The Project Gutenberg EBook of Ein Geschlecht, by Fritz von Unruh

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Title: Ein Geschlecht

Author: Fritz von Unruh

Release Date: October 24, 2014 [EBook #47189]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN GESCHLECHT ***




Produced by Gerard Arthus, Reiner Ruf and the Online
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               Anmerkungen zur Transkription
               #############################

Der vorliegende Text wurde anhand der Ausgabe von 1918
erstellt. Die Textstelle auf S. 59: "Und furchtbar von des
Bruders Leiche ragend" sollte mglicherweise heien: "Und
furchtbar vor des Bruders Leiche ragend".

Kursiv gesetzter Text wurde mit Unterstrichen
gekennzeichnet (_kursiv_).




                      [Illustration]




                      Ein Geschlecht

                         Tragdie

                            von

                      Fritz von Unruh

                           1918

                     Kurt Wolff Verlag




    Das Recht der Auffhrung ist zu erwerben durch die
                Vereinigten Bhnenvertriebe
     Drei Masken -- Georg Mller -- Kurt Wolff Verlag
                        Berlin W 50

            _Siebentes bis achtzehntes Tausend_

           Druck von E. Haberland in Leipzig-R.

       Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig

                      [Illustration]




                Dem Andenken meines Bruders

                           Erich

                   * 1888, gefallen 1915




Personen


    Mutter

    ltester Sohn }
                  }
    Feiger Sohn   }
                  }          ihre Kinder
    Jngster Sohn }
                  }
    Tochter       }

    Ein Soldatenfhrer

    Der andere Soldatenfhrer

    Mannschaft

    Die Tragdie ist an kein Zeitkostm gebunden; ihre
       Handlung spielt vor und in einem Kirchhof auf
                       Bergesgipfel.




        Helle, warme Nacht ber der Rasendecke eines
     Berggipfels, der einen alten Kirchhof trgt. Durch ein
               Gittertor sieht man auf Grber.




Ein Soldatenfhrer

      beobachtet durch das Tor zwei Kerzen haltende Frauen
          und einen Jngling, der ein Grab schaufelt

    Unseliges Weib, gesegnet und verflucht,
    indessen Du mit Deinem jngsten Sohn
    den schlachtgefallnen Liebling fromm beerdigst
    und Flammenglanz von Tapferkeit beschwrst,
    steigt aus dem Tal, gefesselt und bespuckt
    ein Zwillingspaar auch Dir entboren auf,
    das besser Du im ersten Bad ersuft!


Der andre Soldatenfhrer

        hat zu beiden Seiten des Tores Ringe befestigt

    Die Eisen halten!


Ein Soldatenfhrer

                    zu wartender Mannschaft

    So bringt sie her, fr die der Platz bestimmt.
    Wer fat Natur, die solchen Zwiespalt schuf!


Jngster Sohn

                       aus dem Kirchhof

    Von meiner Schwester Trnen ausgelscht
    halt ich die Kerzen noch?

                        wirft sie fort

                              Entsetzlich Bild
    fr meines ganzen Bluts Verfinsterung.

                          will fliehn


Ein Soldatenfhrer

                         hlt ihn auf

    Eh Du mit uns zum Kampftal niedereilst,
    erflle, was Du ernst geschworen.


Jngster Sohn

    Von Sinnen war ich, als ich's tat.


Ein Soldatenfhrer

                      zeigt auf das Grab

    Was Du dem Toten schuldig bist und Dir
    und uns, wie allen, die heut kniegebeugt
    zum Machtgeist unsres mchtgen Volkes beten,
    versum es nicht. Entshne schwere Schuld,
    eh Gott auf uns die Wucht der Strafen schleudert!

       Zwei halbentblte Mnner werden angeschleppt

    Die beiden, wildzerstrubt, sind Deine Brder,
    vom Vaterland, dem sie getrotzt, verstoen.


Der andre Soldatenfhrer

                         packt sie

    Der Du geschndet, Kerl, sei festgebunden,
    da Deine Gier nicht weiter Unheil stifte
    und unsern Sieg entehre. Sterbe hier
    bei Deinem Bruder, der Gehorsam weigert
    und sich der Feigheit Ekel aufgeladen.


Jngster Sohn

                          am Tor

    Seht meine Mutter, ein verhlltes Bild!


Der andre Soldatenfhrer

    Du zauderst?

                      zur Mannschaft

    Stricke her!

              Er bindet die Verurteilten fest


Jngster Sohn

                      zu den Fhrern

    Ihr habt es leicht
    Vergeltung rasch von meinem Arm zu fordern.
    Gemeinsinn wills, und er beherrscht die Zeit.

                    vor seinen Brdern

    Ich fhl es schaudernd, wie die Leidenschaft
    den Edlen selbst zum Schwindelabgrund reit;

                      zu den Fhrern

    denn adlig waren sie, nur allzuhei
    vom eignen Kraftrausch ihres Lebenswunders.


Der andre Soldatenfhrer

                     zum jngsten Sohn

    Entschuldigung starb. Vor jeder Einzelgier
    hat uns das Feuerbad des Kriegs geheilt,
    und wo wie hier noch Aussatz an den Gliedern,
    sei er von unserm Krper abgehackt!


Jngster Sohn

                         erstarrt

    Was heit das; abgehackt?


Der andre Soldatenfhrer

    Notwendigkeit!
    Wie dem Gewlk erlauchter Ahnen heut
    der Flammstrahl auf den Vlkerknul entblitzte,
    der sich aus Lgen gegen uns geballt,
    so wrgen wir an uns die eignen Greuel.


Jngster Sohn

                      eingeschchtert

    Wehrlose Kraft zu meistern! Gebt das Beil.

                     Er lt es fallen

    Die gleiche Form, von mir so rein verehrt,
    schuf Euch, wie mich -- und das zerfleischt mein Herz.


Der andre Soldatenfhrer

    Dein Seufzer prallt an unsren Rippen ab,
    die ehern wie der Bau des Vaterlands
    nur opfermutge Seelen in sich dulden.


Jngster Sohn

    Ach, httet Ihr sie auf der Tat erschlagen!
    Wer ist die Macht, die alle Wesen beugt,
    bis sie den eignen Willen ganz verlieren?


Der andre Soldatenfhrer

    Glaub: sie zerstampft Dich, wenn Du also lsterst!


Jngster Sohn

    Brecht mein Genick! Ein Alp quetscht mir die Lungen!

                    fllt ohnmchtig um


Ein Soldatenfhrer

    So strzt ein Baum, der sich vom Erdreich lst.

         Im Tor werden Mutter und Tochter sichtbar

    Seht Eure Shne an!


Der andre Soldatenfhrer

    Wirft sie der Anblick der Emprer um?


Tochter

    Da sind sie! Festgeknebelt wie Verbrecher!

                        zum Feigen

    Der Du die Wolken sonst mit Trumen flltest,
    wenn Erika in Mittagsweiten glhte, --
    wie jmmerlich hngt jetzt Dein Kopf zur Brust.

                        zur Mutter

    Du duldest es, da sie die Brder morden?


Ein Soldatenfhrer

                    sieht die Mutter an

    Ihr teilnahmloses Schweigen wchst ins Dunkel?


Der andre Soldatenfhrer

    Wir stehn nicht hier, um Rtsel aufzulsen.


Ein Soldatenfhrer

                 zum andern Soldatenfhrer

    La dieses Weib allein. Ich brge Dir,
    da die nicht leben, wenn der Morgen dmmert.


Der andre Soldatenfhrer

                stt an den jngsten Sohn

    Doch den schleppt mit!

                 Mannschaft nimmt ihn auf


Ein Soldatenfhrer

    Er werde in der Schlacht
    zum wrdigen Glied des groen Volks gehmmert.
    Das Vaterland bleib ewig eine Kraft,
    die unsrer Willkr wehrt, wie jene Mauer
    die Heldenleiber schtzt vor Pflug und Egge.

     Auer den beiden Verurteilten, der Mutter und der
         Tochter gehen alle in das Kampftal zurck




Mutter

                   den Boden streichelnd

    Wir, die wir vieles wissen, mssen schweigen.
    Hier fielst Du um. Der jngste meiner Schmerzen,
    gebndigt durch die Faust des Mu.
    Dein liebes Auge war auf mich gerichtet.
    Jetzt spricht das Schicksal. Wirklichkeit steht auf
    und gibt den Himmelstrumen Zweck und Namen.
    Als Qual und Glck Euch still in uns gebildet,
    der erste Laut aus Eurem Mulchen schrie
    und Ihr die Beinchen an die Brste stemmtet,
    die Euch gesugt, da glaubten wir an Dauer;
    verlachten das Gesetz, das heimlich wuchs
    und Mttern heute ernste Sorgen bringt.

