The Project Gutenberg EBook of Der Sinn und Wert des Lebens, by Rudolf Eucken

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Title: Der Sinn und Wert des Lebens

Author: Rudolf Eucken

Release Date: April 22, 2015 [EBook #48765]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SINN UND WERT DES LEBENS ***




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[Illustration: Rudolf Eucken.]




                           Der Sinn und Wert
                              des Lebens

                           Von Rudolf Eucken

                                Fnfte,
                     vllig umgearbeitete Auflage

                  Achtzehntes bis zwanzigstes Tausend

               Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 1917


  Satzanordnung und Einbandzeichnung
  von Professor Georg Belwe.

  Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co., Altenburg, S.-A.


                            Die Wohnung des Lebens
                            sind viel weiter denn die
                            Wohnungen des Todes.

                                              Luther.




Vorwort zur ersten Auflage.


Mit einer Behandlung der Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens suche
ich die inneren Probleme der Gegenwart jedem einzelnen mglichst nahe
zu bringen und ihn zur Teilnahme daran zu gewinnen. Solche Fassung
der Aufgabe zog der philosophischen Errterung bestimmte Grenzen:
da es aber innerhalb dieser Grenzen genug zu klren gibt, das hofft
die Untersuchung selbst zu zeigen. Dem einen oder anderen Leser wird
vielleicht der erste kritische Teil zu weit ausgesponnen scheinen.
Aber es konnte die entscheidende Hauptthese, an der die Mglichkeit
einer Wiederbefestigung des Lebens und einer Verjngung der Kultur
hngt, ihre volle berzeugungskraft nur erlangen, wenn sie als der
einzig mgliche Weg zum Ziele erwiesen war; dafr aber war jene Kritik
unentbehrlich, sie steht nicht neben, sondern in der Sache.

_Jena_, Dezember 1907.




Vorwort zur fnften Auflage.


Zwischen der vierten und der fnften Auflage liegt der Beginn und
der Verlauf des Weltkriegs; notwendig muten seine Eindrcke und
Erfahrungen auch auf das Gesamtbild des menschlichen Lebens wirken,
und solche Wirkung mute sich auch auf eine Untersuchung erstrecken,
welche sich mit dem Sinn und Wert des Lebens befat. So ist denn diese
neue Auflage aufs grndlichste umgestaltet, ja vllig erneuert worden,
ganze Abschnitte sind stark verkrzt, andere neu hinzugefgt worden,
das Ganze ward straffer zusammengefat und mehr in den Dienst eines
einzigen Hauptgedankens gestellt. So wenig ich meine Grundanschauungen
zu verndern brauchte -- die Erfahrungen des Krieges haben sie nur
besttigt --, ihre Darstellung mute krftiger werden, die Gegenstze
waren schrfer zu scheiden, die Forderungen deutlicher herauszuheben.
So hoffe ich, da das Buch an innerem Leben gewonnen hat, und da
zugleich sein Verhltnis zur Gegenwart in Ja und Nein enger geworden
ist. Mein Hauptwunsch geht dahin, in unserer wirren Zeit mchte es
suchenden und kmpfenden Seelen irgendwelche Frderung bringen.

  _Jena_, im Juli 1917.                   ~Rudolf Eucken.~




Inhaltsbersicht.

                                                                   Seite

  _Einleitung_                                                         1

  ~Die Antworten der Zeit.~

  Die lteren Lebensordnungen.

    Die religise Lebensordnung                                        4

    Die Lebensordnung des weltlichen Idealismus                       10

  Die neueren Lebensordnungen.

    Die gemeinsame Grundlage                                          17

    Die Lebensordnung des Naturalismus                                19

  Die Wendung des Menschen zu sich selbst.

    Die Sozial- und die Individualkultur                              28

    Erwgungen und Vorbereitungen                                     40

  ~Versuch eines Aufbaues.~

  Die Erffnung eines neuen Lebens.

    Der Aufstieg zur Hauptthese                                       50

    Die Entwicklung der Hauptthese                                    60

    Hauptzge des neuen Lebens                                        73

    Geistiges Leben und menschliche Lage                              86

  ~Auseinandersetzung mit der Welt und der Lage des Menschen.~

    Die bermacht der Natur                                           96

    Die Unsicherheit des menschlichen Geisteslebens                  105

    Die moralische Verwicklung des Menschenlebens                    113

    Auseinandersetzung mit dem Zweifel                               134

  ~Folgerungen aus der Gesamtbilde des Lebens.~

    Folgerungen fr das Leben des Einzelnen                          144

    Folgerungen fr die Aufgaben der Gegenwart                       156

    Folgerungen fr die Ausbildung eines deutschen Lebensstiles      161

  _Sachregister_                                                     170

  _Namenregister_                                                    172




Einleitung.


Die Frage nach einem Sinn und Wert des Lebens macht ruhigen
Zeiten wenig Sorge, da dann die Umwelt dem Einzelnen einen festen
Lebenszusammenhang zufhrt, ihm darin einen sicheren Halt und eine
Antwort auf etwaige Zweifel gibt; sie wird erst dringend, wenn ber
den Grundstock des Lebens eine Unsicherheit entsteht, wenn sich in
ihm Spaltungen bilden und das Handeln nach verschiedenen Richtungen
ziehen. Dann mssen wir wohl oder bel unsere Zuflucht zum eigenen
Denken nehmen, dann mssen wir suchen, mit seiner Hilfe wieder eine
Hauptrichtung des Lebens zu gewinnen und in der Arbeit dafr eine
Wehr und Waffe gegen all das Dunkle und Feindliche, das unaufhrlich
auf uns eindringt. So erweist das Fragen und Mhen um einen Sinn und
Wert des Lebens immer einen geistigen Notstand, einen solchen erweist
es auch heute. Dieser Notstand ist keineswegs eine bloe Folge des
Krieges, er reicht weit hinter ihn zurck und ist aus dem Ganzen des
modernen Lebens mit Notwendigkeit hervorgegangen. Dieses Ganze hat
sich in verschiedenartige Strme gespalten, die auseinandergehende
Richtungen verfolgen und abweichende Wertschtzungen enthalten.
Namentlich stehen hier gegeneinander eine unsichtbare und die sichtbare
Welt. Der frheren Zeit galt jene als der Kern der Wirklichkeit und
als der Hauptstandort echten Lebens, whrend die Neuzeit mehr und mehr
die sichtbare Welt auch zur geistigen Heimat des Menschen macht und
alle seine Ziele von ihr erhofft. Innerhalb der Hauptrichtungen aber
erschienen weitere Unterschiede und trieben das Leben auseinander,
das freudige Ja der einen wurde den anderen zum herben Nein, eine
peinliche Unsicherheit griff um sich und mute zur Schwchung
alles Strebens wirken, das die Notwendigkeit des Lebens und die
selbstischen Zwecke berschreitet. So mute die Menschheit bei aller
Flle uerer Berhrungen sich innerlich mehr und mehr zerwerfen und
ein gegenseitiges Verstndnis verlieren. Ernsteren Seelen waren diese
Gefahren schon vor dem Kriege deutlich geworden, und an Bemhungen, sie
zu berwinden, hatte es nicht gefehlt. Aber die Breite der Zeit fhlte
sich viel zu sehr in reichem Kulturbesitz und wurde durch die Befassung
mit ihm viel zu sehr festgehalten, um diesen Fragen viel Aufmerksamkeit
zu schenken; so blieb das Mhen um sie im Hintergrunde und erlangte
nicht die ntige Kraft. Der Krieg hat die Lage weiter verschrft, er
stempelt die willenlose Ergebung in die Widersprche des Daseins zu
flacher und niedriger Art. Er zeigt uns handgreiflich die vllige
Abhngigkeit unseres Lebens und Strebens von dunklen Geschicken, er
zeigt die Menschheit bei sich selbst gespalten und bis zu wildem Ha
verfeindet, er zeigt im Vlkerleben eine hliche Mischung moralischer
Unlauterkeit und intellektueller Schwche, er zeigt freilich auch viel
Kraft in den Vlkern und viel Aufopferungsfhigkeit fr gemeinsame
Zwecke, aber im Gesamteindruck stellt er die Lage der Menschheit
als hchst verworren und ihr Streben als eines deutlichen Zieles
entbehrend dar, er erschttert aufs strkste den Glauben an das
Walten einer Vernunft bei ihr. Einer so verworrenen Lage gegenber
versagt alles bloe Grbeln und Deuten, Scharfsinn und menschlicher
Witz werden uns nicht von ihr befreien; die einzige Hoffnung einer
Rettung besteht darin, da durch alles menschliche Meinen und Suchen
hindurch eine tiefer gegrndete Tatschlichkeit im Leben waltet, auch
uns sich erffnet und unser Handeln zu sicheren Zielen leitet. Dieser
Tatschlichkeit den Weg zu bahnen, zunchst der Richtung inne zu
werden, in der sie zu suchen ist, das mu einer Selbstbesinnung zur
Aufgabe werden. Sie kann das aber nicht tun ohne vorherige Orientierung
ber den heutigen Lebensstand mit all seinem Durcheinander. Denn was
an vermiedenen Strmen wirkt und sich gegenseitig zu hemmen droht,
das sind keineswegs bloe Lehren, die sich behaupten und zurcknehmen
lassen, sondern das enthlt tatschliche Leistungen, Bewegungen des
Lebens selbst, Konzentrationen, welche ihrem ganzen Bereich eine
eigentmliche Beschaffenheit verleihen; wir kmpfen daher nicht um
bloe Deutungen eines gegebenen Lebensstandes, sondern wir kmpfen
um den Lebensstand selbst, wir kmpfen nicht um Bilder, sondern um
Wirklichkeiten. Die Verwicklung aber stellt sich nun dahin, da jede
einzelne dieser Lebensentfaltungen Berechtigtes und Wertvolles enthlt,
das, einmal belebt, sich nicht wieder aufgeben lt, da sie aber,
anscheinend untrennbar, mit diesem anderes verquickt, was wir unmglich
festhalten knnen, wovon wir uns befreien mssen. Da so Notwendiges
und Unmgliches bei uns zusammentrifft und vielfach ineinander
verfliet, das versetzt uns in ein peinliches Schwanken zwischen dem
Ja und dem Nein; wir sehen nicht, wo das eine sich gegen das andere
abgrenzt, wir werden nach dem Wechsel der Stimmung bald hierher,
bald dorthin gezogen. Um so mehr bedrfen wir einer berlegenen
Tatschlichkeit, die uns Wahres und Falsches scheiden, das Wahre aber
miteinander verbinden und mutig in den Kampf fhren lehrt. Ohne den
Glauben an das Bestehen und das Wirken einer solchen Tatschlichkeit
wre alles Streben nach Rettung vergeblich, auch unsere Untersuchung
ruht auf einem solchen Glauben, sie wird getragen von der berzeugung,
da in der Tiefe des Lebens Notwendigkeiten walten, die nicht an
menschlicher Meinung hngen. Im Vertrauen auf solche Notwendigkeiten
beginnen wir unser Werk.




Die Antworten der Zeit.




Die lteren Lebensordnungen.


Die religise Lebensordnung.

Von den verschiedenen Lebensordnungen, die den Menschen der Gegenwart
umwerben, wirkt am strksten auf das Ganze noch immer die der Religion.
Ein Erbe uralter Zeiten hat die Religion durch besondere Erfahrungen
des ausgehenden Altertums eine herrschende Stellung erlangt; jene
Zeiten lieen den Menschen sowohl die Nichtigkeit des gewhnlichen
Lebens als das eigene Unvermgen mit peinlicher Schrfe empfinden und
erfllten ihn zugleich mit einer tiefen Sehnsucht nach einem neuen
Leben, ja einer neuen Welt. Ein solches Leben hat in unserem westlichen
Kulturkreise das Christentum ausgebildet, es hat, nachdem das
leidenschaftliche Verlangen nach Rettung der Seele sich spter geklrt
und gemildert hatte, ein religises Lebenssystem geschaffen und ihm
alle Kulturarbeit angefgt; dies Lebenssystem hat durch die Kette der
Jahrhunderte hindurch seine Macht bis zur Gegenwart behauptet und hlt
auch heute den Anspruch auf Beherrschung der Seelen noch aufrecht.

Diese religise Lebensordnung setzt mit einer heroischen Kraft
die Welt, die uns umgibt, zu einer niederen herab und macht eine
unsichtbare Welt des Glaubens und des Gemtes zur geistigen Heimat
des Menschen; zugleich vollzieht sie eine energische Konzentration,
indem sie zum alleinigen Ziel des Lebens und Strebens die Einigung
mit dem Geist vollkommener Macht, Weisheit und Gte erhebt. Mit ihrer
Einfhrung absoluter Mae wird sie der Quell aller Erhabenheit, die
das menschliche Leben kennt, zugleich aber lt sie, und sie allein,
das Leben eine reine Innerlichkeit, ein volles Beisichselbstsein,
gewinnen, indem es hier an erster Stelle ein Verhltnis von endlichem
und unendlichem Geiste wird. Aus solcher Innerlichkeit vermag es den
Menschen unvergleichlich mehr sich selbst zu erschlieen, und lehrt es
zugleich die Menschen sich gegenseitig besser verstehen und inniger
miteinander fhlen. Das hier entwickelte Leben hat bei seinem Wurzeln
in gttlicher Liebe eine groe Weichheit und Zartheit, aber der Liebe
verbindet sich eng die Heiligkeit einer sittlichen Ordnung und gibt dem
Leben bei aller Innigkeit einen unermelichen Ernst.

In diesem Zusammenhange durfte der Mensch von sich und seinem Tun
aufs Hchste denken. Als Ebenbild Gottes bedeutete er den Mittelpunkt
der Wirklichkeit, um den sich das All bewegte, und dessen Tun ber
seine Geschicke entschied. Wohl hatte der Einzelne sich dem Ganzen des
Gottesreiches gliedmig einzufgen, aber zugleich bildete er einen
eigenen Kreis und wurde als ein Selbstzweck behandelt; zur Vollendung
des Ganzen, das kein Glied missen durfte, gehrte auch seine Rettung.

Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nten und Schmerzen, die Hhe
der Forderung und der weite Abstand des Menschen verhinderten alles
bequeme Behagen und alles spielende Glck, ja das Gewicht von Leid und
Schuld schien mehr zu wachsen als abzunehmen. Aber die Grunderfahrung
der Religion, die Befreiung von drckender Schuld und die Schpfung
eines neuen Lebens durch gttliche Liebe und Gnade, hob den Menschen
ber den ganzen Bereich von Kampf und Not hinaus; die Einigung mit
Gott lie ihn ein vollkommenes Leben und hohe Seligkeit teilen, in
die freilich fr den Menschen immerfort der berwundene Schmerz
hineinklingt. Wohl verblieb der Widerstand einer gleichgltigen, ja
feindseligen Welt, aber in Zweifel versetzen und das Streben lhmen
konnte er nicht. So war es kein leichtes Leben, das hier entstand, aber
es war ein Leben voller Bewegung und in sicheren Zusammenhngen, es war
kein leeres, kein sinnloses Leben.

So hat die religise Lebensordnung lange Jahrhunderte beherrscht, sie
hat Individuen und ganze Vlker verbunden, sie hat unzhligen Seelen
sowohl eine krftige Aufrttelung als seligen Frieden gebracht. Ihr
eigentmlich sind besonders die schroffen Kontraste, worin sie das
menschliche Leben versetzt: die Gottheit zugleich in weltberlegener
Hoheit und in nchster seelischer Nhe (Gott ist mir nher als ich mir
selber bin, Meister Eckhart), der Mensch verschwindend klein und doch
zur Gemeinschaft mit dem Hchsten berufen, Liebe und Ehrfurcht, Milde
und Ernst eng miteinander verflochten, tiefes Dunkel und strahlendes
Licht, Elend und Seligkeit sich gegenseitig steigernd, ein Aufstieg
zum Ja durch ein Nein hindurch, eine volle Anerkennung, aber zugleich
auch Heiligung des Leides, in dem allen eine starke Bewegung, die
allererst der Seele des Einzelnen wie dem Leben der Menschheit eine
wahrhaftige Geschichte erffnet und diese zum Kern aller Wirklichkeit
macht, ein unablssiges Hinausstreben ber alle Gegenwart bloer Zeit,
aber zugleich ein sicheres Ruhen in einer gegenwrtigen Ewigkeit. Eine
so heroische Gre und zugleich eine solche Innigkeit hat das Leben an
keiner anderen Stelle erreicht.

Trotzdem haben sich gegen dieses Leben starke Zweifel erhoben, Zweifel
nicht blo aus eitler Widerspruchslust flacher Seelen, sondern auch
aus dem heiligen Ernst eines Ringens um lautere Wahrheit. Bedenken
entstanden zunchst aus der eingreifenden Vernderung, welche seit
Beginn der Neuzeit das Bild der Natur und bald auch das der Geschichte
empfing, es ergab das wachsenden Widerspruch nicht nur an einzelnen
Stellen, wie bei der Frage der Wunder, sondern die ganze Welt der
Religion konnte von hier aus als zu eng und mit viel menschlicher Zutat
behaftet erscheinen. Dieser Widerspruch der Weltbetrachtung lt sich
berschtzen, er lt sich aber auch unterschtzen. Sicherlich ist
Religion etwas anderes als bloe Weltanschauung, aber einen Widerspruch
mit gesicherten Zgen des Weltbildes kann auch die Religion nicht ohne
schweren Schaden ertragen; ihre Wahrhaftigkeit leidet darunter, wenn
sie einer Auseinandersetzung mit ihm aus dem Wege geht. Tiefer freilich
geht die schrfere Scheidung der geistigen Arbeit vom menschlichen
Seelenstande, wie das moderne Denken sie vollzogen hat. Der Mensch
konnte danach als ein Sonderwesen erscheinen, das ganz unfhig ist,
die Welt in seine Begriffe zu fassen und ihre Tiefen zu ergrnden;
die Religion erschien von da aus leicht als ein bloes Hineintragen
menschlicher Bilder und Wnsche in das All, sie konnte diesem
Gedankengange schlielich als ein bloes Wahnbild erscheinen. Aber
gegen das alles htte sich kmpfen und die Grundwahrheit der Religion
auch gegen den schroffsten Widerspruch durchsetzen lassen, wre das
Ganze des Lebens in der Verfassung geblieben, aus der die Wendung
zur Religion hervorging. Hier aber war ein Umschlag erfolgt, der den
Gesamtstand vllig verschob. Jene Wendung war in einem Bruch mit der
nchsten Welt entstanden, zu einer Zeit, wo die Menschheit den Glauben
an sich selbst und ihr Vermgen verloren hatte, wo sie im besonderen
einen schweren moralischen Zwiespalt empfand, und wo nur das Ergreifen
einer neuen Welt ihre geistige Vernichtung schien verhten zu knnen.
Nun aber hatten neue Vlker in langen Jahrhunderten der Erziehung neue
Kraft gesammelt, und diese Kraft strebte mit dem Beginn der Neuzeit
nach voller Bettigung, die nchste Welt wurde ihr zum willkommenen
Vorwurf, und das Wirken in ihr drngte die moralischen Probleme,
drngte im besonderen den moralischen Zwiespalt der Seele weit in den
Hintergrund. Wenn aber solche Wandlung des Lebensgefhls kein starkes
Verlangen nach einer Erlsung und vlligen Umwandlung aufkommen lie,
so verlor die Religion ihre seelische Nhe und ihre berzeugungskraft;
die Gefahr entstand, da sie mehr als ein Erbstck der Vergangenheit
fortgefhrt wurde, als aus eigener Erfahrung hervorging, ja da sie
als eine blo gesellschaftliche Einrichtung erschien und als solche
aus Grnden der Wahrhaftigkeit hart angefochten wurde. Eine derartige
Bewegung hat sich von der Hhe der Gesellschaft, wo sie entstand,
immer mehr in die breiten Massen gesenkt; wie weit sie auch bei uns
Deutschen um sich gegriffen hat, das wrde noch deutlicher zutage
treten, wenn nicht die sehr problematische Hilfe, welche bei uns der
Staat der Religion noch immer zukommen lt, den wirklichen Stand der
Dinge schonend verdeckte. Auch drfen wir nicht erwarten, da der
gegenwrtige Weltkrieg diese Lage wesentlich ndert. Gewi bringt er
mit seinen ungeheuren Gefahren und schweren Verlusten einen groen
Ernst in die Stimmung und lenkt zwingend die Gedanken auf die Fragen
des Geschicks und der Bestimmung des Menschen, auf die Fragen von
Zeit und Ewigkeit. Aber einer einfachen Beantwortung dieser Fragen
im Sinne der berkommenen Religion widerspricht der unabweisbare
Eindruck des Wirkens eines dunklen Schicksals, das unbekmmert um
menschliches Wohl und Wehe nur die blinde Notwendigkeit walten lt,
den einen opfert, den anderen rettet, wie es sich eben trifft. Auch das
gewaltigste uere Ereignis kann ohne ein inneres Entgegenkommen keine
seelische Wandlung erzeugen; so drfte auch dieser Krieg auf die Seelen
verschieden wirken, je nachdem was sie an ihn bringen: er wird die
Glubigen glubiger und die Unglubigen unglubiger machen; er wird die
Religion wieder mehr als eine unabweisbare Frage empfinden lassen, aber
eine Frage ist keine Antwort.

So kann es scheinen, als sei die Zeit der religisen Lebensordnung
abgelaufen, und als msse die Religion als ein irreleitender Wahn aus
dem menschlichen Leben verschwinden. Aber so einfach, wie ihre Gegner
sich die Sache denken, ist diese nicht. Denn die Religion hat weit
ber alle Lehren und Einrichtungen hinaus in den Grundbestand des
menschlichen Lebens eingegriffen und ihm Weiterbildungen gebracht,
deren Preisgebung es einer klglichen Verarmung ausliefern wrde. Von
ihr kam eine Befreiung von dem schweren Druck des Daseins, das uns
sonst unbarmherzig umklammert; sie erffnete mit ihrer Erhebung ber
dieses und ihrer Erschlieung einer neuen Welt die einzige Mglichkeit,
alles Unzulngliche und Verfehlte des menschlichen Lebensstandes
vollauf anzuerkennen, ohne darber die Festigkeit des Glaubens und den
Mut des Handelns einzuben; mit ihrer Umkehrung des Lebens wurde sie
ein Quell heroischer Gre und mit ihrer Vorhaltung absoluter Mae eine
gewaltige Kraft der Aufrttelung und nimmer fertigen Bewegung; die
einzigartige Stellung, welche gemeinsame Schtzung der Menschheit der
moralischen Aufgabe zuerkennt, rechtfertigt sich vollauf nur in der
Welt der Religion; dazu ihre Entfaltung reiner Innerlichkeit -- auch
die eigentmlich deutsche Frbung des Ausdrucks Gemt ist der Religion
zu verdanken --, sowie ihr Vermgen, den Menschen wie der Menschheit
der kaum ertrglichen Vereinsamung in einem seelenlosen Weltall zu
entziehen, der sie sonst verfallen sind; -- wahrlich, wir knnen die
flachen Seelen nur bedauern, die ohne Schaden und Schmerz glauben das
alles aufgeben zu knnen; jedenfalls sind sie mit ihrer Flachheit nicht
die berufenen Vertreter der Menschheit, und bringt ihre leichtherzige
Verneinung die Sache nicht schon zum Abschlu. Aber zugleich bleibt
alles bestehen, was sich gegen die Religion an Bedenken und Zweifeln
erhob; so steht das Geistesleben der Gegenwart zwischen dem Ja und dem
Nein in haltloser Mitte, und es ist uns die Religion, mit ihr auch die
religise Lebensordnung, aus einem festen Besitz zu einem schweren
Problem geworden; auch das Ewige, was sie enthalten mag, hat sich der
Gegenwart neu zu bewhren, es ist zu einer offenen Frage geworden.


Die Lebensordnung des weltlichen Idealismus.

Die Verwicklungen der Religion zu vermeiden, ohne die Tiefe des Lebens
zu mindern, glaubt ein der Welt zugekehrter, sie umfassender und
durchdringender Idealismus, ein Idealismus, der mit seiner Entfaltung
einer Geisteskultur seit Jahrtausenden eine selbstndige Art neben der
Religion entwickelt, bald sie freundlich ergnzend, bald ihr als Feind
begegnend. Die Lebensordnung des Mittelalters hatte diesen Idealismus
ihren eigenen berzeugungen angegliedert, die Neuzeit gab ihm eine
wachsende Selbstndigkeit, so da er sich schlielich der Religion
berlegen fhlte und ihr die Beherrschung des Lebens bestreiten konnte.
Auch dieser Idealismus nimmt seinen Standort in einer unsichtbaren
Welt, aber ihm bedeutet diese nicht ein neben dem sinnlichen Dasein
befindliches, von ihr abgelstes Reich, sondern seinen eigenen Grund,
seine belebende Seele; da das All nicht in das Nebeneinander der
einzelnen Erscheinungen aufgeht, sondern eine dem ueren Auge
verborgene Tiefe besitzt, da es ein Ganzes bildet und ein inneres
Leben fhrt, das ist die Grundberzeugung, mit der diese Lebensordnung
steht und fllt. Aus solcher berzeugung verbindet dieser Idealismus
den Menschen eng mit dem All und lt ihn sein Leben aus diesem
schpfen, aber zugleich gewhrt er ihm eine einzigartige Stellung und
ein ausgezeichnetes Werk. Denn alles Untermenschliche scheint das
Leben bewutlos und aus dunklem Zwange zu fhren, es verwandelt das
Vermgen des Ganzen nicht in den Besitz der einzelnen Stelle; dies aber
geschieht beim Menschen, der den Gedanken des Ganzen denkt und dieses
selbst damit weiterfhrt. Erst bei ihm erhebt sich die Welt zu voller
Klarheit und Freiheit und erlangt damit ihre Vollendung; der Mensch
darf gro von sich denken, indem sein Wirken so viel fr das Ganze
bedeutet.

Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von
Innerem und uerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere
hat als der Haupttrger des Lebens das uere zu ergreifen und zu
beseelen, es tut das namentlich in Kunst und Wissenschaft, aber auch
durch Entwicklung einer in der menschlichen Natur angelegten Moral; das
uere aber ist unentbehrlich, um das Innere von mattem Umri zu voller
Durchbildung zu bringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das,
getragen von einer Weltvernunft, gegenber der gebundenen Natur, auch
gegenber der ueren Ordnung des Menschenlebens, wie die Zivilisation
sie vertritt, ein hheres Leben schafft, eine Geisteskultur, deren
Wahres, Schnes, Gutes den Menschen den reichsten Gehalt gewinnen und
den ganzen Umkreis des Daseins veredeln lt. Dieses Leben bedarf
keines auer ihm gelegenen Lohnes und ist nicht auf einen Nutzen
gerichtet, es findet vollste Befriedigung in seiner eigenen Entfaltung
und freudigen Selbstanschauung; bei unablssigem Wirken ruht es
sicher im eigenen Wesen und bewahrt bei allem Streben ins Weite einen
beherrschenden Mittelpunkt.

Dies Leben ist verschiedener Frbungen fhig, je nachdem Wissenschaft,
Kunst oder Moral den leitenden Grundton geben, und an Kmpfen im
eigenen Bereich hat es ihm nicht gefehlt. Aber alle Mannigfaltigkeit
belt ihm der Religion gegenber eine eigentmliche Art. Die Religion
ist mehr auf die Schrfung, die Weltkultur mehr auf die Ausgleichung
der Gegenstze bedacht; jene richtet das Leben auf einen Punkt, diese
gibt ihm mehr Weite; jene sieht mehr Schwche und Kleinheit, diese
mehr Kraft und Gre am Menschen; ist sie es doch, die vor allem
das Menschsein zu einem hohen Wertbegriff erhoben und Achtung vor
allem geweckt hat, was menschliches Angesicht trgt; jene findet den
Weg zur Lebensbejahung erst durch schwere Erschtterung und herbe
Verneinung hindurch, diese glaubt sie durch vollste Anspannung eigener
Kraft unmittelbar vollziehen zu knnen; jener gilt das Bse mehr als
eine Verderbtheit, dieser dagegen als eine Schwche und Mattheit
des Wollens. Vielleicht mag ein Leben weiterer Art den Gegensatz
umspannen und zu einer Ausgleichung fhren, zunchst ist ein weites
Auseinandergehen nicht zu verkennen.

Dieser weltliche Idealismus gewann eine besondere Hhe im
altgriechischen Leben; im Mittelalter ein bloer Nebenstrom, brach er
in der Neuzeit mit frischer Kraft hervor, aus ihm entsprang bei uns
Deutschen die Epoche geistigen Schaffens, welche wir unsere klassische
nennen, und die uns den Ruf eines Volkes der Dichter und Denker
eintrug.

Von den reichen Schtzen, welche die Gesamtbewegung des weltlichen
Idealismus mit ihrer Geisteskultur erzeugte, zehren wir heute alle, und
knnen uns gar nicht denken, wie sie zu entbehren wren. Aber mit dem
Anspruch, das Leben zu fhren, ist es dem weltlichen Idealismus nicht
anders ergangen als der Religion: die Grundlage wurde erschttert, das
Grunderlebnis verdunkelt; so erhielten feindliche Mchte die Oberhand
und vertrieben diese Gestaltung aus dem Mittelpunkte des Lebens. Da
die Welt eine Tiefe habe, und da diese dem Menschen zugnglich sei,
das ist jetzt dem vorwiegenden Zuge des Lebens nicht minder zweifelhaft
geworden als die Grundwahrheiten der Religion. Der weltliche Idealismus
hatte stets Mhe, seine Behauptung in vollem Sinne zu erhrten. Eine
sichere berzeugungskraft gaben ihm nur besondere Hhepunkte geistigen
Schaffens, seltene Sonn- und Festtage der Menschheit, wo eine Gunst
des Schicksals mit hohen Aufgaben der weltgeschichtlichen Lage
selbstwchsige Persnlichkeiten groen Stils zusammenfhrte; dann wurde
allerdings eine unsichtbare Tiefe der Welt zu allergewissester Nhe und
zum sicheren Standort des Handelns. Aber solche schaffenden Zeiten sind
Ausnahmezeiten, und der Alltag bt sein Recht, jenes hohe Leben sinkt
und zugleich sein Vermgen, den ganzen Menschen an sich zu ziehen und
einzunehmen; aus der eigenen Bettigung wird dann ein bloes Aneignen
und Genieen berkommener Schtze, es verflacht damit das geistige
Schaffen unvermeidlich zu einer bloen Bildung, einer geschmackvollen
Formung des Lebens; gewi hat auch eine solche ihren Wert, aber sie
bewegt nicht die letzten Tiefen des Lebens, und sie ist dem Dunklen,
ja Dmonischen in der Menschennatur bei weitem nicht gewachsen; sie
befreit nicht gengend von innerer Leere, und sie erleidet leicht
dadurch Schaden an ihrer Wahrhaftigkeit, da sie oft weniger aus einer
Notwendigkeit eigenen Verlangens als der sozialen Umgebung halber
gesucht wird. Alles in allem erscheint die Bildung mehr als ein Leben
aus zweiter Hand, ein solches aber kann schwer den Angriffen Widerstand
leisten, welche der Grundbehauptung erwachsen.

Der Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts hat diese Angriffe mchtig
anschwellen lassen. Zunchst wirkt die Erschtterung der Religion auch
zu einer Schwchung des weltlichen Idealismus. Denn seine berzeugung
von einer Tiefe des Alls und von dem Walten eines unsichtbaren Ganzen
hat die Menschheit meist nur im Anschlu an eine religise berzeugung
gewonnen, nur eine solche machte den Bruch mit der sichtbaren Welt
auch dem Einzelnen zur zwingenden Notwendigkeit, und die Veredlung,
welche jener Idealismus an der Welt vollzieht, ist kaum denkbar ohne
das verklrende Licht, das die berwelt der Religion auf diese wirft;
je mehr die Zurckdrngung der Religion dieses Licht verblassen lt,
desto mehr verliert auch jener seine leitende Stellung im Leben,
wird er aus dessen Mittelpunkte an die Auenseite gedrngt. Sodann
aber hat die neueste Zeit der sichtbaren Welt eine Selbstndigkeit
gegeben, welche sie nie zuvor fr uns hatte; immer energischer hat
die wissenschaftliche Arbeit aus ihr alles Seelenleben vertrieben,
dafr aber ein neues Reich reiner Tatschlichkeit erffnet und aus ihm
eine berstrmende Flle neuer Aufgaben abgeleitet, deren Lsung das
menschliche Wohlsein aufs erheblichste zu steigern verspricht. Zugleich
hat die Forschung die Besonderheit und Gebundenheit des menschlichen
Lebens und Strebens aufs strkste hervorgekehrt, es scheint ihr in enge
Schranken gebannt und dadurch gnzlich verhindert, jene Welt starrer
Tatschlichkeit sich innerlich anzueignen und ihre Unermelichkeit als
ein Ganzes zu erleben; sie wird bei aller ueren Annherung unserer
Seele immer fremder. Kann ein solcher Gedankengang im Menschen den
Vollender des Weltalls sehen? Aber mehr als alles das widersprechen
dem weltlichen Idealismus im modernen Leben die Erfahrungen innerhalb
der Menschheit selbst. Es erschien hier so viel wilde Leidenschaft
und unbegrenzte Selbstsucht, so viel Kleinheit der Gesinnung, so viel
moralische Unlauterkeit, so viel Mangel an geistiger Gre und an Kraft
der Persnlichkeit, es stellte sich das menschliche Dasein so sehr
als ein wirres Chaos dar, da alle Hoffnung verflog, in ihm ein Reich
der Vernunft entdecken oder es in ein solches verwandeln zu knnen.
Wie vermchte sich aber bei solcher Lage geistiges Schaffen und edle
Bildung als der Kern des Lebens zu behaupten? Auch der gegenwrtige
Krieg mu den Eindruck ihrer Ohnmacht ber die menschliche Seele
verstrken. Wre eine gemeinsame Vernunft die Grundkraft menschlichen
Lebens, so mte sie die Menschheit zusammenhalten und einen etwaigen
Zwiespalt rasch berwinden, sie mte allem Rohen und Gemeinen
siegreich widerstehen, das an einzelnen Stellen erscheinen mchte.
Deutlich genug aber sehen wir, da das keineswegs geschieht. Was hilft
uns dann aber jene Geisteskultur mit ihrer gepriesenen Bildung? Ist
sie nicht blo ein geflliger Schein, mit dem sich das menschliche
Leben umkleidet, um seine nackte Gestalt zu verhllen? Und lohnt es
sich dann, so viel Mue und Arbeit an diesen Schein zu verwenden? So
ist es kaum zu verhten, da viel Geringschtzung dieses weltlichen
Idealismus aufkommt und um sich greift. Und doch haben wir uns zu
hten, solcher Stimmung nachzugeben und die Gter geringzuschtzen, die
er mit Behauptung und Leistung vertritt. Denn sie berhren keineswegs
die bloe Oberflche des Lebens, sie wirken weit ber die Stimmung und
Neigung der Individuen hinaus zu seiner Durchbildung von innen her,
sie haben eine Klrung, Vertiefung, Veredlung an ihm vollzogen, deren
Preisgebung uns in den Stand der Barbarei zurckschleudern wrde;
mag einer besonderen Zeit unter besonderen Geschicken sich ihr Bild
verzerren, sie hren darum nicht auf, im Grunde des Lebens ttig zu
sein und mehr aus dem Menschen zu machen, als sein eigenes Bewutsein
ihm zeigt. Das Reich der geistigen Gter verbleibt, auch wenn sich dem
Menschen der Zugang zu ihm durch manche Hemmung zeitweilig versperrt.
Immerhin verbleibt solche Hemmung und will vollauf gewrdigt sein;
die fhrende Stellung des weltlichen Idealismus wird jedenfalls durch
die Erfahrungen der Gegenwart schwer erschttert. Und zugleich machen
sie zweifelhaft, wieviel wir an ihm berhaupt besitzen, und wo sein
Recht innerhalb eines weiteren Lebensganzen liegt. So verwandelt
sich uns auch hier in eine unsichere Frage, was frheren Zeiten eine
zuversichtliche Antwort gab.

       *       *       *       *       *

Demnach ist die Lebensordnung des weltlichen Idealismus heute
nicht weniger erschttert als die der Religion, wir verspren die
Erschtterung nur nicht so stark, weil sie weniger durch einen direkten
Angriff als durch ein allmhliches Verblassen und Ermatten erfolgte;
wie der weltliche Idealismus nicht die Khnheit der Religion besitzt,
so entzndet der Streit um ihn auch nicht so gewaltige Leidenschaft.
Aber hier wie da kommen wir zu demselben Endergebnis: Lebensmchte,
welche Jahrtausende lang die Menschheit beherrschten, ihrem Leben Ziele
gaben und ihm dadurch einen Sinn verliehen, haben eine feste Wurzel
im Bewutsein des heutigen Geschlechts verloren und erhalten sich mehr
durch trge Gewohnheit als durch eigene Erfahrung. Nur die Verstrickung
in die Geschfte des Alltags und das berwiegen von Einzelfragen lt
uns bersehen, wie Ungeheures bei uns vorgeht. Oder ist es nicht etwas
Ungeheures, wenn Ziele, an die Jahrtausende ihre beste Kraft gesetzt
haben, und im Glauben an die sie lebten und starben, nunmehr eine bloe
Einbildung scheinen und damit der bisherige Hauptzug des Strebens als
ein leerer Wahn befunden wird? Ist es nicht etwas Ungeheures, wenn
die unsichtbare Welt, frher als eine sichere Zuflucht ergriffen und
als ein Quell der Liebe und Wahrheit gepriesen, nunmehr sich vllig
auflsen mu? Wir mten die Umwlzung anerkennen, wenn das Gebot
der Wahrheit sie forderte; aber nur flache Denkart kann leicht und
vergnglich alles hinter sich werfen, was bisher als heilig galt. Zum
mindesten drfte sie nicht bersehen, da das Durchschauen eines so
langen Irregehens der ganzen Menschheit allen Glauben an ihr Vermgen
zur Wahrheit aufs tiefste erschttern mte.




Die neueren Lebensordnungen.


Die gemeinsame Grundlage.

So schwer wir die Erschtterung der Gegenwart durch das Verblassen
der unsichtbaren Welt nehmen mgen, es sei nicht vergessen, da zu
ihrem Ersatz ein vielverheiender Aufbau im Werke ist, und da einem
neuen Leben die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden ist, als
sie frheren Zeiten war. Diese Welt hat sich nicht nur in der Natur
um uns wie in der eigenen Geschichte der Menschheit der Erkenntnis
in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch dem menschlichen Wirken
immer mehr Angriffspunkte gezeigt; der Befund der Dinge, sonst wie
ein unentrinnbares Schicksal hingenommen, zeigt sich jetzt sehr wohl
einer Vernderung und Verbesserung fhig: Elend und Roheit werden
angegriffen, das Leben durchgngig in rascheren Flu versetzt und zu
mehr Flle und Freude gebracht. Den Kern des neuen Lebens bildet aber
die Arbeit, das heit die Ttigkeit, welche den Gegenstand ergreift
und ihn fr den Menschen bereitet; was von altersher davon vorlag,
das hat die Neuzeit erheblich dadurch gesteigert, da ihr die Arbeit
weit mehr ber die Krfte und Zwecke der Individuen hinauswchst, ja
durch Bildung eigener Zusammenhnge eine Selbstndigkeit gegen den
Menschen erlangt. So zeigen es Wissenschaft und Technik, so zeigen es
auch politisches und soziales Wirken; sie alle machen den Menschen
zum Gliede eines Arbeitsganzen, dessen Forderungen er unbedingt
nachkommen mu. In solcher Unterordnung der Einzelnen gewinnt das Ganze
eine gewaltige Macht, es fat das Nebeneinander der Krfte und das
Nacheinander der Zeiten zu gemeinsamem Wirken zusammen, das in sicherem
Zuge vordringt und keine Grenze als endgltig anerkennt. So gewinnt
die Menschheit einen frischen Mut und ein stolzes Selbstvertrauen,
sie entwickelt in ihrem eigenen Bereich ein mannhaftes, klares,
zielbewutes Leben, das auch zu entsagen vermag, aber durch das
Entsagen keineswegs niedergedrckt wird. Denn fr alles, worauf zu
verzichten ist, scheint der Gewinn an Sicherheit und an Wahrhaftigkeit
vollen Ersatz zu bieten. Unerschtterlich fest scheint der Boden, der
hier die Arbeit trgt, alle Einbildungen und Vorurteile, die gleich
trbem Nebel die Dinge umhllten, sind gewichen und machen hellem
Sonnenlicht Platz, die Ttigkeit findet nach allen Seiten ein offenes
und unbegrenztes Feld; so scheint erst hier das Leben sich selbst und
seine Kraft zu finden, von einem Schlummerstand in volle Wachheit
berzugehen. Alles Wirken hat dabei den Reiz eines frischen Sehens und
selbstndigen Entdeckens. Drfen wir uns wundern, da dieses Leben eine
starke Anziehungskraft ausbt, und da ihm das Goethewort zugute kam.

    Er stehe fest und sehe hier sich um,
    Dem Tchtigen ist diese Welt nicht stumm?

Die Wendung vom allgemeinen Gedanken zur nheren Durchfhrung lie
jedoch ersehen, da das hier gebotene Leben keineswegs einfach ist.
In zwei Bereichen liegt uns das Dasein vor: in der Natur und im
Menschheitsleben. Jeder dieser Bereiche lt sich zur Hauptsache
machen, jeder kann von sich aus eine allumfassende Lebensordnung
zu bilden suchen. So entspringen aus dem gemeinsamen Grunde zwei
verschiedene Lebensstrme und wollen gesondert behandelt sein. Es sei
zunchst als der einfachere derjenige behandelt, dem das Verhltnis des
Menschen zur Natur als das Grundverhltnis seines Lebens gilt.


Die Lebensordnung des Naturalismus.

Eine Lebensordnung des Naturalismus konnte nicht entstehen, bevor
das Bild der Natur alles Fremdartige ausgeschieden und seine
Eigentmlichkeit deutlich ausgeprgt hatte; das aber ist zuerst seit
Beginn der Neuzeit geschehen. In Abweisung aller religisen und
spekulativen Deutung wird hier zum Ziel der Forschung die Erfassung
der Natur in ihrer reinen und bloen Tatschlichkeit; hier entsagt
jene aller inneren Eigenschaft und allem seelenartigen Streben und
verwandelt sich in ein Reich unbeseelter Massen und Bewegungen, das
sich in festen Zusammenhngen und unwandelbaren Ordnungen darstellt,
ohne dem Menschen eine besondere Stellung einzurumen und ihn zum
Gegenstand besonderer Sorge zu machen. Von Anfang an bestand viel
Neigung, dies Reich der Natur fr das Ganze der Wirklichkeit auszugeben
und zugleich alle Wissenschaft nach Art der Naturwissenschaft zu
gestalten; schon Bacon (1561 bis 1626) nannte die Naturwissenschaft
die groe Mutter und die Wurzel alles Erkennens, diese Neigung hat
immer mehr Boden gewonnen und Naturbegriffe immer tiefer in alle
Gebiete eindringen lassen, so da heute naturwissenschaftliche
Weltanschauung vielen als Weltanschauung berhaupt gilt. Um sich so
zum All zu erweitern, mute die Natur auch den Menschen an sich zu
ziehen und ganz und gar in sich aufzunehmen suchen. Das konnte so lange
nicht gelingen, als eine unbersteigbare Kluft Ursprung und Wesen
des Menschen von der Natur zu trennen schien; aber der Anerkennung
einer solchen Kluft hat die Naturwissenschaft immer entschiedener
widersprochen, sie hat immer mehr verbindende Fden aufgewiesen, bis
die moderne Entwicklungslehre eine vllige Verkettung herzustellen
schien.

