selbst zu beschtzen wei, die kann niemand beschtzen.  Niemand ist
auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter!  Ich
wei, da ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die
Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie hlt inne, um einen Seufzer
zu unterdrcken.)

(Dr. Valentine sthnend:) Dieses Mannes--!  (Er murmelt wieder:) Oh!...

(Frau Clandon mit gedmpfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr
Doktor.

(Gloria fhrt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner
Schande allein zu bleiben.  Ich bin eins von jenen schwachen
Geschpfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge
auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich mu mein Schicksal
erfllen.  Erspare mir wenigstens die Demtigung deiner
Rettungsversuche.  (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an
das entferntere Ende des Tisches.)

(Dr. Valentine aufspringend:) Hren Sie mal--

(Frau Clandon.) Herr Dokt--

(Dr. Valentine unbekmmert:) Nein!  Ich will sprechen!  Ich habe
nahezu dreiig Sekunden geschwiegen.  (Er geht zu Gloria hin:)
Frulein Clandon--

(Gloria bitter:) Oh--nicht Frulein Clandon--Sie wissen ja, da man es
sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen.

(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht.  Sie werden mir es nachher
vorwerfen und mich der Miachtung beschuldigen.  Es ist eine
herzzerreiende Lge, da ich Sie nicht achte.  Es ist wahr, da ich
Ihren frheren Stolz nicht geachtet habe.  Warum sollte ich es auch?
Er war nichts als Feigheit.  Ich habe Ihren Verstand nicht
geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine mnnliche
Spezialitt.  Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewhlt hatten!
--als mein groer Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer
machten!--ah, da, da, da!

(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie.

(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an!  (Sie erhebt
sich rasch und wendet ihm den Rcken zu.) Und diesen Augenblick werden
Sie mir niemals nehmen knnen.  So--nun ist mir einerlei, was
geschieht!  (Er geht auf und ab und stt einen frohen Ausruf aus, mit
dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich wei sehr gut, da ich
Unsinn rede--aber ich kann nicht anders.  (Zu Frau Clandon:) Ich liebe
Gloria--und damit basta!

(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr
gefhrlicher Mensch.  Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig
ber diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts
von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite.
Frau Clandon spricht nun mit nachdrcklichem Hohn:) Frage diesen Mann,
den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor
dir getan haben.  (Gloria sieht pltzlich mit einem Aufflammen
eiferschtigen rgers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt
hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben
Redensarten gekdert hat; wieviel bung er als Duellant im Zweikampf
der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht.

(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon!  Sie. ntzen mein
Vertrauen aus!

(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria!

(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Fusten auf ihn los:)
Ist das wahr?!

(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht bse--

(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?!  Haben Sie das
alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon
empfunden?... fr eine andere Frau?

(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja.

(Gloria erbebt ihre geballten Hnde.)

(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und hlt ihre erhobenen
Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergit dich!

(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam
auf:)

(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Fhigkeit zur Liebe und
zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Fhigkeiten: er mu sie oft
weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist.

(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten.
Gloria, nimm dich in acht!

(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh!

(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:)
Glaubst du, da ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche?  (Zu Dr.
Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben!

(Dr. Valentine.) Jawohl.

(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, da ich Sie
hasse--leidenschaftlich hasse!

(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist berraschend, wie klein doch der
Unterschied zwischen Ha und Liebe ist.  (Gloria wendet sich entrstet
von ihm ab.  Er fhrt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen,
die ihre Mnner lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen.

(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber wre es nicht
besser, Sie gingen?

(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken!  Er ist
mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amsieren.  (Sie
setzt sich mit geringschtziger Gleichgltigkeit an den Tisch, in die
Nhe des Fensters.)

(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht!  Das ist die vernnftige Art,
es aufzufassen.  Gehen Sie, Frau Clandon Sie knnen einem bloen
Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich bse sein.

(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor;
aber ich will nicht annehmen, da Ihre beklagenswert leichtsinnige
Veranlagung einzig schamlos und nichtswrdig ist--

(Gloria fr sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswrdig!

(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und
Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die bliche
Weise zu beenden.

(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das grte Kompliment gemacht htte:)
Sie sind zu liebenswrdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen!

(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gndige Frau.

(Frau Clandon.) O gewi! ich lasse bitten.

(Der Kellner.) Er lt fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen
drfte, gndige Frau.

(Frau Clandon.) Warum nicht hier?

(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gndige Frau: ich glaube,
Herr McComas fhlt, er htte leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in
Abwesenheit der jngeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen knnte,
gndige Frau.

(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, da die Kinder nicht hier sind.

(Der Kellner.) Sie behalten die Tr im Auge, gndige Frau, und passen
scharf auf aus irgendeinem Grunde.

(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen.

(Der Kellner hlt ihr die Tr auf:) Ich danke, gndige Frau.  (Sie
geht hinaus.  Er kommt ins Zimmer zurck und begegnet dem Auge Dr.
Valentines, der wnscht, da er sich entferne.) Sofort, Herr
Doktor--nur das Teegeschirr.  (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen
Sie, Herr Doktor--ich danke sehr.  (Er gebt hinaus.)

(Dr. Valentine zu Gloria:) Hren Sie!  Frher oder spter werden Sie
mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich.

(Gloria erbebt sich, um ihre Erklrung an ihn intensiver zu machen:)
Niemals! so lange Gras wchst und Wasser fliet--nie--nie--nie!

(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut.  Mich kann nichts unglcklich
machen--ich werde nie wieder unglcklich sein, nie, nie, nie, so lange
Gras wchst und Wasser fliet!!  Der Gedanke an Sie wird mich immer
mit jauchzender Freude erfllen.  (Ein hhnisches Wort ist auf ihren
Lippen.  Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner
gesagt...  Das ist das erstemal!

(Gloria.) Wenn Sie es der nchsten Frau sagen, wird es nicht zum
ersten Male sein!

(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht!  (Er kniet vor ihr nieder.)

(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf!  Wie knnen Sie es wagen?

(Philip und Dolly strzen, wie gewhnlich um die Wette laufend, ins
Zimmer.  Sie prallen zurck, als sie sehen, was vorgeht.  Dr.
Valentine springt auf.)

(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly.  (Er wendet sich
um und will geben.)

(Gloria gergert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil.
(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie.  (Sie geht an das Fenster und
sieht, mit dem Rcken gegen die andern, hinaus.)

(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm...

(Dolly.) Aha!

(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor?

(Dr. Valentine.) Das bin ich auch.  (Er tritt zwischen sie:) Nun so
hren Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht
wahr?  (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue
Beleidigung.)

(Dolly.) Alles.

(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei.  Ich wurde
abgewiesen--verachtet.  Ich werde hier nur noch geduldet.  Sie
verstehen doch?... es ist alles vorbei.  Ihre Schwester will von
meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal
geruhen, auch nur das kleinste Interesse fr mich zu haben.  (Gloria
ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist
das klar?

(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt.

(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts
daraus--nicht einmal Ihre Seele wre Ihr Eigentum geblieben, wenn
Gloria Sie geheiratet htte.  Sie knnen jetzt ein neues Kapitel Ihres
Lebens beginnen.

(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefhr, nicht wahr?

(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen
Sie nicht solche Sachen!  Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art
richten das grte Unglck an.

(Dolly.) O wirklich?  Hm hm!

(Philip.) Aha!  (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner
gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.)

(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein,
deren erste Sorge Gloria ist.  Sie blickt suchend umher und ist im
Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit
deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen.  Endlich
setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl.
McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.)

(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes...  Finch?

