The Project Gutenberg EBook of Dada, by Adolf Knoblauch

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Title: Dada
       Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Author: Adolf Knoblauch

Illustrator: Lyonel Feininger

Release Date: June 19, 2016 [EBook #52370]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DADA ***




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           [Illustration: Holzschnitt von Lyonel Feininger]




                                 DADA


                                 VON
                           ADOLF KNOBLAUCH

                     KURT WOLFF VERLAG  LEIPZIG




                BCHEREI DER JNGSTE TAG BAND 73/74

              GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG




              MIT EINEM HOLZSCHNITT VON LYONEL FEININGER

            COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG, 1919




                            LEO FEININGER
                           waffenbrderlich
                              zugeeignet




          Menschen, wie wir beide, verkennen mglicherweise
          unsere besten, echtesten Fhigkeiten und
          Kunstgaben, wenn wir den fr uns beide erprobten
          Hang zum Satirischen immer nur unterdrcken. Sie,
          wie ich, befassen sich mit den mystischsten Dingen;
          wir leben in einer Thrnenwelt (mit Th...)
          und unsere Gedanken sind vollgesttigt von dem
          gottverlassenen Treiben dieser Jahre; und tief in
          uns drin steckt doch auch die explosivste,
          rabiateste Bosheit und verlangt nach
          Bettigung und Befreiung. Wer wei, ob
          sie nicht gerade _die_ Kraft ist, die uns
          zur sieghaften Gestaltung prdestinierte.

                                                  Feininger.




          Denn wir haben Mondungen fr die Erde mitgebracht.

          Wer zur Welt kommt, sammelt Abflle seiner
          fehlgeschlagenen Schaffung des Mondes.

                                            Theodor Dubler.




                             ERSTER TEIL




                              DER KARST.


Das sonnergraute Rund des Karst steigt ber Dada empor, seine Stirn
trgt vier Sulen roten Abendlichts, seine Hnde ruhen blau: Die Linke
mit dem Schlssel Polas, die Rechte mit der goldenen Schale von Triest.

Pola im Klirren der Arsenale, Rauch der Stahlfabriken, der Hafen voll
grauer Stahlboote. Die zierliche Schnur der zum Hafen einbiegenden
Panzerkreuzer ist vom Karst ins adriatische Blau herabgerollt.

Triest das goldene Halbrund fraulichen Entzckens, Venezias rmere
Schwester, aber gleich hold von Adria geliebt.

Das sind die Gtter! und in Dadas schwingenden Nerven dichten seine
Stdte aus der in den kargen Fels geschnittenen und gesprengten Flle
eine graue und goldene Hymne, zu den Gttern singen die Stdte ihr in
ihm geborenes Lob, auf da Er Europas Hauptstdte vor ihrem Bilde beuge.

Dadas dichtender Leib ist auf kargem Karst ein lohender Abendnebel, ein
Moos auf erhabenem Steine Ostlatiums, ein blauer, dann blasser Pilz. Ein
etrurischer Silen, ohne Zentaurenzierde der Vorfahren, und von weier
Leinfarbe der Haut, hat den Leib im Karst geborgen, ihn werden nie die
leichtgebogenen Lufe des Hirsches davontragen. Unter dem beschattenden
Stirnhaar blicken Dadas bla durchsichtige Augen auf das Meer gegen
Abend.

In Dadas Blut braut Polas Rauch, duftet die Zrtlichkeit der
triestinischen Schale. Mge endlich die lateinische Mutter Adrias blaue
Meerflut zerteilen, mgen das knigliche Venedig und das vterliche Rom
ihre Wimpel senden und das verlorene Istrien befreien und belohnen!

Dadas weiche Hnde sind zwei blaue Quallen, die in der Tiefe saugend mit
den Fluten rollen und wiegen. Zu seinen Hupten stehen die vier roten
Sulen im feinen telegraphischen Tnen der Arsenale von Pola. Diesem
Tnen ist Dadas dichtendes Grohirn hingegeben.

In der zehnten Stunde bebt der Karst von groer Woge, tagjung steht eine
Wolke im Lohgelben gebaut. Adria ruht hochgewlbt, und ein blankes
junges Weib springt von Adrias Rcken auf die Wolke, die sich blht und
nach Osten wandelt. Dada eilt strahlend zur Felswand und breitet die
Arme nach der Gttin Italia, nach der mchtigen, fruchtbaren Frau, die
kommt, um den Karst zu segnen!

Die Wolke steigt gen Triest. Italia streckt den vollen weien Arm aus
dem wallenden Blau des Kleides und spendet ber die glckliche Stadt
goldene Jubelmnzen. Danach wird die Wolke finster zusammengedrckt und
rollt berm Karst nach Pola. Dada spht scharf aus dem Eck der
haarverhangenen Stirn zum Zenith des weltenvollen Himmels, bis er das
blaue Kleid seiner Trume erschaut. Aber das Kleid rollt auf den grauen
Berg hernieder, denn die Gtter sind nackt, wenn sie einen Sterblichen
liebenden Glanzes erfreuen. Italia schreitet herab, und der Silen starrt
zu ihrem holden Jungreiz empor, zu den hohen Beinen, der gewlbten
Hfte, auf der d'Annunzio die Harfe schlug, und dem stolz wallenden
Busen.

Dada kniet trunken weich vor der Gebieterin, mit schwerem, sehr qulend
schwerem Bauch, zu den Fen von Rosamilch und bietet den Schlssel Pola
und die Schale Triest huldigend der Lateinerin. Die Geliebte uralter
Waldgtter, der sich einst Stier, Eber, Hirsch brnstig gewlzt hatten,
die Umworbene teutonischer Knige, sie neigt sich gndig in Dadas Augen.
Aus seinen Hnden lischt das Blau, die Lichtsulen verstummen und wenden
sich ab, den entgttert Dmmernden kt die hohe Frau, freigebig
gelaunt, mit der Koketterie der prchtigen, volkstmlichen Dame. Sie
spricht: Dada, werde durch mich berhmt, wandle als mein Bote durch die
Stdte Europas und sage, da ich ihnen aus meinem Schoe die Freiheit
schenken will.

Wenn du aufstehst unter ihnen, gebiete als mein Marschall, wenn du
sitzest und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern, massig,
dick, Leib meiner Demokratie und erlsten Republik.

Dein schner Silenskopf sei feurig gebrunt, es sei die Blsse vom
Zeitungspapier aus den lateinischen Zgen getilgt. Dein Haarbusch ruhe
schmachtend auf der goldenem Mittelma nicht entfliehenden Stirn, denn
die schneren Hlften knftiger Republiken werden auf deine Locken mit
Kssen sinken. Deine blassen, durchsichtigen Augen, die meine Brste
umspannen mit der zart saugenden Nhe des Neugeborenen, bewahre mein
Lieber, denn sie knden deinen Charakter.

Eh sich Dada ermannt, Italias Hfte ergreift und die Schne an sich
reit, hat die Wolke sich gesenkt. Unter neckenden Glockentnen
entweicht die Gestalt und schwebt gen Abend.

Triest zhlt das Gold im Schlafe, Pola schlgt tolle Hmmer, als wolle
es in seinen Essen das Meer zu Stahl schmieden. Dada verneigt sich
morgenlndisch und spricht zrtlich das Zauberwort: Freiheit!




                               DEROBEA.


Dada hat ein wunderbares Wort, um vor niederbeugenden Hemmnissen sich
selbst wiederzufinden: elastisch sein! Dieser Zauber hilft ihm durch die
unwirtlichsten Zeiten.

Nachdem er Frau Italia geschaut, hat er Istriens Karst umkreist, sein
karges Vaterland, das einst die heimatlichen Wlder rodete, um auf ihren
Pfhlen Venedig zu errichten. In dieser Einde lebt er von der Ekstase
jenes Zauberrufes, den die Gttin von den vollen zrtlichen Formen
Tiepolos ihm schenkte. Aber nur unvollkommen die Bedeutung des
Zauberrufes in der Wste ermessend, hat Dada ihn treulich nach Pola und
Triest getragen, in jene Schenken armseliger Vorstdte und in winzige
Arbeiterhtten, aus denen der im Reichtum geborene strenge Hauch der
Freiheit zum schreckensvollen Orkane verwandelt hervorrast.

Eines Nachts, beim Heimgange von der Druckerei des Polaer
Generalanzeigers wird Dada berfallen, seine ungewhnliche Krperflle
wird in einen Sack gepret, er wird auf ein Maultier gebunden, und so
auf den Karst gebracht. Dort wird er seinem Schicksal berlassen, nicht
ohne ihm eine Anzahl gut sterreichischer Schlge mit dem Knttel auf
die weichsten Teile seines Leibes zu zhlen, die von der Schwere seines
Leibes ganz besonders hart geprft wurden.

Der Morgen erscheint in Adrias erhabenem Glanze und Adria hrt aus dem
Sacke den leisen Seufzer: elastisch sein! Dada trennt die fesselnde
Leinwand, barhuptig, gelenkig, schnellfig tritt er mit Zorn den
grauen Schiefer des Felsens. Dann bckt er sich und fat das nchstbeste
Stck Glimmerschiefer, zerdrckt es in beiden hohlen Hnden zu Staub,
speit dreimal krftig drauf und bckt aus dem Ganzen einen Klo. Diesen
Klo nun schleudert er mit Spottworten Pola zu, das drunten mit seinen
Trmen und Dchern den Schlaf der Provinz hlt. Der Klo rollt zufllig
auf das weie Hemd eines Mdchens, das Wsche auf dem flachen Dache
ihres Hauses zum Trocknen aufhngt. Sie ist entsetzt, denn sie glaubt,
da ein Stier vom Karst mit seinem Mist ihr Hemd verunreinigt habe. Und
aus solcher Hhe!

Dada lacht. Er ist frei. Er luft am Rand der Felsen entlang und schreit
fnfmal seinen Namen. Diese eine Silbe fnffach gedoppelt wiederholt,
stellen das erstaunte Aufmerken und Fingerweisen eines Suglings dar.
Das fnffach gedoppelte Da! rollt aus Dada zauberhaft lieb und mit der
Perligkeit eines Suglingsmundes -artig rund und mit den Hkchen des
zartesten Hammellautes zu Adrias blauen Wohnungen, so da selbst die
Gttin erwacht, die von frstlichen Rubern und Mrdern abstammt.

ber die glsernen Kuppeln ihres Palastes fhrt ein schneeweier
riesiger Kreuzer und hoch auf allen seinen Stricken, Masten, Stangen und
Spieren flattern Italias Wimpel.

Dada rast zum Strande. Das mchtige Schiff hat drauen ein schmales Boot
niedergelassen. Mit zehn Ruderschlgen saust es an Land, whrend die
Hymne Emanueles hoch ber der Adria zum Grue Istriens rauscht. Dada
wird an Bord des Kreuzers geholt.

Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum Nordpol fhren und jene
Lnder der Antarktis entdecken, von denen der Italiener im Namen der
lateinischen Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem Sack und den
Kntteln entronnen, der Patriot, der letzte Italiener Ostlatiums, der
Redakteur des istrianischen Proletariats, ist auserkoren zum
Berichterstatter fr jenes umworbene Polarland, das seinen silbernen
Gipfel ber dem erstaunten Europa mit der italienischen Flagge schmcken
wird. Anstelle seiner verlorenen Mtze wird Dada ein mit langen
Truthahnfedern geschmckter Bersaglieri-Hut auf die starke Stirnlocke
gedrckt.

                   *       *       *       *       *

Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes versammelt, als der
Istrianer vorgestellt wird. Professoren, Literaten, Politiker und
vereinzelte Damen gehren dem Unternehmen an, das in Schwung gebracht
worden ist, um ein Ereignis von ebenso wissenschaftlichem wie
weltpolitischem Charakter heraufzubeschwren.

Der khne Dada hat sich nach einer allgemeinen Verbeugung, und nachdem
die schnsten, ausgezeichnetsten Namen von Rom an ihm vorbergebeugt
sind, sogleich in den nchsten Ledersessel sinken lassen, danach rutscht
er ein wenig nach vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt die
Knie, aber keineswegs, um die Zierde der Stiere unter seinem Kleide der
Zivilisation zu zeigen, sondern um jenes Wort Frau Italias zu erfllen:
Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern,
massig, dick, Leib meiner Demokratie!

Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen Stirn zu den
glnzenden Uniformen und den prchtigen Damen. An der Seite des Herzogs
ruht eine ungewhnliche korpulente, busengefildete Frau von hochrotem
Angesichte, die Dada mit Lorgnon in Augenschein nimmt. Einen Augenblick
lang will Dada sich beleidigt fhlen, er fhrt von der Tiefe des Sessels
auf, und indem er mit seiner gewaltigen Leibesmasse gebieterisch
aufrecht steht, zieht er die Blicke des ganzen Publikums auf sich.

Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet ihre gndige Laune, zu
gestatten, da er eine seiner Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum
besten geben drfe. Die Lorgnons senken sich langsam, wie die Fittiche
des Albatros, um den Schaum der Welle zu berhren, und Dada rezitiert
seine istrianischen Hymnen.

Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons ist dieser eintnig
leiernde Lateiner eine Wohltat, eine Sanftheit und Trgheit langen
Verdsens. Die Professoren sind eingenickt und die Damen in tiefste
Korbsessel geflchtet zum Schlummer. Nur die unermdliche Begleiterin
des Herzogs bleibt wach und bewundert Dada. Sie steht pltzlich auf,
tritt zum Lesenden und legt den Arm in den seinen. Erst jetzt bemerkt
der ganz in die Darstellung seiner urgefgten Laute gespannte Dichter
die beraus vollbltige, starke Weibesgestalt, die ihn mit lustigem
Zwinkern aus dem Saale und an Deck schiebt. Indem sie auf die rings um
die herzogliche Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: Dada, Sie sind
schon jetzt ein berhmter Mann, der Herzog ist unterrichtet von Ihrer
politischen Khnheit und den gegen Sie geplanten Anschlgen. Aber die
von ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur Reise beranstrengten
Hupter drfen Sie nicht im Sturm fr Ihre tiefsymbolischen Dichtungen
zu gewinnen hoffen. Lieber Freund --! so darf ich Sie wohl schon jetzt
nennen, denn Sie sind doch auch ein wenig sterreicher, und ich bin eine
Deutsche -- ich will fr Sie werben, junge Dichter sind so
auerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur ganz in meine Hnde, in
Freundeshnde --!

Sie lchelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht flammt vor ihm auf. Mit
einem Blick umfat der feurige hbsche Silen den mchtigen Leib, den
wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit, und sie, von der
Karstglut seiner Hymnen versengt, streicht ber seine Stirnlocken. Und
Dada erinnert sich des Augenblicks, in dem die Gttin Italia ihm ihren
Segen und ihre Sendung gab. Er hat noch kein Weib gefunden, das so sehr
der Vollendung Italias gem gebildet ist, als diese Deutsche neben ihm.
Ein glhendes Hinneigen zu diesem Weibe bemchtigt sich des Dichters, er
pret den vollsten und strksten aller Weibesarme an seine heroische
Hfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht, sondern rund auf dem
Gewlbe seines Bauches ruht. Sein braunes Silensgesicht wird noch
dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er senkt den unverhllten
Blick in das Auge der vollbltigen Aphrodite, die fest an seiner Hfte
ruht, denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie flstert
trumend: Mein Herr von Casanova! Ihren Augen entschwindet die Kste
Italiens.

Es ist Dada nicht mglich, den mchtigen Rcken neben sich mit dem Arm
zu umfangen, schlielich biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen
und sie geben sich grndlich einen Ku. Dann lassen sie einander los.
Die Professoren erscheinen, die Hoheit hat ausgeschlafen, und die beiden
dicken neuen Freunde bilden den Mittelpunkt fr alle Liebenswrdigkeiten
und Schmeicheleien. Jetzt erfhrt Dada auch den Namen seiner Gttin: sie
wird Derobea genannt und ist die Frau eines kniglich schsischen
Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist. Als Freundin des Herzogs hat sie
die Erlaubnis, die Nordpolfahrt zu seiner Linken mitzureisen.

                   *       *       *       *       *

Das Schiff verlt England und steuert zur skandinavischen Kste. Dada
fhrt das Tagebuch des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen
und Seerssern der Polarzone ihre Urlaute abzulauschen und ein Epos von
den Pinguinen zu verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten
Weltfahrt, die ihn zwar Italias Sendung, Europa die Freiheit aus ihrem
Schoe zu bringen, abwegig macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen
dsteren Horden der Eskimos zufhrt, die in ihren Erdhhlen die
holdesten Kulturreize Italiens fhlen sollen. Dada hat Derobea fr die
nationalen Aspirationen in Niemandsland geworben. Wie die Jordaenssche
Lebensflle beider die Pltzlichkeit, Offenherzigkeit ihres
Liebesverstndnisses simultan durchsprht, so sind sie auch fr ihre
knftigen Eroberungen eine Hand, eine Seele.

Sie nhern sich nrdlicheren Breitengraden, Bergen, Trondhjem, als Dada
jene Taktlosigkeit begeht, derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von
ihrem neuen Freunde befreien zu mssen. Seinem eigenen feurigen Ungestm
ist die schuldige Entdeckung zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als
sie zufllig Dada beim Verlassen von Derobeas Schlafzimmer betrifft.

Dada wird bedeutet, sich an einem Kstenorte Norwegens ausschiffen zu
lassen, und trotz Derobeas entrsteten Thrnen, die fr ihren dicken
Schtzling mehr frchtet als fr das Wohl und Wehe der ganzen
hoheitlichen Expedition, mu sie sich in die ernsten Vorhaltungen der
Professoren fgen, die nur das rgernis entfernt wissen wollen.

Ohne Gepck, mittellos, wie er vom Karst gekommen, nur mit einigem
Reisegeld, dem Reisepa und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben
ausgerstet, steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom Nordkap schwenkt
der Verlassene seinen wallenden Bersaglierihut, whrend Derobea vom
weien Schiffe ein zartes Tchlein weht, und es immer wieder an die
Augen fhrt. Das einzige, teure Wort, das ihm geblieben, murmelt Dada
immerfort vor sich hin: Derobea! Dada! wo hast du deine Derobea?!




                            DAS NORDLICHT.


Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jh vorbrechende Strme. Die
Meereswste wird nur selten von einigen die kimerische Dmmerung
durchbrechenden Sonnenstrahlen gefrbt. Den Tagen folgen wunderliche
Nchte von gleicher Helligkeit.

Eines Abends sitzt Dada wie gewhnlich am Meere, das ihm Derobea
genommen hat und erwgt einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand
entglitten ist: Die berwindung der unsozialen, richtungslosen Ekstase
durch die soziale Ziel-Ekstase, das himmlische Jerusalem aus irdischen
Bausteinen. Es ist ihm, als unterhielte er sich mit Derobea ber den
Sinn dieses Satzes.

Der Wind schlft ein, die Wolken stehen reglos, und das Meer verndert
fern hinaus seine Dsternis zur tiefsten Schwrze. Nur der Schall der
gegen die Blcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert im
Gleichma fort. Unheimliche Finsternis der Antarktis steht
undurchdringlich vor Dada. Nur das Land bleibt schattenhaft in seinem
gespenstigen Eigenlicht sichtbar. In Hhe des Meeres beginnen einzelne
gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter einem unermelichen Vorhang
finstrer Geschiebewinde, einzelne ferne Fanfarentne, dann tiefste
Stille. Dicht berm Meere wird es in endloser Ausdehnung vom Licht
lebendig, der Horizont glht an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grn
und strahlt auf, whrend ungeheure Fcher, Gardinen, schwere Vorhnge
sich hell frben und aus durchsichtigem Kristall werden, um ein
unerhrtes lohgelbes Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen.
Endlich erhebt sich hinter den starren Falten der purpurne Riesenfcher
eines ungeheuer starken Kernfeuers, das mit blutigem Licht durch die
flammenden Kristalle hinaus aufs Meer in breiten Strmen rieselt. Ein
unermeliches Blutergieen berflutet den geheimnisvollen Polarkreis.
Die wilde Schnheit purpurner Grotten und Eismeere, ungeheurer Pflanzen
und Wale und Berge von Eis, vom zartesten Splitter bis zu den
Kristall-Stalaktiten antarktischer Riesendome in dsteren Gluten
errtend und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas Herz und ttet
mit Geisterhnden sein Liebesleid. Das Miramar des Nordpols steht vor
seiner Seele, und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster Stille das
Wort des neuen Jahrtausends aus.

Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht, von schrecklicherer Klte als
alle grausamen Kulte Mexikos, Indiens und Karthagos. Das klteste und
feurigste Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut. Das grausigste
der Schpfungswerke, das der uersten Finsternis die blendendste Pracht
des Lichtes beigesellte.

                   *       *       *       *       *

Das blutige Nordlicht, gewaltiger als je eins seit Menschengedenken, ist
von vielen Lapplndern beobachtet worden.

Dada hat das Fieber seit jener Nacht gepackt und liegt im Gasthofe zu
Bett, wo er von einer Lapplnderin gepflegt wird. Und diese erzhlt ihm
eines Tages vom Nordlicht und seiner Prophetie. Es kndigt einen Krieg
an, in dessen weiglhenden Ring alle Vlker der Erde nacheinander ihre
Shne hineinschmieden mssen, um sie in seiner unerlschlichen Glut fr
ewig versinken zu sehen. Ein herrlicher Vorhang flammensprhend verbirgt
wohlttig die Greuel denen, die warten, aber wenn ein Vorhang verzehrt
ist, so stellt ein neuer noch herrlicher sich dar. Niemand vermag
hineinzuspringen, die abscheulichen Gluten auszutreten oder die
Geopferten ihnen zu entreien. Hier wird Retter, Henker und Opfer eines
und gleich. Diese Schrecken verknden die prophetischen Falten des
Nordlichts.




                             DIE URLAUTE.


Dada lernt die Sprache der Lapplnder, um Zunge und Gehr in der Urform
des Menschenwortes kindlicher Rassen zu binden.

In den Nchten des nassen, sturmumtobten Hammerfest sieht Dada die
Grundlage einer Zukunftsdichtung, indem er die Sprachen alter Rassen
nach Urworten und Lauten durchforscht, die Tne tausendjhriger Kindheit
blumenhaft ffnen. Wie vordem die Urlaute der Kinder, versucht er jetzt
die Urklnge der menschlichen Rassen in seinem System von Rhythmen zum
schwingenden Rausche zu dichten, wie jener Ekstatiker in L-bas die
substilsten Sorten des Kognaks zu einer Symphonie des Kognak-Rausches.
Vom wilden Lappen, Eskimo, Tschungusen nimmt Dada den Urlaut, und lt
ihn neu tnen in Dadas Wildheit, Trauer, Glck und Schmerz. Dada hebt
die logische Sukzession der Worte in den Ursprachen der Fetischanbeter
auf und sammelt ihre einzelnen Silben oder Laute, sperrt ihren
beziehungsreichen Sinn in das Gefngnis seines nervs eilenden Rhythmus
und senkt in ihre traurig gerupften Kelche die bleichen Leidenschaften
des Urwalddurstigen verkrppelten Europers. Der Chinese, der gypter,
der Druide sprachen durch Zeichen, die sie auf Seide, Stein oder Holz
eingruben. Dada nimmt die gottgeweihten Zeichen, wiederholt sie auf
mehreren Reihen des nervs fiebernden Rhythmus, um die Empfindung des
Urlaute-denkenden Dada flchtig schillernd auszudrcken.

In einem lapplndischen Dorfe nahe der russischen Grenze findet Dada
einen Dorfgtzen, vor dem er sich niederwirft, dann wieder aufrichtet,
um von neuem niederzufallen. Mit schumendem Munde betet Dada in den
drei Urlauten einer Hymne, die zum Gegenstande die komplizierte Idee der
sozialen Zielekstase hat. Das Dorf um ihn ist nichts weiter als die
materielle Gestalt seiner Idee, der er in der Hymne den Ausdruck des
Urlautes verleiht.

                   *       *       *       *       *

Dada spricht: Ich bin der Orient.

Er reist durch Finnmarken nach St. Petersburg; er geht durch das
Geschlinge aller Rassen und Sprachen und er bildet das Gehr zur
uersten Feinheit der Wahrnehmung, um die allertiefsten und
allerfernsten Urklnge der lebenden Vlker zu verstehen und zu besitzen.