Gehrt aber der Mensch ganz und gar zur Natur, so mu auch sein Leben
ganz dem der Natur entsprechen, so hat alles auszuscheiden, was im
berkommenen Befunde dem widerspricht. Die Natur aber erscheint hier
als ein Nebeneinander einzelner Elemente, die in vielfachste Beziehung
treten und auch manche Verwebung bilden, deren Verbindung aber nie
mehr als eine Anhufung und Zusammensetzung ist; es gibt hier keinen
inneren Zusammenhang und daher auch kein Wirken aus einem Ganzen, auch
kein Selbstndigwerden eines Inneren. Wie die Natur in reiner und
bloer Tatschlichkeit verluft, so kann auch das Menschenleben, das
zu ihr gehrt, keine die natrliche Selbsterhaltung berschreitende
Wertschtzung, kein Gut und Bse anerkennen; nur die Entfaltung der
Kraft und die sie begleitende Lust kann dem Leben einen Antrieb geben,
und, soweit hier berhaupt von Zielen die Rede sein kann, haben sie in
die Kraftsteigerung einzumnden.

Die bertragung dieser Mae auf das menschliche Leben erwies ein gutes
Recht dadurch, da sie Tatsachen zur vollen Anerkennung brachte und
untereinander zusammenschlo, die frher vereinzelt geblieben und als
Nebensachen behandelt waren. So die Gebundenheit aller seelischen
Bettigung an krperliche Bedingungen, so die elementare Macht der
Naturtriebe und der natrlichen Selbsterhaltung, so die berwiegende
Macht der materiellen Faktoren im Menschenleben, so das aufrttelnde
und vorwrtstreibende Wirken des Kampfes ums Dasein, so die weite
Ausdehnung der blinden und sinnlosen Tatschlichkeit auch im Bereich
des Menschen. Alles zusammen ergibt einen eigentmlichen Lebenstypus,
der sich auch der geistigen Arbeit, die er an sich zieht, mitteilen mu.

Da diese Lebensordnung dem geschichtlich berkommenen Stande schroff
widerspricht, so mu sie mit einer entschiedenen Verneinung beginnen,
mit einer Verneinung alles dessen, was die Natur berschreitet und
damit die Wirklichkeit auseinanderzureien scheint. So geschah es nach
ihrer berzeugung in Religion und Metaphysik, gemeinsam war ihnen
der Fehler, das menschliche Subjekt von seiner Umgebung abzulsen
und seiner ungezgelten Phantasie eigene Wege zu gestatten. Dadurch
entstanden erdichtete Bildungen, die, so meint man, einen vielfachen
Druck auf den Menschen ben und mit ihren Satzungen und Vorurteilen
das Leben verengen und entstellen. Es scheint ein groer Gewinn an
Freiheit, wenn das aus dem Leben verschwindet. Zugleich ein Gewinn an
Einheit, indem die verhngnisvolle Spaltung aufhrt, die aus jener
berhebung des Subjekts hervorging. Im eigenen Aufbau aber verheit
dies Leben eine gewaltige Steigerung der Kraft, der anschaulichen
Nhe, ja der Wahrhaftigkeit. Denn nur in Berhrung mit dem Gegenstande
drauen scheint das menschliche Vermgen sich vollauf zu entfalten,
ja erst Leben in vollem Sinne zu werden. In endloser Weite und Flle
breitet sich dabei vor dem Menschen das Reich der Arbeit aus, und was
in ihr das Erkennen erringt, das findet hier, wo sich der Ttigkeit
deutliche Angriffspunkte bieten, ohne viel Mhe den Weg zum Handeln;
wie aus der modernen Naturwissenschaft unmittelbar die moderne
Technik entsprang, so scheint diese Denkweise berhaupt der gegebene
Weg, die menschlichen Verhltnisse zu verbessern und den Gesamtstand
menschlichen Wohlseins zu heben.

Auch die einzelnen Gebiete bringt diese Lebensordnung in eine starke
Bewegung nach eigentmlicher Richtung. berall ein ausgeprgter
Realismus, der von ertrumten Hhen abruft, alle Ziele, der Kunst wie
der Wissenschaft, der Erziehung wie der Moral, des politischen wie
des sozialen Lebens, innerhalb der sinnlichen Erfahrung findet und
ihren Gehalt damit eigentmlich gestaltet. Durchgngig gilt es, die
sinnlichen und materiellen Faktoren als die Wurzeln aller Kraft voll
zur Wirkung zu bringen, das Leben dadurch zu sttigen, es in frischen
Flu und sicheren Fortgang zu bringen. So inmitten alles Realismus
ein Leben mit so viel Spannung, Leistung und Hoffnung, da es auf die
weltberfliegenden Ausblicke frherer Zeiten ohne Schmerz scheint
verzichten zu knnen. Ein neuer Tag scheint hier anzubrechen, dessen
helles Licht alle frhere Zeit zu einer trben Dmmerung herabsetzt.

Dieser Lebensstrom hat viel zu viel Krfte in Bewegung gesetzt, viel
zu viel Leistungen hervorgebracht, ja den Gesamtstand des menschlichen
Daseins viel zu sehr umgewandelt, als da sich seine Macht verkennen
und seine Bedeutung angreifen liee. Was in Frage kommen kann, ist
lediglich dieses, ob er das ganze Leben zu erfllen und seinen
Gesamtstand zu beherrschen vermge. Denn dagegen erheben sie freilich
schwere Bedenken, sie gehen von einem Punkte aus, der bei flchtigem
Anblick nebenschlich scheinen mag, der sich aber bei nherer Prfung
als so bedeutend herausstellt, da jener ganze Lebensstrom mit all
seiner Tatschlichkeit dadurch an die zweite Stelle gedrngt wird
und sich damit bescheiden mu, ein Stck eines weiteren Lebens zu
bilden. Jener behandelt den Menschen als ein bloes Stck der Natur
und verlegt in sie sein ganzes Leben. Aber woher kennen wir die Natur,
wie wissen wir berhaupt von ihr? Wir kennen sie nur als ein Erlebnis
der menschlichen Seele, wir kennen sie nur in ihrer Wirkung auf die
Seele, und nur von der Seele aus wird das Bild entworfen, mit dem
sie uns vor Augen steht. Diesen Aufbau der Natur von der Seele her
hat eben die neuere Philosophie mit besonderer Klarheit aufgewiesen,
sie hat gezeigt, da sowohl was in ihm an festen Elementen als an
Zusammenhngen vorliegt, uns nicht von auen zugefhrt, sondern von
der Seele aufgebracht und von ihr in das auf uns eindringende Chaos
zu seiner Bewltigung hineingelegt wird; die Seele ist es, welche die
Natur erst im wissenschaftlichen Sinne entdeckt und aus der Flut der
Eindrcke herausarbeitet; dabei ist vllig klar, da das nicht von
der sinnlichen Empfindung aus, sondern aus der Arbeit des Denkens
geschieht; das kann verkennen nur, wer wissenschaftliche und naive
Stellung des Menschen zur Umgebung in eins zusammenwirft. Mit der
Anerkennung des Unterschiedes tritt vor die sinnliche Empfindung die
Denkarbeit, also eine geistige Ttigkeit, und es zeigt sich zugleich,
da im Bilde der Natur die Eindrcke auf ein Gerst von Gedankengren,
von Begriffen aufgetragen und nur dadurch in ein Ganzes verwandelt
worden sind. In Wahrheit ist die Welt des Forschers mit ihrer Umsetzung
der Natur in Krfte, Beziehungen, Gesetze etwas wesentlich anderes als
das, was die Sinne uns bermitteln. Diese berlegenheit des geistigen
Wirkens bekundet aber eine Selbstndigkeit des Seelenlebens gegen die
Natur und lt uns zugleich verstehen, da es seelische Antriebe sind,
welche ber den Zwang der Selbsterhaltung hinaus der Befassung mit der
Natur einen Wert verleihen. Der Anhnger des Naturalismus legt, wenn
auch unwillkrlich, selbst dafr Zeugnis ab. Denn was ihn bewegt, ist
nicht blo der Trieb, seine Kraft in Bewegung zu setzen, sondern ein
Streben nach Befreiung von irreleitendem Wahn, nach mehr Einheit und
nach mehr Wahrhaftigkeit der Weltanschauung; sind aber solche Ziele von
der bloen Natur aus irgendwie zu begreifen, bekunden sie nicht ein
aller Natur berlegenes Leben und Streben? Kurz, es hat der Naturalist,
indem er die ganze Weite der Welt berdachte, leider etwas vergessen,
was im Grunde das Allernchste ist, er hat sich selbst, die eigene
Seele, vergessen. Aber die Seele ist nun einmal da und lt sich nicht
wegdisputieren; selbst wer sie leugnet, tut es aus einem Drange nach
Wahrheit, damit aber aus einem Antriebe seelischer Art. Und die Seele
ist nicht blo da, sondern sie zeigt auch eine eigentmliche Art und
stellt aus ihr Forderungen, denen die naturalistische Lebensordnung
nicht zu entsprechen vermag. Das seelische Leben ist kein bloes
Nebeneinander, es umfat alle Mannigfaltigkeit und bezieht sie auf
einen Mittelpunkt, es geht nicht in die Beziehungen nach auen hin
auf, sondern es bildet sich einen eigenen Kreis und gewinnt damit ein
Beisichselbstsein; es erschpft sich nicht in bloe Tatschlichkeit,
sondern es entwickelt Mae und Ziele aus sich selbst heraus und prft
danach alles, was bei ihm vorgeht, kurz es ist ein wesentlich anderes
Leben, was hier entsteht, als das der sinnlichen Natur. Auch ist
dieses Leben nicht ohne ein gemeinsames Werk groen Stiles geblieben,
welches das menschliche Dasein wesentlich umgewandelt hat, in nichts
anderem liegt dies vor als in der Hervorbringung eines Kulturstandes,
womit der Mensch sich ber die Natur hinaushob und ihr gegenber ein
neues Reich mit eigentmlichen Gren und Gtern erzeugte. Das ergibt
allerdings eine Zweiheit, aber sollen wir den Aufstieg bekmpfen und
zugleich alle Kultur verwerfen, weil sie das Leben minder einfach
macht? Sehr wohl kann bei dieser Bewegung der Mensch die Natur zu weit
zurckgeschoben und sich in seiner Meinung zu sehr von ihr abgelst
haben, -- die Bekmpfung dessen ist ein unbestreitbares Verdienst des
Naturalismus --, aber wenn der Kulturmensch zur Natur zurckkehrt und
ihr eine hhere Schtzung fr das Ganze des Lebens verleiht, so wird er
dadurch nicht im mindesten ein bloes Stck der Natur, seine geistige
berlegenheit bleibt dabei unangetastet.

Von solcher berlegenheit aus mu ihm aber die naturalistische
Lebensordnung als durchaus unzulnglich erscheinen. Denn folgerichtig
durchgedacht mu sie alles Bestehen einer Innerlichkeit und allen Wert
von inneren Gtern, mu sie zum Beispiel Gren wie Gesinnung, Pflicht,
Ehre, Persnlichkeit, Charakter als vllige Einbildungen verwerfen,
als ebenso verderbliche Einbildungen, wie es nach ihrer Meinung die
Ideen von Gott und Weltvernunft sind. Das will jene Lebensordnung
nicht, gewi nicht; auch sie hlt an jenen Gren fest, auch sie will
Moral, auch sie will eine Veredlung des Menschen, aber sie kann das
nur in Widerspruch mit den eigenen Grundgedanken. Selbst den Begriff
der Wahrheit kann sie nur in solchem Widerspruch beibehalten. Denn wie
kann von einer gemeinsamen und zwingenden Wahrheit die Rede sein, wenn
nur einzelne Individuen mit ihren verschiedenen, unablssig wechselnden
Meinungen nebeneinanderstehen, und wenn aus ihrem Zusammensein
hchstens ein gewisser Durchschnitt hervorgeht? Auch fr echte Kultur
ist hier kein Platz. So sehr jene Ordnung die Lebensbedingungen nach
allen Richtungen hin zu verbessern vermag, sie gibt damit dem Leben
weder eine innere Bildung noch irgendwelchen Gehalt, sie berliefert es
geistiger Leere; ber die blo uere Ordnung der Lebensverhltnisse,
die Zivilisation, kommt sie mit eigenen Mitteln nun und nimmer hinaus.

So kann die naturalistische Lebensordnung die hheren Forderungen des
Menschenwesens nur in Widerspruch mit sich selbst festhalten; da
bei solchem inneren Widerspruch zur Erfllung jener viel geschehen
kann, ist schwerlich zu erwarten. Die Leere und Sinnlosigkeit, in die
hier das Leben gert, mu augenscheinlich und zugleich unertrglich
werden, sobald die Frage aufs Ganze gerichtet wird, was der zum Denken
erwachte Mensch schlielich doch nicht unterlassen kann. Was wird hier
aus dem Ganzen des Lebens, was aus dem Lebensstand der Menschheit?
Kein inneres Band verknpft hier die Menschheit mit dem All, auch kein
solches Band die Menschen untereinander. Wir mhen und hasten uns im
wilden Lebenskampf, damit sich mehr und mehr Kraft entfalte, aber es
gibt nichts, dem diese Kraft zugute komme, es gibt keine Mglichkeit,
sie in ein wahrhaftiges Leben eines Beisichselbstseins berzufhren.
Die der Kraftentfaltung anhangende Lust steht in grellem Miverhltnis
zu all der Mhe und Arbeit, all der Aufregung und Aufopferung,
welche die Erhaltung des Lebens vom Kulturmenschen fordert. So
viel Verwicklung und Umstndlichkeit in Erziehung und Bildung, in
staatlicher Ordnung und sozialem Aufbau, und das alles, damit wir im
wesentlichen dasselbe erreichen, was das Tier so viel leichter erreicht!

ber solche Bedenken sich leicht hinwegsetzen kann nur, wer einem
starken Optimismus gegen den Menschen und die menschliche Lage huldigt,
wer keine inneren Verwicklungen, keine schweren Probleme in ihr
anerkennt. So ging in der Tat der Naturalismus oft mit einem flachen
Optimismus zusammen. Dieser Optimismus hatte schon vor dem Kriege
manche Erschtterung erlitten, es waren im menschlichen Leben manche
Probleme und Widersprche ersichtlich geworden, denen gegenber der
Naturalismus vollstndig wehrlos ist; so waren seine Flitterwochen
schon vorher abgelaufen. Die Erfahrungen des Weltkrieges mssen das
weiter vertiefen. Denn wren wir in den ungeheuren Erschtterungen, die
er bringt, und den Problemen, die er erffnet, allein auf die Hilfen
angewiesen, die der Naturalismus zu bieten vermag, so bliebe nichts
anderes als eine vllige Verzweiflung, ein trostloser Pessimismus.
Und einem solchen Abschlusse wird doch die Menschheit mit aller Kraft
widerstehen, selbst in den schweren Verlusten und den durch sie
geweckten Zweifeln wird sie eine berlegenheit gegen die bloe Natur
empfinden. Das Leid selbst erweist sich als der strkste Gegner des
Naturalismus, sobald es ins Innere gewandt wird.

So wird dieser seinen Anspruch auf eine fhrende Stellung nicht
durchzusetzen vermgen. Aber glauben wir deshalb nicht, da wir schon
mit ihm fertig sind, da nicht viele offene Fragen verbleiben. Die
naturalistische Lebensordnung hat nicht nur einzelne Daten aufgedeckt
und zur Geltung gebracht, ihr Verdienst ist, in zwingender Weise einer
ganzen Seite unseres Lebens zur Anerkennung verholfen zu haben, die
ihr frher mit Unrecht versagt ward. Diese Anerkennung lt sich aber
nicht vollziehen, ohne da schwierige Fragen erwachen, manche Zweifel
entstehen, das Ganze unseres Lebens eine neue Beleuchtung erhlt.
Den Naturalismus zu schelten mag der landlufigen Apologetik als ein
billiges Vergngen berlassen bleiben; die vom Naturalismus vertretene
Tatschlichkeit im Ganzen des Lebens zu wrdigen ist eine Aufgabe, die
noch immer recht viel zu tun gibt. Der Mensch ist nicht blo Natur,
aber er ist weit mehr Natur, als die lteren Ordnungen ihm zuerkennen,
und dieses Mehr wird nicht eher zur Ruhe kommen, als bis es sein Recht
gefunden hat.




Die Wendung des Menschen zu sich selbst.


Die Sozial- und die Individualkultur.

Wenn das Dasein Gottes dem Menschen ungewi wird und die Weltvernunft
ihm verblat, wenn zugleich die Natur eben bei wachsender uerer
Annherung ihm innerlich fremder wird und sein seelisches Leben
leer lt, so scheint, um unserem Dasein einen Sinn und Wert zu
bewahren, nur noch ein einziger Weg zu verbleiben: die Wendung des
Menschen zu sich selbst, die Ergreifung, Nutzung, Ausbildung alles
dessen, was im eigenen Bereiche vorgeht. Solche Wendung lt sich
aber in zwiefachem Sinne verstehen. Einmal kann sie bedeuten, da
der menschliche Kreis die Sttte bildet, wo allein sich uns Tiefen
der Wirklichkeit erschlieen, von wo aus alles zu entwickeln ist,
was mehr aus uns machen soll; dann geht der Mensch keineswegs in
das Bild auf, das sein unmittelbarer Anblick zeigt, dann knnen
groe Mglichkeiten in ihm liegen und weitere Zusammenhnge von Welt
und Leben von ihm aus ersichtlich werden. So erfahren wir es heute
in erhebender Weise, wenn uns der Mensch in Staat und Nation weit
ber den nchsten Anblick hinauswchst. Dies aber soll uns spter
beschftigen, an dieser Stelle kommt nur in Frage, ob das moderne
Leben eine Bewegung enthlt, vom Menschen, wie er in der Erfahrung
vorliegt, vom Menschen, wie er leibt und lebt, eine allumfassende
Lebensordnung als eine reine Menschenkultur aufzubauen. Das wrde die
Behauptung schrfer zuspitzen und dem Leben eine engere Bahn abstecken.
Eine derartige Behauptung ist aber in der Tat vorhanden und hat einen
eigentmlichen Anblick vom Leben und Sein hervorgebracht. Whrend von
frheren Zeiten her und bis in die Gegenwart hinein der Mensch sich
selbst und seinen Kreis im Lichte einer unsichtbaren Welt, sei es des
Gottesreiches, sei es einer Weltvernunft, sieht und versteht, ist
neuerdings auch eine breite Bewegung dahin aufgekommen, ihn ganz und
gar auf das sichtbare Dasein zu stellen, hier alle Ziele zu suchen,
ihn mit seinesgleichen nicht durch irgendwelche Vermittlung eines
Gedankenreiches, sondern nur durch das tatschliche Zusammentreffen
auf dem Boden des Daseins zu verbinden. Eine solche Wendung darf sich
auf tatschliche Vernderungen des Lebens berufen. In der Neuzeit sind
auf Grund der modernen Technik und der Beschleunigung des Verkehrs die
Berhrungen und Beziehungen von Mensch zu Mensch unermelich gewachsen,
die Krfte haben sich mehr zu fruchtbarer Arbeit zusammengefunden und
dadurch ihr Vermgen gesteigert, auch die Individuen sind weit mehr
in Bewegung versetzt und zu mehr unmittelbarem Empfinden geweckt;
durch alles zusammen ist der Mensch sich selbst und dem Menschen
weit mehr geworden. Solche Erfahrungen lassen es nicht als berkhn
erscheinen, da der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und
mit emsigem wie zielbewutem Handeln einen zusagenden Stand des Lebens
herbeifhrt, der alle berechtigten Wnsche zu erfllen verspricht; ist
ein berschwngliches Glck unerreichbar, wie es die Religionen dem
Menschen versprachen, so kann doch recht viel zur Hebung des Daseins
geschehen, in tatkrftigem Wirken dafr kann der Mensch seinem Leben
ganz wohl einen Sinn und Wert verleihen. Ihm mag es bei solchem Zuge
ein nicht geringer Vorteil dnken, wenn die Bindungen und Hemmungen
entfallen, welche von den lteren Lebensordnungen her einen Druck
auf das Handeln ben, wenn der Mensch nunmehr allen Anregungen der
Erfahrungswelt mit voller Unbefangenheit nachgehen kann. Auch die
einzelnen Lebensgebiete mssen sich damit eigentmlich gestalten, sie
mssen an Schlichtheit, an seelischer Nhe und Wrme gewinnen, wenn
sie lediglich daraufhin angesehen und danach bemessen werden, was sie
dem Menschen als Menschen leisten. Aller Verwicklung der Weltprobleme
enthoben, sieht sich hier das Handeln vor erreichbare Ziele gestellt,
die doch keineswegs geringfgig sind und menschliche Kraft ganz
wohl in Bewegung zu setzen vermgen. So ist es sehr begreiflich, da
ein derartiges Streben vielen Anklang fand und einen eigentmlichen
Lebensstrom erzeugte.

Solche Fassung des menschlichen Daseins mu auch den Gegensatz
eigentmlich gestalten, der von altersher durch die menschliche
Gemeinschaft geht, und dessen Zusammensto ein Hauptantrieb der
Bewegung auf diesem Gebiete ist, den Gegensatz des Gesamtstandes und
des Befindens der einzelnen Individuen, den Kampf darum, ob mglichste
Unterordnung unter das Ganze oder freie Bewegung der Einzelnen das
Hauptziel bilde, ob mehr das Gemeinsame oder das Eigentmliche den
Charakter des Lebens zu bestimmen habe, ob mehr eine Organisation oder
eine Emanzipation der Krfte zu erstreben sei.

Dieser Gegensatz von Gesellschaft und Individuum, von Zusammenstreben
und Auseinandergehen, von Ordnung und Freiheit durchdringt in weitester
Fassung die ganze Weltgeschichte, er wirkt von ihr zur Gegenwart
sowohl aus der Arbeit der Jahrtausende als aus den Erfahrungen des
letzten Jahrhunderts. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und
mehr die berkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des
Lebens den Individuen zugewiesen hatte, erfolgt gegen sein Ende ein
immer strkerer Rckschlag zugunsten einer festeren Verbindung der
Krfte, philosophische Schulen wie religise Kulte schlieen die
Individuen enger zusammen und lassen sie einander helfen und sttzen;
das Christentum nimmt die Bewegung auf und fhrt sie bei wachsendem
Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigener
Verantwortung schlielich dahin, da die religise Gemeinschaft, die
Kirche, zur alleinigen Trgerin gttlicher Wahrheit und gttlichen
Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung
erlangt. Wir wissen, wie das auch in die Gegenwart hinein eine groe
Macht erstreckt.

Eine vllig entgegengesetzte Richtung verfolgt die Neuzeit durch alles
ihr eigentmliche Schaffen hindurch, sei es der Aufklrung, sei es des
Humanismus. Aus allen ihren Bildungen spricht der Glaube an den Wert
und das Vermgen der Individuen, so da auf deren Wirken das Leben
zuversichtlich gestellt wird; nichts unterscheidet die Kulturarbeit der
modernen Vlker mehr voneinander als das Gebiet und die Art, worin sie
den Freiheitsgedanken zur Herrschaft brachten; auch fr das Leben der
Gegenwart hat jener seine Macht keineswegs eingebt, er erzeugt immer
neue Bewegung.

Sodann aber entsteht auf dem Boden des letzten Jahrhunderts von
verschiedenen Seiten her ein starkes Verlangen nach mehr Zusammenschlu
der Einzelnen zu einem Ganzen und nach ihrer Befestigung dadurch,
das aber sowohl aus der inneren Bewegung des geistigen Lebens als
durch neue Aufgaben und Verwicklungen auf dem Boden der Erfahrung.
Die spekulative Philosophie lief in eine Verkndigung eines alles
beherrschenden Gesamtgeistes aus, dem der Einzelne unbedingt dienen
msse, strker noch wirkte das Aufkommen einer historischen Denkart
mit ihrer Einfgung des Einzelnen in groe Zusammenhnge, am strksten
aber tat es das Aufkommen schroffer wirtschaftlicher Gegenstze, der
Konflikt von Arbeit und Kapital, der die Menschheit zu zerreiben
drohte und daher ein wachsendes Verlangen nach einer Ordnung ihrer
Verhltnisse durch die berlegene Macht des Staates hervorrief. Alles
miteinander hat manche auf die mittelalterliche Denkart zurckgreifen
lassen, vornehmlich aber hat es auf dem eigenen Boden der Zeit eine
neue Bewegung erzeugt, die Bewegung zu einer lediglich bei sich selbst
befindlichen und befriedigten Sozialkultur. Wieviel in der modernen
Gestaltung des Lebens ihr frderlich ist, daran wurde schon frher
erinnert; eben jene Gestaltung lie den Menschen deutlich empfinden,
wie sehr er inmitten aller scheinbaren Freiheit am Ganzen hngt, ja
wie die freiere Bewegung selbst stark zur Einschrnkung des Einzelnen
wirkt, indem sie ihn in mehr Berhrung mit der Umgebung bringt und
deren Einflu von allen Seiten auf ihn eindringen lt. Alles derartige
zusammenfassend und die Krfte zu gemeinsamer Arbeit verbindend,
erstrebt die moderne Sozialkultur eine Ordnung des menschlichen
Daseins, welche den Gesamtstand wesentlich hebt, im besonderen eine
Atmosphre des Wohlwollens und des Wohlseins schafft, in der sich alle
Krfte entfalten und alle Zustnde bessern knnen. Es liegt in der
Natur der Sache, da ein solches Wirken vornehmlich von auen nach
innen geht, da es mit der Herstellung glcklicher Lebensbedingungen,
sowie zweckmiger Einrichtung des Zusammenlebens beginnt, in festem
Vertrauen darauf, da dem ein Fortgang des Inneren entsprechen werde.
Denn was das Ganze gewinnt, das scheint sich notwendig auch in die
einzelnen Seelen zu senken. So wird hier das Handeln vornehmlich auf
die Umgebung gerichtet, es findet seine Hhe in eifrigem Wirken fr
andere und das gesellschaftliche Ganze; damit wird alle Ethik zur
Sozialethik, und statt der Gottheit wird hier die Menschheit zum
Gegenstand der hchsten Verehrung. Demgem ist es auch die Leistung
fr den gemeinsamen Lebensstand, die ber die Bedeutung und die
Gestaltung der einzelnen Lebensgebiete, zum Beispiel der Kunst und der
Wissenschaft, entscheidet. Da auch der Wahrheitsbegriff sich dieser
Denkweise anpassen kann, das zeigt der Pragmatismus, der, aus Amerika
stammend, auch in Europa zahlreiche Anhnger fand. Der Gefahr, die
von dieser Sozialkultur aus der Selbstndigkeit der Individuen droht,
wird dadurch zu begegnen gesucht, da sich mit jener Bewegung eine
demokratische Tendenz zu verbinden pflegt, das Streben, mglichst alle
zur unmittelbaren Teilnahme und Entscheidung aufzubieten und so einem
jeden die Ordnung des Ganzen auch zur eigenen Tat zu machen oder doch
als eine solche erscheinen zu lassen. Bemerkenswert ist auch, da eben
auf modernem Boden das freie Zusammenleben und die eigene Bewegung der
Krfte viel Organisation hervorgebracht hat, wie sie frher nur von
oben herab aus einer berlegenen Gedankenwelt mglich schien; denken
wir nur an die Gewerkschaften und ihr hervorragendes Wirken im Kriege!

Die Leistungen dieser Sozialkultur liegen deutlich zutage. Ihre
Richtung der Arbeit auf die Wohlfahrt aller hat viel Not und Hrte
ausgetrieben, mehr Freude und Milde in das Leben gebracht, sie hat
hilfreiche Ttigkeit in alle Verzweigung des Daseins eingefhrt,
jedem Menschenwesen ein Recht zuerkannt und es damit auch im eigenen
Bewutsein gehoben, sie hat zugleich ein Gefhl der Verantwortlichkeit
jedes Einzelnen fr den Stand des Ganzen geweckt, sie hat mit dem allen
eine hchst wertvolle Weiterbildung des menschlichen Daseins vollzogen.
Aber das alles berechtigt sie noch keineswegs zur ausschlielichen
Fhrung des Lebens; sie kann eine solche nicht unternehmen, ohne auch
ihre Schranken erkennen zu lassen. Diese Schranken betreffen aber
sowohl das hier gesteckte Ziel als die Mittel zu seiner Erreichung. Der
Mensch geht in Wahrheit nicht auf in das Verhltnis zum Nebenmenschen,
er hat auch ein Verhltnis zu sich selbst und in engem Zusammenhang
damit eins zum All und mu von daher Mae des Lebens entlehnen; auch
kann er sich unmglich so in seinen Zustand verschlieen und alles nach
der Wirkung dafr bemessen, da ihm alles Gegenstndliche gleichgltig
wird, da erst dessen Aneignung dem Leben eine innere Weite und zugleich
eine reine Freude zu geben vermag. Einem Wesen, das mit seinem Denken
sich zur Unendlichkeit und Ewigkeit zu erheben und von da den eigenen
Stand zu betrachten vermag, wird die bloe Wohlfahrt, ein mglichst
schmerzfreies und genureiches Leben, und sei es auch das Leben
aller, ein viel zu geringes Ziel; auch dessen Erreichung beliee ihn
in einer vlligen inneren Leere, die als endgltiger Stand gedacht
peinvoller ist als aller Schmerz. Wer direkt auf Glck im Sinne der
Wohlfahrt ausgeht, der mu alles Wagnis und Opfer mglichst fern von
sich halten und fein suberlich gebahnte Heeresstraen wandern, wo
doch die Erfahrung lehrt, da der Weg zu hohen Zielen nur durch den
Schmerz von Zweifel und Verneinung geht, und da bedeutende Kraft nur
das zu wecken vermochte, was nicht wegen des bloen Glckes, sondern
aus dem Zwange geistiger Selbsterhaltung angestrebt wurde, wie immer
dabei das subjektive Befinden ausfallen mochte. Jenes allein vermag
dem Handeln einen heroischen Charakter zu geben, whrend das bloe
Glckverlangen es unvermeidlich einem Philistertum grberer oder
feinerer Art berliefert. So droht das Voranstellen der Sorge um die
Bedingungen und Mittel des Lebens das Leben selbst schwer zu schdigen,
ja tief herabzusetzen. -- Auch die Menschheit bte insofern kein hohes
Ziel, als die Zusammenhnge der Sozialkultur ihr keine innere Einheit
zu geben vermgen und sie statt eines zusammengehrigen Ganzen in ein
bloes Nebeneinander einzelner Elemente verwandeln; fast unvermeidlich
wird damit der Durchschnitt zur Norm, und die Masse mu die Menschheit
vertreten; so verstanden wird der Menschheitsgedanke auf den Einzelnen
eher niederdrckend als erhhend wirken, er bedroht ihn mit der
Gefahr einer Verwischung der Unterschiede und einer abschleifenden
Gleichmacherei.

Aber angenommen, das Ziel der Sozialkultur bliebe unangefochten, wie
will sie die Krfte und die Gesinnungen zu seiner Erreichung finden?
Sie hofft alles von einem Handeln fr andere, einem altruistischen
Handeln, und sieht nicht, da ein solches Handeln eine bewegende
Kraft nur erlangen kann, wenn der andere nicht blo neben mir steht,
sondern mit mir durch eine innere Einheit des Lebens verbunden, in
mein geistiges Selbst aufgenommen wird. Aber ein derartiger Begriff
mu der Sozialkultur als schlechthin unverstndlich erscheinen und
die Sache als unerreichbar; jene lt den anderen neben mir stehen
und verlangt doch, da ich meine Kraft fr ihn einsetzen soll. Nie
aber kann ein Mensch oder ein Ding eine starke Bewegung erzeugen,
solange es nicht ein Bestandteil meines eigenen Lebens wird. Eine
solche Bewegung geht nur aus innerer Notwendigkeit, namentlich aus
unertrglichen Widersprchen des eigenen Lebens hervor; nur sofern der
Mensch auf sich selber steht und fr sich selber schafft, kann er etwas
erreichen, das auch den anderen wertvoll ist; wer vornehmlich an die
Wirkung bei anderen denkt, der hat damit auf das Erstgeburtsrecht des
Schaffens verzichtet. -- In der Gesinnung aber setzt die Sozialkultur
freundliche, wohlwollende, zahme Menschen voraus, Menschen, die
kein radikales Bses kennen, nichts von wilden Leidenschaften und
dunklen Abgrnden der Seele wissen, denen alles Dmonische oder
gar Diabolische, zugleich freilich auch alles Heroische, eine
unverstndliche Gre ist. Muten wir schon frher bezweifeln, ob
die Menschen so zahm, so gutartig sind, so hat der gegenwrtige
Krieg solchen Zweifel wohl zu vollem Siege gebracht. Damit aber wird
der Sozialkultur eine Hauptsttze entzogen, dem Bsen gegenber hat
sie keine Wehr. Bei solchen Bedenken verkennen wir keineswegs die
Bedeutung edler Humanitt und rastloser Hilfsttigkeit, die nach jener
Richtung hin entfaltet wird, auch nicht den Wert des Strebens, alles
Menschenbild zu heben und zur Selbstttigkeit zu berufen; aber das
geschieht nur unter berschreitung der begrifflichen Schranken jener
Lebensordnung, die Leistung geht hier, wie so oft, weit ber die Lehre
hinaus. Im besonderen erhlt die Menschheit oft einen tieferen Sinn,
als der eigene Boden der Sozialkultur begrndet, sie wird, oft in
Nachwirkung der lteren Lebensordnungen, ein hoher Idealbegriff, der
echte Begeisterung erweckt. Solche Verschiebung der Begriffe macht dem
Herzen der Bekenner alle Ehre, das Problem aber lst sie nicht.

Diese Gefahren und Schranken muten auch innerhalb der Menschenkultur
zur Empfindung kommen und eine Gegenbewegung erzeugen. Das ergab
die Bildung einer Individualkultur, welche sich ebenfalls ganz und
gar auf den Boden der Erfahrung stellt und jede Abhngigkeit des
menschlichen Daseins von weiteren Zusammenhngen ablehnt, welche aber
innerhalb der Erfahrung einen vllig anderen Ausgangspunkt nimmt,
nmlich das Frsichsein, den seelischen Zustand des Individuums. Indem
sie die Sozialkultur als eine Mechanisierung und Schablonisierung
des Lebens bekmpft, stellt sie ihr ein Leben entgegen, welches
vornehmlich das Individuum zu strken, es unter Befreiung von
aller Bindung ganz auf sich selbst zu stellen und zur vollen
Ausprgung seiner Eigentmlichkeit zu bringen verspricht. Indem sie
alle Lebensverhltnisse und alle Lebensgebiete zu Mitteln fr die
Entfaltung und den Selbstgenu des Individuums macht und zugleich
alles, was von der Vergangenheit zu uns wirkt, in lebendige Gegenwart
verwandelt, ergibt sich viel Freiheit und Frische, ein berstrmender
Reichtum verschiedener Bildungen, entsteht ein leichtbeschwingtes,
freischwebendes, frohgestimmtes Leben; es wird sich selbst um so
mehr zu verstrken glauben, je mehr es das Unterscheidende pflegt
und den Abstand von anderen hervorkehrt; die Freude, etwas Eigenes,
Unabhngiges, Unvergleichliches zu sein, wird alles Tun durchdringen
und heben; Hauptgehilfen dieses Lebens werden Kunst und Literatur,
natrlich in einem besonderen Sinne verstanden.

Zustimmung hat diesem Leben namentlich sein Widerspruch gegen den
Massencharakter und die Gleichfrmigkeit der Sozialkultur gebracht;
da es mit seiner Auflsung des Daseins in lauter Einzelpunkte und
seinem Mangel alles Kernes unmglich das Menschenleben ausfllen und
fhren kann, das bedarf keiner nheren Darlegung. Nur das sei bemerkt,
da die Individualkultur im Kern ihrer Behauptung denselben Fehler
begeht wie die Sozialkultur: wie diese aus der Menschheit unversehens
etwas weit besseres macht als ihre Begriffe gestatten, so mu die
Individualkultur das Individuum idealisieren, um es zum Haupttrger
des Lebens machen und in ihm dessen Hauptzweck finden zu knnen. Sie
denkt dies Individuum als gro und als Quell einer starken Bewegung,
mit hchsten Problemen befat und eine Welt der Wahrheit und Schnheit
in der eigenen Seele erbauend. Aber woher soll das alles innerhalb
des gegebenen Daseins kommen, dem doch einmal das Individuum nur ein
Glied einer weitschichtigen Verkettung bedeutet, nicht eine Sttte
ursprnglichen Lebens, nicht den Durchbruchspunkt einer neuen Welt. Wie
die Individualkultur das Individuum versteht, kann die ihm beigelegte
Selbstndigkeit nur eine ertrumte und das daraus entstehende Leben nur
ein eingebildetes sein. Schtzbare Anregungen im einzelnen und manche
vollberechtigte Kritik seien dabei dieser Individualkultur bereitwillig
zugestanden.

So scheitert die bloe Menschenkultur in jeder der Richtungen, die
sie einschlagen kann, und zwischen denen sie whlen mu; weder das
Zusammenstreben noch das Auseinandergehen der Menschen gibt dem Leben
einen Sinn und Wert und lt die Seele ein Beisichselbstsein erreichen.
Denn auch die Individualkultur gelangt nicht zu einem solchen, da sie
die Seele in lauter einzelne Lagen und Stimmungen zersplittert, ohne
ihnen eine Einheit des Wesens und eine Innenwelt entgegenzusetzen.
Wenn die Ausfhrung beider Arten der Menschenkultur die Oberflche
berschreitet, so tut sie das in schroffem Widerspruch mit der
Grundbehauptung des Ganzen.

Das empfindet auch die Gegenwart immer strker, schon vor dem
Kriege war vielfach das Blomenschliche als viel zu klein erkannt
und mit dem berdru an seinem selbstgeflligen Gebaren eine tiefe
Sehnsucht nach Durchbrechung seiner Schranken und nach Erringung
eines weiteren, reineren, wahreren Leben erwacht. Augenscheinlich
wurde, da die Ablsung des Menschen von der groen Welt und die
Bildung eines Sonderkreises ihn einer Enge und Kleinheit berliefert,
die er selbst auf die Dauer nicht aushlt, die ihm die Tiefe seines
eigenen Wesens verschliet. So hrten wir viel von bermenschlichem
und von bermenschen reden. Aber alle echte und innige Sehnsucht,
die aus solchem Streben spricht, fhrt ber ein ungestmes Wogen und
Wallen der Seele nicht hinaus, wenn dieses bermenschliche innerhalb
der Welt der Erfahrung gesucht wird. Denn viel zu streng binden
hier den Menschen Natur und Schicksal, und zwar mehr noch von innen
als von auen, als da ein khner Aufschwung ihn davon befreien und
ein neues Leben schaffen knnte. Es mu das Menschenwesen berhaupt
einer inneren Umwandlung und Erhhung fhig sein, wenn der Einzelne
wesentlich mehr aus sich machen soll; sonst ist alles Mhen verloren.
Der Krieg hat uns diese Wahrheit noch strker eingeprgt, er stellt
uns die Unzulnglichkeit des bloen Menschen und damit aller bloen
Menschenkultur so deutlich vor Augen, da nur eine flache Denkweise
sich folgendem Dilemma entziehen kann: entweder steht das Menschenleben
in tieferen Zusammenhngen und schpft aus ihnen neue Ziele und Krfte,
welche die bloe Wohlfahrt des Menschen berschreiten, oder das ganze
menschliche Sein ist eine, freilich unbegreifliche, Verirrung des
Weltlaufs, und alles Streben nach einem Sinn und Wert unseres Lebens
ist zu sicherem Scheitern verdammt. Es wre ein groer Gewinn unserer
harten Zeit, wenn sie uns dieses Entweder -- Oder klar durchschauen
liee und damit allen verwirrenden und verflachenden Mittelgebilden ein
dauerndes Ende bereitete.


Erwgungen und Vorbereitungen.

Wir sahen, da es der Gegenwart an Bestrebungen nach krftiger
Zusammenfassung des Lebens keineswegs fehlt, auch da diese
Bestrebungen in Vorhaltung beherrschender Ziele den Lebensstand
schrfer beleuchtet und das Handeln vielfach aufgerttelt haben.
Aber wir sahen auch, da keine dieser Bestrebungen sich zu sicherer
Herrschaft ber die anderen hinaushebt, da sie nicht nur weit
auseinandergehen, sondern einander schroff widersprechen und das
Leben unter widerstreitende Antriebe stellen. Besonders gilt das von
dem Gegensatz der lteren und der neueren Denkart, der Versuch einer
Ausgleichung verbietet sich bei ihm ganz und gar. Hatte die ltere
Denkart, namentlich die religise, alle Hingebung an die sichtbare
Welt als einen Raub an einer hheren Ordnung und als ein Sinken des
Lebens von unerllicher Hhe behandelt, so besteht die neuere um so
mehr auf einer vollen Selbstndigkeit, ja Ausschlielichkeit dieser
Welt, so gilt ihr alle Befassung mit bersinnlichen Dingen als eine
Verirrung des Strebens und eine Vergeudung der Kraft; des einen Gott
ist dem anderen zum Abgott geworden. Da ein so harter Widerspruch
ein freundliches Sichvertragen unbedingt ausschliet, so mte eine
der Antworten die Oberhand gewinnen; auch das aber zeigte sich als
unmglich. Die Lebensordnungen, die auf dem Boden der lteren Denkart
stehen, wie Religion und weltlicher Idealismus, entbehren in der
Kulturarbeit der Gegenwart einer sicheren Begrndung und festen
Stellung, die modernen Denkweisen aber entsprechen viel zu wenig
den durch die Gesamtgeschichte der Menschheit erffneten Tiefen des
Lebens, um einen Abschlu bieten zu knnen; so finden wir das Alte
erschttert, auch vielfach in einer fr uns zu engen Gestalt, das Neue
aber verbleibt in einer Flche, ber die wir notwendig hinausgehen
mssen. Dazu spalten sich die Hauptstrme wieder in verschiedene ste
mit weit auseinandergehender Richtung. Auf dem Boden der unsichtbaren
Welt sieht die Religion am Menschen die Schwche, der weltliche
Idealismus die Strke; jene spaltet die Wirklichkeit, diese verlangt
ihre Einheit. Innerhalb der modernen Daseinskultur aber ziehen die
Versuche einer Einfgung des Menschen in die Natur und einer Ausbildung
seines besonderen Kreises nach verschiedener Richtung, jene wird dieser
leicht zu kalt und seelenlos, diese jener zu eng und dumpf. Und die
Unvershnlichkeit von Sozial- und Individualkultur trat mit voller
Klarheit vor Augen.