(McComas dster:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem

Vater.  Frulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten.  (Er gebt zur
Ottomane und setzt sich.)

(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich
rechts neben ihn.)

(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.

(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor!  Sie geht die Sache sehr an.
(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich
rittlings, ber den Rcken gelehnt, in die Nhe der Ottomane.) Frau
Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht ber seine zwei jngeren
Kinder, die nicht majorenn sind, fr sich.

(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly
um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.)

(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm!  Er hat uns lieb, Mama!

(McComas.) Es tut mir leid, Sie darber eines Besseren belehren zu
mssen, Frulein Dorothea.

(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a!  (Lehnt sich ganz
berwltigt an seine Brust:) O Finch!

(McComas nervs wegrckend:) Nein! nein--nein! nein!

(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly!  (Zu Mc Comas:) Laut
unserer Trennungsurkunde fllt mir die Aufsicht ber die Kinder zu.

(McComas.) Sie enthlt auch die Verpflichtung, da Sie sich ihm weder
nhern noch ihn in irgendeiner Weise belstigen drfen.

(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan?

(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer jngeren Kinder dem Gesetze nach eine
Belstigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat
entscheiden mte.  Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur
belstigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, da er planmig
hergelockt wurde und da Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter
die Hand im Spiel gehabt hat.

(Dr. Valentine.) Was?... wie??...

(McComas.) Er behauptet, da Sie ihn betubt haben, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan.  (Sie sind erstaunt.)

(McComas.) Aber zu welchem Zweck?

(Dolly.) Um fnf Schillinge extra zu verdienen!

(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich mu Sie wirklich bitten,
Frulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch
ungehrige Unterbrechungen zu stren.  (Heftig:) Ich bestehe darauf,
da ernste Angelegenheiten ernst und wrdig besprochen werden!
(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die
selbst Herrn McComas aus dem Text bringt.  Er hustet und beginnt von
neuem, sich an Gloria wendend:) Frulein Clandon: ich habe ferner die
Pflicht, Ihnen zu sagen, da Ihr Vater auch die berzeugung gewonnen
hat, da Dr. Valentine Sie zu heiraten wnscht.

(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wnsche ich auch.

(McComas beleidigt:) Dann drfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor,
wenn der Vater der jungen Dame Sie fr einen Mitgiftjger hlt.

(Dr. Valentine.) Das bin ich auch!  Glauben Sie, da eine Frau von
meinen Einknften leben kann?  Einen Schilling pro Woche?

(McComas emprt:) Ich habe nichts mehr hinzuzufgen, Herr Doktor.  Ich
werde zu Herrn McNaughtan zurckkehren und ihm sagen, da diese
Familie kein Ort fr einen Vater ist.  (Er gebt zur Tr.)

(Frau Clandon mit ruhiger Wrde:) Finch!  (Er bleibt stehen:) Wenn der
Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie knnen es.  Setzen Sie sich.
(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Wrde und seiner Freundschaft
unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau
Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, da all dies eine Komdie ist und
da Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie.  Geben Sie mir
jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat.
Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut.  Ich verspreche
Ihnen, da die Kinder sich ruhig verhalten werden.

(McComas fgt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen mchte, ist dies.  Nach
der alten bereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr
Mann furchtbar benachteiligt.

(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf?

(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewhnt, die
ffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt ber Sie
sagen knnte, keinerlei Rcksicht zu nehmen.

(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig!  (Gloria beugt sich
vor und kt ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie
uerst verwirrt.)

(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen groen
Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte.  Er mute
Rcksicht auf sein Geschft sowohl wie auf die Vorurteile seiner
altmodischen Familie nehmen.

(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwhnen.

(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon.

(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos.

(McComas.) War es aber ausschlielich seine Schuld?

(Frau Clandon.) War es die meine?

(McComas rasch:) Nein, selbstverstndlich nicht.

(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich,
Herr McComas.

(McComas.) Mein liebes Frulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber
ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe
eingeht--dafr kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufllige
Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglck
der huslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist,
warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist
als gar keine Frau--woran sie natrlich unschuldig sein kann--ist es
da gar so erstaunlich, da er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er
ihr Vorwrfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich
zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht?

(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwrfe gemacht, ich habe einfach
mich und die Kinder von ihm befreit.

(McComas.) Ja.  Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau
Clandon.  Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie
gedrckt, als Sie damit drohten, die Sache zu verffentlichen, indem
Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen.  Nehmen Sie
an, er htte diese Macht ber Sie gehabt und dazu bentzt, Ihre Kinder
von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, da Sie bis auf Ihren
Namen vergessen wren... was wrden Sie dabei fhlen?...  Was wrden
Sie tun?...  Wollen Sie nicht auch seinen Gefhlen etwas Nachsicht
zeigen--? aus reiner Menschlichkeit?

(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefhle bei ihm entdeckt.  Ich habe sein
heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles brige
seiner gewhnlichen Menschlichkeit.

(McComas gedankenvoll:) Frauen knnen sehr hart sein, Frau Clandon.

(Dr. Valentine.) Das ist wahr!

(Gloria zornig:) Schweigen Sie!  (Er fgt sich.)

(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine
letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon.  Glauben Sie mir, es gibt
Mnner, die sehr viel Gefhl, ja Gte haben, die aber unfhig sind,
sie auszudrcken.  Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener blo
uere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten
zu erweisen und auf reizende liebenswrdige Art unaufrichtige
Komplimente zu machen.  Wenn Sie in London lebten, wo die ganze
Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist
und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein knnen, ohne
herausgefunden zu haben, da er Sie hat wie Gift, dann wrden Ihnen
die Augen bald aufgehen.  Dort tut man unfreundliche Dinge auf
freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit ser Stimme; man gibt
seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stcke reit.  Aber
denken Sie an die Kehrseite der Medaille!  Denken Sie an die Leute,
die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Berhrung
schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen
durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu
verletzen und zu qulen, selbst dann noch, wenn sie sie vershnen
wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern...
McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat
keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein,
irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht
danach auf Treu und Glauben hinnimmt.  Soll er gar keine Liebe haben,
nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und
Blut?

(Dolly ganz gerhrt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen!

(Philip mit berzeugung:) Finch, das nenne ich
Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit!

(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance!  Behalten wir ihn zum
Essen!

(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch
gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir ber Fergus
zu sprechen.  Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich.

(McComas zu Gloria:) Frulein Clandon, ich habe bis jetzt davon
abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger
als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan
gesagt hat.

(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Strke der Mutter an die
Schwche der Tochter!

(McComas.) Nicht an Ihre Schwche, Frulein Clandon--ich wende mich
vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter.

(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu mitrauen.  (Mit einem
zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich knnte, ich wrde mir das
Herz aus dem Leibe reien und es fortwerfen.  Meine Antwort ist die
Antwort meiner Mutter!  (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie.
Aber Frau Clandon, unfbig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu
ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefhle zu
verletzen, nur kann.)

(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid.  Ich habe mein
Mglichstes getan.  (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster
Unzufriedenheit fortzugehen.)

(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch?  Was
verlangen Sie?...  Was sollen wir tun?

(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das
Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit
McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist.  Warum nun nicht
dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht
wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan
einholen, und zwar am besten sofort?  Der Einfachheit und
Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor...  Gleich heute
abend--was meinen Sie dazu?

(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell
bekommen?

(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen.  Auf
meinem Rckwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem
hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor
Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst berhmt gemacht hat.  Er
bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen
Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen.  Er war so freundlich, mir
sein Erscheinen fr den Fall zuzusagen, da es mir gelnge, eine
Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen.  Er wird uns mit
seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese
Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft
bentzen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will
versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen.  Bitte, stimmen Sie
zu!  Einverstanden?