Er betritt vom ersten Augenblick an jene Bahn, die jedermann whlt, wenn
er weder Geld noch Beschtzer besitzt, um zum Erfolge zu gelangen. Dada
tritt in die berhmte Organisation der russischen Geheimpolizei. Er wird
beauftragt, einer Reihe revolutionrer Klubs als ordentliches Mitglied
anzugehren. Auf Grund geflschter Zertifikate erlangt er Zutritt zu
einer Reihe politischer Versammlungen, erwirbt sich Vertrauen und wird
schnell berhmt auf Grund seiner persnlichen herkulischen Erscheinung,
die an die Leibesflle des Begrnders russischen Terrors erinnert:
Michail Bakunin. Dadas Vorname, bei dem ihn jetzt das Proletariat kennt,
ist: Michail.

Auf einer Werbereise zu den Muschiks eines westlichen Gouvernements
kommt der erfolgreiche Istrianer in einem Provinzstdtchen mit zwei
Mnnern zusammen, die Bauern und Arbeiterschaft ihrer Bezirke in
Bewegung gesetzt haben, ohne eine Kopeke von den Geldern des
Zentralkomitees zu brauchen. Der eine ist Klavierlehrer, der andere
Angestellter der Stadtdruckerei. Mit diesen beiden Mnnern gert er in
ein Gesprch ber ein Ereignis, das ganz Ruland erschttert. Ein junges
Mdchen aus guter Familie, gut erzogen und von der Jugend der Charlotte
Corday, hat einen General mit der Bombe gettet, weil er ein grausamer
Gouverneur war. Dies Mdchen wird in der Untersuchungshaft von den
berwachenden Offizieren vergewaltigt und am nackten Leibe gemartert.
Sie lschten z. B. die Zigaretten auf ihrer Haut. Als sie vor ihren
Richtern steht, erklrt sie, da sie aus dem Leben wolle.

Eine dstere Tragdie folgt der anderen, diese glhenden Verfinsterungen
einer Nation, in der die mechanische Cinma-Kultur Europas sich mit den
asiatischen Triebkrften zur ungeheuren Selbstzerstrung vermischen.

Dada sieht sich durch die Ochrana unheimlich verstrickt und weiter als
je von Italias Freiheitssendung entfernt. Er schliet sich geqult den
beiden Mnnern an, die eine fr ihre Schicht ungewhnliche politische
Vernunft und khne Rcksichtslosigkeit in der Verfolgung ihrer Ziele
besitzen, auerdem lernt Dada in ihnen zwei Freunde jener Terroristin
kennen. Mit ihnen geht der Istrianer auf die Strae, sie halten die
Vorbergehenden an und erklren jedem einzeln ihre Ideen. Sie flstern,
versprechen geheimnisvoll, drohen, spotten -- sie werben mit
unbezwinglicher berzeugungskraft. Die Polizei ist machtlos gegen sie.

Auch Dada glaubt an die Revolution, die Demokratie und Kindlichkeit der
Vlker. Er glaubt an das Werk der Freiheit. Er bittet seine Freunde, das
erste groe Werk sozial zielvoller Ekstase den Muschiks und Proletariern
vortragen zu drfen: Das Nordlicht! und begrndet: Die Kindlichkeit
neuer Demokratien erfordert eine ihr geme neue Urform des Ausdrucks
und des Stils. Erst der kindliche Mensch ist der wahrhaft Freie! ein
ausgelassener unbndiger Junge ist das Urbild der Freiheit!

Seine Stze brauche man nicht durch Kommas und Punkte eingeschachtelt zu
hren, jedes seiner Worte sei ein Hauptwort, auf dem die Sonne der
Urlandschaft spriee. Jede seiner Empfindungen habe nur einen Ausdruck:
Den o- oder aj-Ausruf, den Schmerz oder die Freude. Sein Wille kenne nur
eine Wortform von substanziellstem Wert.

Vor dem gleichgltig rauchenden und trinkenden Publikum einer
Arbeiterversammlung trgt Dada die Hymne des Nordlichts vor. Die Vlker
beider Welthlften erzhlen selbst im eintnigen Chore von den
Grausamkeiten, den Kriegen und den Kulten ihrer kindlichen Zeiten. Die
Idole der Osterinsel, Perus und der grausamen Mexikaner erzhlen ihre
paradiesischen Feste und ihre schndlichsten Greuel, Madagaskar, Indien,
und endlich jene untergegangene Atlantis, von der die lateinischen
Neu-Republiken nur blasse Revenants sind, blhen urwaldblumenhaft in
ihren wenigen gewaltigen Urlauten aus Dadas Rhythmen auf. Tnze,
Prozessionen, Orgien, Fratzen, Gtzen der alten Naturkulte leben
magnetisch in einigen gelallten Silben Dadas, obgleich hier bereits die
Grenzen des im Worte Darstellbaren erreicht werden. Diese Silben
gleichen Kakteen oder Orchideen, die mrchenhafte Systeme von Stacheln
oder farbigen Blttern entfalten und mit ihren knstlichen Gebilden das
Entzcken der Sammler oder sthetischer Salons sind.

Dadas sozial zielvolle Dichtung ist ein archologisches Museum der
Seltsamkeiten des Vlkerlebens, ein Erotikon und Folklore aller
Geschlechtskulte. Die Menschheit eilt mit dem eintnigen Summen eines
vielgeschftigen Bienenstockes vorbei, ohne sich umzublicken, den Blick
auf ihre erhabenen Idole geheftet. Immer auf dem Marsche nach Norden,
immer von neuem ungeheuren Zuchtmitteln unterworfen, die aus Einden
entsprangen und die Erschlafften geieln -- durch die Kriege, Opfer,
Brnde, Seuchen, Untergnge wandeln die gleichmtig gereimten Hymnen
Dadas, um endlich das Nordlicht anzubeten und aus seinen glhenden
Falten die kalte Prophetie Europas zu empfangen. Dada verkndet die
Zertrmmerung dieses Erdteils, und nach Niederlegung all seines
Menschen- und Pflanzenwuchses den Triumph der Polarwste ber die
verworfenen Reiche, den Sieg des Nordlichts!

Seine Vorlesung schliet Dada mit dem Ausruf: Betragt euch _kindlich_,
so fhlt ihr euch frei und ihr seid es auch!

Eine drckende Stille liegt auf den Zuhrern. Die beiden Freunde fassen
Dada an den Armen und zwingen den bequemen herkulischen Italiener
aufzustehen und mit ihnen die Versammlung zu verlassen.

Seit einiger Zeit ist Dada verdchtig des Einverstndnisses mit der
Polizei, und bei seiner ungewhnlichen Vorlesung, die mit smtlichen
Perversitten der brgerlichen Gesellschaft aller Vlker spielte, haben
die Freunde das strkste Mitrauen der Versammlung bemerkt. Selbst die
Freunde haben Dadas Werk nicht verstanden, das auf das Erscheinen
irgendeines neuen brgerlichen Ssanin hinaus zu gehen schien, der auf
Kosten der Arbeiter einem Geschlechtskulte im Zeichen des Nordlichts
sich hingeben wird. Ein Jahr hat Dada in Ruland verbracht, ohne seine
Aufgabe, die Freiheit auch diesem gequlten Lande zu bringen, erfllt zu
haben, diesem mitrauischen, bis auf die Wurzeln verdorbenen Volke, das
in dem Bewutsein stndiger Gefahr von Umsturz und Emprung sich dem
Rausche ergeben hat, erregt von einer tief fressenden, stets
sprungbereiten tierischen Sexualitt. Ihre Freiheitsideen verdammt Dada
im selben Mae wie ihren Fortschritt vom Stumpfsinn des Mir zum Cinma
und zum Alkohol.

Die Macht der Idee selbst bei den armen russischen Bauern und Arbeitern
ist das Wunder, das Dada rhrt, und er wnscht ihnen dazu die Vernunft
des -- Nordlichts!

Dada ahnt nicht, da er jene beiden Russen kennen gelernt hat, die nach
dem Sturze des Zaren, nach Ausbruch unerhrtester Ereignisse, die
gnstige Stunde des Weltkrieges benutzten und das Schicksal der
russischen Republik in ihre Hnde nahmen, jene selben Mnner, die noch
eine Zeitspanne weiter dieselbe Terroristin und Freundin fsilieren
lieen, als sie sich _ihnen_ entgegen stellte.

Der unglckliche Weltreisende mu sich von neuem entschlieen zu
wandern. Dada soll ebenso sanft wie nachdrcklich nach Deutschland
abgeschoben werden, dem Zion aller Juden und Emporkmmlinge Rulands und
Polens.

Mit Hilfe seiner herzoglichen Freibriefe entrinnt er rechtzeitig der
russischen Polizei und gelangt nach Deutschland.




                               DRESDEN.


Dada wendet sich sogleich nach Dresden, um Derobeas Aufenthalt zu
erkunden. Siehe da: auch sie ist nach einjhriger Abwesenheit in den
Polarlndern zurckgekehrt, um von Dresden aus zum Gemahl nach Rom
weiterzureisen. Sie hat die Expedition des Herzogs auf der Heimreise in
Hamburg verlassen. Es ist ein kstliches Wiedersehen von
Taubenzrtlichkeit, und sie beschlieen, ganz der Kunst und der
intimsten Gesellschaft geweihte Wochen gemeinsam zu verleben. Die
reiche, in Knstlerkreisen sehr wohlttige Dame veranstaltet eine Reihe
groer Empfangsabende und Feste, um die Knstler Dresdens und Berlins
einzuladen. Die glckliche Derobea versammelt Snger, Komponisten,
Dichter, Rezitatoren, Maler, sie ruft Kunstausstellungen hervor, wirbt
Zeitungen fr den Dienst der neuen Kunst, der sie ihre Salons zur
Verfgung stellt. Zusammen sind Derobea mit Dada die berhmten
Protektoren. Derobea und ihr Kreis bewundern die Hymnen des groen
Istrianers aus Lappland und dem Reiche der Sarmaten und Tartaren: Das
Nordlicht sowie die Hymnen und die Philosophie von den Urlauten der
kindlichen Rassen. Smtliche Werke Dadas erscheinen im Druck, an ihrer
Spitze die Hymnen an Derobea, der das Ganze in kindlicher Dankbarkeit zu
Fen gelegt wird. Derobea ist glcklich. Dadas Genie ist in Deutschland
entdeckt, er wird gemalt, wertvolle Liebhaberausgaben seiner Dichtungen
werden subskribiert, seine Philosophie wird die Grundlage einer neuen
Richtung der Ausdruckskunst. In khnen Vortrgen bemchtigen sich
Doktoren der Kunstwissenschaft der Dadaschen Dichtung. Gestammelte,
gelallte, gesthnte, gestaunte und geseufzte Empfindungsurlaute des
Eskimos in Dadas Rhythmik haben die bisherigen Sprachgrenzen des
Kulturmenschen berwunden, kein Verbum, kein Objekt fesselt den Strom
der Dichtung, die wohlanstndig logische Frisur des Satzbaus ist
zerstrt, das Subjekt allein bleibt im ewigen Einerlei seiner
Abwandlungen bestehen: wunderbar entfesselt, ausgebreitet in einer Welt
freier Leidenschaften, freien Liebens, Ttens und Gettetwerdens. Aus
den Greueln Europas schreitet Dadas neues Subjekt hervor, um durch die
Eisstrze des Polarkreises und die kalte Herrlichkeit des Nordlichts das
Absolutum der Kunst zu finden, die letzte demantharte Kristallisierung,
die Reinigung der kulturbefleckten Menschheit.

                   *       *       *       *       *

In ihren Salons hat Derobea eine Reihe Spielzeuge fr Kinder
aufgestellt: einen Garten mit Arche Noah aus Pappe und bemalten
Hlzchen, Postkutschen, Lokomotiven, Mllerwagen, Puppen und
Dreiertieren mit mechanischem Antrieb. Alle Spielzeuge sind mit den
Urlauten Dadas versehen. Man drckt auf einen rosa Gummipfropfen und die
Figur stt den ihrem Charakter angepaten Urlaut aus, den Dada einem
Lapplnder, Samojeden oder Tartaren abgelauscht hat. Mit diesen
Spielzeugen erheitert Derobea ihren Kreis, nachdem Dada eine seiner
leiernden Hymnen vorgetragen hat. Da erschallen die Sle Derobeas von
wunderlichem Geplrr und Geschrei, die Gste versuchen selbst die
Urlaute nachzuahmen, es ist, als ob eine ganze Mdchenschule eingesperrt
ist und in allen Stimmlagen ihre Lehrer fft. Durch Passanten aufmerksam
gemacht, erscheint eines Tages die Polizei in Derobeas Hause, um dem
revolutionren Lrm nachzuforschen. Alles lacht und der errtende Dada
verschwindet hinter Derobeas mtterlicher Statue. Denn ein Plastiker hat
Derobea und Dada in Jordaenscher Flle aus Marmor gehauen.