Indem alles dies nicht nur Verschiedenartige, sondern Entgegengesetzte
auf uns eindringt, und dabei gerade das Streben nach Einheit die
Geister auseinanderfhrt und ihre Zerwerfung steigert, entsteht eine
geistige Anarchie, deren buntes Durcheinander den Augenblick ergtzen
mag, die aber fr die Dauer zur Zerstrung wirken mu. Denn sie macht
alles ungewi, was bisher als sicherer Besitz galt, und lt Zweifel
und Streit an den tiefsten Wurzeln des Lebens nagen. Die Neuzeit
stritt zuerst ber die nhere Fassung und Begrndung der Religion,
schlielich wird ihr das Ganze der Religion zur Frage; vor den
Verwicklungen der Metaphysik fliehen wir in das Gebiet der praktischen
Vernunft und suchen in der Moral eine unangreifbare Wahrheit, bald
aber wird auch diese zunchst in ihrer berkommenen Fassung, dann
aber auch im Grundgedanken angegriffen und erschttert. Gegenber
solchem Unsicherwerden ganzer Lebensgebiete schien wenigstens der
Mensch als Ganzes, als lebendige Persnlichkeit, zu bleiben und einen
gewissen Halt zu gewhren, aber auch hier zeigt ein genaueres Zusehen
bald, da der Streit sich auch auf jenen vermeintlich sicheren Trger
erstreckt, und da im Begriff der Persnlichkeit ganz verschiedene,
ja entgegengesetzte Fassungen durcheinanderlaufen; eben das, was dem
einen an ihr gro erscheint, das erklrt der andere fr verwerflich.
Die Ausdehnung und die Tiefe der Erschtterung entgeht uns leicht,
weil der Einzelne sie zunchst nur im Gebiet seiner eigenen Arbeit
empfindet und annimmt, da es drauen besser steht. Ein berblick des
Ganzen zeigt aber bald, da die Unsicherheit eine durchgngige ist, und
da keinerlei gemeinsames Lebensideal die heutige Menschheit verbindet.
Alles miteinander ergibt eine geistige Krise, wie sie so gewaltig in
der ganzen Vergangenheit nicht war, denn auch die grten Umwlzungen
frherer Zeiten belieen eine gewisse Gemeinsamkeit des geistigen
Lebensraumes, sie vernderten mehr die Wege als die letzten Ziele
selber. Heute gibt es in prinzipiellen Fragen keinen einzigen Punkt,
auf den wir uns aus der Verwirrung als auf ein gemeinsames Bekenntnis
zurckziehen knnten.

Eine derartige Auflsung versetzt eine hochentwickelte Kultur in
eine hchst peinliche Lage. Zahlreiche Krfte sind da und fordern
Beschftigung, eine gengende Bindung aber und eine sichere
Zielrichtung fehlt; so suchen sie tastend umher und erzeugen statt
echten Lebens mehr ein bloes Lebenwollen, ein Sehnen und Haschen
nach Leben. Das ist ein Stand, wo eine freischwebende Reflexion die
Stelle geistigen Schaffens erschleicht, wo eine flache Klugheit eine
ungebhrliche Macht erlangt, eine groe Gewandtheit oft mit innerer
Leere zusammengeht, wo wir alles sagen knnen, was wir sagen wollen,
wo wir nur nichts Rechtes zu sagen haben. Ein solches Leben entbehrt
wie eines gehaltvollen Kernes, so auch eines festen Haltes und eines
sicheren Maes, es lt den Menschen wehrlos gegen all den Wirbel
von Eindrcken und Anregungen, der unaufhrlich auf ihn eindringt,
zugleich macht es ihn unfhig, Wesenhaftes und Wesenloses, Wahres
und Scheinbares, Bedeutendes und Unbedeutendes im Bestande der Zeit
auseinanderzuhalten, alles fliet ihm durcheinander, und der Wechsel
der Strmungen der Zeitoberflche wirft ihn bald hierher, bald dahin,
lt ihm aber dabei den Schein, als ob er selber denke.

Dazu die Zersplitterung der Menschheit, die ein solches
Auseinandergehen des Lebens erzeugt. Indem die Individuen nach der
Besonderheit ihrer Art, ihrer Lage, ihrem Beruf an verschiedenen
Punkten Stellung nehmen und verschiedene Richtungen whlen, entsteht
eine Sonderung in Sekten und Parteien, es droht ein Behandeln
aller Probleme vom Standpunkt der Partei, ein Verschwinden innerer
Gemeinschaft, die Gefahr einer seelischen Vereinsamung inmitten aller
Flle uerer Berhrung. Unsere Welten spalten sich immer mehr, bis
schlielich jeder nur in seiner Privatwelt lebt. Eine solche innere
Vereinsamung ertrgt die Menschheit nicht auf die Dauer. Zugleich mu
auch der Stand des geistigen Schaffens sinken. Und mit dem Schaffen
sinkt auch der Glaube, sein Zwillingsbruder. Vollauf verstndlich wird
von hier aus, wie unsere Zeit, im Durchschnitt des Kulturbrgertums
betrachtet, sich als eine Zeit des Unglaubens, des Mkelns und
Verkleinerns darstellt, des Unglaubens nicht an bloe Dogmen, sondern
an das Leben selbst und an sein Vermgen zur inneren Erhhung und
Erneuerung. Was daraus an Stockung und Hemmung hervorgeht, das wiegen
alle ueren Erfolge nicht auf.

Eine derartige Lage mag so lange keinen tiefen Schmerz bereiten und
keine Gegenbewegung erzeugen, solange der Einzelne sie nur wie ein
drauen vorgehendes Schauspiel betrachtet; sie mu unertrglich werden,
sobald sie zur eigenen Erfahrung, zum eigenen Erlebnis wird. Da sie
das aber wird, dahin wirkt der gegenwrtige Weltkrieg mit elementarer
Gewalt; um den ungeheuren Aufgaben und Schicksalen nicht zu erliegen,
die er uns bringt, bedarf der Mensch eines festen Haltes und eines
sicheren Zieles; eine Kultur, die ihm das nicht bietet, droht zum
bloen Schein zu werden, zu einem Kulturersatz, wie man das mit einer
heutigen Wendung sagen knnte.

       *       *       *       *       *

Aber so schwer wir das alles nehmen, vergessen sei nicht, da
keineswegs unser ganzes Leben in die geschilderten Gegenstze aufgeht,
da vielmehr manches in ihm von der Verwicklung unberhrt bleibt.
Denken wir nur an das krftige nationale Leben der Gegenwart, an
die moderne Wissenschaft, an die moderne Technik! Unsere Zeit ist
grundverschieden vom ausgehenden Altertum, dem es zu Unrecht oft
gleichgestellt wird; denn whrend damals eine greisenhafte Ermattung
durch die Gemter ging und auer der Religion sich alle Lebensgebiete
in trauriger Stockung befanden, sehen wir heute die regste Ttigkeit,
ein gewaltiges Vordringen an manchen Stellen, ein Erwachen immer neuer
Probleme. Darin freilich liegt die Schranke, da die Bewegung mehr
auf die einzelnen Gebiete als auf das Ganze des Menschen geht, da
die Expansion die Konzentration weit berwiegt, da die verschiedenen
Antriebe und Anstze sich nicht zueinander finden. Hier ist ein
schweres Problem, ja ein gefhrlicher Notstand unverkennbar; aber
diese Begrenzung der Frage ist doch eine entschiedene Abweisung eines
vlligen Pessimismus.

Auch das wollen wir ja nicht bersehen, da die Bildung so
verschiedener Lebensstrme nicht nur eine Schwche, sondern auch
eine Strke der Gegenwart bedeutet. Zeigt dieser Reichtum von
Bildungen doch, da wir den verschiedenen Anregungen eine groe
Offenheit entgegenbringen und die Lebensfragen mit besonderer
Energie ergreifen; so kommt vieles erst jetzt zur deutlichen
Aussprache, was frher verborgen blieb oder doch abgeschwcht wurde.
Die Gegenstze, unter denen wir jetzt leiden, sind wahrlich nicht
von gestern und heute, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch
in frheren Zeiten. Aber zu unvershnlichen Widersprchen sind sie
erst uns gewachsen, die wir, schon weil wir geschichtlich denken
und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentmliche und
Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schrfer sehen, zugleich aber
aus einem strkeren Einheitsverlangen uns nicht wie das Mittelalter
mit einem bloen Nebeneinander und einer geschickten Abstufung der
verschiedenen Gestalten begngen knnen. So ist nicht sowohl unser
Vermgen kleiner als die Aufgabe grer geworden; die Aufgabe aber
hat nicht menschlicher Eigensinn ersonnen, es legt sie uns eine
weltgeschichtliche Notwendigkeit auf. Sie ist uns zunchst ein
Geschick, aber ein Geschick, das wir in Freiheit verwandeln und
zugleich zu einer inneren Erhhung unseres Lebens wenden knnen.

Endlich sei auch das erwogen, da, wenn ein letzter, allumfassender
Abschlu berall auf unberwindlichen Widerspruch stie, dieser
Widerspruch selbst auch ein positives Verlangen zu erkennen gab und
dem Streben damit eine gewisse Richtung wies. Die Religion scheint uns
nicht fest genug begrndet, nicht weil die ganze Zeit von Zweifelsucht
befallen ist, sondern weil wir hhere Ansprche an den Erweis ihrer
Wahrheit stellen, sie nach dem Stande des Geisteslebens notwendig
stellen mssen. Ihre Gestaltung erscheint uns als zu eng, nicht weil
uns der Sinn fr charaktervolle Geschlossenheit verloren ging, sondern
weil unser Leben durch Erfahrung und Wandlung hindurch eine grere
Weite gewonnen hat, und die Religion ohne schwere eigene Schdigung
sich dieser Erweiterung nicht entziehen darf. Auch der weltliche
Idealismus scheint uns nur deshalb nicht sicher genug begrndet und
nicht voll unser Wesen durchdringend, weil neue Erfahrungen neue
Forderungen in dieser Richtung zu stellen zwangen. Da der Naturalismus
unsere Seele nicht befriedigt, und da uns die Ziele der Menschenkultur
in ihren beiden Hauptformen als unzulnglich gelten, das bekundet ein
Verlangen nach einem Beisichselbstsein des Lebens und ein Hinausstreben
ber alles selbstsatte Menschentum. So steht durchgngig hinter der
Verneinung eine Bejahung, es gilt nur die verschiedenen Bejahungen aus
der Unbestimmtheit und Verworrenheit herauszuarbeiten und zueinander
in Beziehung zu setzen. Gewisse Punkte sind damit festgelegt, gewisse
Aufgaben uns gewiesen. So zweifellos sich daher die Gegenwart als
hchst unfertig und voller Verwicklung darstellt, sie bringt an uns
groe Ziele und ruft unsere Kraft zu hchster Anspannung auf.

Hten wir uns also, von dieser Zeit wegen jener offenen Fragen gering
zu denken! Keine Zeit hat die Mglichkeiten des Lebens in solcher
Flle ergriffen und mit solchem Eifer behandelt, keine die Probleme
in solchem Umfang aufgenommen und so sehr aus Selbstttigkeit wie
aus eigener Erfahrung zu lsen versucht. Freilich sind die Probleme
einstweilen grer als unser Vermgen zur Lsung, aber dies Vermgen
ist nicht an eine starre Grenze gebunden; warum sollte es nicht so
gut wie auf den besonderen Gebieten auch bei diesen zentralen Fragen
einer Steigerung fhig sein und uns der Aufgabe mehr und mehr gewachsen
machen? Stellen wir uns also zur gegenwrtigen Lage aktiv, verlieren
wir nicht den Mut, und vertrauen wir darauf, da in dem Streben ber
sie hinaus nicht der Mensch zum gegebenen Lebensstande aus eigener
Klugheit etwas hinzuersinnt, sondern da das Ganze des Lebens selbst
in einem Streben zu neuem Aufstieg begriffen ist, wir aber im Dienste
dieses Aufstiegs unserem eigenen Streben einen Gehalt, ja eine Gre zu
geben vermgen.

       *       *       *       *       *

Fr die Denkarbeit gilt es vor allem die Richtung des Weges zu
finden, der uns ber die gegenwrtige Verwicklung hinausfhren
kann; es handelt sich fr sie zunchst darum, welches Ziel dem
Streben vorschweben mu, sodann darum, welche Wege zu diesem Ziele
offenstehen. Was das erste betrifft, so bedrfen wir zweifellos einer
Tatschlichkeit allumfassender Art, nher einer Gesamttat, welche ber
die geschilderten Gegenstze hinauszuheben und ein Auseinanderfallen
des Lebens zu verhten vermag. Ohne das gibt es keine Einheit und auch
keine Festigkeit. Aber zugleich gilt es klarzumachen, wie mit der
berlegenen Einheit einer solchen Gesamttat die Verschiedenheit der
Lebensbahnen vereinbar ist, die wir vorhanden sahen. Es mu in der
Art, wie wir Menschen zu jener Gesamttat stehen, angelegt sein, da
wir sie nur von verschiedenen Seiten her erfassen knnen, da daher,
was als Einheit zugrunde liegen mu, zugleich ein hohes Ziel und
eine schwere Aufgabe bildet. Der Boden aber, von dem aus nach jener
Gesamttat zu streben ist, kann kein anderer sein als das Leben selbst,
nicht irgendwelches drauen befindliche Datum, das Leben im Ganzen
betrachtet, nicht in einzelnen Bettigungen, auch nicht als bloes
Denken. Wenn irgendwie, so mu sich von jenem aus ein Weg zum Ziel
finden lassen. Denn das Leben ist das Erste und Ursprnglichste, das,
worauf alles zurckkommt, und innerhalb dessen alles vorgeht; das, was
niemand leugnen kann, da das Leugnen selbst einen Erweis des Lebens
bilden wrde. Wenn also jene Gesamttat, von der wir einen Zusammenhang
des Lebens hoffen, berhaupt erreichbar ist, so mu sie nicht nur
vom Leben aus, sondern innerhalb des Lebens erreichbar sein. Sehen
wir also, ob eine Durchmusterung seiner in Wahrheit etwas derartiges
aufdeckt. Finden knnen wir jenes aber nur, wenn wir das Leben nicht
wie etwas Fremdes betrachten, das wie ein Naturproze nur an uns
vorgeht, sondern wenn wir uns in seine eigene Bewegung versetzen,
es als eigenes ergreifen, es selbst zu erleben suchen. Es gilt, den
Tatbestand, der hier in Frage steht, das Zusammengehen des Lebens in
eine umfassende und berlegene Gesamttat, in uns selbst zu erwecken und
bei uns zu entwickeln, nur eine Krftigung und Vertiefung des eigenen
Lebens kann uns das Ganze nahercken. So mu das Streben selbst eine
Lebensbewegung in sich tragen; ohne den Mut und die Kraft zu geistiger
Selbsterhhung und zur Bezwingung der Widerstnde kommen wir hier nicht
weiter. Einem solchen Emporklimmen aber wird alles eine Bereitschaft
entgegenbringen, was in der Menschheit nicht greisenhaft, sondern
jugendlich fhlt; Jugend aber mit sich bei diesen Dingen nicht nach
der Zahl der Jahre.




Versuch eines Aufbaus.




Die Erffnung eines neuen Lebens.


Der Aufstieg zur Hauptthese.

Um eine neue Hhe zu erklimmen, gilt es zunchst den Ausgangspunkt
richtig zu whlen; es kann dieser aber fr unser Werk kein anderer sein
als das Leben selbst, das Leben zunchst dem bloen Umrisse nach mit
Vorbehalt aller nheren Bestimmung. Denn was immer uns an Tatsachen
oder an Ttigkeiten begegnet, das setzt das Leben voraus und liegt
innerhalb seines Bereiches; auch seine Beschaffenheit hngt wesentlich
an dem, was sich beim Ganzen des Lebens herausstellt. Wenn demnach von
diesem Ganzen zu beginnen ist, so wird die erste Frage dahin gehen,
ob es einfacher Art ist, oder ob es verschiedene Arten und Stufen
in sich trgt. Nun bildet den ersten Angriffspunkt zur Beantwortung
dieser Frage die Tatsache, da das Gefge der uns umgebenden Natur
sich mit seinen Krften und Gesetzen weit auch in das seelische Gebiet
erstreckt; unverkennbar bilden wir auch innerlich weithin ein Stck
der Natur. Denn wie in der Natur so treffen auch in einer gewissen
Flche des Seelenlebens lauter einzelne Elemente zusammen, bilden
kleinere oder grere Verkettungen und Zusammenhnge, die sich aller
bewuten Einwirkung entziehen; der gesamte Komplex aber ist in einer
Selbstbehauptung gegenber der Umgebung begriffen, die unablssig auf
ihn eindringt, aller Antrieb kommt hier von drauen, und nach drauen
hin geht alles Streben; so wird das Leben ein Austausch von Wirkung und
Gegenwirkung, es ist, was es ist, nicht fr sich, sondern nur zusammen
mit anderem und in der Beziehung auf anderes. Ein derartiges Geschehen
bildet ein groes Stck unseres menschlichen Lebens, ein weit greres,
als unser Bewutsein ihm zuzuerkennen pflegt. Aber zugleich ist
darauf zu bestehen, da unser Leben sich nicht in diese Art erschpft,
da es mit krftigen Bewegungen ihren Rahmen durchbricht, und da
diese Bewegungen sich zum Ganzen einer neuen Art verbinden, die eine
Selbstndigkeit gegenber der bloen Natur erweist. Sehen wir, wie sich
das nher ausnimmt.

Wie auf der Naturstufe alles Leben aus den gegenseitigen Berhrungen
einzelner Punkte hervorgeht und zwischen diesen verluft, so ist
es gebundener und damit sinnlicher Art, es trgt durch und durch
ein sinnliches Geprge; diese sinnliche Art kann verblassen und
bersehen werden, nie aber kann sie vllig verschwinden; soweit das
Naturgeschehen reicht, kann sich nichts von ihr befreien und ihr
selbstndig entgegentreten. Nun aber erscheint beim Menschen eine
derartige Befreiung, und zwar nicht nur in vereinzelten Zgen, sondern
in einer Gesamtentfaltung des Lebens, in der Entfaltung nmlich, die
vom Denken getragen wird. Denn in diesem erscheint eine Kraft der
Selbstttigkeit und der Selbstndigkeit, mit ihrer Hilfe vermag der
Mensch die Bindung an die Umgebung zu zerreien, dieser gebieterisch
entgegenzutreten und seine Macht an ihr zu erweisen; ein auf Denken
gestelltes Leben bringt eigene Forderungen an die Dinge und zwingt sie,
sich ihnen zu fgen. Solche Selbstndigkeit kann aber das Denken nicht
erweisen, ohne mit einer berlegenen Einheit die einzelnen Vorgnge zu
umspannen und sie miteinander zu verbinden, das aber nicht nach ihrer
sinnlichen Nhe, sondern nach einer sachlichen Zusammengehrigkeit,
die vom blosinnlichen Dasein aus vllig rtselhaft scheinen mu. Ein
Gesamtentwurf geht hier voran und wirkt im Fortschreiten vom Ganzen
zum Einzelnen zur Gliederung und Abstufung des gesamten Bereiches;
gegenber der bloen Anhufung der sinnlichen Elemente erscheint ein
von Gedanken beherrschtes Ganzes, ein System, das jenes Ganze den
einzelnen Stellen gegenwrtig hlt und sie dadurch erhht. Hand in
Hand damit vollzieht das Denken eine Ablsung des Gegenstandes vom
menschlichen Befinden und die Zuerkennung einer eigenen Art und eines
eigenen Rechtes an ihn; das besagt eine durchgreifende Scheidung,
die Nebel des ersten Anblicks weichen, klar erhebt sich vor uns die
Welt. Aber die Scheidung bildet nicht den letzten Abschlu, der
Mensch hrt nicht auf, kraft seines Denkens sich mit dem zeitweilig
ferngerckten Gegenstand zu befassen und ihn mglichst zu sich
zurckzuziehen; indem das gelingt, erfolgt eine innere Erweiterung des
Lebens, und es entsteht ein selbstndiger Lebenskreis; diese Bewegung
treibt schlielich zum Gedanken eines bei sich selbst befindlichen
Zusammenhanges, einer allumfassenden Wirklichkeit. Eine solche wird
nicht von drauen dargeboten, sie kann nur von innen her entspringen.

Im Zusammenwirken alles dessen erwchst mehr und mehr gegenber dem
sinnlichen Dasein eine vom Gedanken getragene, eine unsinnliche
Welt; die Menschengeschichte erweist durch ihren Gesamtverlauf
ein unablssiges Vordringen dieser gegen jenes, eine fortgehende
Verschiebung vom Sinnlichen ins Unsinnliche, damit aber eine Erhebung
des Menschen ber die Stufe der bloen Natur. Mehr und mehr verlegt
sich nmlich das Leben in Gedankengren und wird seine Bewegung
ein Kampf dieser Gren. Wie ein vordringendes Leben das Sinnliche
zu bloen Mitteln und Werkzeugen seines Strebens macht, das zeigt
besonders greifbar die Sprache, nicht minder aber das Recht und die
Religion, auch das Weltbild der Wissenschaft hebt sich immer deutlicher
von dem des naiven Menschen ab und lt uns damit in zwei Welten
leben. In allen diesen Stcken hat die Neuzeit einen tchtigen Ruck
vorwrts gemacht, denn wo hat je das Leben so sehr wie hier seinen
Hauptantrieb und seine Hauptkraft aus der Bewegung von Ideen und
Prinzipien gezogen? So drfen wir wohl von einer Umkehrung des Lebens
reden, die sich in der Gesamtgeschichte bei uns vollzieht; was ein
bloer Anhang war, das macht sich als die Hauptsache geltend, und was
zunchst die ganze Welt bedeutete, das wird mehr und mehr zu einer
bloen Umgebung.

Die Folgen solcher Wandlung erstrecken sich aber in alle Verzweigung
des seelischen Lebens hinein und ergeben durchgngig mehr
Selbstndigkeit, mehr Wirken aus dem Ganzen, mehr Erhebung ber die
bloe Zustndlichkeit durch Ausbildung eines Reiches der Gegenstnde.
Aus solchem Selbstndigwerden des Lebens baut das Erkennen ein Reich
der Begriffe gegenber dem sinnlichen Eindruck auf, vermag aber auch
das Fhlen sich dem sinnlichen Reiz zu entwinden und Freude und Schmerz
aus unsinnlichen Gren zu schpfen. Wie weit hat sich oft das, was
die Menschen als hchstes Gut erstrebten, vom sinnlichen Wohlsein
entfernt, wie oft geriet es mit diesem in schroffen Widerspruch! Ohne
die Kraft, diesen zu ertragen, htte es schwerlich Helden und Mrtyrer
gegeben. Das menschliche Wollen zeigt eine verwandte Bewegungsrichtung,
indem es sich dem dunklen Zwange des Naturtriebs zu entwinden, eine
eigene Entscheidung zu treffen, eine eigene Bahn zu verfolgen vermag.
Was dabei an inneren Kmpfen entsteht, das ist grundverschieden von
allem Zusammensto nach drauen hin. -- Solches Selbstndigwerden des
Inneren wird begleitet von einer Erhebung aller Lebensbewegung ber das
bloe Nebeneinander einzelner Punkte. So im System der Wissenschaft
mit seiner Bewegung vom Ganzen zum Einzelnen, seiner Durchgliederung
des ganzen Bereiches; so im Verlangen eines Gesamtstandes des
Wohlseins, der auf die Schtzung der Einzelerlebnisse zurckwirkt
und wohl gar Freude in Schmerz, Schmerz in Freude verwandeln kann;
so auch in der Unterordnung aller einzelnen Bestrebungen unter ein
beherrschendes Gesamtziel und ihre Bemessung nach der Leistung dafr.
In Wahrheit haben auf religisem, politischem, sozialem Gebiet nur
solche Bewegungen die Hingebung und die Kraft des ganzen Menschen
gewonnen, welche ihm einen neuen Gesamtstand verhieen; da alle
Verbesserungen im Einzelnen dagegen nicht aufkommen knnen, das
haben die Mittelparteien oft zu ihrem Schaden erfahren. -- Endlich
zeigt alle Verzweigung des Lebens eine Bewegung zur Scheidung und
Wiederverbindung, darin aber eine berwindung der anfnglichen
Verworrenheit und eine Bildung eigener Lebenskreise; so tut es die
Wissenschaft mit ihrer Scheidung von Subjekt und Objekt und ihrem
Erstreben einer gegenstndlichen Wahrheit; so konnte das Gefhl Liebe
und Mitleid von der Enge des bloen Punktes befreien und sie die
innerste Seele groer Weltreligionen werden lassen, so konnte es in
anderer Richtung reine Freude aus dem Recht und dem Fortgang der Sache
schpfen; das Streben nach dem hchsten Gut aber fand die Befriedigung
des bloen Subjekts viel zu klein, es wollte ein Weiterkommen im
eigenen Bestande, es wollte nicht dem Menschen, wie er sich unmittelbar
darstellt, gengen, es wollte mehr aus dem Menschen machen, ihm
ein neues Selbst bereiten. In allen diesen Bewegungen erscheint
unverkennbar der Aufstieg eines neuen Lebens.

Denn wir brauchen nur, was im Einzelnen leicht als selbstverstndlich
hingenommen wird, ins Ganze zu fassen, um eine durchgreifende Wendung
in ihm zu entdecken, die auch auf das Weltbild wirken mu. Wenn das
Denken nicht blo eine vorgefundene Welt so oder so zurechtlegt,
sondern das Gef eines selbstndigen Lebens wird, beginnt damit
nicht eine neue Ordnung? Eine Innerlichkeit entsteht, die mit aller
sinnlichen Gebundenheit bricht und sich auf sich selber stellt;
verkndet das nicht eine andere Welt? Und ist das geschilderte Leben
aus dem Ganzen, ist ferner das Sichselbersuchen des Lebens durch ein
Auseinandertreten und Wiederzusammengehen hindurch nicht ein Zeugnis
fr einen von Grund aus neuen Aufbau?

Da diese Bewegung wie aller bloen Natur so auch aller menschlichen
Willkr weit berlegen ist, das erhellt besonders deutlich aus dem
Erscheinen neuer Lebensformen, das damit verbunden ist. Solche
Lebensformen erscheinen namentlich in der Arbeit und im geistigen
Schaffen. Beide wollen uns den Gegenstand nher bringen und durch
ihn gewinnen lassen, aber die Arbeit behandelt jenen als uns
gegenberliegend, whrend das Schaffen ihn in das eigene Leben
hineinzieht und von hier aus zu entwickeln sucht; so bleibt das
Verhltnis dort ein ueres, whrend es sich beim Schaffen ins Innere
zu wenden sucht. Bei der Arbeit ein Messen der menschlichen Kraft
mit der gegenstndlichen Welt, eine intellektuelle, technische,
praktische Unterwerfung dieser, damit nicht nur eine unermeliche
Erweiterung, sondern auch eine Befestigung des Lebens, der Gewinn eines
Weltbewutseins. Aber bei aller Gre behlt die Arbeit eine Schranke,
ber die es hinaus zum Schaffen drngt. Denn wie jene die Sache nur
als ein Gegenber behandelt, so vermag sie nicht sie innerlich an sich
zu ziehen, so setzt sie nicht sowohl das Ganze der Seele als einzelne
Krfte in Bewegung und frdert mehr diese als jene; das der Stufe der
Arbeit angehrige Forschen fhrt noch nicht zu einem Gehalt der Dinge,
und alles praktische und soziale Wirken zur Hebung der menschlichen
Lage mag noch so sehr die Krfte verketten, es verbindet damit
keineswegs schon die Seelen und schtzt sie nicht durch eine gemeinsame
Innenwelt vor schmerzlicher Vereinsamung. Mag daher diese Stufe der
Arbeit den Hauptschauplatz unseres Wirkens bilden, sie bringt nicht
unser Streben zum Abschlu; es kann trotz aller Gefahr einer Irrung und
Verirrung nicht umhin, auch eine innere berwindung des Gegensatzes
von Kraft und Gegenstand, von Mensch und Welt zu fordern; eine solche
aber kann nur einem Schaffen gelingen, das jenen Gegensatz von innen
her umspannt und aus einem berlegenen Wirken seine beiden Seiten
belebt und erhht. Da solche Forderung kein miger Einfall ist, das
zeigt die Tatsache der Kunst mit ihrer berwindung des Gegensatzes von
Subjekt und Objekt im Schaffen und Schauen, das zeigt aber auch echte
Liebe mit der Bildung eines inneren Zusammenhanges, der aus seinen
Gliedern weit mehr macht, als sie in der Vereinzelung sind. Wie weit
das menschliche Leben diese Stufe zu erklimmen vermag, das ist eine
Frage fr sich, aber schon das Verlangen danach bekundet den Aufstieg
zu einer neuen Hhe; nur in Erfllung dieses Verlangens ist entstanden,
was in Religion, Philosophie und Kunst dem menschlichen Zusammensein
eine Seele gab und von bloer Zivilisation eine Geisteskultur abhob.
Alle Aussicht auf diese Hhe versperren, das heit auf ein tieferes
Verstndnis des menschlichen Strebens verzichten; ja es wird sich wohl
zeigen, da, was hier als die uerste Hhe erscheint, schon von Anfang
an gewirkt haben mu, um eine Bewegung ber die bloe Natur hinaus
berhaupt hervorzubringen; auch der Arbeit mu es schon als Antrieb und
Hoffnung gegenwrtig sein.

Wie haben wir diese Bewegung zu einem neuen Leben zu verstehen, wie
ihren Ursprung zu erklren? Ausgeschlossen ist durch alle bisherige
Betrachtung eine Ableitung von der bloen Natur her; es kann das nur
unternehmen, wer ber den natrlichen Bedingungen auch alles Hheren
den ihm eigentmlichen Gehalt vergit, der doch schlielich die
Hauptsache bildet. Aber Bedingungen fr schaffende Grnde auszugeben,
das ist ja leider ein Fehler, den die heutige Forschung oft begeht.
Scheidet fr uns die Natur hier aus, so bleibt als Erzeuger des
neuen Lebens in unserem Erfahrungskreise nur der Mensch. Aber beim
Menschen, wie er leibt und lebt, ist das neue Leben viel zu matt und
schwach, um sich gegen die alte Art durchzusetzen; auch ist es hier
mit dieser viel zu sehr vermengt und an sie gebunden, um sich in ein
Ganzes zusammenzuschlieen und sich zu reiner Gestalt auszuprgen.
Dazu wrde das neue Leben als Erzeugnis des bloen Menschen zugleich
ein Werk des einzelnen Menschen sein; die unbegrenzte Mannigfaltigkeit
der individuellen Sorgen und Geschicke wrde es dann aber gnzlich
auseinanderfallen lassen, ohne da sich die mindeste Mglichkeit bte,
solcher Auflsung entgegenzuwirken. So blieben wir im Widerspruch
stecken und mten allen Antrieb zum Weiterstreben verlieren, wenn
nicht noch eine andere Mglichkeit und damit ein Ausweg bestnde. Diese
Mglichkeit aber kann keine andere sein als die, da das neue Leben
nicht von uns Menschen erzeugt, sondern uns mitgeteilt wird, da es in
uns erscheint und zwar als Erffnung einer neuen Stufe, die wir nicht
von uns aus bereiten, die wir nur aufzunehmen und weiterzufhren
haben. Einen solchen bermenschlichen Ursprung verrt schon der weite
Abstand, ja schroffe Gegensatz der Grundformen des neuen Lebens, wie
sie uns namentlich Arbeit und Schaffen zeigten, und der Beschaffenheit
des menschlichen Daseins. Dieses bietet ein bloes Nebeneinander und
Durcheinander; Arbeit und Schaffen verlangen einen inneren Zusammenhang
und ein gemeinsames Reich der Wahrheit, nur ein solches macht es
verstndlich, da sie jede Behauptung und Leistung als allgemeingltig
geben. Der natrliche Mensch ist in seinen Zustand eingeschlossen und
berhrt den Gegenstand nur von auen; Arbeit und Schaffen berwinden
die Kluft und stellen einen Zusammenhang her, die Arbeit mehr von
auen, das Schaffen rein von innen. Der Mensch steht in der Zeit und
unterliegt einem stndigen Wechsel, sein Leben ist ein Dahingleiten
von Augenblick zu Augenblick; Arbeit und Schaffen fordern fr ihre
Erzeugnisse eine berlegenheit gegen die Zeit, ein Beharren gegenber
allem Wechsel. Der natrliche Mensch mit den Wert der Dinge nach der
Wirkung auf sein Befinden, Arbeit und Schaffen geben den Dingen selbst
einen Wert und lassen diesen Wert uns unmittelbar bewegen; so nur kann
sich ein Gutes und Schnes von dem Angenehmen und Ntzlichen scheiden.

Kurz, wir gewahren bis in die Grundformen hinein im neuen Leben eine
Bewegung zu einer neuen Welt; eine derartige Bewegung kann nicht von
den bloen Punkten, sie kann nur von einer Welt selbst aufgebracht
sein. Wir haben daher in dem neuen Leben eine neue Stufe des Weltlebens
anzuerkennen, worin es nicht mehr in die Beziehungen einzelner Elemente
sowie in die Selbsterhaltung von Punkten gegen Punkte aufgeht, sondern
wo es sich in ein Ganzes zusammenfat und in der Entfaltung dieses
Ganzen neue Ziele gewinnt. Damit vollzieht sich im Seelenleben eine
durchgreifende Vernderung. Auf der Naturstufe tierischen Lebens steht
alle seelische Leistung im Dienst der natrlichen Selbsterhaltung
des Einzelnen wie der Gattung; was immer jenes Leben an Klugheit und
Geschicklichkeit aufbringen mag, das setzt, soweit unsere Wahrnehmung
reicht, jener Selbsterhaltung gegenber keine neuen Ziele; auch
sehen wir nicht, da hier eine Selbstttigkeit der Gebundenheit der
Triebe und Vorstellungsverkettungen entwchse und sich neue Wege
bahnte. Ein derart in lauter einzelne Fden zerlegtes und lediglich
im Nebeneinander verlaufendes Leben kme nie zu irgendwelchem
Beisichselbstsein, nie zu einer selbstndigen Innerlichkeit, daher auch
nie zu etwas, was Gehalt heien knnte; ist nun tatschlich in der
Menschheit eine derartige Innerlichkeit mit einem Gehalt erschienen,
so mu die Auenwelt bei allem unermelichen Getriebe als eine vllige
Leere erscheinen, als ein ungeheurer Widerspruch; welche Flle von
Kraft und Kampf, welche Mhe der Lebenserhaltung, und das alles in
fortwhrender Selbstaufhebung begriffen, das Ergebnis des Ganzen ein
Nichts! Trotzdem mten wir uns den Widerspruch als letzten Abschlu
gefallen lassen, erschiene nicht im menschlichen Leben, wenn auch
nicht seiner ganzen Ausdehnung nach, so doch mit unbestreitbarer
Tatschlichkeit eine neue Art des Lebens, ein Leben aus dem Ganzen und
Innern, ein Leben, das ein Beisichselbstsein erreicht und einen Inhalt
zu entwickeln strebt. So haben wir in diesem Leben das Durchbrechen
einer neuen Stufe des Weltlebens anzuerkennen, wir berzeugen uns, da
das All mehr ist als bloe Natur, da sich in ihm eine Fortbewegung
vollzieht, indem die Wirklichkeit eine Tiefe entwickelt und in sie den
Menschen hineinzieht. Indem so das Innere selbstndig wird, erlangt
der Begriff des Geistes und des Geistigen erst einen deutlichen Sinn;
nun bezeichnet er nicht blo eine besondere Seite des Seelenlebens,
sondern die selbstndig gewordene Innerlichkeit; der Hauptabschnitt der
Welt liegt dann nicht zwischen uerem und Innerem, zwischen Natur und
Seele, sondern zwischen gebundener und freier Innerlichkeit, zwischen
einer auch die niedere Stufe der Seele umfassenden Natur und der Stufe
des Geisteslebens.


Die Entwicklung der Hauptthese.

Unsere bisherige Untersuchung fhrte zu dem Ergebnis, da, was an
Aufstieg des Lebens bei der Menschheit vorliegt, nicht eigenem
Vermgen des bloen Menschen entstammen kann, sondern das Wirken eines
berlegenen Lebens erweist. Das aber verndert wesentlich den Anblick
und auch die Aufgabe unseres Lebens. Denn wenn so unser Leben nicht
einen in sich abgeschlossenen Kreis bedeutet, sondern sich als ein
Gesetztsein durch ein berlegenes Leben, als Wirkung einer Ursache
darstellt, so mu es zu einem zwingenden Antriebe werden, uns mglichst
in jene Ursache zu versetzen, damit zu klren, was bei uns vorgeht,
auch seine einzelnen Zge fester zusammenzuschlieen, ferner die eigene
Kraft durch die Herstellung einer Verbindung mit den schaffenden
Grnden zu strken. Es gilt zu den Quellen zurckzugehen, um der
Gebundenheit und Verworrenheit berlegen zu werden, die uns fesselt und
niederdrckt, es gilt von da aus in frischen Flu zu versetzen, was
sonst trge und matt dahinschleicht. Mit der Ursache wird uns ein Ideal
vorgehalten, das zugleich zur erweckenden Kraft bei uns wird, das mehr
aus uns zu machen und unserem Leben mehr Sinn zu geben verspricht. Was
bei uns als bloes Streben vorliegt, das mu in der Ursache Volltat
sein, damit es unser Streben erzeugen kann, als solche aber wird es
auch inhaltlich den bei uns erreichten Stand weit berschreiten.

Es erscheint im Bereich des Menschen ein berschreiten des bloen
Nebeneinander, ein starkes Verlangen nach inneren Zusammenhngen, ja
nach mglichster Gestaltung des Lebens von einer beherrschenden Einheit
her. Diese Bewegung aber schwebt in der Luft und mu an den harten
Widerstnden des natrlichen Daseins scheitern, wenn nicht das Leben
von Grund aus ein Ganzes bildet, wenn nicht ein Gesamtleben, eine
Welteinheit geistiger Art besteht und wirkt; so wenig unser Vorstellen
diese Einheit zu fassen vermag, sie bleibt die Grundvoraussetzung der
Bildung einer neuen Lebensstufe gegenber der der Natur, einer Welt
ist nur eine Welt, nicht der bloe Mensch gewachsen. Die Anerkennung
solcher Welteinheit mu aber dahin drngen, alles, was an Verzweigung
geistigen Lebens bei uns vorliegt, von einer umfassenden Einheit her zu
verstehen, es dadurch zu beleben und zu erhhen.

Wie so der Bewegung zur Einheit, so ist auch der zur Innerlichkeit
eine berlegenheit gegen den bloen Menschen zuzuerkennen, wenn,
was bei uns in jener Richtung vorgeht, nicht ins Leere fallen soll.
Denn was beim Menschen an eigentmlicher Innerlichkeit erschien, das
wollte kein bloer Nachklang, auch kein bloes Abbild bleiben, sondern
das wollte einen selbstndigen Lebenskreis bilden, das wollte eine
Innenwelt werden. Wie knnte es aber das unternehmen, wie knnte es
in seinen Bereich die ganze Weite hineinzuziehen suchen, wre das All
ein seelenloses Nebeneinander, bestnde nicht auch in ihm als einem
Ganzen eine Innerlichkeit, auch das natrlich in voller berlegenheit
gegen unser Vorstellungsvermgen. Dabei bleibt es: entweder erlangt
bei uns die Innerlichkeit keine Selbstndigkeit, oder sie ist in einem
Innenleben der Welt begrndet.

Das Selbstndigwerden aber, das allein echte Innerlichkeit entstehen
lt, verlangt eine Stellung des Lebens auf eigene Tat; so gibt es
keine Innerlichkeit der Welt ohne das Entstehen einer Tatwelt gegenber
dem Dasein, das uns zunchst umfngt; auch die Welt als Ganzes mu
schlielich in einer Gesamttat begrndet sein, sonst kann die Tatwelt
nicht dem Dasein gewachsen und berlegen werden.

Die Tatwelt darf aber, um volle Selbstndigkeit und Selbstgenugsamkeit
zu besitzen, nichts auer sich liegen lassen, sie mu alles an sich
ziehen und von sich aus zu gestalten suchen; das erklrt auch den Trieb
zur Unendlichkeit, der dem menschlichen Streben innewohnt, es nimmer
ruhen und rasten lt. Diese Forderung der Selbstgenugsamkeit geht aber
nicht nur nach auen, sondern auch nach innen, die Ttigkeit darf nicht
an etwas anderem haften und an es gebunden bleiben, sie mu ganz auf
sich selber stehen; das aber kann sie nicht, wenn sie irgendwelches
Sein auer sich duldet und blo an ihm sich zu schaffen macht; so
mu sie, was sie an Sein anerkennt, aus sich selbst hervorbringen,
zugleich den Begriff des Seins aber gegen die gewhnliche Fassung
wesentlich umgestalten. Von einem Sein innerhalb des Lebens kann nur
die Rede sein, sofern verlangt wird, da ein Ganzes des Lebens an jeder
einzelnen Stelle gegenwrtig sei, damit das Leben sich eine Tiefe gebe
und seine Ausbreitung zum Ausdruck dieser Tiefe gestalte. Das macht
erst die Forderung verstndlich, da der Mensch im Handeln etwas sei,
gem dem Schillerschen Worte: Gemeine Naturen zahlen mit dem, was
sie tun, edle mit dem, was sie sind. Denn offenbar bezeichnet hier das
Sein nicht ein hinter dem Leben befindliches Ding, sondern eine ihm
selbst gegenwrtige Einheit und Tiefe. Mit ihrer Bildung vollzieht sich
eine innere Abstufung des Lebens, und es rechtfertigt sich damit erst
die Bedeutung, welche wir Begriffen wie Gesinnung, berzeugung, Denkart
usw. zuzuerkennen pflegen. Eine solche Anerkennung eines Seins im Leben
befreit uns auch von der Alleinherrschaft des Dinges an sich, das,
unserem Verhltnis zur Auenwelt entsprungen und dafr berechtigt,
bei bertragung auf die innere Welt alles Wahrheitsstreben lhmen, ja
zerstren mte. Denn wenn uns auch unsere Seele zur Auenwelt wird, so
besteht keine Mglichkeit einer Wahrheit.

Damit aber das Ganze des Selbst die Ausbreitung des Lebens voll
durchdringe, darf die Mannigfaltigkeit des Tuns nicht ein bloes
Nebeneinander bleiben, sondern sie mu zu einem festen Zusammenhange
verbunden werden, in dem alles Einzelne einander ergnzt und
sich gegenseitig nher bestimmt, zugleich aber das Ganze einen
eigentmlichen Charakter ausprgt. So entstehen zunchst einzelne
Gebiete geschlossener Art, ber sie alle hinaus aber drngt es zum
Schaffen eines Gesamtzusammenhanges, und erst ein solches Gesamtwerk
ergibt etwas, das in vollem Sinne Wirklichkeit genannt werden darf.
Wir erkannten in Arbeit und Schaffen bei uns eine Bewegung zur
Hervorbringung einer Wirklichkeit, da erst mit ihrer Erreichung das
Leben eine Festigkeit und einen bestimmten Gehalt gewinnt, ja erst
vollstndiges Leben wird. Da eine derartige Wirklichkeit letzthin aber
nur von innen her, als eine Selbstentfaltung des Lebens entstehen kann,
dieses aber eine Welt in sich tragen mu, so erkennen wir wiederum das
Angewiesensein des Menschen auf ein umfassendes Weltgeschehen; ohne ein
Wurzeln darin und ein Schpfen daraus ist alles menschliche Streben
nach Herstellung einer Wirklichkeit und damit nach Vollendung des
Lebens verloren. Denn nur so hrt der Geist auf, blo ber den Wassern
zu schweben, nur so kommt er in volles Schaffen hinein und findet sich
selbst in solchem Schaffen.

Durchgngig erhellte, da bei dem Aufstieg, der durch unser Leben geht,
nicht einem vorhandenen Stande nur dieses oder jenes hinzugefgt oder
auch jenem eine besondere Richtung gegeben wird, sondern da die Frage
viel tiefer geht. Sie geht auf das Ganze des Lebens selbst: dieses hat
sich aus einem blo anhangenden Halb- und Scheinleben zu selbstndigem
und echtem Leben erst zu erheben, alle besonderen Aufgaben sind nur
Stcke und Seiten dieser einen Gesamtaufgabe, und es ist ihre Lsung
letzthin an die Entscheidung ber diese gebunden. An solchem Erringen
eines wahrhaftigen Lebens, eines Lebens, das bei sich selber ist und
einen Inhalt besitzt, arbeitet die ganze Menschengeschichte, sofern sie
geistige Zge trgt; sie erhlt ihren tiefsten Sinn und zugleich ihre
strkste Kraft daraus, da in ihr das Leben in unserem Bereich sich
selber sucht; sie verluft nicht auf gegebener Grundlage, sondern sie
ist in stetem Mhen um einen sicheren Grund begriffen.