(Frau Clandon nach einem Augenblick der berlegung, bedeutungsvoll:)
Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe,
mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen.  Ich wnsche nicht,
Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht
glaube, da eine Zusammenkunft irgendwie ntzen knnte.  (Sie erhebt
sich:) Aber da Sie die Kinder berzeugt haben, da er nicht ganz
hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt.

(McComas nimmt ihre Hand und schttelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau
Clandon.--Pat Ihnen neun Uhr?

(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte.

(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn
Dr. Valentine verschworen zu haben, dann wrde es, glaube ich, besser
sein, er wre zugegen.

(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht.  Ich halte
meine Anwesenheit fr uerst wichtig.

(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden.  Ich hege die
grten Hoffnungen auf eine glckliche Lsung.  Inzwischen leben Sie
wohl.  (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tr fr ihn
offen hlt.)

(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William.  Knnten wir
nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren?

(Der Kellner an der Tr:) Um sieben, gndige Frau?  Gewi, gndige
Frau.  Es wird sogar eine Erleichterung fr uns sein heut abend, wo so
viel zu tun ist.  Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu
arrangieren und sonst noch allerlei, gndige Frau.

(Dolly.) Illumination!

(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los?

(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gndiges Frulein.

(Dolly und Philip strzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?!

(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr.  Der Regatta-Klub gibt das Fest
zum Besten des Rettungsbootes.  (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft
solche Abende, gndige Frau; Lampions im Garten, sehr hbsch, sehr
lustig und harmlos--wirklich!  (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fnf
Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr.  Damen in
Herrenbegleitung zahlen die Hlfte.

(Philip erfat seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau,
William!

(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten
weg sind!  (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.)

(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor?  (Abgehnd:)
Ich mu wirklich nachsehen und sie zurckrufen.  (Sie folgt ihnen und
spricht im Abgeben weiter.)

(Gloria starrt Dr. Valentine khl an und sieht dann bedchtig auf ihre
Taschenuhr.)

(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben.
Ich gehe.

(Gloria mit berablassender Frmlichkeit:) Ich mu mich bei Ihnen
entschuldigen.  Ich bin mir bewut, etwas scharf... vielleicht grob
gegen Sie gewesen zu sein.

(Dr. Valentine.) Durchaus nicht.

(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, da es sehr schwer fllt,
jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen wrdeloser Charakter
weder Respekt noch Achtung fordert.

(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann wrdevoll auftreten, wenn
er verliebt ist?

(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil
abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen.  Es sind
Beleidigungen.

(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten.  Aber ich kann nichts dafr,
ich mu sie begehen.

(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt wren, wrden Sie nicht tricht
sein.  Liebe verleiht Wrde, Ernst, ja sogar Schnheit.

(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, da ich davon schn werden
wrde?  (Sie wendet ihm mit kltester Verachtung den Rcken.) Ah, Sie
sehen, da Sie es nicht ernstlich meinen!  Die Liebe kann dem Manne
keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er
geboren wurde, entwickeln und erhhen.

(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren,
wenn ich bitten darf?

(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens.

(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des
Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht.

(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im
Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne.  (Sie erbebt rgerlich den
Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe.  Um neun bin ich wieder da.  Adieu.
(Er luft lustig hinaus und lt sie in der Mitte des Zimmers zurck.
Sie starrt ihm nach.)

(Vorhang)




VIERTER AKT

(Das gleiche Zimmer.  Neun Uhr.  Niemand ist da.  Die Lampen sind
angezndet, aber die Vorhnge sind nicht zugezogen.  Das Fenster steht
weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der
Bume, darber ein sternbester Himmel.  Das Orchester im Garten
spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung bertnt.)

(Der Kellner tritt ein und fhrt McNaughtan und McComas in das Zimmer.
McNaughtan sieht ngstlich und gedrckt aus.  Er setzt sich mde und
mutlos auf die Ottomane.)


(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich
die Masken an.  Wenn Sie einstweilen gtigst Platz nehmen wollten--ich
werde sie rufen.  (Er ist im Begriff, durch die Fenstertr in den
Garten zu gehen, als ihn McComas aufhlt.)

(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, fhren
Sie ihn unverzglich herein.  Wir warten auf ihn.

(Der Kellner.) Zu Befehl.  Darf ich um seinen Namen bitten?

(McComas.) Er heit Boon.  Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen
also vielleicht seine Karte geben.  Wenn er es tut, so vergessen Sie
nicht, da sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.

[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr.  Bun) ausgesprochen.  Es
ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den
normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England
gekommen sind.  Der Name Boon ist alltglicher.  McComas sagt dem
Kellner, da er einen Herrn Bohun erwartet.  Da fllt ihm ein, da der
Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte fr Frau Clandon geben
wird, und da er annimmt, da William nicht wissen drfte, da der Name
Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie
der Name buchstabiert wird.  (Anm. des bers.)]

(Der Kellner lchelnd:) Da knnen Sie sich vollkommen auf mich
verlassen, gndiger Herr.  Ich heie selbst Boon, obgleich ich hier
fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin.  Eigentlich sollte
ich auch ein H. U. einfgen; aber es ist besser, wenn ich mir diese
Freiheit nicht herausnehme.  Meine Name wrde dann auf Normannenblut
hindeuten, gndiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung fr
einen Kellner.

(McComas.) Gut, gut.  "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen,
und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]

(Der Kellner.) Das hngt zum groen Teil von der Stellung ab, die man
im Leben einnimmt.  Wenn Sie Kellner wren, wrden Sie bald finden,
da Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen knnen wie
Normannenblut.  Ich finde es am zweckmigsten, wenn ich meinen Namen
B. OO. N. schreibe und meinen Verstand mglichst zusammennehme.--Aber
ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst
schuld daran.  Ich werde den Damen sagen, da Sie hier sind, gndiger
Herr.  (Er geht durch die Fenstertr in des Garten hinaus.)

(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?

(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein;
ich werde mein Mglichstes tun.

(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben.  Ich habe
Ihrer Familie gesagt, da sie ganz allein Schuld an allem trge.

(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, da ich einzig und allein der
Schuldige wre.

(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.

(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein
werden!

(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie
sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen.  Wenn
Sie fortfahren, solche unmgliche Bedingungen zu stellen, dann knnen
wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.

(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--

[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]

(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt
frage ich Sie aber ein fr allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen,
sich gut zu benehmen, nur bedeuten, da Sie nicht ohne Anla
aufbrausen wrden?  In diesem Falle...  (Er bewegt sich, als ob er
geben wolle.)

(McNaughtan jmmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch!  Ich bin
genug herumgestoen und geqult worden--ich verspreche Ihnen, mein
Mglichstes zu tun.  Aber wenn dieses Mdchen sich wieder erlauben
wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und
vergrbt den Kopf in die Hnde.)

(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn
Sie nur dulden und sich gedulden wollen.  Nehmen Sie sich zusammen, es
kommt jemand.

(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel
daraus zu machen, er verndert seine Stellung kaum.)

(Gloria kommt aus dem Garten.  McComas geht ihr bis an die Fenstertr
entgegen, so da er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehrt
zu werden.)

(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Frulein Clandon.  Seien Sie gut zu ihm.
Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen.  (Er geht in
den Garten.)

(Gloria tritt ein und geht khl bis in die Mitte des Zimmers.)

(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?

(Gloria gleichgltig, aber nicht unliebenswrdig:) Hinausgegangen, um
uns allein zu lassen.  Wahrscheinlich aus Zartgefhl.  (Sie bleibt
neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?

