Project Gutenberg's Trotzkopf als Grossmutter, by Suse la Chapelle-Roobol

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Title: Trotzkopf als Grossmutter

Author: Suse la Chapelle-Roobol

Translator: Anna Herbst

Release Date: May 5, 2012 [EBook #39619]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TROTZKOPF ALS GROSSMUTTER ***




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    [ Anmerkungen zur Transkription:

      Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
      bernommen. Uneinheitliche Schreibweisen (zum Beispiel
      ehrfurchtsvoll / erfurchtsvoll, hilflos / hlflos, nmlich /
      nemlich, San Franzisko / San Francisko, Sofa / Sopha, um's
      Himmels willen / ums Himmelswillen / Ums Himmels willen)
      wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
      wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen
      findet sich am Ende des Textes.

      Die Illustrationen -- mit Ausnahme des Frontispiz -- wurden
      an die inhaltlich passenden Textstellen verschoben.

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    ]




[Illustration]




    TROTZKOPF ALS
    GROSSMUTTER


    VON SUSE LA CHAPELLE-ROOBOL

    AUTORISIERTE BERSETZUNG
    AUS DEM HOLLNDISCHEN VON
    ANNA HERBST

    MIT 8 TONBILDERN VON WILLY PLANCK

    Siebenunddreissigstes bis zweiundvierzigstes Tausend


    STUTTGART
    GUSTAV WEISE VERLAG
    A. g. XIII.




    Druck von Carl Hammer (Inh. Wilhelm Herget), Stuttgart.




Gromama, Onkel Heinz ist noch immer nicht da. Wir werden gewi zu
spt an die Bahn kommen.

Nein, Irma, du hast Zeit genug, die Fahrt dauert kaum zehn Minuten.

Ich hab' solche Sehnsucht nach den Cousinen aus Amerika. Was fr
einer herrlichen Zeit gehen wir entgegen, nicht wahr, Gromtterchen?
Und in ausgelassener Frhlichkeit flog das schlanke, siebzehnjhrige
Mdchen mit dem schnen, blonden Kraushaar und den dunkelblauen Augen
der alten Dame um den Hals.

Mit innigster Liebe schaute die verwitwete Frau Ilse Gontrau ihre
Enkelin an. Ihr feines, schmales, von schneeweiem Haar umrahmtes
Antlitz trug einen wehmtigen Ausdruck, der jedoch durch ein
freundliches Lcheln verklrt wurde.

Ja, Kind, auch ich bin sehr glcklich, da Tante Marianne und Onkel
Fritz aus Amerika zurckkommen und hier Wohnung nehmen wollen; ich
sehne mich sehr danach, die Kinder kennen zu lernen.

Ist es nicht unbegreiflich, Gromama, da Onkel Fritz die beiden
Mdchen und den kleinen Karl allein vorausschickt und die drei gar
noch in Paris gewesen sind? So 'ne groe Reise und solch junge
Mdchen!

Das hat auch mich in Erstaunen versetzt, liebe Irma. Aber ich denke,
wir werden uns noch ber vieles wundern. Amerikanische Mdchen sind so
ganz anders erzogen als deutsche.

Ah, da kommt Onkel Heinz, rief Irma, die einen Wagen rollen hrte,
und eilig lief sie hinaus.

Wir wollen gleich gehen, Onkel, es ist schon spt.

Nur ruhig, versetzte die tiefe Stimme eines alten Mannes, wir haben
noch eine halbe Stunde Zeit, Jungfer Ungeduld. Ich mu erst einen
Augenblick aussteigen, weil mein Fu nicht so lange in derselben
Stellung aushalten kann.

Macht die Gicht dir wieder zu schaffen?

Ja, natrlich, meine alten Knochen benehmen sich wieder
schauderhaft.

Brummend stieg der Professor aus dem Wagen, humpelte, auf einen Stock
gesttzt, durch den Flur und trat in das von der Sonne hell
erleuchtete Zimmer.

Die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorbergegangen, sie hatten seine
kraftvolle, breitschultrige Gestalt etwas gebeugt. Das faltige, von
schlohweiem Haar und Bart umrahmte Antlitz zeigte oft einen barschen
Ausdruck, denn es machte ihm Vergngen, sich als launischen Brummbren
aufzuspielen, aber die von buschigen, schwarzen Brauen beschatteten
Augen konnten noch ebenso schalkhaft und humoristisch durch die
goldene Brille gucken wie in jungen Jahren.

Von der Gicht gezwungen, die ihn oft wochenlang an den Sessel
festbannte, hatte er sich vor lngerer Zeit pensionieren lassen.
Obwohl er mit Vorliebe behauptete, ganz berflssig in der Welt zu
sein und keinem Menschen etwas ntzen zu knnen, so wuten seine
Freunde, wenn sie auch niemals eine derartige Anspielung wagen
durften, doch nur zu gut, da er vielen unentbehrlich war und es in
der ganzen Stadt keinen so hilfsbereiten, wohlttigen Mann gab wie
den alten Professor Fuchs.--

Guten Abend, Frau Ilse, sagte er, whrend Irma sich den Hut
aufgesetzt hatte und vor Ungeduld zitternd neben ihm stand.

Sie sind doch noch ausgestiegen? Warum machen Sie sich unntz mde?

Papperlapapp, ich bin kein im Sterben liegendes Jungfrulein. Mde
machen! Es ist nicht mehr als recht und billig, da einer, der den
ganzen Tag nichts tut, wenigstens seinen alten Beinen Bewegung macht.

Ja, entgegnete Frau Ilse zustimmend, denn sie kannte seine kleine
Schwche, bei dem unschuldigsten Widerspruch hitzig aufzufahren; aber
mssen Sie nun nicht gehen? fgte sie freundlich hinzu.

Ach ja, Onkel, schmeichelte Irma.

Na, kleine Krte, dann komm nur. 'Krte', das sagte ich auch immer zu
deiner Mutter. Und nun wollen wir die Kinder meines andern Lieblings
abholen. Wir werden alt, Frau Ilse!

Wir sind alt, Onkel Heinz, das Leben hat beinahe mit uns
abgerechnet.

Unsinn, der Teufel ist alt! Vorwrts, Kind! Auf Wiedersehen, ich
komme nochmal mit zurck.

Natrlich, stimmte Frau Ilse bei. Sie hrte ihn durch den Flur
stapfen, den Wagenschlag zuwerfen und die Droschke fortfahren. Nun
lehnte sie den Kopf an die Schlummerrolle des Lehnsessels, um wie
gewhnlich um diese Stunde etwas zu ruhen. Jetzt, vor all der Unruhe,
die ihrer wartete, hatte sie das doppelt ntig. Aber trotzdem sie die
Augen geschlossen hielt und die tiefe Stille, nur unterbrochen von dem
regelmigen Ticken der schnen, altmodischen Standuhr, geradezu zum
Schlummern aufforderte, vermochte Frau Ilse doch nicht einzunicken.

Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurck,
und alle Ereignisse der letzten fnfundzwanzig Jahre zogen an ihrem
Geist vorber. Am Anfang stiegen nur heitere, lichte Bilder vor ihrer
Seele auf: der stetig wachsende Erfolg Ruths, ihrer ltesten Tochter,
die als Sngerin immer mehr Lorbeeren erntete und sich in der von ihr
erwhlten Laufbahn sehr glcklich fhlte. Dann kam die Verlobung
Mariannes, ihres sanften, lieben Blondkpfchens mit Fritz, dem Sohne
ihrer alten Freundin Rosi. Dies Glck war freilich mit Trauer
gemischt, da Marianne ihrem Gatten nach San Franzisko folgen mute.
Aber in dem Bewutsein, da reiches Glck ihr Kind erwartete, hatten
Ilse und Leo sich darein ergeben und ihrem Liebling, unter Trnen
lchelnd, Lebewohl gesagt.

Auch als Ruth, die ihre Studien in Berlin und spter in Paris
fortsetzte, nach einiger Zeit Herz und Hand einem berhmten
Geigenknstler schenkte, hatten die Eltern freudig ihre Einwilligung
gegeben. Zwar klagte Frau Ilse, da ihre Tchter so bald schon das
elterliche Nest verlieen, doch ihr alter Freund, der Professor, so
schwer ihm selbst auch die Trennung von seinen beiden kleinen Krten
fiel, bewies ihr lachend, da nun die Zeit gekommen sei, ihre Memoiren
zu beginnen, und Leo, ihr Gatte, sagte ernsthaft, sie htten kein
Recht, sich zu beklagen. Die Kinder folgten ihrer Bestimmung und tten
nichts anderes, als was ihre Eltern auch vor Zeiten getan, sie htten
nur Ursache dankbar zu sein, da beide den Mann geheiratet, den sie
liebten. Ilse, mit ihrem elastischen, lebhaften Charakter, stark in
der Liebe ihres Gatten und ihrer Freunde, lernte es, sich ins
Unabnderliche zu schicken, und klagte nicht, da sie mit ihren
Kindern in Amerika nur brieflich verkehren und auf diese Weise
erfahren konnte, da ihre Enkel solch liebe Schtzchen seien. Ruth und
ihr Mann weilten meist im Auslande oder in den groen Stdten
Deutschlands, doch dann und wann verbrachten sie einige Wochen bei
ihren Eltern, und als sie erst einen Sohn und spter ein Tchterchen
bekamen, konnte Gromutter Ilse wenigstens diesen Enkeln ihre Liebe
beweisen und die Freude genieen, sie von Zeit zu Zeit bei sich zu
haben.

Dann waren traurige Tage gekommen. Das Glck, das Ilse so lange treu
geblieben, schien sie zu verlassen, und auch sie mute die Erfahrung
machen, da in jedem Leben Trnen ebenso notwendig sind wie Freude, um
uns zu tchtigen, gereiften Menschen zu machen. Die Freundschaft
zwischen den Althoffs und Gontraus verminderte sich mit den Jahren
nicht; im Gegenteil, als auch Nellies Pflegetochter Annie sich mit
einem Prediger vermhlte und die Stadt verlie, hatten sich die beiden
Freundinnen noch inniger an einander geschlossen, und es verging kaum
ein Tag, an dem sie nicht zusammen kamen. Nun fing Nellie, die nie
krftig gewesen war, an zu krnkeln, wollte das aber vor Fred
verbergen, der nach Annies Hochzeit wieder mehr denn je von der
sorgenden Liebe seiner Frau abhngig geworden war. So merkte er
nichts, und selbst vor Ilse verstand Nellie zu verheimlichen, wie
elend sie sich oft fhlte. Endlich, whrend eines ungewhnlich
strengen Winters, fing sie an zu husten, anfangs wollte sie nichts
darauf geben, bis der Doktor ihr das Ausgehen entschieden verbot. Die
gute Nellie, die immer nur an andere und nie an sich gedacht hatte,
wurde ernstlich krank, und als der Frhling seinen Einzug hielt,
erlste ein sanfter Tod sie von ihrem Leiden. Bis zum letzten
Augenblick sorgte sie nur um ihren Fred und beklagte schmerzlich, da
er so einsam und traurig zurckbliebe. Hoffnungslos kniete der
Direktor an ihrem Sarge und konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne
sein liebes, treues Frauchen leben solle; tglich ging er zu ihrem
Grabe, schmckte es mit frischen Blumen und fhlte sich namenlos
unglcklich. Am liebsten weilte er bei Gontraus, wo er mit Ilse
stundenlang ber seine geliebte Nellie reden konnte. Auch Ilse war
untrstlich ber den Verlust ihrer Freundin; sie hatte sie treu
gepflegt und doch machte sie sich jetzt Vorwrfe, da sie nicht genug
fr sie getan und dem sanften, aufopfernden Wesen die Liebe und
Hingebung nicht mehr gelohnt hatte. Auch sie fand Trost in Althoffs
Gesellschaft und wurde nicht mde ihn zu beklagen und mit ihm zu
leiden.

Doch die Zeit ist das beste Heilmittel fr alle Wunden, und so geschah
es denn auch, da der Direktor ab und zu seinen tglichen Spaziergang
nach dem Friedhof versumte, auch wieder ber andere Dinge redete und
nicht mehr so hufig zu Gontraus kam. Eines Abends, als Ilse mit Leo
und Onkel Heinz aus einem Konzert heimkehrte, fanden sie eine
gedruckte Anzeige vor, die ihr von der Verlobung =Dr.= Althoffs mit
Frau Gebel, der Witwe eines Regierungsrates, Mitteilung machte.

Ilses Enttuschung kannte keine Grenzen. Heftig warf sie den Brief auf
die Erde und erklrte es fr eine Schmach, da Althoff Nellie, seine
engelhafte Frau so rasch vergessen habe. Sie wollte ihn nie
wiedersehen.

Das ist doch bertrieben, liebste Ilse, sagte Leo. Bedenke doch,
wie Fred von seiner Frau gehegt, gepflegt und verwhnt war und wie
einsam und unglcklich der arme Mann sich nun fhlen mute. Wenn er
aufs neue husliche Gemtlichkeit und Glck sucht, darfst du ihn
wirklich nicht beurteilen.

Verehrte Frau, fgte der Professor in seinem gewohnten spttischen
Ton hinzu, nicht alle Mnner sind schon in der Wiege zu alten
Junggesellen oder vertrockneten Bcherwrmern bestimmt!

Ihre Worte gossen aber nur Oel ins Feuer. Der Trotzkopf der
Jugendzeit, der sich jetzt so selten zeigte, da man seine Existenz
beinahe vergessen hatte, kam wieder einmal zum Vorschein.

Unsinn, rief sie heftig, natrlich mt ihr ihm die Stange halten;
die Mnner sind sich alle gleich, herzlose Egoisten, welche die Liebe
einer Frau nicht verdienen und sie nur zu schnell vergessen.

Aber Ilse, wandte Leo ein.

Schweig still, du wrdest es gerade so machen, wenn ich gestorben
wre, klagte sie weinend.

Das weit du wohl besser, Liebste, nahm Gontrau ernst das Wort.
Aber wir drfen andere nicht gleich verurteilen, wenn sie unter
Umstnden anders handeln, als wir an ihrer Stelle getan htten. Wenn
auch nicht alle Mnner imstande sind, nur einmal im Leben und fr
immer zu lieben, so ist es doch sehr gut mglich, da ihre Zuneigung
warm und echt ist.

Kein einziger Mann besitzt die Fhigkeit, nur einmal im Leben zu
lieben, erklrte Ilse, noch immer zrnend, ausgenommen der meinige,
fgte sie pltzlich hinzu, den traurigen, vorwurfsvollen Blick
bemerkend, mit dem Leo sie anschaute, und sie schmiegte den Kopf an
seine Schulter.

Professor Fuchs sah die beiden an, und als Ilses Blick dem seinen
begegnete, meinte sie einen eigentmlichen Ausdruck darin zu lesen und
fragte:

Na, Herr Professor, Sie sind natrlich wieder nicht meiner Meinung?

Aber statt der streitschtigen Antwort, die sie zu hren erwartete und
auf die gewhnlich ein hitziger Wortwechsel folgte, erwiderte Onkel
Heinz milde:

Nein, Frau Gontrau, denn ich wei, da es Mnner gibt, die ebenso
treu wie eine Frau zu lieben vermgen, ihr ganzes Leben lang, selbst
ohne Gegenliebe und ohne die Hoffnung, jemals glcklich zu werden.

Gedankenvoll starrte er vor sich hin, und sein Antlitz zeigte
denselben Ausdruck, der Ilse jetzt nicht mehr -- wie vor vielen Jahren
-- in Bestrzung versetzte, der sie jetzt nur mit Mitleid erfllte,
warum, wute sie selbst nicht zu sagen.

Wenn Frau Ilse bei ruhigerer berlegung auch zugeben mute, da
Direktor Althoffs Benehmen zu entschuldigen war, so empfing sie ihn
doch mit sehr khler Hflichkeit, als er ihr seine Braut vorstellte.
Instinktiv fhlten beide, da die alte Freundschaft aufgehrt hatte,
und obwohl sie sich dann und wann sahen, war doch von dem frheren
herzlichen Verkehr keine Rede mehr. Ilse konnte es Fred nicht
verzeihen, da er Nellies Platz von einer andern einnehmen lie. Als
es sich nach einiger Zeit herausstellte, da seine zweite Frau lange
nicht so liebevoll und sanft war wie die verstorbene, da der Direktor
recht schn unter dem Pantoffel stand und von Verhtscheln und
Verwhnen keine Rede war, empfand sie nicht das geringste Mitleid mit
ihm, sondern erklrte, da er nur ernte, was er verdient hatte.

Wieder vergingen viele Jahre. Die Enkel in San Franzisko wurden gro
und schrieben nette deutsche Briefchen an Gropapa und Gromama
Gontrau. Ruths Sohn, der jetzt im vierzehnten Jahre stand, fing an,
eine so berraschende musikalische Begabung zu zeigen, da seine
Eltern stark daran dachten, auch ihn die Knstlerlaufbahn einschlagen
zu lassen. Da geschah etwas Schreckliches und der schwerste Schlag,
der sie treffen konnte, beugte Ilse fr eine Zeit vllig nieder.

Obwohl fast sechzig Jahre alt, stand Professor Gontrau doch noch in
voller Manneskraft und kam seinen vielen Amtsgeschften mit Eifer und
Treue nach. Ihm und Ilse schwanden die Jahre fast unmerklich dahin,
und beide sahen fr ihr Alter wunderbar jung und frisch aus. Das kam
von dem vielen Glck, das ihnen das Schicksal bescherte, und von der
groen Liebe, mit der sie sich gegenseitig umgaben. Da zog sich
Gontrau, der nie krank gewesen war, eine Erkltung zu, die er
anfnglich vernachlssigte. Sie hatte eine schwere Lungenentzndung
zur Folge, die ihn innerhalb einer Woche dahinraffte. So schnell und
heftig hatte die Krankheit zugenommen, da Ruth und ihr Mann, die in
Paris weilten, kaum Zeit fanden, an das Sterbebett ihres Vaters zu
eilen, und erst ein paar Stunden vor seinem Hinscheiden eintrafen. Sie
waren tief betrbt; ihre Kinder, Gustav und die kleine Irma, weinten
heie Trnen, weil der liebe Gropapa, an dem sie so zrtlich hingen,
von ihnen ging. Fritz und Marianne schrieben aus San Franzisko
trostlose Briefe.

Im Kreise der Rechtsgelehrten, zu dem Professor Gontrau gehrte,
herrschte groe Betrbnis, aber kein Schmerz war mit der starren
Verzweiflung zu vergleichen, die sich Ilses bemchtigt hatte. Von
allen Seiten wurden ihr Zeichen der Teilnahme entgegengebracht. Ruth
und die Kinder blieben wochenlang bei ihr. Die Tochter bot allem auf,
um ihre Mutter zu trsten. Professor Fuchs zeigte in seiner
eigenartigen Weise, wie innig er mit der Witwe fhlte. Flora Werner
kam selbst vom Lande herein und war so herzlich, da Onkel Heinz, der
sie immer noch berspannt gefunden und sich nie viel aus ihr gemacht
hatte, sich ganz mit ihr ausshnte. Doch alles war vergebens, Ilse
wollte keinen Trost gelten lassen. Bis dahin noch eine hbsche,
stattliche Dame hatte sie sich im Laufe weniger Monate in eine alte
Frau mit schneeweiem Haar verwandelt; die frher so lebhaften Augen
starrten erloschen aus dem bleichen, hager gewordenen Antlitz, die
stets so beschftigten Hnde lagen tagelang mig im Scho!

Mit Trnen in den Augen hatte Ruth sie oft umarmt und angefleht, sich
um aller derer willen, die sie so innig liebten, doch ein wenig
aufzuraffen.

Ich kann nicht, Kind, lautete die traurige Antwort, selbst wenn ich
wollte. Glaube mir, das beste fr mich wre, wenn ich deinem teuren
Vater bald folgen knnte.

Mit zusammengezogenen Brauen und einem Gesicht, das sich je lnger je
mehr verdsterte, bemerkte Onkel Heinz, der fast tglich in dem
Gontrauschen Hause weilte, diese traurige Vernderung. Anfangs hatte
er das grte Verstndnis fr Ilse gehabt und nicht gewut, wie zart
er mit ihr umgehen sollte. Allmhlich aber sah er die Sachen mit
andern Augen an und beschlo einmal ein ernstes Wort zu reden.