            Sie wendet sich zu den Verurteilten

    Ja, als Ihr jung wart, meine Shne, wahrlich,
    da baute Phantasie aus Euren Leibern
    mir einen Tempel auf.
    Nun steh ich unter Trmmern, gleich der Nacht,
    besorgt den Schutt zu bergen, eh es tagt.


Tochter

    Ach, meine Mutter!


Mutter

    Brll den Namen nicht.
    Ich hre einer Unke Quaken lieber
    als die zwei Silben, die mich niederschlagen.
    Zur Wiege geh ich, die der Tod gebaut,
    und rste sie.

                Sie wankt auf den Kirchhof


Tochter

               vor den Brdern in Entfernung

    Sah ich Verbrechen sonst vorbergehn,
    drngt' Neugier mich an Wach und Gitter an,
    um auf dem kurzen Weg vom Tor zum Wagen
    den Flackerblick des Bsen nah zu sehn.
    Nun quillt er auf im eignen Blut. O Brder,
    wir sind geheimnisvoll durch Lust verstrickt.
    Die Fesseln, die Euch in das Fleisch getrieben,
    erdrosseln mich, denk ich an mein Geschick.
    Die Mutter kniet. Hier hocken Wrgegeister!

                         will fort


ltester Sohn

    Bleib, Mdchen, bleib! Ich hrte jedes Wort.


Tochter

    Schlgt Deine Stimme Eisen um die Knchel?


ltester Sohn

    Bei der Gewalt, die Weiber schn gemacht,
    bleib so im Licht und la Dein Bein mich sehen,
    La mich die Linie jeder Wlbung fhlen,
    mit der Natur mich so betrunken hat,
    da ich verloren bin an ihren Reiz.
    Was keuchst Du mir den Atem in den Mund
    und starrst mich an? Schneid mir die Taue durch.


Tochter

    O wr ich Luft und knnte mir entfliehen!


ltester Sohn

    Wo kriechst Du hin? Das rote Schlachtenland
    ist voller Mnner; deren Hand Dich greift;
    wenn nicht lebendig mehr nach Deinen Brsten --,
    so starren tote Glieder Dir entgegen
    und drcken Deine Knie.


Tochter

    Bleischwer hngt mir das Haar im Rcken!


ltester Sohn

    Mach mir die Hnde frei! Ich will Dirs danken.


Tochter

                        zum Feigen

    Um Dich schlug die Verachtung einen Kreis,
    in den kein Mensch sich wagt. Mich berge er.


ltester Sohn

    So bind mich los! Sieh her; ich streichle sanft
    den Schatten Deines Schenkels mit der Zeh.


Tochter

    Der Du uns schufst mit unsern blauen Adern,
    dem Bau der Sehnsucht, dem nur Flgel fehlen,
    verla mich nicht. Die Erde wird zu Schlamm,
    und meine weie Sohle sucht nach Halt.
    Ich sinke hin, und alles Rot der Nacht
    hebt sich zu Purpurwrmern vor mir auf --!


ltester Sohn

    Was schmiegst Du Dich dem Rasen wie ein Panther
    so beutelstern an?


Tochter

                      strzt auf ihn

    Zerreit mich, Hnde!

                    und bindet ihn los


ltester Sohn

    Ich kann mich wieder strecken, beugen! Sttigen!

                    greift die Tochter




Mutter

              Vor ihrem Anblick weichen beide

    O Grlichstes! Mein Auge fault daran!


Tochter

                    beim ltesten Sohn

    Schtz mich vor diesem Weib und allen Frauen!


Mutter

    Hier mit dem Spaten, der auf Aug und Wangen
    des liebsten Sohns den feuchten Sand geworfen,
    erschlag ich Euch!


ltester Sohn

    Hast Du uns nicht geboren?


Mutter

    Was gibt Dir Mut zu solcher Sprache?


ltester Sohn

                                         Blut,
    das mit der Nabelschnur nicht abgestaut.


Mutter

                     zum ltesten Sohn

    Wenn meine Milch, die se Himmelsnahrung,
    so freche Kraft in einem Mann erzeugt,
    dann schttelt Hexenvolk das Los der Mtter
    und mir bleibt nichts, was Dich zu Boden zwingt.

                        zur Tochter

    Doch Dich, verwandte Form, schleif ich am Schopf
    aus diesem wsten Strudel der Verirrung.


Tochter

                      macht sich frei

    Dich hat der Liebesstrom der Kraft durchrauscht.
    Wie leicht ist's nun, gesttigt dazustehen
    und, wo ein Quell aus dunkeln Qualen bricht,
    ihn mit dem Stein der Sitte zu verstopfen.


Mutter

    Hier hilft auch Hndefalten nichts. Ich fhl's.


Tochter

                    beim ltesten Sohn

    Einst zwangen Ammen uns vorm schwarzen Mann
    aus Winkeln erster Regung an die Lampe --,
    Solang mein heller Scheitel Wrme ahnt,
    schreckt mich kein Fluch.


Mutter

    Kehrt mir mein jngster Sohn so wild zurck,
    da meine Hnde, die schon hingestreckt
    ihm von der Stirn den Kriegstraum fortzustreicheln,
    gelhmt bei seinem Anblick niederfallen,
    was bleibt mir dann!

                     zum ltesten Sohn

    Dein Gang, Gebrde, Stimme,
    ach, alles, was der Mitwelt abgelauscht,
    erschreckt und wagt sich dreist vor mich! vor mich!


ltester Sohn

    Es kam der Krieg! die Zeit verlor den Puder
    in Strmen Bluts, die so ins Erdreich flossen,
    da sich die Schollen wieder feucht wie Ton
    in meiner Hand zu neuen Werken ballten.
    Der Jahre Wucht quoll mir aus Stunden ber,
    und Ohnmacht krachte weit im Land zusammen.
    Die Welt ward so zertreten und zerstampft,
    da sie zu Leichen brach und meine Knie
    im Schreck von schnell verstummten Mulern -- froren!


Mutter

    Was nun vermag Gebet, wenn das geschah!


ltester Sohn

    Um mich verendete zerquetschter Schlaf,
    im Tod noch aufgekrmmt. Seht, Haut schwitzt nach
    von lauem Brand verkohlter Menschensiedlung;
    ach, Rausch, der mich aus stumpfer Kraft geworfen,
    verlief und zngelte in Lagerflmmchen
    als Traumgewlk der Mdigkeit zurck.
    Doch ich, im Schrei verscheuchten Weibervolks,
    packt' mir, ein Blitz, die Widerspenstigste
    und war schon im Gelock der Hoffnung -- Gott,
    der ber Wassern seines Durstes schwebte,
    da schlug man mich wie ein Stck Rindvieh nieder!
    Die gleiche Macht, die mich wie Wunder ehrte,
    als ich fr sie im Blut des Feinds gewatet!


Mutter

    O Land, vom Wachstum ewiger Kraft bewegt,
    du gibst den Schwangern ihre Monde,
    bis sie sich beugen, Neues zu gebren.
    Du gnnst dem Winteracker Deine Stunden,
    da er im Samendrang des Mrz nicht bricht:
    Verhilf auch mir zu neuem Blut und Fhlen!


ltester Sohn

    Nun steh ich da, entfesselt, unbefriedigt!
    An meinen Rippen hngen noch die Haare
    erblater Dirnen! Hnde sind voll Striemen,
    und alle Schleuderglut der Sinne irrt
    wie Wirbelsturm durch Trmmer, die ich schuf.


Tochter

                      an seinem Hals

    Du bist es! Unbegrenzter, Himmlischer!
    nach dem ich mich in heier Heimlichkeit
    urtoller sehnte, als die Nacht nach Licht!


Mutter

                        vor beiden

    Ist's Traum zermrbter Sinne? Wirklichkeit?
    Das Frchterliche vor mir: Meine Kinder?


ltester Sohn

    Erst reit man uns auf sonnennahe Gipfel,
    und hat sich unsre Brust dem Tal entwhnt,
    da sie sein Bauernjoch nicht mehr ertrgt,
    sticht man uns mit Gesetzen durch das Herz.


Tochter

    Ach, Herrlicher! Ich fhl's, ich lebe auf!


Mutter

    Geliebte Erde, heilger Keime Scho,
    die Du dem Korn sein goldnes Fruchtkleid gibst
    und Blumen streust in herbstverweste Moose,
    Du nhrst gerechtermaen jedes Ding,
    das Du gebildet. Krten gibst Du Raum,
    und Sonnenfalter spieln in Deinem Atem.
    Tu Hhlen auf, in die ich meine Brut
    vorm Glanz des Tages retten kann.
    Tu meine welken Brste auf!
    La sie in Strmen flieen fr die Kinder!


ltester Sohn

    Ich ducke mich nicht lnger unter Tempel,
    die Vaterland um unsre Ohnmacht baut.


Mutter

    Dir nachzufhlen, wechselt Schreck mit Hitze.
    Mein Arm, der Dich verstoen wollte, sinkt.


ltester Sohn

    Mgt Ihr mit den Milliarden in den Tlern
    vorm Truggott Eurer Schwche niederknien!
    Ich greif dem Massenwahn in seine Zhne
    und schleudre seine Tatzen vom Genick!


