The Project Gutenberg EBook of Hinzelmeier, by Theodor Stein

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Title: Hinzelmeier
       eine nachdenkliche Geschichte

Author: Theodor Stein

Release Date: September, 2005 [EBook #8915]
[This file was first posted on August 25, 2003]
[Most recently updated March 29, 2004]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HINZELMEIER ***




Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.




This Etext is in German.



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Hinzelmeier


beim Theodor Storm




Eine nachdenkliche Geschichte



Die weie Wand

Der Zipfel

Die Rose

Krahirius

Der Eingang zum Rosengarten

Ein Meisterschu

Die Rosenjungfrau

Nachbars Kasperle

Der Stein der Weisen




Die weie Wand


In einem alten weitlufigen Hause wohnten Herr Hinzelmeier und die schne
Frau Abel: sie waren nun schon ins zwlfte Jahr verheiratet, ja die Leute
in der Stadt zhlten ihnen nach, da sie zusammen schon fast an die
achtzig Jahre auf dem Nacken htten und noch immer waren sie jung und
schn und hatten weder ein Fltchen vor der Stirn, noch ein Hahnepftchen
unter den Augen. Da dies nicht mit rechten Dingen zugehe, war nun
freilich klar genug und wenn die Hinzelmeierschen aufs Tapet kamen, so
tranken die Stadtkaffeetanten drei Npfchen mehr als am ersten
Ostersonntagnachmittage. Die Eine sagte: "Sie haben einen Jungbrunnen im
Hofe!" Die Andere sagte: "Es ist eine Jungfernmhle!" Die Dritte sagte:
"Ihr Bube, das Hinzelmeierlein, ist mit einer Glckshaube auf die Welt
gekommen und nun tragen die Alten sie wechselweise, Nacht um Nacht!" Das
kleine Hinzelmeierlein dachte nun freilich nicht dergleichen; es kam ihm
im Gegenteil ganz natrlich vor, da seine Eltern immer jung und schn
waren; aber gleichwohl bekam auch er sein Nchen, das er vergeblich zu
knacken suchte.

Eines Herbstnachmittags, da es schon gegen das Zwielicht ging, sa er in
dem langen Korridor des oberen Stockwerks und spielte Einsiedler; denn
weil die silbergraue Katze, welche sonst bei ihm zur Schule ging, eben in
den Garten hinabgeschlichen war, um nach den Buchfinken zu sehen, so hatte
er mit dem Professorspiel fr heute aufhren mssen. Er sa nun als
Einsiedler in einem Winkel und dachte sich Allerhand, wohin wohl die Vgel
flgen und wie die Welt drauen wohl aussehen mge und noch viel
Tiefsinnigeres; denn er wollte der Katze darber auf den andern Tag einen
Vortrag halten--als er seine Mutter, die schne Frau Abel, an sich
vorbergehen sah. "Heisa, Mutter!" rief er; aber sie hrte ihn nicht,
sondern ging mit raschen Schritten an das Ende des Korridors; hier blieb
sie stehen und schlug mit dem Schnupftuch dreimal gegen die weie Wand.
--Hinzelmeier zhlte in Gedanken "eins"--"zwei" und kaum hatte er "drei"
gezhlt, als er die Wand sich lautlos ffnen und seine Mutter dadurch
verschwinden sah; kaum konnte der Zipfel des Schnupftuches noch mit
hindurchschlpfen, so ging alles mit einem leisen Klapp wieder zusammen
und der Einsiedler dachte nun auch noch darber nach, wohin doch wohl
seine Mutter durch die Wand gegangen sei. Darber ward es allmhlich
dunkler und das Dmmern in seinem Winkel war schon so gro geworden, da
es ihn ganz verschlungen hatte, da machte es, wie zuvor, einen leisen
Klapp, und die schne Frau Abel trat aus der Wand wieder in den Korridor
hinein. Ein Rosenduft schlug dem Knaben entgegen, wie sie an ihm
vorberstrich. "Mutter, Mutter!" rief er; aber er hielt sie nicht zurck;
er hrte, wie sie die Treppe hinab und in das Zimmer des Vaters ging. Wo
er am Vormittag sein Schaukelpferd an den messingenen Ofenknopf gebunden
hatte. Nun hielt es ihn nicht lnger, er sprang durch den Korridor und
ritt wie der Wind das Treppengelnder hinab. Als er ins Zimmer trat, war
es voller Rosenduft und es schien ihm fast, als wre seine Mutter selber
eine Rose, so leuchtend war ihr Antlitz. Hinzelmeier wurde ganz
nachdenklich.

"Liebe Mutter", sagte er endlich, "weshalb gehst du denn immer durch die
Wand?"

Und als Frau Abel hierauf verstummte, sagte der Vater: "Ei nun, mein Sohn,
weil die anderen Leute immer durch die Tr gehen."

Das war dem Hinzelmeier schon einleuchtend; bald aber wollte er mehr
erfahren.

"Wohin gehst du denn, wenn du durch die Wand gehst", fragte er weiter,
"und wo sind die Rosen?"

Aber ehe er sich's versah, hatte der Vater ihn kopfber aufs Schaukelpferd
gestlpt und die Mutter sang das schne Lied:

"Hatto von Mainz und Poppo von Trier
Ritten zusammen aus Lnebier;
Hatto hott hott! immer im Trott!
Poppo hopp hopp! immer Galopp!

Eins, zwei, drei!
Zelle vorbei;
Eins, zwei, drei, vier!
Nun sind wir schon hier."

"Bind es los! bind es los!" rief Hinzelmeier; und der Vater band das
Rlein vom Ofenknopf und die Mutter sang und der Reiter ritt hopp hinauf
und hopp hinab und hatte bald alle Rosen und weien Wnde in der ganzen
Welt vergessen.




Der Zipfel


Nun gingen manche Jahre hin, ohne da Hinzelmeier eine Wiederholung des
Wunders erlebt htte; er dachte daher auch berall nicht mehr daran,
obgleich seine Eltern jung und schn blieben, wie sie es immer gewesen
waren und oftmals auch im Winter der wunderbare Rosenduft sie umgab.

In dem einsamen Korridor des oberen Stockwerks war Hinzelmeier jetzt nur
selten noch zu finden; denn die Katze war vor Alter gestorben und so war
seine Schule aus Mangel an Schlern von selber eingegangen.