Wissen Sie, Frau Gontrau, begann er, als er mit ihr allein war,
woraus wir, meiner Ansicht nach, Trost schpfen knnen, wenn wir
unsre Liebsten verloren haben?

Ilse schlug die brennenden Augenlider auf und schaute ihn fragend, mit
einem Schimmer von Interesse an.

Wenn wir in ihrem Geiste weiterleben, fuhr der alte Mann fort, wenn
wir genau dasselbe tun, womit wir sie glcklich machten, als sie noch
bei uns weilten.

Vielleicht, versetzte Ilse mit bitterm Lcheln.

Sie aber tun das nicht, fuhr Onkel Heinz erbarmungslos fort. Oder
glauben Sie, der gute Gontrau wrde sich darber freuen, wenn er
wte, da Sie sich so gehen lassen, sich sogar gegen die Liebe Ihrer
Kinder gleichgltig zeigen und auf dem besten Wege sind, Ihre
Gesundheit zu zerstren und sich aufzureiben?

Zum Glck wei er das nicht.

Sind Sie dessen ganz sicher? Und selbst wenn dem so wre, der
Gedanke, in dem Geist und Sinn unserer lieben Verstorbenen weiter zu
leben, ist ein festes, kstliches Band, das uns mit ihnen verbindet.
Jedenfalls finde ich Sie in Ihrem Leid ganz besonders egoistisch und
undankbar.

Ilse stand auf, ihre trben Augen fingen an zu funkeln, etwas von
ihrer alten Natur wurde wach in ihr, und sie rief entrstet: Wie
drfen Sie es wagen, so zu mir zu sprechen? Ich verlange nichts, als
da man mich mit meinem Schmerz allein lt! Egoistisch, undankbar!
Wie sollte ich Ursache haben, dankbar zu sein, ich, ber die das
grte Leid gekommen ist, das eine Frau treffen kann!

Onkel Heinz lie sich jedoch nicht abschrecken; er war schon froh, da
er sie aus ihrer Apathie aufgerttelt hatte, und fuhr ruhig fort:

Egoistisch, weil Sie nur an sich denken und ganz vergessen, da es
Ihre Pflicht ist -- und nichts weiter als Ihre Pflicht und
Schuldigkeit -- fr Ihre Kinder zu leben und ihnen durch doppelte
Liebe den Vater zu ersetzen. Undankbar, weil Sie all das Gute nicht
erkennen, was Ihnen noch geblieben ist. Wer sind Sie denn, Frau Ilse,
und auf welchen Standpunkt stellen Sie sich eigentlich, um so viel vom
Leben fordern zu drfen?

Ich? stammelte sie verstndnislos.

Ja, Sie, wiederholte er heftig. Alle Segnungen, die ein
Menschenleben glcklich gestalten knnen, sind Ihnen zu teil geworden.
Sie haben eine sorgenlose Jugend genossen, waren schn und gesund,
durften den Mann heiraten, den Sie unaussprechlich liebten. Ihre
Kinder haben Ihnen nie eine trbe Stunde bereitet; auch an irdischen
Glcksgtern fehlte es nicht. Mehr als dreiig Jahre waren Sie mit
Ihrem Manne vereint und haben die denkbar grte Seligkeit erfahren.

Ja, aber eben gerade deshalb ist es jetzt so frchterlich,
schluchzte Ilse. Gerade weil ich meinen Mann so geliebt habe, so
glcklich mit ihm gewesen bin, kann ich ihn nicht entbehren, und es
ist so trostlos, ohne ihn leben zu mssen. Aber davon wissen Sie
nichts, das knnen Sie nicht verstehen.

Onkel Heinz lchelte traurig.

Nein, das kann ich natrlich nicht verstehen; aber wissen Sie, Frau
Gontrau, was ich auerdem auch nicht verstehe? Da Sie sich niemals
die Frage vorgelegt haben, in welchen Beziehungen Sie denn so viel
besser, weiser und liebenswrdiger sind als andre, um so bevorzugt zu
werden. Denn ich sage Ihnen, tausende schmachten nach dem Glck, das
Ihnen mhelos in den Scho gefallen ist. Tausende mssen im Leben sich
begngen, die reichbesetzte Tafel anderer zu sehen, und lernen, sich
neidlos an fremdem Glck zu freuen, ohne da ihnen von den
begehrenswerten Schtzen das Geringste zu teil wird.

Seine Stimme klang seltsam bewegt, was ihr nicht entging; und als sie
durch ihre Trnen zu ihm aufschaute, sah sie, da er ganz gerhrt war.
Freundlich reichte sie ihm die Hand und flsterte:

Sie haben Recht, ich will mich zusammennehmen.

Und sie hielt Wort. Zwar wurde sie nicht mehr die alte Ilse, die sie
frher gewesen war, aber sie lernte, sich in das Unabnderliche
schicken, zehrte vom Glck, das sie frher besessen hatte, und konnte
dankbar sein fr das, was ihr geblieben war. Niemand, selbst Ruth
nicht, erfuhr, was der alte Professor mit ihr verhandelt hatte. Ihre
Kinder schrieben die gnstige Vernderung der alles heilenden Zeit zu.

Einige Jahre spter baten Ruth und ihr Gatte, Heinrich von Holten,
Gromama Ilse, ihr Tchterchen Irma auf unbestimmte Zeit in ihr Haus
zu nehmen. Durch ihren Beruf gezwungen, waren sie viel auf Reisen und
konnten nie lange an einem Ort verweilen. Dies unstte Leben mute die
Erziehung des heranwachsenden Mdchens ungnstig beeinflussen. Mit
Gustav war das etwas anderes; der Knabe spielte bereits so meisterhaft
Klavier, da er seine Eltern nicht nur begleitete, sondern sich schon
selber ffentlich hren lie. Irma aber war nicht knstlerisch
veranlagt, fr sie pate dies ruhelose Leben nicht. Mit welcher Freude
Frau Ilse die Bitte ihrer Tochter erfllte, lt sich denken. Sie
fhlte sich oft sehr einsam, und nun, wo die hbsche, lustige Irma ihr
Gesellschaft leistete, erwachte wieder viel von ihrer frheren
Lebenslust.

Alle diese Ereignisse zogen an Ilses Geist vorber, whrend sie in
ihrem gemtlich eingerichteten Wohnzimmer sa. Sie erkannte, wie sie
es eigentlich Onkel Heinz verdankte, da sie nun mit Freuden der
Ankunft ihrer unbekannten Grokinder entgegensah, und sich auf die
sptere Heimkehr von Fritz und Marianne aus dem fernen Lande freuen
konnte; und ein Gefhl der Dankbarkeit gegen ihren alten Freund
erfllte sie.--

Unterdessen waren Professor Fuchs und Irma auf dem Bahnhof angelangt
und schritten ziemlich ungeduldig auf dem berdachten Bahnsteig hin
und her, um die Ankunft des Zuges zu erwarten.

Glaubst du, da wir sie schnell herausfinden, Onkel? fragte Irma.

Aber natrlich, sie werden Lrm genug machen.

Ich bin so schrecklich neugierig; wenn der Zug nur erst kme, es ist
nicht mehr auszuhalten!

Ein schriller, langgezogener Pfiff in der Ferne, ein immer lauter
werdendes Getse verriet, da die Wartezeit ein Ende hatte.

Ruhig! mahnte Onkel Heinz, als Irma ihn mitten ins Menschengewhl
hineinziehen wollte. Glaubst du, mir macht's Vergngen, auf meinen
schmerzenden Fu getreten zu werden? Wir bleiben hier stehen, dicht
neben dem Eingang, da mssen sie vorbeikommen, und wir knnen sie
nicht verfehlen.

Irma wre lieber weitergegangen, aber sie nahm sich zusammen, reckte
sich, so viel sie konnte, und bemhte sich, mit ihren scharfen Augen
die Erwarteten zu entdecken.

Ach, ich frchte, sie sind nicht da, flsterte sie enttuscht.

Ich glaube, du bist meine Cousine Irma von Holten, sagte pltzlich
eine helle Stimme in reinstem Deutsch dicht neben ihr, und vor ihr
standen zwei junge Mdchen mit einem Knaben von etwa zehn Jahren.

Maud! Agnes! rief Irma erfreut, seid ihr's wirklich? Ach wie schn,
da wir euch gefunden haben.

Sie war doch etwas verlegen und warf rasch einen Seitenblick auf die
Amerikaner. Die beiden Mdchen waren gro und schlank, trugen sehr
einfache Reisekostme von dunklem Stoff, gut, aber ohne jede
Verzierung gearbeitet, um den Hals einen weien Kragen mit einer
hbsch geschlungenen Krawatte. Irma fand, da sie jungenhaft aussahen,
besonders Maud, deren dunkles Haar kurz geschnitten war. Beide trugen
Filzhte mit einem breiten glatten Band und einer steif
aufrechtstehenden Hahnenfeder. Der Knabe sah allerliebst aus. Er war
klein fr sein Alter, hatte aber ein kluges, verschmitztes Gesicht.
Mit seinem langen Beinkleid, seiner kurzen Jacke und hohem Hut glich
er einem Herrn =en miniature=. Alle drei schienen ihren Handkoffer mit
Vergngen selbst zu tragen; in ihrer Kleidung wie in ihrem uern lag
etwas hchst Korrektes, und sie sahen durchaus nicht ermdet und
abgespannt aus.

Sie mssen Onkel Heinz sein, sagte Maud, auf den Professor
zutretend, Vater und Mutter haben uns so viel von Ihnen erzhlt, da
wir sie berall herausfinden wrden.

Na, na, ihr Taugenichtse, eure Eltern haben mich seit zwanzig Jahren
nicht gesehen, was knnen sie da noch von mir behalten haben? fragte
der Professor, dessen Antlitz vor Freude strahlte.

O, nahm der kleine Karl das Wort, Sie sind gewi nur ein bichen
weier geworden, aber den Spitzbart und das lustige Gesicht haben Sie
wohl immer gehabt.

Nu hr' mir einer so 'nen Junker Naseweis an, was sagst du zu so 'nem
Dandy, Irma?

Die Amerikaner waren so zutraulich und liebenswrdig, da es Irma nach
kaum fnf Minuten schien, als htten sie sich schon seit Jahren
gekannt.

An der Treppe, die vom Bahnsteig hinunterfhrte, bot Agnes Onkel Heinz
den Arm, und der kleine Junge lief voraus, ffnete die Tren des
Wartesaales und sah sich sofort nach dem Wagen um. Dienstfertig ri er
den Schlag auf, half den jungen Damen und Onkel Heinz beim Einsteigen
und kletterte, da im Innern kein Platz mehr fr ihn war, auf den Bock;
das alles tat er mit einer Gewandheit und Selbstverstndlichkeit, als
ob er zwanzig und nicht zwlf Jahre alt wre.

Aber wir vergessen ja das Gepck, rief Irma, wo sind eure Koffer?

Wir haben nichts weiter als unser Handgepck, entgegnete Maud.

Nichts als diese kleinen Kfferchen, und damit habt ihr eine solche
Reise gemacht?

Nun, was brauchen wir mehr? Ein gutes, handfestes Reisekostm, eine
seidene Bluse und ein heller Rock, das gengt. Wsche kann man an
jedem Ort kaufen oder waschen lassen. Viel Gepck auf der Reise ist
unpraktisch.

Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Hause der Frau
Gontrau. Die Doppeltre ffnete sich, noch ehe der Kutscher klingeln
konnte. Bebend vor Rhrung stieg Irma zuerst aus und ging ins
Vorzimmer. Dort stand Gromutter Ilse und hie ihre Enkelkinder mit
Trnen in den Augen willkommen.

Liebste, beste Gromutter! Sehen wir dich endlich? riefen die
Mdchen, und alle drei eilten zu gleicher Zeit auf sie zu.

Whrend einiger Minuten hrte man nichts als unterdrcktes Schluchzen,
Liebkosungen und einzelne Ausrufe. Endlich beruhigten sich die Gemter
ein wenig und entzckt schaute Ilse die Kinder an.

Sehen Sie mal, Onkel Heinz, rief sie erregt, ist Maud nicht ihrem
Vater wie aus den Augen geschnitten? Und Agnes, du gleichst auf ein
Haar deiner lieben Mutter, auch so blond und sanft. Wann kommen eure
Eltern, liebe Kinder?

In sechs Wochen etwa, Gromama. Wir mssen erst ein Haus mieten und
einrichten.

Wem seh ich hnlich, Gromama? fragte Karl.

Das wei ich noch nicht, mein lieber Junge.

Die Mutter sagt, nahm Maud das Wort, da er viel vom Grovater
hat, und sie schaute nach einem lebensgroen Portrt Leos, das an der
Wand hing.

Das gab Ilse einen Stich ins Herz. Ach, wie oft hatte Leo sich auf das
Wiedersehen mit seinen Kindern und Enkeln gefreut; wie innig hatte er
gewnscht, da sein Schwiegersohn Fritz einen Wirkungskreis in ihrer
Nhe finden und seinem Adoptivvaterlande Lebewohl sagen mchte. Nun,
wo sich sein Wunsch erfllte, konnte er sich nicht mehr daran
erfreuen. Verrterisch bebten die Lippen der alten Frau, da bemerkte
sie, wie Onkel Heinz sie ernst und ermutigend anschaute. Der Gedanke,
da er nur zu gut verstand, was in ihr vorging, gab ihr Kraft; tapfer
schluckte sie die Trnen hinunter und sagte heiter:

Aber Kinder, ihr mt ja totmde sein. Irma, fhre sie nach oben und
zeige ihnen ihre Zimmer, dann knnen sie sich vor dem Abendessen etwas
ruhen.

Nicht ntig, Gromama, fiel Agnes lebhaft ein. Wir haben heute
nacht im Zuge herrlich geschlafen und es uns ganz bequem gemacht. Das
Einzige, was uns nottut, ist etwas zu essen. Nicht wahr, Maud? Nicht,
Karl?

O, dann gehen wir gleich zu Tisch, schlug Ilse vor. Folgt mir nur
ins Ezimmer, Kinder. Kommen Sie, Onkel Heinz!

Lachend nahm sie den Arm des alten Herrn und schritt voraus, whrend
Irma sich im Stillen wunderte, wie man lnger als zwanzig Stunden in
einer Tour reisen und dann erklren konnte, nicht mde zu sein.

Bald war die ganze Familie gemtlich um die Abendtafel versammelt. Der
Tisch war festlich gedeckt mit einem weien Tuch, in das mit feiner,
blauer Baumwolle Figuren und Sprche eingestickt waren, und zeigte
berflu an wertvollem, altdeutschem Porzellan, schn geschliffenem
Kristall, Blumen und Frchten. An dem altmodischen kupfernen
Kronleuchter waren alle Kerzen entzndet und auf dem Buffet von
Eichenholz standen sogar ein paar Flaschen Sekt in Eis.

Die amerikanischen Gste taten dem Festmahl die grte Ehre an, und
alle schwatzten lustig und lebhaft durcheinander.

Kinder, fragte Ilse im Laufe des Gesprchs, wie gefllt euch
Paris?

Herrlich, Gromama. Eine groartige, frhliche Stadt. Entzckend mit
all den groen Pltzen und Parks, dem vielen Grn und der
Blumenpracht. Jetzt war es ganz besonders schn, denn Flieder und
Kastanien standen in vollster Blte.

Herrscht nicht ein schrecklicher Trubel dort?

Nein, bei uns geht's lebhafter zu, da gibt's viel mehr Lrm und
Hasten, und die Menschen haben mehr zu tun, aber in Paris ist alles
eleganter, reicher.

War's euch nicht angst, so ganz allein in der groen fremden Stadt?
fragte Irma neugierig.

Ganz allein? rief Karl lachend; wir waren doch zu dritt.

Ja, aber ihr seid doch so jung und wart fremd und hattet keine
Bekannten, die euch herumfhren und euch alles zeigen konnten.

Maud lachte. Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an
einige Familien geschrieben, sich unserer anzunehmen. Aber wir fanden
es so umstndlich, erst Besuche zu machen, das nahm uns Zeit, und es
gab doch so viel zu sehen.

Das ist schade, meinte Ilse. Ohne Begleitung konntet ihr doch nicht
in die Theater gehen, und dadurch habt ihr viel verloren.

Ich verstehe dich nicht, Gromama, wir sind in verschiedenen Theatern
gewesen.

Allein?

Wir drei und manchmal wir beide, wenn es fr Karl zu spt wurde.

Ihr beiden jungen Mdchen allein, des Abends, im Pariser Theater,
sagte Ilse erstaunt, wuten eure Eltern das?

Natrlich, Gromama. Wir gehen immer allein aus, berall hin. Alle
amerikanischen Mdchen tun das, und niemand findet etwas darin.

Ich wrde das nicht wagen, gestand Irma.

Was bist du fr ein Dummchen, fuhr Maud fort. Wie umstndlich und
lstig ist es, immer von irgend jemand abhngig zu sein. Wir sind's
gewhnt, alles allein und selbstndig zu besorgen. Und das ist
wirklich das einzig Richtige.

Aber Kinder, fragte Ilse, habt ihr in Paris denn nie eine
unangenehme Begegnung gehabt?

Nicht ein einzigesmal, Gromama, versicherte Agnes. Niemand achtete
auf uns, ruhig und still, den Reisefhrer in der Hand, gingen wir
unsres Weges. Hatten wir was zu fragen, wiesen die Leute uns stets
freundlich und hflich zurecht. Wir waren immer sehr einfach
gekleidet, und jeder sah gleich, da wir Fremde waren.

Nun, nahm die Gromutter wieder das Wort, ich versichere euch, da
in meiner Jugend niemand so was gewagt htte. Und ich war noch ein
kecker Tollkopf, aber davor wre mir doch bange gewesen. Was sagen Sie
dazu, Onkel Heinz?

Der alte Herr hatte behaglich schmunzelnd zugehrt.

O! meinte er, mir gefllt das alles ausgezeichnet; Sie wissen ja,
da ich auf die bertriebenen Formen und Komplimente nichts gebe. Ich
bin fr die amerikanischen Mdchen. Und da nun gerade der Sekt
eingegossen wird, schlage ich vor, sie leben zu lassen.

Frhlich stimmte jeder in dies Lebehoch ein; aber nun war es spt
geworden, und man trennte sich. Die jungen Gste wurden auf ihre
Zimmer gefhrt, und bald herrschte tiefste Stille im ganzen Hause.

       *       *       *       *       *




Am nchsten Morgen sandte die strahlende Maisonne Lichtfunken durch
die Stbe der heruntergelassenen Jalousien in Irmas Zimmer, und
endlich gelang es ihr, das junge Mdchen aufzuwecken. Irma richtete
sich auf und schaute umher in dem hbschen Gemach mit den hell
bezogenen Mbeln und den weien, mit blauen Schleifen aufgenommenen
Gardinen. Sie rieb sich die Augen, nickte den Bildern ihrer Eltern und
ihres Bruders, die auf dem Schreibtisch standen, einen Morgengru zu
und dann, ohne da sie sich recht darauf besinnen konnte, fiel ihr
ein, da gestern abend etwas sehr Nettes passiert war. Ach ja, die
Ankunft der amerikanischen Cousinen! Sie sah nach der Uhr und merkte
mit Schrecken, da es schon sehr spt war und sie die Zeit verschlafen
hatte. Eilig sprang sie aus dem Bett und kleidete sich an.

Bei Gromama schadete das nichts, die machte kein bses Gesicht, wenn
sie ein bichen spt herunterkam, aber was wrden die amerikanischen
Cousinen denken? Irma war ein recht verwhntes Kind, ein verzogenes
Pppchen; da sie aber so liebenswrdig, sanft und herzlich war, lie
Gromutter Ilse ihr in ihren kleinen Liebhabereien und Neigungen, die
sie nur noch bezaubernder machten, ihren freien Willen. Sie war nicht
eitler als die meisten jungen Mdchen, obwohl sie wute, da sie ein
reizendes Gesichtchen hatte, mit blauen Vergimeinnichtaugen und einer
Flle krausen goldblonden Haares. Sie hielt sehr darauf, nett
angezogen zu sein, und brauchte viel Zeit zur Toilette, aber das
Resultat war dann auch stets ein so befriedigendes, da die
Gromutter, selbst wenn sie zuweilen ber solche Zeitvergeudung
schalt, sich heimlich gestehen mute, da das kleine Ding
unwiderstehlich reizend aussah.