Tochter

    Zerschlage mich in Stcke! Nichts mehr bleibe,
    was Dich nicht fassen kann!




Mutter

    Es ngstigt, zwingt!
    O alle Erdenmtter, flucht mir nicht:
    Gewaltges Schicksal wei nichts mehr von Ha.
    In mir bricht jeder Widerstand zusammen.

                     zum ltesten Sohn

    Komm, schmieg den Kopf an diesen Busen an.
    Da meine Stirn dem Anprall widerstand!

                        zur Tochter

    Komm her auch Du mit Deinem heien Haar.
    Des Lebens Mitternacht hatt' ich verschlafen.
    So brich hervor, du schwarze Flut. Ich atme.
    Was ich jetzt tu, heit an die Erde klopfen.
    Hier sitz ich und beschwre ohne Formeln
    das Herz, das hinter aller Schpfung schlgt.
    Mein Auge sucht nicht Geister Abgestorbner,
    und kein Orakelspruch befriedigt mich.


Tochter

                    beim ltesten Sohn

    Was taucht aus Deinem Blick? Geheimnisvoll
    treibt es die Mutter vor Dir hin und her.


Mutter

                        zum Feigen

    Komm her auch Du! Das Feigheitsmal des Abscheus
    kss ich Dir fort. O Kinder, neue Wonne
    glht aus der Nhe Eurer Krper auf.
    Einst, als ich glubig war an Eure Tugend,
    sah ich mein Bild gemeielt und gemalt
    im Dorn der Trauer und im Kranz des Glcks --,
    jetzt bricht aus allen Tiefen Eurer Schuld
    ein Rausch von Leben auf mich ein,
    da meine Glieder neuen Blutlauf fhlen.
    In mir fliet jeder Brunnen Eurer Sinne,
    auch mich trieb Lust in Arme eines Mannes,
    auch mir versagten Kniee oft vor Angst.
    Nun schumt es auf in Euren lieben Leibern
    und reit die Schnheit Eurer Unschuld,
    die Sorge meiner Nchte so entzwei,
    da ich mich selbst vor Schauder nicht erkannte.
    Mich trefft! Legt Ketten um den Leib der Mutter!
    Doch kein Lebendger holt mir meine Jungen.
    Hat nur die Lwin Recht auf ihre Krallen,
    der kleine Hamster, der uns Zhne fletscht?
    Ich heb mich auf! Wo bist Du, Henker, Richter?
    Und klngen Deine Schwerter wie Posaunen
    um das Gericht, das Euch verdammt zu sterben,
    erst treffen sie die Brust, die Euch gesugt.


Tochter

                         jauchzend

    Doch unter Menschen ist kein Platz fr uns!
    In die Gebirge wolln wir gehn, umfassen,
    was der Jahrtausende Gesicht erschrak!
    Ein Riesenvolk, das vom Geschlecht des Tags
    sich losri und die Einsamkeit der Sterne
    zu seiner Wonnen Lustgefhrten whlte.


Mutter

                           wild

    Den Witwenschleier rei ich mir vom Kopf!
    Verqulte Glut verweinter Nchte flamme
    aus meinen weien Haaren auf
    und brenn Ergebung ganz und gar zu Asche!
    Zum Blutbund alle Mtter aufgerufen!
    Ihr bleicher Segen, der dem Todessturm
    des Weltbrands Flgel gab, ball sich zum Fluch!
    Auf ihr Gebrerinnen!
    An unsren Kleinen frit die Finsternis
    wie eine Ratte. Helft und schlagt sie tot!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Rei Dir das Zpfchen aus
    und werde stumm,
    eh Du Dein Brusttuch lftend jh erkennst
    wie ekeltoll dahinter Krebs am Werk!


Mutter

    Ich will nun reden aus des Herzens Angst
    und frage Euch,
    die Ihr geboren habt:
    Was gab den Wesen unsres Blutes Nahrung,
    bis sie uns hart durch rtseleigne Kraft
    aus einer Ohnmacht in die andre warfen?
    War es nicht heie Hoffnung auf ein Leben,
    was stndlich aller Wehen Qual bezwang?
    Warum behteten wir selber uns
    und heiligten die Tage im Gebet,
    da nicht ein Atemzug der Dunkelheit
    das holde Wunder unsres Leibes strte --,
    ja es war Sehnsucht, allzuflchtges Sein
    vollkommen, ganz im Kinde festzuhalten.
    Wie knnen wir den Wahnsinn weiter dulden,
    der diesen Bau der Menschheit, den wir schufen,
    sinnlos zerschlgt und in die Grber schleift!


Tochter

                        zur Mutter

    Wem bohrst Du Deinen Arm in die vier Himmel?


Mutter

    Hervor aus Euren Kummerwinkeln, Mtter!
    Wir schtteln diesen Weltvernichtungsgeist
    dem schnen Leben aus gestrubten Locken!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Schwatzt Du Dich toll und blind? Wovor Du zitterst
    und Deine Kchlein frstelnd flgelbirgst,
    droht nicht vom Himmelsblau wie Geierschatten!


Mutter

    Wo denn? Ich will es treffen, wo es sei!


ltester Sohn

    Und stehst nun da, neugierig wie ein Kind,
    das hoch vom hchsten Stockwerk niederschaut
    und nichts vom Schwindelfrost der Tiefe fhlt,
    bis es im Sturz dem Schauder gell begegnet.


Mutter

                  umschlingt die Tochter

    Dies Ebenma der Glieder halte ich
    dem Furchtbarsten, was kommen mag, entgegen.

             der Tochter den Mantel abreiend

    Wie ihre Schulter sich im Muskelspiel
    so herrlich rundet und so leicht bewegt
    im zarten Bau des Lebens Atem trgt!


ltester Sohn

    Du hltst nicht ein: Enthllst es ganz und gar?

                    schlgt die Tochter

    Ja rund und glatt! und aller Monde Spiegel!

                        zur Mutter

    Scharr Erde auf! Wirf alles nackte Fleisch,
    mit dem du prahlst, hinein!


Mutter

    Was faselst Du?


ltester Sohn

    Hier hinter diesen Warzen grt das Gift,
    an dem wir alle eitern! stinken! faulen!




Mutter

                     zum ltesten Sohn

    Entsetzlicher, Du weit nicht, was Du bellst!
    Es war einmal, da schliefst Du, noch ein Kind,
    in meinem Arm. Die Sonne blhte rings,
    und Vgel sangen aus vertrumtem Laub.
    Dein ruhiger Atem brachte mich in Trnen
    vor Glck, da ich Lebendiges geboren,
    da pltzlich krallt sich Deine Ngelkraft
    in mein Gesicht. Du tobtest, stampftest, schriest
    und glichst mehr einem Zwerg, als meinem Kind.
    Erst lachte ich, doch als Du dann mit Nahrung
    gesttigt warst und wieder schliefst,
    fhlt ich, mein Herz stand still, wie jetzt.


ltester Sohn

    Bricht aus der ersten Ahnung unsrer Seele,
    von Jahr zu Jahr genhrt, einmal solch Licht,
    da wir die Sphre Gottes wiederfinden,
    die unsres Wesens letzter Ursprung ist,
    dann war das nur sehr scheues Flgelschlagen,
    was Dich erschreckte, als ich Dich gekrallt.


Mutter

    Ist es denn mglich? Bist Du nicht mein Kind?
    Was kann in diesem Schdel sein,
    das ich nicht wei? Ich habe ihn gebildet.
    O Kinder, bleibt bei mir!


ltester Sohn

    Ihr Mtter wollt uns Kinder, wie Natur
    die hohen Stmme ihrer Wlder meistert,
    bis sie, von ihrem Saft geschwellt, vertrocknet,
    das Spiel der Jahreszeiten spielen mssen,
    von Eurem Blut bewegt und wachsen sehen,
    um einen ewgen Wiegentraum zu feiern!


Mutter

    Das ist nicht wahr!


ltester Sohn

    Dein Schrei ertrinkt vor mir!


Mutter

    Stt Du mich fort?


ltester Sohn

    Ich tu's!


Mutter

                    sucht Schatten auf

    Wohlttiges Dunkel!

                     zum ltesten Sohn

    Ich nahm Dich wieder an die Brust zurck;
    doch wendest Du Dich gegen mich, die Mutter,
    erhebst den Hammer gegen diesen Leib,
    den unsre Kraft in stummer Zrtlichkeit
    so gro gewiegt, dann, Knblein, wappne Dich!


Tochter

                        beim Feigen

    Du bleiche Stirne, khle mein Gesicht,
    mein Blut. O Linderung! Dein zarter Fu,
    der sonst der Raupe achtsam Platz gemacht,
    trgt aller blutgen Straen rohe Spur,
    auf denen man Dich hin- und hergeschleppt.
    Was blies Dich aus? Der gleiche Schrecken, Bruder,
    der mich wie's Vieh hilflos in Flammen jagt?

                     sich anschmiegend

    Ach, jede Hand, die ich ergreife --, kalt!