(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun,
Tochter?  (Sie betrachten einander einen Augenblick mit
melancholischem Humor.

(Gloria.) Reichen wir uns die Hnde.  (Sie reichen einander die Hnde.)

(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute
nachmittag leider zu sehr ungehrigen Worten ber deine Mutter
hinreien lassen.

(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht.  Ich bin heute selbst
sehr hochmtig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft
gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden!  (Sie setzt sich
neben seinen Stuhl auf den Boden.)

(McNaughtan.) Was ist dir zugestoen, mein Kind?

(Gloria.) O sprechen wir nicht davon!  Ich habe mich als die Tochter
meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht.  Ich bin die
Tochter meines Vaters.  (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer
Sturz--nicht wahr?

(McNaughtan rgerlich:) Was!  (Sie behlt ihren wunderlichen Ausdruck
bei.  Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, da
du recht hast... es wird wohl so sein.  (Sie nickt liebenswrdig.) Ich
frchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich wei immer, was
recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle...  Kannst
du das glauben?

(Gloria.) Das glauben?...  Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar!
Ich wei auch stets, was recht ist und meiner wrdig und stark und
edel--genau so gut, wie sie es wei.  Aber, ach! ich tue Dinge... und
ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!

(McNaughtan etwas mrrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es
wei"... du meinst deine Mutter!...

(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter.  (Sie wendet sich auf den Knien zu
ihm hin und ergreift seine Hnde.) Nun hren Sie mich an: keinen
Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie!  Sie steht ber
uns--ber Ihnen und mir--himmelhoch ber uns!--Sind Sie damit
einverstanden?

(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.

(Gloria ist nicht befriedigt, lt seine Hnde los und zieht sich von
ihm zurck:) Sie mgen sie nicht?

(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet
gewesen--aber ich!  (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit
wachsender Klte.) Sie hat mir ein groes Unrecht zugefgt, indem sie
mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles
Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst.  (Er reicht ihr
wieder die Hand.)

(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das
ist ein gefhrliches Thema.  Mit meinen Gefhlen, meinen elenden,
feigen, weiblichen Gefhlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit
meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.

(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind.
Ich danke dir.

(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorstzlich hochmtig.)

(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen,
einen Diener zu finden, mich anzumelden.  Selbst der unfehlbare
William scheint auf dem Maskenball zu sein.  Ich wre auch gern
hingegangen, mir fehlen aber die fnf Schillinge fr eine
Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan?  Besser--was?

(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen
dafr Dank schuldig zu sein.

(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Frulein
Clandon?  Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er
beschimpft mich dafr.

(Gloria kalt:) Ich bedaure, da meine Mutter nicht da ist, Sie zu
empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von
dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.

(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn
gesprochen.  (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Frulein
Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn frmlich
arbeiten hren.

(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?

(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den
Maskenball gegangen.

(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, da alle auf
diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer
Zusammenkunft einzuhalten.

(Dr. Valentine.) Oh, er wird pnktlich erscheinen--ich traf ihn schon
vor einer halben Stunde.  Ich mochte ihn nicht um fnf Schillinge
anpumpen und ihn begleiten, deshalb schlo ich mich dem Volke an und
habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Frulein Clandon durch
diese Glastr ins Hotel getreten war.

(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir ffentlich, um
mich anzustarren?

(Dr. Valentine.) Ja.  Man sollte mich anketten.  (Gloria wendet ihm
den Rcken zu und geht an den Kamin.  Er begegnet dieser
verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgltigkeit und begibt sich auf
die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)

(Der Kellner erscheint an der Fenstertr und fhrt Frau Clandon und
McComas herein.)

(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, da ich Sie alle
habe warten lassen!

(Ein majesttischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und
eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der
Glastr.)

(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine
Privatwohnung.  Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und
die Speisesle zeigen.  Hier, wenn ich bitten darf!

(Er tritt in den Garten zurck und zeigt den Weg in der berzeugung,
da der Fremde ihm folgen werde.  Der Riese geht jedoch direkt bis an
das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemchlichkeit
zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen
einrollt und das Bndel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer
seinen Handschuh fortschleudert.  Man erkennt jetzt einen starken
groen Mann, zwischen Vierzig und Fnfzig.  Er ist glattrasiert und
von einer Blsse, die durch nchtliches Studium verursacht ist und die
durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und gelt ist, noch
verstrkt wird.  Seine Augenbrauen gleichen den Rohaarmbeln des
frheren Viktorianischen Zeitalters.  Er ist ein physisch und geistig
grobkrniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch.  Sein
Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend.  Wenn er spricht, so
erhht seine mchtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise,
seine krftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht
seiner uerst kritischen Art zuzuhren noch den Eindruck, den er
hervorruft, bis zum Furchterregenden.)

(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun.  (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich
die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen?  (Frau Clandon verbeugt sich,
Bohun verbeugt sich.) Frulein Clandon?  (Gloria verbeugt sich, Bohun
verbeugt sich.) Herr Clandon?

(McNaughtan besteht so rgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem
wahren Namen:) Ich heie McNaughtan!

(Bohun.) O wirklich?  (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er
sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?

(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht
imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heie Valentine.  Ich
bin der, der ihn betubt hat.

(Bohun.) Ach so.  Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?

(Der Kellner kommt ngstlich durch die Fenstertr herein:) Verzeihen
Sie, gndige Frau, aber knnen Sie mir vielleicht sagen, was aus
diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung.
Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefat hat.
Nachdem er eine rhrende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er
sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhngender Stimme
anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?

(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.

(Der Kellner gebrochen:) Ja.  (Unfhig seine Trnen zurckzuhalten:)
*Du* mit einer falschen Nase, Walter!  (Er sinkt fast ohnmchtig vor
dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gndige Frau--ein kleiner
Schwindelanfall.

(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich
Ihnen sage, da er mein Vater ist.

(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater
ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von
dir denken!

(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswrdigsten Weise:
) Ich bin entzckt, das zu hren, Herr Justizrat.  Ihr Vater ist uns
whrend der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund
gewesen.  (Bohun verneigt sich ernst.)

(Der Kellner den Kopf schttelnd:) O nein, gndige Frau!  Sie sind zu
gtig--sehr vornehm und gndig, wahrhaftig!  Aber ich fhle mich sehr
verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin...
Entschuldigen Sie, da ich der Vater dieses Herrn bin.  Es ist doch
schlielich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gndige Frau?  (Er
erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, da ich Sie gestrt habe.
(Mit nach der Tr gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl
am Tisch entlang.)

(Bohun.) Einen Augenblick!  (Der Kellner hlt inne, sein Mut sinkt.)
Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute
zugetragen hat?

(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, grtenteils.

(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.

(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht ntig sein.  Ich habe
heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr
viel zu tun!

(Bohun unerschtterlich:) Wir werden dich brauchen!

(Frau Clandon hflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.

(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gndige Frau!  Ich darf mich
nicht setzen, ich mu eine Grenze ziehen; ich drfte nicht gesehen
werden, wenn ich so etwas tte, gndige Frau.  Ich danke Ihnen
trotzdem.  (Er blickt mit einem verstrten Gesicht, das ein Herz von
Stein rhren mte, alle Anwesenden der Reibe nach an.)

(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht.  William wnscht nur, uns
weiter gut bedienen zu drfen.  Ich htte gern eine Tasse Kaffee.

(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gndiges Frulein?  (Er
stt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gndiges
Frulein.  Das ist sehr zeitgem und richtig.  (Zu Frau Clandon,
furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gndige
Frau?