                   *       *       *       *       *

Eine neue furchtbare Stimme hat sich aus Berlin erhoben und droht wie
einer der sagenhaften Gaskogner der Iliade dem Istrianer mit
Herausforderung auf Urlaute. Ein Kreis von tyrtischen Knstlern hat
sich unter Fhrung von drei auserwhlten Mnnern auf den Marsch begeben:
mit dem Programm eines organisierten Orkans der erneuerten Knste und
einer lffelartigen Fortbildung ihrer Sprechwerkzeuge. Vor ihnen her
geht die neue furchtbare Dichterstimme Hackhacks aus dem Schall einer
verstrkten Kindertrompete, neben ihm denkt der Philosoph mit Augen
von Tetradern, geschliffen aus gewhnlichem Kiesel und lacht erotisch
ber den eigenen und Hackhacks Bombast. Der Direktor des Ganzen springt
ber sie, rhrt besessen die Hacken und tanzt in dnnster Luft. An jedes
seiner langen langen Haare ist ein Heft des tyrtischen Orkans
geknpft und fliegt rund mit solchem Babygrinsen, solcher
Dummdreistigkeit, als wre sein Dasein wichtiger als das der restlichen
Schpfungswerke.

Diese drei starken Mnner haben die Kunst ethisch gedrillt und unter
Polizeiaufsicht genommen. Gelenkt von einer Mnade von internationalem
Blondschein, gengt Berlin keineswegs ihrem teutonischen
Eroberungsdrange. Sie ziehen eines Abends in Dresden ein und Hackhack
veranstaltet eine Orgie seiner Dichtungen in Derobeas Salon. Unter
Chagalls Bild des Gehrnten lernt Dada Hackhack kennen. Der
Vortragende, ein Mrtyrer der Kunst Hackhacks, donnert in
ununterbrochener Ekstase die Berliner Dichtungen, mit der Eintnung der
heraufgestemmten Urlaute, die seltsam von fern an die Leier Dadas
erinnert. Es sind Dichtungen in mediumistischem Trance und spiegeln den
zerwhlten Zustand hindmmernden Weltlebens, zersetzter, geschwchter
und zur schpferischen Ohnmacht verdammter Vlker.

Gleich Dada hat Hackhack das Objekt und Prdikat ausgerodet. Das Subjekt
strmt hartnckig seine unaufhrlichen Interjektionen in einem Niagara
von Verben, die weder Logik noch Satzgefge hemmen, und sich in eine
furchtbare de strzen, die nur einige trbe Berlinismen erquicken. Dada
wrde gern den neuen Mann aus Preuen als seinen Doppelgnger von der
nrdlichen Hlfte Europas begrt haben, wenn ihn nicht eine furchtbare
Anomalie gegen Hackhack eingenommen htte: das sind die seltsam
zerhackten Wortreste der deutschen Sprache zum hheren Ruhme des neuen
Gottes, der Kunst!

Ausgerodeten, bleichenden Wurzelknorren oder Brocken von groen Stmmen
gleichen diese armseligen sinnberaubten Wortreste, die in einer
unermdlich quellenden, gurgelnden, schubbsenden, zappelnden Flutung
eines furchtbar sthnenden, schwer Atem ringenden Subjekts kreisen, dem
Gesetz der Beharrung unterworfen gleich ihrem Schpfer. Dada ergreift
eines dieser vergewaltigten Worte, die aktivische Vorsilbe ist ihm
abgesgt, und der bloe Schwanz als leidenschaftslose Urerscheinung aus
der Kindheit germanischer Rasse zeigt die Hoheit des Dichters. Der in
den Urlauten vlkischer Suglingstage tiefbohrende Dada steht entsetzt
vor diesen Urformen berliner Hackhacks.

Wird Dada auf seine sinnlichen Urlaute verzichten, und jene
Lautempfindungen aus ihnen hacken, die Dadas teuerstes Gut sind? Wird er
dies Verbrechen seinen Wrtlein antun, damit sie schnell an der
Oberflche mitschwimmen knnen?

Oder wird Hackhack sich seiner Dichtersiege und seiner unzhligen
Krppel von Worten freiwillig begeben, die seinen frchterlichen
Berserkeranfllen von pedantischer Wortschrauberei und Klgelei
entsprossen sind? Die Hexerei, Taschenspiegelei aus Berlin und ihre
dekadente Wstheit betrbt Dadas katholische Seele und italienisch
formgebildeten Kunstgeist. Auch er ist begehrlich nach den wildesten
Urgenssen, dafr ist er moderner Silen. Aber Hackhack ist auch Hackhack
in der Seele und das taugt Dada nicht.

Am Morgen nach dieser Berliner Gassenjugend begibt er sich mit Derobea
zum ersten Male seit Jahren zu einer Messe in die Liebfrauenkirche. Er
besprengt sich mit geweihtem Wasser, beugt das Knie und betet aufrichtig
fr die Reinheit seiner Seele und seiner der menschlichen Befreiung
geweihten Kunst.

                   *       *       *       *       *

Im selben Sommer, der Derobeas und Dadas Mrchenglck sieht, bricht der
Krieg aus, der allen Aspirationen des Istrianers ein Ziel setzt und den
Konsul aus Rom in die Arme seiner Gattin zurckfhrt.

Dada wird nach sterreich zum Heere eingezogen, macht einige Mrsche mit
und bleibt dann als Badewrter in einem Lausoleum Galiziens hngen.




                             ZWEITER TEIL




                             DIE SERBIN.


Dada trgt Tschako, Bluse und Habsburgs Doppeladler. Sein Blick steht
schrg, und auf die bewaffneten Horden, die gen Osten ziehen, fllt sein
Schatten dumpfer Hrte, mrrischer Unlust; verstaubt, verdorrt, verwest
in den Wirbeln der Menschende, die bis ins ferne Morgenland schumen.
Der jngst weltweite Horizont, den Dada zu erobern ausgezogen war, hat
sich verkrochen, liegt in der Kriegswildnis im Hinterhalt, bestckt mit
zehntausend Drohungen. Das Standbild der Freiheit, in den verzehrenden
Flugsand irgendeiner Wste Gobi gestrzt, wonneglnzt ihm nimmer zu den
Mondungen seiner Seele, und das hellste der irdischen Festlnder ist
finster geworden.

Zu einem runden Silbervollmond der Steppe steigt Dada auf dem Damm der
Bahnlinie, die Wien mit dem goldenen Kiew bindet. Hell, zart leuchtend
ist die nchtliche Ebene. Dada steht lauschend und sinnt gen Osten.

Auf den im Monde blulichen Schienen schreitet hoch und anmutsvoll ein
Weib, den Rock geschrzt, und bleibt vor Dada still, die entblten Arme
ber dem starken Busen gekreuzt. Das stattliche Weib ist von Angesicht
und Haltung frei der knechtigen Plumpheit trger Halbslawen. Sie spricht
leise im Wind der Sommernacht im Sieden der Erde: Mich trug Istriens
armer Karst, durch das tote Europa bin ich in alle Lnder bis zu den
letzten aller Slawen gewandert, um sie den Klauen des Doppeladlers zu
entreien. Du bist mde und schwer geworden, seit dich Italia zu ihrem
Geliebten machte und sie dich zu den kraftvollen Spannungen der Freiheit
erkor. Gib acht, ob du noch taugst zu der Sendung, die dich in die
Freiheit pflanzte. Du warst geschmckt mit dem Adel Etruriens und
gebotest mit dem Lockklang Pans ber die Horden. Aus Galiziens
Kriegswildnis schmachtest du nach dem Orient und verhllst Abtrnnigkeit
und weibische Zagheit mit dem Lack Chinas und Krischnas Liebesblumen.
Weil beflissene Knechte die Vlker in Kriegsgert, Panzer und Flugzeug
schnrten, glaubst du, da die Freiheit verliegt und fault?

Einst gefrstet von Csaren empfing ich Legionen in der Kraft meiner
kimerischen und dacischen Vlker. Ungebeugt, roh, von Brenkraft und
Pantheranmut, geno ich die rmische Freiheit und senkte sie meinen
Jungbrtigen in Hirn und Herz. Grnder neuer Reiche und Pflger neuer
Grenzen zogen ihre dstren ergebenen Fahnen nach Norden und zeugten das
neue Europa.

Dada, ich wei, dir fehlt Garibaldis Feuerblick, Magnet der Freischar,
wahrer Gott der armen ruhmbelohnten Kmpfer. Du hast viele Geliebte
ntig gehabt, und schlielich hat eine Kchin, die einem Deutschen
gehrt, dich um dein entartet lateinisch Blut betrogen. Mit einer braven
Zweischichtigen, Zweischlfrigen wurdest du bettgewhnt und hast die
Freiheit verschlafen. Als es dann zu spt war, als alle um dich aus dem
Rausch erwachten, und Mnnerblut und Weibertrnen ihnen bis an den Hals
in roter Sintflut stand, frchtetest du dich und du verhlltest die
Seelennot mit deines furchtsamen Verstandes bunter Wortkunst.

Aber es ist keine Schonzeit fr die Furchtsamen.

Nimm die Schiene, lse ihre Schrauben und trage die starken Stahlglieder
beiseite, damit das Gleis zerbrochen sei. Und an das Ende des westlichen
Schienenkrpers befestige diesen eisernen Topf mit hohen Explosiven.

Das Weib lst vom Grtel ein kleines schwarzes Gef und Dada nimmt es
schweigend. Ein Balken starken weien Lichtes quert den Bauch der
Geheimnisvollen. Sie lchelt. Dada kniet und birgt den treuen
Zentaurenkopf in den groben Falten des Bauernrocks. Ein Bumchen mit
dicken, grnen Blttern und drei dunklen Granatpfeln spriet aus der
Erde und wlbt um Dadas am Bauch der Serbin ruhendes Haupt betubende
Wollust.

Das Weib entfernt sich unmerklich, auf bleichen Schienen entwandelnd.
Dada liegt quer ber die Schienen gestreckt und kt in blinder Inbrunst
den schrecklichen Stahl. Dada biegt die Schrauben, lockert sie mit
Steinschlgen, trgt die Schienen auf dem Rcken beiseite und befestigt,
gehorsam der Slawin, das Hochexplosiv.

Danach macht er sich fertig und wandert gen Osten in der Tracht
kroatischer Bauern.




                                KIEW.


Durch die Serbin zu serer Qual entzndet als von allen Derobeas eilt
Dada Ruland zu. Als ukrainischer Bauer kommt er nach Kiew. Entsandt von
der neuen Einheitsrasse, die Europas blutgedngter Erde entspro, seinem
erstickenden Vlkergefngnis entsprungen, entkettet, entbunden, entrollt
zu Wirrsalen des Staatenumsturzes, fernster Vlkersicht, zu Strmen,
Himmeln, Bindungen erneuerten Festlandes.

Im Dom zu Kiew kniet Dada vor den Bildern des Weltgerichts. Nachtdunkle
Augenmale der weltverschlingenden Propheten starren auf das Meer
Europas, in dessen Abgrunde brnstige Ungeheuer rollen. Jo, die Sklavin
roher verderblicher Gtter, nimmt gepeitscht durch kimerische Lnder
ihren qualvollen Lauf zu den Zinnen des Kaukasus. ber prometheischer
Zwiesprache zrnt das feurige Antlitz des Stiergottes durch die Wolken
und beschattet das junge Europa mit endloser Zwietracht und Krieg,
gleich Blitzen unter Wolken gestreut.