Denselben Gedanken hatten auch die amerikanischen Cousinen, als Irma
nun endlich in einem blau und wei gestreiften Morgenkleide sich zu
ihnen gesellte, und der kleine Karl, der sich bereits im Zimmer seiner
Schwestern befand, erklrte Irma fr das schnste Mdchen, das er je
gesehen.

Dummer Junge! rief sie lachend, aber geschmeichelt fhlte sie sich
doch. Was ist das mit euch? fuhr sie fort, erstaunt erst die beiden
Mdchen ansehend und dann im Zimmer umherblickend.

Maud und Agnes waren, wie Karl, bereits zum Ausgehen gerstet, bis auf
Hut und Handschuhe. Aber auch das Zimmer war schon vllig fertig, die
Betten gemacht, die Waschtische in Ordnung gebracht, berall Staub
gewischt, ja Agnes war beschftigt, den Pflanzen, die auf dem Balkon
standen, Wasser zu geben.

Warum habt ihr das alles selbst besorgt? fragte Irma verwundert.

Das sind wir so gewhnt.

Aber dazu sind doch die Dienstmdchen da.

Gewi, versetzte Maud, doch wir lieben es nicht, uns bedienen zu
lassen. Was wir selbst tun knnen, tun wir auch selber. Bei uns haben
wir keine Bedienten in dem Sinne, wie ihr das versteht. Zu gewissen
Arbeiten, die wir nicht verrichten knnen, kommen Leute stundenweise
jeden Tag; dann gehen sie wieder. Sie werden fast als unsres Gleichen
angesehen. Die Mutter erzhlte uns, da es hier ganz anders ist, aber
so rasch knnen wir uns daran nicht gewhnen.

Gromutter Ilse erwartete das junge Volk im Ezimmer, dessen weit
offenstehende Glastren in den Garten fhrten. Nach dem Frhstck
wurde ein Tagesprogramm entworfen. Die Mdchen wollten sich am
liebsten gleich nach einer passenden Wohnung umsehen. Sie ersuchten
Gromama und Irma nachzudenken, welches Stadtviertel das geeignetste
wre, damit sie keine unntigen Wege zu machen brauchten.

Aber erst, erklrte Maud, mu ich zwei Briefe schreiben, oder
besser, du, Agnes, schreibst den an unsre Eltern, das erspart Zeit.
Den andern mu ich selbst erledigen.

Sie wurde dabei rot, und Irma forschte lachend:

Ist er so wichtig, da du ihn nicht bis zum Nachmittag aufschieben
kannst?

Ja, versetzte Maud, denn dieser Brief ist fr meinen Verlobten
bestimmt.

Gromama und Irma machten erstaunte Gesichter.

Du bist schon Braut, mein Kind? fragte erstere. Und davon erfuhr
ich nichts. Das ist doch nicht auf der Reise zustande gekommen? fgte
sie hinzu, frchtend, da ihre Enkelin ohne Wissen der Eltern einen
unberlegten Schritt getan haben mchte.

Nein, Gromama, erwiderte Maud ruhig. John und ich, wir sind schon
fast ein Jahr verlobt. Er ist eine Waise, Vater und Mutter haben es
vom ersten Tage an gewut. Der Vater hielt es fr besser, nicht
darber zu reden, denn es dauert noch ein Jahr, bis John fertig ist
und wir heiraten knnen. Daher haben wir nichts davon in unseren
Briefen erwhnt, aber ich wollte es dir natrlich gleich mitteilen.

Und was ist dein Brutigam?

Im Augenblick Heizer auf einer Lokomotive.

Was! riefen Ilse und Irma, im hchsten Grade erstaunt, wie aus einem
Munde.

Heizer auf einer Lokomotive, wiederholte das junge Mdchen mit
grter Gemtsruhe.

Ist er denn ein Arbeitsmann? fragte Irma kleinlaut.

Maud fing an zu lachen.

Hab' nur keine Angst. Mein John ist Ingenieur und wird bers Jahr
zweiter Direktor einer groen Dampfmaschinenfabrik. Aber er mu auch
praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher
Arbeiter.

Ein gewhnlicher Heizer, nahm Irma das Wort, und ihre blauen Augen
wurden immer grer vor Verwunderung, mit 'nem Arbeitskittel und
schwarzem Gesicht und schmutzigen Hnden?

Maud rgerte sich ein bichen, Agnes aber brach in lustiges Gelchter
aus.

Was bist du doch fr ein dummes Gnschen, Irma; wenn er sich
gewaschen und umgezogen hat, sieht ihm niemand seine Beschftigung an.
John geht nicht in seinem Arbeitsrock in Gesellschaft.

berdies, fiel Maud ein, ist ein Arbeiter bei uns gerade so gut ein
Gentleman wie jeder andere, es kommt nur auf die Persnlichkeit an.
Uns ist gelehrt, da keine Arbeit schndet.

Da hast du ganz recht, meinte Ilse, aber du mut es meiner kleinen
Irma nicht belnehmen, da sie etwas erstaunt ist. Sind die Sitten und
Gebruche in Amerika auch anders, im Grunde genommen haben wir doch
dieselben Ansichten. So willst du uns also bald wieder verlassen,
Maud?

In einem Jahr kommt John, um mich zu holen, Gromama.

Und du, Agnes.

O, du behltst mich zunchst bei dir, vielleicht fr immer; ich habe
keinen Verlobten in Amerika.

Die jungen Mdchen schrieben ihre Briefe, und dann gingen sie mit Irma
auf Wohnungssuche. Ilse wollte nach einem Wagen schicken, Maud aber
erklrte, sie fnde es bequemer zu Fu zu gehen, dann knnten sie sich
besser umschauen. Die Gromama mute den Gedanken, sie zu begleiten,
aufgeben, denn sie frchtete die Anstrengung, auch bedurften ihre
energischen Enkelinnen ihres Rates nicht, denn sie wuten genau, was
sie brauchten. So konnte sie ihnen die Sache getrost berlassen. Irma
ging zum Vergngen mit. Sie gesellte sich zu Agnes, whrend Maud und
Karl vorauswanderten, und eifrig beratschlagten. Die deutsche Cousine
wunderte sich immer mehr und mehr ber den Takt, die Ruhe und
Geschftskenntnisse, welche die fremden jungen Mdchen an den Tag
legten. Sie erkundigten sich nach allem, sprachen mit Hauseigentmern
und Verwaltern, machten solche praktische Bemerkungen, da sogar die
Mnner sie erstaunt betrachteten, und endlich glckte es ihnen, dicht
vor der Stadt ein gerumiges, von einem hbschen Garten umgebenes Haus
zu mieten. Maud schlug vor, der Besitzer solle noch denselben Abend
mit dem Kontrakt zu Frau Gontrau kommen, da die Sache eile. Das Haus
konnten sie sofort beziehen, es sah sehr gut erhalten aus und bedurfte
nur geringer Reparaturen.

Ich glaube, da ich arg dumm bin, sagte Irma seufzend, als sie,
munter plaudernd, den Heimweg antraten. Erst fand ich es sehr
komisch, da ihr allein herkamet und ein Haus fr eure Eltern mieten
solltet. Meinen Eltern wrde es nie einfallen, mir einen solchen
Auftrag zu geben. Ich wrde es auch nicht knnen, denn noch nie in
meinem Leben bin ich handelnd aufgetreten.

Dann wird es hohe Zeit, fand Maud. Wie alt bist du eigentlich,
Irma?

Siebzehn.

Agnes ist achtzehn, und ich werde nchstens zwanzig.

O, du kommst mir wie dreiig vor, rief Irma, das heit, fuhr sie
erschrocken fort, nicht in deinem uern, denn mit dem hbschen
kurzen Gelock siehst du wie sechzehn aus, aber in deinem Tun und
Lassen. Du bist so schrecklich verstndig, ganz wie eine Frau.

Das will ich meinen, sagte Maud ruhig.

Mach nur nicht so ein erschrecktes Gesicht, Irmachen, nahm Agnes
freundlich das Wort. Du brauchst nicht handelnd aufzutreten; du bist
gerade so ein liebes, hbsches, kleines Ding, das sein Leben lang
verhtschelt und beschtzt werden mu.

Das mchte ich auch. Mir ist so bange vor emanzipierten Frauen.

Maud mute lachen. Wir sind nicht emanzipiert. Wir haben nur gelernt,
uns wenn ntig selbst zu helfen und unabhngig und frei aufzutreten,
wo es gerade angebracht ist.

Aber ich will nicht unabhngig auftreten, beharrte Irma. Wenn ich
mal heirate, will ich von meinem Manne ganz abhngig sein, ihn als mir
berlegen betrachten, als meinen Herrn und Gebieter; er aber mu mich
verwhnen, verhtscheln und in mir das kostbarste und schnste Wesen
sehen, das ihm anvertraut ist. Er mu mich geradezu anbeten.

Das wrde mir nicht gengen, erwiderte Maud und ihre Mundwinkel
zuckten verchtlich. Ich will meinem Manne Gefhrtin und Helferin
sein, keine Puppe, kein Schmuckstck.

Irma antwortete nichts, sie nahm den Arm ihrer jngeren Cousine. Ohne
recht zu wissen weshalb, fhlte sie sich mehr zu Agnes hingezogen --
ob das kam, weil diese sie schon zweimal schn und unwiderstehlich
genannt hatte? Sie gestand sich das selbst nicht ein, fand Maud auch
sehr lieb, aber die war drei Jahre lter und -- Braut. Da war es wohl
natrlich, da sie sich mit Agnes inniger befreundete.

Die Mdchen baten Gromutter Ilse, nach dem Mittagessen das Haus mit
ihnen zu besehen, ehe es endgltig gemietet wurde. Onkel Heinz, der
sich erkundigen wollte, ob die Reisenden gut geschlafen htten, schlo
sich ihnen an. Beide waren hchst befriedigt, Ilse, weil das Haus nur
ein Viertelstndchen von ihrer Wohnung entfernt lag, und der
Professor, weil die Zimmer so gerumig, hoch und luftig waren. In
heiterer, fast ausgelassener Stimmung durchschritten und besichtigten
sie smtliche Rume, und die Mdchen erzhlten schon, wie sie alles
einrichten wollten, als Ilse pltzlich erschrocken ausrief:

Aber Kinder, wann geht ihr denn zu eurer Tante Elisabeth?

Der kleine Karl schnitt Irma ein Gesicht, da sie losprustete, Agnes
sonniges Antlitz trbte sich und Maud sagte:

Aber Gromama, dazu haben wir doch vor der Hand keine Zeit; es eilt
auch nicht.

Doch, liebes Kind; sie ist die einzige Schwester deines Vaters.

Papa konnte Tante Elisabeth nie leiden; er machte sich nichts aus
ihren Briefen, ergnzte Karl.

Und doch hat er sicher gesagt, da ihr gleich nach eurer Ankunft sie
besuchen sollt, beharrte Ilse. Was meinen Sie, Onkel Heinz?

Ach, was sollen die Kinder bei so 'ner langweiligen alten Jungfer?

Siehst du wohl, Gromama! Onkel Heinz mu es doch wissen, riefen die
Mdchen wie aus einem Munde.

Nein, Onkel Heinz wei es nicht, erklrte Ilse bestimmt, dem
Professor einen unzufriedenen Blick zuwerfend. Denken Sie doch, wie
einsam Tante Elisabeth ist! Seit dem Tode eurer Gromutter, der alten
Frau Rosi Mller, lebt sie ganz allein. Nun sind die Kinder ihres
einzigen Bruders aus Amerika gekommen, und es wrde mehr als unartig
und herzlos sein, wenn ihr sie nicht aufsuchen wolltet.

Gromama hat recht, pflichtete Maud bei, morgen frh wollen wir zu
ihr gehen.

Ich geh' aber nicht mit, rief Irma, ich hab' keine Lust, getadelt
zu werden wie ein kleines Kind. Jedesmal, wenn ich zu Frulein Mller
komme, mu ich anzgliche Bemerkungen hren, bald ber meine Frisur,
dann ber meine Toilette, ja, einmal hat sie sich sogar herausgenommen
mir zu sagen, da du mich verziehst, Gromama.

Da hat sie aber vollkommen recht, stimmte Ilse lachend zu. Du wirst
mitgehen, Irma, schon um deinen Cousinen den Weg zu zeigen.

Ja, flsterte Agnes, komm nur mit, nachher lachen wir zusammen ber
die '=old maid='.

Das Haus wurde gemietet, und whrend des ganzen brigen Nachmittags
und Abends stellten die Mdchen lange Listen von allem auf, was sie
zur Einrichtung brauchten, denn sie wollten so bald wie mglich mit
ihren Einkufen beginnen.--

Pastor Adolf Mller war ungefhr sechs Jahre, nachdem sein Sohn Fritz
sich mit Marianne Gontrau verheiratet hatte und nach San Franzisko
gezogen war, gestorben. Rosi und ihre einzige Tochter Elisabeth hatten
das freundliche Pfarrhaus verlassen mssen und waren nach einem andern
Stadtteil bergesiedelt. Dort hatten sie eine Wohnung ganz nach ihrem
Geschmack gefunden -- ein dsteres, ziemlich groes Haus mit zwei
Stockwerken, einem langen Korridor und einer Kche. Die dunkel
tapezierten Zimmer wurden mit schweren, massiven Mahagonimbeln
ausgestattet. Rosi liebte helle Farben und neumodisches Mobiliar
nicht, und Elisabeth teilte ihren Geschmack. Die Schrnke, Tische und
Sthle waren so glnzend poliert, da ein Spiegel berflssig schien,
obgleich einer in schwarzem Rahmen ber dem Kamin hing. Nirgends war
ein Stubchen zu entdecken, und alles stand fein suberlich an der
Wand in Reih und Glied, denn Rosi rgerte sich ber die verrckte
Sitte, im Salon alles bunt durcheinander zu stellen. Die Kissen und
gepolsterten Sitze der Sessel und Sophas waren mit riesigen
gefltelten Schonern bedeckt, denn die beiden Damen, die wenig
ausgingen, sich auer in der Kirche nie an ffentlichen Orten zeigten
und selten Besuch bei sich sahen, beschftigten sich vorzugsweise mit
Handarbeiten. Durch die Heirat der Kinder wurde der Umgang mit der
Familie Gontrau aufrecht erhalten, da aber auf beiden Seiten keine
groe Sympathie herrschte, nahm der Verkehr auch im Laufe der Jahre
nicht zu. Rosi billigte es nicht, da Ilses lteste Tochter Ruth einen
Knstler geheiratet hatte, da sie selbst Konzerte gab und viel mit
Knstlern, ja sogar mit Schauspielern verkehrte. Leo und Ilse ertrugen
Rosis beschrnkte Ansichten um der Kinder willen, hteten sich aber
vor einem intimen Umgang.

Diese Umgebung war sicher nicht geeignet, um aus Elisabeth, die an
sich schon ein steifes, zurckhaltendes Wesen besa, ein frhliches,
liebenswrdiges Menschenkind zu machen. In ihrer Jugend hatte sie
unter dem Druck gelebt, der seit Fritzens Flucht aus dem Elternhause
jahrelang auf Rosi und Adolf lastete. Als spter alles zum Guten
ausschlug und Fritz als ein tchtiger, vermgender =self-made man= aus
der Fremde heimkehrte, galten alle Liebe, alle Aufmerksamkeiten ihm,
und die bescheidene Elisabeth, die sich stets bemht hatte, ihrer
Mutter in strengster Pflichterfllung nachzueifern, war ganz in den
Hintergrund getreten. Der Pastor sah das wohl ein, er hatte aber nie
viel zu sagen gehabt. Er bemhte sich, Rosi klar zu machen, da sie
Elisabeth in die Gesellschaft einfhren mten, damit sie ihre Jugend
genieen knne. Rosi war nicht seiner Meinung; je stiller und
unbeachteter ein junges Mdchen seinen Weg ging, desto besser. Ein
ernster Mann wte es zu schtzen, wenn er ein Mdchen heiratete, das
unbekannt und unbesprochen durch die Welt ging und dessen Tugenden im
eignen Hause zur vollen Geltung kamen. Aber trotzdem erhielt Elisabeth
nie einen Heiratsantrag. Anfangs war sie darber unglcklich und
beneidete ihre, in dieser Hinsicht bevorzugten Freundinnen.

Als die Jahre vergingen und die Aussichten immer mehr schwanden, wurde
sie verbittert. Nachdem der Vater gestorben und sie mit der Mutter die
dstere, kasernenartige Wohnung bezogen hatte, ergingen sich beide in
lieblosen Gedanken und scharfen uerungen. Die eine verurteilte die
Mtter, die alles daran setzten, ihren Tchtern einen Mann zu kapern,
und die andre brach den Stab ber die Mdchen, die den jungen Leuten
nachliefen und dadurch ein Schandfleck ihres Geschlechtes wurden.

Solange die Mutter lebte, die mit ihr fhlte und fr die sie sorgen
konnte, verkncherte Elisabeth noch nicht ganz, aber als sie nach
ihrem Tode allein auf der Welt stand, wurde sie die unangenehme,
bissige alte Jungfer, die sich fr nichts interessierte als
fr die Sauberkeit und Ordnung in ihrem Haushalt, fr einige
Wohlttigkeitsbestrebungen, die mit echter Menschenliebe und
Selbstverleugnung wenig zu schaffen hatten, fr ihre Sammlung von
Hkelmustern und fr die Gesundheit ihrer Katze, ihres Kanarienvogels
und ihres Hundes. Sie wurde geizig, mitrauisch und klatschhaft; die
Leute mieden und verlachten sie. Nur wenige hatten Mitleid mit ihr und
sahen ein, da sie wohl eine verrckte alte Jungfer, aber doch
eigentlich ein beklagenswertes Geschpf war, verdorben durch Erziehung
und husliche Verhltnisse. Ilse Gontrau, die selbst viel gelitten --
erst durch Nellies Tod und dann vor allem durch den Verlust ihres
geliebten Leo -- urteilte milder und konnte es nicht leiden, wenn
Elisabeth Mller von allen, besonders von den Mnnern und dem jungen
Volke verspottet und lcherlich gemacht wurde. Sie sah in ihr eine
arme Verlassene, an der das Glck mitleidslos vorbergegangen war.
Wenn sie auch zugeben mute, da der Gegenstand ihres Mitleids hchst
unsympathisch war; wenn sie auch fr ihre guten Absichten stets
unangenehme Redensarten zu hren bekam, sie blieb fest in ihren
Bemhungen und gab sich daher auch jetzt erst zufrieden, als die
Mdchen mit Karl sich am nchsten Morgen auf den Weg zu Tante
Elisabeth machten.

Brr! sagte der kleine Junge, was fr 'ne Strae! Das ist ja rein
zum Gruseln.

Dort wohnt die Tante, in dem Haus mit den Spionen und den grnen
Rolllden, belehrte Irma.

Nicht verlockend, meinte Maud. Warum steht bei dem herrlichen
Wetter nirgends ein Fenster auf?

Damit kein Staub hineinkommt.

Glaubst du, Irma, da sie uns was Leckeres anbieten wird? fragte
Karl.

Selbstverstndlich. Aber wenn sie es tut, Kinder, nur nicht danken.
Sie wagt gewi nicht, es zu unterlassen, in der stillen Hoffnung, da
wir dankend ablehnen werden. Denn geizig ist sie!

So wird sie mir wohl keine Zigarre anbieten?

Kleiner Affe! rief Irma lachend, darf er denn rauchen, Agnes?

Nein, Papa hat's ihm streng verboten, trotzdem tut er es manchmal
doch.

Still, nicht klatschen, flsterte Karl mit einem besorgten Blick auf
Maud, die jedoch nicht acht gegeben hatte, sondern ihr ganzes
Interesse der groen, dunkel gestrichenen Haustre und den mit
Rolllden und doppelten Vorhngen versehenen Fenstern widmete.

Sie zogen die Klingel und muten lange warten. Endlich ffnete sich
die Tr und ein bejahrtes Dienstmdchen mit sauren Mienen, in einem
dunkelblauen Wollkleide mit kurzen rmeln und einer groen
Leinenschrze, erschien in derselben.

Ist Frulein Mller zu Hause? fragte Irma.

Ja, gndiges Frulein, lautete die Antwort mit einem keineswegs
freundlichen Blick auf die kleine Gesellschaft.