Es war ihm nun schon fast so, als mte um einige Jahre der Bart zu
wachsen anfangen; da ging er eines Nachmittags wieder in den alten
Korridor hinauf, um die weien Wnde zu besichtigen, denn er wollte auf
den Abend das berhmte Schattenspiel "Nebukadnezar und sein Nuknacker"
zur Auffhrung bringen. In dieser Absicht war er an das Ende des Ganges
gekommen und betrachtete die weie Querwand von oben bis unten, als er zu
seiner Verwunderung den Zipfel eines Schnupftuches daraus hervorhngen sah.
Er bckte sich, um es genauer zu betrachten; in der Ecke stand: 'A.H.';
das konnte nichts anderes heien als: 'Abel Hinzelmeier'; es war das
Schnupftuch seiner Mutter. Nun fing's in seinem Kopfe an zu schnurren und
die Gedanken arbeiteten rckwrts, weiter und weiter, bis sie bei dem
ersten Kapitel dieser Geschichte pltzlich Halt machten. Hierauf suchte
er das Schnupftuch aus der Wand herauszuziehen, was ihm auch nach einem
etwas schmerzhaften Experimente glcklich gelang; dann schlug er, wie
einst die schne Frau Abel, dreimal mit dem Tuche gegen die Wand; und
"eins--zwei--drei--!" tat sie sich lautlos von einander, Hinzelmeier
schlpfte hindurch und stand--wohin er am wenigsten zu gelangen
dachte--auf dem Hausboden. Aber es war nicht daran zu zweifeln; dort
stand der Urgromutterschrank mit den wackelkpfigen Pagoden, daneben
seine eigne Wiege und weiterhin das Schaukelpferd, lauter ausgedientes
Gert; unter dem Balken lngs an eisernen Haken hingen wie immer des
Vaters lange Mntel und Reisekragen und drehten sich langsam um sich
selbst, wenn der Zug durch die offenen Bodenluken hereinstrich.
"Sonderbar!" sagte Hinzelmeier, "warum ging die Mutter denn doch immer
durch die Wand?" Da er indessen auer den bekannten Gegenstnden nichts
bemerken konnte, so wollte er durch die Bodentr wieder ins Haus
hinabgehen. Allein die Tr war nicht da. Er stutzte einen Augenblick und
meinte anfnglich, sich nur geirrt zu haben, weil er von einer anderen
Seite, als gewhnlich, hinaufgelangt war. Er wandte sich daher und ging
zwischen die Mntel durch nach dem alten Schranke, um sich von hier aus
zurechtzufinden; und richtig! dort gegenber war die Tr; er begriff nicht,
wie er sie hatte bersehen knnen. Als er aber darauf zuging, erschien
ihm pltzlich wieder alles so fremd, da er zu zweifeln begann, ob er auch
vor der rechten Tr stehe. Allein so viel er wute, gab es hier keine
andere. Was ihn am meisten verwirrte, war, da die eiserne Klinke fehlte
und auch der Schlssel abgezogen war, der sonst immer aufzustecken pflegte.
Er legte daher sein Auge an das Schlsselloch, ob er vielleicht Jemanden
auf der Treppe oder dem Vorplatz gewahren knne, der ihn herabliee. Zu
seinem Erstaunen sah er aber nicht auf die dunkle Treppe, sondern in ein
helles, gerumiges Zimmer, von dessen Dasein er bisher keine Ahnung gehabt
hatte.

In der Mitte desselben gewahrte er einen pyramidenfrmigen Schrein, der
von zwei goldschimmernden Tren verschlossen und mit wunderlicher
Schnitzarbeit verziert war. Hinzelmeier wute nicht recht, ob das enge
Schlsselloch seinen Blick verwirrte, aber es war ihm fast, als wenn die
Gestalten der Schlangen und Eidechsen in der braunen Laubgirlande, welche
sich an den Kanten hinunterzog, auf und ab raschelten, ja mitunter sogar
die geschmeidigen Kpfe auf den Goldgrund der Tr hinberreckten. Dies
alles beschftigte den Knaben so, da er nun erst die schne Frau Abel und
ihren Eheherrn bemerkte, welche mit geneigtem Haupte vor dem Schreine
niedergekniet waren. Unwillkrlich hielt er den Atem an, um nicht bemerkt
zu werden; und nun hrte er die Stimmen seiner Eltern in leisem Gesange:

Rinke, ranke, Rosenschein,
Tu dich auf, du goldner Schrein!
Tu dich auf und schlie uns ein,
Rinke, ranke, Rosenschein!

Whrend des Gesanges erstarrte in dem Laubwerk das Leben des Gewrmes; die
goldenen Tren gingen langsam auf und zeigten in dem Innern des Schrankes
einen kristallenen Becher, in welchem eine halberschlossene Rose auf
schlankem Schafte stand. Allmhlich ffnete sich der Kelch; weiter und
weiter, bis eins der schimmernden Bltter sich ablste und zwischen die
Knieenden hinabfiel. Ehe es aber den Boden erreichte, zerstob es klingend
in der Luft und fllte das Gemach mit rosenrotem Nebel. Ein starker
Rosenduft quoll durch das Schlsselloch; der Knabe prete sein Auge an die
ffnung, aber er gewahrte nichts, als dann und wann ein Leuchten, das in
der roten Dmmerung aufbrach und wieder verschwand. Nach einer Weile
hrte er Schritte an der Tr; er wollte aufspringen, aber ein heftiger
Schmerz an der Stirn raubte ihm die Besinnung.




Die Rose


Als Hinzelmeier aus der Betubung erwachte, lag er in seinem Bette; Frau
Abel sa neben ihm und hielt seine Hand in der ihren. Sie lchelte, da er
die Augen zu ihr aufschlug und der Abglanz einer Rose lag auf ihrem
Antlitz. "Du hast zu viel erlauscht, um nicht noch mehr erfahren zu
mssen", sagte sie. "Nur darfst du fr heute dein Bett nicht verlassen;
aber whrenddessen will ich dir das Geheimnis deiner Familie mitteilen.
Du bist jetzt gro genug, um es zu wissen."

"Erzhle nur, Mutter", sagte Hinzelmeier und legte den Kopf zurck in die
Kissen; und dann erzhlte Frau Abel:

"Weit von dieser kleinen Stadt liegt der uralte Rosengarten, von dem die
Sage geht, er sei am sechsten Schpfungstage mit erschaffen worden.
Innerhalb seiner Mauer stehen tausend rote Rosenbsche, welche nie zu
blhen aufhren; und jedes Mal, wenn in unserem Geschlechte, welches in
vielen Zweigen durch alle Lnder der Welt verbreitet, ein Kind geboren
wird, springt eine neue Knospe aus den Blttern. Jeder Knospe ist eine
Jungfrau zur Pflegerin bestellt, welche den Garten nicht verlassen darf,
bis die Rose von dem geholt worden, durch dessen Geburt sie entsprossen
ist. Eine solche Rose, welche du vorhin gesehen hast, besitzt die Kraft,
ihren Eigentmer zeitlebens jung und schn zu erhalten. Daher versumt
denn nicht leicht Jemand, sich seine Rose zu holen; es kommt nur darauf an,
den rechten Weg zu finden; denn der Eingnge sind viele und oft
verwunderliche. Hier fhrt es durch einen dicht verwachsenen Zaun, dort
durch ein schmales Winkelpfrtchen, mitunter"--und Frau Abel sah ihren
Eheherrn, der eben ins Zimmer trat, mit schelmischen Augen an--"mitunter
auch durch's Fenster!"