So ist das Leben in seiner neuen Erschlieung allem Wunsch und Vermgen
des bloen Menschen zweifellos berlegen. Aber ebenso will die Tatsache
anerkannt und gewrdigt sein, da dieses berlegene zugleich innerhalb
des Menschen als eigene Kraft zu wirken und weiterzutreiben vermag,
da das ber dem Menschen zugleich ein In dem Menschen werden
kann, eine Tatsache, die um so wunderbarer scheint, je mehr man sich
in sie vertieft. Und doch ist ein solches Innewohnen des neuen Lebens
unentbehrlich, wenn alles, was sich uns beim Menschen an Aufstieg des
Lebens zeigte, echt, krftig, ja berhaupt mglich sein soll. Umfinge
den Menschen ganz und gar eine begrenzte Sondernatur, und mte sie
ihm auch alles vermitteln, was vom Gesamtleben an ihn kommt, so knnte
er nie eine innere Gemeinschaft mit diesem gewinnen, so wrde alles an
ihn Herangebrachte durch jene besondere Art verzerrt und verbogen, so
knnte das Neue nie bei ihm die Kraft einer Selbsterhaltung gewinnen,
die doch fr alles Vordringen unentbehrlich ist. Da es in Wahrheit
anders steht, da unser Leben das bermenschliche zugleich als ein
Innermenschliches haben kann, das erweist sich durch das Ganze des
Lebens bis in seine Grundformen hinein. Durchgngig besteht die
Mglichkeit, da etwas die volle Kraft und Hingebung des Menschen
gewinne, was den Zwecken und dem gesamten Glck des bloen Menschen
schnurstracks widerspricht. Dies allein erklrt zum Beispiel die Macht
und rechtfertigt die bliche Schtzung der Pflichtidee. Hier kommt im
Menschen etwas zur Wirkung, was seinem Handeln feste Schranken zieht
und seinen Naturtrieben schroff widerspricht, und zugleich wird es ihm
zu eignem Entscheiden und Wollen, es gibt ihm eben in der Unterordnung
das Bewutsein vollster Freiheit. Der Pflichtgedanke ist aber nur ein
besonders reiner Ausdruck einer Bewegung, die durch das ganze Leben
geht. Denn wo immer es die Stufe der bloen Natur berschreitet, da
tritt es unter bindende Normen, die ihm kein fremdes Gebot, sondern
seine eigene Zuwendung auferlegt, die den Menschen in Wahrheit erhhen,
indem sie ihn herabzusetzen scheinen. So beim Denken, das mit seiner
Versetzung in die Sache und seiner Vertretung ihrer Forderungen das
Wohl des bloen Menschen ganz wohl schwer schdigen kann. Wie oft
zwang uns das Denken, namentlich auf politischem und sozialem Gebiet,
Folgerungen zu ziehen, die uns hchst unbequem waren, und wie oft
haben die von ihm herausgestellten Widersprche das Leben aus seinem
Gleichgewichtsstand unsanft aufgescheucht! Das konnte das Denken nur
als ein eigenes Werk und als eigene Triebkraft des Menschen; hinter
der Selbstverneinung, die es vollzog, stand schlielich notwendig
irgendwelche Selbstbejahung.

Am deutlichsten ist die Bewegung des Menschenlebens ber den bloen
Menschen hinaus bei der Religion, das aber sowohl im Gedankengehalt als
in der Gestaltung des Handelns. Die Religion enthlt, wie schon der
Begriff des Heiligen zeigt, einen starken Trieb, einen gewissen Bereich
vom gewhnlichen Leben abzusondern, ihn darber hinauszuheben und ihm
Verehrung darzubringen; wo sie mit ursprnglicher Kraft die Gemter
einnahm, da war sie kein bloes Hinausstrahlen menschlicher Gren und
Wnsche in das All, wie es flschlich oft dargestellt wird, sondern ein
Kampf gegen die Festlegung des Strebens bei diesen Gren und Gtern.
Xenophanes Wort, da die Menschen nach ihrem eigenen Bilde das der
Gtter gestaltet htten, stimmt nicht zur Erfahrung der Geschichte; sie
zeigt vielmehr ein Verlangen, etwas Andersartiges, etwas wesentlich
Hheres gegenber dem Menschen zu erreichen. In frheren Zeiten hat
sich das Streben dabei oft ins Ungeheuerliche verloren und Gestalten
geschaffen, die uns Spteren fratzenhaft scheinen mgen; bleibt aber
nicht auch in einem weiten Abstand, ja Gegensatz zum menschlichen
Dasein, wer bei der Gottheit etwas Reingeistiges, Ewiges, Unendliches
sucht? Daher hat die Religion, sofern sie nicht blo das Leben
angenehm umsumt und damit einer sicheren Auflsung entgegengeht,
einen herben und strengen Charakter; das Wort Niemand wird Gott
sehen und leben hat einen guten Sinn. Fr das Handeln aber bildet
in ihrem Gebiet den Zentralbegriff der des Opfers. Auch hier hat
sich im Fortgang des Lebens die Sache vom Sinnlichen ins Unsinnliche
verschoben, aber nur eine Verflachung und Verflchtigung kann das
Beharren, ja das Wachstum des Opfergedankens auf der geistigen Stufe
verkennen. Die Religion hat genau so viel Macht ber das menschliche
Seelenleben, als sie zu Opfern zu treiben vermag. Aber -- merkwrdig
genug -- bei allem, was sie an Verneinung und Entsagung fordert, haben
die Menschen in ihr die hchste Seligkeit gesucht und auch zu finden
geglaubt; konnten sie das, wenn sie nicht in ihr die letzte Tiefe ihres
eigenen Wesens zu erreichen glaubten?

Dieses Ja und Nein, dieses Stirb und Werde, was alle Verzweigung der
Lebensgebiete durchdringt, fat sich insofern auch in ein Ganzes
zusammen, als das Kulturleben der Menschheit fr jede eindringende
Betrachtung nicht ein fortlaufendes Gewebe bildet, sondern sich
in den Gegensatz einer durch die Zwecke des Menschen beherrschten
Menschenkultur und einer ihr berlegenen, ja entgegengesetzten
Geisteskultur zerlegt. Die Menschenkultur war und ist unablssig
bemht, die Geisteskultur zu sich herabzuziehen und in ihre Dienste
zu stellen, die Vorkmpfer dieser haben mit jener stets einen harten
Kampf zu bestehen gehabt, sie sind in ihm oft zu Mrtyrern geworden
und muten durchgngig ein einsames Leben fhren, aber nicht nur haben
sie die Kraft dazu und eine Freudigkeit darin gefunden, sondern sie
sind es, welche mit ihrer Belebung der Tiefen allein dem Menschenleben
eine Seele erhalten und ihm einen Sinn und Wert verleihen. Streichen
wir sie und was sie vertreten, und das Menschenleben wird ein
verworrenes Chaos, ein vergebliches Mhen, die Naturstufe wesentlich
zu berschreiten. Auch in das Dasein des Einzelnen erstreckt sich
der Gegensatz. Der naturhaften Individualitt tritt gegenber die
Persnlichkeit mit ihrer Selbstttigkeit; sie kann sich nicht ausbilden
und dem Menschen ein neues Leben erringen, ohne an jener eine scharfe
Kritik zu ben, zu sondern und auszuscheiden, sie findet dabei
mannigfachen Widerstand, den sie ohne Schmerz und Entsagung nicht
berwinden kann. Aber allem solchen Nein hlt ein Ja vollauf die Wage,
und unter vielfacher Aufopferung kann sich das Leben doch zu einem
Gewinn gestalten.

Wie haben wir dies alles zu verstehen? Wie kann im Menschen etwas
Wurzel schlagen und die bewegende Kraft seines Lebens werden, was
seiner besonderen Art so schroff widerspricht? Augenscheinlich kommt
an ihn etwas wesentlich berlegenes und hlt ihm neue Ziele vor. Aber
dies berlegene mit seinen Zielen wird zugleich zum eigenen Leben des
Menschen, es kann ihm etwas, das sein bisheriges Leben entwertet, zu
wahrem Leben werden. Wie anders klrt sich das auf, und wie anders
kann das neue Leben Kraft gewinnen als dadurch, da das Gesamtleben
mit seiner Tatwelt unmittelbar in den Menschen als eine ursprngliche
Lebensquelle gesetzt ist, da schaffendes Leben ihm unmittelbar als
sein eignes eingepflanzt wird. Eine Welt im Menschen aufbauen und von
ihr der ganzen Umwelt den Kampf ansagen lt sich nur, wenn in ihm
selbst ein Weltleben von Haus aus angelegt ist; das kann aber nur
durch eine Erffnung, eine Schpfung des Gesamt- und Urlebens in ihm
geschehen. Da er ein selbstndiger Mittelpunkt, ein geistiges Selbst,
man knnte sagen, eine geistige Energie ist oder doch werden kann, das
besagt offenbar ein Gesetztsein, eine Tat, die nur aus dem Gesamtleben
stammen kann und daher stets an diesem hngt. Das stimmt zu einer
Erfahrung der Gesamtgeschichte geistigen Lebens. Denn diese zeigt,
da durchgngig den schaffenden Hhen der Menschheit das Gesetztsein
durch eine berlegene Macht und ein Getragenwerden durch sie mit voller
Klarheit gegenwrtig war. So fhlte sich das knstlerische Schaffen
groen Stiles nicht als ein bloes Erzeugnis individuellen Vermgens,
sondern als Eingebung einer hheren Macht, als eine zu Ehrfurcht und
Dank verpflichtende Gnade. Auch groe Denker muten unter einer inneren
Notwendigkeit stehen, wenn sie die Forderung einer neuen Denkart -- und
sie forderten alle eine neue Denkart, nicht blo einzelne Vernderungen
-- zuversichtlich allem entgegenstellen konnten, was von altersher
und allen anderen als sichere Wahrheit galt. Auch die Helden der Tat
pflegten sich als Werkzeuge einer hheren, wenn auch geheimnisvollen
Macht zu fhlen; sonst htten sie schwerlich den moralischen Mut zu
ihrem Handeln gefunden, das so viel Verantwortlichkeit in sich trug.
Da aber das berlegene sie mit solcher Gewalt ergreifen und der Kern
wie die treibende Kraft ihres eigenen Lebens werden konnte, das hellt
sich erst auf mit der Anerkennung dessen, da in ihnen selbst das Ganze
des hheren Lebens als eine ursprngliche Quelle gesetzt war. So nur
konnte ihnen jenes Hchste das Allernchste und Innerlichste werden,
so nur wurde das Gegrndetsein in einer hheren Ordnung mit vollster
Freiheit des Handelns vereinbar, ja eine Grundbedingung dieser, so
nur konnte Meister Eckhart sagen: Gott ist mir nher als ich mir
selber bin, und Luther bekennen, da nichts Gegenwrtigeres und
Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen denn Gott selbst und seine
Gewalt.

Es erscheint aber das Leben des Menschen mit solcher Anerkennung einer
selbstndigen Erffnung des Gesamtlebens in ihm als ein ungeheurer
Widerspruch. Der Mensch ist seiner Lebensform nach begrenzt, er kann
diese Begrenzung unmglich berspringen. Aber in dieser begrenzten
Form soll ein unendlicher Gehalt zur Entfaltung kommen. Das mu einmal
das Leben in eine unermdliche Bewegung versetzen, es lt es nicht
ruhen und rasten, es treibt ber jedes erreichte Ziel immer weiter
zu neuen Zielen. Zugleich aber ruft es ein Streben hervor, durch
Ausbildung einer Gemeinschaft und auch durch ein Zusammenwirken der
Zeiten jene naturgegebene Enge zu berwinden. Das nmlich ist der
tiefste Antrieb zur Ausbildung einer Gesellschaft und einer Geschichte
eigentmlich-menschlicher Art, da das Individuum hier ein seiner
Besonderheit und seiner Vergnglichkeit berlegenes Leben erstrebt
und damit das dem Einzelnen vllig Unmgliche wenigstens einigermaen
anzunhern sucht.

Bei allem Aufschwung bleibt aber stets die Gefahr, da das
Engmenschliche sich einschleiche und mit schillernden, zweideutigen
Formen die Bewegung zu sich zurckziehe. Das geschieht zum Beispiel oft
durch den Begriff der Persnlichkeit und die ihm gezollte Schtzung.
Persnlichkeit gehrt zu den Begriffen, bei denen sich alles Mgliche
denken lt, und bei denen daher leicht gar nichts gedacht, leicht
keine Rechenschaft gegeben wird. In diesem Begriff rinnt heute
Hheres und Niederes vielfach zusammen, man denkt oft dabei an die
Bildung eines geistigen Einzelkreises, der sich mglichst in sich
selbst befestigt und alles Erlebnis auf sich als den beherrschenden
Mittelpunkt und Selbstzweck bezieht. Bei solcher Fassung schtzt alle
Weite der Interessen nicht vor einer inneren Absonderung von der groen
Welt, einem selbstischen Sicheinspinnen in einen besonderen Kreis und
schlielich einem verfeinerten Epikureismus. Dem sei die Behauptung und
die Forderung entgegengesetzt, da das Gesamtleben den Hauptstandort zu
bilden habe, damit das Streben volle Offenheit und Weite behalte; was
an der besonderen Stelle an eigentmlichem Leben entsteht, das ist von
jenem her als seine Individualisierung und Gestaltung zu verstehen. Da
eine solche eigentmliche Gestaltung des Gesamtlebens an den einzelnen
Stellen mglich ist, und da sie gewaltige Kraft zu ben vermag, das
zeigen deutlich die groen geschichtlichen Persnlichkeiten, das wird
zur Aufgabe fr jedes Einzelleben.

So viel bleibt gewi, da das geistige Schaffen beim Menschen durch
jenes Zusammentreffen von unendlichem Gehalt und endlicher Lebensform
nicht nur in rastlose Bewegung versetzt wird, sondern da es auch
unter einander widerstreitende Richtungen gert. Einmal zwingt jene
Begrenztheit es nach geschlossenen Gestaltungen zu streben, um
zusammenfassen und bersehen zu knnen, von der anderen Seite aber
treibt die uns innewohnende Unendlichkeit zur Ablehnung aller Grenzen
und damit in das Gestaltlose, Flieende, die bloe und reine Stimmung
hinein. Da hier groe Lebenswogen gegeneinandergehen, das zeigt
besonders deutlich die Kunst mit ihrem Kampf zwischen klassischem und
romantischem Schaffen, im Grunde aber durchdringt der Gegensatz alle
Weite des Lebens.

So scheinen wir groer Unfertigkeit, ja Unsicherheit ausgeliefert.
Aber wir tun das nur fr den ersten Anblick, jede tiefere Erwgung
zeigt, da inmitten aller Unfertigkeit das Leben einen festen Halt
gewinnt und in sichere Bahnen geleitet wird, auch da jene Unfertigkeit
selbst eine unvergleichliche Gre bekundet. Jenes neue Leben in uns
kann, so sahen wir, unmglich vom Menschen selbst hervorgebracht sein;
es als sein Werk verstehen, das heit es verflachen, verkmmern,
zerstren. Ist es aber vom Gesamtleben in uns gesetzt, so erfahren wir
einmal darin, da dieses Leben eine dem Gemenge der menschlichen Welt
berlegene Wirklichkeit hat, wir erfahren aber zugleich, da es bei
dieser berlegenheit sich uns mitteilt, nicht in einzelnen Wirkungen
oder Stcken, sondern mit seiner ganzen Unendlichkeit; gerade da das
in so schroffem Gegensatz zur eigenen Lage und zum eigenen Wollen
steht, bezeugt, da sich damit eine Uroffenbarung in uns vollzieht,
ein neues Leben uns mitgeteilt, ein hohes Ziel eingeprgt wird. Es
ist nicht eigene Kraft, es ist verliehene Kraft, woraus wir streben
und wirken. Mag dabei alle nhere Ausfhrung noch so unsicher und
flieend bleiben, wir erkennen in jener Schpfung eines neuen Lebens
eine Grundtatsache, die uns allem Zweifel enthebt und zugleich das
sichere Bewutsein einer Bedeutung unseres Lebens gewhrt. Derartige
Umwlzungen und Erneuerungen liegen ber aller bloen Einbildung. Auch
gewinnen wir hier die Gewiheit, nicht blo ein Stck einer gegebenen
Welt, ein Stiftchen eines seelenlosen Mechanismus zu sein, sondern
jenes neue Leben mit seiner neuen Welt verlangt unsere Ergreifung und
Aneignung, es versichert uns damit einer Freiheit. So gewi Freiheit
ein Unding, solange wir nur ein Stck einer natrlichen Ordnung bilden,
sie wird zur unerllichen Forderung und felsenfesten Gewiheit,
sofern ein Zusammentreffen und ein Zusammensto zweier Welten in
unserem Lebensbereiche ersichtlich wird, in dem uns eine Entscheidung
auferlegt ist. Mit der Sicherheit und der Freiheit gewinnt unser
Leben aber zugleich ein hohes Ziel und eine unvergleichliche Gre.
Denn nun gilt es, an unserer Stelle das Gesamtleben auszubilden und
weiterzufhren, wir werden Mitarbeiter an der Weltbewegung, an einem
Aufstieg des Lebens, und eben darin finden wir zugleich ein echtes
Selbst. Die Tiefen des Lebens erffnen sich uns damit zu eigenem
Besitz, das Ringen nach Aneignung und Frderung seiner Unendlichkeit
kann uns eine Freudigkeit bereiten, die aller bloen Lust weitaus
berlegen ist. Gewinnt damit unser Leben in seinem Kern ein helles
Licht, so kann es ganz wohl alle Dunkelheit der Umgebung ertragen; auch
kann dann kein Zweifel darber bestehen, da es so verstanden einen
vollen Sinn und einen hohen Wert besitzt.


Hauptzge des neuen Lebens.

Die Gestaltung des Lebens, die sich fr uns ergab, in alle Breite zu
verfolgen, kann nicht unsere Aufgabe sein; wohl aber scheint es zur
Erreichung eines deutlicheren Bildes ntig, einige seiner Hauptzge
herauszuheben. Zunchst zeigte sich, da das Leben zum Selbstndigsein
nicht gelangen konnte ohne eine Aufrttelung aus dem vorgefundenen
Gemenge, ohne einen Bruch mit der nchsten Lage und das Erringen
eines neuen Standorts. Es zeigte sich, da es nicht nur einzelne
Aufgaben, sondern eine Aufgabe auch als Ganzes enthlt, es ist nicht
nur hier und da zu verbessern, es ist im Ganzen umzuwandeln. Daher
pat fr sein Grundgefge nicht der Begriff der Entwicklung als eines
sicheren, ja notwendigen Hervorgehens des Hheren aus dem Niederen,
hier verwandt fhrt er unvermeidlich unter Naturbegriffe zurck. Jener
Abbruch fordert eine Entscheidung und Tat, und zwar eine Tat, die,
wenn auch bei besonderen Temperamenten als eine pltzliche Erleuchtung
und Bekehrung erscheinend, sich nicht in den Augenblick erschpft,
sondern fortdauernder Art sein mu; denn das Neue ist dem Alten
gegenber immerfort aufrechtzuhalten, immerfort durchzusetzen. Mit
solcher Tathaltung, wie man sagen knnte, erhlt das ganze Leben einen
Charakter ethischer Art, das Ethische entwchst dabei der Einschrnkung
auf ein besonderes Gebiet und dehnt seine erhhende Kraft ber das
gesamte Leben aus, es betrifft dann keineswegs blo das Verhltnis von
Mensch zu Mensch und das dem zugewandte praktische Handeln, sondern
durch alle Verzweigung des Lebens, so auch durch das Erkennen und das
knstlerische Schaffen geht ein vlliger Gegensatz, indem entweder
vom Standort und von den Zwecken des bloen Menschen aus gehandelt
wird, oder aber darin selbstndiges Leben mit seiner neuen Welt zur
Entfaltung strebt. Demnach liegt die ethische Aufgabe nicht in einer
Reihe mit anderen, sondern als eine Wendung des Ganzen geht sie allen
anderen voran und macht ihr Gelingen erst mglich.

So gefat kann die ethische Bettigung keine Knechtung und
Herabdrckung, sondern nur eine Befreiung und Erhhung des Lebens
bedeuten. Denn bei ihr steht in Frage, da das selbstndige Leben
voll zu eigenem werde; dies aber kann nur dadurch geschehen, da das
Gesamtleben an dieser Stelle eine selbstndige Wurzel schlgt und
auch sie zur Bildung eines Selbst, zu einer Selbsterzeugung befhigt.
Diese Erzeugung eines neuen, eines geistigen Selbst ist der Punkt, an
dem das Gelingen des Lebens hngt; denn kein Streben gewinnt rechte
Kraft, das nicht als Ausdruck eines Selbst und zur Erhaltung dieses
Selbst gefhrt wird; ein Pseudoselbst, einen Selbstersatz bildet im
nchsten Lebensstande das natrliche Ich, das mit unheimlicher Macht
auch das Kulturleben ergreift und entstellt; seine Macht ist nur
dadurch zu erschttern, da dem Pseudoselbst ein echtes, ein geistiges
Selbst entgegentritt und der Bewegung die elementare Kraft und Glut
einer Selbstbehauptung verleiht. Das ist die Hauptwaffe gegen das
Scheinwesen und die Stumpfheit der Durchschnittskultur, das allein
macht ein kraftvolles Leben ohne allen Egoismus mglich. Wenn demnach
das Entstehen eines selbstndigen Lebenszentrums die Hauptsache beim
Aufstieg des neuen Lebens bildet, so erscheint dabei das Merkwrdige,
ja Wunderbare, da eben das, was gegenber der Welt und auch gegenber
der ihrer Verkettung unterliegenden Seelenlage unser Allereigenstes
und Ursprnglichstes ist und uns allein auf uns selber stellt, der
hheren Ordnung gegenber sich als ein Geschaffenes und uns Verliehenes
darstellt. So hatte Luther in seinem Gedankenkreise vllig Recht, wenn
er das, was ihm als das Innerlichste und Wesentlichste am Menschen
galt, den Glauben, in keiner Weise als ein Werk des Menschen, sondern
eine gttliche Gabe und Gnade verstand: das brige wirkt Gott mit uns
und durch uns, dies allein wirkt er in uns und ohne uns. Nur eine
flachere Fassung des Glaubens kann das Leben aus Glauben und Werken
zusammensetzen. Wir brauchen jenen Grundgedanken Luthers nur weiter
zu fassen, um ihn schlechterdings unentbehrlich zu finden. Nur er
gestattet, mit tiefer Bescheidenheit und Demut im Grunde des Lebens
eine volle Selbstndigkeit, Unerschrockenheit, ja, wenn es sein mu,
Trotz gegen alles Menschengetriebe zu verbinden.

Zur Vertiefung des Lebens, so sahen wir, mu sich notwendig eine
Gestaltung gesellen: das aufsteigende Leben mu, um volles Leben zu
werden, sich einen festen Zusammenhang, eine eigene Wirklichkeit
bilden. So gilt es durchgngig, vom neuen Leben aus einen
eigentmlichen Kreis zu bereiten unter Fhrung des Schaffens, unter
Ausfhrung durch die Arbeit. Sonst bleibt die Umwandlung bei aller
seelischen Wrme leicht ein bloer Aufschwung, der keine gengende
Kraft gegenber der Starre und Sinnlosigkeit des gewhnlichen Lebens
aufbieten kann. So bleibt namentlich auf religisem Gebiet viel
ehrliche Begeisterung ohne rechte Frucht, weil sie nicht den Weg zur
werkttigen Arbeit fand. Auch diese aber mu sich durch die Verbindung
mit dem geistigen Selbst erhhen. Denn erst diese lt sie einen
inneren Zusammenhang und eine durchgehende Beseelung gewinnen und sich
damit deutlich von aller bloen Nutzung der Krfte unterscheiden, der
ein geistiger Hintergrund fehlt.

Wie aber die Einzelstelle ihre Kraft letzthin aus dem Ganzen zu
empfangen hat, so mu auch der Fortgang ihres Lebens vom Gesamtleben
umfangen bleiben. Das um so mehr, als das Gesamtleben kein leeres Gef
ist, sondern als schaffendes bestimmte Richtungen in sich trgt und
Forderungen stellt, auch besondere Erfahrungen in Auseinandersetzung
mit der menschlichen Lage macht; diese Forderungen und Erfahrungen hat
die Einzelstelle erst herauszuarbeiten und bei sich zur Wirkung zu
bringen; ihr Geschick wie ihre Aufgabe klrt sich ihr nur vom Ganzen
her auf. Indem aber ihr Ziel und Los auf das des Ganzen aufgetragen
wird, gewinnt ihr Leben unmittelbaren Anteil an Weltgeschehnissen und
damit eine Gre; wird jene Verbindung unterbrochen und der Einzelpunkt
lediglich auf sich selbst und sein Verhltnis zur Umgebung gestellt,
so mu das Leben rasch in ein Sinken kommen; denn dann bleibt es
an den kleinmenschlichen Kreis gebannt, und aller Radikalismus,
mag er sich noch so wild geberden, der innerhalb dessen entstehen
mag, befreit nicht von jener inneren Bindung und kleinmenschlichem
Spiebrgertum. Es gibt keine Freiheit und keine Gre ohne ein
Durchdringen zu den ursprnglichen Quellen des Lebens, wie es nur durch
ein selbstndiges Aneignen des Gesamtlebens mglich wird. Demgem
haben auch die Wirklichkeiten der besonderen Kreise innerhalb der
Bewegung des Gesamtlebens zur Wirklichkeit zu verbleiben, darin ihre
Aufhellung und auch ihr Ma zu finden. Darin allein knnen sie sich
auch untereinander zu einem Lebensgewebe verbinden. So stellt sich
das Leben als eine unbegrenzte Flle von Teilwirklichkeiten innerhalb
einer Gesamtwirklichkeit dar; die Beziehung der Einzelenergie zur
Gesamtenergie hat dabei als begrndend allen Beziehungen zu den
einzelnen voranzugehen, da diese eine innere Erhhung, ja Umwandlung
erst von jener zu empfangen haben. Es hatte daher guten Grund, wenn
nicht nur groe Religionen, sondern auch philosophische Gedankenwelten
darauf bestanden, da alle Beziehungen von Mensch zu Mensch, alle
gegenseitige Liebe auf das Verhltnis zu Gott und die in ihm erwiesene
gttliche Liebe gegrndet und dadurch veredelt werde. Nur eine
solche Begrndung ergibt eine innere Gemeinschaft des Lebens und
ein gegenseitiges seelisches Verstndnis, whrend der dem bloen
Nebeneinander angehrige Mensch einer seelischen Vereinsamung nicht
entgehen kann.

Wie aber in der Kraft, so mssen auch in ihrer Arbeit die einzelnen
Lebensgebiete vom Ganzen umfangen und von ihm gerichtet bleiben,
um nicht den Zusammenhang mit den ursprnglichen Lebensquellen
zu verlieren. Die verschiedenen Lebensgebiete bedrfen das in
verschiedenem Mae, im besonderen notwendig ist die Wahrung des
Zusammenhanges den Gebieten, die als Trger geistigen Schaffens
nur dadurch eine eigentmliche Aufgabe und eine sichere Stellung
gewinnen wie die Religion, die Kunst und auch die Philosophie. Sie
alle sinken und lassen den geistigen Gehalt zugunsten technischer
Leistung verkmmern, wenn sie jenen Zusammenhang lockern oder wohl
gar verschmhen. Wie wollte zum Beispiel die Philosophie mehr werden
als eine Zusammenstellung der Einzelwissenschaften oder eine nicht
sehr fruchtbare Fachwissenschaft neben anderen, wenn sie nicht ihre
Hauptaufgabe darin fnde, die Forderungen, welche der Aufstieg des
Lebens zur Selbstndigkeit enthlt, deutlich herauszuarbeiten und sie
gegen den Widerspruch der nchsten Welt zu vertreten? Solche Fassung
macht die Einzelgebiete keineswegs zu bloen Anwendungen einer schon
gesicherten und abgeschlossenen Wahrheit, ihre besonderen Erfahrungen
und Leistungen knnen auch das Gesamtleben frdern und weiterfhren,
aber das nur unter Versetzung auf seinen Boden.

Diese Forderung eines Zusammenhanges der Einzelgebiete mit dem
Ganzen der Lebensentfaltung gibt der weltgeschichtlichen Bewegung
der Menschheit einen hohen Wert auch fr das Lebensproblem, sie
drngt zur Ausbildung einer weiteren Gegenwart gegenber der des
bloen Augenblicks. Denn den geistigen Kern jener Bewegung bildet das
Sichselbersuchen und Entfalten des Lebens; darin sind eigentmliche
Linien vorgezeichnet, Erffnungen erfolgt und Erfahrungen gemacht,
welche sich von der Zuflligkeit der Zeitlagen abzulsen vermgen,
alle weitere Bewegung begleiten und Forderungen an sie stellen; so
wenig das der Gegenwart die eigene Arbeit abnimmt, es kann sie in
dieser erheblich frdern, sofern nur im geschichtlichen Befunde eine
grndliche Scheidung von Zeitlichem und Ewigem erfolgt; eine solche
Scheidung lt sich aber nur vom Ganzen des Lebens aus vollziehen. Denn
nur bei diesem kommen wir auf den letzten Punkt der Entscheidung, nur
von hier aus wird ein endgltiges Urteil darber mglich, was von den
Erzeugnissen der bloen Zeit angehrt, und was ber sie hinaus in eine
ewige Ordnung weist.

Die durch das alles gehende Anerkennung eines Hervorgehens der Welt
und Wirklichkeit aus der eigenen Bewegung des Lebens ist das sicherste
Mittel, den Menschen von der Herrschaft des bloen Intellekts zu
befreien, wonach gerade unsere Zeit aus ganzer Seele schmachtet,
ohne es gengend erreichen zu knnen. Denn solange die Welt als eine
gegebene Wirklichkeit uns gegenbersteht, wird es immer der Intellekt
sein, der eine Verbindung mit ihr herstellt und damit die Fhrung des
Lebens an sich nimmt, erst wenn die Welt als ein Erzeugnis schaffenden
Lebens und innerhalb dieses befindlich erscheint, tritt die Tat an die
erste Stelle. Gewi wird auch bei ihr als einer geistigen das Denken
eine groe Rolle spielen, aber es bildet dann nur die Form, in der sich
das Leben entfaltet, eine Form, die eine Erfllung und Belebung erst
von dem wirklichkeitschaffenden Selbst erwartet; von diesem Selbst
abgelst werden die Erzeugnisse des Denkens bloe Schatten und das
aus diesen bestehende Reich ein Scheinersatz echter Wirklichkeit. Die
Welten aller groen Denker waren an erster Stelle Erweisungen ihres
Selbst, Erhaltungen dieses Selbst; nur das gab ihnen ihren Charakter.

Alles miteinander verlegt das Leben mehr in die Innerlichkeit zurck,
aber in eine Innerlichkeit, welche nicht nachbildender, sondern
schaffender Art ist, welche nicht neben den Dingen steht, sondern sie
aus ihrem eigenen Grunde hervorbringt. In einer solchen Innenwelt wird
fr die Einzelenergie zum Grundverhltnis des Lebens das Verhltnis zur
Gesamtenergie, nur dann vollzieht sich die gesamte Lebensentfaltung
innerhalb einer bei sich selbst befindlichen Welt, und gehrt dieser
Welt alles an, was den Grundbestand des Lebens betrifft. Hier steht in
Frage das, was in der Sprache der Religion Rettung der Seele heit. Das
besagt zugleich, da, was hier geschieht, gewonnen oder verloren wird,
an Gehalt und Wert alles andere unvergleichlich berragt, was sonst dem
Menschen zufallen und zur Aufgabe werden kann.

Eine derartige geistige Innerlichkeit kann sich aber nur behaupten
unter steter Abwehr eines Eindringens blomenschlicher Elemente und
eines Sinkens unter die Zwecke der bloen Menschen. Die Geschichte
zeigt hier einen durchgngigen Gegensatz niederer und hherer Art.
Einerseits das Streben, alle Lebensbewegung dem Wohl des bloen
Menschen dienen zu lassen und ihn in seiner natrlichen Lebenshaltung
dadurch zu strken, andererseits eine Entfaltung vom Ganzen des
Lebens her und damit eine Emporhebung ber den bloen Menschen; dort
bei aller Geschftigkeit eine innere Leere und ein Abhngigbleiben
von der menschlichen Vorstellungsweise; hier eine Herausbildung
von Lebensinhalten und das Aufnehmen eines Kampfes gegen jene
Vorstellungsweise; dort bleibt der Mensch bei allem Sichstrecken
nach auen hin im Kerne unverndert, hier heit es, ihn innerlich
zu erweitern und den Schwerpunkt seines Wesens zu verlegen. Am
deutlichsten ist dieser Gegensatz wohl bei der Religion. Denn alle
Gemeinschaft von Worten, Formeln und Einrichtungen verdeckt nicht den
weiten Abstand zwischen einer Religion, die dem Menschen, ohne ihn
wesentlich umzuwandeln, Glck und Fortbestand verheit, und einer
Religion, welche ein neues Leben verkndet und in dieses den Menschen
versetzen will. Nur so gefat kann sie als lauterer Selbstzweck wirken,
nur so auch den Vorwurf widerlegen, ein Erzeugnis blomenschlicher
Begehrung und Meinung zu sein. Denn nun wird sie aus einer
Selbsterhaltung des bloen Menschen eine Selbsterhaltung des Lebens
beim Menschen; was sie aus einer solchen an neuen Gehalten erffnet und
mit berlegener Macht an ihn bringt, das kann mit seiner Unendlichkeit,
Ewigkeit, Vollkommenheit kein Machwerk des bloen Menschen sein, das
bedeutet augenscheinlich die Erschlieung eines neuen Lebens. hnlich
steht es mit den anderen Lebensgebieten; sie muten oft genug dem
bloen Menschen dienen, aber sie verloren damit eine Selbstndigkeit,
einen inneren Zusammenhang, einen eigentmlichen Gehalt. Das
ndert sich nicht wesentlich, wenn fr den einzelnen Menschen das
Nebeneinander der Menschen, die Masse, eingesetzt wird; denn die
Summierung befreit nicht von der Abhngigkeit gegen blomenschliches
Wohl und Wehe, sie ergibt keine hheren Ziele. Hier liegt eine nicht
geringe Gefahr fr die an sich so segensreiche soziale Bewegung, sie
kann ein inneres Sinken nicht vermeiden, wenn sie als ein bloes Mittel
fr das menschliche Wohlsein behandelt, was ohne innere Zerstrung
keine solche Unterordnung vertrgt. Wo zum Beispiel das Recht in
dieser Weise behandelt wird, da verliert es alle eigentmliche Art, da
steigert es nicht den Lebensgehalt, da hrt es auf ein selbstndiges
Lebensgebiet zu sein. Das Durchschauen dieses inneren Gegensatzes einer
blomenschlichen und einer selbstndigen Behandlung der Lebensgebiete
erzeugt aber unmittelbar die Forderung, die Vermengung, die das
Durchschnittsleben beherrscht, mit aller Energie zu bekmpfen und den
Geistesgehalt der Gebiete als Glieder eines groen Lebenszusammenhanges
deutlich herauszuarbeiten.

Was die eigentmliche Art dieser Lebensbewegung an die einzelnen
Lebenstrger und Lebensbereiche an Forderungen stellt, das drfte
besonders deutlich aus der Vergleichung mit der modernen Lebensordnung
erhellen. Diese hat einen eigentmlichen Charakter vornehmlich dadurch
erhalten, da sie die Kraft zum Kern des Lebens machte und in ihrer
Entfaltung und Steigerung seine Hauptaufgabe fand, an ihre Lsung
vornehmlich Gelingen und Glck des Lebens band. So hie es beim
Individuum alle Kraft zu entfalten, so wurde in Staat und Gesellschaft
mglichst alle Kraft zur Bettigung aufgerufen und auch das gemeinsame
Wirken vornehmlich auf das Ziel der Befreiung aller Krfte gelenkt,
so wurden die verschiedenen Kulturgebiete namentlich danach geschtzt
und gestaltet, was sie der Kraftentwicklung leisteten, so bestand
selbst die Neigung, das Weltall als einen groen Kraftkomplex zu
verstehen. Mit solcher Steigerung der Kraft schien auch das Glck ins
Unermeliche zu wachsen. Die Durchfhrung dieses Strebens hat unendlich
viel Schlummerndes geweckt, Starres in Flu gebracht, uns mehr Macht
nicht nur ber die Umgebung, sondern auch ber uns selbst gegeben,
sie hat damit den Gesamtstand des Lebens betrchtlich gehoben. Aber
diese Lebensordnung der Kraftentfaltung lie auch manches verloren
gehen, sie hat eine sehr bestimmte Grenze gezeigt. Denn so notwendig
die Entwicklung der Kraft, sie ist mehr ein Mittel fr ein hheres
Ziel als ein vollgengender Selbstzweck; wird sie als ein solcher
betrachtet und behandelt, so entsteht die Gefahr, da das Leben ein
rastloses Weiter- und Weiterstreben werde, nie zu einem Ruhen in sich
selbst und daher auch nie zur Herausbildung eines Inhalts gelange,
demnach bei aller Aufregung und bei allen Erfolgen im Einzelnen als
Ganzes schlielich ins Leere verlaufe. Die Gegenwart empfindet das
schon deutlich genug, und sie empfindet zugleich die Notwendigkeit,
ber diesen Abschlu des Lebens hinauszukommen. Das kann aber nur
geschehen, wenn die Kraftentwicklung einer berlegenen Ordnung des
Beisichselbstseins des Lebens und der Inhaltsbildung eingefgt wird,
es gilt durchgngig von den bloen Kraftkomplexen zu bei sich selbst
befindlichen Lebensenergien, zu Lebenszentren zu streben, so bei allen
Lebenstrgern und in allen Lebensgebieten. Eine solche Lebensenergie
mit einem selbstndigen Zentrum mu das Individuum, mssen Staat und
Gesellschaft, mssen die einzelnen Lebensgebiete, mu schlielich
auch das Ganze des Weltalls werden. Die Bildung einer solchen Energie
fordert aber das Erringen einer inneren, der Mannigfaltigkeit
berlegenen und sie durchdringenden Einheit, das kann aber den
einzelnen Stellen nur innerhalb des Ganzen und im Schpfen aus ihm
gelingen. So gilt es durchgngig eine Wendung des Lebens nach innen,
whrend die bloe Krafterweisung es unvermeidlich nach auen kehrt und
bei sich selbst zerspaltet. Der Kulturarbeit ergeben sich damit weite
Ausblicke und fruchtbare Aufgaben, die sich hier nur andeuten lassen.

Das Erkennen einer Grundtatsache des Lebens vor aller nheren
Gestaltung vermag auch der menschlichen berzeugung einen festeren
Halt zu geben. Die nhere Durchbildung der Bewegung bringt viel
Arbeit und verwickelte Fragen mit sich, welche die Individuen und
ganze Kreise leicht weit auseinanderfhren; der Zwiespalt und Streit
lt dann leicht die Gesamtbewegung als unsicher erscheinen. Suchen
wir dagegen die erste Tatschlichkeit beim Leben selbst, arbeiten
wir sein Grundgefge heraus, so lt sich in der Ausfhrung das
Auseinandergehen und selbst der Kampf wohl ertragen, ohne da uns das
Ganze wankend wird. Das gilt zum Beispiel von der Religion. Nach der
Verschiedenheit der Individuen, der Bildungsstufen, der Kulturkreise
wird ihre Gestaltung unvermeidlich recht verschiedener Art sein; aber
wir brauchen uns dieser Spaltung nicht endgltig zu ergeben, wir knnen
uns bemhen, vom Grundbestande des Lebens her ein gemeinsames Geschehen
herauszuheben, das der Zersplitterung entgegenzuwirken vermag. Zugleich
aber auch dem Zweifel, der ber der Unfertigkeit der Durchbildung die
bewegende Kraft bersieht, welche auch den Streit erst mglich macht,
der so den Wald vor Bumen nicht sieht und eine im Flu befindliche
Bewegung nach einem starren Mastabe mit.

Eben dieses mu dabei zur Befestigung der berzeugung wirken, da
die Bewegung nicht an einzelnen Punkten hngt, sondern einen Kampf
von Ganzem zu Ganzem in sich trgt. Einzelne Vorgnge lassen sich je
nach der Fassung des Ganzen verschieden deuten und wenden, wie denn
ein starkes Mitrauen gegen sogenannte innere Erfahrungen berechtigt
ist, da der eine sie so, der andere anders zu deuten vermag; ja selbst
ganze Komplexe sind verschiedener Deutungen fhig und sehen wohl
ihre Ursprnglichkeit bestritten. Besteht doch selbst darber in der
Wissenschaft keine bereinstimmung, ob Gren wie Pflicht und Gewissen
Urphnomene oder abgeleiteter Art sind. Wird aber der Kampf von Ganzem
zu Ganzem gefhrt und die innerste Seele eingesetzt, so kommen wir auf
das letzte, das ursprngliche Geschehen; wenn irgendwo, so wird hier
unsere berzeugung eine elementare Festigkeit gewinnen. Denn hier wird
uns nicht etwas von auen her zugefhrt oder auch als ein innerer
Zustand nur wahrgenommen, sondern hier steht die Sache auf unserer
Tat und Entscheidung; es handelt sich dabei um nichts Geringeres als
um unsere geistige Selbsterhaltung, um geistiges Sein oder Nichtsein.
Diese Selbsterhaltung mit ihrer Selbstbejahung ist aber die Wurzel
aller Gewiheit, aus ihr entspringt alles Suchen einer solchen. Dabei
sei stets gegenwrtig, da, was wir einerseits als eine Grundtatsache
ergreifen, sich andererseits als eine unermeliche Aufgabe darstellt.
Denn volle Festigkeit kann uns das Leben nicht mit einem Schlage
gewinnen, sondern nur durch ein fortschreitendes Zusammenschlieen,
durch ein Wachstum in gegenseitiger Verschrnkung und Durchbildung der
Mannigfaltigkeit, das aber innerhalb eines umfassenden Selbst, das
durch alles hindurch sich entfaltet und den ganzen Umkreis beseelt.
Je mehr das Leben das Gewebe einer Wirklichkeit aus sich entwickelt,
zugleich aber ein volles Beisichselbstsein gewinnt, desto strker wird
die Befestigung; das Einzelne wird um so sicherer werden, je enger es
sich dem Ganzen verkettet, und je mehr das Leben des Ganzen in ihm
gegenwrtig ist. Wenn demnach volle Sicherheit uns Menschen als ein
hohes und fernes Ziel gelten mu, so bleibt die Bewegung zu diesem
Ziele mit ihrer berlegenheit gegen alle menschliche Willkr eine
Tatsache ursprnglicher und unbestreitbarer Art; wir knnten jenes Ziel
nicht suchen, nicht unsere Seele daran setzen, wirkte es nicht von
vornherein als treibende Kraft in uns; das aber kann es nicht, ohne
irgendwie in uns selbst gegrndet zu sein.

Was so vom Ganzen des Lebens gilt, das gilt auch von seinen einzelnen
Trgern: auch die Kulturepochen, die Vlker, die Individuen erlangen
eine Festigkeit der berzeugung und eine Sicherheit des Weges nicht
durch angestrengtes Grbeln, hinter das immer wieder ein neues Grbeln
treten kann, sondern nur durch einen inneren Zusammenschlu ihres
Lebens und seine Lagerung um einen beherrschenden Mittelpunkt; nur das
verscheucht den Zweifel und gibt dem Handeln eine freudige Zuversicht,
nur von hier aus wird uns das Leben aus halber zu voller Wirklichkeit.