Nun, dann knnen wir wohl eintreten.

Nicht so rasch, bitte, ich wei doch nicht, ob das Frulein empfangen
will.

Dann fragen Sie, aber so lange brauchen wir doch nicht hier auf der
Matte zu stehen.

Wen soll ich melden?

Mich kennen Sie doch, Frulein Irma von Holten? Und dann sagen Sie,
da die Nichten und der Neffe aus Amerika da sind.

So, erwiderte die Magd mit einem mitrauischen Blick auf die
Fremdlinge. Treten Sie unterdes nur ein, aber bitte die Fe gut
abzuputzen, drauen ist es schmutzig.

Ach, so was, die Strae ist knochentrocken, murmelte Irma, whrend
sie den Cousinen und Karl voranging in den Salon.

Was fr ein freches Geschpf, sagte Agnes.

Wart' nur, Kind, das ist erst das Vorspiel, die Herrin ist noch ganz
anders. Aber findet ihr es hier nicht auerordentlich gemtlich?

Maud und Karl prusteten los, whrend Agnes sich neugierig umschaute.

Es war ein groes Gemach, aber es roch dumpfig und feucht, als ob es
lange nicht gelftet worden wre. Vor dem hohen, breiten Fenster, das
auf einen Hof hinausging, hingen schwere, dunkle bergardinen. Dunkel
waren auch Tapeten und Mbel, die wie Soldaten in Reih und Glied an
den Wnden standen. Das goldene Sonnenlicht, die frhlichen Farben der
ersten hellen Sommertage waren sorgfltig ausgesperrt; hier schien
alles dster, winterlich, feucht und bedrckend.

Maud, Karl und Irma hatten jedes auf der Kante eines Stuhles Platz
genommen, ohne den Mut zu finden, ihn auch nur ein wenig von der Wand
zu rcken.

Niemand kam.

Brr, machte Irma, hier bekommt man fast Lust, etwas ganz Tolles zu
begehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Weit du, was hier das Hbscheste ist? fragte Agnes, mit dem Fu
ber den Boden gleitend.

Nun?

Der Boden, das schnste Parkett kann nicht besser sein.

In der Tat war der Linoleumteppich so glatt gebohnt, da man bei jedem
Schritt in Gefahr geriet, zu fallen.

Herrlich zum Tanzen! rief Irma, und pltzlich sprang sie auf, fate
Agnes um die Taille und walzte mit ihr durch das Zimmer.

Haltet ein, das drft ihr nicht, bat Maud erschrocken, die beiden
aber hrten nicht und Karl, von ihnen angesteckt, wurde nun auch
ausgelassen, fing an mit den Fusten auf dem Tisch zu trommeln und mit
lauter Stimme zu singen:

    =Come boys, push along
    And let us all be gay.=

[Illustration]

Mein Gott, was geht hier vor? ertnte pltzlich eine angsterfllte
Stimme. Die Tre wurde geffnet und Tante Elisabeth, durch den Lrm in
ihrem sonst so stillen Hause zu Tode erschreckt, schaute hinein,
gefolgt von der nicht minder entsetzten Grete.

Das sind keine Amerikaner, gndiges Frulein, rief letztere, das
sind Wilde. Der Junge wird das Haus noch einreien.

Die Mdchen lieen sich los, und lachend wandte Irma sich dem alten
Frulein zu.

Seien Sie nicht bse, Frulein Mller. Wir machten ein Tnzchen, um
uns die Zeit zu vertreiben, da Sie sich gar nicht sehen lieen. Dies
sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.

Vorgestern sind wir angekommen, liebe Tante, sagte Maud freundlich,
und hoffen, da du froh bist, uns zu sehen.

Seid willkommen, ihr Mdchen, entgegnete die Tante und gab jeder
einen Ku. Karl reichte sie die Hand; vor dem Knaben mit seinem
Schelmengesicht und den bermtig blitzenden Augen hatte sie
buchstblich Furcht. Aber ich mu doch sagen, da ihr eine sonderbare
Manier habt, Besuche zu machen. Ist das Mode in Amerika?

Nein, Tante, erwiderte Agnes lachend. Da ist nur dein gebohnter
Fuboden schuld. So kstlich glatt, das verlockt unwiderstehlich zu
einem Tnzchen. Wenn du das Zimmer ausrumst, kannst du im Winter hier
eine herrliche Tanzgesellschaft geben.

So, die geb' ich aber nicht, klang es ziemlich gereizt zurck.
Grete, sieh mal nach, ob keine zu argen Schrammen im Boden sind, und
reib' auch den Tisch ab, der Junge hat mit seinen warmen Hnden
Flecken darauf gemacht.

Eine unbehagliche Stille entstand. Maud fhlte sich durch diesen mehr
als unfreundlichen Empfang beleidigt. Irma und Agnes traten sich
unter dem Tisch auf die Fe und wechselten beredte Blicke. Karl aber,
dem es sofort klar wurde, da er seine Tante nicht ausstehen knne,
sann auf einen neuen Streich, mit dem er sie rgern wollte. Tante
Elisabeth betrachtete ihre Nichten neugierig und eingehend. Die
Mdchen mifielen ihr dank ihrer hchst einfachen Kleidung nicht;
diese war ihr lieber wie Irmas Toilette, die immer hchst elegant und
nach der neuesten Mode war. Aber da Maud ihr Haar kurz geschnitten
trug, fand sie lcherlich.

Warum trgst du dein Haar wie ein Junge? fragte sie.

Weil ich es bequem und praktisch finde, Tante.

Aber doch auch, weil es dir gut steht? meinte Irma.

Jawohl, stnde es mir schlecht, so wrde ich es nicht tun.

Ihr habt nette Kostme an, fuhr Tante Elisabeth fort. Geht ihr
immer so dunkel und einfach gekleidet?

Maud bi sich auf die Lippen; dies unhfliche Ausfragen rgerte sie,
Agnes versetzte aber lachend:

O nein, das sind unsre Reisekleider, und es ist bequem, wenn die ganz
einfach sind. Aber bei feierlichen Gelegenheiten geben die
amerikanischen Frauen und Mdchen viel auf Toilette. Wenn wir wieder
kommen, wirst du uns in groer Gala sehen, Tante.

Das ist nicht ntig, erwiderte Frulein Mller steif. Ich gebe
nichts darauf; ich halte nur auf Einfachheit und Tchtigkeit. Doch nun
erzhlt mir, wie es euren Eltern geht und wann sie hier eintreffen!

Die Mdchen berichteten dies und das von ihrer Reise, ihrem Aufenthalt
in Paris und ihren Plnen, wie sie das Haus, welches sie hier gemietet
hatten, einrichten wollten. Das berhrte Tante Elisabeth unangenehm.
Ihr kaltes Antlitz mit den regelmigen Zgen und dem tadellos
gescheitelten, noch dunklen Haar ward immer lnger und lnger. Es
mifiel ihr im hchsten Grade, da so junge Mdchen allein aus einem
andern Erdteile -- und gar noch ber Frankreich -- nach Deutschland
reisten und das fr das Natrlichste und Einfachste von der Welt
hielten. Sie selbst war in ihrem ganzen Leben nie ber einige Meilen
im Umkreis ihres Geburtsortes herausgekommen, und sie verurteilte
jeden, der ihren engherzigen Ansichten nicht beipflichtete. Diese
Kinder hatten sicher die Abenteuerlust vom Vater, ihrem Bruder Fritz
geerbt, der auch mit fnfzehn Jahren aus dem Elternhause entlief, weil
er sich der heiligen Zucht und Ordnung nicht fgen wollte, die dort
dank dem strengem Regiment ihrer Mutter herrschten. Als sie im Lauf
der Unterhaltung merkte, da die Mdchen von ihren Eltern
nicht mehr als Kinder, sondern als gleichberechtigte erwachsene
Menschen behandelt wurden, fing sie an, mit der Neugierde einer
unverbesserlichen alten Jungfer allerhand unbescheidene Fragen zu
stellen. Wieviel Miete sie fr das Haus zahlten? Wie gro das
Einkommen ihres Vaters wre? Wieviel Kleidergeld sie erhielten? Ob ihr
Vater hier auf demselben Fue leben knnte wie in Amerika? &c. &c.

Irma amsierte sich kstlich ber die Art, wie Maud und Agnes, ohne
unhflich zu sein, mit groem Takt auf all diese Fragen ausweichende
Antworten gaben; und Tante Elisabeth mute zu ihrem rger erfahren,
da sie keine kleinen Kinder, die sie nach Herzenslust ausforschen
konnte, vor sich hatte, sondern ein paar kluge, verstndige Mdchen,
die nicht mehr sagten, als sie fr richtig hielten.

Tante, lie Karl sich pltzlich vernehmen, darf das Fenster nicht
geffnet werden?

Wozu, mein Junge?

Ich finde, da es hier so abscheulich riecht.

Die alte Dame wurde rot.

Du kannst deine Bemerkungen fr dich behalten, lieber Neffe, sagte
sie giftig. Das Fenster -- bleibt geschlossen. Ich habe keine Lust,
mich dir zu Liebe zu erklten.

Wieder setzte sie ihre Unterhaltung mit Maud fort. Karl sah nach Irma
hin, die ihm lchelnd zunickte.

Tante, fing er von neuem an.

Was, kleiner Kerl?

Ich hab solchen Durst. Hast du nicht ein Glas Limonade oder Obst fr
uns?

Ein gut erzogenes Kind fordert nicht, sondern wartet, bis ihm etwas
angeboten wird, entgegnete die Tante streng. Sind alle Kinder in
Amerika so ungesittet und schlecht erzogen wie dieser Junge, Nichte
Maud?

Aber nun war's mit Mauds Selbstbeherrschung vorbei.

Nein, Tante, versetzte sie scharf. Bei uns sind die Kinder, gerade
wie Karl, sehr gut und gesittet erzogen, und die Leute sind gastfrei
und freundlich, so da sie sich wundern, wenn sie bei andern das
gerade Gegenteil sehen.

Noch nie hatte Irma Maud so nett gefunden, wie in diesem Augenblick.
Agnes und Karl freuten sich diebisch. Tante Elisabeth wurde dunkelrot.
Am liebsten htte sie den frechen Kindern die Tr gewiesen, aber bei
reiflicher berlegung hielt sie es doch fr besser, so zu tun, als
htte sie den Stich nicht verstanden. Mit sauerser Miene sagte sie
daher zu ihrem Neffen:

Du mchtest also ein Stck Kuchen haben, mein Jungchen?

Davon hab' ich doch nichts gesagt, verteidigte sich Karl, doch auf
einen Wink von Maud schwieg er. Die Tante schlo ein Fach des schweren
Mahagonibuffets mit schwarzer Marmorplatte auf und holte eine
Blechbchse heraus. Sie bot den Mdchen an, die dankend ablehnten,
und der kleine Junge zog ein Gesicht beim Anblick der altbackenen,
trocken gewordenen Stckchen Sandkuchen, aber probieren wollte er sie
doch.

Willst du noch eins? fragte die Tante, zuschauend, wie er mit langen
Zhnen daran kaute.

Nein, danke, es ist eine Kunst das hinunterzuwrgen, ohne dabei zu
trinken.

Wir mssen gehen, nahm Maud rasch das Wort, bevor Frulein Mller zu
antworten vermochte. Gromama wird nicht wissen, wo wir geblieben
sind.

Ein steifer Abschied folgte. Im Korridor jagte Karl der Tante noch
einen Todesschreck ein, indem er die Miez, die um die Tre guckte,
beim Anblick der Fremden aber scheu zurckhuschte, anzischte. Doch
lief die Geschichte ohne weiteres Unglck ab.

Was fr ein Wesen! rief Agnes entrstet, als sie auf der Strae
waren. Nie wieder geh' ich zu ihr.

Das werden wir doch wohl mssen, seufzte Maud. Sie ist Papas
einzige Schwester, aber glcklicherweise mag er sie auch nicht.

Du hast ihr's ordentlich gegeben, sagte Irma, und ber den Karl
htte ich mich beinahe totgelacht.

Na wart' man, brummte Karl, so 'nen Ekel gibt's nicht noch mal auf
der Welt! Aber wenn ich wieder komme, kann sie was erleben; entweder
steck' ich das Haus an oder tue sonst etwas, das die ganze Wohnung auf
den Kopf stellt.

Ilse machte ein rgerliches Gesicht, als die Mdchen ihr erregt ihre
Erlebnisse bei Tante Elisabeth schilderten. Sie versuchte zu
beschwichtigen und behauptete, da die Kinder bertrieben, aber Onkel
Heinz, der auch bei Gontraus speiste, lachte laut und rief:

Unsinn, die Krten haben recht; die Mller ist eine unausstehliche
alte Jungfer. Ihr Mdchen, heiratet um's Himmels willen, denn nun seht
ihr, was aus einem Frauenzimmer wird, das keinen Mann kriegt.

Aber Herr Professor, wandte Ilse ein. Was setzen Sie da wieder den
Kindern fr dummes Zeug in den Kopf? Als ob eine unverheiratete Frau
nicht auch ein ntzliches Glied der Gesellschaft sein knnte. Die Ehe
erhht nicht ihren Wert, das kann einzig und allein ihre
Persnlichkeit tun.

Unsinn, brummte der alte Herr. Eine alte Jungfer ist ein Unding --
sie entspricht nicht ihrer Bestimmung.

Und ein alter Junggeselle, Onkelchen? fragte Agnes schalkhaft, beide
Hnde um seinen Arm schlingend.

Der ebensowenig, mein Kind, aber der verdient wenigstens dein ganzes
Mitleid.

O, was fr 'ne Logik! Da du nicht geheiratet hast, ist doch deine
eigene Schuld, whrend Tante Elisabeth wahrscheinlich nichts dafr
kann. Vielleicht hat nie jemand um sie geworben.

Doch, sie kann dafr, behauptete Onkel Heinz, dem das Widersprechen
noch immer ein Bedrfnis war. Solch unangenehme Geschpfe wie sie,
kommen schon als alte Jungfer auf die Welt. Ich rat euch noch mal,
Kinder, htet euch davor, macht, da ihr heiratet, damit man euch
nicht in einen Topf werfen kann mit solchen Wesen, die, nur weil sie
Unterrcke tragen, sich fr berechtigt halten, Frauen genannt zu
werden.

Ich will's nicht hren, da Sie so zu meinen Enkelinnen reden, rief
Ilse, ehrlich entrstet. Ich sage euch im Gegenteil, ihr Mdchen,
heiratet nicht, auer wenn ihr das Glck habt, _den_ Mann zu finden,
den ihr von ganzer Seele und mit ganzem Herzen zu lieben imstande
seid. Eine alte Jungfer braucht durchaus kein lcherliches Wesen zu
sein. Ich kenne viele, die gerade so hoch, ja noch hher stehen als
manche verheiratete Frau. Das mssen doch auch Sie zugeben, Professor,
wenn Sie gerecht sein wollen.

Ach was, nahm Onkel Heinz das Wort, der als er sah, wie ernst seine
alte Freundin die Geschichte nahm, wieder einlenken wollte, Sie haben
mich nur nicht verstanden, Frau Ilse.

Ich meine, Sie waren deutlich genug.

Es ist doch ein Unterschied zwischen einer _alten Jungfer_ und einer
_unverheirateten Dame_. Und jetzt wollen wir zu Tisch gehen. Von so
'ner unfruchtbaren Diskussion werd' ich hungrig.

       *       *       *       *       *




Nun folgte eine geschftige Zeit. Jeden Tag hatten die Mdchen
Einkufe zu machen. Tischler, Stukkateure, Tapezierer, Maler und
Zimmerleute schafften um die Wette. Es wurde gut und eifrig
gearbeitet, und ehe vier Wochen vergangen waren, sah das Haus, in dem
die Familie Mller aus Amerika wohnen sollte, schon recht hbsch und
einladend aus. Die Mdchen richteten alles nach eigenem Geschmack ein.
Die Eltern hatten nur im allgemeinen angegeben, wie jedes Zimmer
mbliert und ausgestattet werden sollte.

Anfangs fanden Gromutter Ilse und Irma es ziemlich ungemtlich. In
der Schlafstube standen eiserne Bettstellen ohne Vorhnge, auf dem
feingeflochtenen Eisendraht nur eine Matratze von Seegras. Keine
Mulldraperien um den Toilettentisch, und vor den hohen Fenstern nur
Binsenvorhnge. Die Tapeten lieen sich leicht mit Wasser reinigen.
Die Mbel waren zierlich, aber hchst einfach in Form und Stil, die
Sthle meist mit Sitzen von feinem Flechtwerk. Wenig Zierrat, alles
konnte bequem umgestellt und gesubert werden. Nirgends Portieren oder
bergardinen; das waren, wie die Mdchen behaupteten, nur Staubfnger.
In allen Zimmern und Gngen elektrische Klingeln und Beleuchtung. In
der Kche ein Lift, um das Essen nach oben zu befrdern, und Hhne zu
kaltem und heiem Wasser in smtlichen Schlafstuben. Kein Luxus, aber
viel Komfort. Tante Elisabeth, die auch einmal die Wohnung
besichtigte, mibilligte alle diese Neuerungen auf's hchste und
jammerte ber die Unsummen, welche die modernen Einrichtungen
verschlangen. Sie tadelte ihre Nichten, da sie mit jugendlicher
Unbesonnenheit zu Werke gegangen wren, und meinte, ihr Bruder knnte
trotz seiner Vorliebe fr amerikanische Verhltnisse solche Tollheiten
unmglich gut heien. Aber Maud brachte sie dadurch zum Schweigen, da
sie ihr erwiderte, es wre alles ganz genau nach den Wnschen und
Anordnungen ihrer Eltern eingerichtet.

Die Tante begngte sich nun damit, mibilligend den Kopf zu schtteln
und, heimgekehrt, der alten Grete ihr Leid zu klagen und auf die
neumodischen Leute zu sticheln, die in ihren Husern alles durch
Maschinen verrichten lieen und sich durch alle mglichen
Bequemlichkeiten ber die Maen verwhnten.

Als das Haus fertig war und auch der Garten mit seinen breiten
Kiespfaden und dem Tennisplatz im Hintergrunde sich in schnster
Ordnung befand, muten Ilse und Irma doch gestehen, da es sehr nett
aussah, wenn sie es zuerst auch ein wenig kalt und nchtern gefunden
hatten. Smtliche Zimmer waren gerumig und hell, whrend das gar zu
grelle Sonnenlicht durch Markisen gedmpft werden konnte. Von allen
Seiten drang frische Luft herein, wo es aber ntig war, gab es
Doppelfenster, die dem Zug den Eintritt wehrten. Nirgends etwas
berflssiges, nirgends ein Mangel an dem Ntigen und Ntzlichen;
berall herrschte auch eine harmonische bereinstimmung der Farben,
die dem Auge wohl tat. Maud und Agnes legten mit ihrer Arbeit Ehre
ein, und auch Karl hatte tapfer mitgeholfen. Kein Wunder, da sie der
Ankunft ihrer Eltern mit grter Ungeduld entgegensahen.

Herr und Frau Mller befanden sich schon seit einiger Zeit auf der
Heimreise und konnten in etwa acht Tagen eintreffen. Kurz zuvor kamen
auch Irmas Eltern mit Gustav aus Berlin, um die Verwandten aus Amerika
willkommen zu heien. Maud und Agnes waren entzckt von ihrer Tante
Ruth und deren Mann. Am Tage nach ihrer Ankunft gaben sie im
Familienkreise ein Konzert, bei dem auch Onkel Heinz nicht fehlte. Er
war immer glckselig, wenn Ruth im Hause ihrer Mutter als Gast weilte,
seine Zuneigung zu ihr blieb sich stets gleich, und auch ihren Gatten
verehrte er als groen Knstler.