               Sie strzt zum ltesten Sohn

    Nur Deine nicht! In Deiner siedet es!
    Die Finger spreize ich! Da Dein Geruch
    um alle Glieder wehe! Packe mich.


ltester Sohn

                  fat sie bei den Hnden

    Dies feingeschlitzte, lustgedrngte Fleisch!
    Ballt sich zuletzt noch Blutschuld wie Gewitter?


Tochter

    Ich reie ihre Brnde auf den Leib!


ltester Sohn

              die Tochter gen Himmel stemmend

    Eh Mnnerwucht auch Dich zu Boden wirft
    und jede Hhlung ganz mit Ha durchschttet,
    erhrte sich an diesem Kugebilde
    der weiten Schpfung Kraft! Fall in sie ein,
    triebrunde Nacht, zersprenge dies Gewebe,
    bis sein Gesthne im Entsetzen endet!

                      Wirft sie fort


Tochter

                         am Boden

    Das schnitt ins Mark! O, tief!


ltester Sohn

    Nicht tief genug!


Mutter

                        vor beiden

    Ich uge wie ein Fechter um und sinne,
    wo dieser gruelgeschwollne Geist in Euch
    zu treffen ist, da er die Krallen streckt,
    mit denen er die Menschheit so wie Dich
    blutsaugend qult und aneinanderhetzt!


ltester Sohn

    Willst Du die Gier aus unsren Adern blasen,
    die Last der Wollust aus dem Wirbel nehmen?
    Den Drang, der hinter Ngeln reizt und kocht,
    bis er in Tastgefhlen Linderung sucht
    und keine findet! Mutter, hier pack an:
    Da frit die Ratte, die Du treffen willst!
    Solang Ihr Mtter Muskelkraft gebrt,
    macht Ihr sie fett mit Eurer Kinder Blut!
    Ihr habt die Erde zu verschwenderisch
    mit Kpfen bervlkert! Wo ist Platz?
    Den Raum zum Himmel hat die Lust durchfllt,
    sie schlgt den Geist mit heiem Fieberfrost
    und rast durch die Gedanken wie die Pest!


Mutter

    Ich stehe schamentbrannt vor meinen Kindern.
    Der Du mich so allein zurckgelassen hast,
    mein Gatte, sag, wo kann ich mit Dir sprechen?
    Sieh, dieser Sohn greift so gewaltig an
    und will den Baum, der uns beschatten sollte,
    im Innern treffen, eh er Frchte trug.
    Und nichts gengt mehr. Jedes Spielzeug bricht.
    Die alten Puppen schweigen in den Winkeln
    und Dinge, die wir selbst nie ahnten, schreien
    wie Hungermuler wild nach unserm Blut!
    Entflohst Du vor der Zeit in Grabesfrieden?
    Erahntest Du den Tag?


ltester Sohn

    Sprichst Du mit Geistern? Stieg der Vater auf?
    Wo ist er? Wo? Ich will ihm Rede stehen!


Mutter

    Hier hast Du keine Macht! denn eh Du sahst,
    stand schon Dein Vater da und ehrte Gott!


ltester Sohn

    Das sagst Du mir, der jeden leichtsten Hauch
    belastet fhlt von Ur- und Ururvtern?
    Erst gabt Ihr eine Sprache auf die Lippen,
    die jedes Rtsel unsres Hirns erschlug,
    eh es sich regen konnte selbst zu denken --,
    dann hobt Ihr uns die Vter auf den Sockel,
    und jedes Wort der Kinderstube wies,
    den Urtrotz in mir weckend, streng auf ihn,
    bis ich, genhrt am Zweifel, kraftentschlossen
    dies Vaterbild, das Gott geglichen, strzte.
    Da liegt es wie ein Steinklotz berm Weg!
    Ich steige drber weg und blas den Schutt
    von allen Wurzeln meiner Seele ab.


Mutter

    Wo bleibst Du, Gatte, der Du einst gewacht,
    da mich nichts Hliches berhren konnte.
    O Herzgeliebter, der Du meine Trume
    wie zarte Blumen pflegtest; Dich, o Dich
    seh ich in unsrer Kinder Mund geschndet!
    Mu dieses Herz denn alle Gifte schlucken?

                     zum ltesten Sohn

    Wit Ihr, wie Eures Vaters Blick erglnzte,
    sooft er Euch in seine Arme schlo?


ltester Sohn

    Wohin ich sehe, streicheln Vaterhnde
    die Schpfung ihrer Lust in Stolzgefhl.
    Sie schleichen stumpf in ausgetretner Bahn
    an alle Fragen, die um Antwort schreien,
    mit blinden Blicken ngstlich, scheu vorber
    und hoffen von der Kinder frischem Mut,
    da er die Lsung findet, die sie meiden.
    Doch schiebt hier Trgheit durch Jahrtausende
    von Kind zu Kindeskindern Urkraft weiter,
    am Heu der Hoffnung wie ein Ochse kauend,
    so mach ich solch Versteckenspiel nicht mit!


Mutter

                        zur Tochter

    Was hockst Du lauernd? Hilf ihm lstern, hilf!


ltester Sohn

    Wer nahm mir Felsen, die den Rcken krmmen?
    Htt ich nicht frh durch mich Alarm geschlagen --


Mutter

                       unterbrechend

    Wrst Du des Vaters wert geworden!


ltester Sohn

    Ja,
    im Viereck, breiter nicht als meine Schultern
    s ich noch eingeklemmt! Ich dehnte mich
    und will mir nicht, wie's satte Eltern tun,
    das letzte Glck von Kinderkraft erbetteln!


Mutter

    Seit Ihr geboren, dacht ich nie an mich!


ltester Sohn

    Armselig Herz, das Liebe heucheln mu,
    weil Du ganz hilflos warst, uns Lusterzeugte
    in diese Welt auch gleichbegabt zu setzen!


Mutter

    Whlst Du in meiner Qual?


ltester Sohn

    Ich kenn' Dich ganz
    an nackten Hnden und dem Furchenspiel,
    das schamlos rund um Augen schwatzt und schwatzt!


Mutter

    Die Runzeln, die Du schmhst, grubt Ihr mir ein!


ltester Sohn

    Ja, lieber gingst Du heut mit Heldenshnen
    durch kniegebeugte Brger lchelnd hin
    und legtest stolz, wie's Heldenmttern ziemt,
    den Jngsten, den sie halbtot mitgezerrt,
    ich wnscht, ich knnte noch mehr Shne bringen --,
    dem Gtzen Vaterland ans Herz!


Mutter

    Hr auf!


ltester Sohn

    Dann stndest Du nicht schlotternd hier bei Nacht
    vor dem, was Zufall aus uns Kindern schuf!


Mutter

    Ja, dieser Zufall frit in meinem Kopf!
    Ich stecke voller Pfeile! Kinder! Kinder!


ltester Sohn

    Verliebte Laune, mehr Verlegenheit,
    gab diesem Leibe Form! Geronnen wie ein Kse!


Tochter

               anklammernd am ltesten Sohn

    Zum Liebestaumel schaffen wir uns selbst!


ltester Sohn

                     schttelt sie ab

    Die Dnstung Deiner Haut schon sammelt Wolken
    um meinen Geist! Was hoffst Du Nrrin noch?
    Wird nicht die Perle an dem Grashalm Wasser,
    der grne Traumsaal ein verdorrter Busch,
    kein Edelstein, ein abgerupftes Moos,
    das in der Hand, die es bewundert, welkt?
    Da soll ich Dir, Du mir Erfllung bringen?
    Nein, wo ich Zweige ffne, fliehen Mrchen --,
    und jagte ich durch rankenwilde Pfade
    den Sternen nach, die aus der Blue lockten,
    so war der Wald zu Ende, de Felder
    von Raben berkrchzt, verhhnten mich!


Mutter

    Ach, Kind! o lieber Junge! Herzenskind!


ltester Sohn

    Was? liebes Kind und Herzenskind und -- was?
    Wie Taschenkrebse an den Strand geschleudert
    Komm ich zwei Schritt von Ozeanen um!


Mutter

    O schau die Menschen neben Dir doch an,
    wie sie in Demut ihre Tage leben
    und nicht erfahren wollen, was Du willst; --
    doch leben sie beglckt.  Ein frommer Spruch
    erbaut sie wirklich in den Feierstunden,
    und falten sie am Abend ihre Hnde --,
    wie friedlich schweift dann Aug und Herz ins Land.
    Die Sonne, die in Wiesenbchen spiegelt
    und Feld und Wald noch einmal golderwrmt,
    tut ihnen wohl und gut wie Gottesgabe.
    Spannt dann der Schlaf die schwarzen Flgel aus,
    so senken sie vor ihm den Blick und bleiben
    unangefochten von der Finsternis
    in Zuversicht und trumen von dem Licht!


ltester Sohn

    Und schl ich mich mit Eisentoren ab,
    so hrt ich doch das Kuzchen vor dem Fenster
    und ahnte aus dem schrillen Geisterruf
    die Welt der Nacht. Kein Dach ist hoch genug,
    das mir der Sterne stillen Lauf verbirgt.