Geistiges Leben und menschliche Lage.

Da ein neues Leben in der Menschheit und auch beim einzelnen Menschen
erwacht, sie ber den nchsten Stand hinaustreibt und dafr eine groe
Wendung fordert, das spricht zu uns mit zu viel Tatschlichkeit, um
sich bestreiten zu lassen. Aber zugleich ist nicht zu verkennen, da
nicht das gesamte Leben in diese Bewegung aufgeht, da das Dasein mit
seinen eigentmlichen Lebensformen ihr gegenber beharrt, da damit
das Ganze des Lebens unter einen Widerspruch gert. Selbstndiges
Leben fordert eine berlegenheit gegen Raum und Zeit, der Mensch des
Daseins bleibt streng an diese gebunden; jenes entwickelt ein Ganzes
der Gedankenwelt, das menschliche Leben verluft in der Flche des
Bewutseins mit seiner begrenzten Fassungskraft und seiner unablssigen
Vernderung; inmitten alles geistigen Aufschwungs beharren die
Bedrfnisse der natrlichen Selbsterhaltung mit starkem Zwange; eine
Losreiung vom gesellschaftlichen Durchschnitt, ja ein Kampf gegen ihn
erwies sich als unentbehrlich, und doch bleibt der Mensch ein Stck von
jenem und mu hier seine Stellung wahren. So behauptet sich das Dasein,
das von der Tatwelt aus als eine niedere Stufe erschien, mit zher
Kraft ihr gegenber und macht eigentmliche Rechte geltend. Ein solcher
Stand der Dinge mu den Menschen in starke Unruhe versetzen, er hat
ihn auf weit abweichende Bahnen getrieben.

Als einfachster Weg zur Lsung der Verwicklung konnte aufstrebenden
Seelen und Zeiten das Unternehmen erscheinen, die niedere Welt vllig
abzustoen und den ganzen Umfang des Lebens von der in khnem Sturm
gewonnenen Hhe aus zu entwickeln. So ward es in der Religion, so
in der Moral, so auch in der Philosophie gewagt. Aber berall hat
sich gezeigt, da solche Ablsung von der Erfahrungswelt, solcher
Versuch, alle Wirklichkeit von innen her zu erzeugen, unberwindliche
Widerstnde fand und das Geistesleben selbst mit Verarmung bedrohte.
So geschah es der Mystik, wenn sie sich nicht damit begngte, eine
allumfassende Einheit zu verknden und ihre Gegenwart an jeder
Stelle zu fordern, sondern wenn sie alle Mannigfaltigkeit zu bloem
Scheine herabsetzen wollte; denn unrettbar verfiel sie dabei in
ein Gefhlsleben vllig gestaltloser Art, und sah sie sich vom
hchsten Aufschwung oft in einen Stand gnzlicher Verlassenheit
zurckgeschleudert. hnliches erfuhr die Moral, wenn sie die notwendige
Begrndung des Handelns auf das alle Mannigfaltigkeit tragende
Gesamtleben so verstand, da nun alle Befassung mit menschlichen
Angelegenheiten als ein Raub am Hchsten erschien; denn so kamen
Gottesliebe und Menschenliebe in einen schroffen Widerspruch, und jene
Gottesliebe selbst drohte erzwungen und innerlich leer zu werden.
Auch die Philosophie hat die notwendige berlegenheit des Denkens
wohl dahin berspannt, aus seiner Bewegung die ganze Wirklichkeit
entspringen zu lassen, sie hat diese aber damit in ein Gewebe formaler
Gren verwandelt; sie htte das noch mehr getan, wre ihrer Arbeit
nicht immerfort aus der Erfahrungswelt eine versteckte Ergnzung
zugeflossen. Demnach mu berall die geistige Bewegung allerdings
volle Selbstndigkeit erreichen und ihre berlegenheit wahren, aber
unmittelbar aus eigenem Vermgen kommt sie ber Entwrfe und Umrisse
nicht hinaus, auch gewinnt sie damit nicht die erforderliche Kraft,
um die harten Widerstnde zu brechen. Das Dasein ist keineswegs blo
etwas Niederes, ber das sich ohne Verlust hinweggehen liee, sondern
in ihm stecken Tatsachen, deren Ergreifung der geistigen Bewegung
erst eine genauere Richtung gibt, in ihm stecken Krfte, die gewonnen
sein wollen, damit das geistige Leben die notwendige Strke erhalte.
Freilich wird sich dabei nicht einfach aufnehmen lassen, die Aneignung
mu zugleich eine Umwandlung sein, aber es bleibt die Forderung
einer Ergnzung des Lebens von dorther. Das bildet eine entschiedene
Wendung und einen erheblichen Fortschritt der Neuzeit, da sie das
Dasein keineswegs blo als ein niederes, fr das geistige Leben
gleichgltiges, ja gefhrliches Gebiet behandelt, da sie vielmehr auf
die Notwendigkeit dringt, sich unbefangen auch in jenes zu versetzen
und es fr das Hauptziel zu verwerten. Vorher hatte das Bestehen auf
einen aller individuellen Willkr berlegenen Gesamtstand die einzelnen
Menschen und auch die einzelnen Lebensgebiete von vornherein als
Glieder eines Ganzen behandelt und jede Selbstndigkeit ihm gegenber
zu einem Unrecht gestempelt, jetzt haben wir uns berzeugt, da das
Gelingen des Ganzen selbst einer freieren Entwicklung der Elemente
bedarf; frher ging das Streben auf eine zeitberlegene Ordnung, die
alle Vernderung zu etwas Niederem, ja Verwerflichem herabsetzte und
damit der Geschichte nur eine untergeordnete Stellung zuwies, die
Neuzeit brachte zur Geltung, da sich uns Menschen viel Wertvolles, ja
Unentbehrliches nur mit Hilfe der Bewegung zu erffnen vermag, obschon
es selbst der Bewegung berlegen ist, sie erhob damit die Geschichte zu
einer wesentlichen Seite des Lebens; die sinnliche Welt schien vorher
durchaus untergeordnet und das Streben nach sinnlichen Gtern als ein
Ausdruck niedriger Gesinnung, der Neuzeit hat sich herausgestellt, da
das Leben der Erfahrungen der sinnlichen Welt zur eigenen Weiterbildung
bedarf, und da die sinnlichen Gter auch die seelische Kraft zu
steigern vermgen. So wird durchgngig dem Dasein ein hherer Wert
zuerkannt und der Tatwelt seine Aneignung geboten.

Solches Angewiesensein der Tatwelt auf das Dasein bringt aber manche
Fragen mit sich und legt Wendungen nahe, die das menschliche Leben
auf eine falsche Bahn verleiten. Vornehmlich diese Wendung, da, was
das Dasein in der Beleuchtung und der Behandlung von der Tatwelt aus
leistet, als sein eigenes Werk erachtet, der Tatwelt aber damit alle
Selbstndigkeit abgesprochen wird. So geschieht es, wenn man glaubt,
aus bloer Erfahrung ein Ganzes der Erkenntnis gewinnen zu knnen,
da die Bildung einer Erfahrung selbst das Wirken des Denkens fordert
und damit die Tatwelt voraussetzt; so geschieht es weiter, wenn der
Naturalismus ein wissenschaftliches Bild der Natur, eine Umsetzung der
sinnlichen Eindrcke in Gedankengren, aus sich zu gewinnen hofft,
da jenes Bild von der Tatwelt aus entworfen wird; hierher gehrt es
auch, wenn eine flachere Fassung der Sozialethik das blomenschliche
Zusammensein Moral erzeugen lt, da ohne eine Ursprnglichkeit
der Moral jenes Zusammensein nun und nimmer eine Wendung zur Moral
vollziehen knnte. Es kann aber solche Verkehrung nicht die zweite
Stelle zur ersten machen, ohne da der Bestand des Lebens in ein jhes
Sinken gert; so erklrt sich vollauf der Ernst, ja die Leidenschaft
des um diese Fragen gefhrten Kampfes.

Minder stark ist die Irrung, aber es bleibt eben bei der Verfeinerung
eine gefhrliche Irrung, den Bestand des Lebens aus Tatwelt und Dasein
zusammenzusetzen, etwa das Erkennen aus Denken und Sinnlichkeit.
Denn einmal erzeugt eine solche Zusammensetzung unvermeidlich einen
Streit darber, welche der beiden Seiten die wichtigere sei und das
Ma zu geben habe, wie das zum Beispiel der Streit des Idealismus
und des Realismus um das Verstndnis Kants mit voller Deutlichkeit
zeigt; dann aber erreicht eine bloe Zusammensetzung nie eine innere
Einheit und daher auch kein volles Leben. Von altersher bis in die
Neuzeit hinein ward versucht, das Leben aus einem Zusammenwirken von
Stoff und Form zu erklren, aber das gengt nicht einmal fr die
Kunst, die jener Versuch zunchst im Auge hatte. Denn Form und Stoff
ergeben miteinander keineswegs schon ein lebensvolles Kunstwerk; sonst
wrde ja die akademische Kunst den Gipfel aller Kunst bedeuten.
Noch weniger ergibt die peinlichste Anwendung von Denkgesetzen auf
den Stoff der Erfahrung eine lebendige Wissenschaft, am wenigsten
aber die gewissenhafteste Anwendung moralischer Regeln auf die Flle
der Lebenslagen die lebendige Selbstentfaltung einer Persnlichkeit.
Freilich mu dem Dasein eine gewisse Selbstndigkeit zuerkannt
werden, aber es ist auf den Boden des Hheren zu versetzen und hier
umzugestalten, um das Ganze des Lebens weiterzufhren. So ist, wenn
die Kunst eines Goethe Inneres und ueres untrennbar miteinander
verbindet, das keine Zusammensetzung aus gleichwertigen Faktoren,
auch kein bloer Parallelismus, sondern das Innere bleibt berlegen,
es zieht das uere an sich und teilt ihm seine Seele mit, es selbst
aber findet erst in der Darstellung nach auen seine Durchbildung und
Vollendung. Demnach ist die Lebensbewegung anders zu verstehen als eine
Zusammensetzung von Form und Stoff oder auch von Kraft und Gegenstand.
Eine Erhebung ber den Gegensatz mu schon in der Tatwelt durch ein
vollttiges Schaffen erfolgen; dieses bleibt nur insofern begrenzt, als
es unmittelbar aus sich selbst nur die Grundlinien festzustellen, nur
den Umri zu entwerfen vermag; eben darin enthlt es auch einen Antrieb
zur Weitergestaltung. Dieser ist aber nur zu befriedigen, indem das
Dasein auf den Boden der Tatwelt gezogen wird und Anhaltspunkte fr
die erstrebte Weiterbildung gewhrt, aber so gewi damit die Tatwelt
eine gewisse Bindung erfhrt, sie ist es, in deren Bereich der Aufstieg
erfolgt. Zur ersten Aufgabe wird damit, die Wirklichkeitslinien und
Umrisse feststellen, welche die Tatwelt aus sich hervorbringt, erst
das ruft eine Bewegung hervor und stellt Fragen an das Dasein, deren
Beantwortung das Leben weiterzubilden vermag.

Immerhin behlt auch bei solcher Unterordnung das Dasein eine gewisse
Selbstndigkeit, das Leben aber bekommt zwei Ausgangspunkte, die
sich nicht miteinander vermengen drfen. Nur wenn das Dasein eine
unbefangene Betrachtung und Wrdigung findet, kann es seinen vollen
Beitrag zum Gelingen des Lebens liefern. So wenig damit unser Leben im
Grunde zwiespltig wird, es behlt eine Abstufung in sich selbst, und
es kann auf gewisse Fragen keine schlechthin einfache Antwort geben.
Nehmen wir zum Beispiel die Frage des Glcks. Gewi knnen wir den Kern
unseres Glckes nur in dem Gewinn eines selbstndigen Lebens suchen,
aber auch als Teilhaber einer Geisteswelt bleiben wir Menschen zugleich
Wesen von Fleisch und Blut sowie Brger eines gesellschaftlichen
Zusammenseins; auch hier steht ein Gelingen oder Milingen in Frage,
wir knnen, wir drfen, was hier geschieht, nicht als gleichgltig
von uns weisen, wir knnen das nicht, weil es tatschlich in den
Gesamtstand des Lebens eingreift, wir drfen es nicht, weil durch
eine Miachtung dessen, was hier geschieht, auch der innere Bestand
des Lebens Schaden leidet. Mit einem solchen Auseinanderhalten der
Ausgangspunkte braucht aber das Leben selbst nicht auseinanderzufallen,
es wird das nicht tun, solange die berlegenheit der Tatwelt
voll gewahrt wird. Freilich liegt hier die Mglichkeit schwerer
Verwicklungen nahe, und da es nicht bei der bloen Mglichkeit bleibt,
das wird uns bald zu beschftigen haben.

Zum Abschlu dieser Betrachtung sei nur noch dieses bemerkt, da eben
das Auseinanderhalten von Tatwelt und Dasein es mglich macht, den
verschiedenen Lebensordnungen, die heute sich gegeneinander stellen,
ein gewisses Recht zuzuerkennen, ohne sie durch einen flachen Ausgleich
nur aneinanderzukleben, es mglich macht, die Gegenstze vollauf
anzuerkennen und ihnen dabei berlegen zu bleiben. Die Lebensordnungen
der unsichtbaren Welt verfechten das hhere Recht der Tatwelt und sind
darin unangreifbar; sie knnen aber ins Unrecht geraten und vermgen
ihren Idealismus nicht vollauf durchzubilden, wenn sie das Dasein
miachten und damit auf die Hilfen verzichten, die sie fr ihre eigenen
Zwecke aus ihm gewinnen knnten. Die Lebensordnungen der sichtbaren
Welt sind demgegenber im Recht mit dem Ausweis, da sie nicht blo
einzelne Daten, sondern ganze Seiten des menschlichen Lebens vertreten,
die als Charakterzge auch in sein Gesamtbild strker einflieen
mssen, als es in frheren Zeiten geschah. Wir haben innerhalb des
Idealismus realistischer zu denken, ohne damit dem Widersinn eines
Realidealismus zu verfallen.

Auch die Verzweigung innerhalb der beiden Hauptrichtungen ist aus
dem Zusammenhange unserer Betrachtung ganz wohl zu verstehen und zu
wrdigen. Er macht begreiflich, da das geistige Leben einerseits alle
Ausbreitung zurckstellen und sich in sich selbst befestigen mu, um
eine sichere Weltberlegenheit und ein volles Beisichselbstsein zu
finden, da andererseits aber zu seiner Durchbildung die Entfaltung
zu einer Welt schlechterdings unentbehrlich ist. Ganze Lebensgebiete
folgen mehr der einen oder der anderen Richtung und bekennen damit eine
berzeugung vom Ganzen; die einen beherrscht der Kontrast, die anderen
der Zusammenhang der Wirklichkeit. Jenes geschieht bei der Religion
und auch bei der Moral, wo sie in strengem Sinne genommen wird, mit
ihrer Schrfung des Gegensatzes rtteln sie auf und treiben sie das
Leben weiter; dieses geschieht bei der Kunst und der Wissenschaft,
sie wirken damit zur Verbindung und zugleich zur Befestigung des
Lebens. Ein berwiegen jener droht das Leben zu sehr im bloen Umri
zu halten und die durchbildende Kraft der Arbeit zu unterschtzen, ein
berwiegen dieser hemmt leicht die volle Anerkennung der Tiefen und
auch der Abgrnde des Lebens. Wie die menschliche Lage einmal ist,
mssen die beiden Strme eine gewisse Selbstndigkeit gegeneinander
bewahren, um ihre Eigentmlichkeit und ihre Kraft voll erweisen zu
knnen. Wenn demnach alles Ineinanderflieen fernzuhalten ist, so
darf auch die Erhebung ber die Welt nicht so verstanden werden, da
sie nur vorgenommen wird, um der Welt mehr Gehalt bei sich selbst zu
geben. Die berlegenheit darf kein bloer Durchgangspunkt sein, sie
ist auch bei krftiger Erfassung der Welt festzuhalten, damit nicht
ein Pantheismus entstehe, der zugleich verneint und bejaht und daher
nur eine bergangserscheinung sein kann. Auch die Lebensordnungen
der sichtbaren Welt werden gegenseitig ihre Grenze zu wahren haben;
die Natur mit ihrer reinen Tatschlichkeit und ihrer durchgehenden
Verkettung, und das Menschenleben mit seinem unablssigen Weiterstreben
und seinen schroffen Gegenstzen drfen nicht ineinander verflieen.
Das ist es, was den Positivismus eines Comte zu einem durchgehenden
Widerspruch macht, da er einmal in naturwissenschaftlicher Denkart
eine bloe Schilderung, eine Beschreibung des Tatbestandes sein
will, andererseits aber mit hchstem Eifer eingreifende Wandlungen
des gesellschaftlichen Zusammenseins fordert. An solchem Widerspruch
leidet auch die Soziologie, indem sie das Leben der Gesellschaft unter
Naturgesetze stellt, aber es zugleich wesentlich umbilden will.

So ist es als eine Eigentmlichkeit der menschlichen Lage
anzuerkennen, da das Leben sich vollauf zu entfalten nur vermag,
indem es verschiedenen Strmen eine gewisse Selbstndigkeit gewhrt.
Zugleich freilich ist mit grtem Nachdruck zu fordern, da ein
Ganzes des Lebens den einzelnen Strmen berlegen bleibe und ihre
besonderen Erfahrungen in eine Gesamterfahrung verbinde, die aus
ihnen erwachsenden Lebensbilder an einem Gesamtbilde prfe und
daraus berichtige. Das kann nur geschehen, wenn ein der Verzweigung
berlegener Standort gewonnen und zugleich das Lebensproblem weiter
zurckverlegt wird. Das wird aber mglich, wenn die Bildung eines
selbstndigen schaffenden Lebens im Bereich des Menschen zum Problem
der Probleme wird, wenn die Frage des Lebens berhaupt vor alle Fragen
der besonderen Gestaltung tritt. Zur Aufgabe wird damit, jeden
einzelnen Strom auf den Punkt zurckzufhren, wo er aus dem Ganzen
hervorbricht, und seine Bedeutung danach zu messen, was er fr das
Ganze des Lebens leistet. Auch das stellt Aufgaben ber Aufgaben, und
es erscheint auch von hier aus unser menschliches Leben als mitten
im Werden begriffen und daher als hchst unfertiger Art. Aber warum
sollte uns das erschrecken und niederdrcken, wenn nur feststeht,
da Bedeutendes bei uns vorgeht, und da die Sache hoch ber aller
menschlichen Willkr liegt. Und darber kann nicht wohl ein Zweifel
sein.




Auseinandersetzung mit der Welt und der Lage des Menschen.


Bisher hatten wir ein Gesamtbild des Lebens entworfen, ohne die Frage
zu stellen, wie weit unser menschlicher Bereich es zur Ausfhrung
bringt, was er an Hemmungen, aber auch an berwindungen enthlt. Nun
aber gilt es sich auch damit zu befassen; wir werden dabei nicht nur
einen eigentmlichen Tatbestand finden, wir werden im Bilde des Lebens
selbst weitere Zge entdecken. Es erwachsen aber Hemmungen vornehmlich
in dreifacher Richtung: aus der bermacht der Natur, aus der
Unsicherheit des Geisteslebens, aus der Unlauterkeit und dem inneren
Widerspruch des menschlichen Standes. Diese Punkte wollen gesondert
behandelt sein.


Die bermacht der Natur.

Verhlt sich Geistesleben und Natur, wie unser Lebensbild behauptet,
wie eine hhere und niedere Stufe, so wre zu erwarten, da die
Natur durchgngig sich unterordnete und einen Zusammenhang mit dem
Geistesleben zeigte. Dem aber widerspricht zunchst die Unermelichkeit
der Natur, der gegenber, was in der Menschheit an geistiger Art
erscheint, zu winziger Kleinheit herabsinkt. Es klingt vermessen, ein
so Verschwindendes fr den Kern der Wirklichkeit auszugeben. Weiter
aber scheint der Natur alle Verknpfung mit dem Geistesleben zu fehlen.
Frhere Zeiten haben wohl gewagt, eine solche aufzuweisen, so glaubte
das Mittelalter in der Pflanzen- und Tierwelt durchgngig Hinweise auf
das Leben, Leiden und Auferstehen Jesu zu entdecken, eine sinnbildliche
Deutung wob ein Band zwischen der Auen- und der Innenwelt. Wie fern
ist uns heute, schon durch die unermeliche Erweiterung der Natur ins
Groe wie ins Kleine hinein, diese Denkart gerckt! Nach dem jetzigen
Bilde scheint die Natur ganz und gar in sich selbst zu ruhen und bei
sich selbst zu verlaufen, scheint auch das Gebiet organischer Bildung
nicht ber sich selbst hinauszuweisen. Welche Beziehung knnte zum
Beispiel die wunderbare Lebensflle und der erstaunliche Formenreichtum
der Tiefseewelt zur Entwicklung des Geisteslebens haben? Wohl fhrt
in der Natur ein Strang zu der Hhe, wo sich solches Leben entfaltet,
aber dieser Strang ist nur einer neben vielen anderen, die sich an
mannigfachen Stellen abzweigen und ohne irgendwelchen Zusammenhang mit
jenem Leben verlaufen. Wie ein dunkles Rtsel steht vor uns das Ganze
der Natur. Ein Aufstieg der Bildung und des Lebens ist unverkennbar,
aber er erfolgt unter harten Widerstnden und so, da das Hhere streng
an die niederen Stufen gebunden bleibt. Schwerlich wird die Natur sich
letzthin mechanisch erklren lassen, die Anerkennung bildender Krfte
aber macht es zu einem rtselhaften Widerspruch, da vielfach die Natur
die Wesen gegen einander hetzt und sie auf gegenseitige Zerstrung
anweist; indem sie die Angriffswaffen des einen, die Schutzwehr
des anderen verstrkt, scheint sie sich selbst entgegenzuwirken.
Zweckmigkeit an den einzelnen Stellen, aber kein erkennbarer Zweck
im Ganzen. So bleibt zunchst vllig unklar, wie das Geistesleben eine
innere Verbindung mit diesem Reiche haben knnte; hat es sie aber
nicht, so scheint es vereinsamt in dem unermelichen All, dessen Seele
zu sein es behauptet.

Dazu zeigt sich der Lauf der groen Welt, dem auch wir aufs engste
verflochten sind, vllig gleichgltig gegen unser Ergehen; von
altersher hat den Menschen die Wahrnehmung beschftigt, aufgeregt und
wohl gar zur Verzweiflung getrieben, da das, was ihm von innen her
als das Hchste gilt und woran er sein Hauptstreben setzt, im Ganzen
der Welt aller Schtzung und Bedeutung zu entbehren scheint; wie im
Spiel zerstrt die Natur, sei es in langsamer Verzehrung, sei es in
gewaltigen Umwlzungen, was geistig von hchstem Werte ist, sie kennt
kein gut oder bse, ihr gilt kein Unterschied. Es hat nicht an Bemhung
gefehlt, den Widerspruch wegzudeuten und nachzuweisen, da mit jenem
Befunde ein Reich der Gerechtigkeit und sittlichen Ordnung, ja der
Liebe und gtigen Vorsehung, wohl vereinbar sei, aber mochten weite
Kreise und lange Epochen in solchen Gedankengngen eine Befriedigung
finden, die Menschheit ist aus einer solchen immer wieder aufgescheucht
und von dem Zweifel befallen, ob jene Ausgleichung nicht eine bloe
Ausrede sei, ein Erzeugnis bloer Wnsche und Trume.

Dazu unterliegt der Mensch nicht nur nach auen hin, sondern auch im
eigenen Bereich der Herrschaft der Natur. Alle Entfaltung seelischen
Lebens bei ihm zeigt eine solche Abhngigkeit von krperlichen
Zustnden und Vorgngen, da versucht werden konnte, sie ganz und
gar darauf zurckzufhren. Auch in das Handeln reicht solche Bindung
hinein. Denn das Sinnliche nimmt in ihm eine berragende Stellung
ein; statt geistigen Zwecken zu dienen, bemchtigt es sich der
seelischen Krfte, das aber ber den eigenen Entschlu der Menschen
hinaus, aus bitterem Zwange der Notwendigkeit. Wie die Menschheit
sich im Durchschnitt der Erfahrung ausnimmt, wird die natrliche
Selbsterhaltung des Individuums wie der Gesellschaft der beherrschende
Haupttrieb des Lebens. Unablssig haben wir um die Behauptung unseres
Daseins zu kmpfen, und zwar so hart, da diese Aufgabe oft das ganze
Streben einnimmt, das nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei
den Vlkern und der gesamten Menschheit. Nicht die Ideen, sondern
die Interessen, und zwar die materiellen Interessen, beherrschen den
Durchschnitt des menschlichen Daseins. Wie sehr sie auch bei groen
geschichtlichen Wendungen, zum Beispiel bei religisen Umwlzungen,
im Spiele sind, das hat eben die neueste Zeit mit ihrer Hervorkehrung
der konomischen Betrachtungsweise anzuerkennen gezwungen. Dabei
mssen wir zugestehen, da der Kampf mit seiner harten Not und seiner
Aufrttelung der Krfte fr den Menschen, wie er nun einmal ist,
sich nicht entbehren lt; blogeistige Ziele bewegen ihn viel zu
wenig, ein sorgenfreies Leben wrde fr die meisten ein trges und
schlaffes werden. Dazu kommt die Selbsterhaltung der Gattung mit ihrer
Voranstellung der geschlechtlichen Seite des Lebens. Mit Unrecht
hat eine ltere Denkart unter dem Einflu theologischer Dogmen der
Menschheit den Geschlechtstrieb als eine sittliche Schuld aufgebrdet,
da vielmehr der Zwang der Natur ihn ihr eingepflanzt hat und er fr ihr
Fortbestehen durchaus unentbehrlich ist. Demnach erscheint durchgngig
die sinnliche Lebenserhaltung als die strkste Macht im menschlichen
Dasein, und es behlt Schiller Recht mit dem Wort, da Hunger und Liebe
die Welt regieren. Von hier aus mag alles geistige Leben eine bloe
Nebensache scheinen, die anderen Zwecken zu dienen hat.

Solchem bergewicht des Sinnlichen entspricht die Tatsache, da die
Formen des natrlichen Daseins in Raum und Zeit, die das schaffende
Leben berwinden wollte, in Wahrheit beharren und unser Streben
beherrschen. Das bloe Nebeneinander des sinnlichen Daseins umfngt
uns mit starrer Tatschlichkeit und isoliert den einen gegen den
anderen, whrend alle Entfaltung geistigen Lebens ein Wirken aus dem
Ganzen verlangt; nicht minder befinden wir uns in dem Nacheinander der
Zeit, wo keine Leistung und kein Zustand beharrt, vielmehr alles fliet
und der Wandel der Dinge leicht das heutige Recht morgen in Unrecht
verkehrt. Einen wie raschen Wechsel der Ziele, der berzeugungen und
des Geschmackes zeigt das menschliche Dasein, whrend das geistige
Schaffen seinen Gehalt als zeitberlegen gibt und auf solcher Forderung
bestehen mu, um seine Kraft voll einzusetzen.

Das alles lt sich nicht leugnen, noch auch beiseite schieben, es
bleibt bei der Tatsache, da geistiges Leben bei uns Menschen in
starker Abhngigkeit steht und sich oft recht kmmerlich ausnimmt. Das
anerkennen heit aber keineswegs einem endgltigen Nein unterliegen.
Dem widersteht schon die Tatsache, da inmitten unseres Daseins weit
ber die bewute Absicht des Menschen hinaus eine Weiterbewegung gegen
die bloe Natur und ihre Mae im Gange ist. Denn vielfache Erfahrung
zeigt, da, was der Mensch unter dem Zwange der Not und seiner
Selbsterhaltung wegen ergriff, sich ihm durch den eigenen Verlauf des
Lebens verwandelt und veredelt: was zunchst nur uerlich war, das
wird ins Innere gewandt; was als bloes Mittel diente, das gewinnt
einen Wert bei sich selbst; auf solchem Wege erfolgt durch die ganze
Weite und Breite des Lebens ein Aufstieg zu geistiger Hhe.

Betrachten wir die persnlichen Verhltnisse von Mensch zu Mensch
in Liebe und Freundschaft. Was Liebe genannt wird, ist zunchst dem
Naturtrieb verwachsen und oft recht flacher Art, es trgt geistige
Zge nur nebenbei, der andere Mensch erscheint vornehmlich als ein
Mittel zur Erhhung des eigenen Wohlseins. Aber im Zusammensein
vollzieht sich nach und nach eine Wendung dahin, da jener auch bei
sich selbst einen Wert erhlt, und da der Frderung seines Wohles das
Ich sich unterordnen, ja aufopfern kann, da unter Durchbrechung der
anfnglichen Enge eine innere Erweiterung des Lebens erfolgt. Nicht
anders steht es mit der Freundschaft. uere Grnde der Ntzlichkeit
und der Annehmlichkeit pflegen die Menschen zusammenzufhren, es ist
meist eine Gemeinschaft der Zwecke, welche sie zusammenhlt. Aber bei
einiger Dauer pflegt das gegenseitige Verhltnis sich ins Innere zu
wenden, und jedes Glied eine innere Teilnahme, ja Freude am anderen
auszubilden. Schon Aristoteles hat geschildert, wie der Verlauf des
Lebens aus dem zunchst blo Ntzlichen und Angenehmen etwas an sich
Wertvolles, etwas Gutes bereitet, und wie damit der Mensch seinen
eigenen Beweggrnden entwchst, wie hier nach dem Ausspruch des Denkers
auch in dem Menschen niederer Art etwas Gttliches wirkt, das strker
ist als er selbst.

Auch unser Verhltnis zu den Gegenstnden, mit denen unsere Arbeit zu
tun hat, nimmt teil an solcher Erhhung. Wir pflegen die Arbeit um der
Selbsterhaltung willen aufzunehmen, in der Not des Kampfes ums Dasein
mssen wir notgedrungen einen Lohn fr sie verlangen; die Sache mag uns
dabei zunchst vllig gleichgltig sein. Aber nach und nach wird uns
die Arbeit durch ihren eigenen Gehalt lieb und wert, ihr Fortgang wird
zur Herzenssache, die Sorge um ihr Gelingen lt uns willig groe Mhen
und Opfer ertragen. Das namentlich, wenn sich die Arbeit ber einzelne
Leistungen hinaus zur Lebensarbeit steigert, einen eigentmlichen
Beruf erzeugt und damit allem Handeln eine beharrende Richtung gibt.
Das widersteht mit besonderer Strke einem Beharren bei kleinlicher
Selbstsucht und wirkt zur inneren Erhhung des Lebens.

Wie so im Verhltnis zu Menschen und Gegenstnden das Leben vom ueren
ins Innere, vom Natrlichen ins Geistige bergeleitet wird, so trgt
der Einzelne auch in seiner eigenen Seele eine Macht, die ihn vorwrts
treibt. Das ist die Besonderheit seiner Art, seine Individualitt.
Sie ist zunchst eine Gabe der Natur, in der Niederes und Hheres
zusammenfliet; diesen Befund zu wahren und durchzusetzen entspricht
dem Naturtrieb der Selbsterhaltung und gewinnt daher leicht die Neigung
des Menschen. Aber die Bewegung, die damit in Flu kommt, fhrt
immer mehr und mehr ber den Anfang hinaus, es drngt den Menschen
dahin, jenen Kreis enger zusammenzuschlieen, einen beherrschenden
Mittelpunkt auszubilden, Haupt- und Nebensachen zu scheiden; je mehr
das gelingt, desto deutlicher wird eine Hauptrichtung ersichtlich und
wird die Wendung von einem niederen Selbst der Natur zu einem hheren
des Geistes gefrdert. Die individuelle Art erscheint damit als ein
Pfeiler, an dem sich das Leben in die Hhe rankt.

Auch das menschliche Zusammenleben zeigt einen hnlichen Aufstieg vom
Niederen zum Hheren, ein Hinauswachsen des Menschen ber seine eigenen
Triebe. So in der Verbindung der einzelnen Krfte. Zunchst ist es
das uere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche
die Menschen zusammenfhren und zu kleineren oder greren Gruppen
verbinden. Aber nun ergibt die Verbindung gemeinsame Erfahrungen und
Kmpfe, gemeinsame Erfolge und Leiden; sowenig daraus unmittelbar eine
innere Gemeinschaft hervorgeht, eine solche wird durch den gemeinsamen
Besitz doch vorbereitet, es werden Anhaltspunkte gewonnen, die einem
Leben aus dem Ganzen entgegenkommen. So wird, was Volk und Vaterland
auf der Stufe des geistigen Lebens dem Menschen bedeuten knnen, auch
durch die natrliche Entwicklung angebahnt.

hnliches erfahren wir gegenber der Zeit mit ihrem Nacheinander.
Denn gegenber dem bloen Nacheinander bildet das gesellschaftliche
Leben beharrende Zge und Lagen aus, die sich von der geistigen Arbeit
aneignen und einer neuen Stufe zufhren lassen. Es erscheint damit eine
gewisse Vermittlung zwischen der bloen Zeit, die das nchste Dasein
beherrscht, und der Ewigkeit, die das geistige Schaffen fordert.

Demnach erweist schon im Bereich des Daseins das Leben selbst ein
erziehendes Wirken. Wir verstehen von hier aus, wie Plato von einer
dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach Ewigkeit reden und eine
Stufenleiter des Strebens im Weltall aufsuchen konnte; nur sei das
nicht als ein bloes Hervorgehen aus der Natur verstanden, sondern als
eine Emporhebung durch die Kraft des Geisteslebens. Die Natur knnte
unmglich in jenen Aufstieg gelangen, wirkte nicht ein tieferer Grund
in ihr und gbe ihr den Trieb zur Weiterbewegung.

Uns aber erschpft sich die Wirkung des geistigen Lebens nicht in
eine solche Emporbildung der Natur, sondern, wie wir sahen, erzeugt
dieses Leben ein selbstndiges Reich, das wesentlich anderer Art ist
als das der Natur. Nicht nur in besonderen Richtungen vollziehen
sich erhebliche Wandlungen, nicht nur weichen hier die Gter des
Ntzlichen und Angenehmen denen des Guten, Wahren und Schnen, sondern
es verwandelt sich der Grundbegriff der Wirklichkeit, indem diese
nicht mehr ein bloes Nebeneinander in Raum und Zeit, nicht ein
bloes Gewebe von Einzelpunkten bildet, sondern alle Mannigfaltigkeit
mit einem Ganzen des Lebens umfat und sie sich innerhalb dieses
entfalten lt. Wie das eine Erhebung ber Raum und Zeit vollzieht,
so erweist hier ein Geschehen seine Tatschlichkeit nicht durch ein
Vorhandensein im zeitrumlichen Nebeneinander, sondern durch die
Zugehrigkeit zum Leben des Ganzen. Hier bildet nicht die Beziehung
von Einzelnem zu Einzelnem, sondern das Verhltnis des Einzelnen zum
Ganzen das Grundverhltnis des Lebens, im Gesamtleben hat jedes seine
Stelle und sein Recht aufzuweisen, was als wahr gelten will. Jenes ist
nach unseren Darlegungen nicht eine Welt neben einer anderen, sondern
es ist die Welt, in der allererst das Leben ein Beisichselbstsein
erreicht; es mu daher als die Grund- und Hauptwelt, als der Kern
alles Geschehens anerkannt werden. Erst von hier aus sahen wir auch
ein wissenschaftliches Bild der Natur entstehen, dies Bild aber
lt eine berschauende Erwgung manche Zge gewahren, welche bei
aller Rtselhaftigkeit eine grere Tiefe des Ganzen verraten, als
der Mechanismus des bloen Nebeneinander zu erklren vermag; so die
Wechselwirkung der Elemente, so das Durchgehen einfacher Grundgesetze,
so die Macht der Formbildung in der Natur, so auch der Aufstieg zu
hheren Stufen in ihr. Ja selbst die enge Verkettung unseres geistigen
Vermgens mit der Natur wird einer naturalistischen Deutung entzogen,
sobald anerkannt wird, da im Beisichselbstsein des Lebens etwas der
Natur wesentlich berlegenes eintritt. Denn dann wird der Gedanke
unabweisbar, da die Natur zu einer derartigen Erhhung nicht fhren
knnte, bese nicht sie selbst einen tieferen Grund, und stellte
sie sich damit nicht als eine bloe Stufe eines weiteren Geschehens
dar. Freilich mssen uns zugleich die Grenzen unseres Erkennens und
die berlegenheit der Natur ber alle menschlichen Mae gegenwrtig
bleiben; da aber ein innerer Zusammenhang von Natur und Geist besteht
und auch uns sich erffnet, das erweist die Kunst mit ihrem das Leben
durchwaltenden Wirken. Denn sie lt das Sinnliche zum Ausdruck des
Geistigen werden und seiner Fortbildung dienen, ihr vermgen Worte,
Tne, Farben innerlichste Seelenlagen zu verkrpern, nicht minder aber
bringt sie zur Anerkennung, da beim Menschen das Geistesleben solcher
Verkrperung bedarf, um ihm volle Wirklichkeit zu werden. So erweist
die Kunst den Zusammenhang beider Welten und gibt, um mit Goethe zu
reden, von des Daseins ewiger Harmonie die seligste Versicherung.

Mag demnach im Gesamtbild des Lebens die Natur eine gewaltige Macht
behaupten und fr den ueren Eindruck weit berlegen bleiben, in
unserer Seele erhebt sich eine neue Welt, deren Tatschlichkeit alle
Schranken des Menschen nicht aufheben knnen. Denn diese Welt hat
von Haus aus eine Selbstndigkeit und berlegenheit gegen den Stand
und das Befinden des Menschen, sie aber ist uns das Allernchste und
Allergewisseste, das, von wo aus wir die Natur innerlich erst erleben;
wer daher der Macht der bloen Natur unterliegt, der bekundet damit nur
die Schwche seiner eigenen Stellung im Geistesleben.


Die Unsicherheit des menschlichen Geisteslebens.

Gegen die bermchtige Sinnenwelt suchten wir einen festen Halt im
Selbstndigwerden des Lebens. Aber mit diesem Selbstndigwerden
scheint es beim Menschen schlecht genug bestellt; wer mchte leugnen,
da das Geistesleben dem ersten Eindruck hier sehr schwankende Umrisse
zeigt: die einzelnen Menschen und Kreise gehen bei seiner Fassung
weit auseinander bis zu vlligem Gegensatz; nicht minder tun es die
verschiedenen Zeiten; gegenber ihren Bewegungen und Wandlungen
erscheint jenes als vllig biegsam und weich, als etwas, das jeder
Forderung nachgibt, sich jeder Lage bereitwillig anpat. Solche
Schmiegsamkeit gewhrt menschlichem Meinen und Wnschen den weitesten
Spielraum, der Streit der Parteien zieht die Sache an sich, auf Deutung
und Nutzen des bloen Menschen scheint alles hinauszukommen, damit
aber eben das, was ber den Menschen hinausheben sollte, ein Spielball
seines Beliebens, ein Werkzeug seiner Zwecke zu werden.

So das Chaos des ersten Eindrucks. Aber der Zusammenhang unserer
Betrachtung gestattet diesem Eindruck zu widerstehen. Das Leben
entbehrt keineswegs alles festen Tatbestandes, weil die Menschen
sich ber seine Fassung streiten, es gilt nur die Tatschlichkeit an
der rechten Stelle zu suchen, sie nicht gegenber dem Leben, sondern
innerhalb seiner zu suchen. Denn auch Bewegung und Streben enthllen
einen eigentmlichen Tatbestand, erffnen bestimmte Zge, zeigen
eine Richtung des Weges, lassen ein Vermgen des Geistes ersehen. Es
erwacht zum Beispiel in der Menschheit, wie wir sahen, ein Streben
nach einer neuen Art der Geschichte, nach einer Erhebung ber das
bloe Vorberziehen der Zeiten, nach einer inneren Festhaltung
dessen, was uerlich versank; erweist das darin bekundete Vermgen,
die Zeiten zu berschauen und in ein Gesamtbild zu fassen, ihrem
Wandel Bleibendes abzuringen und in Aneignung dieses Bleibenden eine
zeitberlegene Gegenwart zu bilden, erweist ein derartiges Vermgen
nicht eine eigentmliche Beschaffenheit des Lebens, und zugleich eine
Tatschlichkeit, die kein bloes Deuten hervorbringen knnte? Gegenber
solcher Zurckverlegung der Tatschlichkeit in das Grundgewebe des
Lebens erscheint die bliche Behandlung der Sache als viel zu flach
und summarisch. Diese fragt nur nach dem Endergebnis wie der Hndler
nach der fertigen Ware, die Arbeit ist ihr gleichgltig; so gewahrt
sie nicht, da auch diese im Entfalten der Krfte einen eigentmlichen
Tatbestand enthlt. Ja, es kann bei diesen inneren Fragen das Wie der
Arbeit wichtiger sein als ihr Erzeugnis, da jenes neue Fragen stellen,
neue Mglichkeiten erffnen, den Lebensproze vertiefen kann.

Auch sind es nicht blo einzelne Bewegungen, die einen Tatbestand in
sich tragen, sondern es entstehen auch innerhalb des Lebens grere
Zusammenhnge, geschlossene Gebiete mit eigentmlichen Gesetzen
und Forderungen, wie Kunst und Wissenschaft, Moral und Religion.
Auch bei diesen Lebensgebieten, die im Lauf der Geschichte immer
selbstndiger geworden sind und namentlich in der Neuzeit ihre
eigentmliche Art deutlich hervorgekehrt haben, verdeckt leicht der
Streit um die nhere Fassung die Grundtatsache, welche schon ihr
Entstehen und Bestehen enthlt; man sieht den Wald nicht vor lauter
Bumen. Weil zum Beispiel bei der Moral und der Religion die nheren
Fassungen weit auseinandergehen, erscheinen jene leicht als ein
bloes Machwerk menschlicher Meinung; sie knnen das nicht mehr,
wenn gegenber allen besonderen Arten von Moral und Religion eine
berlegene Tatsache darin erkannt und anerkannt wird, da berhaupt
Religion und Moral im menschlichen Kreise entstehen und nicht blo
die Einzelnen beschftigen, sondern das Ganze des Lebens eigentmlich
gestalten. Denn durch alles, was die einzelnen Religionen voneinander
trennt, geht ein gemeinsamer Zug des Lebens, geht die Abhebung einer
hheren Art von seinem sonstigen Stande, geht die Forderung, alles
menschliche Wohlsein gegenber jener zurckzustellen; das ergibt
eine eigentmliche Welt der Gedanken nicht blo, sondern auch der
Gefhle, eine Entwicklung von Erhabenheit und Gnade einerseits,
von Ehrfurcht und Glaube andererseits; auch lt sich das nicht
in seine Geschichte verfolgen, ohne in dieser einen Aufstieg vom
Sinnlichen ins Unsinnliche, vom Einzelnen ins Ganze, von uerem Werk
zur Gesinnung des Herzens zu erkennen, allen Zweifeln und Irrungen
gegenber erscheint darin eine eigentmliche Entfaltung des Lebens.
hnlich steht es mit der Moral. Allem Unterschied ihrer Gestaltungen
und allem Streit der Moralsysteme bleibt die Tatsache berlegen, da
die Menschheit sich berhaupt der Herrschaft des bloen Naturtriebs
entwand und die Wendung zu einer Ordnung vollzog, welche ihr schwere
Gebote auferlegt und doch als ihr zugehrig anerkannt wird. Es lag
darin ein Aufruf zur Befreiung von allen selbstischen Zwecken, auch die
Forderung einer freien Entscheidung und Zuwendung, dabei der Anspruch,
allen anderen Zwecken berlegen zu sein und unbedingten Gehorsam
verlangen zu drfen. Mag eine solche Bewegung langsam vordringen und
immerfort harten Widerstand finden, sie ist vorgedrungen und hat sich
gegenber allem Widerstande behauptet. Ist nicht auch das eine aller
Willkr berlegene Tatschlichkeit? Welche Macht solche Lebenskomplexe
ausben knnen, das zeigt besonders deutlich die Wissenschaft mit
ihrer Erhebung des Denkens zu voller Selbstndigkeit. Sie fordert eine
sachliche Verkettung, die alle Mannigfaltigkeit zum Ganzen eines
Systems verbindet, jeden Satz streng in seine Konsequenzen entwickelt,
keinerlei Widerspruch der einzelnen Behauptungen duldet; es kann
das seinem Inhalt nach den Interessen des bloen Menschen geradezu
widersprechen, und doch zwingt es ihn mit unwiderstehlicher Macht zum
Gehorsam, den Einzelnen sowohl als das Ganze des Vlkerlebens.