Ruth von Holten war eine stattliche, schne Frau in der Vollkraft
ihres Lebens. Sie glich sehr ihrer Mutter, als diese jnger war und
ehe Schmerz und Kummer ihren Zgen einen sanften wehmtigen Ausdruck
verliehen hatten. Ihr Name als Sngerin war auch im Auslande
rhmlichst bekannt; berall erregte sie mit ihrer schnen, in
vorzglicher Schule gebildeten Stimme und ihrem warmen Vortrage
Aufsehen. Ihr Gatte, ein groer Geigenknstler, war ihr in den ersten
Jahren ihrer Ehe ein guter Lehrmeister gewesen. Wo das geniale Paar
sich zeigte, ward es mit Jubel empfangen. Auch Gustav fing an, sich
als Klavierspieler einen Namen zu machen. Er war ein stiller, junger
Mensch, mit den vertrumten Augen seines Vaters. Er freute sich, die
Cousinen aus Amerika kennen zu lernen, aber die heitere, schalkhafte
Agnes setzte ihn oft in Verlegenheit. Er ging ihr wie auch Irma aus
dem Wege, die zwar groe Stcke auf ihn hielt, ihn aber hufig mit
seinem linkischen Wesen und seiner Schchternheit jungen Damen
gegenber neckte. Er fhlte sich mehr zu Maud hingezogen, die ruhig
und ernst mit ihm sprach, ihn nach seinen Studien fragte und sich
nicht allein als Musikfreundin und Kennerin, sondern auch als selbst
musikalisch ausgebildet zeigte. Die Mdchen waren begeistert, wenn
Tante Ruth, Onkel Heinrich und Gustav im Familienkreise musizierten,
vielleicht mit noch mehr Liebe und Hingabe als vor einem groen
Publikum. Fr die Knstlerfamilie war es eine Erquickung, ein wahres
Aufatmen, einmal einige Wochen im Elternhause zu weilen und
gleichzeitig die Mutter und den alten Freund der Familie, Onkel Heinz,
durch ihr Spiel und ihren Gesang glcklich zu machen.--

Ich bin ganz verliebt in Tante Ruth, erklrte Maud, als die drei
Mdchen im Schlafzimmer der Cousinen sich noch ber den Abend
aussprachen.

Agnes schaute sie verwundert an, denn Maud war eine sehr ruhige Natur,
die nicht leicht in Entzckung geriet.

Ja, fuhr sie ungewhnlich erregt fort, nicht nur, weil sie eine so
schne Stimme hat, sondern auch, weil sie durch und durch schlicht und
einfach ist. Und doch hat sie etwas so Vornehmes, gerade wie Gromama.
=Every inch a lady.=

Wenn dir das jetzt schon auffllt, dann sollst du Mama erst in
Konzerttoilette sehen, meinte Irma; frher trug sie immer wei,
jetzt meist schwarzen oder dunklen Samt. Ich sage dir, sie sieht dann
aus wie eine Frstin.

Du mut eigentlich sehr stolz sein, Irma, als die Tochter von so
genialen Eltern. Dein Bruder ist auch sehr talentvoll, sagte Maud.
Hast du selbst nie Musikstunden gehabt?

Jawohl, als ich klein war, bekam ich Klavierstunden. Wie konnte es
anders sein in einer solchen Umgebung? Ich hatte gutes Gehr und wrde
es wahrscheinlich zu etwas gebracht haben, wre ich das Kind
gewhnlicher Eltern gewesen; wirkliches Talent besa ich nicht, und da
erklrten Papa und Mama es fr besser, wenn ich aufhrte. Dilettanten
und Klimperer gb's in der Musik gerade genug.

Hast du dich nie unglcklich gefhlt? fragte Maud sanft, da du in
dieser Hinsicht eigentlich zu kurz gekommen bist? Ich wenigstens wrde
mich von der Natur fr stiefmtterlich behandelt halten, wenn ich
solche Eltern, solchen Bruder und selbst keine knstlerischen Anlagen
bese.

Ich nicht, versetzte Irma lachend und betrachtete ihre schne,
schlanke Gestalt und ihr Engelskpfchen, von einem Heiligenschein
goldblonder Locken umrahmt, mit Wohlgefallen in dem groen Spiegel.

Du bist freilich sehr hbsch, fuhr Maud, ber diese Eitelkeit
gergert, fort, doch Talent zu besitzen ist viel mehr wert.

Vielleicht! Aber drei Talente in einer Familie, das ist wirklich
genug. Ich wrde es als eine schwere Brde ansehen, wenn ich noch ein
viertes vorstellen mte.

Agnes lachte. Was fr ein nrrisches kleines Mdchen bist du, Irma!
Aber sie hat recht, Maud. Es braucht doch nicht jede Frau etwas
Besonderes zu sein.

Das habe ich auch nicht behauptet; Irma beachtet nur zu wenig, da
jetzt von den Frauen etwas anderes verlangt wird, wie in frheren
Zeiten.

Ach was, rief Irma. Onkel Heinz wrde sagen, die Hauptsache ist bei
einer Frau zu allen Zeiten, da sie anmutig, sanft und lieb ist.

Das lt sich alles vereinigen, versetzte Maud so ruhig, als htte
sie den Stich nicht verstanden; eine geistig hochstehende Frau kann
schn, anmutig und lieb sein, das pat sehr gut zusammen.

Na, dann gratulier' ich deinem John, der kriegt ein vollkommenes
Wesen, fuhr Irma gereizt fort, denn oft konnte sie Mauds etwas
pedantische, berlegene Art zu sprechen, nicht ausstehen.

Die Amerikanerin zuckte die Achseln, und Agnes flsterte Irma zu.

Nun vergit du ja Onkel Heinz' Behauptung, da _Lieb_sein das
Anziehendste an einem jungen Mdchen ist.

Schmollend verzog Irma ihr hbsches Mndchen, dann leuchtete es in
ihren Zgen auf, und sie trat zu Maud.

Ich war unartig, sagte sie, ihr die Hand reichend, sei nur nicht
bse.

Die groen Vergimeinnichtaugen blickten unschuldig und kindlich in
das schmale, dunkle und doch hbsche Antlitz der andern. Maud begriff
nicht, warum ihr Trnen in die Augen traten; sie war doch sonst nicht
so weichherzig. Pltzlich schlang sie die Arme um Irmas Hals und kte
sie.

Ich reizte dich, flsterte sie. Ich glaube, ich mchte dich gar
nicht anders haben als du bist.

Endlich brach der groe Tag an, der zu Fritz' und Mariannes Heimkehr
bestimmt war. Ilse konnte kaum daran glauben. Einundzwanzig Jahre
waren verflossen, seit die blonde Marianne ihrem Manne nach San
Franzisko gefolgt war. Ihre Mutter stellte sie sich noch immer vor als
das feine, zarte Mdchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, und nun
kehrte sie heim als Frau und Mutter erwachsener Kinder, von denen die
lteste bers Jahr auch schon in die Ehe treten sollte.

Den ganzen Tag herrschte grte Geschftigkeit. Schon frh morgens
hatte die ganze Familie sich nach dem neuen Hause begeben, wo Herr und
Frau Mller empfangen werden sollten. Ein groes Festmahl ward
hergerichtet. Maud gab mit gewohnter Ruhe und Sicherheit den neuen
Dienstboten ihre Befehle. Tante Ruth, die sich schon als junges
Mdchen nie mit dem Haushalt beschftigt hatte und seit ihrer
Verheiratung die ganze Sorge dafr andern berlassen mute, schaute
bewundernd zu, wie Maud in kurzer Zeit ohne Umstnde allerlei Dinge
beschaffte, wozu sie selbst Stunden gebraucht htte. Gromutter Ilse
war zu aufgeregt, um sich um irgend etwas zu kmmern. Sie, die jetzt
meist gleichmig ruhig blieb, wanderte rastlos hin und her. Sie lief
durch smtliche Rume, fragte Maud und Agnes hundertmal, ob auch alles
in Ordnung sei, und zhlte die Stunden, die halben Stunden, zuletzt
die Minuten, die noch verlaufen muten, ehe die Erwarteten eintreffen
konnten. Im Garten waren Irma, Agnes und Karl beschftigt, Lampions
und kleine Fhnchen zwischen den Bumen anzubringen und die letzte
Hand an eine Ehrenpforte zu legen, die sie mit Hilfe von Grtner und
Zimmermann errichtet hatten. Sogar der stets so stille und
zurckhaltende Gustav, der den Kopf voller Melodien, sich am
glcklichsten fhlte, wenn er allein am Flgel in Gromutters Salon
bleiben konnte, beteiligte sich an der allgemeinen Geschftigkeit,
stand auf einer Leiter und befestigte zwischen dem dunklen Tannengrn
rote und weie Rosen und bunte Gladiolen.

Ilse hatte an Tante Elisabeth geschrieben und sie gebeten, auch zu
kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz
behauptete, die alte Essigpflaume werde das ganze Fest und die Freude
des Wiedersehens stren, aber Frau Gontrau blieb fest. Die einzige
Schwester von Fritz und die rechte Tante der Kinder gehrte zu ihnen,
und es wre nicht mehr als recht und billig, sie einzuladen. Ein
allgemeiner Jubelschrei brach los, als eine Absage von der alten Dame
kam. Sie schrieb ein sauerses Briefchen, in dem zwischen den Zeilen
zu lesen stand, da der Hauptgrund ihr rger ber die Mdchen war,
die, ohne sie um Rat zu fragen oder sich an ihre Bemerkungen zu
kehren, das Haus eingerichtet hatten und viel zu beschftigt gewesen
waren, um den Besuch bei der Tante zu wiederholen. Sie wolle die
Freude des ersten Beisammenseins nicht stren. Sie begreife, da man
da lieber ganz unter sich sein mchte, und zge es vor, spter zu
kommen, wenn man fr sie mal einen Moment Zeit htte &c. &c. Sogar
Ilse war nahe daran bse auf dies Geschpf zu werden, das sich stets
zurckgesetzt fhlte und in seiner Unzufriedenheit und Bswilligkeit
die besten Absichten falsch auslegte. In ihrem Herzen war sie freilich
auch froh, da Tante Elisabeth nicht kam, aber es tat ihr weh, da die
Kinder sich darber so auerordentlich freuten, und das einsame Wesen,
das sich sein Leben selbst verdarb, erregte ihr hchstes Mitleid.

Es war bestimmt, da das junge Volk zur Bahn gehen sollte. Ilse wollte
Schwiegersohn und Tochter in Gesellschaft Ruths, ihres Mannes und
Onkel Heinz' im Hause erwarten. Letzteren rechnete man so ganz zur
Familie, da er nicht fehlen durfte. Mit seiner gewohnten Heftigkeit
hatte er sich zuerst dagegen gewehrt. So 'n alter Knaster gehrte bei
solcher Gelegenheit nicht dazu; es ginge ihn nichts an, wenn Sohn und
Tochter nach so langer Abwesenheit zum ersten Male die Mutter
wiedershen. Als die Kinder kamen, war es etwas andres, jetzt aber
msse er sich schmen, wenn er auch wieder so unbescheiden wre,
seine Nase mit hineinzustecken.

Unsinn, Onkel Heinz, erklrte Ilse, Mariannes erste Frage wrde
nach Ihnen sein. Und fgte sie leise, nur ihm verstndlich hinzu,
nun mein Leo nicht mehr ist, mssen Sie an seiner Stelle sein Kind
bewillkommnen, das wissen Sie wohl.

Da drckte der Professor seiner alten Freundin dankbar die Hand; die
Augen wurden ihm feucht, aber um das nicht merken zu lassen, schrie er
Karl an, da die Transparentbuchstaben des _Willkommen_, die ber
der Ehrenpforte prangten, schief stnden und da doch nie etwas
ordentlich gemacht werde, wenn er sich nicht darum kmmere.

Endlich hielt Ilse ihre blonde Marianne in den Armen, und in ihre
Trnen mischte sich Freude ber das Wiedersehen und Trauer im Gedanken
an den Heimgegangenen.

Onkel Fritz machte, nachdem die erste Rhrung vorber war, frhlich
Bekanntschaft mit seinem Schwager von Holten, seinem Neffen Gustav und
seinem Nichtchen Irma und frischte sofort mit Onkel Heinz alte
Erinnerungen auf. Die ganze Gesellschaft schritt paarweise durch
smtliche Rume des neuen Hauses, betrachtete und bewunderte alles und
vereinigte sich in frhlichster Stimmung bei der Abendmahlzeit. Beim
Nachtisch stiegen die Raketen im Garten prasselnd in die Hhe, und
zwischen den dunklen Bumen glnzten die Lampions. Das Knallen der
Champagnerpfropfen erregte lauten Jubel bei der Jugend, Professor
Fuchs brachte den schwungvollsten, wrmsten Toast aus, der je ber
seine Lippen gekommen war, und an diesem Abend gab es in der ganzen
Stadt keine glcklicheren Menschen als Gromutter Ilse Gontrau mit
ihren Kindern und Enkeln.

Whrend der ersten Wochen, die auf die Heimkehr der amerikanischen
Familie folgten, herrschte in dem sonst so stillen Haushalt der Frau
Gontrau frhliches Leben und Treiben. Sie bestand darauf, ihre Kinder
und Grokinder alle Tage zu sehen, und so wurden eine Menge kleiner
Familienfeste gefeiert. Zuweilen nahm auch Tante Elisabeth daran teil,
aber sie hatte viel zu tadeln und zu nrgeln. Sie sthnte ber Klte,
wenn die andern es vor Hitze kaum aushalten konnten, und war rauhes
Wetter, so fand sie es drckend hei. In spitzem Ton erklrte sie, da
ihr nichts daran gelegen sei, Besuche zu machen oder zu empfangen.
Doch kamen die andern ohne sie zusammen, so fhlte sie sich verletzt
und beklagte sich bitter, wenn eine Woche verging, ohne da jemand aus
der Familie sie besuchte. Es war schwer mit ihr umzugehen und ohne
Zureden der Gromutter, die Mitleid mit ihr hatte und stets bemht
war, Tante Elisabeth freundlicher zu stimmen, wrden sich die andern
wenig um sie bekmmert haben.

Ein herrlicher Sommertag folgte dem andern und Holtens fingen an, von
der Abreise zu reden. Die Zeit, die sie ihrer Familie widmen konnten,
nahte dem Ende, und sie muten nach Mnchen, wo sie sich fr
verschiedene Konzerte und Musikauffhrungen verpflichtet hatten. Vor
ihrem Scheiden wollte Gromama Gontrau noch gern ein Abschiedsfest
geben, doch konnten sie sich nicht recht ber die Art desselben
einigen. Irma schlug eine =garden-party= vor. Im Garten sollten
lange Tafeln aufgeschlagen und auf dem groen Rasenplatz vor dem Hause
gespeist werden. Das Ezimmer liee sich leicht ausrumen und in einen
Tanzsaal verwandeln. Der Garten msse am Abend glnzend illuminiert
werden. Sie war sogar fr ein Kostmfest; welch herrliche Wirkung
wrde das im Grnen mit den Papierlaternen und tausend kleinen
Lmpchen machen.

Die andern aber lachten sie grndlich aus. Onkel Heinz fragte, wo die
Herren wohl herkommen sollten? Auer Gustav und dem kleinen Karl gab
es keine jungen Leute; er neckte sie so mit ihrem schnen Plan, da
sie sich erst beschmt zur Gromama setzte und dann ganz bs erklrte,
Onkel Heinz solle etwas besseres vorschlagen.

Ich schlage vor, da wir gar nichts unternehmen. Wir haben in der
letzten Zeit nichts getan als Feste gefeiert und gut gegessen. Ich
meine, nun knnten wir wohl Schlu machen.

Aber gegen diese Meinung erhob sich ein wahrer Sturm der Entrstung
von seiten des jungen Volkes. Onkel Heinz wurde von den Mdchen so in
die Enge getrieben, da er sich schlielich schuldig bekannte und
untertnig gelobte, an jeder Festlichkeit teilzunehmen, wie verrckt
sie auch sein mchte.

Hrt mal, nahm Ilse das Wort, ich habe einen Plan. Aber erst mu
ich euch erzhlen, da ich gestern einen Brief von meiner
Jugendfreundin Flora Werner erhielt. Ruth, Marianne, erinnert ihr euch
noch ihrer beiden Tchter Thusnelda und Hildegard?

Ja, Mama, versetzte Marianne. Mir ist, Thusnelda htte sich
verlobt, als Fritz und ich nach San Franzisko abreisten.

Du hast ganz recht, sie war damals mit einem Kaufmann verlobt, ist
aber nun schon seit zehn Jahren Witwe. Auch der alte Herr Werner ist
gestorben, und Flora lebt bei ihrer Tochter.

Und Hildegard?

Die ist in Indien. Thusnelda hat drei Kinder, ihr ltester Sohn ist
Offizier, der zweite Ingenieur, bewirtschaftet aber gegenwrtig die
ausgedehnten Landgter, die sein Grovater hinterlie; dann ist noch
eine Tochter da in deinem Alter, Agnes.

Aber was hat das alles mit unsrem Fest zu schaffen, Gromama?

Wartet nur. Flora Werner schrieb mir, da ihre beiden Groshne mit
der Schwester einen Ausflug in unsere Gegend machen wrden, und sie
fragt an, ob unser Haus ihnen fr einige Tage offen stnde. Da dachte
ich, wenn ihr die beiden jungen Leute aufnehmen wolltet, Marianne, und
das Mdchen bei uns wohnte, dann wrden sie unser Fest verherrlichen
knnen.

Das ist eine gute Idee, Mama, meinte Marianne. Ihr Mann fing sofort
an, Irma und Agnes zu necken mit der wundervollen Aussicht, einen
Leutnant in ihrer Gesellschaft zu haben.

Pat nur auf, spottete Onkel Heinz, was geschieht, wenn er einer
von euch besonders den Hof macht! Dann kratzt ihr euch gegenseitig die
Augen aus.

Natrlich hatten die beiden Herren fr ihre Neckereien zu ben und
muten klein beigeben. Nachdem wieder Ruhe eingetreten war, fuhr
Gromutter Ilse fort:

Ich wrde es nun sehr nett finden, eine Landpartie zu unternehmen.
Wenn wir z.B. nach dem Wasserfall fhren und dort im Wirtshaus
speisten. Wir knnten morgens frh abfahren, nach der Abtei gehen und
spt abend heimkehren. Ich bin seit Jahren nicht dort gewesen, und die
Aussicht, einen ganzen Tag in der wildromantischen Natur zu verleben,
lockt mich sehr.

Ja, ja, Frau Ilse, Sie haben solch abenteuerliche Touren immer
geliebt, scherzte der Professor. Ich erinnere mich noch, da Sie uns
mal im Mondenschein auf den Schneekopf schleppten.

Das war in der guten alten Zeit, entgegnete sie gedankenvoll, es
war herrlich damals mit Leo und meiner lieben Nellie.

Irma, Agnes und der kleine Karl waren in Jubel ausgebrochen ber
diesen kstlichen Plan. Auch Gustav und Maud fanden die Idee sehr
hbsch, wenn sie auch ihren Beifall weniger lebhaft uerten.

Wir mssen in geschmckten Wagen fahren, Gromama, schlug Irma vor,
lauter Landauer zu vier Personen.

Nein, nein, ein paar groe Kremser, das ist gemtlicher.

Wie viele sind wir denn? zhlte die Kleine. Tante Marianne und
Onkel Fritz; ihr drei Kinder, Gromama, Papa, Mama, Gustav und ich,
Onkel Heinz, die drei Gste, das macht vierzehn Personen.

Und Tante Elisabeth?

Nein, ach bitte, die nicht, riefen die Kinder. Wenn die mitkommt,
geht alles schief. Du wirst sehen, dann haben wir schlechtes Wetter
und es passiert ein Unglck.

Welcher Unsinn! Ihr braucht euch nicht um sie zu kmmern. Onkel Heinz
wird bei dieser Gelegenheit ihr Kavalier sein, nicht wahr?

Besten Dank, seufzte der Professor erschreckt; das Frauenzimmer hat
ein Gesicht, als ob sie bestndig in eine Zitrone beien wrde; da
kommen einem ja die Trnen in die Augen.

Alle lachten, Frau Gontrau erklrte aber in entschiedenem Tone:

Ich gebe die Landpartie und habe daher das Recht einzuladen, wen ich
will. Tante Elisabeth kommt mit.

Wenn Gromutter Ilse so energisch sprach, lie sich kein Widerspruch
hren. Ruth und Marianne gaben den Kindern einen Wink zu schweigen. Es
wurde nicht mehr ber Frulein Mller gesprochen und alles, was auf
die Landpartie Bezug hatte, weiter beraten.