Herr Hinzelmeier lchelte und setzte sich neben das Bett seines Sohnes.
Dann erzhlte Frau Abel weiter:

"Auf diese Weise wird die grte Zahl der Jungfrauen aus ihrer
Gefangenschaft erlst und verlt mit dem Besitzer der Rose den Garten.
Auch deine Mutter war eine Rosenjungfrau und pflegte sechzehn Jahre lang
die Rose deines Vaters. Wer aber an dem Garten vorbergeht ohne
einzukehren, der darf niemals dahin zurck; nur der Rosenjungfrau ist es
nach dreimal drei Jahren gestattet, in die Welt hinaus zu gehen, um den
Rosenherrn zu suchen und sich durch die Rose aus der Gefangenschaft zu
erlsen. Findet sie in dieser Zeit ihn nicht, so mu sie in den Garten
zurck und darf erst nach wiederum dreimal drei Jahren noch einmal den
Versuch erneuern; aber Wenige wagen den ersten, fast Keine den zweiten
Gang; denn die Rosenjungfrauen scheuen die Welt und wenn sie ja in ihren
weien Gewndern hinausgehen, so gehen sie mit niedergeschlagenen Augen
und zitternden Fen; und unter hundert solcher Khnen hat kaum eine
einzige den wandernden Rosenherrn gefunden. Fr diesen aber ist dann die
Rose verloren; und whrend die Jungfrau zu ewiger Gefangenschaft
zurckgegangen ist, hat auch er die Gnade seiner Geburt verscherzt und mu
wie die gewhnliche Menschheit kmmerlich altern und vergehen.--Auch du,
mein Sohn, gehrst zu den Rosenherren und kommst du in die Welt hinaus,
dann vergi den Rosengarten nicht."

Herr Hinzelmeier neigte sich zur Frau Abel und kte ihre seidenen Haare;
dann sagte er, freundlich des Knaben andere Hand ergreifend: "Du bist
jetzt gro genug! Mchtest du wohl in die Welt hinaus und eine Kunst
erlernen?"

"Ja", sagte Hinzelmeier, "aber es mte eine groe Kunst sein; so eine,
die sonst noch niemand hat erlernen knnen!"

Frau Abel schttelte sorgenvoll den Kopf; der Vater aber sagte: "Ich will
dich zu einem weisen Meister bringen, der viele Meilen von hier in einer
groen Stadt wohnt; da magst du dir selbst eine Kunst erwhlen."

Da war Hinzelmeier zufrieden.

Einige Tage darauf packte Frau Abel einen groen Koffer mit unzhlig
vielen Kleidern und Hinzelmeier selber legte noch ein Rasierzeug hinein,
damit er den Bart, wenn er kme, sogleich wieder abschneiden knne. Dann
fuhr eines Tages der Wagen vor die Tr und als die Mutter ihren Sohn zum
Abschied umarmte, sagte sie unter Trnen zu ihm: "Vergi die Rose nicht!"




Krahirius


Als Hinzelmeier ein Jahr bei dem weisen Meister gewesen war, schrieb er
seinen Eltern, er habe sich nun eine Kunst erwhlt, er wolle den? Stein der
Weisen? suchen; nach zwei Jahren werde der Meister ihn lossprechen, dann
wolle er auf die Wanderschaft und nicht eher zurckkehren, als bis er den
Stein gefunden habe. Dies sei eine Kunst, welche noch von Niemandem
erlernt worden; denn auch der Meister sei eigentlich nur ein Altgesell, da
der Stein noch keineswegs von ihm gefunden sei.

Als die schne Frau Abel diesen Brief gelesen hatte, faltete sie ihre
Finger ineinander und rief: "Ach, er wird nimmer in den Rosengarten kommen!
Es wird ihm gehen wie unseres Nachbarn Kasperle, der vor zwanzig Jahren
ausgezogen und nimmer wieder nach Hause gekommen ist!"

Herr Hinzelmeier aber kte die schne Frau und sagte: "Er mute seinen
Weg gehen! Ich wollte auch einmal den? Stein der Weisen? suchen und habe
statt dessen die Rose gefunden."

So blieb denn Hinzelmeier bei dem weisen Meister; und allmhlich ging die
Zeit herum.-Es war schon tief in der Nacht. Hinzelmeier sa vor einer
qualmenden Lampe ber einen Folianten gebckt. Aber es wollte ihm heute
nicht gelingen; er fhlte es in seinen Adern klopfen und gren, es
berfiel ihn eine Angst, als knne ihm auf immer das Verstndnis fr die
tiefe Weisheit der Formeln und Sprche verloren gehen, welche das alte
Buch bewahrte.

Mitunter wandte er sein blasse Gesicht ins Zimmer zurck und starrte
gedankenlos in den Winkel, wo die grmliche Gestalt seines Meisters vor
einem niedrigen Herde zwischen glhenden Kolben und Tiegeln hantierte;
mitunter, wenn die Fledermuse an den Scheiben vorberstrichen, sah er
verlangend in die Mondnacht hinaus, die wie ein Zauber drauen ber den
Feldern lag. Neben dem Meister kauerte die Kruterfrau am Boden. Sie
hatte den grauen Hauskater auf dem Scho und stubte ihm sanft die Funken
aus dem Pelz. Manchmal, wenn es so recht behaglich knisterte und das Tier
vor angenehmem Grausen maunzte, langte der Meister liebkosend nach ihm
zurck und sagte hustend: "Die Katze ist die Genossin des Weisen!"

Pltzlich schon von auen her, von der First des Daches, das unter dem
Fenster lag, ein langgezogener, sehnschtiger Laut, wie dessen von allen
Tieren nur die Katze und nur im Lenze mchtig ist. Der Kater richtete
sich auf und krallte seine Klauen in die Schrze des alten Weibes. Noch
einmal rief es drauen. Da sprang das Tier mit einem derben Satz auf den
Fuboden und ber Hinzelmeiers Schultern durch die Scheiben ins Freie, da
die Glasscherben klingend hinterdrein stoben.

Ein ser Primelduft strich mit dem Zug ins Zimmer. Hinzelmeier sprang
empor. "Es ist Frhling, Meister!" rief er und warf seinen Stuhl zurck.

Der Alte senkte seine Nase noch tiefer in den Tiegel. Hinzelmeier ging
auf ihn zu und packte ihn an der Schulter. "Hrt Ihr's nicht, Meister?"

Der Meister griff sich in den graugemischten Bart und stierte den Jungen-
bld durch seine grne Brille an.

"Das Eis birst!" rief Hinzelmeier, "es lutet in der Luft!"

Der Meister fate ihn ums Handgelenk und begann die Pulsschlge zu zhlen.
"Sechsundneunzig!" sagte er bedenklich.--Aber Hinzelmeier achtete dessen
nicht, sondern verlangte seinen Abschied; und noch in selber Stunde. Da
hie der Meister ihn Stab und Ranzen nehmen und trat mit ihm vor die
Haustr, von wo sie weit ins Land hineingehen konnten. Die unabsehbare
Ebene lag in klarem Mondenlicht zu ihren Fen. Hier standen sie still;
das Antlitz des Meisters war gefurcht von tausend Runzeln, sein Rcken war
gebeugt, sein Bart hing tief ber seinen braunen Talar hinab; er sah
unsglich alt aus. Auch Hinzelmeiers Gesicht war blo, aber seine Augen
leuchteten.

"Deine Zeit ist um", sprach der Meister zu ihm. "Knie nieder, damit du
losgesprochen werdest!" Dann zog er ein weies Stbchen aus dem rmel und
dem Knieenden dreimal damit den Nacken berhrend, sprach er:

"Das Wort ist gegeben
Unter die Geister;
Ruf es ins Leben,
So bist du der Meister.