Solche Zurckverlegung der Tatschlichkeit stellt auch die
berzeugungen des Menschen vom Ganzen der Welt auf einen festeren
und breiteren Grund, als die bliche Art es tut, die alle Wahrheit
von bloem Verstande erwartet. Wie die einzelnen Lebensgebiete eine
Bewegung des Gesamtlebens hinter sich haben und sie zum Ausdruck
bringen, so vertritt jedes in der Durchfhrung seines Unternehmens eine
berzeugung vom Ganzen; auch innerhalb der einzelnen Gebiete wird keine
Leistung wahrhaft gro, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthlt.
Dabei erschliet aber die Arbeit der verschiedenen Gebiete verschiedene
Seiten des Ganzen, wie schon vorher beim Gegensatz des berweltlichen
und Innerweltlichen ersichtlich wurde. Hier sei nur noch hinzugefgt,
da das Erziehungswerk eine Vermittlung beider Richtungen und ihrer
Bekenntnisse fordert und auf seiner Hhe vollzieht. Denn wenn es
einerseits die Schrfe der Gegenstze voll anerkennen mu, um gengende
Tiefe und Kraft zu erreichen, so knnte es keinen Mut zu seiner Aufgabe
finden, schlummerte nicht in jeder Menschenseele ein geistiger Keim
und bestnde nicht die Mglichkeit, ihn durch treue Arbeit zu wecken.
Solches den Lebensgebieten innewohnende Bekenntnis erklrt es auch, da
die berzeugungen der Individuen wie die ganzer Zeiten sich nach den
Lebensgebieten zu richten pflegen, denen ihre Arbeit dient, da zum
Beispiel die Wege der Naturforscher und die der Geistesforscher meist
auseinandergehen.

Aber eben dies Auseinandergehen zeigt, da die von den einzelnen
Gebieten gebotene Tatschlichkeit nicht auslangt, da wir, um vllig
sicher zu werden, auch eine Gesamtleistung suchen und fordern mssen,
die den Gesamtumfang des Lebens eigentmlich gestalte und aller
Ttigkeit eine deutliche Richtung weise. Nun kommt uns freilich eine
solche Gesamtleistung nicht als eine fertige Tatsache entgegen, wohl
aber zeigt die weltgeschichtliche Arbeit eine unablssige Bewegung nach
diesem Ziele, ja diese Bewegung bildet den Kern und die Hauptspannung
der Weltgeschichte. Das nmlich bezeichnet die Hhepunkte menschlichen
Strebens, da dort eine aller Mannigfaltigkeit berlegene und sie
durchdringende Art des Schaffens gewonnen wurde, alle Verzweigung der
Lebensarbeit zusammenhielt und dem Gesamtbereich einen ausgeprgten
Charakter verlieh. So schuf die Hhe des Griechentums eine
Lebenseinheit knstlerischer, namentlich plastischer Art, und suchte
ihren Zielen und Forderungen gem alle Lebensgebiete zu gestalten.
Solche Behandlung nach der Art eines plastischen Kunstwerks lie nicht
nur das Weltall eigentmlich als einen herrlichen Kosmos sehen, sie
gab auch der staatlichen Gemeinschaft wie der Seele des Einzelnen ein
festes Gefge und hielt ihnen ein Gesetz der Anordnung und Abstufung
vor. Was aus solchen Bewegungen hervorging, das hat neue Seiten des
Lebens erschlossen und viel Schlummerndes geweckt; auf seiner Hhe
konnte dieses Schaffen sich als den letzten Abschlu betrachten. Es hat
dann freilich die Erfahrung gezeigt, da jenes knstlerische Gestalten
den Umfang und die Tiefe des Lebens nicht erschpft, aber es wird
dadurch keineswegs zu einer Erscheinung vorbergehender Art, sondern
was es an bildendem und veredelndem Vermgen erffnet hat, das bleibt
als eine Quelle des Lebens allen folgenden Zeiten gegenwrtig und
widersteht mit mchtiger Kraft einer sonst drohenden Barbarei. Jener
knstlerischen Behandlung des Lebensproblems ist die ethisch-religise
des Christentums gefolgt und hat die Herrschaft ber weite Kreise der
Menschheit gewonnen. Auch sie hat spter Widerspruch erfahren, aber
ihre Umwandlung des Lebensbestandes, die von ihr bewirkte Vertiefung,
ihre Aufdeckung schroffer Gegenstze im Menschenwesen, aber auch
einer Erhebung darber durch gttliche Liebe und Gnade, ist ein
unverlierbarer Besitz der Menschheit; wo das aufgegeben oder auch nur
verdunkelt wurde, da geriet das Leben rasch in ein jhes Sinken. Dem
Christentum widersprach dann eine moderne Lebensordnung, welche das
Wachstum der Macht sowohl nach auen als auch nach innen zum Ziel der
Ziele machte, dabei der intellektuellen Arbeit eine hervorragende
Stellung zuwies und im Fortschreiten um des Fortschreitens willen
das hchste Glck zu finden hoffte; der Lebensbestand geriet dadurch
in einen rascheren Flu, neue Ziele wurden erreichbar, das Handeln
gewann unermelich an bewegender Kraft. Das erhlt sich auch in die
Gegenwart hinein und wird aus dem Lebensbestande nicht wieder zu
streichen sein. Aber auch ihm gegenber steigt unverkennbar wieder eine
neue Woge des Lebens auf, welche mehr Beisichselbstsein und zugleich
mehr Gehalt des Lebens verlangt, die inneren Probleme mit ihren
Verwicklungen strker hervorkehrt, weitere Tiefen und Zusammenhnge
fordert und in Durchbildung solches Strebens alle Gebiete umwandeln
mu. Demnach berliefert die Geschichte dem Menschen freilich keinen
fertigen Besitz, wohl aber gewhrt sie mit ihren Erffnungen dem
Streben bestimmte Anhaltspunkte und Ziele, sie stellt es damit auf eine
eigentmliche Hhe und entzieht es zugleich der Willkr des Menschen.
Den Forderungen dieser Hhe mu alles entsprechen, was ber bloe
Tagesmeinung hinaus in den Lebensbestand eingreifen und dauernd frdern
mchte. Jene Folge der Lebensordnungen bildet demnach kein bloes Auf-
und Abwogen, es stecken darin Erfahrungen bleibender Art, die freilich
anzueignen und miteinander auszugleichen sind, um voll zum Besitz zu
werden. Denn die Macht, mit der das Ganze zu uns wirkt, ist nicht
mechanischer Art, die vom Leben gebotene Tatschlichkeit ist nicht
fr den vorhanden, der sich von der Bewegung fernhlt und das Ergehen
der Menschheit mit stumpfer Gleichgltigkeit betrachtet. Die Schuld
des unsicheren Hin- und Herschwankens liegt dann aber nicht am Leben,
sondern an dem Menschen, der Frchte genieen will, ohne sich mhen
zu wollen. Mge ein solcher des indischen Wortes gedenken: Wenn die
Fledermaus bei Tage nicht sieht, so ist das nicht Schuld der Sonne.

Immerhin seien die Verwicklungen gewrdigt, welche das Problem gerade
der Gegenwart bereitet. Zwischen den schpferischen Hhepunkten liegen
Zeiten, wo das Alte verblat und das Neue noch unfertig ist, wo daher
Kritik und Verneinung eine Hauptrolle spielen; eine derartige Zeit
der Ebbe ist bei allen glnzenden Leistungen an der Auenseite des
Lebens unverkennbar die Gegenwart. Die Lage verschrft sich bei diesen
hchsten Lebensfragen weiter dadurch, da wir mehr als alle frheren
Zeiten ein historisches Bewutsein ausgebildet haben, das heit, da
uns die Unterschiede der Zeiten und der Abstand frherer Gestaltungen
von der Gegenwart vllig deutlich vor Augen stehen; so knnen die
einzelnen Zeiten eher als Gegner denn als Freunde erscheinen und
sich keineswegs mhelos zu einem Ganzen verbinden. Aber wenn solches
Auseinandertreten der Zeiten allen festen Besitz zu gefhrden scheint
und uns damit unruhig macht, so liegt der letzte Grund wiederum nicht
in den Dingen, sondern in uns, die wir nicht stark genug sind, die
verschiedenen Leistungen zu umspannen und miteinander auszugleichen.
Auch hier gilt es das Problem mutig anzugreifen und durch eine
Zurckverlegung seiner Behandlung dem Reichtum der weltgeschichtlichen
Arbeit gerecht zu werden und ihn dem eigenen Leben zur Frderung zu
wenden. Gefahren sind sicherlich da, aber unterliegen kann ihnen nur
eigene Lauheit und Schwche.


Die moralische Verwicklung des Menschenlebens.

Was bisher an Widerstand und Hemmung erschien, sei es vom
berwltigenden Eindruck der Auenwelt her, sei es von der Unsicherheit
des Lebens bei sich selbst, das schien ganz wohl berwindlich, wenn nur
die ganze Seele des Menschen die Aufgabe auf sich nahm und ihre volle
Kraft an sie setzte; es bildet insofern die moralische Gesinnung in
weitester Bedeutung verstanden die Grundbedingung alles Gelingens. Aber
gerade bei ihr erscheinen Verwicklungen schwerster Art, Verwicklungen,
welche allem, was sonst das Leben an Gefahren und Mistnden bietet,
erst ihre volle Schrfe geben. Wie steht es mit dem moralischen
Verhalten des Menschen? Ein sicheres Urteil darber zu bilden ist schon
deshalb schwer, weil die einzelnen Menschen hier sehr verschieden
sind, und neben hchsten Hhen sich tiefste Niederungen finden. Dazu
hngt das Urteil wesentlich an dem Ma, das an die Sache gelegt wird.
So kann sein weites Auseinandergehen keineswegs wundernehmen; je
nachdem es dem Optimismus oder dem Pessimismus folgt, entsteht ein
grundverschiedenes Bild der menschlichen Lage. Der Optimismus erachtet
den Kern des Menschen als gut, das Bse nur als etwas Anhangendes, als
eine Ausnahme und eine verzeihliche Schwche, er kann das aber nicht,
ohne das Ma sehr niedrig zu nehmen und sich schon mit der bloen
Vermeidung grober Vergehen zu begngen. Damit aber setzt er sich in
Widerspruch mit allen groen Denkern nicht nur, sondern auch mit der
durchgehenden Schtzung im gemeinsamen Leben. Denn mochten die Denker
in ihrem Weltbilde noch so weit auseinandergehen und die einen beim All
mehr Vernunft, die anderen mehr Unvernunft sehen, darin gingen sie alle
zusammen, den moralischen Stand der Menschheit hchst ungengend zu
finden. Und zwar beschrnkten sie sich dabei nicht auf ein summarisches
Urteil, sie pflegten auch mit nherem Eingehen den weiten Abstand,
ja den Widerspruch des Durchschnittsstandes gegen das zu zeigen,
was ihnen als unerllich galt. Die antiken Denker verlangten fr
ein Leben gem der Vernunft ein sicheres Ma und eine harmonische
Ausgleichung, auch ein festes Beharren inmitten der Ttigkeit, zugleich
aber fanden sie die groe Menge von unersttlicher Gier erfllt und
in unablssiger Vernderung begriffen; das Christentum berief die
Liebe, seine beherrschende Weltmacht, auch zur Leitung des menschlichen
Lebens, aber alle seine fhrenden Geister stimmen berein in der Klage
ber den Mangel an Liebe und ber die Gleichgltigkeit der Menschen
gegeneinander, ber die zerstrende Macht der Selbstsucht; die Neuzeit
forderte eine Entfaltung aller Krfte und ein volles Teilnehmen des
Menschen am aufsteigenden Zuge des Lebens, aber sie mute zugleich
anerkennen, da der Durchschnitt dumpf und trge die Aufgabe von sich
weist und nur durch knstliche Mittel leidlich in Bewegung zu bringen
ist. Das lt sich nher auch zu den einzelnen Hauptdenkern verfolgen
und dabei zeigen, da je hher einer von der moralischen Aufgabe
dachte, er um so schmerzlicher den weiten Abstand des Durchschnitts
von der Forderung empfand; so zum Beispiel Kant mit seinem Bestehen
auf lauterer Wahrhaftigkeit und strenger Gerechtigkeit. Solche
Stellung der Denker entspricht aber der durchgehenden berzeugung der
Menschheit. Denn nicht nur galten berall nicht die Optimisten, sondern
die Pessimisten fr die besseren Menschenkenner, auch die gemeinsamen
Einrichtungen pflegen vorauszusetzen, da der Mensch das rechtlich und
sittlich Notwendige nicht aus Liebe zur Sache tut, sondern durch Lohn
oder Strafe dazu angehalten werden mu.

Lassen alle solche Erfahrungen den moralischen Optimismus als eine
flache Denkart erscheinen, so ist es begreiflich, da der Rckschlag
dagegen seine Strke in mglichster Hervorkehrung der menschlichen
Schlechtigkeit suchte. So vornehmlich in den Religionen und hier wieder
vor allem im Christentum. Wir wissen, wie das zu der Lehre von der
Erbsnde und von der vlligen moralischen Verderbtheit des Menschen
gefhrt hat, ja wie hier alle Schuld des bels im All auf den Menschen
geworfen und auf seinen Abfall von Gott zurckgefhrt wurde. Der tiefe
Ernst dieser Denkweise ist sicherlich anzuerkennen, und auch darin
vertritt sie eine unbestreitbare Wahrheit, da das Bse kein bloes
Nebeneinander einzelner Vorgnge ist, sondern einen Gesamtstand bildet,
der den Einzelnen mit berlegener Gewalt umfngt. Aber das schwere
Problem wird hier wie ein Knoten zerhauen, und sowohl das Woher wie
das Wohin bereitet dabei grte Verwicklung. Wie kommt der Mensch zu
solcher Schuld, und wie kann sie solche Folgen haben, da in Wahrheit
der Kampf der Wesen mit seiner Wildheit und seiner Zerstrung, da der
Schmerz und der Tod weit ber die menschliche Sphre hinausreicht, auch
die Natur mit ihren Notwendigkeiten und ihren Trieben den Menschen
fest umklammert? Und wie soll bei einem Stande vlliger Verderbtheit
und Stumpfheit an dieser Stelle ein neues Leben erwachen? Wird dieses
ganz und gar, ohne alles Zutun des Menschen, durch eine hhere Macht
ihm eingeflt, so sieht man nicht, wie das zu eigenem Leben werden,
und wie eine moralische Identitt zwischen frherem und spterem
Stande bleiben knnte. So haben denn auch die Gedankenwelten, welche
im Prinzip den Menschen ganz und gar verwarfen und ihn zu vlliger
Passivitt verdammten, in der Ausfhrung doch auch seinem Handeln
irgendwelches Pfrtchen geffnet. Dazu entspricht jene vllige
moralische Preisgebung des Menschen nicht dem Tatbestande des Lebens.
Denn zunchst erweist schon dieses, da der Mensch sein moralisches
Ungengen so schmerzlich empfindet und sich so viel damit zu schaffen
macht, da er nicht gnzlich in jenen Stand aufgeht; es fehlen aber
auch in der Wirklichkeit des Lebens edlere Zge nicht, es fehlt nicht
an Liebe zum Menschen und an Hingebung an die Sache, ja nicht an edler
und aufopferungsvoller Gesinnung; was dem Ganzen daran mangelt, das
erscheint oft in begrenzten Kreisen, und namentlich lassen Gefahr und
Leid oft eine moralische Gre ersehen, die vom Alltagsleben aus wie
ein Wunder erscheinen mag. Immerhin bleibt die Verwicklung und das
Rtsel, da das Hhere nicht den Gesamtstand beherrscht, sondern mehr
als eine Ausnahme und als eine Sache besonderer Flle erscheint, da
also eben das, was die Gre des Menschen ausmacht, von ihm selbst als
eine Nebensache behandelt wird.

Die Zusammenhnge unserer Betrachtung geben der Sache ein
eigentmliches Licht. Die Aufgabe geht dahin, das Leben von der Bindung
an die Natur abzulsen, ihm ein Beisichselbstsein zu erringen und
es aus solchem eine Welt der Gehalte und Gter erzeugen zu lassen;
das bedarf der vollen Hingebung der Gesinnung und der Richtung aller
Krfte auf dieses Ziel. In Wahrheit pflegt jene Hingebung zu fehlen,
die Krfte lehnen alle Bindung ab, gehen ihren eigenen Weg und geraten
dabei leicht unter die Macht eben dessen, das berwunden werden sollte;
der Vorteil des Individuums bleibt dem Handeln das hchste Ziel und
zieht alles Streben zu sich zurck. Ein derartiger Stand lt das
Leben bei allem ueren Aufputz innerlich leer, ein Wirken fr hhere
Ziele entspringt hier weniger aus der Notwendigkeit einer geistigen
Selbsterhaltung als es zur Aufrechterhaltung des Scheines nach auen
hin und zur Verbesserung der eigenen Stellung erfolgt. So zeigt das
Leben durchgngig ein groes Manko, ja einen schroffen Widerspruch. Da
den Menschen zunchst die niedere Stufe einnimmt, so bedarf die Wendung
zur hheren einer inneren Umwlzung, und diese ist nicht mglich ohne
ein starkes Verlangen, ohne das, was Mnner wie Plato und Goethe Liebe
nennen, wer aber mchte behaupten, da eine solche Liebe berwiegend
vorhanden ist, wer kann leugnen, da Klte und Gleichgltigkeit die
vorherrschenden Zge bilden? Die Entfaltung des Hheren verlangt ein
inneres Selbstndigwerden des Lebens, nur kraft eines solchen kann
es eine Ursprnglichkeit erreichen und aus sich selber schaffen;
wer aber kann leugnen, da ein solches Insichselberwurzeln, eine
Selbstwchsigkeit eine seltene Ausnahme ist? Das neue Leben hat sich
gegenber einer feindlichen oder doch gleichgltigen Welt zu behaupten,
die uerlich weit berwiegt; dazu bedarf es heroischen Mutes und
vlliger Unerschrockenheit; lt sich bestreiten, da eine derartige
tapfere Gesinnung dem Durchschnitt des Lebens fehlt, da bei diesen
Fragen ngstlichkeit, ja Feigheit weit berwiegen, die das Spiel von
vornherein verloren geben? Alles miteinander erweist freilich nicht
eine vllige Verderbtheit des Menschen, wie die altprotestantische
Dogmatik sie lehrte, wohl aber einen Stand der Vermengung und der
Unlauterkeit, in dem das Niedere das Hhere weit zurckdrngt und es
nicht voll aufkommen lt.

Das bel wurzelt viel zu tief, als da sich eine allmhliche
berwindung durch eine geschichtlichgesellschaftliche Kultur hoffen
liee. Wohl fhlt das gesellschaftliche Zusammensein sich als einen
Vertreter und Vorkmpfer des Guten, es vermag in der Tat gewisse
Erscheinungen des Bsen erfolgreich zu bekmpfen, ja unter besonderen
Umstnden Begeisterung und Aufopferung fr die gemeinsamen Zwecke zu
erzeugen, wie der gegenwrtige Krieg das deutlich zeigt, und zwar
keineswegs blo in Deutschland. Aber solche groen Augenblicke sind
Ausnahmszeiten, die wieder vorbergehen, im allgemeinen wirkt das
gesellschaftliche Leben mehr zur Oberflche als zur Tiefe des Menschen,
es unterdrckt mehr als es bessert, seinerseits aber erzeugt es mit
Weckung des Macht- und Herrschaftsverlangens und seiner Spaltung der
Menschen in Parteien neue moralische Gefahren und Schden. Nun bleibt
noch die Hoffnung eines moralischen Fortschritts in der Geschichte,
aber so gewi ihr Verlauf in anderen Stcken uns weiterbringt: ob
das auch in moralischer Hinsicht der Fall ist, steht in vlliger
Unsicherheit. Nach mancher Richtung ein Fortschritt, nach anderer eher
ein Rckschritt, ein Wachstum raffinierten Genusses, ein Wachstum auch
selbstischer Machtgier, ein Abschtteln von Bindungen ohne dafr einen
Ersatz zu schaffen. Im groen und ganzen verbleibt die Verwicklung, und
zugleich verbleibt es dabei, da die Menschheit einer Aufgabe, an der
alle innere Gre und Wrde ihres Lebens hngt, sich nicht gewachsen
zeigt, da sie damit sich selbst widerspricht, ja vielfach an ihrer
eigenen Zerstrung arbeitet. Wie kommen wir ber diesen Widerspruch
hinaus, welche Wege bieten sich zur Befreiung von ihm?

Wir knnen unmglich alle verschiedenen Wege schildern und prfen,
welche die religisen wie die philosophischen Gedankenwelten an dieser
Stelle versuchten, wir mssen uns an die beiden Hauptleistungen
halten, welche unseren westlichen Kulturkreis beherrschen. Die eine
ist philosophischer, die andere religiser Art, jene verkrpert
sich vornehmlich im Stoizismus, der uns hier ber die besondere
Schule hinaus als ein besonderer Typus der Denkweise gilt, diese
im Christentum, das wir ebenfalls nicht sowohl als ein kirchliches
Bekenntnis, sondern als eine Macht des Geisteslebens verstehen. Die
Grundlage der stoischen Gedankenwelt bildet die berzeugung, da, wie
immer der Mensch der Erfahrung beschaffen sein mag, das Menschenwesen
eine Vernunft in sich trgt, die allem Getriebe des Alltags sicher und
weit berlegen ist, die aller Widerspruch der Weltumgebung nicht zu
erschttern vermag; es steht uns frei, in heroischer Erhebung uns in
diese Vernunft zu versetzen, uns fest in ihr zu verschanzen und damit
jene berlegenheit uns zu eigenem Besitz zu machen. Hier gilt es die
Gter der hheren Welt zu reiner Gestalt herauszuarbeiten und in voller
Treue zu wahren, diese Welt gegen allen Widerstand, auch den in der
eigenen Seele, tapfer aufrechtzuhalten, durch alle Widerwrtigkeiten
des Lebens sich die Sicherheit und Freudigkeit der Gesinnung nicht im
mindesten trben zu lassen. In diesem Zusammenhange wird zur Forderung,
das Gute lediglich aus innerer Achtung und Schtzung zu tun, allen
Lohngedanken als eine Erniedrigung abzuweisen, der Auenwelt gegenber
volle Unabhngigkeit, ja, wenn es sein mu, trotzigen Stolz zu wahren.
Aus solchem Gedankengange entwarf Plato in leuchtenden Zgen sein Bild
vom leidenden Gerechten -- in weitem Abstand von der christlichen
Fassung dieses Begriffes --, dessen innere Hoheit alles Leid und
alle Verfolgung nur steigern, der eben dadurch das volle Bewutsein
seiner berlegenen Gre gewinnt. In verwandter Gesinnung wollten
groe Erzieher die sittliche Aufgabe ja nicht von den Erfahrungen
des Weltlaufs abhngig machen, sie etwa auf die Lehre grnden, da
es dem Guten wohl und dem Bsen schlecht zu ergehen pflege, vielmehr
sei die Seele gengend im Guten zu strken, um die Freude an ihm
allem Leid berlegen zu machen. Eben die Besiegung oder vielmehr die
Durchdringung und so Vernichtung der ueren Hemmnisse des Lebens durch
die eigene Willens-, durch die gesteigerte Tatkraft, diese ist es,
welche dem Menschen im eigenen Bewutsein Frieden, Freude und Freiheit
gewhrt (Frbel). Diese Denkweise hat selbstwchsige Menschen erzeugt
und Erz in das Leben gebracht, sie hat einer Verweichlichung der
Menschheit widerstanden, sie hat auch in trben Zeiten den Lebensmut
aufrechtgehalten; so mu diese mnnliche Denkweise ein Stck unseres
Lebens bleiben.

Aber sie hat gewisse Voraussetzungen und Schranken, die einen Abschlu
bei ihr verbieten. Sie hat vornehmlich den Einzelnen und die Wahrung
seiner Unabhngigkeit im Auge, der Stand des Ganzen macht ihr weniger
Sorge, und den Aufbau eines geistigen Zusammenhanges unternimmt
sie nicht; zugleich denkt sie den Einzelnen als stark und als den
Verwicklungen nicht nur der Auenwelt, sondern auch der eigenen Seele
vollauf gewachsen; so spricht sie mehr zu den Hhen als zum Gesamtstand
der Menschheit, und bei aller Beteuerung der Wrde alles Menschenwesens
befat sie sich wenig mit den Niederungen des Menschenlebens. Auch
wird das Leben hier mehr ein Abwehren als ein Vorwrtsschreiten.
Die Grundberzeugung wird tapfer gegen alle Zweifel und Widerstnde
behauptet, nicht aber das Leben durch Erschtterung, Zweifel und Leid
hindurch wesentlich weitergebildet. Das Ganze ist mehr Festhaltung des
alten Standes als Anbahnung eines neuen; ein solcher ist aber nicht
zu entbehren, wenn das menschliche Leben im eigenen Innern schroffe
Widersprche enthlt. So gengt die bloe Abwehr nicht, ohne Vorhaltung
und Antrieb eines erhhenden Ziels wrde das Leben seine Spannung
verlieren und leicht in trgen Stillstand kommen. Solches Stocken gilt
es fernzuhalten, und das zu tun unternimmt die Religion.

Die Wendung zur Religion tritt in unsere Untersuchung nicht pltzlich
und unvermittelt ein, denn unsere berzeugung von der Erffnung einer
hheren Stufe des Lebens beim Menschen und seinem Getragenwerden
dadurch enthlt von Haus aus einen, wenn auch nicht direkt religisen,
so doch der Religion verwandten Charakter. Zu einer weiteren Ausbildung
dieses Charakters treibt aber die Erfahrung der ungeheuren Widerstnde,
die das Geistesleben in der Welt des Menschen erfhrt, sowie seiner
Ohnmacht gegen sie; die Hemmungen mgen so lange sich leidlich ertragen
lassen, als sie nur von auen kommen; sie werden unertrglich, wenn
sie auch den tiefsten Grund des Lebens ergreifen, und mit unheimlicher
Klarheit sich dort ein schroffer Zwiespalt auftut. Dann fhrt die
Sachlage unvermeidlich auf dieses Entweder -- Oder: entweder kommt das
Gesamtleben mit seiner bisherigen Erffnung bei uns nicht weiter, und
es wird damit das menschliche Leben vllig sinn- und zwecklos, oder
es mu sich ber den bisherigen Stand hinaus noch eine weitere Tiefe
und Kraft erschlieen, womit die Hemmungen freilich nicht einfach
entfallen, aber eine Befreiung von ihrem Drucke mglich wird und das
Streben wieder in Flu gert.

Hier setzt nun die Behauptung des Christentums ein und erffnet neue
Mglichkeiten. Freilich knnen wir diese als Philosophen und als
Kinder der Gegenwart nicht entwickeln, ohne uns mit der berkommenen
kirchlichen Fassung offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Nach dieser
Fassung ist der Mensch aus freier Entscheidung von Gott abgefallen
und hat dadurch die ganze Welt in Tod und Elend verstrickt. Diese
Schuld hat den Zorn Gottes erregt, Zorn natrlich nicht im Sinne
eines Affektes, sondern als Ausdruck des sittlichen Ernstes; dieser
Zorn ist zu beschwichtigen, und das kann nur durch eine Shnung der
Schuld geschehen. Eine solche Shne kann aber nicht der durch seinen
Fall alles sittlichen Vermgens beraubte Mensch vollbringen, sie kann
nur dadurch erfolgen, da Gott in seiner alles berwindenden Liebe
selbst Mensch wird, die Schuld auf sich nimmt, sie durch Leiden und
schmachvollen Tod shnt und dadurch das Liebesverhltnis in voller
Herrlichkeit wieder herstellt. -- Wir knnen unmglich an dieser Stelle
eine kritische Errterung dieses Gedankenganges unternehmen[1],
dessen gewaltigen Ernst und dessen aufrttelnde Kraft wir aufrichtig
anerkennen, aber der Behauptung wird sich kaum widersprechen lassen,
da er, dem Mittelalter entsprungen, heute vielen ernsten Seelen
schlechterdings unhaltbar geworden ist, da deren religise berzeugung
jener mittelalterlichen Fassung entwachsen ist. Es ist eine Torheit und
ein Unrecht, sie deswegen einer geringeren Tiefe zu bezichtigen. Damit
aber entsteht die Frage, ob sich das Christentum von jener Fassung
ablsen lt und doch eine Weltmacht bleibt, sowie dem Leben die
gesuchte Erhhung verspricht. Wir bejahen diese Frage zuversichtlich,
wir bejahen sie von den Grundtatsachen des Lebens aus, die allem
Wandel der Zeiten berlegen sind. Eigentmlich ist hier zunchst
die Verschrfung des Problems. Das bel wird hier nicht so sehr im
Verhltnis zur Welt als im Innern selbst gefunden, die sittliche Schuld
wird zur Wurzel alles bels, zu dem, was allem Leid erst seine volle
Schwere verleiht. Aber aller Erschtterung, die daraus hervorgeht,
tritt die felsenfeste berzeugung entgegen, da das Gttliche nicht in
jenseitiger Hhe ber der niederen Sphre verbleibt, sondern da es
in alle ihre Abgrnde eingeht, ohne sich darin zu verlieren, da es
durch seine volle Selbstmitteilung dem Menschen ein aller bisherigen
Bettigung berlegenes Leben mit einem neuen Mittelpunkt schafft,
das aber aus einem unmittelbaren Verhltnis zum Ganzen des Lebens im
Gegensatz zu allem Wirken und Schaffen an der Welt, in Bildung eines
neuen Bereiches der Wirklichkeit auch gegenber aller Geisteskultur.
Damit wird die Grundtatsache der Setzung gttlichen Lebens im
Menschen, diese Voraussetzung aller Geistigkeit, ein gutes Stck
weitergefhrt: was vorher sich ber das ganze Leben ausbreiten sollte,
das wird nun in sich selbst konzentriert und erffnet damit noch mehr
ursprngliche Tiefe. Alle Gren und alle Begriffe mssen sich damit
steigern. Die Innerlichkeit prgt nun noch strker ihre berlegenheit
aus, indem sie sich in vollem Kontrast zur Welt entwickelt, die
Gesinnung wird hier bei sich selbst zur Tat, die Idee des Geisteslebens
wchst zur Gottesidee und das Reich des Geistes zum Gottesreich. Die
Erffnung des neuen Lebens an den Menschen wird damit weit mehr zur
freien Tat, zur rettenden und erhhenden Tat, zu einer Bekundung der
Liebe, die nichts verloren gehen lt und sich mit ihrer ganzen Flle
gibt. So durchgngig eine seelische Erwrmung und zugleich eine festere
Einwurzelung des erhhenden Lebens.

Der eigentmliche Charakter dieses neuen Lebens erscheint besonders
deutlich in seinem Verhalten zum Leid. Jenes flieht nicht das Leid
und sucht es nicht irgendwie abzuschwchen, sondern es wrdigt es
vollauf und geht in seine ganze Ausdehnung ein, nicht um es stehen zu
lassen, wie es steht, sondern um es in einen Gewinn zu verwandeln.
Solche Verwandlung ist keineswegs so leicht und einfach, wie oft
behauptet wird. Denn der oft gehrten Meinung, da das Leid die Seele
veredle und vertiefe, widerspricht schnurstracks die Erfahrung. Im
gewhnlichen Lauf der Dinge macht das Leid den Menschen eher eng,
klein, scheelschtig, es bringt viel Jmmerlichkeit zutage, whrend
die Befreiung von Not und Sorge das Herz erweitert und hilfsbereit
macht. Vertiefend kann das Leid nur wirken, wenn der Erschtterung
des Menschen eine hhere Macht entgegenkommt und ihm durch die
Erschtterung hindurch sich selbst erschliet. Dann lt sich auch im
Menschen etwas wecken, das ihm bis dahin unzugnglich blieb, dann lt
sich auch ein Glaube an den Menschen wiedergewinnen, an den Einzelnen
wie an die Vlker und an das Ganze der Menschheit. Dieser Glaube geht
dann aber nicht auf den natrlichen Stand und die Naturbegabung des
Menschen, sondern auf das in ihm erffnete und ihm als eigenes Selbst
verliehene gttliche Leben. Von hier aus erhlt erst die Tatsache
volles Licht und einen festen Zusammenhang, da in schwerem Leid oft
Edles unerwartet im Menschen hervorbricht, und da damit dasjenige, was
bisher unser ganzes Wesen dnkte und uns starr zu binden schien, sich
als eine besondere Stufe erweist, ber die es zwingend hinaustreibt.
So geschieht es wohl auch den Kulturen: was besonderen Zeiten die
endgltige Lsung scheint, das erweist sich in groen Prfungen,
wie wir eine solche auch heute erleben, als unzulnglich und schal;
auch im Gelingen leben die Kulturen sich aus und werden greisenhaft;
ein Verzagen und Verzichten wre kaum zu vermeiden, bestnde nicht
eine Mglichkeit des Hervorbrechens neuer und reiner Anfnge, die
Mglichkeit eines Jugendlichwerdens der Menschheit. Aber woher soll
diese neue Jugend kommen, wenn sich nicht der Menschheit ursprngliche,
von der Verwicklung unberhrte Lebensquellen erschlieen? So macht
diese Lebensoffenbarung, und wohl nur diese, es mglich, das Leid in
seiner vollen Herbheit anzuerkennen und darber den Mut des Lebens
nicht zu verlieren, ihn vielmehr weiter zu steigern. Da aber auch
beim Siege das Leid nicht vllig verschwindet, sondern sein Wirken
fortsetzt, so kann dieses Leben beide Pole gegenwrtig halten:
Schmerz und Freude, Hemmung und berwindung, und die Seele dadurch
in unablssige Bewegung versetzen. Jener Aufstieg zum Ja durch das
Nein macht mit seiner Forderung einer durchgreifenden Wandlung erst
eine Geschichte der Seele mglich, erhebt auch die Weltgeschichte
erst zu einer wahrhaftigen Geschichte, whrend sie sonst eine bloe
Evolution, ein bloer Naturproze bleibt. Es hngt damit zusammen, da,
wie William James bemerkt, sich gehaltvolle Selbstbiographien in der
Weltliteratur fast nur auf dem Boden des Christentums finden. Was htte
man auch zu berichten, wenn die Seele als Ganzes keine Aufgabe in sich
trgt?

Bei der nheren Entwicklung dessen sei aber mit voller Kraft und
Klarheit der Gedanke gegenwrtig gehalten, der unsere Errterung
leitet, der Gedanke, da das Ganze selbstndigen Lebens, das nunmehr
als ein gttliches anerkannt wird, den Menschen nicht nur mit
einzelnen Wirkungen berhrt, sondern mit seiner ganzen Flle als
eine selbstndige Lebensquelle unmittelbar in ihn gesetzt wird. Das
entspricht dem Grundgedanken des Christentums von dem vollen Eingehen
Gottes in die Welt und dem Gttlichwerden des Menschen. Es ergeben sich
daraus notwendig zwei Forderungen, die einander leicht widersprechen
knnen: das neue Leben mu in jeder Seele schlechterdings ursprnglich
sein und zum Kern ihres eigenen Wesens werden, zugleich aber mu es das
Ganze einer Welt in sich tragen, es mu daher, um sich zu entfalten,
auch im menschlichen Bereich ein groes Lebensreich bilden, es darf
nicht eine Sache des bloen Individuums bleiben. Wir drfen nicht
alles nur auf uns beziehen und meinen, wovor Eckhart warnt, Gott habe
die ganze Welt vergessen bis auf mich allein. Wir wissen, wie diese
Zweiheit sich geschichtlich im Gegensatz von Kirche und Persnlichkeit
ausdrckt, dort die Gefahr einer Bindung des Einzelnen und eines
Zurcktretens der Gesinnung vor den Leistungen, den religisen
Pflichten -- ein hchst unsympathisches Wort --, hier die einer
Zersplitterung in lauter individuelle Kreise, zugleich die Gefahr eines
berwucherns subjektiver Zustndlichkeit, eines Mangels an geistiger
Substanz. Jener Gedanke der Untrennbarkeit beider Seiten gestattet
ein Streben nach einer berwindung des Gegensatzes, er verhindert,
die Spaltung in Katholizismus und Protestantismus als endgltig
hinzunehmen, da jede Seite eine unentbehrliche Wahrheit vertritt, die
sich ohne schweren Schaden nicht verdunkeln lt.

Zu solcher Verwicklung der Gestaltung gesellt sich die Schwierigkeit
einer Umsetzung der Grundtatsachen in eine Gedankenwelt. Da
jene Tatsachen ber dem Bereiche der Arbeit liegen, der unsere
Begriffsbildung beherrscht, so knnen sie in Begriffen nur annhernd
dargestellt werden, so mssen oft Bilder gengen, um das Erlebnis
fabar zu machen. So namentlich beim Gottesbegriffe selbst. Es
erscheint hier viel Schwanken zwischen verschiedenen Fassungen,
zwischen ontologischen Gren, wie absolute Einheit, absolutes Sein,
die mehr eine philosophische als eine religise Bedeutung haben, und
Gren, welche den Begriff dem menschlichen Empfinden nherrcken,
wie namentlich dem der Persnlichkeit, die damit mehr Wrme gewinnen
lassen, aber zugleich der Gefahr eines Verfallens ins Blomenschliche
ausgesetzt sind. Tatschlich pflegen zwei verschiedene Gottesbegriffe
ohne eine gengende Auseinandersetzung ineinander zu verflieen.
Diese Spaltung von Weite und Ferne einerseits, von Nhe und Enge
andererseits, die das religise Leben nach entgegengesetzter Richtung
treibt, ist nur zu berwinden, wenn als Grundbegriff nicht das absolute
Sein, sondern das absolute Leben gilt, zugleich aber die Gegenwart
dieses Lebens beim Menschen anerkannt und er damit ber die bloe
Besonderheit hinausgehoben wird. Auch so verbleibt es freilich bei
bloen Annherungen, aber das macht uns den Grundgehalt mit seiner
Erhhung des Lebens keineswegs unsicher oder machtlos. Die Sache sinkt
dadurch nicht zu einem bloen Spiel der Phantasie, da der Mensch zu
ihrer Darstellung der Bilder nicht entraten kann.

Da jene Schranke dem Leben der Religion nicht allzu gefhrlich
wurde, das bewirkt vornehmlich die tatschliche Gestaltung des
Christentums auf dem Boden der Geschichte. Wir denken dabei namentlich
einerseits an den Aufbau einer religisen Gemeinschaft als einer
lebensvollen Gegenwrtighaltung einer hheren Ordnung, eines Reiches
Gottes auf Erden, wie die Kirche sie bildet oder doch zu bilden
strebt, andererseits an die starken Persnlichkeiten, welche das
Christentum aufweist, und deren vollste Kraft es gewann, vor allem
an die begrndende Persnlichkeit Jesu. Die Eigenschaften, die sich
uns zur Entfaltung alles hheren Lebens in der Menschheit vornehmlich
notwendig zeigten, erscheinen hier in einer das sonstige Ma weit
berschreitenden Verkrperung. Wir forderten Liebe, damit die
Bewegung zur Hhe alle Hemmungen des niederen Standes berwinde, hier
finden wir eine Liebe, welche die von Plato und Goethe gepriesene
Liebe mit ihrer Innigkeit und Opferwilligkeit weit bertrifft; wir
forderten volle Selbstndigkeit und Ursprnglichkeit; wie knnte
sie grer sein als hier, wo ein von Grund aus neues Leben entsteht
und ganz und gar aus sich selber schpft; wir forderten Tapferkeit
und Unerschrockenheit; wo knnte sie grer sein als hier, wo nicht
dieses oder jenes in der vorgefundenen Welt, sondern diese ganze Welt
angegriffen und entwertet wird? So ging von hier ein Lebensstrom aus,
der den Jahrtausenden ursprngliches Leben zufhrt und die Menschheit
immer wieder zu sich zurckruft, damit sie an ihm sich lutere und
aus ihm ein neues Leben schpfe. Die verschiedenen Zeiten sahen und
fanden bei ihm verschiedenes, aber wer immer in nhere Berhrung mit
ihm trat, der fhlte sich zur Ehrfurcht vor der schlichten Hoheit des
Zimmermannssohnes gezwungen und fand sein Leben durch ihn gehoben,
ja in neue Bahnen getrieben. Nur fhre alle Verehrung nicht zu einem
Jesuskult und zu einer Anbetung, die dem gttlichen Wesen selbst allein
vorbehalten sei; sie darf das auch deshalb nicht, weil damit leicht
der Zusammenhang mit dem gemeinsamen Menschheitsleben gelockert und
das Christentum zu sehr als eine einmalige Tat, zu wenig als ein die
ganze Geschichte durchdringendes, jeden Einzelnen zur Mitarbeit und
zur Fortfhrung aufrufendes Werk verstanden wird. Die alte Kirche,
zum Beispiel der grte Kirchenlehrer des Morgenlandes, Origenes,
fand die Forderung nicht zu khn, jeder solle nicht blo ein Anhnger
Christi sein, sondern selbst ein Christus werden; wir Neueren werden
den Gedanken wohl anders fassen, aber darauf mssen auch wir bestehen,
da das Christentum einen fortlaufenden Lebensstrom, ein gemeinsames
Werk bilden mu, wenn es die Menschheit geistig fhren und in jedem
Einzelnen sichere Wurzel schlagen soll. Wir sehen, an Verwicklungen
fehlt es nicht, aber es sind Verwicklungen nicht der Kleinheit,
sondern der Gre, und allen Verwicklungen gegenber erhlt sich die
eindringliche Wahrheit und die schlichte Einfalt des Grundbestandes.
Vieles Grbeln fhrt dabei nicht weiter, geben wir uns vielmehr
rckhaltslos der Gre dieser Welttatsache hin, gedenken wir der Worte
Pestalozzis: Das Staunen des Weisen in die Tiefen der Schpfung und
sein Forschen in den Abgrnden des Schpfers ist nicht Bildung der
Menschheit zu diesem Glauben. In den Abgrnden der Schpfung kann sich
der Forscher verlieren, und in ihren Wassern kann er irre umhertreiben,
fern von der Quelle der unergrndlichen Meere. -- Einfalt und Unschuld,
reines menschliches Gefhl fr Dank und Liebe ist Quelle des Glaubens.
Im reinen Kindersinn der Menschheit erhebt sich die Hoffnung des ewigen
Lebens, und reiner Glaube der Menschheit an Gott lebt nicht in seiner
Kraft ohne diese Hoffnung.