Mutter

    Das tiefe Glck, das ich bis jetzt geno,
    in dessen Glanz das Dunkel Trumen war,
    weicht mehr und mehr von meinen Augenlidern,
    und was ich niemals ahnte, tritt hervor.


ltester Sohn

    Ihr habt uns irrgefhrt, da wir den Himmel
    nur noch mit Engelchren denken knnen,
    die Gott im frommen Wechselsang umschweben.
    Das mag gemeine Todesfurcht umgolden --,
    mir ist es Zunder, der im Blut verbrennt
    samt allen Kronen und gestickten Wappen,
    dem Kirchenschlssel und der Messen Prunk --,
    wie warm und weichlich es uns auch umfngt
    und jeder Schwche breite Betten baut.
    Ich will aus dieser Kneblung ganz heraus
    und rei den Vorhang auf! Das Licht erscheine,
    vor dessen Donnerglanz uns Herrschsucht schlau,
    Gemuern gleich, wie Eulen schlafbetubte!


Mutter

    Ist es im ewgen Ratschlu so beschlossen,
    da sich die Welt, der Nebellandschaft gleich,
    vorm Sonnengeiste mehr und mehr enthllt --,
    mut Du es sein, der diese Schleier nimmt?


ltester Sohn

    Ich mu dorthin, wo wirklich Wahrheit herrscht
    und Lug nicht mehr wie eine Regenschnecke
    das Reinste meiner Triebe berschleimt.
    Und sind die Gtter, noch so riesenhaft
    und weihrauchberschttet, nicht imstande
    den Narrn und sein Geklingel abzuschtteln,
    so stehn sie steinerner als Pharaonen
    wie Gtzen da, nur wert, da sie ein Sturm
    aus ihren Fundamenten wirft.
    Schtzt sich die Welt mit Zaun und Grenzen auch
    vor dieser Kraft, die blutge Lungen schafft,
    ich mu zu ihr und reie alles ein,
    was wider mich. Und kam dabei ans Licht,
    was Unrecht hinter kalten Mauern schon
    beim Sternenbla und Hahnenschrei verbt --,
    mich schreckt es nicht, wrd es so hilflos, nackt
    wie feuchtes Grabgewrm, das Deckung sucht,
    wenn man den glatten Marmor abgerckt. --


Mutter

    Erahnend, nicht begreifend, was Du willst --,
    fhl ich in dem, der Knospen Schalen gab
    und Weltenkeime im Gesetz vollendet,
    da es verderblich ist, das zu versuchen,
    was hchste Weisheit unserm Blick verhllt.
    Was wir von ihrem Licht erfassen knnen,
    ist nicht viel mehr als Blitzgeleucht bei Nacht!


ltester Sohn

    Seh ich im Samen aber schon die Blte,
    soll ich von Knoten bis zu Knoten warten?
    Des Wachstums Zeiten will ich so beherrschen,
    da ich dem Winterzweig, wie's Inder tun,
    aus grnem Mark die Bltterflut erzwinge.
    Und ist die Kraftfaust wirklich gottverschlossen --,
    ich bieg sie auf, bis sich in flacher Hand
    die Linien aller Rtsel vor mir lsen!


Tochter

    Und auch vor mir, da ich den dunklen Sinn,
    der mir bei jedem neuen Mond das Blut
    aus diesem Krper jagt, begreife!




Mutter

    Wir Mtter kennen diese harten Stunden;
    wenn wir schon leise Wechselrede halten
    mit dem, was stetig, schweigsam in uns wchst,
    ersehnen wir die Wartezeit zu krzen.
    Wir schauen nach der Sonne, nach den Bumen,
    doch unerbittlich bleibt vor jedem Wunsch
    die Wirklichkeit und zwingt zum Weiterschreiten;
    bis uns ein holdes Schwellen unsrer Glieder
    zum Himmel hebend, ganz mit dem erfllt,
    was ewig durch die Brust der Schpfung strmt:
    Wir lernen Wonnen der Geduld verstehen.
    Sie wirken seltsam rein, und wie wir reifen,
    wchst unser Kind zu der Geburt heran,
    Erzwungne Taten, noch so laut getan,
    verdorren wie der Zweig, von dem Du sprachst.


Tochter

    Du hast geboren und zur Welt gebracht
    und atmest doch wie wir, kein Merkmal sagts?
    Getragnes Leid und serlebte Wonnen,
    um die ich Dich aus tiefster Brust beneide,
    durchadeln Dich und zwingen mich zu Dir.


Mutter

    La Dich dem Strome, Kind, er wird Dich tragen,
    wie er schon vor Dir alle Weiber trug;
    o komm zu uns, dem Kreis der Schicksalsschwestern,
    dem dieses Daseins Odem fortzubilden
    beglcktes Dulden war, der seine Stirne
    nie hadernd gegen Schicksals Willen hob.


ltester Sohn

    Da steht Ihr beide vor mir, armverschlungen!
    Braucht ich wie Ihr nur Krfte wirken lassen,
    ich macht's Euch nach und stierte in die Sterne!
    Die Frucht im Garten, die ich oft befhlte,
    wenn sie im Mondlicht khl in meiner Hand
    ganz unbeweglich lag, und dann am Morgen
    taufrisch geschwellt, so sonnenwarm erglhte, --
    lehrt mich den Abstand zwischen mir und allem,
    was still in seine Reife wachsen darf.


Tochter

                        zur Mutter

    Mich widert dieses Lcheln der Erfahrung,
    mit dem Du mich noch fester an Dich drckst,
    um alle Sturmglut heientjauchzter Sinne
    in Unentrinnbar-Schreckliches zu mauern!


Mutter

    Ich la Euch plappern, wie vorm Nachtgebet,
    da Euch mein Amen schlielich doch umschlang!


Tochter

                lst sich aus der Umarmung

    Knnt ich aus Deinen Augenschchten graben,
    was mich so seltsam berlegen beugt.


Mutter

    Da Ihr noch blind fr dieses keusche Wunder,
    das alle Schpfung herrlich weiterfhrt, --
    geb ich mich ihm nur grenzenloser hin --,
    und fhle schon, wie es die alten Glieder
    im Innern lst und ahnungselig nhrt!


ltester Sohn

                      vor der Mutter

    So standst Du einst am Buchenstamm gelehnt
    und warst in jeder Linie so verschwollen,
    da ich entsetzt in tiefstes Dickicht lief
    und Bilder der Natur mit Dir verglich, --
    bis ich im wollgen Neste eine Katze
    verborgen fand, die Dir vollkommen glich.
    Ich schlug sie tot!


Mutter

    Die Hand, ein Hndchen erst, die mir beim Gru
    schon stolzen Schmerz verschaffte, konnt das tun?


ltester Sohn

    Sie tats! Und mit dem blutgen Messer,
    das mir das Rtsel der Geschwulst geffnet,
    kam ich zu Dir und fand im kleinen Bett
    ein schreiend Wesen! Da, die Schwester wars!


Tochter

                    beim ltesten Sohn

    Eh ich das Licht gesehn, von Dir befhlt --,
    eh ich Gedanken trug, von Dir begriffen --,
    so ward ich Dein und wuchs von Dir gehetzt
    Dir, Dir entgegen an die dunkle Brust.


Mutter

                        zum Feigen

    Wie Aussatz fllts auf mich! Mir selbst ein Ekel!
    Die Tat ist nichts! Doch das Gespenst dahinter,
    wer das erblickt, wird schwarz wie Blhn im Frost!


Tochter

                        zur Mutter

    Wie ein Stck Fleisch am Markttag liegst Du feil,
    das ich beugen mu in allen Fasern!


Mutter

    Unmenschen! Was hat Eure Brust erfat!
    Ach, ratlos irrt die Seele in den Raum!

                     beim Feigen Sohn

    In Dir ist sie zur Marmorlast erstarrt;

                 hilflos neben dem Feigen

    Die Welt liegt da wie eine Fehlgeburt,
    kein Ku erweckt mehr einen Menschenlaut.

                   zu den beiden andern

    Was lat Ihr rote Blicke um mich kreisen?

                    Sie rafft sich auf

    Der reine Hauch, der mit dem Krper wuchs
    und mich der Dinge Sinn erfassen lehrte,
    bis ich, was vor mir war, was kommen wird,
    sich schlieen sah in einem Schicksalsring --,
    beschtze mich vor Euch!


ltester Sohn

                     packt die Mutter

    Welch reiner Hauch?
    Gib mir dies Wunder! Weib, die Faust vollbrchts
    und untersuchte wieder Eingeweide --,
    ob ich im Mutterleibe endlich finde,
    was hinter aller weichen Ahnung lockt!