Die furchtbaren Tiere regen sich markzehrend in Europas Tiefen: Plage,
Seuche, Hunger, Aufruhr, Gewalttat, Verfolgung, Mord. Die Heiligen des
Pantokrators, erhht ber Verbrechen und Schwchen, gewaffnet mit Jovis
Blitzen und dem Bannfluch, um jede Seele botmig zu machen, starren
glhend in den unermelichen Abgrund, ber dem sie ihre Macht errichtet
haben. Heulende Gewalten werfen sich in den Staub, Zerknirschte tun
Bue, das Schwert zerschellt, seine Schrecken enden am glsernen Meere,
das unwandelbar von Gottes Stuhl ber Europa fliet.

Die Gottesmutter nimmt die Gestalt der Serbin an. Sie stiehlt das
goldene Vlies des Orients. Dada wird in Kolchis seinen Bock den alten
Gttern schlachten und er wehrt es nicht den neuen, ihr Mahl am frischen
Lamme zu halten und das Opferblut zu trinken. Dada sieht den
Transportzug in der hellhrigen, zartleuchtenden Nacht, die Explosion
und den Zusammensto: die Raserei der Verwundeten, die Schreie der
Getteten, die Schande des Mordes haben seine Seele erreicht. Das Lamm
ist zerrissen, das Blut dampft um Rache im strengen Licht von Patmos --
das die Stufen beglnzt, auf denen die schwarzen Vter thronen.




                              KAUKASUS.


Brcken, Stahlschienen, Wagen tragen den Leib des glcklich dem
wolhynischen Gemetzel Entronnenen. Bche, Strme, Hgel beugen ihre
breiten Rcken, Wlder setzen ihren schwarzen Fu zgernd in die endlose
Steppe und nehmen endlich Abschied von Dada. Russische Dome heben ihre
Trme mit Zimbeln der goldenen Kuppeln und zrtlichen Kreuzen.
Rosa-Lmmer mit Glckchen um den Hals springen auf zum Silbermond in
grner Abendaue, und ein Lcheln betaut Dadas Angesicht. Eines der
Rosalmmer hpft auf die gewlbte Mondsichel, und Dada fat hinauf in
dem zrtlichen Bedrfnis, als der gute Hirte das Tier auf den Arm und an
seine Brust zu nehmen. Da schwillt die zarte Rosagestalt ungeheuer an
zum blutroten Mastodon, dessen Wanst langsam ber den kleinen Mond sinkt
und ihn mit blauen Riesenschatten verhllt.

Die himmlischen Eisdiamanten des Kaukasus erscheinen am Himmelsgewlbe,
kniglich ber den Reichen des Lebens. Keine Absolution durch
Handauflegen, keine Gnade durch Messe und Rosenkranz -- erdwurzelnder
Glaube, strenge Ordnung, Riesenkreis sulenstarker Offenbarung. Die
feierlichen Stimmen der Berge dulden keine versteckten Winkel voller
Trgheit und keine Schlammfelder voll anarchischer Mordtaten.

Die Berge wandeln erhaben, senken sich, ruhen, steigen an und neigen
schwarze Riesentafeln ber Dada. Eisige Windstrme stoen von
nchtlichen Hngen, reien und klten ins Mark. Dster geduckt harrt
Dada zwischen Bauern gekauert, auf den Ausbruch des roten Wahnsinns,
wenn vom Riegel des Orients die Trompete schallt und die Nie-Entshnten
zum Weltgerichte ladet.

                   *       *       *       *       *

Durch die Stdte des Hafis gelangt Dada zum Indischen Ozean. Mit
englischen Khakis, die zur Front nach Grz eingeschifft werden, geht
Dada an Bord eines mit Rauten und Rechtecken bermalten Kreuzers. Anders
als er in Pola ber die Adria emporflog zur Eroberung des Poles,
belastet, verdumpft, zugeschttet, kehrt er endlich heim von seiner
Europareise zu Italia: zu ihr, die ihn als ihren Marschall aussandte,
kehrt er mde und ohne sein schimmerndes Schild heroischer Taten zurck
und keine Hymne Emanueles rauscht heimatskndend dem vielbewanderten
Dada.

Krank, zerrttet verbringt der Flchtling die Reise im Bette. Im
Fiebertraum steigt der Kaukasus immer drohender, in schrecklicher
Schnheit empor. Dada klimmt an dstren Hngen auf und hmmert hilflos
einsam riesige kubische Glastafeln an die Felswnde. Aber sie lockern
sich schnell und strzen in die Tiefe, aus der furchtbare Windstrme die
Krfte seiner Arme saugen. Qualgeblendet steigt Dada zu den
prometheischen Firnen auf, um ihnen seine antiseptischen Glastafeln
aufzuhmmern, aber die mchtigen Berge spotten seiner kindischen
Anstrengungen.

Als das Fieber von Dada weicht, bemchtigt sich des Dichters ein
dmonischer Glaswahn: mit riesigen Glastafeln will er Berge, Ksten und
Hochflchen bedecken und sie schtzen vor der Fulnis und Verderbnis des
kriegfhrenden Europas durch eine Erdarchitektur des Glases.

                   *       *       *       *       *

In Brindisi betritt Dada das gelobte Land unter den Huldigungen der
weiblichen Bevlkerung, die einen Helden vermutet. Die gewaltige
Gestalt, gehllt in einen schweren Mantel von Kardinalsrot, zieht aller
Blicke an. Whrend Dada die Terrassen vom Meere heraufschreitet, wird er
mit Blumen berschttet, Krbe mit Frchten Siziliens werden ihm
nachgetragen.

Dada wlbt die athletische Brust und spricht zu den italienischen
Frauen: Der Held trumte unter den Blumen des Orients vom armen Karst
im Norden, den die lateinische Flagge seit Jahrhunderten nicht mehr
kte. Der Held fhrt zu der schaurigen Hlle zu Fen der Alpen, die
eure lebendigen Shne frit.

Dadas Ruhm beginnt. In Neapel und Rom wird er interviewt und gefilmt,
Barzini schildert seine antarktische Reise. Jenes dunkle Attentat auf
die ukrainische Eisenbahnlinie, das vielen Tschakos den Garaus gemacht,
und das der Dichter der Urlaute in einem molligen Interview zum besten
gegeben hat, wird in der ganzen Kriegspresse abgedruckt zur Frderung
einer gesunden Akzentuierung der Heeresberichte. Seine Hymnen werden als
patriotische Kundgebung fr den Sieg Italiens ber den Nordpol
verherrlicht, und die um Bissolati trumen von seinem Denkmal auf dem
Karst. Nur der Avanti erklrt sich gegen eine ffentliche Geldsammlung
fr die Statue Dadas.

Der Gefeierte im roten Kardinalsmantel aber trumt von hheren Ehren und
von einem andern Ruhm, der ihm nicht von seinem Nebenbuhler d'Annunzio
und der Rache der Anarchisten streitig gemacht werden kann.




                               VENEDIG.


Aus dem kriegsrasenden Rom flchtet Dada nach Toskana und kommt eines
Nachts in Venedig an. Er legt seinen roten Mantel ab, und in
Arbeitsbluse, unter angenommenen Namen tritt er in einer der alten
Glasfabriken von Murano ein.

Er lernt die erste Stufe der Erzeugung reiner Glas- und Kristallflsse,
das Schmelzen, Brennen und Schleifen untadliger Glser, kstlicher
Spiegel und Sichtglser, die den Weltraum zu zarten funkelnden
Brennpunkten verdichten.

Dada trumt davon, ein Glas von Dauer und Hrte der Steine herzustellen,
das gegen alle Erschtterungen gefestigt ist, ohne jedoch den
natrlichen Verwitterungen ausgesetzt zu sein wie jene. In riesigen
kubischen Platten soll es geschnitten werden, und es soll lodern von
feurigen Flssen oder Bndern in den Spektralfarben. Sonnen,
Wolkenschlachten und Liebesmahle sollen zum leuchtenden Schmuck der
Erdringe werden. Er will die Erde panzern mit antiseptischem Glas, indem
er den Drohungen des Kaukasus trotzt.

Die dstren Kalkhalden und vegetationslosen Hochflchen des istrischen
Karst sollen geschnitten, geteilt, und durch Gltten und Schleifen in
drei- und rechteckigen Formen gegeneinander gesetzt werden und die Berge
als polygonale, pyramidale und kubische Felskrper eine ungeheure
Raumgestalt in den Himmel trmen. Auf dem geschliffenen Gebirge sollen
Italiens Arbeiter die Flchen auslegen und vernieten mit den dauerhaften
und farbigen Glaspanzerplatten seines kaukasischen Traums. Hoch ber der
Adria soll das neue Kap Sunium, das glasgepanzerte Vorgebirge Istriens
funkeln als der Diamant Europas und die Lateiner in Ravenna und Rimini
an heiteren Tagen brderlich gren: Denkmal der Freiheit und Verkndung
und Triumph der Lateiner ber den rohen Weltkrieg.

An beweglichen Stahlgestellen sollen riesige Refraktoren bis ber die
letzte terrestrische Luftschichtung hinaufstoen und mit einsamen,
stillen Augen das Leben des Himmels, des Festlandes und des Meeres
beobachten. Von riesigen, sehr schlanken, witterungsbestndigen
Glastrmen sollen leuchtende Explosionen von Radium ber die magnetische
Sphre der Erdrinde hinausfahren, und sich zur Selbstbewegung nach
glnzenderen Brennpunkten des Alls entfalten, um sich zu ergieen oder
strmisch mitzureien und zum Karst zurckzukehren und aus kosmischer
Vermischung den durch Jahrhunderte zur Drre verdammten Fels mit
brennender Erde zu befruchten.

Das aus dieser Befruchtung neu erstehende Vaterland soll mit Venedig
durch eine Brcke aus sturmhartem Kristall in ungeheuren schneeweien
Bgen ber die Adria verbunden werden, und die Brcke wird die Statuen
der Dogen tragen, die durch den Ring der Adria vermhlt waren. Dada
sucht den Kristall zu gewinnen, durch den die kosmische Schnheit der
Erde verwirklicht wird: Er bereitet eine Metallbindung mit Email vor, um
die Glassteine zu mrteln. Auf istrischem Karst soll der Klotz von Glas
wachsen, der die Last der weien Glasbgen auf ihren hohen Feuertrmen
bers Meer hebt und ihre letzte sanfte Wlbung vor Venedigs Markusturm
entladet zur unlslichen Vereinigung Istriens mit Italien.

Der kristallspannende Blick des Erdarchitekten erhebt sich ber Europa
und mit das lateinische Reich, von Venedig bis zur Kreidewand von
Dover, und vom Libanon bis zum schwarzen Felsenhaupte Gibraltars und
ber die Sdsee zum lateinischen Amerika.




                               ENGADIN.


In der Fabrik erhlt der Arbeiter Dada den Befehl, sich zum
italienischen Heere zu stellen. Der unglcklich die Freiheit Istriens
liebende Glaspionier wird unter Emanueles Fahnen gerufen. Er meldet sich
zum Flugdienst und wird in der Fhrung eines roplanes ausgebildet.
Eines Tages darf er emporsteigen und in den Wolken gen Triest fahren. Er
jubelt Miramar zu und der ganzen Kste und wirft tausende Drucke seiner
Hymnen ber die Stdte bis Abbazia. In einer spteren Nacht wagt er den
ersten Flug mit Bombenabwurf auf die Arsenale von Pola. Aus
Todesschauern der schtteren Erde und Feuerwirbeln, die das Festeste
zerstren, nimmt Dada das Steuer zum Mittelmeer, und Italia fliegt
brausend neben ihm als sein gttlicher Albatros.

Dada unternimmt einen Bergflug vom Gardasee ber die Tiroler Alpen bis
ins Herz Bayerns. Er wandert ganz einsam in die blaue Luft gehngt, mit
unbeflecktem Fu ber Schrnde, Spalten, Grate, Zinnen, Firne, Gletscher
auf der Sonnenbahn nach Norden. Die Firne glnzen: blau, grn,
scharlach, ocker. Bergtler ffnen sich zu ungeheuren Blten des Enzian.
Klfte, Spalten, Schrnde mit Gletscherstrzen entfalten schmale, nie
gelesene Buchrollen der Tiefe aus ewigem Kristall. Berggrate sind
berwlkt von Silberrosen, Edelwei auf Mammuthrcken.