(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr hei.  Ich glaube, wir knnten
eine Rotweinbowle trinken.

(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gndige Frau?  Gewi, gndige
Frau!

(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee.
Geben Sie etwas Gurke hinein.

(Der Kellner entzckt:) Gurke, gndiges Frulein--ja!  (Zu Bohun:)
Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr?  Sie mgen keine Gurke.

(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen
schottischen Whisky mit Soda.

(Der Kellner.) Sehr wohl!  (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky fr
Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan?  (McNaughtan stimmt mit einem
Grunzen zu.  Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)

(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.

(Der Kellner.) Zu Befehl.  (Zusammenzhlend:) Weinbowle--einen
schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.

(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.

(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gndige Frau--sofort!  (Er
tummelt sich durch die Fenstertr hinaus und hat die ganze
Stufenleiter der menschlichen Glckseligkeit in wenig mehr als zwei
Minuten durchlebt.)

(McComas.) Ich glaube, jetzt knnen wir anfangen.

(Bohun.) Es wre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!

(McNaughtan.) Wen meinen Sie?  Ich bin ihr Mann!

(Bohun schlgt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen
dieser und der frheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet,
da Sie McNaughtan heien!

(McNaughtan.) So heie ich auch.

/*
(Frau Clandon) )  (alle vier)     ( Ich--
(Gloria)       )    (sprechen)    ( Meine--
(McComas)      )  (gleichzeitig:) ( Frau--
(Dr. Valentine))                  ( Sie--
*/

(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen
Augenblick!  (Tdliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir.  Setzen
Sie sich alle!  (Sie gehorchen demtig.  Gloria nimmt den
Satteltaschenstubl vom Kamin.  Dr. Valentine schleicht nach der dem
Fenster gegenberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann.
McNaughtan setzt sich mit dem Rcken gegen Dr. Valentine auch auf die
Ottomane.  Frau Clandon, die sich die ganze Zeit mglichst auf der
entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um
McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nhe der Tr.  Links von
ihr sitzt McComas.  Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des
Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon.  Als sie alle sitzen,
fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heit in dieser
Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also
schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.

(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinber, mit einem Knie
auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--

(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl!  Frau Clandon
hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende
Erklrung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen.  Sie
unterschtzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!

(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun lt ihn nicht zu Worte
kommen.) Nein: ich will nicht, da Sie darauf antworten; ich will, da
Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu mssen.

(Dr. Valentine niedergedrckt:) Das heit wirklich, einen
Schmetterling aufs Rad flechten!  Was ist denn da weiter dabei?
(Ersetzt sich wieder.)

(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist!  Es ist dabei, da--wenn
diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle
hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen
mssen, wie es sich gehrt und gesellschaftlich blich ist.

(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck uerst entschlossenen
Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schlieen
mssen, sich "Clandon" zu nennen.  (McNaughtan sieht fest entschlossen
drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos fr eine
ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor.  (Er sieht erst Frau Clandon
und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht!  (Er wirft
sich in seinen Stuhl zurck und runzelt heftig die Stirn.)

(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst
damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.

(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei
Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals.  Die Kleinigkeiten sind
es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen.  (McComas sieht
drein, als ob er dies fr ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner
Ansicht--was?

(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wre--

(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wren, so wrden Sie sein, was
ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.

(McComas unterwrfig:) Gewi, lieber Justizrat, Ihre Spezialitt--

(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialitt ist es, recht zu
haben, wenn andere Leute unrecht haben.  Wenn Sie meiner Ansicht wren,
dann wrde ich hier unntz sein.  (Er nickt ihm zu, wie um die Sache
abzufertigen, und wendet sich dann pltzlich und heftig an McNaughtan:
) Nun, und Sie, Herr McNaughtan?  Welcher Punkt dieser Angelegenheit
liegt Ihnen am meisten am Herzen?

(McNaughtan beginnt langsam:) Ich mchte in dieser Sache allen
Egoismus beiseite lassen--

(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan.  (Zu Frau
Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau
Clandon?

(Frau Clandon.) Ja.  Schon mein Hiersein zeigt, da ich mich nicht an
meine eigenen Gefllte kehre.

(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Frulein Clandon--nicht wahr?

(Gloria.) Gewi nicht.

(Bohun.) Ich dacht' es mir.  Das tun wir alle nicht.

(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen.  Meine Absichten sind egoistisch.

(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, da eine Pose der
Aufrichtigkeit auf Frulein Clandon einen besseren Eindruck machen
wird, als eine Pose der Interesselosigkeit.  (Dr. Valentine ist durch
diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet.  Er
nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lcheln.  Bobun,
zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollstndig unterjocht zu haben,
wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurck, als wre er nun
bereit, alle Wnsche der Parteien geduldig anzuhren.) Nun, Herr
McNaughtan, beginnen Sie.  Es ist abgemacht: aller Egoismus wird
beiseite gelassen!  Die Menschen beginnen immer damit, das
vorauszuschicken.

(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.

(Bohun..) Gewi.  Jetzt zu Ihrer Sache!

(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder.  Jeder vernnftige Mensch
wird zugeben, da das selbstlos ist.

(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?

(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--

(Bohun fllt wieder ber ihn her:) Halt!  Sie sind im Begriff, von
Ihren Gefhlen zu sprechen--tun Sie das nicht!  Ich sympathisiere mit
Ihren Gefhlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschft zu tun.
--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen.  Das ist es, was wir wissen
mssen.

(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten,
Herr Justizrat.

(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen.  Was haben Sie gegen die
gegenwrtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?

(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen
haben!  (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)

(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu
ndern?

(McNaughtan.) Ich meine, da sie sich ruhiger, einfacher kleiden
sollten.

(Dr. Valentine.) Unsinn!

(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung emprt, sofort in seinen
Stuhl zurck:) Ich warte.  Wenn Sie fertig sind...  Herr Doktor.  Wenn
Sie ganz fertig sind!

(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Frulein Clandons Kleidung
einzuwenden?

(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig
wie die Ihre!

(Gloria warnend:) Vater!

(McNaughtan gibt klglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine
Liebe!  (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die
beiden jngeren Geschwister!  Sie haben sie nicht gesehen, Herr
Justizrat... wahrhaftig, ich bin berzeugt, Sie wren auch der Ansicht,
da in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes,
beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.

(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, da ich ihnen ihre Kleider
aussuche?  Das ist wirklich kindisch!

(McNaughtan erhebt sich wtend:) Kindisch!...

(Frau Clandon steht entrstet auf.)

/*
(McComas)           )                        (McNaughtan, Sie
                    ) (alle erbeben sich     (haben versprochen--
(Dr. Valentine)     )    und sprechen        (Lcherlich, sie
                    )  gleichzeitig:)        (kleiden sich reizend!
(Gloria)            )                        (Bitte, wollen wir uns
                                             (nicht vernnftig
                                             (benehmen?
*/

(Lrm.  Pltzlich hren sie ein warnendes Glserklirren aus dem hinter
ihnen gelegenen Zimmer.  Sie wenden sich schuldbewut um und sehen,
da der Kellner eben aus dem Gartenschank zurckgekehrt ist und sein
Servierbrett erklingen lt.  Whrend er damit behutsam an den Tisch
kommt, wird es totenstill.)

(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch
stellend:) Ihr irischer Whisky, gndiger Herr.  (McNaughtan setzt sich
ein wenig beschmt.  Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein
Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky
mit Soda fr den Herrn Rechtsanwalt.  (Bohun winkt ungeduldig mit der
Hand.  Der Kellner setzt eine groe Bowle in die Mitte des Tisches.)
Die Weinbowle.