           Beide ringen, er wirft die Mutter hin


Mutter

                         aufgelst

    Wenns einen Sinn gibt in der weiten Erde,
    wenn all das teure, heigeliebte Blut,
    das, seit wir Menschen sind, um Liebe flo,
    nicht ganz vergeblich war, fleh ich zu Dir,
    unnennbar, welterhaltende Gewalt:
    die Du des Vogels leichtes Krperchen
    im Federkleid erregst und pochen lt,
    wenn sich ein Bube seinem Neste naht,
    die selbst dem Raubtier Lieblichkeit verleiht,
    wenn es fr seine spielerischen Jungen
    das rote Fleisch der Antilope reit --,


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Die Finger vom Gebet!


Tochter

                     zum ltesten Sohn

    Wir binden sie!

                  beide gegen die Mutter


Mutter

                          flehend

    Ihr schnrt Euch Eure eigne Kehle zu!


Tochter

                        zur Mutter

    Ich will nicht lnger meine Waden bergen
    und Schenkel, die im Lauf in ihren Bogen
    den runden Himmel fhlen, ganz umfalten
    mit Rock und Fetzen! da der junge Leib
    wie im Gefngnis hungert!


Mutter

    Wr ich taub!


Tochter

    Dir will ich keine Kinder schaukeln!
    Ich dulde keinen andern Bart auf mir,
    als dieses Haar, das auch verurteilt ist.


Mutter

    Ihr Ewigen im All, verlat Ihr uns,
    dann wird der Mensch ein Wolf, und -- greulicher.


ltester Sohn

                  fat die Mutter am Kinn

    Wr nicht dies Auge, das mir eingeprgt,
    so oft ich von ihm schied und in der Fremde
    nichts Eignes hatte als dies Angedenken,
    vor dem ich still in Heimweh ganz zerflo!


Tochter

    Auf, Bruder, wenn wir dieses Weib erwrgten!


ltester Sohn

    Ist meine Scheu vor Deinem Mutterblick
    auch Trug? Ist jedes Wort der Sprache Lge? --
    Dann sei in Dir die Quelle zugestopft!




Mutter

           reit sich von ihrer Kinder Wrgehand

    Ein Totenfeld, wei wie der Tag, steht auf!


ltester Sohn

                       zum Kirchhof

    Ich seh nur dnne Trauerweidenfinger
    sich schattenhaft im Nachtwind regen.
    Doch kein Gespenst aus mondengrnem Mai
    hockt irgendwo!


Mutter

               zur Nebelbewegung des Morgens

    Voraus, mein tapfrer Sohn! die Wunden bluten!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Du streichelst nasse Luft wie Lockenhaar?


Mutter

                     zum Kirchhofnebel

    Ach Dank! o Dank! Wer immer Dich geschickt!
    Ich habe noch ein Kind, das zu mir kommt,
    ein bleiches Kind, doch ists ein Kind! O Gott!

              Sie bricht schluchzend zusammen


ltester Sohn

    Ich reie Deine Hoffnung auseinander
    wie Spinngewebe!


Tochter

    Wehe, siehst Du das!

                versteckt sich beim Feigen


ltester Sohn

                     in Nebelschlangen

    Gerippe, die Jahrtausende getragen,
    rolln schon von meiner Kraft zernebelt, wild
    an mir vorber, da ich ihren Moder
    wie flchtge Khlung atme --?
    Ich brech den Heilgenschein des Todes durch!

                 Er luft auf den Kirchhof

    Das Kreuz vom frischen Grab!

                       reit es aus

    Nun rieche hin,
    wie's aus dem Kirchhof stinkt! Verwest ist alles,
    der kalten Erde Raub und Deine Glut
    erwrmt nichts mehr!


Mutter

    Mein Herz ist nicht aus Stein!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Ohnmacht in Euch, wenn fette Wrmer schleichen,
    und sich in Augen Eurer Leibesfrucht
    Nachtpilz und Molch mit aller Fulnis Wurzeln
    einnisten wie in Kot! O Mtter, Weiber:
    Ihr tragt das Grab in Eurem feuchten Scho,
    was Ihr gebrt, ist Tod und nichts als Tod!


Mutter

                 kriecht auf den Kirchhof

    Fruchtreiche Schollen, seht, ich komm zu Euch,
    die Ihr fr kleinste Tropfen Schalen habt,
    wo sie ganz still und leuchtend liegen drfen,
    bis ihre Zeit erfllt --.
    Ich strecke Euch die Hnde an das Herz!
    An Eure klebrig-holde Samenflut,
    die wrmend um das zartste Keimblatt steigt,
    vor Frost und Brand es schtzend.


ltester Sohn

                      auf den Grbern

    Zertreten! bleich, wie Blten hingestreut
    verschwenderisch! Was willst Du noch von denen?
    Auf da der Boden Macht ernhren kann,
    frit er sich satt an unsrer Brder Fleisch!
    Ja, rufe, bettle nur! Die sind verstummt!


Mutter

                grbt ihre Arme in die Erde

    Was sich Dir anvertraute, warmes Land,
    kann nicht verloren sein! Es webt und rinnt
    durch diesen Erdball wie Geder
    in einer Jungfrau Brust, Gefhle weckend,
    die sich der Menschheit hinzugeben wnschen!


ltester Sohn

                      zu den Grbern

    Ihr da, engangeschmiegt und festgetreten,
    hrt Ihr die Mutter nicht? He, aufgewacht:
    In Angst gefalln, unvorbereitet Du --,
    vom Land, das Eure Mutter kt, gepeitscht,
    bis Ihr aus Eurer Zelte Aberglauben
    in diese Gruben fielt, was zaudert Ihr?


Tochter

                beobachtend vor dem Gitter

    Mir tanzt der Kopf! Er taumelt durch die Grber,
    zersplittert Kreuze, da der Hof gegeielt,
    erschlagen chzt.
    O hohe Bergesgipfel,
    wo Baum und Blatt in stummer Seligkeit
    sich in den freien ther drngen drfen,
    hebt mich zu Euch!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Stamm ich vom Maulwurf ab?

                 Er rttelt sie vom Boden


Mutter

               grbt sich tiefer in die Erde

    Du dmmst mein Blut nicht mehr! Vom Rausch der Tiefen
    unbndig angezogen und erfllt,
    fliet es mit meinen Trnen in den Grund!


ltester Sohn

                        zur Tochter

    Wie alles an uns zerrt, da wir die Erde
    mit unserm Leichnam fttern. Hirnentleert
    strzt schon das Blut zum Fu und lt die Sohlen
    auf Mutterschlnden tappen wie auf Eis,
    das brechend letzte Eigenkrfte bricht!


Tochter

                        zur Mutter

    Warum gabst Du uns Leben!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Hrst Du das?


Mutter

                         am Boden

    Htt ich Euch nun, als Ihr nach Brsten schriet,
    am Stein zerschmettert, undankbare Brut,
    und Euch betrogen um das liebe Licht!
    Habt Ihr der Sonne holde Farbenglut
    nie auf der Tage Antlitz rein gefhlt
    und Euch am zarten Spiel der Luft erfreut?
    Und hob sich Eure Brust noch nie beglckt,
    wenn erntenhei das gelbe Kornfeld stand?
    War all das nichts?


Tochter

    Viel lieber tot sein!


ltester Sohn

    Ja!


Mutter

                     kommt in das Tor

    Noch stehts bei mir, ich pack Euch am Gelenk,
    vollende das, was ich aus Liebe mied,
    und schlage Eure Kpfe aneinander
    in einem Schlag!


ltester Sohn

    Jetzt seh ich in Dein Herz!


Mutter

                          mchtig

    Ich bin es mde, angeklagt zu stehen!
    Was wit Ihr von der Mutter! da sie schwach
    und Eure Torheit schtzen wollte!  Seht,
    nun ragt der Mtter Schatten, den ich rief,
    und spricht ein ernstes, hartes Wort mit mir:
    Sagt, hlt der Fels die Quelle vor dem Sturz?
    Der Zweig die Blte, eh sie fllt?
    Er lt's geschehn. So fallt auch Ihr!


ltester Sohn

    Da ich der Erde Ecken fassen knnte!
    Was mir erreichbar, mit hinunterreien!


Mutter

    Nur zu: es fielen in der Zeiten Sturm
    schon mehr als Ihr und ich. Es soll geschehen!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Und keine Wimper zuckt: schaust Du hinauf,
    den Blitz erwartend? Schlge er uns alle!

               Er bemerkt im Grau den Feigen

    Tag friert herauf. Da hngt der Bruder, kalt
    wie ein bereifter welker Ast, und zittert.
    Im Sterbezimmer, wenn der Arzt am Puls
    im Flstertone letztes Flackern zhlt,
    geht's lauter her als in dem Herz. Genosse,
    wie ein beschlagner Spiegel ist Dein Blick.