Heftige Windstrme saugen um die Klippen, und der Flieger wehrt sich um
sein Leben. Schsse prallen rings, von schlagenden Granaten bebt Trafoi.
Dada biegt nach Westen, um nicht vom Tiroler Feuerringe gefat zu
werden. An der Schweizer Grenze wird er durch erdstrzenden Windstrom
herabgezwungen. Er landet auf einer Halde ber dem Tale von Pontresina,
sprengt das Flugzeug und flchtet in die Klfte des Corwatsch, denn die
Tler sind voll Soldaten. Von Hirten bekommt er Nahrung und
Bauernkleider und endlich wagt er sich als deutscher Flchtling aus
Zrich in das Engadin.

                   *       *       *       *       *

Das obere Engadin mit breiten tiefgrnen Bergseen zu Fen wohlgeformter
Schneegebirge ist eine ungeheure Enzianblte. Im Anblick der himmlischen
Eisdiamanten sucht Dada die Einsamkeit, ewige Frische und Reinheit der
Luft von Chast auf. Das ist kein Karst. Gewaltige Lrchen, Bergfichten,
Eichen steigen bis zur Gerllzone in mchtigen Waldungen auf. So war
einst Attika von den Hainen des Zeus bedeckt. Nebel und Wolken schweben
mit Riesenschatten wandernder Legionen feierlich um die Bergzinnen, und
diese tauchen schneeblitzender in der tiefsten Blue auf.

Dada mietet ein Gehft am Ufer des grnen Bergsees. Einsame
Zrtlichkeit schreibt er ber die Tr seines Hauses. Kein Zaun
umschrnkt es, kein Hofhund strt, und das Gezwitscher der roten
Schweizer Wschermdels tief am grnen See erquickt sein Geborgensein.
Der hlzerne Oberbau mit dem giebeligen Dach ist fortgenommen und auf
den viereckigen Granitunterbau ein hoher, flchig polygonaler Glasbau
gesetzt worden. Das ist der Hauswohnraum Dadas zu ebener Erde, und
drber die glserne Allwarte in Gestalt eines spitzen Hutes.

Von den Urlauten der Kinder und der Primitiven wendet sich der Dichter
dem terrestrischen Magnetismus zu. Er arbeitet an der Herstellung eines
absoluten Kristalls, das Feuer, Sprengung und Wasser widersteht. Er
schmilzt ein Glas von uerster Empfindlichkeit fr Farben und Schatten
der Luft. An heiteren Tagen steigt aus dem Glaspilz am sthlernen Gelenk
der groe Luftspiegel in die Hhe, mit dem Dada bildtelegraphisch Himmel
und Firn beobachtet in ihren unerhrten Wandlungen.

Glcklich das kleine Stck Felsland, das vor der unreinen berschwemmung
des europischen Reisepublikums durch die schtzende Lohe des Weltkriegs
noch eine Weile bewahrt blieb. Zahnradbahn und Massenwanderungen zum
Gletscher verfinstern nicht das Eis der Gipfel, das Schweigen und die
herbe Glut der Felsen. Der mchtige Sturzklang der Quellbche am Granit
der Hochwnde wird nicht von den Brllaffen der Mode, des Sports und
Flirts zertreten. Der Anblick der Gestirne, elektrisch zitternder
Nachtglanz des Alls, Belauschung des stillen Streits kosmischer
Todeskrfte, werden nicht roh unterbrochen durch Sprechwerkzeuge, die
leider nicht die der Grille und Nachtigall sind.

Dadas Zrtlichkeit: Das Sausen des Windes, des mitternachtgeborenen, in
den Seewellen am Hain von Chast, die heien Felswnde in wechselnden
Schatten und der Firn. Den mondrunden Spiegel hat Dada ber den
kaiserlichen Firn gehngt, um das hohl geschwollene, weggreifende Ich
fortzutzen und die Erde von unreiner tierischer Kruste der fulenden
Ichs zu befreien.

Dadas Freuden: Versenkung, Innendienst mit Herz und Hirn, Beobachtung,
freie gttliche Bewegung der schaffenden, messenden, wgenden Hand.
Diese Freuden dauern, ohne schal zu werden.

Das neue Vaterland der Idee ist erschienen, das Engadin der Alliebe, die
Bergheimat zrtlicher Innquellen, bereit zum Schmuck der Erdrinde mit
geschliffenem Kristall. Europas Arbeiter sollen nicht mehr Europas
Kriege fhren, sondern Europas Berge meieln und die rauhsten Werke mit
Juwelen gottbeseelter Erdheimat schmcken.

In den Gerlleinden des roten Corvatsch lt Dada durch Arbeiter einen
Stuhl in die Felsen meieln. Den obersten Teil des Gipfels mit seinem
Zinnenriff lt er in mchtigen kubischen Flchen arbeiten zu einem
unregelmig polygonalen Riesenblock. Und seine Flchen lt er mit
Platten geflammten Glases bedecken, so hart und dauerhaft, wie die
Schweizer Glasfabrik sie nach seiner Vorschrift hat machen knnen.

Den Sitz seines Felsenstuhles lt Dada aus Glas in der Form einer
gewlbten Schildkrtenschale befestigen, und die hohe Lehne ist ein
Mantel starr gefalteten Glases von tiefer Blaustrahlung. ber dem Mantel
steht der mondrunde Spiegel. Habicht, Falke, Steinadler umkreisen das
hohe Auge, und vor dem blauen Mantel sinken in die Tiefe mitbrgerlicher
Argwohn und tdlicher Ha gegen den Eindringling auf uralten Heimatfels.

Reiner, tiefer, prchtiger sind die Farben der Erdtiefe. Das mchtige
Weltherz pulst in den Bildern des Spiegels. Massensterben in Grben,
qualenbedecktes Getrmmer, blutiger Tierjammer wutzerrissener
Millionengesichter, Todesfratzen mit schrecklichem Wundtod. Die
Katharsis nimmt den bedingten tragischen Lauf ihrer Greuel.

Aber wer vermag zu ertragen, wie auch nur _ein_ menschliches Herz bricht
-- und mu ohnmchtig daneben stehen! Dada lenkt seinen Spiegel ber den
Firn, machtlos, die Wut der Menschenschlchterei anzuhalten, und
diejenigen zur Freiheit zu lenken, die noch immer nur das Opfer vor den
Gttern des Blutes kennen. Dieselben, die Flugzeuge lenken, Bomben
werfen und Menschen tten.




                         DER SPIEGEL EUROPAS.


Dem Monde ist eine magnetische Kraft zu eigen, deren Strahlung die Meere
der Erde folgen. Ein Flutberg steigt zu gemessener Zeit empor und
berrollt den Ozean auf seinem zum Horizont hinangewlbten Rcken.

Ein Flutberg menschlicher Seelenkraft erscheint ber dem Meer der
Vlker: die Idee fr die Omnes ruft die Seelen zur unlslichen
Verschmelzung. Der verbindende sanfte Mond der Vlker erscheint und
wandelt hin im Strahlenkleid der menschlichen Ekstasen. Mit seinem
allgegenwrtigen Licht umfat er die Landschaft der Krfte und
Bezauberungen. Leidenschaftlich empfunden, stark erlebt ist die Idee nur
wenigen geistig sichtbar. Ein Haupt denkt diese Idee: der zornige rote
Christus betritt die Wolken zum Gerichte und strzt die Gste der Welt
in die Tiefe. Auf der Flut von Morgen gen Mitternacht drckt sie ihre
leuchtende Spur in die Millionen Geistigen. Und aus der Flut erhebt sich
die Tat, die den Erdball in ungewisse Zukunft schleudert und die
Freiheit in ihrem blutigen Wirbel beschwrt.

Ein unsichtbarer Flutberg bricht aus den feindseligen Fronten empor, aus
Krampf und Leid von Millionen Todbedrohter und Verdammter. Er rollt von
Osten heran und pflanzt seine schwarzen Wimpel auf Deutschland und
Frankreich, und bedeckt die Gtzenbilder der zerbrochenen Vlker mit
seiner stillen, mchtigen Woge: den russischen Pantokrator, die
Kriegsgtter Germaniens und den Gladiatorenhelm Frankreichs. Vergeblich
haben die Gtter schrankenlosen Wahnes Kriegsmaschinen in die Finsternis
eingebaut: Die Idee des einen Hauptes, die Idee im mchtigen Schweigen,
in dem unauflslichen Licht von Millionen Geistigen lebt fruchtbar und
wirkt.

Ewige Blutnacht Bartholomi ber Europa! Die Idee steht reinster Sonne
in dem einen Herzen auf, im gemeinsamen Herzen der tdlich Gelockerten
und Opfergekrmmten. Weihnacht des knftigen Europa, du beschwrst die
Schande der Vlker, du wehklagst und ttest.

Ruhelosigkeit, geheime Furcht, fieberige Schrecken bewltigen die
Mchtigen. Sie wechseln die nchtliche Schlafsttte, sie verlieren den
ursprnglichen Stolz der berzeugung, sie frchten gewaltsamen Tod, sie
haben die persnliche Ehre verloren, sie gleichen dem gehetzten
Napoleon, der den Giftbecher nimmt, ihn aber fortstt und sich ergibt,
um Ruhe zu haben. Auch sie, die jetzt Furcht haben, ergeben sich den
Giftmischern, um Kirchhofsruhe zu haben, um den Qualen zu entrinnen. Der
Gladiator Frankreichs, der Dilettant des Thrones, der sich selbst als
Friedensfrst bezeichnete, samt seinen Teutonen, Emanuele, der Knig der
heiligen National-Selbstsucht -- vor ihnen erscheint der makellose
Spiegel Dadas und zeigt ihnen im weien Rund das Bild des armen Zaren,
der unter einer Salve von Narren glcklich verscheidet.

Mit kundiger Macht sendet Dada die Strahlung in die Nchte der
Machthaber und Ehrschtigen. Auf Tribnen, im Auto, inmitten
ffentlicher Ansprachen, bei der Fahrt durch die Stdte, bei
militrischen Schaustellungen, bei stdtischen Prunkaufzgen, inmitten
von Banketten, Militrs und Deputierten: erscheint die Grimasse des
glcklich Verschiedenen. Das Scharren eines Stuhles im Saale, das
Knirschen eines Schuhes oder seidenen Kleides, ein elektrischer Schlag,
schauernd vom Ganglion des Grohirns bis in die Eingeweide -- das
Gottesauge schaut auf den Gladiator. Das Fieber des Tigers wird wei und
kalt. Die Teutonen tauschen im starren Krampf Puppenbewegung der steifen
quadratischen Hupter. Allen, die Feinde sind, Feinde sich, dem All,
allen, allen Soldaten, die dem Schlamm des Krieges entronnen sind,
selbst den Kindern des neuen Raubtiers aus Atlantis erscheint die
schreckliche Idee im Spiegel: die Drohung der Selbstzerstrung.

Der Flutberg naht. Er berrollt den Ozean, er hat seine Breite, niemand
ist ausgenommen, wo ist Gang und Richtung zu erkennen! Vor dem Kristall
am Corvatsch steht der Beschwrer und betrachtet den Gang eines Kfers
auf seiner Hand. Und der die Tiere in Menschen sieht und die Gtter in
den Tieren, sinkt in die Kniee und betet.




                             DER FIRNDOM.


Dada hat kein Vaterland.

Er meidet und frchtet, das trunken und satt vom Blut ist: Patriotismus,
Nationalniedertracht, Irredenta, Pbelwahn, Heroismus des stumpfen,
irrsinnigen Maschinentodes. Schutz und Hhe der Felsen, leichte stille
Lfte und reines Blau der Idee Europa -- in ihrer Hut bildet sich das
Wunder der Freiheit.

Die Eisbrenflanken des Berninafirns erglhen im zartesten Gold- und
Weinrot, und zu seinen Fen ruhen die Felsen in scharlachner Tiefe:
eisig rot, lila, blau. Auf diesen Alpenbergen will Dada die erste
Schpfung eines erneuerten Europa der Arbeit und wiedergeborener Knste
errichten. Noch ruhen die Gletscher und Firne in mondlicher Sanftheit
der Hnge, in Stille von dnnster Klarheit, in der das Herz scharf
drhnt, als hbe es sich selbst aus der Brust, um in ungeheurer Hhe zu
kreisen und sein Blut zu vergieen. Die Erdrinde erhebt die rauhste und
erhabenste Sprache zur Feier und zum Triumph der Menschheit. Dada sieht
beglckt seinen hchsten Traum.