Vorhanden ist es in keinem Reich.
Es ist ein Name, ein Dunst;
Finden und schaffen zugleich,
Das ist die Kunst!"

Dann hie er ihn aufstehen. Ein Frsteln durchfuhr den Jngling, als er
in das greise, feierliche Angesicht des Meisters blickte. Er nahm Stab
und Ranzen vom Boden und wollte von dannen gehen, aber der Meister rief:
"Vergi den Raben nicht!" Er griff mit der hageren Faust in seinen Bart
und ri ein schwarzes Haar heraus. Das blies er durch die Finger; da
schwang es sich als Rabe in die Luft.

Nun schwenkte er den Stab im Kreise um sein Haupt und wie er schwenkte,
flog der Rabe; dann streckte er den Arm aus und der Vogel setzte sich auf
seine Faust. Hierauf hob er die grne Brille von seiner Nase; und whrend
er sie auf des Raben Schnabel klemmte, sprach er:

"Wege sollst du weisen,
Krahirius sollst du heien!--

Da schrie der Rabe: "krahira! krahira!" und hpfte mit ausgespreizten
Flgeln auf Hinzelmeiers Schulter. Der Meister aber sprach zu diesem:

"Wanderspruch und Wanderbuch
Hast du nun; und nun genug!"

Dann wies er mit dem Finger in das Tal hinab, wo der unendliche Weg ber
die Ebene lief und whrend Hinzelmeier, mit dem Reisehute grend, in die
Frhlingsnacht hinausging, schwang Krahirius sich auf und flog zu seinen
Hupten.




Der Eingang zum Rosengarten


Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Hinzelmeier hatte einen Richtweg
ber ein Feld mit grner Wintersaat eingeschlagen, das sich unabsehbar vor
ihm ausdehnte. Zu Ende desselben fhrte der Steig durch eine ffnung des
Walles auf einen gerumigen Platz hinaus und Hinzelmeier stand vor den
Gebuden eines groen Bauernhofes. Es hatte zuvor geregnet; nun dampften
die Strohdcher in der herben Frhlingssonne. Er stie seinen Wanderstab
in den Boden und blickte zum First des Wohnhauses hinauf, wo ein Volk von
Sperlingen sein Wesen trieb. Pltzlich sah er aus einem der beiden weien
Schornsteine eine glnzende Scheibe in die Luft steigen, sich langsam im
Sonnenscheine wenden und darauf wieder in den Schornstein hinabfallen.

Hinzelmeier zog seine Taschenuhr hervor. "Es ist Mittag!" sagte er, "sie
backen Eierkuchen."--Ein lieblicher Duft verbreitete sich; und wieder
stieg ein Eierkuchen in den Sonnenschein hinauf und sank nach einer kurzen
Weile in den Schornstein zurck.

Der Hunger meldete sich; Hinzelmeier trat ins Haus und gelangte ber einen
breiten Flur in eine hohe, gerumige Kche, wie solche in greren
Gehften zu sein pflegen. Am Herde, auf dem ein helles Reisigfeuer
brannte, stand eine stmmige Buerin und tat den Teig in die zischende
Pfanne.

Krahirius, der lautlos hintendrein geflogen war, setzte sich auf den
Herdmantel, whrend Hinzelmeier fragte, ob er fr Geld und gute Worte eine
Mahlzeit hier bekommen knne.

"Hier ist kein Wirtshaus!" sagte die Frau und schwang ihre Pfanne, da der
Eierkuchen prasselnd in den schwarzen Schlot hinauffuhr und erst nach
einer ganzen Weile mit der Oberseite in die Pfanne zurckklatschte.

Hinzelmeier griff nach seinem Stecken, den er beim Eintritt an die Tr
gestellt hatte; allein die Alte fuhr mit der Gabel in den Eierkuchen und
stlpte ihn rasch auf eine Schssel. "Nun, nun!" sagte sie, "so war es
nicht gemeint; setz Er sich nur; hier ist just einer fertig." Dann schob
sie ihm einen hlzernen Stuhl an den Kchentisch und setzte den dampfenden
Kuchen nebst Brot und einem Kruge jungen Landweins vor ihn hin.

Das lie Hinzelmeier sich gefallen und hatte bald die derbe Speise und ein
gut Teil des festen Roggenbrots verzehrt. Dann setzte er den Krug an den
Mund und tat einen herzhaften Zug auf die Gesundheit der Alten und dann zu
seiner eigenen Gesundheit noch manchen anderen hinterher. Das machte ihn
so vergngt, da er ganz wie von selber zu singen anhub. "Er ist ja ein
lustiger Mensch!" rief die Alte von ihrem Herde hinber. Hinzelmeier
nickte; ihm fielen auf einmal alle Lieder wieder ein, die er vor Zeiten im
elterlichen Hause von seiner schnen Mutter gehrt hatte. Nun sang er sie,
eines nach dem andern:

"Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem sen Schall,

Da sind von Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.
Sie war doch sonst ein wildes Blut,
Nun geht sie tief in Sinnen;
Trgt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut,
Und wei nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen!"--

Da wurde in der Wand, dem Herde gegenber, unter den Reihen der blanken
Zinnteller, ein Schiebefensterchen zurckgezogen und ein schnes blondes
Mdchen, es mochte des Hauswirts Tochter sein, steckte neugierig den Kopf
in die Kche.

Hinzelmeier, der das Klirren der Fensterscheiben vernommen hatte, hrte
auf zu singen und lie seine Augen an den Wnden der Kche umherwandern;
ber das Butterfa und die blanken Ksekessel und ber den breiten Rcken
der Alten bis an das offene Schiebefensterchen, wo sie an zwei anderen
jungen Augen hngen blieben.

Das Mdchen wurde ganz rot.--"Er singt schn!" sagte sie endlich.

"Es kam mir nur so", erwiderte Hinzelmeier. "Ich singe sonst gar nicht."

Dann schwiegen beide eine Weile und man hrte nur das Zischen der Pfanne
und das Prasseln der Eierkuchen. "Caspar singt auch schn!" hub das
Mdchen wieder an.

"Freilich wohl!" meinte Hinzelmeier.

"Ja", sagte das Mdchen, "aber so schn wie Er macht er's doch nicht. Wo
hat Er denn das schne Lied her?"

Hinzelmeier antwortete nicht darauf, sondern trat auf einen umgestrzten
Zuber, der unter dem Schiebefenster stand und sah an dem Mdchen vorbei in
die Kammer. Drinnen war voller Sonnenschein. Auf den roten Fliesen der
Diele lagen die Schatten von Nelken- und Rosenstcken, welche seitwrts
vor einem Fenster stehen mochten. Pltzlich wurde im Hintergrund der
Kammer eine Tr aufgerissen. Der Frhlingswind brauste herein und ri dem
Mdchen ein blauseidenes Band von der Riegelhaube; dann fahr er durchs
Schiebefenster und trieb seine Beute kreiselnd in der Kche umher.
Hinzelmeier aber warf seinen Hut danach und fing es wie einen Sommervogel.

Das Fenster war ein wenig hoch. Er wollte es dem Mdchen hinauflangen,
sie bckte sich zu ihm heraus; da fahren beide mit den Kpfen aneinander,
da es krachte. Das Mdchen schrie; die Zinnteller klirrten, Hinzelmeier
wurde ganz konfus.