So vollzieht die Religion eine Erhebung ber das Gebiet der Hemmung,
indem sie dem Menschen ein in Gott gegrndetes und von gttlicher Liebe
getragenes Leben erffnet; es tritt damit zur kmpfenden Geistigkeit
eine berwindende, und was der zunchst vorhandene Lebensstand an Gutem
getrbt und gebunden aufwies, das erlangt nunmehr eine Selbstndigkeit,
es vermag sich zusammenzuschlieen und eine reine Gestalt zu erstreben.
Aber so gewi solche Wendung zeigt, da der Lebenskampf nicht
vergeblich ist, sie besagt keinen reinen Sieg, sie lst nicht glatt
das Problem. Dazu lt die Bewegung viel zu viel unergriffen, dazu
behlt das Feindliche viel zu viel Wirklichkeit, die Welt des Menschen
wird damit keineswegs ein Reich der Vernunft. Das kann freilich nicht
dem Zweifel die Oberhand geben, denn die Tatsache des Erscheinens
eines neuen Lebens wird durch allen Widerstand keineswegs aufgehoben;
ja wenn sie auer allem Zweifel steht, so mu der Widerstand selbst
ihre Selbstndigkeit und berlegenheit bestrken, denn eben die
Verworrenheit und die Unlauterkeit des Weltgetriebes, sowie das
moralische Unvermgen des Menschen macht klar, da nicht von da aus
jene Erhhung des Lebens stammen kann, da sie nicht ein Erzeugnis des
bloen Weltlaufs ist, da sie aus gttlicher Macht stammen mu. So die
eigentmliche Denkweise der Religion, die nicht mit dem weil, sondern
mit dem obgleich schliet, die nicht aus der Vernunft, sondern aus
der Unvernunft der Welt und den ihr innewohnenden Widersprchen die
Gewiheit des Bestehens einer hheren Ordnung schpft, eine Denkweise,
die freilich nicht ohne Gefahr ist und leicht berspannt werden kann.

So viel aber ist gewi: das Beharren des Widerstandes zwingt zu einem
eigentmlichen Urteil ber die Gesamtlage der Menschheit. Das Ganze der
Welt, das sie umfngt, mit seiner Unfertigkeit und seinen Gegenstzen,
mit seinem Angewiesensein auf eine der Verwicklung berlegene Ordnung,
kann nicht das Ganze der Wirklichkeit bilden und nicht in sich einen
Abschlu tragen, es ist ein Stck einer weiteren Wirklichkeit, eine
besondere Art des Seins, die tieferer Grnde und weiterer Zusammenhnge
bedarf, um berhaupt zu bestehen und einen Sinn zu erlangen. So suche
auch unser Handeln nicht in dieser widerspruchsvollen Welt seine
letzten Ziele, es bleibe vielmehr inmitten alles Kampfes unbeirrt auf
eine Welt berlegener, selbstndiger Geistigkeit gerichtet, um sie bei
uns aufrechtzuhalten und mglichst zur Wirkung zu bringen, in festem
Vertrauen darauf, da letzthin nichts von dem verloren sein kann,
was dem Aufbau wahrhaftigen Lebens dient. Unser Leben behlt auch
dann einen Sinn und Wert, wenn es mehr ein inneres Vordringen als ein
ueres berwinden, mehr ein Wecken und Sammeln der Krfte als ein
volles Erreichen der Ziele ist, wenn es in Zusammenhngen steht, die
wir nicht klar durchschauen. So dachte auch Luther, wenn er sprach: Es
ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange,
es ist nicht das Ende, aber der Weg. Es glhet und glnzet nicht alles,
es feget sich aber alles.

Solcher Stand der Dinge fhrt notwendig auf die Unsterblichkeitsfrage
und zugleich unter all die Verwicklung, welche dieser Frage
innewohnt. Wie viele Grnde den Menschen der Gegenwart an einer
glatten Bejahung hindern, das bedarf keiner nheren Darlegung, nur
das eine sei angefhrt, da ein unbegrenztes Fortbestehen in dieser
zeitrumlichen Existenz, ein Fortbestehen der besonderen Individualitt
mit all ihrer Enge und Zuflligkeit, manchem von uns weniger ein
Glck als ein schweres Unglck dnken mchte; wir brauchen das nur
durchzudenken, um es geradezu unertrglich zu finden. Aber trotzdem
macht es sich auch nicht so leicht mit einer vlligen Verneinung.
Zunchst ist es nicht blo niedrige Lebensgier, welche eine Fortdauer
suchen heit, und es handelt sich dabei nicht blo um eine Rettung
unserer natrlichen Besonderheit, sondern um das selbstndige Leben,
das bei uns durchbricht, uns zu selbstttigen Lebenstrgern macht
und uns an Unendlichkeit und Ewigkeit teilnehmen lt. Erlsche
alles, was an Geistigem im Menschenwesen belebt wird, mit dem
krperlichen Untergange, so wrde ja auch das ganze Menschengeschlecht
dahinschwinden, wie die welken Bltter vom Baume fallen, und all sein
Mhen und Wirken, das ja, wie wir sahen, kein Reich der Vernunft
ergibt, sondern in den Gegenstzen stecken bleibt, mitten im Streben
abbrechen und damit vllig sinnlos werden. Das mten wir uns so lange
gefallen lassen, als wir die Sache vom bloen Menschen aus betrachten;
steht sie aber so, da darin das absolute Leben sich dem Menschen
erffnet und ihn zu selbstndiger Mitwirkung aufruft, so wrde der
Zweifel und die Verneinung jenes Leben selber treffen; ist der Aufbau
des Geisteslebens in der Menschheit ein gttliches Werk, so kann sie
nicht schlechthin vergehen. Daher verficht die religise berzeugung
die Unsterblichkeit nicht vom bloen Menschen, sondern von Gott her,
nach den Worten Augustins: Fr sich selbst kann nicht untergehen, was
fr Gott nicht untergeht. Wird aber dieser Gedankengang eingeschlagen,
so ist er auch zu Ende zu fhren; Unsterblichkeit kann dann nicht eine
unbegrenzte Fortdauer in Zeit und Raum, sie mu eine Erhaltung im
gttlichen Leben mit seiner ewigen Ordnung bedeuten. Worauf es ankommt,
ist die berzeugung, da des Menschen Leben und Streben sich nicht in
die bloe Zeit erschpft, sondern auf Ewiges geht, und da dies Ewige
nicht auf einzelne Leistungen beschrnkt bleibt, sondern den Kern des
Wesens betrifft. Eine derartige Ewigkeit drfen wir um so getroster
verfechten, als wir sie nicht erst von der Zukunft erwarten, nicht
blo auf sie hoffen und harren, sondern sie schon besitzen, mitten
in ihr stehen, in ihr den Standort unseres geistigen Lebens haben.
Insofern knnen wir mit Goethe zusammengehen, wenn er meint, da das
Bestndige der ird'schen Tage uns ewigen Bestand verbrge, wir knnen
sogar mit Kant einen Vorteil darin finden, da uns bei dieser Frage
alle nhere Vorstellung versagt ist, da eine solche uns leicht an der
vollen Hingebung an das gegenwrtige Leben hindern wrde, das uns
wahrlich genug zu tun gibt. Ein Glaube an eine ewige Ordnung und unsere
Zugehrigkeit zu ihr sei unbedingt festgehalten; ohne eine Begrndung
in solcher Ordnung wird alles Leben und Streben in der Zeit zu bloem
Schatten und Schein, und verfllt unser Leben unrettbar einer vlligen
Sinnlosigkeit. Dafr aber steckt doch zu viel in ihm.


Auseinandersetzung mit dem Zweifel.

Unsere Untersuchung hat wiederholt den Zweifel gestreift, der ihrem
Hauptzuge widerspricht, aber es fehlt bisher noch eine grndliche
Auseinandersetzung mit ihm; eine solche aber ist nicht zu entbehren,
wenn unsere berzeugung die notwendige Sicherheit erreichen und sich
auch nach verschiedenen Seiten hin noch deutlicher ausprgen soll.
Jenes knnen wir aber nicht tun, ohne dem Zweifel selbst das Wort zu
geben.

Der Zweifel: Du hast eine Reihe von Grnden vorgebracht und dabei den
Eindruck zu erwecken gesucht, als entsprngen sie einer unbefangenen
Wrdigung der Sache. In Wahrheit ist das ein bloer Schein. Denn du
hast eine bestimmte Tendenz an die Sache herangebracht und sie in ihrer
Beleuchtung gesehen. Du suchtest mit aller Kraft eine Bejahung des
Lebens durchzusetzen, du hobst hervor, was ihr gnstig ist, und schobst
zurck, was ihr widerspricht. Wohl anerkanntest du die bermacht der
Natur, das Schwanken im Geistesleben, selbst die moralische Verwicklung
der Menschheit, aber du strebtest durchgngig mglichst rasch ber
das Hemmnis hinaus, und wenn du es berwunden zu haben glaubtest, so
lieest du es hinter dir liegen und behandeltest es als ein Nebending.
So erhielt deine Untersuchung einen optimistischen Einschlag, und es
ergab sich ein viel zu beruhigtes, ein schngefrbtes Bild unseres
Lebens.

Ich: Ich bestreite entschieden, die Untersuchung im Dienst einer
bloen Tendenz zu fhren. Aber ich behaupte, da jede Arbeit, die
nicht fruchtlos auslaufen soll, eine bestimmte Richtung haben mu,
nicht ziellos hin und her schwanken darf. Zu verlangen ist nur,
da sie diese Richtung aus der Sache und nicht aus bloer Neigung
des Menschen erhalte. Nun aber suchte ich durchgngig zu zeigen,
da die Wendung des Lebens zur Selbstndigkeit, dieser Leitgedanke
unserer ganzen Untersuchung, nicht dem Vermgen des bloen Menschen
entspringt, und da sie seinen Neigungen eher widerspricht, da sie
vielmehr eine Bewegung aus dem Weltall bedeutet, die in sich selbst
eine Richtung trgt und mit berlegener Kraft das Streben des Menschen
in diese zwingt. Da diese Bewegung in unserem Bereich hrtesten
Widerstnden begegnet, das wei ich wohl und habe es auch mglichst
zum Ausdruck gebracht, aber ich finde, da sie diesem Widerstande
keineswegs erliegt, sondern sich gegen ihn behauptet und ihn an
Hauptstellen siegreich berwindet. Da vieles nicht in die berwindung
eingeht, das habe ich nicht verschwiegen und auch nicht zu verkleinern
gesucht. Mir tritt damit das ganze Leben unter den Anblick eines
Kampfes, und ich meine, da dieser Kampf nicht gelingen kann, wenn
der Gegner unterschtzt wird. Aber ein anderes ist es, den Gegner
nicht zu unterschtzen, ein anderes, keinen Kampf gegen ihn zu wagen;
letzteres scheint mir schon deshalb verkehrt, weil mir geistiges Leben
kraft seiner Begrndung in Weltzusammenhngen keine starre Gre
bedeutet, sondern einer unermelichen Steigerung fhig dnkt. Diese
Steigerungsfhigkeit auch mitten im harten Kampfe anzuerkennen, ist
noch keineswegs Optimismus; will jemand das aber so nennen, so bekenne
ich mich gern zu einem derartigen Optimismus, zum Glauben an die
unbegrenzte Macht des Lebens.

Der Zweifel: Du bersiehst, da du bei allem dem bloe Mglichkeiten
fr Wirklichkeiten gibst. Weil der Mensch nach deiner Behauptung sich
ber die Natur erheben kann, nimmst du an, er tue das in Wirklichkeit;
weil der Gewinn eines festen Bestandes im Leben nicht unbedingt
ausgeschlossen ist, behandelst du ihn als schon gewonnen; weil Sehnen
und Hoffen des Menschen den elenden moralischen Durchschnittsstand
berschreitet, dnkt dir ein Mehr schon vorhanden. Du bersiehst, da
der Durchschnittsstand der Menschheit unter eben den Hemmungen bleibt,
die deine Betrachtung bersprang: die Natur bleibt bermchtig auch
beim Menschen, den hchst unsicheren Stand des menschlichen Strebens
lt eben die Gegenwart deutlich empfinden, und wie wenig die Moral
die tiefste Gesinnung der Menschheit beherrscht, das haben gerade die
fhrenden Geister der Religion aufs schmerzlichste empfunden.

Ich: Den weiten Abstand des tatschlichen Verhaltens der Menschen von
den ihnen gesteckten Zielen anerkenne ich vollauf, aber dieser Abstand
setzt die Ziele noch nicht zu bloen Mglichkeiten herab und damit,
wie du zu meinen scheinst, zu bloen Gebilden menschlicher Meinung.
Mgen die Individuen noch so wenig die geistige Bewegung teilen, mag
der Durchschnittsstand ihre Forderungen noch so wenig erfllen, die
Bewegung selbst bleibt eine Tatschlichkeit, die der bloe Mensch nun
und nimmer ersinnen knnte, die als berlegen und von ihm unabhngig
an ihn kommt, ihn mit erhhendem Wirken umfngt, ihm starke Antriebe
zufhrt. Aber als Quell eines Reiches der Freiheit lt sie sich nicht
mechanisch bertragen, verlangt sie eine Anerkennung und Aneignung
seitens des Menschen, mag sie insofern fr den Einzelnen eine bloe
Mglichkeit heien. Nicht aber ist sie dieses an sich selbst, nicht
auch ist sie es fr das Ganze der Menschheit. Dieses hat mit der
Ausbildung einer Geisteskultur eine berwindung der Natur vollzogen,
es hat der weltgeschichtlichen Arbeit bestimmte Richtungen und
Forderungen eingeprgt, es hat mit der Bewegung zur Religion eine
durchgreifende Vertiefung des Lebens vollzogen; das alles bildet eine
Tatschlichkeit, ohne welche der Einzelne berhaupt nicht aufstreben
knnte. Nur darf man die Tatsachen nicht neben und auer dem Leben,
man mu sie innerhalb seiner suchen; solche Lebenstatsachen, die
sich deutlich genug von allen sogenannten inneren Erfahrungen,
subjektiv-seelischen Zustnden unterscheiden, ergeben berhaupt
erst Festigkeit, und knnen auch dem, was von auen kommt, erst den
Charakter der Tatschlichkeit verleihen; es ist daher eine Verkehrung
der Sache, wenn diese grundlegenden Tatsachen als bloe Einbildungen
hingestellt werden. In der Entfaltung des Geisteslebens nur Wechsel und
Wandel, nur Widerspruch und Streit gewahren kann nur, wer sie lediglich
von auen betrachtet und mit Hnden greifen will, was ihm als wirklich
gelten soll. Wer aber in die Bewegung eintritt und sie als eine eigene
miterlebt, der wird alsbald die Tatschlichkeit erfahren, welche ihr
innewohnt, und die Kraft, die von ihr ausgeht, der wird erkennen, da
auch im Streben und Suchen sich ein wirklichkeitbildendes Schaffen
erweist; ihm wird gewi sein, da geistige Festigkeit sich nicht von
auen her bermitteln, sondern nur aus eigener Bewegung erringen lt,
so da letzthin alle und jede Gewiheit auf einer Selbstbefestigung
ruht.

Der Zweifel: Du magst sagen, was du willst; deine Beweisfhrung
ist zu knstlich, zu verwickelt; sie wird nie den Menschen als
Menschen gewinnen, er mu seine berzeugung auf einen festeren Grund
bauen knnen als auf weitausgesponnene philosophische Errterungen.
Wie schwer mu es einem schlichten Manne sein, den Begriff eines
selbstndigen Lebens auch nur zu fassen und ihn gar zu einer Macht
fr sein Handeln zu erheben! Durch zu viel Gestrpp ist hier der Weg
zu bahnen und zu viel davon ist zu beseitigen, damit nur ein Ausblick
mglich werde; ehe man dazu gelangt, wird man ermdet sein. Was zu den
Menschen wirken will, mu einfacher Art sein und unmittelbar zum Herzen
sprechen; alles andere bleibt Sache der bloen Schule.

Ich: Du verkennst die Eigentmlichkeit philosophischer Behandlung,
wrdigst nicht die besondere Art unserer Zeit und gibst auch
unserer Arbeit nicht ihr volles Recht, wenn du bei ihr lediglich
Verwicklung siehst. Um dieses vorauszuschicken, so meine ich, da
alle Mannigfaltigkeit unserer Errterung einen einzigen Grundgedanken
bekennt, und da sich von ihm aus ein Entweder -- Oder ergibt, welches
das ganze Leben durchdringt und auf entgegengesetzte Bahnen treibt.
Das ist aber die Behauptung, da im Menschen aus berlegener Macht
ein neues Leben gesetzt wird, das ihn in eine Weltbewegung aufnimmt
und zugleich zur selbstndigen Mitarbeit an dieser Bewegung aufruft.
Nur kraft eines solchen Lebens kann er es unternehmen, der Natur ein
Reich der Geisteskultur gegenberzusetzen; nur ein solches Leben vermag
durch seinen Gehalt ihn der schwankenden und tastenden Reflexion zu
entwinden und ihm inmitten aller Unfertigkeit eine volle Sicherheit zu
geben; nur die Selbstvertiefung dieses Lebens macht ihm gewi, da jene
berlegene Macht nicht in jenseitiger Hoheit beharrt, sondern ihn in
die Verwicklungen des Daseins begleitet und ihn ber sie hinaus einer
hheren Stufe zufhrt. In Wahrheit entwickelt das alles nur jenen einen
Grundgedanken, die Grundtatsache eines dem Menschen nicht aus eigener
Kraft geschpften, sondern ihm verliehenen neuen Lebens; sicherlich
kann nur eine solche einfache Grundwahrheit unserem Streben einen
festen Halt und einen inneren Zusammenhang geben. Diese Grundwahrheit,
die alle Geistesgeschichte der Menschheit durchdringt, wurde frheren
Zeiten mehr aus gemeinsamer berzeugung, im besonderen durch die
Religion zugefhrt; wir wissen, wie die Wandlungen der Neuzeit sie fr
viele weit zurckgedrngt und arg verdunkelt haben, so da dadurch fr
die ewige Wahrheit eine neue Form notwendig wird. Fr solche Aufgabe
ist die Arbeit der Philosophie nicht zu entbehren, diese Arbeit kann
aber nicht so unmittelbar wie die Religion zur Seele jedes Einzelnen
sprechen, ihr Weg fhrt durch begriffliche Errterung hindurch; so
mag die Sache von auen betrachtet als knstlich und verwickelt
erscheinen, obwohl sie im Grundgehalt einfach ist. Wer besitzt, kann
auch in der Form einfacher sein als wer erst sucht; da wir aber suchen
mssen, das liegt an der ganzen Zeit, dafr trifft den Einzelnen keine
Verantwortung und keine Schuld.

Der Zweifel: Alle deine Reden und Grnde lsen nicht das Problem,
das von altersher mit schwerer Wucht auf der menschlichen Seele
lastet, sie lsen nicht die Frage, warum denn die hhere Macht, als
deren Offenbarung du das in der Menschheit neu aufquellende Leben
betrachtest, sich nicht in unseren Geschicken mit deutlichen Zgen
erweist, warum nach unbefangenem Eindruck der Weltlauf das Wohl und
Wehe des Menschen mit voller Gleichgltigkeit behandelt, weshalb Gut
und Bse bei ihm nicht in die Wage fallen, weshalb so viele zerstrende
Krfte in unserem Dasein walten. Der gegenwrtige Krieg mit seinem
unbarmherzigen Vernichten so vieles blhenden Lebens und seiner Wendung
so vieler Geschicke aus hellem Licht in trbes Dunkel mu solche Frage
noch weit eindringlicher und peinlicher machen als der gewhnliche
Lauf der Dinge. Wie kann eine Macht der Liebe, und sei es auch nur der
Gerechtigkeit, eine derartige Auslieferung der Menschheit an sinnlose
Mchte dulden? Erschttern solche Eindrcke nicht allen Glauben an
jene hhere Macht, ja lassen sie diesen Glauben nicht als ein bloes
Wahnbild des Menschen erscheinen?

Ich: Das ist frwahr ein gewichtiger Einwand, den nur die Flachheit
leicht nehmen kann. Jeder Einblick in die innere Geschichte der
Menschheit zeigt aber, da er keineswegs neu aufgetaucht ist,
sondern von altersher ernste Seelen beschftigt und aufgeregt hat,
ohne da sie darber ihren Glauben verloren haben. Da sie wahrlich
die Sache nicht leicht nahmen, so mssen sie Grnde gehabt haben,
die ihnen freilich nicht die Verwicklung glatt lsten, wohl aber
sie ihrem niederdrckenden Einflu entwanden. Diese Grnde kommen
aber schlielich auf das Eine hinaus, da ihnen trotz jenes Mangels
greifbarer Bekundung jene hhere Macht kein bloer Hintergrund des
Weltgeschehens blieb, sondern da sie ein unmittelbares Wirken von
ihr auch innerhalb jenes fanden und anerkannten, das aber in der
Erschlieung eines hheren, wesenhafteren Lebens sowohl in der
Menschheit als in der Seele jedes Einzelnen. Es war das Wunder
des Geistes, das ihnen eine uere Durchbrechung des Weltlaufs,
das ihnen sinnliche Wunder entbehrlich machte. Ein echtes Wunder
erkannte der Einzelne vornehmlich darin, da ihm das Leben inmitten
des Kampfes gegen eine gleichgltige, ja feindliche Welt nicht nur
aufrecht gehalten wurde, sondern eine innere Erhhung erfuhr; eine
weiterblickende Betrachtung mute aber die ganze Menschheit umfassen
und dabei voll zur Geltung bringen, da in ihr weit ber ihr eigenes
Vermgen hinaus, ja ihrem eigenen natrlichen Streben zuwider ein
Reich des Geistes, ja der Liebe begrndet und gegen alle Widerstnde
nicht nur behauptet, sondern weiter und weiter verstrkt ward. Eben
dies, da das nicht aus dem Menschen, sondern eher trotz seiner
geschah, und da, was dabei bei ihm selbst zur Wirkung gelangte, nicht
aus eigener, sondern aus verliehener Kraft gewirkt ward, gab ihm die
felsenfeste berzeugung, da er nicht blo seine eigene Sache fhrt,
sondern in inneren Zusammenhngen steht und durch die Kraft des Ganzen
getragen wird. So befestigt aber fhlte er sich stark genug, den
Widerspruch der Auenwelt zu ertragen, so wenig er ihn leicht nehmen
konnte. Aber nunmehr gewann die Sache den Anblick, da wir Menschen
auf die innere Welt gestellt sind und ihr treu bleiben sollen, auch
gegenber der Undurchsichtigkeit der ueren Geschicke und all ihrer
Hemmungen. Diese Undurchsichtigkeit selbst nimmt sich dabei anders aus,
wenn sich nunmehr das Gesamtbild des Lebens verndert. Mten wir unser
hchstes Ziel darin finden, da es uns wohl ergehe und wir lange leben
auf Erden, so wre allerdings gegen jenen lhmenden Eindruck nicht
aufzukommen und der Unvernunft bliebe das letzte Wort. Nun aber haben
sich uns hhere Ziele aufgetan: es gilt einen inneren Aufstieg des
Lebens im Bereich der Menschheit, und dies kann bei der tatschlichen
Schroffheit der Gegenstze nicht in ruhiger Entwicklung, sondern
nur durch Kampf und Schmerz, durch Wandlung und Entsagung hindurch
geschehen. Fr solches inneres Aufklimmen, fr dies Stirb und Werde
kann aber manches dienlich sein, was sich, uerlich angesehen, wie ein
bloer Verlust ausnimmt. Bringt das zunchst bloe Mglichkeiten, und
bleibt es uns in tiefes Dunkel gehllt, woher so schroffe Gegenstze im
Weltbestande und so harte Widersprche im menschlichen Wesen stammen:
alles Dunkel verkmmert uns nicht im mindesten den Aufstieg eines neuen
Lebens und die Verwandlung unseres Wesens dadurch. Stellen wir uns auf
diese eine Grundtatsache und halten uns fest an sie, so knnen alle
Rtsel der Weltlage uns nicht dem Zweifel zur Beute geben, so kann der
Widerstand selbst uns nur in der berzeugung von der Ursprnglichkeit
und der berlegenheit jener Grundwahrheit bestrken.

So vermgen wir uns mit dem Zweifel nicht zu verstndigen, verstehen
aber knnen wir ihn sehr wohl. Es liegen schwere Verwicklungen und
ungeheure Widersprche im Weltstande und im Menschenleben, die sich
aller Aufklrung durch menschliche Einsicht entziehen, die wir einfach
als Tatsachen hinnehmen mssen. Diesen Widerstnden gewachsen und
berlegen werden knnen wir nur dadurch, da wir uns selbst in die
Bewegung versetzen und sie als die unsrige fhren, damit ihre Kraft
erfahren, damit in ihr eine unerschpfliche Welt entdecken. Freilich
mu, wer die Bewegung teilt, auch ihre Mhen und Kmpfe teilen, auch
Zweifel werden ihn nicht verschonen. Aber die Zweifel liegen dann
innerhalb der Bewegung, ja sie entspringen erst aus ihr; so knnen sie
nun und nimmer ihre Tatschlichkeit erschttern, ja es kann der Zweifel
selbst zur berwindung des Zweifels wirken. Denn vom Zweifel gilt
dasselbe, was von der moralischen Verwicklung: nichts hat die Menschen
mehr eines naturberlegenen Lebens gewi gemacht als das Gewahren
und Durchleben schwerer Probleme in der eigenen Seele; die vllige
Unmglichkeit, diese Probleme liegen zu lassen, ward das sicherste
Zeugnis dafr, da das Ganze keine bloe Einbildung ist; die Befassung
mit diesen Problemen lie das Leben auf sich selber stehen und
unabhngig von seiner Umgebung werden, es gewann eben dadurch echte
Freiheit, da es eine innere Notwendigkeit in sich aufnahm. Zugleich
erzeugte die Strke des Schmerzes ber den Nichtbesitz unentbehrlicher
Gter die Hoffnung, den Glauben, die felsenfeste Gewiheit, da jenes,
was wir schmerzlich entbehren, irgendwie besteht und schlielich
auch uns zugehen wird. Wo hingegen der Zwang innerer Probleme fehlt,
der Mensch die Bewegung von auen her betrachtet und sie wie etwas
Fremdes von sich schiebt, da berwltigen ihn leicht die Eindrcke der
gleichgltigen oder feindseligen Welt, da verliert der Zweifel seine
aufrttelnde und vorwrtstreibende Macht, da wird er matt und schlaff,
da weicht die Welt vor dem Menschen zurck, und alles kluge Rsonnement
vergrert nur die damit entstehende Kluft. Mit Recht hatte Goethe
besondere Freude an der Erzhlung von dem Wandeln Jesu auf dem Wasser,
alles Groe verlangt einen festen Glauben, ja einen Trotz gegen die
Mae der Welt, whrend der Kleinglubige versinkt. Gre aber verlangt
das Leben durchgngig von dem zwischen zwei Lebensstufen befindlichen
Menschen, eine Gre, vor der alle Unterschiede gesellschaftlicher
Stellung verschwinden; so hatte Luther Recht, wenn er meint, niemand
drfe den Glauben fahren lassen, da Gott mit ihm groe Dinge tun
wolle. Auch zusammenfassend drfen wir mit Luther sagen. Darum nur
getrost und frisch dahin gesetzt, was auch die Welt nehmen kann. Die
Wohnungen des Lebens sind viel weiter denn die Wohnungen des Todes.




Die Folgerungen aus dem Gesamtbilde des Lebens.


Folgerungen fr das Leben des Einzelnen.

Wie jede Lebensordnung sich am Dasein des Einzelnen zu bewhren hat, so
mu es auch die unsrige tun; sie tut das, indem sie auch im Einzelleben
eine hohe Aufgabe findet, ihm einen inneren Zusammenhang gibt, es den
Widersprchen entwindet, die es zu zerstren drohen. Diese Widersprche
stammen vornehmlich daher, da der Mensch kraft seiner geistigen Anlage
der bloen Natur entwchst und bei ihr kein Genge mehr findet, da
der Durchschnitt seines Daseins aber geistiges Leben nicht gengend
entfaltet, um ihm Selbstndigkeit zu erringen; so schwebt der Mensch
in unsicherer Mitte, und da die Versuche einer Hilfe sich bald als
unzulnglich erweisen, so luft das Ganze schlielich in trbe
Entsagung aus; das Leben erscheint nach dem Ausdruck Schopenhauers als
ein Geschft, das seine Kosten nicht deckt.

Der Verlauf des Lebens durch die verschiedenen Alter hindurch stellt
sich zunchst als ein Aufstieg, bald jedoch als ein Abstieg dar, damit
aber als ein berwiegender Verlust, als eine herbe Enttuschung.
Beim Eintritt in das Leben wird das Individuum vom engen Kreise der
Seinigen freudig begrt und zrtlich gepflegt, auch den Weg des
Heranwachsenden behten Liebe und Gte, und was an kleinen Sorgen
und Schmerzen erscheint, das strt nicht die Lebensfrische und
Lebenslust. Da die Abhngigkeit noch nicht drckend wirkt, so hat
das Kindesalter einen Stand harmlosen Glckes, nach dem das sptere
Leben oft wie nach einem verlorenen Paradiese zurckschaut. Dann aber
erwacht ein Verlangen nach voller Selbstndigkeit, das Leben drngt
ins Freie und Weite, der Mensch sucht eigene Wege und schliet in
Freundschaft und Liebe selbstgewhlte Bnde; neue Triebe erwachen und
neue Wnsche steigen auf, schwellende sinnliche Kraft fhrt auch dem
geistigen Leben fruchtbare Antriebe zu. Ins Endlose geht hier das
Sehnen und Hoffen, unbegrenzte Mglichkeiten stellen sich zur Wahl
vor den strebenden Geist, das ursprngliche Aufquellen frischer Kraft
erzeugt das Gefhl, da jetzt erst die Welt ihren Lauf beginne, jetzt
erst die Sonne voll leuchte, jetzt erst Lust und Liebe ihren Zauber
entfalten. Die Vergangenheit dnkt dabei leicht eine bloe Vorstufe
dessen, was jetzt an den Punkt der Entscheidung gelangt, eben jetzt
wird die Zukunft geschmiedet, eben jetzt aller Folgezeit der Weg
gewiesen. So gro kann die Jugend nicht von sich denken, ohne auch
manche Sorgen und Schmerzen auf sich zu nehmen, die hochfliegenden
Plne selbst lassen den Widerstand der Erfahrung mit besonderer Strke
empfinden. Aber ein freudiges Kraftgefhl schpft daraus mehr Antrieb
als Hemmung; auch waltet ein fester Glaube an die Macht der Einsicht
und der Gerechtigkeit in menschlichen Dingen, ein Glaube auch an eine
berlegenheit freier Entscheidung ber alle starre Gewhnung.

Aus der Zeit der Entwrfe und Plne tritt der Mensch mit beginnendem
Mannesalter in die Zeit der Arbeit ein, nun gilt es selbst Hand
anzulegen, nun das Vermgen in Tat umzusetzen; ein Beruf wird
ergriffen, ein eigenes Heim begrndet. Das bringt dem Leben eine
gewisse Verengung und lenkt es in eine ruhige Bahn. Aber wenn der Sturm
und Drang der Jugend verfliegt, so verflicht sich dafr das Leben
enger mit seiner Umgebung und gewinnt es einen festeren Boden; klarer
stehen die Ziele vor Augen, und das Wirken gewinnt an Sicherheit.
Aus emsiger Arbeit quillt Liebe und Freude hervor, die Hingebung
und Opfer zu erzeugen vermag und zur ethischen Erhhung wirkt. Aber
diese Wendung bringt das Leben bald an einen kritischen Punkt, den
am meisten kritischen Punkt unseres Daseins. Die Arbeit zwingt, das
Streben auf die Leistung zu richten, sie lenkt damit den Menschen vom
eigenen Innern ab, sie verlegt den Schwerpunkt des Lebens mehr und
mehr in das Verhltnis zur gesellschaftlichen Umgebung und unterwirft
den Einzelnen ihren Forderungen. Das ergibt so lange keine schwere
Verwicklung, als das Feuer der Jugend noch anhlt und das Werk des
Tages erwrmt; aber allmhlich erlischt jenes Feuer, es erschlafft
mehr und mehr die Jugendkraft der Natur, und es fragt sich nun,
ob, was damit verloren geht, irgendwelchen Ersatz erhalte. Damit
aber wird das Leben vor eine folgenschwere Entscheidung gestellt.
Nur geistige Kraft vermchte die sinkende Natur zu ersetzen, sie
knnte das aber nur, wenn die geistige Anregung, die dem Individuum
zugefhrt wurde, in ihm tief genug Wurzel geschlagen htte, um eine
Selbstndigkeit zu erreichen und den Hemmungen gewachsen zu werden.
Dies aber geschieht, wie der Augenschein zeigt, in den meisten Fllen
nicht, das geistige Leben wird weniger durch eigene Kraft als durch
das verwickelte Triebwerk des gesellschaftlichen Lebens aufrecht
gehalten; das aber besagt gerade nach unserer Darlegung deshalb einen
schroffen Widerspruch, weil geistiges Leben ein Selbstndigwerden
der Innerlichkeit bedeutet; eine Beugung unter eine fremde Ordnung
mu es verflachen und entstellen, ja setzt es schlielich zu bloem
Aufputz und Schein herab. Das mu auch das Individuum am eigenen Leibe
erfahren: es kann nicht vornehmlich nach drauen blicken und die
Wirkung auf die Umgebung berechnen, ohne da die Kraft des Lebens sinkt
und seine Gefhle ermatten; ursprngliches Schaffen weicht trger
Gewhnung, und eine geistlose Mechanisierung gewinnt immer weiteren
Raum. Die Arbeit sinkt zur Routine, und was feurige Liebe schuf, das
mu die Gewohnheit des Alltags und khle Erwgung der Zweckmigkeit
mhsam aufrecht erhalten. Zugleich weicht das strmische Hochgefhl
der Jugend einem nchternen Realismus, der Trgheitswiderstand der
Verhltnisse, der die Jugend so wenig bekmmerte, wird nun berschtzt
und lhmt allen khnen Aufschwung; dasselbe gilt von der Macht des
Kleinen und Gemeinen, sowie des Zufalls, der oft mhsame Arbeit und
wohlerwogene Plne in spielender Laune zerstrt. Ist es dem Individuum
zu verdenken, wenn solche Eindrcke und Erfahrungen es auf eine
Beherrschung der Dinge verzichten und mglichst eine Anpassung an seine
Umgebung suchen lassen? Auch untersttzt das gesellschaftliche Leben
eine derartige Wendung, indem es sich eifrig bemht, den Menschen die
drohende innere Leere nicht voll empfinden zu lassen. Die Gesellschaft
lt es an Anerkennung der Leistung nicht fehlen, sie stachelt den
Ehrgeiz des Individuums an und schmeichelt mit mannigfachen Mitteln
seiner Eitelkeit; oft verkehrt sich das in wunderlicher Weise dahin,
da das Nichts dem Nichts eine Bedeutung zuspricht und ihm damit
ein Selbstbewutsein verleiht; auch ersinnt die Gesellschaft mit
groem Geschick Unterhaltungen und Zerstreuungen, Spiele, Sport
usw., Ersatzmittel echten Lebens, die durch unablssige Erregung der
einzelnen Augenblicke die Leere des Ganzen verdecken mchten. Aber das
Gefhl der Leere verscheuchen, heit nicht die Leere vertreiben, in
aller knstlich erzeugten Erregung fhren die Seelen kein wahrhaftiges
Leben, sind sie, innerlich angesehen, tote Seelen, geistig tot, bevor
der krperliche Tod sie dahinrafft. Und nun erwacht oft eine wehmtige
Sehnsucht nach der Kindheit, wo das Leben in so weitem Ausblick vor dem
Menschen lag, wo alle Mglichkeiten noch offen standen, und die Pulse
so viel krftiger schlugen.

Schlielich versagen die Krfte zur Arbeit, und gilt es ein Scheiden
von ihr, das Greisenalter beginnt. Dieser Abschied von der Arbeit,
die mehr und mehr zu einer lastenden Brde wurde, mag zunchst wie
eine Erleichterung und Befreiung erscheinen, die Ruhe wird zum Genu,
der harte Kampf erlischt, die Stimmung wird weicher, das Urteil des
unbeteiligten Zuschauers milder; zugleich wird er selbst, da er nun
ja aus der Wettbewerbung ausschied, freundlicher beurteilt oder
doch schonungsvoller behandelt. Das Greisenalter ist die Zeit der
Selbstbetrachtung, aber einer Betrachtung, die sich vom Schaffen
abgelst hat; so hat diese Weisheit einen matten und unfruchtbaren
Charakter, sie erleichtert mehr das Scheiden vom Leben, als sie diesem
nachtrglich einen Wert verleiht. Die Beleuchtung, welche sein Verlauf
beim Rckblick erhlt, gibt eher dem Pessimismus als dem Optimismus
Recht. Die Natur versah jeden von uns mit einem Kapital fr das
Leben, aber dieses Kapital war begrenzt, und wir haben es allmhlich
aufgezehrt; was sollen wir nun noch beginnen? Wir hatten manche
Erfolge, aber sie lieen die Seele vergessen und verkmmern, und sie
selbst geraten in Unsicherheit, wenn der Sinn und Wert des gesamten
Lebens zweifelhaft wird, und wie sollte das hier nicht geschehen?
Wir strebten von Augenblick zu Augenblick und hofften stets mit dem
Erklimmen der nchsten Hhe den hchsten Gipfel gewonnen zu haben, aber
immer wieder erschienen neue Hhen und zwangen uns weiter zu wandern.
Das Leben kam nicht zu sich selbst und ging nicht in ein Ganzes
zusammen; so hatte es dem Strom der Zeit nichts entgegenzusetzen,
sondern trieb wehrlos mit ihm dahin. Im Hoffen und Harren auf ein
Glck, das irgendwoher kommen sollte, entrann uns die Gegenwart und
schlielich das ganze Leben, es war mehr ein Suchen und Haschen, ein
Verlangen nach Leben als wahres und wirkliches Leben.

Zugleich verschiebt sich durch den Verlauf des Lebens in schmerzlicher
Weise das Verhltnis des Einzelnen zur Zeit und zur menschlichen
Umgebung. Im Aufstreben fhlte er sich seiner Zeit aufs allerengste
verbunden, und ihre Frderung bildete den Hauptantrieb seines Strebens.
Am Schlu aber entweicht ihm die Zeit, die alten Probleme treten zurck
und machen neuen Platz; das macht ihn fremd in der Zeit und mit seinem
Hangen an der Vergangenheit selbst zu einer Vergangenheit. Nicht viel
anderes erfhrt er mit den einzelnen Menschen. Als er aufstrebte, hatte
er viele Genossen, deren Teilnahme er sicher war, und die er zu fhren
oder doch zu frdern hoffte. Diese Genossen und Freunde werden ihm
nach und nach entrissen, und Fremde besetzen ihren Platz. So findet er
sich immer weniger verstanden, und mu sich immer einsamer fhlen, ja
schlielich mag er sich wie ein bloes berbleibsel erscheinen, das
die Wogen des Geschickes bisher verschonten, nun aber bald dahinraffen
werden. Das alles fhrt zu der Stimmung, der Goethe den Ausdruck gab:

    Ein alter Mann ist stets ein Knig Lear.
    Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,
    Ist lngst vorbei gegangen,
    Was mit und an dir liebte, litt,
    Hat sich wo anders angehangen;
    Die Jugend ist um ihretwillen hier,
    Es wre thrig zu verlangen:
    Komm ltele du mit mir.

Solchen Zweifeln und Enttuschungen gegenber ist es ein bloer
Scheintrost, da unsere Arbeit der Heranbildung eines neuen
Geschlechtes diene, unsere Mhe diesem fromme. Denn was wird damit
gewonnen, wenn das neue Geschlecht auch nur wieder ein neues
heranzieht, und dieses wieder ein anderes, wenn jedes die Frage einem
anderen zuschiebt, und damit das Leben nie ber das Suchen hinaus zu
einem Beisichselbstsein gelangt? Schlielich erscheint das unermdliche
Streben von Geschlecht zu Geschlecht als ein bloes Mittel, die
Menschheit physisch zu erhalten; es mag dann eine grobe Irrung dnken,
da wir uns als einen Selbstzweck behandeln und vom Leben einen Inhalt
begehren. Alle solche Gren stellen sich dann als bloe Lockmittel
heraus, die uns vorgespiegelt werden, um uns aus natrlicher Trgheit
aufzurtteln. Wir alle werden damit bloe Durchgangspunkte des Lebens,
Wogen, die sich rasch zusammenballen und ebenso rasch zerrinnen, Wogen,
die einander unaufhrlich verdrngen. Dieser Stand der Dinge mag so
lange verborgen bleiben, als der Blick nur an einzelnen Geschehnissen
haftet; sobald aber ein berschauendes Denken die Erfahrungen ins Ganze
fat, wird die Sinnlosigkeit dessen offenbar, und das letzte Wort
behlt die Verneinung.

So pflegt es zu sein, so braucht es aber nicht zu sein; da es so ist,
das liegt am Menschen selbst, der sein Leben allein auf die Umgebung
richtet und es von ihr abhngig macht, statt ihm eine Selbstndigkeit
zu erringen und die Bildung des Innern voranzustellen. Wir sahen, wie
hohe Ziele das menschliche Leben enthlt, auch der Einzelne kann sie
ergreifen, sein Dasein in Tat verwandeln, eine Unendlichkeit in der
eigenen Seele entdecken, den Kampf gegen alles Schicksal getrosten
Mutes unternehmen. Er kann das von der berzeugung aus, da berlegene
Macht in ihm ein neues Leben und eine ursprngliche Quelle erschliet;
zu dessen Aneignung und Entfaltung aber bedarf es seiner Gesinnung und
Tat. Das Leben erhlt einen vllig anderen Anblick, wenn es nicht blo
an uns vorgeht, sondern unser eigenes Werk werden kann, wenn es nicht
eine vorgeschriebene Linie nur fortsetzt, sondern die Forderung einer
groen Wendung in sich trgt, die Forderung eines berlegenwerdens
nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen den flachen und
widerspruchsvollen gesellschaftlichen Durchschnitt, die Forderung, das
Ganze der Lebenswelt im eigenen Wesen zu ergreifen. Es stehen dabei
nicht blo einzelne Leistungen in Frage, sondern ein einziges aller
Mannigfaltigkeit berlegenes Ziel, die Erhebung des Menschen zu einem
selbstndigen Lebenszentrum, die Bildung eines geistigen Kernes, einer
geistigen Energie, die Geburt eines Geistesmenschen statt des bloen
Daseinsmenschen. Denn der Mensch mu zweimal geboren werden, einmal
natrlich und sodann geistig, wie der Brahmine (Hegel). Brahminen in
diesem Sinne sind aber wir alle, mag der Daseinskreis des Einzelnen
noch so bescheiden sein. So darf es mit Goethe heien: Gott begegnet
sich immer selbst; Gott im Menschen sich selbst wieder im Menschen.
Daher keiner Ursache hat, sich gegen die Grten gering zu achten.