(Alle nehmen ihre Pltze wieder ein.  Es herrscht Frieden.)

(Frau Clandon demtig zu Bohun:) Ich frchte, wir haben Sie
unterbrochen, Herr Justizrat.

(Bohun ruhig:) Das haben Sie.  (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten
Sie einen Augenblick.

(Der Kellner.) Gern.  Womit kann ich dienen?  (Er stellt sich hinter
Bohuns Stuhl.)

(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, da wir Sie aufhalten.
Der Herr Justizrat wnscht es.

(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fhlt:) Aber, gndige
Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergngen, der Gedankenarbeit
seines gebten und mchtigen Geistes folgen zu drfen--das ist sehr
anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gndige Frau!

(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr
McNaughtan, wir warten auf Sie!  Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die
Kleidung Ihrer Kinder zurck oder beharren Sie dabei?

(McNaughtan errternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen
Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu
denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr
ganzer Kreis.  Sie haben einen groen Abscheu vor allem, was nur
irgendwie--nur irgendwie--nun...

(Bohun.) Na, heraus damit!...  Ausgelassen?--laut? bunt?

(McNaughtan.) Ja.  Ich meine das natrlich in keinem ruchlosen
Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden
Kinder wrden meine Leute durch ihr Auftreten abstoen!  Sie passen
nicht zu ihren eigenen Verwandten.  Das ist es, worber ich mich
beklage!

(Frau Clandon mit unterdrcktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie
irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt?

(Dr. Valentine.) Ganz gewi nicht!  Das ist der reinste Unsinn.
Nichts kann geschmackvoller sein.

(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natrlich geschmackvoll!

(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten
englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und berladen
gekleidet?

(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gndige Frau!
(berzeugend:) O nein, gndiger Herr, durchaus nicht!  Hbsch und
geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewhlt und nobel--sehr
fein und hochklassig!  Wahrhaftig, es knnten Sohn und Tochter eines
Dechanten sein, gndiger Herr.  Man braucht sie nur anzusehen, nur
zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins
Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schlu eines Walzers
spielt, tanzen.  Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden
Vierecken (I Zoll im Quadrat) von trkisblauer und goldfarbener Seide,
seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen.  Der Rock
der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und
mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfden der
Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein
erlesenes, blendendes Paar, und dann zurck in einem Kreis bis an das
Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt,
in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin
beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit
ber den Kopf gebogenen Armen.  Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der
reizend grazis war, ist diese Pose keine sehr glckliche und droht
mit einer Katastrophe zu enden.)

(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter!  Ich werde gleich
fallen!  Papa, heben Sie mich herunter!

(McNaughtan luft ngstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Hnden:
) Mein Kind!

(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schn, das war lieb
von Ihnen.  (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Grtel, setzt
sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.)

(McNaughtan geht sehr verblfft an die Ottomane zurck.) Oh, war das
lustig!  O Gott!  (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante;
keuchend:) Oh, Weinbowle!  (Sie trinkt.)

(Bohun mit mchtiger Stimme:) Das ist die jngere Dame, nicht wahr?

(Dolly gleitet vom Tische herunter; gengstigt von Bohuns mchtiger
Stimme und seinem Benehmen:) Ja.  Bitte, wer sind Sie?

(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly.  Er war so
freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen.

(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen--

(Philip.) Sch!

(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch!  Ist
das in Ordnung?  Wrden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn
sie sich dagegen verwahrte?

(Dolly errtet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an?

(McNaughtan vershnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter
vielleicht selbstverstndlich.

(Dolly hartnckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein
Kleid hbsch ist, will ich wissen!

(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der
Unterwerfung.)

(Dolly nachdrcklich:) Gefllt es Ihnen?

(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, da mir das
gefllt oder da ich damit einverstanden bin?

(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie knnen Sie es hbsch
finden und es dann nicht leiden mgen?

(McComas erhebt sich rgerlich und entrstet:) Wahrhaftig, ich mu
sagen--

(Bohun, der Dolly mit der grten Zustimmung angehrt hat, macht sich
sofort ber ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas!  Die
Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig!  (Zu Dolly mit
furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Frulein Clandon,...
fahren Sie fort, rasch!

(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch!  Gehen Sie immer
so vor?

(Bohun erhebt sich:) Jawohl.  Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text
zu bringen, mein Frulein!  Sie sind zu jung dazu.  (Er nimmt den
Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn
neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich!  (Dolly gehorcht wie bezaubert,
und Bohun setzt sich wieder.  McComas, seines Stuhles beraubt, holt
sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:)
Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide.  Sie
glauben zwar, da Sie Ihre beiden jngsten Kinder gern bei sich htten,
aber das wrde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu
protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umstnden zu:) Nein,
das gefiele Ihnen gar nicht.  Sie glauben zwar, da Sie das gern
htten, aber ich wei das besser als Sie.  Sie verlangen, da diese
junge Dame aufhrt, sich des Abends wie eine Bhnen-Kolombine und des
Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie
tun--niemals!  Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber--

(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht!
(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich hbsch zu
kleiden--niemals!  Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat:
nie--nie--nie, so lange Gras wchst und Wasser fliet!

(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!...
(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?...  Zu
wem hat sie das gesagt?

(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest:
) Herr Doktor Valentine--

(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht!  Dies ist etwas
sehr Ernstes!  Ich mu wissen, zu wem Frulein Clandon das gesagt
hat--ich bestehe darauf!

(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil.  Welche Nummer war es?  Numero
drei oder Numero fnf?

(Dr. Valentine.) Numero fnf!!!!

(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fnf.  Es war nur ein
zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und
harmloseste Mensch von der Welt.

(Gloria kalt:) Was wird jetzt errtert, wenn ich fragen darf?

(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure,
gestrt zu haben.  Ich will Sie nicht lnger belstigen, Frau Clandon.
(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor
unterdrckter Wut, rasch durch die Fenstertr in den Garten.)

(Dolly.) Hm hm...

(Philip.) Aha!

(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat.

(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und
sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie
wollen uns einschchtern, Herr Justizrat.

(Bohun.) Ich--

(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie!  Sie glauben, da es
nicht so ist--aber es ist so.  Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln.

(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stcken an,
da Sie kluge, hellkpfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie
mir dafr das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu
halten?

(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--!

(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly!  Ruhe!  (Dolly hlt sich den Mund.)

(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen...

(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch!

(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William!

(Philip.) Sch!

(Bohun platzt gegen Dolly pltzlich ganz unerwartet mit einer Frage
los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten?

(Dolly.) Ich!...  Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen...

(McComas.) Was soll das heien?--Herr Justizrat, natrlich spreche ich
die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an.

(Dolly.) Ja.  Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly".
Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich
entrstet.)

(McNaughtan erhebt sich ngstlich, um ihn zurckzuhalten:) Beherrschen
Sie sich, McComas.  Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld.

(McComas.) Ich will keine Geduld haben!  Sie tragen die
beklagenswerteste Charakterschwche zur Schau, mein lieber McNaughtan!
Ich finde das einfach unerhrt!

(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schchtern Sie Finch ein wenig fr uns
ein.

(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich lcherlich.  Setzen
Sie sich!

(McComas.) Ich--

(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie
sich--setzen Sie sich!  (McComas setzt sich verdrielich nieder, und
McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.)

(Dolly zu Bohun demtig:) Ich danke Ihnen.

(Bohun.) Nun hren Sie mich alle an.  Ich enthalte mich jeder Meinung
darber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame
angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben.
(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich
nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das
ist die beste Lsung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, da sie
nicht den Namen ihres Vaters trgt.--Die andere Dame hat die Absicht,
sich zu verheiraten.