"Er hat einen gar wackeren Kopf!" sagte das Mdchen und wischte sich mit
ihrer Hand die Trnen von den Wangen. Als aber Hinzelmeier sich das Haar
aus der Stirn strich und ihr herzhaft ins Gesicht schaute, da schlug sie
die Augen nieder und fragte: "Er hat sich doch kein Leid's getan?"

Hinzelmeier lachte. "Nein, Jungfer!" rief er--er wute selbst nicht, wie
es ihm auf einmal einfallen mute--"nehm Sie mir's nicht bel, aber Sie
hat gewi schon einen Schatz?"

Sie setzte die Faust unters Kinn und wollte ihn trotzig ansehen, aber ihre
Augen blieben an den seinen hngen. "Er faselt wohl", sagte sie leise.

Hinzelmeier schttelte den Kopf; es wurde ganz still zwischen den Beiden.

"Jungfer!" sagte nach einer Weile Hinzelmeier, "ich mchte Ihr das Band in
die Kammer bringen!"

Das Mdchen nickte.

"Wo geht denn aber der Weg?"

Es klang ihm in den Ohren: "Mitunter auch durchs Fenster!"--Das war die
Stimme seiner Mutter. Er sah sie an seinem Bette sitzen; er sah sie
lcheln; es war ihm pltzlich, als stehe er in einem rosenroten Nebel, der
aus dem offenen Schiebefenster in die Kche hereinzog. Er trat wieder auf
den Zuber und legte seine Hnde um den Nacken des Mdchens. Da sah er
durch die offene Kammertr in einen Garten, darinnen standen die blhenden
Rosenbsche wie ein rotes Meer und in der Ferne sangen kristallne
Mdchenstimmen:

"Rinke, ranke, Rosenschein,
Tu dich auf und schlie uns ein!"--

Hinzelmeier drngte das Mdchen sanft in die Kammer zurck und stemmte die
Hnde auf das Fensterbrett, um sich mit einem Satz hineinzuschwingen; da
hrte er es: "krahira, krahira!" ber seinem Kopfe schwirren; und ehe er
sich's versah, lie der Rabe die grne Brille aus der Luft und gerade auf
seine Nase fallen. Nur wie im Traume sah er noch das Mdchen die Arme
nach ihm ausstrecken; dann war auf einmal alles vor seinen Augen
verschwunden; aber in weiter Ferne sah er durch die grnen Glser eine
dunkle Gestalt in einem tiefen Felsenkessel sitzen, welche mit einem
Stemmeisen eifrig in den Grund zu bohren schien.




Ein Meisterschu


"Der sucht den Stein der Weisen!" dachte Hinzelmeier; und seine Wangen
begannen zu brennen; er schritt wacker auf die Erscheinung los; aber es
war weiter, als es durch die Brillenglser aussah; er rief dem Raben, der
mute mit seinen Flgeln ihm die Schlfe fcheln. Erst nach Stunden hatte
er den Grund der Schlucht erreicht. Nun sah er eine schwarze, rauhe
Gestalt vor sich, die hatte zwei Hrner an der Stirn und einen langen
Schwanz, den lie sie hinter sich ber das Gestein hinabhngen. Bei
Hinzelmeiers Ankunft nahm sie das Stemmeisen zwischen die Zhne und
begrte ihn mit dem verbindlichsten Kopfnicken, whrend sie mit der
Schwanzquaste den Bohrstaub zusammenfegte. Hinzelmeier wurde fast um die
Anrede verlegen, deshalb nickte er jedesmal mit gleicher Verbindlichkeit
wieder, so da also diese Komplimente von beiden Seiten eine Zeitlang
fortdauerten. Endlich sagte der Andere: "Sie kennen mich wohl nicht?"

"Nein", sagte Hinzelmeier. "Sind Sie vielleicht ein Pumpenmeister?"

"Ja", sagte der Andere, "so etwas hnliches; ich bin der Teufel."

Das wollte Hinzelmeier nicht glauben; aber der Teufel sah ihn mit zwei
solchen Eulenaugen an, da er am Ende grndlich berzeugt wurde und ganz
bescheiden sagte: "Drfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mit diesem
ungeheueren Loche ein physikalisches Experiment beabsichtigen?"

"Kennen Sie die ultima ratio regum?" fragte der Teufel.

"Nein", sagte Hinzelmeier. "Die ratio regum hat nichts mit meiner Kunst
zu schaffen."

Der Teufel kratzte sich mit dem Pferdehuf hinter den Ohren und sagte dann,
einen berlegenen Ton annehmend: "Mein Kind, weit du, was eine Kanone
ist?"

"Freilich", sagte Hinzelmeier lchelnd; denn das ganze hlzerne Arsenal
aus seiner Knabenzeit sah er pltzlich im Geiste vor sich aufgepflanzt.

Der Teufel klatschte vor Vergngen mit seinem Schwanze auf den Felsen.
"Drei Pfund Schiepulver, ein Fnkchen Hllenfeuer dazu; dann--!" Hier
steckte er die eine Tatze in das Bohrloch und indem er die andere auf
Hinzelmeiers Schulter legte, sagte er vertraulich: "Die Welt ist
unregierbar geworden. Ich will sie in die Luft sprengen."

"Alle Wetter!" schrie Hinzelmeier, "das ist ja aber eine Radikalkur, eine
wahr Pferdekur!"

"Ja", sagte der Teufel, "ultima ratio regum! versichere Sie, es gehrt
eine bermenschlich gute Natur dazu, um so etwas auszuhalten! Aber nun
entschuldigen Sie ein Weilchen; ich mu ein wenig inspizieren." Mit diesen
Worten zog er den Schwanz zwischen die Schenkel und sprang in das Bohrloch
hinab. Da berfiel den Hinzelmeier auf einmal eine ganz bernatrliche
Courage, so da er bei sich beschlo, den Teufel aus der Welt zu schieen.
Mit fester Hand zog er seine Zunderbchse aus der Tasche, pinkte Feuer
und warf es in das Bohrloch; dann zhlte er: "eins zwei--"; aber er hatte
noch nicht "drei" gezhlt, so entlud sich diese grundlose Pistole ihres
Schusses samt ihrer Vorladung. Die Erde machte einen frchterlichen
Seitensprung durch den Himmel. Hinzelmeier strzte in die Knie; der
Teufel aber flog wie eine Bombe durch die Luft, von einem Planetensystem
in das andere, wo ihn die Anziehungskraft unseres Weltkrpers nicht mehr
erreichen konnte. Hinzelmeier blickte ihm eine Weile nach; als er aber
immer weiter und weiter flog und gar nicht damit aufhren wollte, so
gingen ihm endlich die Augen ber. Sobald daher die Erde sich insoweit
beruhigt hatte, da mit zwei Beinen wieder auf ihr zu stehen war, sprang
er auf und blickte um sich her. Zu seinen Fen ghnte ihn der schwarze
ausgebrannte Mrser an; von Zeit zu Zeit quoll eine Wolke braunen Rauchs
heraus und zog sich trge an den Felsen hin. Aber schon brach die Sonne
durch den Dunst und vergoldete berall die Spitzen des Gesteins. Da nahm
Hinzelmeier seine Tabakspfeife aus der Tasche und die blauen Wolken vor
sich hinblasend, rief er triumphierend: "Den Stein des Anstoes habe ich
aus der Welt geschossen; wohlan! der Stein der Weisen kann mir nicht
entgehen!"