Er erhlt das Recht, auf dem Bernina einen Dom der Schnheit aus Glas zu
errichten zu Ehren der freien Demokratien Europas. Er wirbt eine
Arbeiterarmee an. Glasschmelzen und Schleifereien werden gegrndet,
elektrische Motore arbeiten und treiben Bohrmaschinen, um die Fundamente
des Glasdoms in den Felsgrund zu senken. Gewaltige Stahlhmmer klopfen
und pltten die Felswnde zu geschrgten kubischen oder dreieckigen
Flchen, die in khnen Falzen und Winkeln aneinanderstoen. Das ganze
Massiv bis zur Schneegrenze wird von Gerll gesubert, und in einen
kolossalen, vielflchigen Kunstblock verwandelt, von dem jede Vegetation
entfernt bleibt. Unwegsame Schluchten werden flchig ausgemeielt und
als Hohlwege bis zur Firngrenze ausgebaut. Drahtseilbahnen senden ihre
Frderwagen zum Firn hinauf. Das Gebirge drhnt vom Lrm der
elektrischen Schleifarbeit, dem Hmmern der Arbeitermassen und den
Sprengungen mit Dynamit.

Noch ruhen die sanft gewlbten Hgel des ewigen Firns im makellosen
Urlicht und im nchtlichen Schmuck der schimmernden, augengroen
Sterngehnge. Aber Dadas Heer dringt rastlos aufwrts, baut den
Firnschnee mit Hilfe der Frderwagen ab, berbrckt die schneetiefen
Klfte mit Glasgewlben, bis der Gipfel in eisiger Herrlichkeit erreicht
ist. Das grne Firneis wird in riesigen Blcken abgelst und talab
geseilt, und mit ihm werden unten die Dampfkessel gespeist. Die
Abplattung des gesamten Gipfels ist rasch im Gange und die Zerstrung
des alpinen Urriesen ist in wenigen Monaten geschehen. Eine ungeheure,
nackte Hochflche bleibt als Grundlagerung des vormaligen Firns.

Nichts an dem nackten Riesenkegel soll unbewut bleiben, das Ganze soll
in Form, Flche und Farbe gegliedert werden. Dada klettert in jede
Felsritze, in die engen Betten schumender Gebirgsbche, die bald
versiegen mssen, da ihnen das mtterliche Firn fehlt. Er lt all diese
kleinen Schnheitsfehler der Natur mit Glas berwlben und in den
Klften sanft ansteigende, berwlbte Treppen anlegen, die wie Tunnels
elektrisch erleuchtet werden. Dada kmpft unter unerhrten
Schwierigkeiten vorwrts. Seine Leute strzen in Abgrnde oder gehen an
raschen Krankheiten zugrunde. Die Bergnebel verdunkeln tagelang jeden
Schritt seiner Maultiere und Arbeiter. Der Fhn, furchtbare Unwetter,
gegen die es auf den gepltteten Felswnden keinen Schutz gibt,
vernichten die Arbeiterhtten, Menschen und Werkzeuge. Der ganze Bernina
gleicht nur noch einer unermelichen Baustelle von Kriegsgewinnlern, ein
Kegel armseligen Graus inmitten der Eiswildnis.

Die erste farbige Platte von dauerhaftem, sturmhartem Glas wird
feierlich unter Dadas Hnden an den Fels genietet. berall wird der Berg
geplttet, poliert, gekantet, heroisiert, um schlielich ganz bekleidet
zu werden mit grnen, schwefelgelben, scharlachnen, azurnen und
irisierenden Glasplatten. Die Kunstnatur in Email geistert wunderlich
ins Gebirge.

Auf der platten Hochflche lt Dada einen Wald von riesigen, goldroten
Sulen errichten und ihre Spitzen durch Glasbgen zur Gestalt einer
kristallenen Rose verbinden. Das ist der Rosendom, von dem Dada getrumt
hat. Das ist die Krnung des ungeheuren Werkes, des unerbittlichen
Glasfirnes, der den Schwei von Arbeiterheeren und das Vermgen Dadas
gekostet hat. Als der Dom in kindlichem Geglitzer und in der
Konfektarchitektur eines Ausstellungspalastes frmlich strahlt, ist Dada
rmer als der bronzene Hammelhirt am Roseggletscher.

Er hat die Genugtuung, unter den Schwibbgen des Rosendomes die groe
weie Glastafel aufgehngt zu sehen, auf der Dadas Aufruf an die
knftige Brderschaft freier Architekten Europas geprgt ist. Kein Gert
befindet sich in der weiten Halle aus rosenfarbigem Glas, das Licht
dmmert sanft durch die Wnde, und das Blau des Himmels dringt allein
durch die klaren Glasflchen im Zenith des Domes. In den Wnden sind die
Glaszeichnungen Dadas eingelassen, er, der sich selbst in diesem Dome
als Prsidenten der Menschheit bezeichnet, hat hier seinen wunderlichen
kaukasischen Glastraum niedergelegt. Das ist der Traum von Pyramiden,
Domen, Olympias und hngenden Grten aus Glas, vom Schliff des
Matterhornes, des Monte Cristallo. Alle Bergwnde sind geplttet, jede
Kante ist stilisiert, jeder sanfte Abhang zur Terrasse ausgespreizt,
Klfte, Schrnde, Hhlen, Abgrnde werden von Glasbgen mit Windharfen
berspannt, darauf der Fhn Urlaute spielt. Die Tler werden zu
geffneten Enzian- oder Oleanderblten oder gespaltenen Granatpfeln aus
Glas. Die heroischen Hochalpen zieren Versailler Rosenlauben mit
Rokokogrten aus Glas, die nachts von elektrischem Innenlicht zu
feenhaften Girlanden aufstrahlen.

Auf die Blcke und Zacken uralter Wildgletscher sind Glasfelsendome
gebaut. ber die Seen des Engadins und des Kantons Luzern sind
Feststdte und Tempel auf Glassulen bis zu den Berggipfeln erhht, ber
den Bodensee bis zum Sntis hngende Grten und Festterrassen mit
trmenden Sllern und Slen fr Zusammenknfte ganzer Stdte und
Provinzen. In diesen Tempeln und Festpalsten wird die Musik Mozarts von
verborgenen mechanischen Instrumenten jederzeit tnen: alles ist leicht,
spielend, heiter, still. Es gibt nur die Pflicht, zu schweigen und das
Glas zu verehren.

Dada ruft die Architekten zu den Entzckungen des Glases und Europas
Arbeiterheere zu dem mnnlichen, rauhen Werke der Erdbezwingung.
Gemeinsame Opfer, Qualen, Kmpfe, Arbeiten, gemeinsame Werke, Frucht,
Belohnung, Genu in den Glasdomen der Alpen.

Danach dehnt Dada den Zauberkreis aus. Die Erdrinde erscheint, die
Sdsee, das farbige aber dunkle Asien. Die Nchte dieser kosmischen
Meere sind durchglht von riesigen Lingams oder Hrnern. Otaheiti,
Neuseeland, Guinea sind durch Glasbgen auf Feuertrmen im Meere
verbunden. Im Meere schweben Glastrme, denen roplane sich nhern.

ber den Erdball von Nord nach Sd sind gestaltete, farbige Weltnebel
gewlkt, um nchtlich diejenigen zu erfreuen, die der Plakate von
Liebigs Fleischextrakt und Zuntz' Kaffee mde geworden sind.
Aufschieende Sternkristalle, rote Diskusse, grne Saturne, gelbe
Oktoder aus sphrischem Quarz bindet Dada magnetisch zwischen Pol und
dem Gleicher und furcht den Tageshimmel mit dem Fluge kubischer
Projektile, anderer, als die der Zerstrung! Sie streuen aus den Lften
farbige Flugbltter zur Verherrlichung gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen
Genusses im Park Europa.

Dada verheit Wunder dem armen Menschenwurm des Erdsternes, ihm, der von
hrtester Fabrikfron erschpft ist und sich in Kriegen zerfleischt, die
seinen Fabriken entspringen. Der Prsident der Menschheit ist an den
Rand des schumenden Wahnes gelangt, die Menschen durch Glas zu erlsen.
Verarmt, unfhig, das Glaswerk fortzusetzen, ohnmchtig vor der
gepanzerten Gleichgltigkeit demokratischer Regierungen, die schlielich
nur der abgesonderten vaterlndischen Selbstsucht zu leben verstehen.

Dada mu den Firndom dem Verfall berlassen. Langsam, aber unbezwinglich
ist die Rache des kastrierten Bernina. Die Schnee- und Eisgeschiebe
erneuern sich, die Verankerungen lockern sich, Eisbche sprengen die
Glastunnels, der Sturm bricht die Glasbgen, und die Glasplatten werden
vom Eis bedeckt und strzen in die Tiefe ab.

Neugierige Fremde aus St. Moritz kommen und starren auf die unermeliche
Narrheit aus finstrer Kriegszeit und spotten ihrer. Eines Tages steigen
Bewohner des Engadin zum Corvatsch auf und verjagen Dada mit Steinwrfen
von seinem Felsensitz wie einen rudigen Hund und zertrmmern seinen
Spiegel.




                             GRAUBNDEN.


Selbst die republikanische Schweiz mit ihrer zwieschlchtigen Seele und
ihren innerpolitischen Fehden ist nicht die Sttte jener Freiheit, die
Dada vergebens sucht. Er hat Hymnen auf ein Vaterland gedichtet, das
Slowaken und hnliche Halbslawen unter sich teilen. Er hat Glasdome fr
ein Europa bauen wollen, von dessen Rumpf kstliche Glieder
abgeschnitten wurden, und dem der Jugendsaft verluderte und giftig
wurde. Sein Ruf nach einer antiseptischen Glasarchitektur der Alpen
verhallt ohnmchtig vor dem Emprergeschrei der von Kriegsknechtschaft
befreiten Vlker. Wo wird Dada eine Nation finden, die seine magnetische
Erleuchtung und Erwrmung der Erdrinde zur Reife bringen wrde! Wo soll
er Helfer werben, um den Plan der Ausgleichung der kosmischen Klimate
und der Vermondung des Erdkrpers zu verwirklichen.

Aus den wilden Eitelkeiten des Rosendomes mute er zurckweichen und zu
spt einsehen, da fr die Erhabenheit eines Gebudes seine Hhenlage
unwichtig ist. Der Azursaal des Rosendomes htte dasselbe Blau des
Himmels gezeigt, wenn er auf einer geringen Anhhe am Vierwaldstttersee
oder am Rhein bei Basel gebaut worden wre. Das Parthenon brauchte
keinen alpinen Sockel, und fr Paestum gengte das Mittelmeer. Nachdem
Dada den Bernina zerstrt hat mit der Gedankenlosigkeit, die kein
Bewutsein hat von dem innigen Zusammenhange des ganzen Naturlebens,
machte er es sich von neuem bequem auf einer Gerllhalde des
Steinreichs, inmitten der verkarsteten Riesenalpen Graubndens. Eine
Herde von Ziegen, Hammeln und Rindern, sowie allerlei ntzliches
Kleinvieh und Hunde nennt er sein eigen, er htet selbst seine Arche und
nhrt sich von ihr. Er hat eine Almenmatte und ein Felsenhaus aus
Gerllsteinen, fr Hirten hergerichtet, gepachtet und betreibt Viehzucht
und Milchhandel. Inmitten seiner Tiere fhrt er tglich das genlich
phallische Dasein eines Ketzers von Soana, das ein modischer Dichter
erotisch-geistlich seiner grostdtischen Lesewelt dargestellt hat.

Dada liegt den ganzen Tag ausgestreckt herkulischen Leibes im saftigen
Wrzgras der Alm. In den Alpenkrutern blht der tiefugige Enzian, und
starke Felsen ber ihm halten dichte Kissen von Sonnenglut um die
regungslose Halde, auf der die Hammel fressen. Der istrische Apoll im
blauen Leinenkittel liegt trg auf dem Bauche und bestaunt seine eigenen
vom Sonnenlicht goldgefrbten Beine und Arme. Die Schwingung des tiefen
Tals rndet sich sanft empor gleich dem Bauch seiner guten
sattgefressenen Rinder, die nach ihm brllen, um ihm die Lasten
anzukndigen, die sie im Leibe fr ihn tragen. Dada liebt dankbar und
zrtlich seine ernhrenden Freunde, und strker als je von Italias und
Derobeas Gnaden hllt seine Glieder schwelgerisch mstende Flle in der
Sommerfrische Graubndens.