Feiger Sohn

                  stt einen Schrei aus


ltester Sohn

                         taumelnd

    So schreit das Schwein, vom Metzger abgestochen!

                umklammert den Feigen Sohn

    Wir haben diese Schollen nicht besudelt!
    Euch klag ich an, die Ihr uns morden hiet!

                          zu Tal

    He, fette Buche hinterm grnen Tisch,
    Ihr habt es leicht, die Leuchter anzuznden
    und aus vergilbtem Recht den Tod zu rufen!
    Stnd er so ksig einst bei Euch wie hier
    in diesem Bruderantlitz, das gesponnen
    aus allen schreckdurchrissnen Menschennerven!


Tochter

    Die Berge lichten sich.


ltester Sohn

    Dies Blut am Arm
    stammt nicht von mir! Die Grber nicht von mir!


Feiger Sohn

                     schreit wiederum


ltester Sohn

                  hlt ihm die Lippen zu

    Ich wrge jeden Laut an Deinem Mund!
    Und hoffnungslos im Rund wchst grauer Stein!
    He! bin ich festgeschnallt und ausgeliefert?
    Die ganze Welt zeugt gegen mich und gafft,
    wie ich vom Beil der Macht gekpft verende!

                Er flieht auf den Kirchhof


Tochter

                     beim Feigen Sohn

    Des Henkers weier Handschuh unterm Frack
    ist gegen Deine de vollmondwarm.


ltester Sohn

               wirft von innen die Gitter zu

    Tore zu! zu!


Tochter

                        will zu ihm

    Schliet Du uns aus?


ltester Sohn

                   springt auf die Mauer

    Vielkpfge Macht aus einer Mutter Leib,
    mich beugst Du nicht! Mich rhrst Du nicht mehr an!
    Schon dampft mir Schwei von Sklavenschultern her,
    die, unter Deinem Thron geduckt mich suchen?
    Schau her, wie frei ich stehe! Frei von Dir,
    indessen fernster Sonnen milchger Schimmer
    sich schon wie neuer Busen zu mir wlbt,
    an dem ich bessre Nahrung finden werde,
    als mir die Mutter gab, um Knecht zu sein!


Tochter

    Was wird aus mir? Aus mir! Mich schttelt es!


ltester Sohn

                        zur Mutter

    Fluch Dir, der ich gedient und Werkzeug war!
    Eh ich von Dir getroffen niederfalle,
    hrt ich zuletzt im Fu das Muskelspiel
    und sto mich so von diesem Erdball ab!

         Er strzt sich rcklings in den Kirchhof


Tochter

                          am Tor

    Ich brech die Eisengitter!

                        im Kirchhof

    Grauser Anblick!
    Mein Bruder, Bruder! Geierfra, Gestank!

                        zur Mutter

    Du flutest auf, und Deine Augen sehen
    mich wie das Meer, das Schiffe trug und schluckte,
    unendlich an?


Mutter

                       an der Leiche

    Es hat sich ausgerast?
    Die Felsen, die Du sprengtest, schlugen Dich
    und tun wie fallendes Gerll im Sturz
    schon ihre Wirkung. Seltsam wird es Tag --,
    als bliese neuer Odem in die Brust!


Tochter

                 ber dem ltesten Bruder

    Mit Dir schrumpf ich zu Asche, wie am Abend
    der bunte Himmel, wenn die Sonne sank,
    und wie ein Traum zergeht, vergehen wir.


Mutter

    O eitrig Auge dieser kranken Nacht,
    lufst Du nun aus? -- In jungem Morgen dampfend
    steht hell, wohin ich seh, in weiter Welt
    des Wachstums mchtger Bau um uns und wchst.

                       Sonnenaufgang


Tochter

    Verhates Licht!


Mutter

    Talfernes Sonnenluten
    wie Kinderlachen, wenn die Mutter kommt
    und dem Gezwitscher Fensterlden ffnet!
    Schon wirfst Du Schatten, wandelst und belebst
    die graue Welt.


Tochter

                     strzt zum Feigen

    Ich brech den Kiefer!
    und hol mir Wrter aus dem Schlund herauf!
    Was zuckt um Deine Lippen pltzlich auf
    wie Geisterspuk in unbewohntem Haus?
    Riechst Du die Waffen? Ja es schwillt herauf!


Mutter

                         am Boden

    Erregtes Wehen fllt den Horizont;
    er weitet sich ins All und strmt zurck
    in jede Krume der zerschlagnen Erde.


Tochter

                      ber der Leiche

    Du warst der Nerv von dem Gewimmel dort!

                          zum Tal

    Ich fhle Euren Griff schon derb im Fleisch,
    die nackten Leiber nackt auf meinem Leib,
    der seine Poren schliet vor Eurem Dunst!
    Kriecht Ihr herauf? Gehorsam? Helmgedrckt?
    In Eurer Brunst geknechtet selbst, wie Stiere,
    fr die ein Zuchtherr Stund und Tag bestimmt!
    Doch spannt man Liebe auch hinfort ins Joch --,
    ich schenke meinen Leib nicht her! Ein Sumpf
    soll eher Lasten tragen, als mein Scho!


Mutter

    Erwartend, feierlich kniet meine Seele,
    dem Herzschlag ungezhlter Herzen lauschend,
    der sich in meinem Busen sammeln will.

                  Wachsender Truppenlrm


Tochter

                     beim Feigen Sohn

    Dein schrecklich Haupt mg ihren Sieg erfrieren
    und jedes Wort, das ihn vererben will,
    wie eine Barke zwischen Eis erdrcken!
    Tauch auf! Du blasser Kopf! Tauch auf! Empor:
    An Hochzeitsbetten seist Du angenagelt
    als schlechtes Ampellicht fr neue Zeugung,
    fr Mtter, die gebren wollen: Tod!
    Die Zeit ist da!
    Jetzt kreise auf,
    bis Mut an Dir erstarrt!


Stimmen

                         talherauf

    Schafft Raum!


Tochter

                   zwischen den Brdern

    Leb ich,
    um den Kolo, der Euch erschlug, zu fttern?
    Ich stoe der Gebrung Werkzeug ein!

     Sie versteckt sich vor der anrckenden Mannschaft
                      hinter Grbern




Ein Soldatenfhrer

    Die Nacht trug uns wie eine Knigsstute
    zu unsres Willens Ziel, dem Sieg. Doch Mnner,
    eh wir die Tler mit Triumph erfllen,
    wolln wir die Schtze unsrer Dankbarkeit
    vor den Gefallnen opfern!


Der andre Soldatenfhrer

    Fahnen hoch!
    Sie solln das Fest der Andacht hell umflattern!
    Wem weicht Ihr aus?


Ein Soldatenfhrer

                      bei der Mutter

    O Frau, ich beuge mich.


Der andre Soldatenfhrer

                       an der Leiche

    Verbrecherblut!
    Schon leuchten Hupter von Heroen auf,
    an deren Ruhm Jahrtausende sich sttigen,
    wie durstig Wild an Ozeanen suft!

                      zur Mannschaft

    Umstellt das Tor und wascht die Treppen rein!


Jngster Sohn

                   den Kameraden wehrend

    Mit Euren raschen Hnden fort! Die Mutter!
    Und furchtbar von des Bruders Leiche ragend
    wie eine wilde Gottheit! Mutter! Darf ich
    den Arm, der solches Werk getan, verehren?


Der andre Soldatenfhrer

                auf den Toten Sohn weisend

    So schleift den Schurken fort! Streut Schwefel hin!


Mutter

                        blickt auf

    Rhrt nicht an Blut; es ist geheimnisvoll
    wie alles andre fr die Welt vergossen!


Der andre Soldatenfhrer

    Willst Du uns hhnen?

                      zur Mannschaft

    Vorwrts! Zugepackt!


Mutter

                  mit dem Leibe schtzend

    Die Erde holt, was sie erschaffen hat,
    zurck in ihrer Fruchtbarkeit Gesetz!


Der andre Soldatenfhrer

    Zu schlecht als Geierfra!


Mutter

                          wehrend

    Hier und dort,
    allberall gedeiht der Mtter Schmerz!
    Des Jammers Smann, freu Dich solcher Saat!


Der andre Soldatenfhrer

                 zur zaudernden Mannschaft

    Gehorcht Ihr diesem Weibe oder mir?

                     Er treibt sie vor


Mutter

    Eh Du das Volk mit Deinem Stabe zwingst
    Unmenschliches zu tun, rei ich ihn fort!

                Sie ringt um den Fhrerstab

    Er, der allmchtig durch das Weltall wirkt,
    versage jeden Prgeldienst! Zu mir!


Der andre Soldatenfhrer

    Zu mir!