Einige Tage darauf kamen die jungen Gste an. Flora Werners ltester
Grosohn, Ludwig Reicher, war ein schneidiger Offizier. Sein hbsches
Gesicht mit dem keck aufgedrehten Schnurrbart hatte einen angenehmen
Ausdruck. Es zeigte sich indessen bald, da er nicht wenig von sich
eingenommen war, und noch hatte Onkel Heinz keine Stunde in seiner
Gesellschaft zugebracht, da nannte er ihn in Gegenwart der jungen
Mdchen schon einen Affen in Uniform; diese aber erwiderten, da man
es dem alten Brummbren nie recht machen knne, und alle erklrten
einmtig den Leutnant fr einen sehr netten Menschen mit feinen
Manieren, der sich hchst vorteilhaft einfhrte. Der zweite Bruder,
Hans, war ganz anders. Kurz und breit von Gestalt, stach er gewaltig
gegen den schlanken, zierlichen Leutnant ab. Sein Antlitz, mit der
gebrunten Farbe, den grauen Augen, dem groen Munde und der gebogenen
Nase war eher hlich zu nennen; einem erfahreneren, scharfblickenden
Auge aber erschien es viel intelligenter als das Antlitz des schnen
Ludwig. Wenn dieser sprach, schwieg Hans meistens; er lie sich von
seinem Bruder vllig in den Schatten stellen, und in gewisser Hinsicht
war ihm das sogar angenehm; denn er zeigte sich sehr verlegen und
wurde zum groen Gaudium, besonders der Amerikanerinnen, bis ber die
Ohren rot, wenn jemand ihn unverhofft anredete. Vorzugsweise war das
der Fall, wenn Irma die groen blauen Augen zu ihm aufschlug; und da
das kleine, eitle Ding sofort merkte, da es ihn in Verlegenheit
setzte, machte es ausgiebig Gebrauch davon, um hinterher mit Agnes
herzlich ber den Bauer zu lachen. Die Jngste, nach ihrer
Gromutter Flora getauft, war eine einfache, liebliche Erscheinung mit
blonden Zpfen, auch wohl ein wenig schchtern und verlegen, aber so
sanft und gretchenhaft in ihrem ganzen Wesen, da jeder sich gleich zu
ihr hingezogen fhlte.

Das innige Zusammenleben von Frau Gontrau und ihren Kindern und Enkeln
dehnte sich auch auf die Gste aus, die sich bald ganz wie zu Hause
fhlten. Als der Tag der Landpartie anbrach, ging der Leutnant Ludwig
mit den amerikanischen Mdchen schon ganz kameradschaftlich um und
flirtete lebhaft mit Agnes, was Irma ein klein wenig rgerte. Hans
wagte ganz schchtern der bezaubernden kleinen Holten einige
Komplimente zu machen, und Flora lauschte, Trnen in den Augen, dem
Klavierspiel Gustavs, zu dem sie mit groer Bewunderung und
Ehrerbietung emporschaute.

Karl hatte an dem wichtigen Tage keine Ruhe. Schon ganz frh tobte er
durch das Haus, lief von Zimmer zu Zimmer und klopfte an jede Tr, um
seinen Eltern, seinen Schwestern und den beiden Reichers zuzurufen,
da das Wetter schn sei. Die Sonne strahlte hell und warm vom
wolkenlosen Himmel herab, und es war ein solcher berflu von Duft,
Licht und Farbenpracht in der Natur, da jedes Herz freudig gestimmt
wurde.

Als Fritz und Marianne mit ihren Kindern und den beiden Gsten zu Frau
Gontrau kamen, fanden sie die ganze Familie schon im Garten
versammelt. Gromutter Ilse war, wie immer, schwarz gekleidet, aber
mit einem so hbschen Hut auf dem krausen, schlohweien Haar, da
Agnes, sie umarmend, erklrte, Gromama sei die schnste alte Dame,
die sie kenne. Onkel Heinz bemhte sich nach Krften, ein recht
grimmiges Gesicht zu machen, schaute aber doch mit vor Lebenslust
funkelnden Augen unter seinem breitrandigen Schlapphut auf all die
frhlichen Menschen. Tante Elisabeth, trotz der Hitze in einem
braunwollenen Kleide, einen groen Regenschirm in den Hnden,
prophezeite, da die Witterung sich ndern werde. Ruth und ihr Mann
mit ihrem eigenartig knstlerischen und eleganten uern, durch das
sie berall und jederzeit auffielen, verlachten ihre Befrchtungen.
Gustav, der sich mit Flora etwas abseits hielt, erzhlte dieser, wie
schwer es ihm fiele, einen ganzen Tag auf sein Klavierspiel zu
verzichten. Irma sah so bezaubernd aus in einem weien Mullkleidchen
mit hellblau verziert, da Hans gar nichts zu sagen wute, Ludwig sie
bewundernd anschaute und ihr eitles Herzchen vor Stolz hoch
aufschwoll.

Nun fuhren die Wagen vor; zwei bequeme, wenn auch altmodische
Fahrzeuge, die aber jetzt elegant und malerisch aussahen, so reich
hatte das junge Volk sie mit Blumengewinden und Tannenguirlanden
geschmckt.

Das war ein Leben! Gromutter Ilse und Tante Elisabeth wurden zuerst
hineingehoben; letztere erkundigte sich mehrmals, ob die Pferde auch
nicht wild seien, und versicherte, da sie sich eigentlich gar nichts
aus Spazierfahrten mache. Mit einem wahren Mrtyrergesicht wollte
Onkel Heinz zwischen den beiden Damen Platz nehmen, als Agnes und
Ludwig erklrten, da er zu den jungen Leuten gehre.

Ich? Seid ihr denn ganz verrckt? rief er scheinbar wtend aus; was
wollt ihr mit so 'nem alten Querkopf anfangen?

Irma aber warf ihm lachend einen in der Eile geflochtenen Kranz von
Eichenblttern ber den Hut und sagte:

Siehst du, Onkel, wenn wir nun noch einen Esel htten, knntest du
gut als Silen gehen. Wir Mdchen sind die Nymphen, die jungen Leute
Faune, bis auf Hans, der hat die prchtigste Gestalt fr Gott Bacchus
selbst.

Alle lachten. Hans wurde rot, besiegte aber seine Verlegenheit und
rief:

Wenn ich Bacchus vorstellen soll, hab' ich als Gott zu befehlen, und
dann will ich mit Ihnen allein auf der vordersten Bank sitzen, Irma.

Bravo, jubelte Ludwig, und unter allgemeinem Scherzen erkletterten
die jungen Leute den vordersten Wagen. Professor Fuchs wurde in die
Mitte genommen. Ruth und Marianne mit ihren Mnnern kamen natrlich zu
Gromama und Tante Elisabeth. Auch Gustav zog es vor, bei den lteren
Leuten zu sitzen; die lebhafte jugendliche Schar war ihm zu lrmend,
und Floras Herz klopfte vor Freude, als er ihr erklrte, neben ihm sei
noch ein Pltzchen fr sie frei.

So rasch wie mglich ging es zur Stadt hinaus, um Aufsehen zu
vermeiden. Dann migte die Steigung der bergan fhrenden Chaussee die
Schnelligkeit der Fahrt. Wurde der Weg zu steil, so stiegen die
Kutscher ab und schritten, die Zgel in der Hand, neben den Wagen her.
Manchmal gingen auch die Herren ein Stck Wegs zu Fu, und dann
blieben die Damen mit Onkel Heinz, dem das ewige Aus- und Einsteigen
zu mhsam war, sitzen. Zu beiden Seiten der Strae dehnten sich
dichte, endlose Wlder; als etwa die Hlfte des Weges zurckgelegt
war, ersuchte der Kutscher des vordersten Wagens, ein dicker
gemtlicher Schwtzer, die ganze Gesellschaft auszusteigen, um die
weit und breit berhmte Aussicht zu bewundern.

Ich rhre mich nicht vom Fleck, erklrte Frulein Mller. Die
brigen folgten gern der Aufforderung und meinten, es tte nach dem
langen Sitzen gut, sich mal die Beine zu vertreten. Was habt ihr denn
von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau
so wie die andre, murrte das alte Frulein.

Selbst Gromutter Ilse zuckte ungeduldig die Achseln, als sie sich am
Arm ihres ltesten Schwiegersohnes auf den Felsvorsprung begab, um die
herrliche Aussicht zu bewundern.

Tief unten lag, wie ein ovaler Silberspiegel, ein kleiner See inmitten
eines fruchtbaren Tales. Ab und zu ertnten die Glocken der Herden wie
eine wohllautende, aus weiter Ferne herberklingende Musik, und auf
den umliegenden Bergen grasten friedlich schwarz- und weigefleckte
und rotscheckige Khe. Soweit das Auge reichte, waren die Felsen mit
Schlingpflanzen und Farnen wie mit Mnteln berhangen, zwischen denen
schneeweie und goldgelbe Bltendolden hervorschimmerten. Wunderbar
strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab und tauchte die
reiche, ppige Landschaft in glhende Farben.

Die ausgelassene Heiterkeit verstummte, selbst laute Bewunderung htte
strend gewirkt. rgerlich schaute Gustav Irma an, als sie Hans
scherzend fragte, ob er einen senkrecht steilen Felsen in ihrer Nhe
erklettern und ihr die blauen und weien Blumen pflcken wolle, die
sich um die Spitze schlangen.

Seien Sie praktisch und stellen Sie erst im voraus Ihre Bedingungen,
was Sie dafr haben wollen, rief Maud lachend, whrend Hans mit
zweifelnder Miene hinaufschaute und dann eingestand, da ihm seine
gesunden Gliedmaen doch zu lieb seien, um sie bei einem solchen
Wagestck aufs Spiel zu setzen.

Dadurch war der Zauber gebrochen. Ruth von Holten wischte sich eine
Trne aus den Augen und tippte ihrem Manne auf die Schulter, der
trumerisch in die Ferne blickte und wie aus tiefem Sinnen auffuhr,
als er sah, da die andern sich wieder nach den Wagen begaben.

Tante Elisabeth hatte sich unterdessen damit die Zeit vertrieben, da
sie in dem unter dem Sitze stehenden Korbe herumschnffelte, einen
Sack mit glasierten Frchten herausholte und sich daran labte. Als der
kleine Karl, der vorausgelaufen war, wie eine Katze ber die Bnke des
Wagens sprang, schrie er laut:

Schnell, Gromama, Tante Elisabeth nascht aus deinem Korbe!

Frulein Mller erschrak so heftig, da sie den Sack fallen lie; die
leckeren Frchte wrden sicher auf den Boden gerollt sein, wenn Agnes
nicht herbeigeeilt wre und das Unglck noch rechtzeitig verhtet
htte.

Tantes drre Finger krmmten sich, und da Karls Haupt sich gerade in
ihrem Bereich befand, griff sie in seine Locken und schttelte ihn
tchtig hin und her.

La mich los, rief der Junge, alle Hflichkeit vergessend. Bist du
verrckt geworden, Tante? Ich hab' nicht genascht, sondern du!

Die ganze Gesellschaft war jetzt herangekommen. Karl befreite sich mit
einem Ruck und wollte mit feuerrotem Gesicht und einem drohend nach
der alten Dame ausgestreckten Finger verkndigen, was sich zugetragen
hatte, als Gromutter Ilse ihm zuvorkam. Mit einem einzigen Blick
begriff sie alles und sagte ruhig:

Das ist auch wahr. Tante Elisabeth erinnert mich daran, da ich noch
eine kleine Erfrischung fr unterwegs mitgenommen habe. Reiche sie
herum, Agnes.

Alle schmunzelten verstohlen, schauten sich verstndnisvoll an, wagten
aber keine Bemerkung zu machen. Agnes prustete los, als sie mit dem
Sack zur Tante kam und diese schroff und giftig dankte. Onkel Heinz
und Irma lachten laut auf. Bse und neidisch wie eine Spinne, zog sich
die alte Jungfer in ihr Eckchen zurck und machte ein Gesicht, als sei
ihr das grte Unrecht von der Welt geschehen.

Langsam ging die Fahrt nun wieder bergan, aber die jungen Leute wurden
jetzt ungeduldig. Das einfrmige Schrittfahren langweilte sie; sie
sehnten sich, den Bestimmungsort zu erreichen. Endlich verengte sich
die Fahrstrae und einige groe Holzgebude wurden sichtbar. Das waren
die Stallungen der Wirtschaft, die ungefhr noch eine Viertelstunde
entfernt lag. Hier hatte das Fahren ein Ende, es wurde ausgespannt
und die Gesellschaft machte sich zu Fu auf den Weg.

In der Ferne hrte man schon das Rauschen des Wasserfalls, der das
Wirtshaus und seine Lage berhmt gemacht hatte. Bald wurde der Pfad so
schmal, da nur einer hinter dem andern hergehen konnte. Der Professor
erbot sich, den Zug anzufhren, er kannte den Weg und sagte, er sei
gefhrlich. Nun wollte Tante Elisabeth zurckbleiben, sie sei zum
Vergngen mitgekommen und hielte es fr eine Snde, sich Gefahren
auszusetzen.

Unsinn, erklrte Frau Gontrau, Onkel Heinz will uns nur necken;
gehen Sie hinter mir her, Elisabeth, und seien Sie nicht bange, es ist
nicht schwierig.

ngstlich, mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen folgte die Tante; sie
hielt sich zu Karls unaussprechlichem Gaudium an Ilses Kleid fest, was
der Junge gleich nachmachte, indem er die Tante bei den Rcken packte.
Dies Beispiel wirkte ansteckend; die jungen Leute faten einander am
Rock oder Kleid, und so ging es im Gnsemarsch in Schlangenwindungen
vorwrts. Immer schmler wurde der Pfad; er fhrte durch eine tiefe
Schlucht. Rechts und links erhoben sich hohe Felswnde, von Tannen,
Fichten und Buchen gekrnt und mit Moos und Ginsterbschen ber und
ber bedeckt.

Wie unheimlich, meinte Frulein Mller. Karl, la mich los; du
zerreit mir mein Kleid. So la doch los.

Wenn wir fallen, liegst du zu unterst, Tante, schrie ihr Plagegeist
mit lauter Stimme, um das Rauschen des Wasserfalls zu bertnen, das
immer gewaltiger klang und bald in ein ohrenbetubendes Brausen
berging.

Pltzlich ward der Weg breiter, der Professor bog um eine Ecke und
blieb auf einem groen Felsblock stehen. Die lebende Guirlande
verteilte sich und drngte sich auf dem engen Raume zusammen. Die
jungen Leute lachten, die Mdchen kicherten, Frulein Mller stand
Todesngste aus, da sie herunterstrzen knnte, obschon der ganze
Aussichtspunkt mit einem Gelnder von rohen Baumstmmen umgeben war.
Karl und Irma drngten sie immer mehr nach vorne; Elisabeths
entrstete Ausrufe bertnte das donnerhnliche Brausen des
Wasserfalls.

Endlich hatte jeder einen bequemen Platz und Sttzpunkt gefunden und
gab sich mit Andacht dem groartigen Naturschauspiel hin. In
gewaltigen Massen strzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil ber einen
steilen Abhang strmend und sich bei jeder vorstehenden Felsspitze in
tausend Strahlen verteilend, die zusammen einen unsagbar schnen
Fcher von Silberschaum bildeten.

Atemlos standen alle und staunten und konnten sich von dem Anblick des
prchtigen Falles nicht trennen, bis Onkel Heinz endlich mit
Stentorstimme ein Vorwrts! kommandierte und vorsichtig eine in den
Felsen gehauene Treppe hinabstieg, die direkt zu dem freundlichen
Wirtshaus fhrte. Es lag mitten im Walde, von hohen Fichtenstmmen
umgeben, aus denen in geringer Entfernung die malerischen Trme der
alten Abtei hervorragten.

Im Garten des Wirtshauses herrschte reges Treiben. Es war noch in der
Ferienzeit; eine Menge Fremder sowie Bewohner der umliegenden
Ortschaften hatte gleichfalls das schne Wetter herausgelockt, um dem
Wasserfall und der Abtei einen Besuch abzustatten. Viele Studenten mit
farbigen Mtzen und weien Beinkleidern bildeten frhliche Gruppen.

Alle Sthle waren besetzt, und die Gste, die weder an den Tischen
noch auf den Bnken Platz gefunden, wanderten unruhig auf und ab.
Etwas verstimmt schaute sich unsre Gesellschaft um; es war nicht
verlockend, bei diesem herrlichen Wetter drinnen im Saale zu speisen,
aber es schien nichts andres brig zu bleiben. Mittlerweile hatten die
jungen Mdchen Aufmerksamkeit erregt; Irma und Agnes standen in der
Nhe einer Gruppe von Studenten, die sich mit den Augen zuwinkten und
einander anstieen. Pltzlich erhob sich einer von ihnen, nahm die
kleine Cerevismtze von dem pechschwarzen Kraushaar, nherte sich dem
Professor und fragte hflich:

Ich habe doch die Ehre, Herrn Professor Fuchs zu sprechen?

Der alte Herr schaute ihn durchdringend an.

Ich glaube, ich kenne Sie, junger Mann, kann Sie aber nicht
unterbringen.

Von Hochstein, stellte sich der Student vor, indem er dem ganzen
Kreise seine Verbeugung machte. Ich gehre noch zu Ihren ehemaligen
Schlern, Herr Professor. Darf ich Ihnen und Ihrer Gesellschaft unsern
Platz anbieten? Wir sind fertig, unsre Tafel kann schnell abgerumt
werden.

Mit einer hflichen Verbeugung auf die Dankesbezeugungen der
Gesellschaft antwortend, rief er einige Kellner und erteilte ihnen
seine Befehle. Sie waren so dienstbeflissen, als ob er eine bekannte
und einflureiche Persnlichkeit wre.

Dann winkte er einem in der Nhe sitzenden Blumenmdchen und kaufte
die schnsten Rosen aus ihrem Krbchen. Mit vollendeter Ritterlichkeit
nherte er sich Maud und Agnes und berreichte ihnen ein paar
Struchen, welche die amerikanischen Mdchen ohne die geringste
Verlegenheit freundlich dankend annahmen und in den Grtel steckten.
Flora erhielt ein Struchen Vergimeinnicht und Heliotrop, worber
sie bis ber die Ohren errtete; endlich trat er zu Irma und reichte
ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.

Sollten Sie die Blumen auch nachher fortwerfen, ich wrde mich doch
fr den glcklichsten der Sterblichen halten, wenn Ihre Hnde sie nur
einmal berhrten, flsterte er leise.

Irma fhlte, da sie rot wurde, aber sie zwang sich aufzuschauen und
blickte in ein paar schwarze, schmelzende und doch kecke Augen. Das
schne Gesicht mit seinen feinen, aristokratischen Zgen wre ohne den
gewaltigen Schmi auf der rechten Wange vielleicht etwas weibisch
erschienen. Sie schlug verwirrt die blauen Augen nieder und nahm die
Rosen mit ein paar gestammelten Dankesworten.

Er schwenkte sein Cerevis, als ob es ein Marschallshut mit wallendem
Federbusch wre, verbeugte sich fast bis zur Erde und entfernte sich
mit seinen Kommilitonen.

Wer war das, Onkel Heinz? fragte Ruth.

Jetzt erinnere ich mich, er war mein Schler und benahm sich immer
ein bichen verdreht. Er ist ein Baron von Hochstein, der zum ltesten
Adel des Landes gehrt.

Er ist ein Geck, brach Hans Reicher los, und ihr, fuhr er
entrstet zu den Mdchen fort, solltet euch schmen, Blumen von
jemand anzunehmen, der euch total unbekannt ist.

Maud erwiderte ruhig, sie sehe kein Unrecht darin, eine Hflichkeit
anzunehmen, die im Beisein der Eltern und der ganzen Familie erwiesen
werde.

Irma schaute Hans lachend an, roch an ihren Rosen und befestigte sie
sorgfltig in ihrem Grtel. Ruth nherte sich ihr und flsterte
tadelnd:

Du mut nicht so kokett sein, Irma, mein Kind.

O, es ist doch nur Hans, versetzte sie, whrend sie sich mit einem
strahlenden Lcheln auf dem reizenden Gesichtchen zu Agnes gesellte.
Ruth warf einen mitleidigen Blick auf den jungen Mann.

Die Gesellschaft nahm an den inzwischen gedeckten Tafeln Platz und tat
sich gtlich an den schmackhaft bereiteten Speisen und dem Rheinwein,
der in zierlichen, goldglnzenden Rmern perlte.