Zum Gelingen der Wendung bedarf es einmal eines unablssigen
Hochhaltens der Gesinnung, es bedarf aber auch einer emsigen
Arbeit, welche dem Menschen einen eigenen Bereich erringt, ihm eine
eigentmliche Wirklichkeit schafft und ihn sich darin befestigen
lt. Die Bewegung bleibe nicht ein bloes Wogen und Wallen, sie
strebe auch zu irgendwelchem geschlossenen Werke, weniger wegen
der Leistung, die stets unvollkommen bleibt, als zur notwendigen
Aufrttelung, Zusammenfassung und Lenkung der Krfte; ohne das kann das
Leben nicht stark in sich selbst und zur vollen Wirklichkeit werden.
Gewi wird es so gefat alles eher als ein sicheres Fortschreiten
oder gar ein behagliches Genieen. Mit seiner Forderung, Unendliches
im Endlichen, Zeitberlegenes im Zeitlichen, Freischaffendes im
Gegebenen und Gebundenen, Liebe in der Welt der Selbstsucht und
des Streites zur Macht und Wirkung zu bringen, enthlt es einen
durchgngigen Widerspruch; diesen Widerspruch kann das Alltagstreiben
verdunkeln und vergessen, den Hhen menschlichen Strebens aber war
er mit voller Klarheit gegenwrtig: die edelsten Menschen machten
sich die meisten moralischen Sorgen, die Heiligen pflegen sich fr
Snder und die Snder fr Heilige zu halten (Pascal), die grten
Knstler fhlten besonders schmerzlich den weiten Abstand zwischen
Wollen und Vollbringen, und tiefste Denker fhlten sich namentlich
getrieben, einer berschtzung des menschlichen Erkenntnisvermgens
entgegenzuwirken und scharf seine Grenzen zu ziehen. Aber das
alles kann nicht erschrecken, wenn der Mensch der lebendigen
Gegenwart erhhender Mchte gewi ist und sein Werk nicht als eine
Privatangelegenheit, sondern als eine ihm zugewiesene, aber zugleich
vom Gesamtleben getragene Aufgabe fhrt, nicht aus eigener, sondern aus
verliehener Kraft. Dabei fllt auch das ins Gewicht, da das Leben des
Menschen verschiedene Schichten enthlt, und da selbst das Milingen
bei einer von ihnen fr das Ganze ein Gewinn werden kann. Wir haben uns
zunchst im Bereich der Natur und des gesellschaftlichen Zusammenseins
zu erhalten, ber die dort waltende Notwendigkeit und Ntzlichkeit
erhebt weltbauendes geistiges Wirken und Schaffen in ein Reich der
Geisteskultur, ber diesem aber wlbt sich als letzter Abschlu ein
Reich weltberlegener Innerlichkeit und weltberwindender Liebe. In
diesem letzten kann auch das einen Wert erlangen, was uerlich nicht
zur vollen Wirkung kam, ja es verschwinden hier alle Unterschiede der
Leistung. Denn hier wird zum entscheidenden Hauptwerk die Gesinnung,
Gesinnung als ttige Haltung, nicht als passiver Zustand, hier gilt das
Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das auch die geringste Arbeit
nicht verwirft, wenn sie nur aus der treuen Einsetzung der ganzen Seele
hervorging.

Steht es so mit dem Menschen, so kann er den Gefahren trotzen,
welche sein Leben nach kurzem Aufschwung in ein Stocken und Sinken
zu bringen drohten. Nun kann er dem Schicksal, das ihn umfngt, ein
ursprngliches Leben entgegensetzen und damit sein Dasein in einen
unablssigen Kampf zwischen Schicksal und Freiheit verwandeln; nun
kann er die entweichende physische Jugend durch eine geistige ersetzen
und gegenber einem erstarrenden Mechanismus das Leben in frischem
Flu erhalten. Auch erschpft sich nunmehr das Leben nicht mehr in
ein Nacheinander einzelner Vorgnge, es bleibt kein bloes Kommen und
Gehen, sondern nunmehr vermag es gegen den Wirbel und Wandel eine
Hauptrichtung festzuhalten und eine beharrende Gegenwart auszubilden,
die alles, was dem inneren Fortgang dient, verbinden und durcheinander
befestigen kann. Hat unser Leben so viel bei sich selbst zu tun und
verheit sein Verlauf so reichen Gewinn, so kann es auch nicht mehr
echte Weisheit bedeuten, das Leid, das uns traf, einfach abzuschtteln
und mglichst alle Spur von ihm auszutilgen, sondern dann hat es einem
Ganzen des Lebens gegenwrtig zu bleiben und zu seiner Frderung zu
wirken.

Solche innere Bildung vermag durch den ganzen Verlauf des Lebens im
Aufstieg zu bleiben und an geistiger Frische zu wachsen; es wird von
hier aus die Forderung der Mystik verstndlich, der Mensch solle jeden
Tag jnger werden, jeden Tag mehr aus der Zeit in die Ewigkeit treten;
nur werden wir dabei weniger mit der Mystik an bloe Kontemplation als
an schaffende Ttigkeit denken. Wie in diesem Zusammenhange das Leben
sich nicht als ein Aufzehren eines gegebenen und begrenzten Kapitals
darstellt, sondern als das Schaffen eines neuen, das ins Grenzenlose
zunehmen kann, so wird nun das sentimentale Zurckblicken auf die
Jugendzeit und das Klagen ber den Verlust ihrer Frische und Spannkraft
zu einem Ausdruck matter und flacher Denkart, ja zu einem Zeugnis
dessen, da das Leben sein Ziel verfehlte.

Nicht minder als dem Sinken der Jugendkraft lt sich auch der
Mechanisierung der Arbeit und dem Unterliegen unter starre Routine
erfolgreich Widerstand leisten. Uns bezwingen nicht sowohl die
Auendinge als unsere innere Schwche, unser Unvermgen, inmitten der
Arbeit ein Werk des ganzen Menschen zu wahren und von ihm aus die
Arbeit zu beseelen. Werfen wir nicht auf das Schicksal, was in Wahrheit
wir selbst verschulden!

Wenn die Festhaltung einer durchgehenden inneren Aufgabe das Leben in
ein fortlaufendes Werk verwandelt und der Verlust nach auen hin sich
durch einen inneren Gewinn ersetzen lt, so behalten auch die spteren
Lebensstufen ein eigentmliches Recht und einen eigentmlichen Wert.
Auch Gter wie Kraft und Schnheit beschrnken sich nicht auf die
Jugendzeit, auch die spteren Alter knnen sie besitzen, nur werden
diese sie anders gestalten und mehr ins Seelische wenden mssen. Wir
ergeben uns gewhnlich viel zu frh und machen weit weniger aus uns,
als wir knnten, unser schlimmster Feind ist die eigene Verzagtheit,
ist der Mangel an rechtem Glauben. Richtig verstanden hat auch das
Greisenalter seinen besonderen Wert, es braucht kein mattes Verklingen
zu sein, es kann ein inneres Zusammenfassen des Lebens werden und eine
Emporhebung ber alle ueren Mae vollziehen. Wohl lockert sich das
Verhltnis zur Zeit, jedoch nur das zu ihrer Oberflche, nicht zu dem
Ewigkeitsgehalt, der allein den Zeiten eine Tiefe gibt und sie zu einem
gemeinsamen Werke verbindet. Auch das Einsamerwerden gegen die Menschen
braucht keine Vereinsamung zu bedeuten, wenn Liebe zum Menschenwesen
bleibt und immer neue Ttigkeit wachruft, wenn vor allem der Mensch
in den Zusammenhngen des geistigen und gttlichen Lebens sich sicher
geborgen fhlt und als Glied einer ewigen Ordnung wei. Dann mag das
Leben nach dem Ausdrucke Leibnizens gegenber der frheren Evolution
eine Art von Involution vollziehen, eine Einkehr in sich selbst, aber
es fllt damit nicht ins Leere, wenn es von innen her eine Welt zu
eigen gewann, die den Grundbestand aller Wirklichkeit bildet, der
gegenber alles Dasein zu einer niederen Stufe herabsinkt. So erscheint
das Greisenalter als ein Prfstein fr den Ertrag des Lebens, fr sein
Gelingen oder Milingen. Wir erwhnten vorhin ein trbe gestimmtes
Goethewort; wie der groe Lebensweise sich selbst ber solche Stimmung
hinaushob, das zeigt ein anderer Ausspruch, der seine individuelle Art
in unnachahmlicher Sprache verkrpert:

    Die Jahre nahmen dir, du sagst, so vieles:
    Die eigentliche Lust des Sinnenspieles,
    Erinnerung des allerliebsten Tandes
    Von gestern; weit und breiten Landes
    Durchschweifen frommt nicht mehr; selbst nicht von oben
    Der Ehren anerkannte Zier, das Loben,
    Erfreulich sonst. Aus eignem Tun Behagen
    Quillt nicht mehr auf, dir fehlt ein dreistes Wagen!
    Nun wt ich nicht, was dir besondres bliebe.
    Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe.


Folgerungen fr die Aufgaben der Gegenwart.

So gewi in den Bewegungen der Weltgeschichte die philosophische Arbeit
nur einen bescheidenen Platz einnimmt, so ist sie doch unentbehrlich
bei den Fragen, die den ganzen Menschen und die Gesamtrichtung des
Lebens betreffen. Da aber die von uns vertretene Gedankenwelt nach
dieser Richtung hin wohl einiges ntzen kann, das sei an einigen
Hauptpunkten kurz gezeigt.

1. Wir gehen vom Begriff des Lebens aus und stellen uns damit in
einen zwiefachen Gegensatz, in einen Gegensatz zu allem Beginnen vom
Sein und in den einer Voranstellung besonderer Ttigkeiten. Was jenen
betrifft, so geht er freilich mehr die eigentliche Philosophie als das
Leben an, so sei hier nur das bemerkt, da beim Ausgehen vom Leben
das Erkennen nicht auf eine gegebene Welt, nicht auf ein starres Ding
an sich gewiesen wird, und da berhaupt ein Leben sich weit leichter
und weit reicher erffnen kann als ein Sein. Auch die Religion stellt
sich anders dar, wenn ihr hchstes Ziel nicht ein absolutes Sein,
sondern das absolute Leben bildet. Hier aber liegt uns vor allem an
dem Gegensatz des Lebens als eines Ganzen zu seinem Auseinandergehen
in die Besonderheit der Verzweigung. Es ist ein Hauptzug des modernen
Lebens, die Eigentmlichkeit der Einzelgebiete mehr zu entwickeln und
strker hervorzukehren als frhere Zeiten es taten. Diese Verstrkung
aber hat bei allen Erfolgen mangels eines Gegengewichts immer mehr
dazu gefhrt, da die Gebiete auseinandergingen und wohl gar in einen
schroffen Gegensatz zueinander gerieten. Da ihrer Arbeit naturgem
die Menschen folgten, so entstand eine ungeheure Zerklftung und
Zersplitterung, wie wir heute schmerzlich empfinden. Mit diesem
berwiegenden Eingehen in die Verzweigung hngt auch zusammen, da das
Leben sich mehr ins Technische wendet und immer komplizierter geworden
ist, da einfache Grundgedanken den Spezialproblemen immer mehr weichen
muten. Dem mu begegnet werden, dem lt sich aber nur begegnen durch
ein Zurckgehen auf ein berlegenes Ganzes des Lebens. Es steht zu
hoffen, da, wenn die groen Lebenswahrheiten und Lebensnotwendigkeiten
krftiger herausgearbeitet und bewuter angeeignet werden, unser
Lebensstand eine Verjngung und Vereinfachung erfhrt, da die Menschen
gemeinsame Aufgaben erkennen und sich bei ihnen zusammenfinden. Alle
schnen Worte von Menschenwrde und Humanitt berwinden nicht die
Kluft, das kann nur durch eine Verstrkung der gemeinsamen Aufgaben
erfolgen, an deren Lsung das Gelingen und der Sinn alles Lebens hngt,
bei denen wir aber zugleich uns aufeinander angewiesen und innerlich
verbunden fhlen. Hier gilt es ein Bauen von innen heraus.

2. Das Leben als Grundlage dessen nehmen konnten wir nicht,
ohne anzuerkennen, da ein derartiges Leben nicht ein Erzeugnis
blomenschlichen Vermgens ist, da es vielmehr aus greren
Zusammenhngen stammt, und da damit innerhalb des Menschen etwas
bermenschliches ersichtlich wird. Aus solcher berzeugung lt sich
der heutigen Unsicherheit in der Schtzung des Menschen entgegenwirken.
Es war der Neuzeit eigentmlich, beim Bilde der Welt wie bei der
Gestaltung des Lebens vom Menschen auszugehen und ihn damit sehr zu
steigern. Es hat das aber neben groem Gewinn auch manche Verwicklung
gebracht, im besonderen die Gefahr, da der bloe Mensch die Rechte
und Ansprche an sich ri, die nur dem schaffenden Leben gebhren.
Solche Mistnde wurden so lange minder bemerklich, als von frheren
Lebensordnungen her noch ein Glanz auf der Menschheit lag und sie als
ein Glied grerer Zusammenhnge sehen lie. Aber diese Verklrung ist
mehr und mehr gewichen, und der Mensch hat sich immer ausschlielicher
auf sein natrliches und gesellschaftliches Dasein gestellt. Wenn
dabei manche Grenze und Schwche sich nicht verkennen lie, so suchte
man das wohl durch eine Summierung der Krfte zu berwinden, sei
es in dem Nacheinander der Geschichte, sei es in dem Nebeneinander
der Gesellschaft. Wie wenig das aber auslangt, das hat sich unserer
Errterung oft erwiesen; die Eindrcke des Krieges bekrftigen das,
indem sie den Menschen mit sehr widersprechenden Zgen zeigen, im
Verhltnis der Nationen unermelich viel Ha und Neid, Unwahrheit
und Ungerechtigkeit, innerhalb der Nationen aber viel Kraft und
Aufopferungsfhigkeit, wie wir das auch unseren Gegnern zuerkennen
mssen; so ein hchst verworrenes Bild des Menschen. Die Unsicherheit,
ja Hilflosigkeit wird dadurch verstrkt, da die moderne Wissenschaft
die Bedeutung des Menschen im Weltall immer geringer anschlgt; wir
auf unserem kleinen Planeten und mit unserer zeitlich begrenzten
Dauer scheinen vllig nebenschlich und gleichgltig im Ganzen der
Wirklichkeit. Und doch knnen wir unmglich auf eine Schtzung der
Menschheit verzichten, wenn unser Handeln hohe Ziele entwerfen und
unserem Vermgen sie zu erreichen vertrauen soll. So geht ein Sehnen
durch die Menschheit der Gegenwart, den Menschen von innen heraus zu
erhhen. Das aber kann unmglich vom bloen Dasein aus geschehen,
es verlangt die Erffnung einer neuen Welt, einer Tatwelt, in der
menschlichen Seele, und die Schpfung eines selbstndigen Lebens im
Menschen; unsererseits bedarf es dabei einer krftigen Herausarbeitung
jenes bermenschlichen im Menschen und zugleich eines Zusammenschlusses
der Streiter fr eine echte Geisteskultur zu einer festen Gemeinschaft;
frher haben die Kirchen sich dieser Aufgabe angenommen, vieles
in ihnen ist sicherlich heute veraltet, aber der sie beseelende
Grundgedanke bleibt schlechterdings unentbehrlich und wird sich
durch alle Verneinung und Bekmpfung hindurch immer wieder Geltung
verschaffen.

3. Wir verlangten fr das Leben die Bildung eines festen Kerns im
Menschen, eines Selbst, das alle Mannigfaltigkeit trgt, sich erhhend
in sie hineinlegt, damit aber das Leben zu einem Beisichselbstsein
erhht. Wir verlangen zugleich einen Lebensinhalt und eine
Wesenskultur. Damit widersprechen wir einer bloen Kraftkultur, wie
sie in der Neuzeit die Herrschaft an sich gerissen hat. Auch hier lag
zugrunde eine unverwerfliche Forderung. Die frheren Lebensordnungen
nahmen den Menschen zu sehr als eine fertige Gre und setzten daher
nicht gengend den ganzen Umfang seiner Kraft in Bewegung. Nun zeigte
die Neuzeit, wieviel sich im Menschen steigern und in den Verhltnissen
bessern lt; darber ist aber die Steigerung zum Selbstzweck
geworden, und es entsteht die Gefahr, das Beisichselbstsein des
Lebens und alle Inhaltsbildung als nebenschlich, ja gleichgltig
zu behandeln. Denn mag die Kraft in der einen Richtung als Wachstum
materiellen Vermgens, in der anderen als eine Steigerung des
seelischen Standes mittels eines durchleuchtenden Denkens verstanden
werden, weder hier noch da kommt es zu einem wahrhaftigen Leben, wird
das Leben mehr als ein bloes Lebenwollen, als ein ruheloses Hasten
und Jagen. Wollen wir aber dem mit Aussicht auf Erfolg widerstehen,
so gilt es gegenber dem Kraftideal ein neues Ideal zu gewinnen und
durchzusetzen; das aber kann nur durch eine Wesensbildung mit ihrer
Vertiefung des Lebens geschehen.

4. Jene Wesenskultur erhebt den Anspruch, allein dem Leben einen
Selbstwert und eine innere Freudigkeit zu verleihen. Damit stellt
sie sich in Gegensatz zu einer Gestaltung des Lebens, welche die
materiellen Aufgaben zur Hauptsache macht und die ideellen nur als
einen Anhang und eine Hilfe behandelt. Auch hier entspringt die Gefahr
aus einer Wendung des Lebens, die viel Frderung mit sich brachte.
Die wirtschaftlichen Fragen waren in frheren Zeiten viel zu sehr
im Hintergrunde geblieben, und es hing damit eng zusammen, da die
geistige Bewegung in vollem Sinne auf enge Kreise beschrnkt blieb,
da die Kultur sich zu wenig von unten her emporhob, zu sehr nur von
oben her niedersenkte. So tun sich neue Ausblicke auf, wenn darin
eine Wandlung erfolgt. Aber wiederum entsteht die Gefahr, da dies
Neue das ganze Leben und alle Kraft des Menschen an sich reit und
im Gewinn selbst den Gesamtstand niederdrckt; die wirtschaftlichen
Fragen nehmen schon jetzt die leitende Stellung ein, wie auch der
gegenwrtige Weltkrieg im letzten Sinne einen wirtschaftlichen Grund
hat: das gewaltige wirtschaftliche Vordringen Deutschlands, der
Widerstand und der Neid der anderen Vlker dagegen. Die Notwendigkeit,
die ungeheuren Verluste dieses Krieges leidlich wieder auszugleichen,
drohen die wirtschaftlichen Fragen noch mehr zur Hauptsache zu
machen. So elementaren Forderungen gegenber vermgen schne Worte
und salbungsvolles Zureden nichts, sondern ihnen ist nur dadurch eine
Schranke zu ziehen, da die innere Leere aller blomateriellen Erfolge
durchschaut wird, und da zugleich eine starke Sehnsucht nach einem
Lebensinhalt erwacht, dieser Sehnsucht aber auch die Mglichkeit
einer Erfllung geboten wird. Es mu eine Bewegung entstehen, welche
die Hauptrichtungen des schaffenden Lebens in Religion, Philosophie
und Kunst wieder mehr in ein ursprngliches Wirken versetzt, aus
eigener Erfahrung, nicht aus der vergangener Zeiten, welche damit
der sichtbaren Welt eine innere Welt entgegenhlt, welche nicht
den Menschen, wie er ist, befriedigt, sondern wesentlich mehr aus
dem Menschen macht. Schlielich gilt es heute einen Kampf um eine
geistige Selbsterhaltung, nicht blo des einzelnen Menschen, sondern
der gesamten Menschheit, um die Rettung einer Seele des Lebens, fr
die alle Erfolge nach auen hin keinen Ersatz gewhren. Solcher Kampf
fordert neben anderem auch eine Selbstbesinnung und Selbstvertiefung
durch Denkarbeit. Und wie der Ausgangspunkt, so ist auch das
Hauptproblem des Denkens das Leben sowohl in dem, was es uns bietet,
als in dem, was es von uns fordert.


Folgerungen fr die Ausbildung eines deutschen Lebensstiles.

Es liegt in der deutschen Art, die Probleme der Zeit mit groem
Ernst und Eifer mitzuerleben; zugleich aber haben wir auch bei uns
besondere Probleme, fr die vielleicht auch eine Philosophie des Lebens
nicht nutzlos ist. Diese Probleme erwachsen aber vornehmlich aus der
Schwierigkeit, die gemeinsamen Aufgaben der Menschheit mit ganzer
Seele festzuhalten und dabei einen eigentmlich deutschen Lebensstil
auszubilden.

1. Es hat aber diese Schwierigkeit zwei Hauptgrnde: einmal sind uns
die Grundelemente geistigen Lebens zunchst von drauen zugefhrt, und
es besteht die Gefahr, da wir sie uns nicht gengend in Fleisch und
Blut verwandeln; sodann aber enthlt unser eigenes Wesen Gegenstze,
die sich schwer miteinander ausgleichen lassen. Was jenes betrifft,
so empfingen wir unsere Religion vom Christentum; gewi entsprach
im innersten Wesen des Christentums manches der deutschen Art, und
hat der Deutsche diese Art eben durch das Christentum erst voll zur
Geltung gebracht; aber alle Anerkennung dessen lt die Frage offen,
ob die Form, in der das Christentum vom sinkenden Altertum her an den
Deutschen kam, nicht auch manches ihm Fremde enthlt, und ob hier
nicht eine Aufgabe vorliegt, die auch durch die Reformation noch
nicht gengend gelst ist. Die Kultur aber kam uns vom Altertum her,
und am Empfangenen haben wir unsere eigene Art herangebildet, gerade
an den Hhepunkten unseres Schaffens erwies sich die Berhrung als
fruchtbar. Und doch ist der Zweifel nicht abzuweisen, ob die Verbindung
von Altem und Neuem vollauf gelungen ist, ob hier nicht auch Elemente
in unser Leben eingeflossen sind, die wir als halbfremd empfinden,
wie zum Beispiel selbst bei den Schpfungen des spteren Goethe, ob
demnach nicht auch hier noch manches zu klren und sichten bleibt.
Endlich aber sind uns von den westlichen Vlkern nicht nur uere
Lebensformen, sondern auch politische Ideale zugefhrt; wir haben
dadurch manche Aufrttelung und Frderung erfahren, aber zugleich wird
uns auch viel Fremdes auferlegt und oft zu bereitwillig aufgenommen.
Jene Vlker haben zum Beispiel einen eigentmlichen Begriff von
Freiheit, der sich von dem in unserem Wesen angelegten wesentlich
unterscheidet: jene erstreben mehr eine Gleichheit, whrend wir auf
eine Gliederung nicht wohl verzichten knnen; so ist ihr Begriff von
Demokratie sehr verschieden von dem, den wir gem unserer Art fordern
mssen. Da wir in all diesen Punkten viel zu nachgiebig sind, viel zu
wenig unsere eigene Art herausarbeiten und zur Geltung bringen, kann
kein Unbefangener leugnen. Der Deutsche bleibt hier sich selbst eine
Aufgabe, eine Aufgabe gerade am heutigen Tage.

Da aber die Herausarbeitung des eigenen Wesens so viel Mhe macht,
das liegt zum guten Teil daran, da dieses Wesen in sich selbst
verschiedene, ja entgegengesetzte Bewegungsrichtungen trgt, ja
da es eine eigentmliche Doppelheit aufweist. Als Hauptgegensatz
erscheint dabei der von Seele und Arbeit, er geht durch die ganze
deutsche Geschichte. Einmal enthlt unsere Art das Verlangen, eine
selbstndige Innenwelt zu bilden und von ihr aus, ja fr sie das
Leben zu fhren. Zugleich aber enthlt sie ein nicht minder starkes
Verlangen, in der sichtbaren Welt zu wirken und sie den Zwecken des
Menschen zu unterwerfen. Daraus entsteht leicht eine Gefahr fr das
Ganze des Lebens, denn wenn diese beiden Forderungen sich nicht
gengend zusammenfinden, ja sich miteinander zerwerfen, so ist ein
Sinken nicht zu verhten; die seelische Ttigkeit wird sich dann
leicht von der Welt ablsen und ins Formlose verlieren, die Arbeit
aber zu sehr ein blostoffliches Sammeln und Anhufen werden. Schon
das treibt den Deutschen ber den nchsten Stand der Dinge hinaus,
da zur berwindung dieses Gegensatzes der Gewinn eines neuen
Standortes unentbehrlich ist; ja man darf sagen, da schon durch
diesen Gegensatz der deutschen Art ein Zug zur Metaphysik unausrottbar
eingepflanzt ist. Weitere Konflikte aber erzeugt die geistige Arbeit
selbst. Denn einerseits sehen wir die Deutschen eifrig bemht, alle
Mannigfaltigkeit zusammenzuhalten, alle Gegenstze auszugleichen,
nichts vom Lebensbestande aufzugeben, alles in eine Harmonie oder
doch in eine zusammenhngende Bewegung zu bringen, kurz in einem
vershnenden Sowohl -- Als auch zu denken. Nicht minder stark aber
wirkt im deutschen Wesen das Verlangen, die Gegenstze mit vollster
Schrfe hervorzukehren, das Unterscheidende jeder Seite zu betonen,
alle Vermittlung oder Abschwchung als eine Verflachung abzuweisen,
das Leben damit unter ein unerbittliches Entweder -- Oder zu stellen.
Jenes gewahren wir in Persnlichkeiten wie Leibniz, Goethe, Mozart,
Hegel, die andere Art bei Luther, Bach, Kant, Schiller, Beethoven.
Jene Art enthlt die Gefahr einer Abschleifung und eines zu raschen
Hinwegeilens ber die Dunkelheiten des Lebens, diese die andere, das
Leben auseinanderzureien und auseinanderfallen zu lassen. So haben
beide Seiten dem Ganzen des deutschen Lebens gegenwrtig zu bleiben.
Das kann aber nur geschehen, wenn der Gesamtbegriff des Lebens
aller besonderen Gestaltung berlegen bleibt, und somit jene beiden
Richtungen gleichberechtigte Antriebe werden, die sich gegenseitig
sowohl ergnzen als steigern knnen. Das alles steckt dem deutschen
Leben hohe Ziele und legt ihm schwere Aufgaben auf, notwendig wird
damit der Mensch auf grere Zusammenhnge gewiesen, und zu Hauptzgen
seines Lebens werden tiefer Ernst und aufrichtige Ehrfurcht werden. Uns
wird das Leben nicht leicht gemacht, und wir empfinden oft schmerzlich
den weiten Abstand zwischen der von unserm eigenen Wesen geforderten
Hhe und dem Durchschnitt des Alltags; vielleicht ist er grer als
bei irgendeinem anderen der leitenden Vlker. So haben wir jene
Hhe stets mit allem Eifer neu zu erringen und mssen zugleich nach
verschiedensten Richtungen hin einen Kampf gegen drohende Verflachungen
fhren. Zahlreich sind heute diese Verflachungen; wir mchten nur eine
von ihnen erwhnen, da sie mehr empfunden als ausgesprochen zu werden
pflegt, das ist die von der Reichshauptstadt, von Berlin, ausgehende
Verflachung, der Berlinismus, wie es kurz heien knnte. Wir hegen
die aufrichtigste Hochachtung vor dem Eifer des Strebens und der
Tchtigkeit der Arbeit, die dort geleistet wird, wir wissen zugleich,
wie viele Mnner und Frauen dort bereinstimmend mit uns denken, aber
das kann und darf uns nicht verhindern, die Gefahr fr die innere
Lebenshaltung zu bezeichnen, die von dortigen Massenwirkungen ausgeht.
Mangels einer groen Tradition wird das Leben dort berwiegend auf den
freischwebenden Verstand gestellt, und es erhalten damit unvermeidlich
Reflexion, Kritik und Verneinung eine bergroe Macht; formale
Gewandtheit und Geschicklichkeit, oft auch bloe Redefertigkeit,
sollen geistigen Gehalt ersetzen; man kennt keine offenen Probleme;
wie man sich selber fertig fhlt, so vollzieht man berall einen
raschen Abschlu; die groen Lebensfragen, an denen aller Sinn und Wert
unseres Daseins hngt, finden wohl ein lebhaftes Interesse und eine
geistreiche Errterung, aber nicht das Einsetzen einer Wesenstiefe
und den ehrfurchtsvollen Ernst, worauf sie bestehen mssen. Da Ernst
und Ehrfurcht keine Gedrcktheit zu erzeugen brauchen, vielmehr mit
innerer Frische und Frhlichkeit ganz wohl vereinbar sind, das zeigt
zum Beispiel die Gestalt eines Luther. Wehren wir uns also dagegen,
da uns fr echte Kultur ein bloer Kulturersatz aufgedrngt werde!

2. Weitere Schwierigkeiten bereitet die Frage, einen dem deutschen
Wesen gemen Typus fr unser Staatsleben zu erreichen, auch hier
stehen wir in nicht geringer Verwicklung; das aber namentlich durch
einen unausgeglichenen Streit zwischen alter und neuer Art. Unsere
Geschichte war bei aller geistigen Fruchtbarkeit und aller Durchbildung
der Einzelnen politisch wenig glcklich, war doch der Erbe des
rmischen Weltreichs schlielich zu klglicher Ohnmacht gesunken und
zu einem Spielball fremder Mchte geworden. Wir knnen daher nicht
dankbar genug dafr sein, da die Entwicklung des preuischen Staates
einen festen Kern fr die Sammlung der deutschen Stmme gewinnen
lie. Das aber trieb notwendig dort die politische Gestaltung in eine
Einseitigkeit, indem allen anderen Aufgaben voran die Aufgabe trat,
die Macht des Staates zu strken und zu steigern. So entstand der
Obrigkeitsstaat, der fr jenen Zweck Hervorragendes geleistet hat,
der berhaupt viel tchtige Verwaltungsarbeit verrichtet und weiteste
Kreise zu treuer Pflichterfllung gebildet hat. Aber die selbstndige
Ttigkeit der Einzelnen sowohl als die der kleineren und greren
Kreise kam dabei zu kurz, der Obrigkeitsstaat wurde nicht gengend
zum Volksstaat. Das wurde namentlich als ein Mistand empfunden,
als der industrielle, berhaupt der wirtschaftliche Aufstieg ein
neues Deutschland erstehen lie, neue Schichten der Gesellschaft
emporhob, sie berechtigte Ansprche auf selbstndige Teilnahme am
Staatsleben stellen lie. Es ist eine Torheit, sich einer solchen aller
menschlichen Willkr berlegenen Wandlung starr zu verschlieen, aber
es ist eine nicht geringere Torheit, die Verwicklung summarisch durch
einfache bertragung auslndischer, namentlich romanischer Staatsformen
auf deutsche Verhltnisse lsen zu wollen. Dafr sollte man zu hoch vom
deutschen Wesen und Geiste denken, um sich auf diesem Hauptlebensgebiet
eine bloe Nachahmung gengen zu lassen. Wir haben unsere eigenen
Begriffe von staatlichen und gesellschaftlichen Dingen, wir denken
viel zu hoch vom Beruf, um ihn bei der Volksvertretung vollstndig
auszuschalten und alles Heil von der bloen Masse zu erwarten; wir
verlangen mehr Recht der Persnlichkeit, mehr Selbstverwaltung und
Gliederung; da wir das Bewutsein haben drfen, fr die innere Freiheit
der Geister mehr getan zu haben als irgendein anderes Volk der Neuzeit,
in Luther fr die religise, in Kant fr die philosophischmenschliche,
in Goethe fr die knstlerische Freiheit, so drfen wir hoffen, da es
uns auch gelingen wird, fr die unentbehrliche Freiheit im menschlichen
Zusammensein eine Form zu finden, die unserer eigenen Art entspricht.
Die erste Bedingung dessen ist aber, da wir dieser Art deutlich inne
werden, und da wir von dem Zuflligen und Angreifbaren scheiden, was
in ihr wesentlich und wertvoll ist. Dazu bedarf es wiederum energischer
Selbstbesinnung durch Denkarbeit, dazu bedarf es auch einer Klrung der
gemeinsammenschlichen Ziele, innerhalb derer wir unsere Aufgabe suchen
mssen.

3. Eine weitere Aufgabe stellt uns endlich die durch den Weltkrieg
erzeugte Lage. Wir haben im Verhltnis zu anderen Vlkern schwere
Enttuschungen erfahren und sind zwingend auf die eigene Kraft
zurckgeworfen. Das treibt dazu, unsere nationale Art strker
herauszuarbeiten und auch der Vergangenheit gegenber mehr
Selbstndigkeit zu erringen. Aber es gilt dabei die Gefahr einer
Verengung fernzuhalten, die Gefahr, uns vom Ganzen der Menschheit
abzusondern, das doch vom Beisichselbstsein des Lebens her seinen
unantastbaren Wert behlt, die grundgeistigen Aufgaben vor den
Forderungen des Tages zurckzustellen, auch ber einem Hangen am
Augenblick zu vergessen, da wahre Gegenwart nicht innerhalb des
Zeitlaufs liegt, sondern nur in Erhebung ber ihn entstehen kann.
Frher lie uns das Streben nach Weite des Lebens oft die Sorge um
seinen Charakter vergessen, nun wollen wir ber dem erstrebten und
hchst notwendigen Charakter nicht die Weite verlieren!

So dringen von allen Seiten her Forderungen auf uns ein, denen wir ohne
eine Selbstvertiefung und ein Ergreifen innerer Zusammenhnge unmglich
entsprechen knnen. Zu einem glcklichen Fortgang bedarf es vor allem
voller Wahrhaftigkeit und Selbstndigkeit, damit ursprngliches Leben
in uns entstehen knne; entsteht es aber, so wird es mit seiner
Weltberlegenheit uns auch den Mut und die Kraft verleihen, das als
notwendig Erfate gegen allen Widerstand durchzusetzen und allen Schein
als bloen Schein zu entlarven.

So ergab sich durchgngig eine groe Unfertigkeit als dem deutschen
Leben eigentmlich. Das ist ein Nachteil, gewi; aber es ist auch ein
nicht geringer Vorteil. Denn da wir so viele noch zu lsende Probleme
in uns tragen, das zeigt, da wir uns noch keineswegs ausgelebt haben,
sondern uns noch im Werden befinden und noch weiter wachsen knnen, da
wir trotz einzelner greisenhafter Zge im Kern noch ein jugendliches
Volk sind. So werden wir auch, wenn wir auf eine glckliche Zukunft
unseres Volkes hoffen, dabei vornehmlich auf unsere Jugend vertrauen.
Sie hat in diesem gewaltigen Kriege in harten Kmpfen wie in
ausdauerndem Ertragen eine herrliche Kraft und Gesinnung erwiesen;
bertrgt sie das in das Werk des Friedens, das vor uns liegt, so
drfen wir hoffen, da sie sich auch den inneren Aufgaben gewachsen
zeigen und durch mutige Arbeit an den groen Fragen unseren Glauben an
den Sinn und Wert des menschlichen Lebens strken wird.




Sachregister.


  _Altertum_, sein Lebensgefge 110.

  _Arbeit_, Kern des modernen Lebens 18;
    ihr emporbildendes Wirken 101;
    ihre Gre und ihre Gefahren 146, 154.

  _Arbeit und Schaffen_ 55 ff., 58.

  _Arbeit und Seele_, ihr Zusammentreffen im deutschen Wesen 163.


  _Berlinismus_, seine Gefahr 165.

  _Beruf_, seine Bedeutung und Wirkung 101.

  _Bildung_, ihre Bedeutung und ihre Schranke 13.

  _Bses_, seine Tatschlichkeit 115 ff.;
    Arten seiner berwindung 119 ff., 140.


  _Christentum_ 111, 122;
    Forderungen dafr 129;
    sein Verhalten zur deutschen Art 162;
    berragende Bedeutung Jesu fr das Christentum 128.

  _Christlicher und stoischer Lebenstypus_ 119 ff.


  _Dasein und Tatwelt_, ihr Verhltnis 86 ff.

  _Denken_, seine Bedeutung fr das Leben 51 ff., 65 ff.

  _Deutsche Art_, ihre Gre und ihre Verwicklungen 161 ff.

  _Deutscher Lebensstil_, Forderungen dafr 161 ff.

  _Ding an sich_, Grenze dieses Begriffes 63, 156.


  _Einsamkeit_, Gefahr und berwindung 44, 149, 155.

  _Einzelgeschick und Gesamtgeschick_ 76 ff.

  _Entwicklung_, ihre Schranke 73 ff.

  _Erbsnde_, abgelehnt 115 ff.

  _Erfahrung_, ihre Unentbehrlichkeit 87 ff.

  _Erziehendes Wirken des Lebens_ 100.

  _Erziehung_, ihre Weltanschauung 109.


  _Festigkeit des Lebens_, wie erreichbar 83 ff.

  _Form und Stoff_ 90.

  _Fortschritt_, Problem des moralischen Fortschritts 118 ff.

  _Freiheit und Schicksal_ 153.

  _Freiheit des Handelns_, ihre Notwendigkeit und ihre Mglichkeit 72.

  _Freundschaft_, ihr emporbildendes Wirken 100 ff.


  _Gegenwart_, Notwendigkeit einer zeitberlegenen Gegenwart 78, 153.

  _Geistige Jugend_, ihre Mglichkeit 153.

  _Gemeinschaft_, ihre emporbildende Kraft 102.

  _Geschichte_, ihre Bedeutung fr das Lebensproblem 78;
    Eigentmlichkeit der menschlichen Geschichte 106;
    keine bloe Evolution 126.

  _Geschichte der Seele_, ihre Bedeutung 126.

  _Gesellschaft_, Schranke ihres moralischen Wirkens 118;
    ihr Wirken auf den Einzelnen 147 ff.

  _Glaube und Werke_ 75.

  _Gottesbegriff_, Doppelheit seiner Fassung 127.

  _Greisenalter_ 148, 155.


  _Heroismus_, seine Notwendigkeit fr das Leben 118, 143.

  _Historisches Bewutsein_, seine Bedeutung 112.


  _Ideen und Interessen_ 99.

  _Ideen und Prinzipien_, ihre Macht in der Neuzeit 53.

  _Individualitt_, ihr emporbildendes Wirken 102.

  _Individualitt und Persnlichkeit_ 68.

  _Individualkultur_, ihre Bedeutung und ihre Grenze 37 ff.

  _Individualleben_, sein Verlauf und seine Probleme 144 ff.

  _Innere Konflikte_, ihre weitertreibende Kraft 142.

  _Intellektualismus_, Mglichkeit seiner berwindung 79, 109.

  _Jugendalter_ 144 ff.


  _Katholizismus und Protestantismus_ 127.

  _Kindesalter_ 144.

  _Kirche_, ihre Notwendigkeit 159.

  _Klassische und romantische Kunst_ 71.

  _Konkurrenz_, ihre Unentbehrlichkeit 99.

  _Kraftidee_, Beherrscherin der modernen Kultur 82 ff., 111, 159.

  _Kultur_, Geisteskultur und Menschenkultur geschieden 67;
    Altern der Kulturen 125.

  _Kultur und Zivilisation_ 11.

  _Kunst_, ihre Leistung 56, 90 105.


  _Leben_, notwendiger Ausgangspunkt 48 ff., 156;
    sein Gesamtziel 131.

  _Lebensalter des Menschen_
  144 ff.

  _Lebensenergien_ 69, 83.

  _Lebensgebiete_, ihre zusammenhaltende und richtende Kraft 107 ff.;
    ihre hhere und ihre niedere Gestaltung 80 ff.

  _Lebensgeschichten_ 152.

  _Lebensstufen_ 50 ff.

  _Lebenstatsachen_, unterschieden von subjektiven Erfahrungen 137.

  _Lebenszusammenhnge in der Weltgeschichte_ (griechische,
    christliche, moderne) 110 ff.

  _Leid_, verschiedene Stellung der Lebensgefge zu ihm 124;
    als Bestandteil des Lebens 153 ff.

  _Liebe_, ihre Grundbedingung 77;
    ihr erhhendes Wirken 100.

  _Liebe und Mitleid_ 54.

  _Lust_, ihre Unzulnglichkeit 53.


  _Mannesalter_ 145.

  _Materielles_, seine Bedeutung und seine berschtzung 160.

  _Mensch_, sein Hinauswachsen ber die Natur 51;
    Gefahr seiner berhebung 158.

  _Menschenkultur und Geisteskultur_ 67, 80 ff.

  _Moderne Lebensordnung_ 111.

  _Moral_, ihr universaler Charakter 74;
    ihre Tatschlichkeit 108.

  _Moralischer Stand der Menschheit_, seine Schtzung bei den
    Denkern 114.

  _Mystik_ 87, 154.


  _Natur_, ihre bermacht 96;
    ihr innerer Widerspruch 97;
    ihre Gleichgltigkeit gegen den Menschen 97 ff.;
    eine Stufe des Alls 104.

  _Naturalismus_, sein Lebenssystem 19 ff.


  _Optimismus und Pessimismus_, ihre verschiedene Beurteilung des
    moralischen Standes des Menschen 114 ff.


  _Persnlichkeit_, verschiedene Fassungen 42;
    Gefahr des Begriffes 70.

  _Persnlichkeit und Individualitt_ 68.

  _Pessimismus_, abgelehnt 142 ff.

  _Pflichtidee_, ihre Zusammenhnge 65.


  _Raum und Zeit_, als Beherrscher des Daseins 99 ff.;
    Kampf des Lebens gegen sie 103 ff.

  _Religion_, ihre Lebensordnung 4 ff.;
    ihre Bewegung ber den Menschen hinaus 66 ff.;
    ihre echte und ihre unechte Art 80 ff.;
    ihre gemeinsame Art 108;
    Begrndung der Wendung zu ihr 121;
    ihre Art des Schlieens 131, 143 ff.

  _Religise Pflichten_, Ablehnung dieses Begriffes 127.

  _Routine_, Gefahr und berwindung 147, 154.


  _Schaffen und Arbeit_ 55 ff.

  _Sein im Leben_ 62.

  _Sozialethik_, ihre Bedeutung und ihre Grenze 33 ff.

  _Sozialkultur_ 31 ff.

  _Soziologie_, ihr innerer Widerspruch 94.

  _Stoizismus_, als Lebenstypus 119 ff.


  _Tatwelt und Dasein_, ihre Scheidung 62 ff.;
    ihr Verhltnis 86 ff.

  _Tote Seelen_ 148.


  _Unsinnliche Welt_, ihre Selbstndigkeit und Macht 52.

  _Unsterblichkeitsproblem_ 132 ff.


  _Verneinungssucht der Gegenwart_ 44.


  _Weltgeschichtliche Bewegung der Menschheit_ 78 ff.

  _Weltlicher Idealismus_, seine Lebensordnung 10 ff.

  _Weltkrieg_, seine Wirkung 2, 15, 27, 40, 118, 139, 158.

  _Wirklichkeit_, ihre verschiedene Fassung 103 ff.

  _Wirtschaftliche Fragen_, ihr berwiegen in der Gegenwart 160.

  _Wissenschaft_, ihre Macht 108.


  _Zweifel_, prinzipielle Auseinandersetzung mit ihm 134 ff.




Namenregister.


  Aristoteles 101.

  Augustin 133.

  Bacon 20.

  Comte 94.

  Eckhart 6, 69, 126.

  Frbel 120.

  Goethe 19, 105, 117, 133, 143, 149, 156, 162.

  James (William) 126.

  Kant 115, 133.

  Leibniz 155.

  Luther 70, 75, 131, 143.

  Origenes 129.

  Pascal 152.

  Pestalozzi 130.

  Plato 103, 117, 120.

  Schiller 62, 99.

  Schopenhauer 144.

  Xenophanes 66.




Funoten

[1] Fr eine solche Errterung mu ich auf meine
religionsphilosophischen Schriften verweisen, besonders auf die
Schrift: Knnen wir noch Christen sein?




  +--------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                |
  |                                                              |
  | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen  |
  | gebruchlich waren, wie:                                     |
  |                                                              |
  | Ausnahmezeiten -- Ausnahmszeiten                             |
  | Inneren -- Innern                                            |
  | Kernes -- Kerns                                              |
  | Standortes -- Standorts                                      |
  | Stiles -- Stils                                              |
  | unserem -- unserm                                            |
  | Weltkrieges -- Weltkriegs                                    |
  |                                                              |
  | Die folgenden nderungen wurden vorgenommen:                 |
  |                                                              |
  | S. 26 ans in aus gendert.                               |
  | S. 28 den strksten in der strkste gendert.            |
  | S. 31 Anseinandergehen in Auseinandergehen gendert.     |
  | S. 103 Anangenehmen in Angenehmen gendert.              |
  | S. 110 Hhenpunkte in Hhepunkte gendert.               |
  | S. 111 eiue in eine gendert.                            |
  +--------------------------------------------------------------+





End of Project Gutenberg's Der Sinn und Wert des Lebens, by Rudolf Eucken

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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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