Dann setzte er seine Wanderung fort und Krahirius flog zu seinen Huptern.




Die Rosenjungfrau


Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, er wurde mder und mder,
sein Rcken wurde gekrmmt; aber immer fand er doch den Stein der Weisen
nicht. So waren neun Jahre dahingegangen, als er eines Abends in ein
Wirtshaus einkehrte, welches am Eingange einer groen Stadt gelegen war.
Krahirius nahm sich mit der Klaue die Brille herunter und putzte sie an
seinen Flgeln; dann setzte er sie wieder auf und hpfte in die Kche.
Als die Hausleute ihn sahen, lachten sie ber seine Brille, nannten
ihn? Herr Professor? und warfen ihm die fettsten Bissen vor.

"Wenn Ihr der Herr des Vogels seid", sagte der Wirt zu Hinzelmeier, "so
ist nach Euch gefragt worden."

"Freilich bin ich das--" sagte Hinzelmeier.

"Wie heit Ihr denn?"

"Ich heie Hinzelmeier."

"Ei, ei", sagte der Wirt, "Ihren Herrn Sohn, den Gemahl der schnen Frau
Abel, den kenne ich recht wohl."

"Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier verdrielich, "und die schne Frau
Abel ist meine Mutter."

Da lachten die Leute und sagten, der Herr sei auerordentlich spahaft.
Hinzelmeier aber sah vor Zorn in einen blanken Kessel.

Da starrte ihm ein grmliches Angesicht entgegen, voll Runzeln und
Hahnepftchen und er gewahrte nun wohl, da er abscheulich alt geworden
sei.

"Ja. ja!" rief er und schttelte sich, als gelte es aus einem schweren
Traum zu kommen; "wo war es doch? Ich war ja dicht davor." Dann
erkundigte er sich bei dem Wirte, wer nach ihm gefragt habe.

"Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weies Kleid
und ging mit nackten Fen."

"Das war die Rosenjungfrau!" rief Hinzelmeier.

"Ja", antwortete der Wirt, "ein Struermdel mag es wohl sein, sie hatte
aber nur noch eine Rose in ihrem Krbchen."

"Wohin ist sie gegangen?" rief Hinzelmeier.

"Wenn Ihr sie sprechen mt", sagte der Wirt, "so werdet Ihr sie schon in
der Stadt an einer Straenecke finden knnen."

Als Hinzelmeier das gehrt hatte, schritt er eilig zum Hause hinaus und in
die Stadt hinein; Krahirius, die Brille auf dem Schnabel, flog krchzend
hinterher. Es ging aus einer Strae in die andere und an allen Ecksteinen
standen Blumenmdchen; aber sie trugen plumpe Schnallenschuhe und boten
schreiend ihre Ware feil. Das waren keine Rosenjungfrauen.--Endlich, als
schon die Sonne hinter den Husern hinab war, gelangte Hinzelmeier an ein
altes Haus, aus dessen offener Tr ein zartes Leuchten auf die dmmerige
Gasse herausdrang. Krahirius warf den Kopf zurck und schlug ngstlich
mit den Flgeln; Hinzelmeier aber achtete dessen nicht und trat ber die
Schwelle in einen weiten Hausflur, der ganz von rotem Schimmer erfllt war.
Tief im Hintergrunde, auf der untersten Stufe einer Wendeltreppe, sah er
ein blasses Mdchen sitzen; in einem Krbchen, das sie auf ihrem Schoe
hielt, lag eine rote Rose, aus deren Kelch das zarte Licht hervorbrach.
Das Mdchen schien ermdet; denn sie setzte eben die Lippen von einem
irdenen Wasserkruge, der ihr von einem kleinen Knaben mit beiden Hnden
vorgehalten wurde. Ein groer Hund, der neben ihr an der Treppe lag und
wie das Kind, hier zu Hause zu gehren schien, legte den Kopf an ihr
weies Gewand und leckte ihre nackten Fe.--"Das ist sie!" sagte
Hinzelmeier; und seine Schritte wurden unsicher vor Hoffen und Erwarten.
Und als die Jungfrau nun ihr Antlitz gegen ihn erhob, da fiel es ihm wie
Schuppen von den Augen und er erkannte mit einem Mal das Mdchen aus der
Bauernkche; nur trug sie heute nicht das bunte Nfieder und das Rot auf
ihren Wangen war nur der Abglanz von dem Rosenlichte.

"O du!" rief Hinzelmeier, "nun wird noch alles, alles gut!"

Sie streckte die Arme nach ihm aus; sie wollte lcheln, aber die Trnen
sprangen ihr in die Augen. "Wo ist Er denn so lange in der Welt
umhergelaufen?" sagte sie.

Und als er nun in ihre Augen sah, da erschrak er vor lauter Freude; denn
dort stand sein eigenes Bild, aber kein Bild, wie es ihn kurz vorher aus
dem kupfernen Kessel angeglotzt hatte; nein, ein Gesicht, so jung und
frisch und lustig, da er laut aufjauchzen mute; er htte es um alle Welt
nicht lassen knnen.-Da quoll von der Strae her ein Menschenstrom ins
Haus, schreiend und mit den Hnden fechtend. "Hier steht der Herr des
Vogels!" rief ein untersetztes Mnnlein; dann drangen alle auf Hinzelmeier
ein.

Dieser fate die Hand des Mdchens und fragte: "Was ist es mit dem Raben?"

"Was es ist?" sagte der Dicke, "dem Herrn Brgermeister hat er die Percke
gestohlen!"--"Ja, ja!" riefen Alle, "und nun sitzt es drauen auf der
Dachrinne, das Ungetm und hat die Percke in den Klauen und glotzt ihre
Wohlweisheit durch seine grnen Brillenglser an!"

Hinzelmeier wollte reden, aber sie nahmen ihn in ihre Mitte und schoben
ihn gegen die Tr. Mit Schrecken fhlte er die Hand der Rosenjungfrau aus
der seinen gleiten. So kam er auf die Strae.

Droben auf der Dachrinne des Hauses sa noch immer der Rabe und sah mit
seinen schwarzen Augen lauernd auf die aus dem Hause Kommenden hinab.
Pltzlich ffnete er die Klaue; und whrend die Brger mit Stcken und
Schirmen nach der Percke ihres Brgermeisters in der Luft umherlangten,
hrte Hinzelmeier es "krahira, krahira!" ber seinem Haupte schwirren und
in demselben Augenblicke sa auch die grne Brille schon auf seiner Nase.

Da war auf einmal die Stadt vor seinen Augen verschwunden; aber durch die
Brillenglser sah er zu seinen Fen ein grnes Tal mit Meierhfen und
Drfern. Sonnenbeschienene Wiesen zogen sich rings umher, auf welchen
barfige Dirnen mit blanken Milcheimer durch das Gras schritten, whrend
in weiterer Entfernung von den Drfern junge Kerle die Sense schwangen.
Was aber Hinzelmeiers Augen fesselte, war die Gestalt eines Menschen in
rot und weier Bluse, mit einer spitzen Kappe auf dem Kopfe, welcher
inmitten einer Wiese mit auf den Knien gestutzten Armen in nachdenklicher
Stellung auf einem Steine zu sitzen schien.