Nach dem Essen gingen Ruth und ihr Mann noch einmal zu dem Wasserfall,
um das groartige Schauspiel in aller Stille zusammen zu genieen.
Fritz und Marianne wanderten mit Maud ein Stck in den Wald. Ilse
sehnte sich, nun die lebhafte Mittagsstunde vorber und es im Garten
fast leer geworden war, still unter dem Laubwerk der hohen Bume zu
ruhen und Onkel Heinz teilte ihren Wunsch. Tante Elisabeth suchte sich
im Hause ein bequemes Sofa, wo sie ihr Mittagsschlfchen halten
konnte. Das junge Volk beschlo, der Abtei einen Besuch abzustatten.

Ludwig und Agnes gingen voraus. Der Pfad durch den Wald war nicht sehr
eben, hier und da sogar recht ungebahnt. Es dauerte denn auch nicht
lange, so bot der junge Leutnant seiner Dame den Arm. An einer Stelle,
wo groe, knorrige Wurzeln und ein ganzer Baumstamm den Weg sperrten,
legte er den Arm um die Taille des jungen Mdchens und half ihr ber
die Hindernisse hinweg. Irma folgte mit Hans, behielt aber Karl an
ihrer Seite und nahm keine Notiz von ihrem Anbeter. Des Morgens im
Wagen war sie ganz freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn zwar geneckt,
sich jedoch seine etwas ungeschickten, aber gut gemeinten Huldigungen
gern gefallen lassen. Nun wrdigte sie ihn kaum einer Antwort,
beschftigte sich nur mit Karl und sprang ausgelassen mit diesem ber
die Baumwurzeln. Hans seufzte. Vom ersten Augenblick an, als er in
Irmas strahlende Augen geschaut, hatte das verwhnte, von allen
verhtschelte Kind sein Herz im Sturm erobert. Er kmpfte dagegen,
sagte sich, da es eine Torheit sei, sich so pltzlich zu verlieben,
aber trotz seiner ernsten Natur konnte er nicht anders. Er fhlte,
da er Irma wahrhaft liebte und da es keine Tndelei, sondern eine
ernste, tiefe Zuneigung war, die unzerstrbar in seinem Herzen lebte.
Daher tat es ihm weh, sie jetzt so launisch und flatterhaft zu sehen.
Ein bitteres Gefhl bemchtigte sich seiner bei dem Gedanken an den
glnzenden Studenten, der Irma errten gemacht und den sie mit einem
Blick angesehen hatte, wie ihn, Hans, noch keiner getroffen, auch wohl
nie einer treffen wrde. Trotz seiner Verliebtheit aber war er kein
Narr; er bewahrte seine Wrde und lie Irma ganz unbehelligt.

Er wollte sich Flora und Gustav anschlieen, die den Nachtrab
bildeten. Doch auch ihnen schien seine Gesellschaft nicht erwnscht zu
sein. Der sonst so vertrumte Gustav warf ihm einen unzufriedenen
Blick zu, und endlich bat ihn Flora, ob er nicht nach dem Wirtshause
gehen und ihren vergessenen Spitzenshawl holen mchte. Sie fnde es
kalt und wolle ihn dort mit Gustav auf jener Bank erwarten. Gutmtig
erfllte Hans ihren Wunsch, aber als er mit dem Shawl zurckkam, fand
er das junge Paar nicht mehr; er nahm auf dem aus unbehauenen Stmmen
errichteten Sitze Platz und verlor sich in Betrachtungen ber die
Torheit verliebter Leute.

In der Zwischenzeit hatten die brigen die Ruine des ehemaligen
Klosters erreicht und schweiften zwischen den Mauerresten, Treppen,
Spitzbogen und Gewlben umher. Durch die ffnungen und Spalten, durch
die klaffenden Risse blickten berall der wolkenlos blaue Himmel und
die dunklen Wlder herein. Die grauen, von der Zeit geschwrzten
Mauern waren ganz mit Efeu, Schlingpflanzen und wilden Blumen
bewachsen; hier und da erhoben sich zwischen den moosbedeckten Steinen
einige kleine Fichten- und Tannenbumchen. Im Grase verstreut lagen
noch einzelne Grabsteine, deren Inschriften der Zahn der Zeit fast
verwischt hatte; einige freilich waren noch lesbar und trugen die
Namen lngst verstorbener Mnche und Abte. Totenstille herrschte, und
die ganze Umgebung atmete die Romantik des Verfalls und zeugte von
vergangener Gre. Sogar Irma fhlte sich davon bewegt; ruhig setzte
sie sich in die Nische eines verwitterten Bogenfensters und schaute
trumerisch vor sich hin. Karl, zu lebhaft, um still zu sitzen, hatte
ein paar Eichhrnchen entdeckt, deren lustige, flinke Sprnge ihn
tiefer in den Wald lockten; die andern beiden Paare whlten sich auch
ein ihnen zusagendes Ruhepltzchen, und so war Irma allein. Sie bot
ein entzckendes Bild, von der Fensternische wie von einem breiten
Rahmen umgeben. Sie nahm die Rosen aus ihrem Grtel und atmete ihren
sen Duft ein, dann, einer pltzlichen Aufwallung nachgebend, drckte
sie ihre Lippen auf die feinen Blttchen. In demselben Augenblick
hrte sie einen raschen Schritt, fhlte sie, wie das Blut ihr in die
Wangen scho und Baron von Hochstein stand vor ihr.

[Illustration]

Er tat, als habe er nichts gesehen, grte hchst ehrerbietig, schien
erst vorberschreiten zu wollen und blieb dann pltzlich stehen.

Hat die romantische Schnheit dieses Ortes Sie auch verlockt, hier
etwas zu ruhen, gndiges Frulein? fragte er.

Ja, mein Herr, stammelte Irma verlegen; gleichzeitig erhob sie sich,
um weiter zu gehen.

Ich bitte Sie, rief er erschrocken, lassen Sie sich durch mich doch
nicht stren. Ich wrde es mir nie verzeihen, wenn ich die Ursache
wre, da Sie dies herrliche Fleckchen Erde verlieen. Soll ich
gehen?

Sie berwand ihre Schchternheit und sah ihn an. Auf seinem Antlitz
las sie eine so unverhohlene Bewunderung, da ihr der Mut wuchs.

Dies Reich gehrt mir nicht, entgegnete sie lchelnd, folglich habe
ich nichts zu befehlen.

Dann darf ich also einen Moment verweilen? Kommen Sie oft hierher?

Nein, im vorigen Jahr machten wir zuletzt die Fahrt. Es ist von F.
immer eine ganze Reise nach hier.

Sie wohnen in F.?

Ja, bei meiner Gromutter.

Welch ein Glck!

Warum?

Weil F. kaum zwanzig Minuten mit der Eisenbahn von unserer
Universitt I. entfernt ist.

Wieder wurde Irma rot. Es wird Zeit, da ich meine Gesellschaft
aufsuche, sagte sie, sich erhebend, Karl, wo bist du? rief sie
laut.

La, la, la, la, lie sich die lachende Jungenstimme aus der Ferne
vernehmen. Mit einer Verbeugung verabschiedete sie sich und schritt
dem Knaben entgegen, bevor er merkte, da sie nicht allein gewesen
war.

Ludwig und Agnes lieen nicht lange auf sich warten. Als letztere Irma
sah, flog sie ihr ausgelassen entgegen.

Wo hast du gesessen? fragte sie. Wir haben dich berall gesucht.

Wer's glaubt! lautete die scherzende Antwort. Ihr berlat mich
ruhig meinem Schicksal.

Ich glaubte, Hans sei bei Ihnen, entschuldigte sich Ludwig.

Hans! Irma lachte laut auf. Nein, der hat mich auch im Stich
gelassen.

Sicher nicht freiwillig, meinte Agnes. Armer Hans. Sie schob ihren
Arm durch den ihrer Cousine und flsterte:

Liebling, ich bin so unendlich glcklich.

Irma wute selbst nicht, warum ihr eignes Herzchen so heftig klopfte,
warum ihr so leicht, so selig zu Mute war. Doch nur um Agnes willen,
dachte sie.

Hat .... hat Ludwig sich erklrt? fragte sie leise.

O Irma, ich glaube wirklich, er liebt mich, versetzte Agnes, und ihr
heiteres Gesichtchen war eitel Sonnenschein.

Zu weiteren vertraulichen Mitteilungen blieb keine Zeit, denn Gustav
und Flora tauchten eben auf. Der jugendliche Knstler sah sehr ernst
aus; er ging Hand in Hand mit Flora und schien es nicht zu bemerken,
da die andern sich vielsagend anschauten.

Gemeinsam kehrten sie nach dem Wirtshause zurck. Im Stillen wunderte
sich Irma, da Agnes so heiter war und tat, als sei nichts
vorgefallen. Und doch war ihr etwas ganz Besonderes widerfahren.
Ludwig hatte ihr seine Liebe erklrt. Irma blickte den Leutnant von
der Seite an. Wie hatte sie ihn nur jemals hbsch finden knnen! Nein,
er war gar nicht hbsch, wenn sie ihn mit dem Baron von Hochstein
verglich.

Im Garten fanden sie die ganze Gesellschaft beisammen. Onkel Heinz und
Hans waren an einem abgesonderten Tisch mit der Bereitung einer
Riesenbowle beschftigt. Verschiedene Flaschen Rheinwein, ein paar
Flaschen Champagner, Teller mit Erdbeeren, Pfirsichen und andern
Frchten, standen vor ihnen. Die Damen umringten den Professor und
wollten ihm einige Anweisungen geben, er aber erklrte, er sei stets
wegen seiner Bowlen berhmt gewesen und knne ohne Hilfe fertig
werden. Trinken drften sie davon, um die Zubereitung brauchten sie
sich aber nicht zu kmmern. Tante Elisabeth sagte mit saurer Miene,
da sie es ganz unpassend fnde, wenn junge Leute so viel trnken,
worauf ihr Bruder Fritz lachend erwiderte, sie habe ihre Rechnung
ohne den Wirt gemacht, wenn sie annhme, da sie allein etwas davon
bekme.

Am andern Ende des Gartens saen die Studenten. Irma konnte nicht
anders; sie mute dann und wann verstohlen hinsehen, und ihr Herz
begann ungestmer zu schlagen, als sie Hochstein aufstehen und von
einigen seiner Kommilitonen gefolgt auf sie zutreten sah.

Er nherte sich Frau Gontrau, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und
begann:

Haben Sie etwas dagegen, gndige Frau, wenn wir die jungen Damen und
Herren Ihrer Gesellschaft einladen, an einem improvisierten Balle
teilzunehmen?

Aus dem Speisesaal des Hauses erklangen heitere Tanzweisen, und beim
Schein der mittlerweile angezndeten Lampen drehten sich verschiedene
Paare frhlich im Kreise.

Habt ihr Lust, Kinder? fragte Ilse freundlich.

Ach ja, Gromama! rief da junge Volk entzckt. Selbst Floras Augen
glnzten, aber sie schlug sie nieder und fragte Gustav sittsam, ob er
gern tanze.

Nachdem die gegenseitigen Vorstellungen stattgefunden, bot Baron
Hochstein Irma den Arm, und die junge, frhliche Schar wollte sich
entfernen, als der Professor rief:

Das ist alles gut und schn, aber nach dem Tanze kommen Sie her,
meiner Bowle Ehre zu erweisen, ich lade die Herren Studenten zu einem
altmodischen Rundgesang ein, an dem wir alle teilnehmen wollen.

Ein ohrzerreiendes Vivat, dann strmten die jungen Leute in den
Saal.

Fritz Mller, der mit seiner Frau dem Tanz zusehen wollte, blieb vor
Tante Elisabeth stehen und sagte, ihr lachend den Arm bietend:

Komm, Schwesterlein mein, wollen wir mal probieren, ob wir das Walzen
noch nicht verlernt haben?

Du ttest besser, dich nicht so verdreht anzustellen, versetzte die
alte Jungfer giftig. Sieh lieber, was deine Tchter treiben; ich fr
mein Teil finde es mehr als unpassend, die jungen Mdchen mit
unbekannten Studenten tanzen zu lassen und noch dazu Maud, die Braut
sein will.

Fritz wurde dunkelrot; die sanfte Marianne schaute ihre Schwgerin
vorwurfsvoll an, Gromutter Ilse aber kam beiden zuvor:

Sie sollten sich schmen, Elisabeth, rief sie heftig. Da Sie
selbst sich nicht amsieren knnen und alles verurteilen, was
einfache, schlichte Menschen nett finden und gern mgen, ist Ihre
Sache, aber ich verbitte mir ernstlich, da Sie gegen einen meiner
Gste gehssige Bemerkungen machen. Ich hab' es gut geheien, da die
jungen Mdchen tanzen -- nehmen Sie daran Ansto, so behalten Sie Ihre
Bedenken fr sich, wir werden uns jedenfalls nicht daran kehren.

Erschrocken schwieg Elisabeth. Sie frchtete sich ein bichen vor Frau
Gontrau, die ihr noch immer am hflichsten und freundlichsten
entgegenkam. Die Augen der alten Dame blitzten vor Zorn und fr einen
Moment lebte die alte, aufbrausende Ilse wieder auf.

Ich darf doch wohl sagen, was ich fr unpassend finde, stammelte
Elisabeth, in ihrem Innern noch viel zu entrstet, um nachzugeben.

Nicht, wenn keiner danach fragt, entgegnete Ilse. Sie haben schon
mehr als zuviel Kritik gebt. Geh nur mit Marianne, Fritz. Ruth und
Heinrich haben auch die Absicht, sich in den Saal zu begeben. Wer
wei, wenn die Bowle ganz fertig ist, kommen Onkel Heinz und ich
vielleicht auch auf ein Weilchen und gucken zu. Was meinen Sie, Herr
Professor?

Vortrefflich, Frau Ilse! Wenn mein dummes Bein mir nicht so
aufspielte, wrde ich Ihnen allen einen Hornpipe[1] vortanzen, da Sie
Ihr blaues Wunder erleben sollten.

  [1] Alter englischer Tanz.

Heiter gingen die andern ins Haus. Ilse widmete ihre Aufmerksamkeit
einen Augenblick der Bowle und schaute dann nach Frulein Mller.
Steif und kerzengerade sa diese auf ihrem Stuhl. Frau Gontrau, die
ebenso rasch vershnt war, wie sie heftig werden konnte, frchtete,
die alte Jungfer doch zu hart angefahren zu haben, und hatte schon
wieder Mitleid mit dem einsamen Wesen, das so unglcklich in seiner
Ecke sa, whrend alle andern sich gut unterhielten. Der Professor
schttelte den Kopf, als sie sich zu ihr wendete und freundlich sagte:

Sie mssen nicht bse sein, Elisabeth, weil ich zornig war. Sie sind
mein Gast, und es wrde mir leid tun, wenn ich Sie gekrnkt htte.

Frulein Mllers Mienen wurden nicht sanfter, als sie in sauersem
Tone erwiderte:

Ach, Frau Gontrau, mir gegenber brauchen Sie sich wirklich nicht zu
entschuldigen. Auf mich kommt's nicht an. Jeder darf mich ungestraft
beleidigen. Wenn die Mdchen mich auslachen und Karl frech zu mir ist
und mich zum Gesptt macht, haben alle ihre Freude dran. Um mich
kmmert sich niemand, und Sie brauchen es auch nicht zu tun.

Der Groll und der gekrnkte Stolz, die aus diesen Worten sprachen,
taten Ilse weh und sie nherte sich Elisabeth.

Wollen Sie nicht ein wenig mit mir im Garten spazieren gehen? fragte
sie. Ich habe schon so lange gesessen. Der Professor ist noch mit
seiner Bowle beschftigt.

Wider Willen geschmeichelt, da Frau Gontrau sich so um sie bemhte,
stand Frulein Mller auf. Ilse nahm ihren Arm.

Der Abend war hereingebrochen. Die Kellner zndeten die Laternen im
Garten an; berall leuchteten bunte Lampions zwischen dem Grn auf.
Aus dem Tanzsaal erschallte Musik und heiteres Stimmengesumme. Mit
Absicht schlug Frau Gontrau einen Seitenpfad ein und begann milde:

Liebe Elisabeth, ich war eine Freundin Ihrer Mutter und habe Sie und
Fritz von Geburt an gekannt. Da darf ich mir doch wohl herausnehmen,
Ihnen einen Rat zu geben.

Elisabeth warf den Kopf in den Nacken:

Natrlich, Frau Gontrau.

Sie beklagen sich, da die Menschen nicht lieb zu Ihnen sind; da die
jungen Mdchen Sie unfreundlich behandeln und gerne necken. Vielleicht
haben Sie recht, aber denken Sie einmal nach, und sagen mir ehrlich
und aufrichtig, ob Sie daran wirklich ganz unschuldig sind.

Ich wei nicht, was Sie wollen, entgegnete Tante Mller steif. Ilse
aber lie sich nicht abschrecken.

Wenn Sie sich bemhten, es den Leuten in Ihrem Hause etwas
behaglicher zu machen, fuhr sie herzlich fort, wrden Sie selbst
viel glcklicher sein. Was haben Sie von all den Zimmern, die niemals
eines Menschen Fu betritt, in denen nie ein Fenster geffnet wird,
aus Furcht vor Staub, wo stets alles gleich tadellos und dadurch so
kalt und ungemtlich ist? Wenn es regnet und jemand kommt zu Ihnen,
lautet Ihre erste Frage, ob er sich auch gut die Fe abgewischt hat,
und ich glaube, Sie wrden sich totunglcklich fhlen, wenn etwas
Schmutz und Nsse die Fliesen Ihres Flurs befleckte. Das ermutigt die
Leute nicht; sie fhlen, da sie nicht willkommen sind und bleiben
lieber fort.

Mich besucht doch niemand, versetzte Elisabeth, die ganz bse werden
wollte, aber in Frau Gontraus warmem, teilnehmendem Ton lag etwas
Besnftigendes. brigens begreife ich eigentlich nicht, was Sie das
angeht.

Machen Sie doch einmal den Versuch, fuhr Ilse, die letzten Worte
nicht beachtend, fort. Machen Sie Ihr Haus etwas heller und
frhlicher. Laden Sie das junge Volk einmal ein, bewirten Sie es
einfach, aber gastlich und herzlich. rgern Sie sich nicht, wenn es
lustig und ausgelassen zugeht, und vor allem, legen Sie nicht so
groes Gewicht auf nichtige, kleinliche Dinge. Sorgen Sie, da in
Ihrem einsamen Herzen kein Platz fr dstere Stimmung und Migunst
bleibt. Ich halte viel von Ihnen, Elisabeth, habe Sie gern, und wenn
Sie sich so benehmen, da andere das auch tun, dann wrden Sie viel
glcklicher sein als bisher. Liebe ist das einzige, wahrhaft Ntige
auf der Welt.

Sie haben gut reden, sagte die alte Jungfer, die sich am meisten
ber sich selbst wunderte, da sie nicht bse wurde. Sie sind ihr
ganzes Leben lang von allen angebetet und verwhnt worden, whrend
ich....

Ich wei, fiel Gromutter Ilse ihr ins Wort, Sie haben vieles
entbehren mssen, aber das kann noch gut gemacht werden. Der Anfang
ist freilich nicht leicht, doch glauben Sie mir, der einzige Weg,
Liebe zu ernten, ist Liebe zu sen.

Ja, fr unglckliche, zu kurz gekommene Wesen wie ich vielleicht,
aber nicht fr die Glcklichen, die vom Schicksal Bevorzugten.

Wenn andre wirklich bevorzugt sind, ist es weise, sich darber nicht
zu rgern, sondern sich zu bemhen, durch eigene Verdienste das zu
erwerben, was jenen mhelos in den Scho fllt.

Frau Ilse, wo bleiben Sie? lie sich pltzlich die Stimme des
Professors vernehmen. Meine Bowle ist fertig. Ich habe dem Kellner
den Auftrag gegeben, alles in Ordnung zu bringen. Nun wollen wir einen
Blick in den Tanzsaal werfen.

Gern, Onkel Heinz. Kommen Sie, Elisabeth.

Frulein Mller wute nicht, ob sie ja oder nein sagen sollte, und
Professor Fuchs machte ein verdutztes Gesicht, als Ilse seinen Arm
nahm und ihm einen Wink gab, Elisabeth den andern zu bieten.