(Gloria errtend:) Herr Justizrat!

(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht.  Sie wissen es nicht, aber es
ist so.

(Gloria erhebt sich:) Halt!  Hten Sie sich davor, Herr Justizrat, fr
meine Absichten einzustehen.

(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Frulein Clandon.  Sie
werden mich nicht unterkriegen.  Ich sage Ihnen, da Ihr Name bald
weder Clandon noch McNaughtan lauten wird.  Und wenn ich wollte,
knnte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird.  (Er geht an das andere
Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase
auf den Tisch.  Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht
an das Fenster.  Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu
verstehen, da er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr
McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn.  Ihre
Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung
erreichen knnen.

(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen:
) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches bereinkommen zu
treffen.  Wenn Sie Ihre Familie ntiger haben als Ihre Familie Sie,
dann werden Sie bei diesem bereinkommen allerdings schlecht wegkommen;
--wenn Ihre Familie Sie aber ntiger hat als umgekehrt, dann werden
Sie schon besser wegkommen.  (Er schttelt den Domino, so da er in
Falten fllt, und ergreift die falsche Nase.  Dolly starrt ihn
bewundernd an.) Die Sache liegt fr Ihre Angehrigen insoweit gnstig,
als sie alle persnlich sehr angenehme Menschen sind.  Und Ihre Strke,
Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen.  (Er stlpt die falsche
Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.)

(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus!
Ich mchte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal!  Knnen Sie tanzen?
(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche,
als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.)

(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, da ich nicht tanzen
kann--aber ich kann es.  Kommen Sie!  (Er packt sie und tanzt mit ihr
durch die Fenstertr in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener
Sicherheit und Anmut hinaus.  Inzwischen stellt der Kellner geschftig
die Sthle an ihre gewhnlichen Pltze zurck.)

(Philip.) "Auf!  Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William!

[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des
bers.)]

(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr?

(Philip.) Knnen Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und
zwei falsche Nasen verschaffen?

(McComas.) Was fllt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen--

(McNaughtan.) Nicht doch!  Was ist denn da weiter dabei?  Nur einmal,
McComas!  Wir wollen doch keine Spielverderber sein.

(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, fr den ich Sie
gehalten habe.  (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge.  (Er geht
angewidert zur Fenstertr.)

(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts fr ungut!  Wir mssen ihnen etwas
zugute halten.--Knnen Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner?

(Der Kellner.) Gewi, gndiger Herr.  (Er folgt ihnen an die
Fenstertr und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen.
) Hier bitte--Sie wnschen Dominos und Nasen?

(McComas rgerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen.

(Der Kellner schmelzend:) Selbstverstndlich, gndiger Herr: die
falsche Nase wird ganz leicht darber gehen.  Es ist viel Platz dafr,
gndiger Herr--viel Platz!  (Er geht hinter McComas hinaus.)

(McNaughtan wendet sich an der Fenstertr nach Phil um mit einem
Versuch zu gemtlicher Vterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm!  (Er
geht.)

(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon!
(An der Schwelle der Fenstertr hlt er inne, blickt McNaughtan nach,
wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen
Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedmpfter Stimme zu
Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte
empfunden?  (Er verschwindet.)

(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so
pltzlich fortgegangen?  Das verstehe ich nicht.

(Gloria verdrielich:) Ich wei nicht.--Doch--ich wei es.  Komm,
sehen wir ein wenig dem Tanz zu.  (Sie gehen nach der Fenstertr zu
und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten
hereinkommt, mit mrrischem Gesicht und bewlkter Stirn.)

(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie.  Ich dachte, die
Gesellschaft wre schon auseinandergegangen.

(Gloria nrgelnd:) Warum sind Sie dann zurckgekommen?

(Dr. Valentine.) Ich bin zurckgekommen, weil ich kein Geld bei mir
habe und dort ohne ein Fnf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen
werde.

(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor?

(Gloria.) Kmmere dich nicht um ihn, Mutter.  Das soll eine neue
Beleidigung fr mich sein--weiter nichts.

(Frau Clandon kaum fhig, sich vorzustellen, da Gloria wohlberlegt
einen Wortwechsel heraufbeschwren knnte:) Gloria!

(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes
gesagt?...  Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan?

(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, da meine
Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste
Beleidigung.

(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben.
Ich behaupte, da meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen,
tadellos gewesen ist.

(Frau Clandon uerst entrstet:) Herr Doktor!

(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren
mu, da Frulein Clandon andern Mnnern genau dieselben Reden
gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fnf frheren Liebhabern
hren mu und einem zahmen Seeoffizier noch dazu!  Oh, das ist zu arg!

(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, da diese Dinge
ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch
ihr.  Aber ich wei, was die Betroffenen dabei gelitten haben.  (Mit
possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten
Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Rcksichtslosigkeit der
Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die--

(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist
ein sentimentaler Esel!  (Sie rauscht fort an den Kamin.)

(Frau Clandon emprt:) Oh, meine teuerste Gloria!  Der Herr Doktor
wird das grob finden.

(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr!  Ich bin fr
immer von jeder Sentimentalitt geheilt.  (Er setzt sich zornig.)

(Frau Clandon.) Sie mssen uns allen verzeihen, Herr Doktor.  Die
Frauen mssen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst
verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit
aneignen knnen.--Halten Sie Gloria nicht fr gemein.  (Gloria wendet
sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht.

(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*!

(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch
manchen ihrer Vorzge, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu
altmodische Ideen ber sein eigenes Geschlecht, als da er sich gern
einen Esel nennen liee.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen,
was Dolly anstellen mag?  (Sie gebt an die Fenstertr.  Dr. Valentine
erhebt sich.)

(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter.  Ich habe mit Herrn Doktor
Valentine ein Wort allein zu sprechen.

(Frau Clandon berrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe
Gloria...  (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverstndlich, wenn du
es wnschest.  (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.)

(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist
sechsmal so viel wert als Sie!

(Gloria.) Nun hre ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das
Ihnen Ehre macht.

(Dr. Valentine.) Unsinn!  Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen
haben, und lassen Sie mich gehen.

(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute
nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrckt.  Glauben Sie,
da ich nicht auf meiner Hut gewesen sein wrde, wenn mir das schon
einmal passiert wre, da ich nicht gewut htte, was kommen wrde,
und meine eigene elende Schwche gekannt htte?

(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in
dieser Weise darber!  Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften
mit Ausnahme von Ihrer Schwche, wie Sie das nennen?  Sie haben sich
fr sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren
fortschrittlichen Ideen!  Es hat mir Spa gemacht, die ziemlich leicht
ber den Haufen zu werfen.

(Gloria dreist, da sie fhlt, da sie jetzt mit ihm machen kann, was
sie will:) Wirklich?

(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Grnden habe ich das getan?--Weil es
mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwhlen.
--Und warum hat mich das gereizt?  Weil meine Natur es bitter ernst
mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte...  Wer
von uns beiden ist erwacht, wie dann der groe Augenblick gekommen
war--wer wurde aufgewhlt in seinen tiefsten Tiefen?...  Ich!  Ich!
--Ich wurde hingerissen.  Sie waren nur beleidigt... emprt!  Sie sind
nur eine ganz alltgliche junge Dame--zu alltglich, um zahmen
Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging...
weiter nichts.  Ich will Sie nicht mit den blichen Entschuldigungen
behelligen.--Leben Sie wohl.  (Er geht entschlossen zur Tr.)

(Gloria.) Bleiben Sie!  (Er zgert.) Aber wollen Sie auch verstehen,
da ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die
Wahrheit sage?