Nachbars Kasperle


Da dachte Hinzelmeier: "Das ist der Stein der Weisen!" und ging geradewegs
auf ihn zu. Der Mensch aber beharrte in seiner nachdenklichen Stellung,
nur da er zu Hinzelmeiers Erstaunen seine groe Nase wie Gummi elasticum
ber das Kinn herabzog.

"Ei, lieber Herr, was treibt Ihr denn da?" rief Hinzelmeier.

"Das wei ich nicht", sagte der Mann, "aber ich habe da eine verwnschte
Glocke an der Mtze, die mich abscheulich im Denken strt."

"Warum zupft Ihr Euch denn aber so entsetzlich an der Nase?"

Oh", sagte der Mensch und lie den Nasenzipfel fahren, da er mit einem
Klapps wieder in seine alte Form zurckschnellte--"da bitte ich um
Entschuldigung; aber ich leide oftmals an Gedanken, denn ich suche den
Stein der Weisen."

"Mein Gott!" sagte Hinzelmeier, "da seid Ihr wohl, gar des Nachbars
Kasperle; der gar nicht wieder nach Haus gekommen ist?"

"Ja", sagte der Mensch und reichte Hinzelmeier die Hand, "der bin ich."

"Und ich bin Nachbars Hinzelmeier", sagte dieser, "und suche auch den
Stein der Weisen."

Hierauf reichten sie sich noch einmal die Hnde und kreuzten dabei die
Finger auf eine Weise, woran sie sich gegenseitig als Eingeweihte
erkannten. Dann sagte Kasperle: "Ich suche den Stein der Weisen jetzt
nicht mehr."

"Da reist Ihr vielleicht nach dem Rosengarten?" rief Hinzelmeier.

"Nein", sagte Kasperle, "ich suche den Stein nicht mehr; aber ich habe ihn
bereits gefunden."

Da verstummte Hinzelmeier eine ganze Zeit lang; endlich faltete er
andchtig die Hnde und sagte feierlich: "Es mute schon so kommen, ich
wute es wohl; denn ich habe vor neun Jahren den Teufel aus der Welt
geschossen."

"Das mu sein Sohn gewesen sein", sagte der Andere, "dem alten Teufel bin
ich noch vorgestern begegnet."

"Nein", sagte Hinzelmeier, "es war der alte Teufel; denn er hatte Hrner
vor der Stirn und einen Schwanz mit schwarzer Quaste. Aber erzhlt mir
doch, wie Ihr den Stein gefunden habt.

"Das ist einfach", sagte Kasperle; "dort unten im Dorfe wohnen lauter
dumme Leute, die nur mit Schafen und Rindvieh verkehren; sie wuten nicht,
welchen Schatz sie besaen; da habe ich ihn in einem alten Keller gefunden
und mit drei Sechslingen das Pfund bezahlt. Und nun denke ich bereits
seit gestern darber nach, wozu er ntze sei und htte es vermutlich schon
gefunden, wenn mich die verwnschte Glocke nicht dabei gestrt htte."

"Lieber Herr Kollege!" sagte Hinzelmeier, "das ist eine hchst kritische
Frage, woran vor Euch wohl noch kein Mensch gedacht hat! Aber wo habt Ihr
denn den Stein?"

"Ich sitze darauf", sagte Kasperle und zeigte aufstehend Hinzelmeiern den
runden, wachsgelben Krper, worauf er bisher gesessen hatte.

"Ja", sagte Hinzelmeier, "es ist kein Zweifel, Ihr habt ihn wirklich
gefunden; aber nun lat uns bedenken, wozu er ntze sei."

Damit setzten sie sich einander gegenber auf den Boden, indem sie den
Stein zwischen sich nahmen und die Ellenbogen auf ihre Knie sttzten.

So saen und saen sie; die Sonne ging unter, der Mond ging auf und noch
immer hatten sie nichts gefunden. Mitunter fragte der Eine: "Habt Ihr's"
aber der Andere schttelte immer mit dem Kopfe und sagte: "Nein, ich nicht;
habt Ihr's?" und dann antwortete der Andere: "Ich auch nicht."

Krahirius ging ganz vergngt im Grase auf und nieder und fing sich Frsche.
Kasperle zupfte sich schon wieder an seiner schnen, groen Nase; da
ging der Mond unter und die Sonne kam herauf; und Hinzelmeier fragte
wieder: "Habt Ihr's?" und Kasperle schttelte wieder den Kopf und sagte:
"Nein, ich nicht, habt Ihr's?" und Hinzelmeier antwortete trbselig: "Ich
auch nicht."

Dann dachten sie wieder eine ganze Weile nach; endlich sagte Hinzelmeier:
"So mssen wir erst die Brille polieren, dann werden wir hernach schon
sehen, wozu er ntze sei." Und kaum hatte Hinzelmeier seine Brille
abgenommen, so lie er sie vor Erstaunen ins Gras fallen und rief: "Ich
hab es! Herr Kollege, man mu ihn essen! Nehmt nur geflligst die Brille
von Eurer schnen Nase."

Da nahm auch Kasperle die Brille herunter und nachdem er seinen Stein eine
Weile betrachtet hatte, sagte er: "Dieses ist ein sogenannter Lederkse
und mu mit des Himmels Hilfe gegessen werden. Bedienen Sie sich, Herr
Kollege!"

Und nun zogen beide ihre Messer aus der Tasche und hieben wacker in den
Kse ein. Krahirius kam herbeigeflogen und nachdem er die Brille aus dem
Grase aufgesammelt und ber seinen Schnabel geklemmt hatte, setzte er sich
gemchlich zwischen die Essenden und schnappte nach den Rinden.

"Ich wei nicht", sagte Hinzelmeier, nachdem der Kse verzehrt war, "mir
ist unmageblich zumute, als wre ich dem Stein der Weisen um ein
Erkleckliches nher gerckt."

"Wertester Herr Kollege", erwiderte Kasperle, "Ihr sprecht mir aus der
Seele. So lat uns denn ungesumt unsere Wanderung fortsetzen."

Nach diesen Worten umarmten sie sich; Kasperle ging nach Westen,
Hinzelmeier nach Osten und zu seinen Hupten, die Brille auf dem Schnabel,
flog Krahirius.




Der Stein der Weisen


Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, sein Haar ergraute, seine
Beine wurden wankend; am Stabe ging er von Land zu Land und immer fand er
doch den Stein der Weisen nicht. So waren noch einmal neun Jahre
vergangen, als er eines Abends, wie er es jeden Abend zu tun pflegte, in
ein Wirtshaus trat. Krahirius putzte wie gewhnlich seine Brille und
hpfte dann in die Kche um sich sein Abendbrot zu betteln. Hinzelmeier
trat in die Stube und lehnte seinen Stab in die Kachelofenecke; dann
setzte er sich still und mde in den groen Lehnstuhl. Der Wirt stellte
einen Krug Wein vor ihn hin und sagte freundlich: "Ihr scheint mde,
lieber Herr; trinket nur, das wird Euch strken!"