Mutter

                     in seinem Besitz

    Bei mir! Bei mir die Macht der Welt!
    O heilger Trger ungezhlter Samen!
    O Himmelsule! Du verwirrst mein Hirn!
    Aufbrechend lecken rote Flammen Dir
    wie Zungenlust entgegen!
    Es wirft mich um! Es reit mich auf und bringt
    mir aller Mtter heies Hoffen wieder!
    Von Dir berhrt, erbrennt die erdge Haut!
    In allen Zellen meines Fleischs fllt Feuer!


Der andre Soldatenfhrer

    Da Deine Hand verdorre, die den Stab
    urheilger Macht so wahnsinnstoll umfngt!


Mutter

                       mit dem Stabe

    Ich halte Dich und taumle unter Dir!
    Lebendig Leben durch das All ergossen,
    Du wirbelst Sonnen wie aus bermut --
    und stt auf uns auch wieder brandend ein!


Der andre Soldatenfhrer

                      zur Mannschaft

    Was murmelt Ihr und drngt Euch rckenan?

                        zur Mutter

    In jedem Kopf hier waltet unser Atem,
    er gibt ihm erst Bedeutung, sich zu fhlen!
    Versuche nicht, Dich gegen uns zu stellen!


Mutter

    Es strzt hervor! Ach, meine Hnde, weh,
    wie sie sich hhlen; ganz von ihm erfllt
    rauscht Schpfung bodenauf in diese Schale,
    die viel zu schwach, dem Feuer standzuhalten,
    die Finger ffnet, da der Segen fliet!


Ein Soldatenfhrer

                        zur Mutter

    Willst Du den Geist aus abertausend Geistern
    unwandelbar gefgt, wie Sphrenklang
    schon Gottes Herz umdrngend, willst Du das,
    was unser Stab durch aller Krfte schuf,
    in Feuer setzen?


Der andre Soldatenfhrer

                    um den Stab ringend

    Allzuviel Geschwtz!


Mutter

                           frei

    Ich schwing Dich ber dieser Erde Leib!
    Schon pfeift's um mich wie junger Gertenschlag
    und bricht aus leichensatten Feldern, Sturm!
    Da jauchzt er! Hei, wie seine Schauer
    vor berglck erwachte Schollen schtteln!


Der andre Soldatenfhrer

                      zur Mannschaft

    Hier wuchert Ansteckung! Rckt ab, und fort!
    Wie sollen Menschen ihrer Tage Sinn
    ergriffen leben, wenn Verzcktheit herrscht!


Ein Soldatenfhrer

                        zur Mutter

    Dies Volk wirst Du uns nicht vom Zgel reien!


Mutter

    Was Ihr getrmt, gelenkt im Hin und Her,
    schuf salzge Augen!


Ein Soldatenfhrer

    Doch der Ordnung Thron!


Mutter

    Im Leichenhaus! Es rundet sich die Welt
    aus tiefster Freude nur ins Gleichgewicht!


Ein Soldatenfhrer

    Frau, unsre Macht, die auf der Sitte Grund
    sich durch Geschlechter hart entwickelt hat,
    schreist Du nicht um! Sie lebt aus altem Recht!


Mutter

    Es wandelt sich auch Recht!


Jngster Sohn

                      vor der Mutter

    Ihr hrt es, Brder!


Mutter

    Es gibt nur eine Glut, aus der wir leben!


Jngster Sohn

    Sie leuchtet fackelhell von Deinem Mund!


Der andre Soldatenfhrer

                      zur Mannschaft

    Ihr rottet Euch zusammen? Werft die Helme?
    Lat Eure Schpfe eigenwillig flattern?




Mutter

                ber aller Hupter wachsend

    O weites Land. O selge Flchenlust!
    Dich mcht ich streicheln wie ein Wiegenbett,
    darunter heilges Leben schlft!
    Es naht der Tag, voll Lachen steigt er auf,
    da wir von der Erinnrung harter Last,
    die uns in unsres Ursprungs Dmmer zwingt,
    befreit sind, und wie Adler hoch im Flug
    der Qualgebirge Gipfel selig streifen!


Jngster Sohn

                      vor der Mutter

    Aus Deiner Seele ward der Tag geboren!
    Er lebt!


Der andre Soldatenfhrer

                        zur Mutter

    Wird diese Raserei nicht enden?


Mutter

                      ber alles Volk

    O Mutterleib, o Leib, so wild verflucht
    und aller Greuel tiefster Anla erst,
    Du sollst das Herz im Bau des Weltalls werden
    und ein Geschlecht aus Deiner Wonne bilden,
    das herrlicher als Ihr den Stab gebraucht! --
    Ihm werf ich ihn erschaudernd so entgegen!

                        Sie tut es


Der andre Soldatenfhrer

    Ihr habt's gehrt, gesehn! Geduld fahr hin!

              Er wendet sich gegen die Mutter


Jngster Sohn

                     stt ihn zurck

    Ins Knie vor ihr!


Ein Soldatenfhrer

                  packt den Jngsten Sohn

    Vergreift er sich an uns?


Mannschaft

                    mhsam aufbrechend

    Der weite Grund hat unser Blut getrunken!
    Wir sind hinfort Verwalter dieses Bodens
    und wehe, wer uns unsern Gang verzunt!


Ein Soldatenfhrer

                        zur Mutter

    Wo soll das enden? Weib, Du rhrst an Gott!


Der andre Soldatenfhrer

                      vor der Mutter

    Eh Du des Staates Wuchtgefge strst,
    erfordert es sein Leben, da Du fllst!

           Er drngt die Mutter in den Kirchhof


Mutter

                     zum andern Fhrer

    Hier, hier und da, stot alle Eisenschfte
    mir tief ins Blut! Ich will sie so zerschmelzen,
    da meinen Kindern keine Schmerzen bleiben!

           Sie wird auf den Grberhgel gestoen


Tochter

              aus dem Kirchhof, unbeherrscht

    Sie tten meine Mutter!


Der andre Soldatenfhrer

                        hinter ihr

    Still, Gekeif!

                         fngt sie


Tochter

    Von Kellerasseln berkrabbelt werden
    mu gegen Deine Arme Wollust sein!
    Htt ich in meinem Speichel Natterngift!

     beit sich los, bleibt angesichts der Mannschaft

    Ich suche mir ein Dickicht, wo ich ende!

                    Sie schleicht fort


Jngster Sohn

             der sich losgerissen hat, am Tor

    Zwei Lachen Blut! Zwei Lachen rotes Blut!


Ein Soldatenfhrer

                 zum andern Soldatenfhrer

    Das wogt und ebbet nach!


Jngster Sohn

    O Mutterhauch,
    von Dir geschmolzen rolle die Lawine
    auf die Kasernen der Gewalt hinab,
    und was sich je zu frech ins Blau gebaut,
    fall hin!

                       zu Kameraden

    Steht Ihr entsetzt? Kommt, strmend Licht
    reit uns mit fort, zu Dir, zu Dir, o Mutter!


Mannschaft

                          trunken

    Auf, schultert ihn!

           Es geschieht, sie strmen alle zu Tal




Der andre Soldatenfhrer

                    zum Soldatenfhrer

    Nun heit's, am Ruder bleiben
    und dieses anvertraute Menschengut
    auf ihres Blutes wilder Flut zu Tal
    mit ernstem Griff zur Ttigkeit zu steuern!


Ein Soldatenfhrer

         Der Feige Sohn wird der Sicht wieder frei

    Noch einer steht in Fesseln.


Der andre Soldatenfhrer

                          bei ihm

    Wrgst an Worten?
    Dich sterben lassen, hiee Gnade ben!
    Dein feiger Anblick nagle alle fest,
    die uns zu trotzen wagen!

                     Er bindet ihn los

    Laufe Du!

                     hetzt ihn ins Tal


Ein Soldatenfhrer

                      sieht ihm nach

    Aus seinem Schweigen wetterleuchtet Arges!


Der andre Soldatenfhrer

    Wir drfen nicht wie Wachs im Feuer weichen,
    wenn dieser Menschheit Gu gedeihen soll,
    wie Gott ihn sich in hchster Weisheit dachte,
    dann mssen wir die Siegelhalter sein!
    Wie der Kristall nach festem Willen wchst,
    um im Gebilde leuchtender zu strahlen.

                  Er folgt der Mannschaft




Ein Soldatenfhrer

                          allein

    Ich schlsse froh das Tor, wr Tod auch Ende!
    Du frchterliches Weib, ergreift Dein Blut
    auch mich? Da es im Innern qult und zuckt
    und heulend brennt, als hllten diese Falten
    des Mantels meine Seele ganz in Flammen?
    Herunter mit dem roten Tuch der Schrecken!
    Ich geb es hin! Die Sonne mg es bleichen!

         Er wirft den Mantel fort und geht zu Tal




[Illustration]




                         Im Felde

        begonnen Sommer 1915 -- beendet Herbst 1916





End of the Project Gutenberg EBook of Ein Geschlecht, by Fritz von Unruh

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*** START: FULL LICENSE ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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works.

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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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