Dada bewundert die Tiere, und ihr Leben wandelt als ein endloses
Schauspiel an seinem migen Gaffen vorbei: Sie fressen, darum mssen
sie sich regen, spielen, sich vertragen oder sich bekmpfen. Sie lagern
sich, flchten, begatten sich, sind grausam und leidenschaftlich,
ungestm und feurig boshaft. Dada liebt besonders das unverschmte Glck
und die sachliche Einfachheit der Begattung seiner Tiere. Er hrt das
schwere Ruhegebrll der Rinder, die den Schatten in der Mittagsglut und
das klare Bchlein lieben.

Dada spricht mit den Tieren, gem dem verschiedenen Charakter ihrer
Laute, und folgt mit seiner Erkenntnis den Bahnen ihrer instinktiven
Bewegungen, um die Rtsel ihrer Sprechzeichen und vielgestaltigen
Stimmen zu entziffern. Er hat einmal jeder groen Sprache des
europischen Menschen wahlverwandt angehrt, und er meidet fortan die
Menschenworte und was ihresgleichen, um in den Tierlauten gleichen Sinn
und Trieb zu erkennen, nur mtterlich traulicher und treuer. Dada lebt
entzckt in den hymnisch-orphischen Krften der Tiere, in der
strahlenden Energie ihres natrlich Bsen, in der furchtbaren
Schpferkraft, die frit, ttet, zeugt und schweigt. Er lebt ihren
Alltag, ihre Feiern, ihre herdenhaften Beziehungen, die er mit denen des
antiken Menschen vergleicht. An kalten oder regnerischen Tagen schliet
er sich mit den Tieren in dem gemeinsamen groen Wohnraum des
Felsenhauses ein, und diese in Jahrtausenden familienhafter
Hausgenossenschaft erzogenen Tiere sind Tag und Nacht sein Trost,
mitleidsvoll und sorgend lebt er in ihren Augen, ihren Freuden, ihrem
Kranksein und Sterben.

ber die Laute der Felsen und Bume und Erdtiere werfen Habicht, Geier,
Adler und Falke ihre Mordschreie empor in die Lfte bis zum Bereich, wo
die tierischen Laute verlschen vor dem freien Genius des Schweigens,
der im stillsten Glanze der feinsten Bindung ferner Erdkrfte schwebt.
Die magnetische Rinde hlt wohlttig die Sonnenstrahlung in ihrem
Bereich gesammelt, hllt sich mit ihr, und lt sich durchdringen und
wrmen von ihr zu immer erneuerter Fruchtbarkeit, um das
Traulich-Wohlbewohnte zu begrnden.

Erde und Gebirge haben lange auf den Menschen gewartet. Das Tier, das
zrtlich geliebt wird, hat die Felsen mit warmen Vliesen bedeckt, um
sich in der Sonne liebkosen zu lassen. Die Felsen trumen gern von den
guten glcklichen Tieren und beschwren Gemse und Steinbock, Albatros
und Adler zu ihren Wchtern und Sphern. Vor der Frhe bedecken sie sich
mit Tau und sie frchten die eisige Vernichtung und den Ha der
Menschheit. Dada ist unter den letzten einer sterbenden Erdrasse, die
Tiere genannt werden, weil die Menschen ihren Ha auf sie abgeladen
haben.

Die Gipfel Graubndens nehmen die Formen riesig ruhender Tierhupter an.
bertierische Gestalten von Kranich, Hund und Widder stehen
hochaufgerichtet in die Felsen gemeielt. ber den Felsen erheben sich
die Gttergestalten der groen Tierrassen, sitzend ber dem Erdkreis
gegrndet: Lwe und Stier. Das brummende Moo der Stiere, das erzene
Geschmetter der Bcke, die Urstimmen aller Geschpfe, die von den Seen
bis zu den Schneezinnen Graubndens schweifen, dichtet Dada, und bildet
in ihren Lauten die Veden und die gyptischen Gebete, die Stier und
Widder als Gtter anriefen. In die milden Hammellaute bersetzt Dada die
Brnste, ngste, Untergnge der Tiere in Urwut und Urklang.




                           DER ROTE WIDDER.


Der feurige Widder, der trotzende Liebling der Herde, der Gott seiner
Rasse wird in Dadas Felsenhaus geboren. Zur Kraft erwachsen, tritt er
eines Morgens rot und stark auf die letzte Felsenstufe und geht auf ber
Dadas Felsgipfel: Sonne der Tierheit, die nicht mit Blut gemstet und
nicht von den dstren Flecken der Verwesung angefat ist. Sein Gehrn
ist edel geschweift, der Bart feurig und zngelnd, die feinen,
bergharten Gelenke sind zum Sprung gestrafft.

Sorglich schreitet Dada mit der gewlbten Brust und den milden Armen des
Vaters der Tiere auf dem Grate und tritt dicht zum Widder. Er legt beide
breiten Hnde auf das honigglnzende Geweih und spricht ruhig und stark
in den wenigen Urlauten, in denen er das Geheimnis der Tiersprachen
gefunden hat. Dada bringt langgezogene, wohltnende, weibliche Laute
hervor, denen der Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet.
Die harte Trompete des Bockes beherrscht den Gipfel, marschiert,
befiehlt, hlt Ordnung, whrend Dada hineinzutnen versucht und mit
verschmtem Verlangen um Gleichberechtigung wirbt, nicht etwa fr den
Bock, sondern fr sein Menschen-Ich. Hier folgt das Gesprch
bersetzungsweise, das Dada kunstgem mit wenigen, aber immer
verschieden gefalteten Tierlauten durchgefhrt hat.

Lieber Sohn, ich will dir die schne weie Zuckerkante schenken, die
drben auf den Bergen hngt, und die feinen rosa Wolkenlmmer, die im
tiefen Blau grasen, verlocken feurige Hammelbeine zu Galopp und Sprung.
Willst du zu ihnen, mein Widder?

Der Widder erwidert in Urlauten, feurige Blitze seiner Bosheit fahren
zum Talgrund:

Ich sehe viel weiter und will viel weiter, als du willst, lieber Herr.
Deinen Zuckerkant lecke ich bald mit roter Zunge, und auf die rosa
Wolkenlmmer setze ich meinen Bockstritt. Versuch mal diesen Galopp.

Der Bock zieht zehn scharfe Bogen hart um Dada auf dem gefhrlichen
Felsgrat, aber schlielich gesellt er sich wieder neben seinen Gebieter
und Dada legt von neuem die Hand auf das honigglnzende Gehrn.

ber hundert Gipfel im Norden setzest du mit harten Lufen und dann
gelangst du in das tiefe Land, das der Krieg beschattete mit Zerstrung
und Verwesung. In diesem Lande wurde tglich und jahrelang das
unzhlbare Menschenfleisch von kstlichen Nationen der ganzen Erde mit
Feuer und Stahl gemahlen, und die eklen Smpfe wurden mit Blut gedngt.
Der tna, der Sudan, die Kalahari, keine Wste der Erde droht vergiftet
von Greueln wie dies Land. Auch dein armer Vater Dada war in diesem
Lande gefangen, bis ich entwich!

Der Widder mit honigglnzendem Gehrn schttelt Dadas Hnde fort,
springt im Ruck vor Dada und senkt drohend das Horn zum Angriff, seine
Augen brechen Feuer aus, seine Stimme donnert von Urlauten:

Du dicker Butterschlegel, hochtrabendes Fa voll Regen, Susler von
Zuckerkant, kamst zu Anfang mit deinem Zweifel an dir selbst. Und als
alles vorbei war, schlugst du an deine stumpfe Brust und schriest Meine
Schuld. Wohlan, Dada, der Widder aus dem Sternenbild, nicht der
Nachtmahr deiner Verbrechen im Kaukasus, die ewige Jugend der Welt
emprt sich und stt dich fort, weil du dick, erstickend trg von
Worten schwillst, weil die Freiheit auf gewlbter Sonnenbahn erglnzt
und dich verwirft.

Du hast geduldet, da jene sich zerfleischten, die du trsten und
vereinigen solltest. Du mitsamt der Helena, um derentwillen du gettet
hast, habt die Wrfel geworfen um des Lebens willen, du bist der antiken
Hure nachgelaufen, dem lateinischen Popanz und einer dacischen Mnade.
Mit Mummenschanz von Urlauten, Glasbergen und Ziegensprache hast du
genlich das Leben beklebt und deinen Bastardsinn verraten.

Wenn ich dich mit den Hrnern hinabstiee, was wrde es den bsen Tlern
schaden, denen du entlaufen bist! Unsere Schuld! ruft ihr. Ein Chor
der Unmndigen zeugt von sich selbst. Die sich selbst nicht zu befehlen
vermgen, treten unter die ratlosen Besserwisser der Vlker und
verwirren die geringe Vernunft, die nach ihren Verbrechen und
Blutruschen erwachen will. Hohle Raketen der Wortkunst schleudert ihr
unter sie und ihr schmt euch nicht und gebt euch preis, die ihr unfhig
zu einer Welt ohne Blut und Trnen seid. Unschuld, Unverwelklichkeit der
edlen Seelen habt ihr nicht gekannt!

Im heftigen Sprung schlgt der Bock mit dem Gehrn den Istrier zu Boden
und entweicht nach Norden. Dada erhebt sich vom jhen Sturz,
zerschunden, bleich, gepeitscht von kreisenden Schwnzen der
aufgerufenen Schrecken. Er erhebt die dicken Arme, um sie auf den
eigenen Schdel niederwirbeln zu lassen. Stierlaute qulen seine Kehle.
Die hundert Tschakos seines ukrainischen Attentats zertrmmern seinen
Verstand. Er bricht in Klagen menschlicher Worte aus.

Meine Schuld! Wann wird uns Zuchtlose, Gehorsam Entwhnte die Liebe
binden. Wann werden wir fhig zur sittlichen Erlsung sein, wir Betrger
und Mrder. Wann werden wir im engsten frei sein, im Schaffen bestndig!

Du Widder hast mich aus der Schmach meines genlichen Zuschauertums
aufgerissen. Du hast mich schaudern gemacht vor der baren Trgheit und
der mrderischen Leere. Denn durch die Leere mordete ich das Leben. Ich
habe noch nie ein Volk gefhrt, ich habe mich noch nie im tna gebadet,
ich habe noch nie einen Sohn gezeugt, wahnsinnig vor Entzcken und
Schmerz. Ich habe mich im Abgrund des Todes an den rmsten aller
Gedanken geklammert und ich habe gezagt. Ich habe des Menschenwurms
letzte Furcht und schmhlichste Ohnmacht erlitten und ich habe nur nach
neuen Unterpfndern meines liebelosen, armseligen Daseins gespht.

Du Widder hast mich niedergeschlagen in dem bescheidenen Stolze meiner
Tierfreundschaft, darum grolle ich dir nicht. Denn ich will mich
umwenden zu der niederen Behausung und mich aufrichten zu schaffender
Arbeit, die mich zu der glcklichen Pforte des Ausganges leiten wird.
Glcklicher Ausgang, zu dir steige ich empor und ich feiere dich, indem
ich lebe.

Flchtig und ruhelos war ich von Europa krank. Von jetzt ab werde ich
glcklich an dir, Europa, neues Vaterland, das ich gegrt habe mit
frher, heiliger Liebe. Ich werde arbeiten fr dein Glck, lichtes
Europa, mit dem schaffenden Werk, das die Vlker vershnt.




                           INHALTSBERSICHT



   Erster Teil
   Der Karst            11
   Derobea              15
   Das Nordlicht        22
   Die Urlaute          25
   Dresden              32

   Zweiter Teil
   Die Serbin           41
   Kiew                 44
   Kaukasus             46
   Venedig              50
   Engadin              53
   Der Spiegel Europas  58
   Der Firndom          61
   Graubnden           67
   Der rote Widder      72




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 70]:
   ... Gemse und Steinbock Albatros und Adler ...
   ... Gemse und Steinbock, Albatros und Adler ...

   [S. 72]:
   ... Bock mit gemessen kriegerischen Geschmetter antwortet. ...
   ... Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Dada, by Adolf Knoblauch

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DADA ***

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