(Dr. Valentine.) Pah!  Ich wei, was Sie mir jetzt sagen wollen.  Sie
glauben, da Sie nicht alltglich sind--da ich recht hatte--da jene
Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind...  Es schmeichelt Ihnen,
das zu glauben.  (Sie weicht zurck.) Nun, ich gebe zu, da Sie in
einer Hinsicht nicht alltglich sind: Sie sind ein gescheites Mdchen.
(Gloria unterdrckt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen
Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden.  Ich war
Ihnen gleichgltig... ich bin Ihnen gleichgltig... meine Tragdie ist
es gewesen, nicht die Ihre.  Leben Sie wohl!  (Er wendet sich nach der
Tr; sie beobachtet ihn, entsetzt darber, da er ihrer Macht
entschlpft.  Die Trklinke in der Hand, hlt er inne, wendet sich
dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde
auseinandergehen.

(Gloria auerordentlich erleichtert, kehrt ihm mit grter
Absichtlichkeit den Rcken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer
Wunde bald genesen.

(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, da er doch schlielich Herr
der Situation ist:) Gewi werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu
schmerzen.  Schlielich kann mir meine Gloria doch niemand rauben.

(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie?

(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung.

(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung.
(Ihre Erregung beginnt strker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.)
Die wirkliche Gloria, die emprte...die beleidigte...die
entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie
erfuhr, da all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der
ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht errtet wieder ber und ber,
sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr.
Valentines linken Arm, um sich zu sttzen.)

(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe
dran, den Verstand zu verlieren!  (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen
und lt die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte
Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die
Augen schaut.  Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria,
seien Sie vernnftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller!

(Gloria.) Knnen Sie denn keinen verdienen?  Andere Leute knnen es
doch.

(Dr. Valentine halb entzckt, halb erschrocken:) O niemals!  Ich wrde
Sie unglcklich machen--Teuerste, Geliebte--ich mte ein erbrmlicher
Mitgiftjger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und kt
ihn:) O Gott!  (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen
noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwlf
Jahren gengen nicht!

(In einer Aufwallung von Eifersucht stt sie ihn von sich fort, und
er taumelt zurck in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt.  Da
tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas
folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust
herein.)

(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin
atemlos!  Sie tanzen wundervoll Walzer, William!

(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie
konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch!  Ich
habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt.

(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf!  (Dr. Valentine
erhebt sich unterwrfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefhl
beiseite.  Sagen Sie meiner Mutter, da wir entschlossen sind, uns zu
heiraten.

(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens.  Dr. Valentine, sprachlos vor
panischem Schrecken, starrt alle an.  Er will sichtlich davonlaufen.)

(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs!

(Philip.) Sch!

(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefhle!  Ich kann sie kaum beherrschen!
Ich mchte jemanden kssen,--und in der Familie ist das verboten!
Wo ist Finch?

(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter!

(McNaughtan erscheint an der Fenstertr.)

(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht!  (Sie kt
ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie
sie!

(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz.  Wenn ich einen
Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten.

(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttuscht:) Soll das heien, da
du dich mit diesem Herrn verlobt hast?

(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu
sein, oder--

(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater?

(McNaughtan.) Ich wrde gern beides sein, mein Kind, aber--!...  Herr
Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefhl--

(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht.  Es ist einfach Wahnsinn.  Wenn
wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fnf
Schillinge anpumpen mssen, um mir die Eintrittskarte zu lsen.
--Gloria, bereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort!  Es ist das
beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus
Ihrer Familie wieder begegne.  Ich werde keinen Selbstmord begehen,
ich werde nicht einmal unglcklich sein: es wird eine Befreiung fr
mich sein--ich--ich frchte mich--ich frchte mich wahrhaftig--es ist
die reine Wahrheit.

(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen!

(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverstndlich nicht, aber
...  Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernnftig sprechen und
uns alle zur Vernunft bringen wollte!  Ich kann's nicht...  Wo ist
Bohun?...  Bohun ist der Mann!  Phil, gehen Sie und beschwren Sie
Bohun.

(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe.  Ich gehe.  (Er lt seine
Pritsche durch die Luft sausen und schiet durch die Fenstertr fort.)

(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, da ich
mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fnf
Schillinge nicht Ihr Lebensglck.  Wir werden uns nur zu sehr freuen,
Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie knnen die Sache
ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird.  Es
wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergngen und eine Ehre
sein, Herr Doktor.

(Philip erscheint wieder:) Er kommt!  (Er schwingt seine Pritsche vor
dem Fenster.  Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft
sie auf den Tisch, whrend er an Philip vorbergeht und zwischen
Gloria und Dr. Valentine tritt.)

(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat--

(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor,
die Sache mu von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um
eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten.  Sie hat etwas
Vermgen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch
viel mehr haben.

(McNaughtan.) Mglich.  Ich hoffe es.

(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller.

(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann
bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefhl?...
Das tun die meisten vernnftigen Vorsichtsmaregeln.  Aber Sie bitten
mich um meinen Rat.  Das ist er.  Machen Sie einen Ehevertrag!

(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen.

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, fr meine Person,
brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat.

(Bohun.) Sie wrde ihn nicht befolgen.  Wenn Sie ihr Mann sein werden,
wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen...  (Wendet sich pltzlich an
Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, da Sie es werden,
aber Sie werden es nicht.  Er wird an die Arbeit gehen und seinen
Unterhalt verdienen...  (Wendet sich pltzlich an Dr. Valentine:) O ja,
das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es!  Sie wird
Sie schon dazu anhalten.

(McNaughtan nur halb berzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie
diese Verbindung also nicht fr unklug?

(Bohun.) O doch!  Alle Verbindungen sind unklug.  Es ist unklug,
geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu
leben--und es ist klug, zu sterben.

(Der Kellner drngt sich unauffllig zwischen McNaughtan und Dr.
Valentine:) Wenn ich mir hflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann
ist es etwas Trauriges um die Weisheit.  (Zu Dr. Valentine:) Glck auf,
Herr Doktor, Glck auf!  Jeder Mensch frchtet die Ehe, wenn es dazu
kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr frhlich und selbst
glcklich--von Zeit zu Zeit.  Ich war niemals Herr in meinem eigenen
Hause.  Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und
herrschschtig veranlagt.  Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr
geerbt.  Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben htte, ich
wrde es wieder so leben!... ich wrde es genau wieder so
leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie
wissen.

(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, da, wenn Gloria sich wirklich
entschlossen hat--

(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist.  Wir
verpassen blo alle Tnze.

(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affre
ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?--

(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen
Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar!  Darf
ich um die Ehre bitten?--Ich danke.  (Er tanzt mit Gloria fort und
verschwindet unter den Lampions, und lt Dr. Valentine nach Luft
schnappend zurck.)

(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich
bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.)

(Dolly.) Unsinn!  (Weicht ihm geschickt aus und luft um den Tisch
herum an den Kamin:) Finch!  Mein Finch!  (Sie fllt ber McComas her
und zwingt ihn zu tanzen.)

(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er
wird durch die Fenstertr davongerissen.)

(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich
bitten--

(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Mtter!  (Er ergreift seine Mutter
und wirbelt mit ihr fort.)

(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas'
Schicksal.)

(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho!
ho!  (Er gebt in den Garten und kichert ber den spa.)

(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als
ob ich schon verheiratet wre!...

(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen
mit liebenswrdiger Teilnahme und schttelt langsam den Kopf.)

(Vorhang)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George
Bernard Shaw.









End of Project Gutenberg's Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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