"Ja", sagte Hinzelmeier und fate den Krug mit beiden Hnden, "sehr mde;
ich bin lange gewandert, sehr lange." Dann schlo er die Augen und tat
einen durstigen Zug aus dem Weinkruge.

"Wenn Ihr der Herr des Vogels seid, so glaube ich fast, es ist nach Euch
gefragt worden", sagte der Wirt. "Wie heit Ihr denn, lieber Herr?"

"Ich heie Hinzelmeier."

"Nun", sagte der Wirt, "Euren Enkel, den Gemahl der schnen Frau Abel, den
kenne ich recht wohl."

"Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier, "und die schne Frau Abel ist
meine Mutter."

Der Wirt zuckte mit den Achseln und indem er sich nach seiner Schenke
wandte, sagte er bei sich selber: "Der arme alte Mann ist kindisch
geworden."

Hinzelmeier lie den Kopf auf seine Brust sinken und erkundigte sich, wer
nach ihm gefragt habe.

"Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weies Kleid
und ging mit nackten Fen." Da lchelte Hinzelmeier und sagte leise: "Das
war die Rosenjungfrau, nun wird es bald besser werden. Wohin ist sie
gegangen?"

"Es schien ein Blumenmdchen zu sein", sagte der Wirt, "wenn Ihr sie
sprechen wollt, Ihr werdet sie leicht an den Straenecken finden knnen."

"Ich mu ein Weilchen schlafen", sagte Hinzelmeier, "gebt mir eine Kammer
und wenn der Hahn krht, dann klopft an meine Tr."

Nun gab der Wirt ihm eine Kammer und Hinzelmeier legte sich zur Ruhe. Er
trumte von seiner schnen Mutter; er lchelte, sie sprach im Traum zu ihm.
Da flog Krahirius durch das offene Fenster und setzte sich zu seinen
Hupten auf das Bett. Er strubte seine schwarzen Federn und hackte mit
seiner Klaue sich die Brille von dem Schnabel. Dann stand er unbeweglich
auf einem Bein und sah auf den Schlafenden hinunter. Der trumte weiter
und seine schne Mutter sprach zu ihm: "Vergi die Rose nicht!" Der
Schlafende nickte leise mit dem Kopfe; der Rabe aber ffnete die Klaue und
lie die Brille auf seine Nase fallen.

Da verwandelten sich seine Trume; seine eingefallenen Wangen begannen zu
zucken, er streckte sich lang aus und sthnte.--So kam die Nacht.

Als im Zwielicht der Hahn gekrht hatte, klopfte der Wirt an die Kammertr;
Krahirius reckte die Flgel und zupfte seinen Federbalg zurecht; dann
schrie er "krahira! krahira!" Hinzelmeier richtete sich mhsam auf und
starrte um sich her; da sah er durch die Brille, die noch auf seiner Nase
sa, zur Kammertr hinaus, ber ein weites, des Feld; dann weiterhin auf
einen mhlich ansteigenden Hgel; auf diesem, unter dem Rumpfe einer alten
Weide, lag ein grauer, flacher Stein; die Gegend war einsam, kein Mensch
zu sehen.

"Das ist der Stein der Weisen!" sagte Hinzelmeier zu sich selber.
"Endlich, endlich wird er dennoch mein werden!"

Hastig warf er seine Kleider ber, nahm Stab und Ranzen und schritt zur
Tr hinaus. Krahirius flog zu seinen Hupten, knappte mit dem Schnabel
und schlug beim Fliegen Purzelbume in der Luft. So wanderten sie viele
Stunden. Endlich schienen sie ihrem Ziele nher zu kommen; aber
Hinzelmeier war ermdet, seine Brust keuchte, der Schwei troff von seinen
weien Haaren; er stand still und sttzte sich auf seinen Stab. Da kam
aus der Ferne, hinter ihm, ganz aus der Ferne, fast wie ein Traum, ein
Gesang zu ihm herber:

Rinke, ranke, Rosenschein,
La ihn nicht allein, allein!
Halt ihn fest und hol ihn ein,
Rinke, ranke, Rosenschein.

Das spann sich wie ein goldenes Netz um ihn her; er lie den Kopf auf
seine Brust sinken; aber Krahirius schrie: "krahira! krahira!" da war das
Lied verschollen und als Hinzelmeier die Augen wieder aufschlug, stand er
am Fue des Hgels.

"Nur eine kleine Weile noch", sagte er zu sich selber und lie noch einmal
seine mden Fe wandern. Als er aber den groen, breiten Stein
allmhlich in der Nhe sah, da dachte er: "Den wirst du nimmer heben."

Endlich hatten sie die Hhe erreicht, Krahirius flog voran mit
ausgebreiteten Schwingen und lie sich auf den Baumstamm nieder;
Hinzelmeier wankte zitternd hinterher. Als er aber den Baum erreicht
hatte, brach er zusammen, der Wanderstab glatt aus seiner Hand, sein Kopf
sank auf den Stein zurck; doch in demselben Augenblick fiel auch die
Brille von seiner Nase. Da sah er tief am Horizonte, am Rande der den
Ebene, die er durchwandert hatte, die weie Gestalt der Rosenjungfrau; und
noch einmal hrte er aus weiter Ferne:

Rinke--ranke--Rosenschein.

Er wollte aufstehen, aber er vermochte es nicht mehr; er streckte seine
Arme aus, aber ein Frsteln lief ber seine Glieder; der Himmel wurde grau
und grauer, der Schnee fing an zu fallen, Flocke um Flocke, es schimmerte
und flirrte und zog weie Schleier zwischen ihm und der fernen,
nebelhaften Gestalt. Er lie die Arme fallen, seine Augen sanken ein,
sein Atem hrte auf. Auf dem Weidenstumpf zu seinen Hupten steckte der
Rabe den Schnabel zum Schlaf in seine Flgeldecken.--Der Schnee fiel ber
sie beide.

Die Nacht kam und nach der Nacht kam der Morgen und mit dem Morgen kam die
Sonne, die schmolz den Schnee hinweg und mit der Sonne kam die
Rosenjungfrau; die lste ihre Flechten und kniete neben dem Toten, da die
blonden Haare sein bleiches Antlitz ganz bedeckten und weinte, bis der Tag
verging. Als aber die Sonne erlosch, gurrte der Rabe im Schlaf und
rauschte mit den Federn. Da richtete die zarte Gestalt der Jungfrau sich
vom Boden auf, mit ihrer weien Hand ergriff sie den Raben bei den Flgeln
und schleuderte ihn in die Luft, da er krchzend in den grauen Himmel
hineinflog, sie pflanzte die rote Rose an den Stein und sang dazu:

"Nun streck die Wrzlein tief hinab,
Nun wirf die Blttlein bers Grab,
Und singt der Wind im Abendschein,
Dann sprich auch du ein Wort darein,
Mit rinke, ranke, Rosenschein!"

Dann zerri sie ihr weies Kleid vom Saum bis an den Grtel und ging zu
ewiger Gefangenschaft in den Rosengarten zurck.




Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hinzelmeier, von Theodor Storm.






End of the Project Gutenberg EBook of Hinzelmeier, by Theodor Stein

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HINZELMEIER ***

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