Er brummte etwas, aber ebenso wie Elisabeth konnte er doch nicht gut
anders, als der Gromutter gehorchen. Fritz, Ruth und Marianne zeigten
nicht wenig erstaunte Mienen, als sie die drei eintreten sahen. Fritz,
der den boshaften Ausfall seiner Schwester noch nicht vergessen hatte,
kam gerade mit spttischem Gesicht auf sie zu, als Ilse ihm winkte,
ihm etwas ins Ohr flsterte, und schnell unterdrckte er eine
unfreundliche Bemerkung.

Im Ballsaal herrschte die frhlichste Stimmung, und ber eine Stunde
schauten die lteren Leute dem lustigen Treiben zu. Tante Elisabeth
wollte etwas Gehssiges sagen, als ihr Bruder und seine Frau sich erst
an einer Quadrille und dann an einer Polka, ja sogar an einem Walzer
beteiligten, aber sie prete die Lippen zusammen und schwieg. Sie
uerte auch keine Mibilligung, als sie den ernsten Heinrich von
Holten mit Ruth und dann auch mit Maud tanzen sah. Kerzengerade sa
sie neben Ilse und bemhte sich redlich, sich ber das Courmachen und
das eitle Getue der jungen Mdchen zu rgern.

Wie sich Irma amsiert, sagte Ilse froh zu Ruth, und wie wunderbar
lieblich sie aussieht.

Ruth beugte sich zu ihrer Mutter und entgegnete leise:

Ich finde, da sie zu viel mit dem Baron tanzt, Mama. Das ist nun
schon das viertemal, und sie ist so aufgeregt.

Ach was, das hat doch nichts zu sagen! Nach dem heutigen Abend sieht
sie ihn vielleicht nie wieder. berdies sind Ludwig und Agnes auch
fast unzertrennlich.

Das ist etwas andres. Jetzt sehe ich sie berhaupt nicht mehr. Ob sie
hinausgegangen sind?

Vielleicht fr einen Moment. Es ist arg hei im Saal. Das machen die
vielen Menschen. La Irma nur nicht merken, da du unruhig bist, Ruth;
wirklich, das wre nicht richtig. Da sind sie schon wieder.

In der Tat kehrten Irma und ihr Kavalier in den Saal zurck. Der Ball
nherte sich seinem Ende. In einer Ecke, hinter einer Gruppe
hochstmmiger grner Blattpflanzen und Rosen konnten sie ungestrt
plaudern.

Dies ist der seligste Abend meines Lebens, begann Hochstein. Es ist
beinahe zu schn fr einen gewhnlichen Sterblichen: mir ist, als
weilte ich unter den Gttern des Olymps.

Irma lachte. Wie mag Ihnen da wohl zu Mute sein?

Ich mchte die ganze Welt ans Herz drcken, mir ist, als ob das Leben
all seine Schnheit und Herrlichkeit ber mich ausschttete, als ob
alles, was ich je getrumt, Wirklichkeit wrde, so da ich mein Glck
kaum fassen kann!

Die Musik, die eine Pause gemacht, begann aufs neue. Irma stand auf.

Das ist der letzte Walzer, erklrte sie, den hab' ich versprochen.

Schon legte der Baron ihren Arm in den seinen.

Mir? bat er flehend.

Nein, nein, Hans Reicher, stammelte sie.

Er fing an zu lachen.

O, das ist wohl der Herr mit dem wtenden Gesicht, der uns, so oft
wir vorbeitanzten, ansah, als wollte er uns fressen?

Irma lchelte; sie konnte sich Hans schwer mit einem wtenden Gesicht
vorstellen. Leise aber sagte sie:

Ich hab's ihm versprochen.

Nun gut, er kann mich fordern, wenn er will. Ein Duell um Ihretwillen
wird ihm wie mir etwas Gttliches sein!

Irma schaute entsetzt auf. Hochsteins samtschwarze Augen strahlten,
unwillkrlich senkte sie die ihren.

Da schlang er den Arm um sie; sie fhlte sich emporgehoben, ihr war,
als schwebte sie. Schneller und immer schneller ward das Tempo. So
hatte sie noch nie getanzt. Sie verga alles: Hans, der sie, die
Lippen zusammengepret, mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinen
treuen Augen ansah; ihre Herzensangst, als der Baron vom Duellieren
sprach -- sie fhlte nur, wie schn das Leben war, entzckend. Mit
geschlossenen Augen und halb geffneten Lippen gab sie sich dem Zauber
dieser Stunde hin und fhlte sich von seligem Traum umfangen.

Irma, mein Kind, es ist genug, du machst dich zu mde.

Es war die Stimme ihrer Mutter, die sie zur Besinnung brachte. Noch
ganz schwindlig schaute sie sich um, whrend Hochstein sie zu einem
Stuhl fhrte.

Gndige Frau, dies war der letzte Tanz. Die Musik geht schon fort.

Um so besser, versetzte Ruth, komm Irma!

Auf Wiedersehen, meine Damen.

Der Baron entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung.

Es ist mir gar nicht lieb, da Onkel Heinz die jungen Leute zur Bowle
eingeladen hat, sagte Ruth.

Weshalb, Mama?

Weil ich finde, da du dich zu viel mit jenem jungen Manne
unterhltst. Das fllt auf.

Aber Mama, wir haben ein paarmal zusammen getanzt. Was tut denn das?

Nichts, doch du httest auch mit andern tanzen knnen, mit Hans zum
Beispiel.

Irma schwieg und schwebte auf den Professor zu, der mit einigen
Studenten plauderte.

Onkel, nun kommt deine Einladung an die Reihe.

Ja, kleiner Schelm, und er kniff ihr in die glhenden Wangen. Heute
ist unser Kind in seinem Element, was?

Irma wurde rot, weil der alte Herr sie in Gegenwart der jungen Leute
so behandelte, aber sie war doch zu glcklich, um etwas anderes zu
tun, als lchelnd zu nicken.

Professor Fuchs zog ihren Arm in den seinen.

Darf ich die Damen und Herren bitten! rief er und erffnete den Zug;
paarweise folgten die brigen. Die Kellner hatten im Garten eine lange
Tafel hergerichtet. Auf der blau und rot karrierten Tischdecke prangte
die Riesenbowle, umgeben von den goldschimmernden Glsern, rechts und
links flankiert von zwei groen Blumenstruen.

Wie es zuging, wute sie selbst nicht, aber wieder fand Irma ihren
Platz neben Hochstein. Bald schallte frhlicher Gesang und Gelchter
durch den Garten. Unter ohrbetubendem Jubel stimmte Professor Fuchs
das alte Studentenlied an:

    Hochgesang und Rebensaft
    Lieben wir ja alle!
    Darum trinken wir mit Kraft
    Schumende Pokale!

Und da Ilse neben ihm sa, stie er mit ihr an und fragte:

Schwester, Dein Geliebter heit? worauf sie lachend versetzte:
Heinrich und alle im Chor:

    Heinrich, er soll leben!
    Soll leben, soll leben!
    Heinrich, er soll leben!
    Er lebe hoch!!

Das Hoch wurde lange ausgehalten, und nun ging's weiter die ganze
Tafelrunde durch, unter Necken und Scherzen. Die jungen Leute trieben
es fast zu toll. Ludwig und Agnes flsterten miteinander, und dann
nannten beide einen fremden Namen, den niemand je gehrt. Gustav und
Flora gaben sich einfacher, aber das junge Mdchen wurde verlegen und
stammelte so schchtern: Gustav, da sie den Namen noch zweimal
wiederholen mute. Die grte Heiterkeit erregte Tante Elisabeth, die
erst erklrte, sich mit solchen Narrenspossen nicht abzugeben und auf
dem Punkt stand bse zu werden, als ihr Bruder Fritz ausrief:

Unsinn, Elisabeth, in deinem zehnten Jahr warst du sterblich verliebt
in den Kster unserer Kirche; er schielte und hie Georg.

Alle jubelten und lachten. Georg, er soll leben! schallte es hell
durch die Abendluft. Vielleicht war es der Einflu der Bowle, aber so
viel steht fest, da die alte Jungfer ihren rger verga und
mitlachte.

Baron von Hochstein sah Irma tief in die Augen und rief dann: Maria!

Einen Augenblick vorher hatte er sie gefragt, wie sie hiee, und sie
hatte geantwortet:

Irma Maria.

Whrend des nun folgenden Gesangs lste er, ohne da es in der
dmmerigen Beleuchtung auer ihr jemand bemerkt htte, gewandt eine
der hellblauen Schleifen, mit denen ihr Kleid verziert war, drckte
einen Ku darauf und lie sie in der Tasche verschwinden.

Das ist nicht erlaubt, flsterte sie; aber sie fhlte mehr als sie
sah, wie flehend er sie anschaute, und schwieg.

Endlich mute doch an die Rckfahrt gedacht werden. Es war hchste
Zeit. Als die lteren Damen hrten, wie spt es schon war, erschraken
sie. Der Befehl zum Anspannen wurde gegeben. Das ganz aus Rand und
Band geratene junge Volk schlug vor, wieder den Weg zu Fu ber den
Wasserfall zu machen und erst an den Stallungen einzusteigen; das
wrde eine entzckende Mondscheinpromenade sein.

Verschiedene Ausrufe wie: Ach ja! Das wollen wir! Himmlisch! Bitte,
Gromama! lieen sich hren; Fritz aber erklrte kurz und bndig:

Daraus wird nichts; wir fahren den andern Weg, der ist um eine gute
Stunde krzer!

Hochstein half Irma in den Wagen und flsterte ihr zu, wie scheulich
er es fnde, da er und seine Freunde nicht mitfahren knnten.

Adieu, adieu! Herzlichen Dank, Herr Professor! klang es von allen
Seiten, dann setzten die Fuhrwerke sich in Bewegung. Das letzte, was
Irma zu unterscheiden vermochte, war die schlanke Gestalt ihres
Anbeters, der sein Cerevis schwenkte und sie, sie allein, grte.

Der Wagen bog um die Ecke, und pltzlich schien es ihr, als sei alles
dunkel und trbe geworden. Jetzt bemerkte sie erst, da sie neben Hans
Reicher sa. Sie fhlte sich so glcklich, da es ihr leid tat, den
armen Jungen unfreundlich behandelt zu haben.

Sind Sie mir bse? fragte sie sanft.

Weshalb?

Weil, nun weil ich den letzten Walzer nicht mit Ihnen tanzte, wie ich
versprochen hatte.

Er tat, als msse er sich erst besinnen. Ach ja, richtig, den letzten
Walzer? Nein, durchaus nicht. Ich war froh ber Ihr Vergessen, weil
ich eine andere junge Dame engagiert hatte.

Hans log. Er war still hinausgegangen, um seine Enttuschung und
seinen rger niederzukmpfen, doch sein Stolz verbot ihm, Irma zu
zeigen, wie tief sie ihn verletzt hatte.

Im vordersten Wagen schlief Tante Elisabeth und rgerte den Professor,
weil sie schnarchte; schnarchende Frauen konnte er nicht ausstehen.
Gromutter Ilse war mde und lehnte sich schweigend, mit geschlossenen
Augen, zurck. Ruth und Marianne unterhielten sich leise und schauten
dazwischen nach Flora und Gustav, die auf der vordersten Bank Hand in
Hand saen, aber kein Wort sprachen. Onkel Heinz blickte auf die
prachtvolle, mondbeglnzte Landschaft und verkrzte sich die Zeit mit
Rauchen. Im zweiten Wagen sa Maud neben ihrem Vater. Ludwig und Agnes
waren so in ihr Geflster vertieft, da sie nicht einmal hrten, wenn
jemand sie anredete. Irma drehte Hans den Rcken. Was bildete der
Bauer sich ein? Sie wollte ihm freundlich entgegenkommen, und er wagte
es, ihr solche Antwort zu geben! Ihr eitles Herzchen schwoll vor
Entrstung. Nun wollte sie sich nie mehr um ihn kmmern; sie hatte an
Angenehmeres zu denken.

       *       *       *       *       *




Onkel Heinz war schlecht gelaunt. Mit grimmigem Gesicht ging er umher
und erklrte, sich in den nchsten Tagen weder bei Mllers, noch bei
Ilse Gontrau blicken zu lassen. Das ewige Einerlei und die endlosen
Beratungen fingen an ihn zu langweilen. Immer bekam er dasselbe zu
hren, von Verliebtsein, Verlobungen und Ratschlgen der Eltern. Es
herrschte allseitig groe Rhrung, und der Professor, der bei seinen
vielen guten Eigenschaften doch nicht frei von Egoismus war, konnte es
nicht leiden, da die Jugend jetzt ganz in den Vordergrund trat und
ihm und seinen Interessen weniger Beachtung geschenkt wurde.

Am Morgen nach der Landpartie war Ludwig Reicher zu Fritz Mller und
seiner Frau gekommen, hatte ihnen gesagt, da er ihre Tochter Agnes
unaussprechlich liebe und um ihre Hand bitte.

Sehr erstaunt waren die Eltern nicht, denn sie hatten es kommen sehen.
Agnes wurde hereingerufen und die Sache ruhig und praktisch
besprochen. Ohne Trnen oder Sentimentalitt erklrte das junge
Mdchen, da es Ludwig liebe; sie wren freilich beide noch ein
bichen jung, aber in dieser Hinsicht glaubten sie doch alt genug zu
sein, um zu wissen, was sie wollten. Bevor Ludwigs Mutter ihre
Einwilligung gegeben, knne natrlich von einer ffentlichen Verlobung
keine Rede sein. Fritz Mller betonte, da seine Tochter kein Vermgen
habe, wenigstens nicht, solange ihre Eltern lebten. Er sei der
Ansicht, da ein junger Mann, wenn er sich um ein Mdchen bewerbe,
unabhngig sein msse und fr seine Familie sorgen knne. Ludwig
teilte diese Ansicht, aber da er in einigen Monaten mndig wurde und
dann sein vterliches Erbteil zu freier Verfgung bekam, bildete der
Geldpunkt in seinen Augen kein Hindernis. Trotzdem machte Vater
Mller, der jeden Pfennig, den er besa, durch die Arbeit seines
Kopfes und seiner Hnde erworben hatte, noch immer ein bedenkliches
Gesicht. Ein Erbteil, na ja, das war schon gut, aber ein Mann mute
von dem leben knnen, was er selbst verdiente. Auf die eigne Kraft
knne man vertrauen; ein Vermgen, das in Gtern und Papieren
bestnde, sei nie sicher. Ludwig uerte etwas von amerikanischer
Auffassung, Agnes aber fand, da ihr Papa recht habe. Sie knnten noch
ein wenig Geduld haben, in zwei Jahren wurde der junge Offizier
Oberleutnant, so lange wollten sie mit der Hochzeit warten. Nach
dieser Entscheidung des Familienrates verlieen Agnes und Ludwig mit
strahlenden Mienen das Zimmer der Eltern, um die Glckwnsche von
Maud, Hans und Karl in Empfang zu nehmen.

Aber als Fritz und Marianne zu ihrer Mutter gingen, um ihr als erster
diese wichtige Neuigkeit mitzuteilen, waren sie nicht wenig erstaunt,
dort die Familie in hnlichen Beratungen anzutreffen.

Gustav war noch nie verliebt gewesen, sondern stets allen Mdchen aus
dem Wege gegangen, und oft hatte Irma ihn mit seiner Schchternheit
geneckt. In Floras Gegenwart hatte er sich sofort frei und unbefangen
gefhlt. Das war eine Frau, wie er sie sich ertrumte, sanft, still
und fgsam, voll Bewunderung fr ihn und die Seinen. Auch Ruth und
Heinrich von Holten fhlten sich zu dem bescheidenen Mdchen
hingezogen, wenn erstere fr ihren Sohn auch eine glnzendere Partie
gewnscht htte. Solche Bedenken, wie Fritz Mller geuert, wurden
daher hier nicht erhoben. Das Knstlerpaar lachte darber; es wrde
schon alles recht werden, um Geldangelegenheiten machten sie sich
keine Sorge. Wenn die jungen Leute sich liebten, so war das die
Hauptsache. Frau Reicher mute natrlich in Kenntnis gesetzt werden,
dann war alles in Ordnung. Sie schrieb denn auch, da sie mit ihrer
Mutter, Frau Flora Werner, kommen wolle, um die Bekanntschaft der
Familie zu machen, und es wurde beschlossen, da Holtens ihre Abreise
aus diesem Grunde noch um einige Tage verschieben sollten.

Sei nicht so brummig, Onkel Heinz, sagte Irma, sich unter dem groen
Lindenbaum im Garten neben ihm niederlassend, es ist wirklich kein
Grund dazu vorhanden.

Kein Grund! Die Leute hier sind alle mit einander verrckt. Verliebte
sind nie recht bei Trost, das ist nun mal so. Ich hatte Agnes fr
verstndiger gehalten und auf ihre amerikanische Nchternheit
gerechnet, aber sie ist genau so wie alle andern.

Irma schaute den alten Herrn spottend an, er aber fuhr, dadurch in
Harnisch gebracht, fort:

Du brauchst nicht zu lachen. Da hast Du nun Gustav und Flora! Die tun
nichts als sich anschauen, so schmachtend und sentimental, da einem
gewhnlichen Menschen davon bel werden kann. Das rgerlichste aber
ist, da die Eltern, dein Onkel und deine Tante, ja deine Gromutter
dem noch Vorschub leisten. Sie reden ber nichts als ber die Kinder,
ihr Glck, ihre schne junge Liebe, die ihnen ihre eigene Jugend
wieder in Erinnerung bringe. Bah, nichts als Unsinn, Gefhlsduselei,
berspanntheit.

Pfui, Onkel Heinz, du solltest dich schmen!

_Du_ solltest dich schmen, kleine, freche Hexe. Willst du etwa
diesem schnen Beispiel folgen? Vielleicht gar mit Hans? Na ja, warum
auch nicht, dann ist das Spiel komplett.

Hans, rief Irma, verchtlich die Achseln zuckend.

Na, fuhr der Professor fort, pltzlich wieder ins andere Extrem
umschlagend, er wre der Schlechteste nicht; in jedem Fall viel
besser als der Gigerl von Offizier. Du brauchst seinetwegen nicht so
die Nase zu rmpfen. Glaubst du denn, da noch ein Prinz fr dich
kommen wird?

Der alte Herr schaute sie unter seinen buschigen Augenbrauen
durchdringend an, und Irma errtete unter diesem scharfen Blick.

Wie kommst du mir heut nur vor, Onkel Heinz? fragte sie. Erst bist
du bs, weil die Andern sich verliebt haben und sich verloben, und nun
ich sage, da ich an so etwas nicht denke, ist's auch nicht recht.

Bs, das ist nicht wahr. Es bringt mich nur um meine Laune, weil sie
sich so verdreht anstellen und weil ich von nichts anderem mehr hre;
aber sie haben recht, wenn sie heiraten. Menschen, die unverheiratet
bleiben, na -- du siehst ja, was daraus entsteht. Ein alter, brummiger
Neidhammel wie ich, oder so ein Exemplar wie Tante Elisabeth. Darum,
kleines Jungfrulein, wenn ein braver, ehrlicher Mann dir zeigt, da
er dich lieb hat, denk lieber zweimal nach, bevor du ihm 'nen Korb
gibst, um irgend einem goldbeschwingten Schmetterling nachzujagen, den
du doch nicht fngst.

Bei diesen Worten stand Professor Fuchs auf und humpelte davon. Er
hatte zur Zeit viel von der Gicht zu leiden und stampfte nun
ungewhnlich laut mit seinem Stock auf.

Glhend vor Entrstung sah Irma ihm nach. Zum erstenmal in ihrem Leben
war sie ernstlich bse auf Onkel Heinz. Was bedeutete das? Um was
kmmerte er sich? Was mochte er beobachtet haben? Sie begriff nur zu
gut, da er auf Baron von Hochstein anspielte. Was ging ihn das an?
Sie htte nie gedacht, da er, Onkel Heinz, solche Dinge berhaupt
bemerke! Er brauchte sie wahrlich nicht zu warnen, sie sollte ihre
Erwartungen nicht zu hoch spannen. O, wenn er wte!

Irma schaute sich im Garten um, ob auch niemand in der Nhe sei; nein,
das Terrain war sicher. Nun zog sie aus ihrem Kleide ein zierliches
Briefchen hervor und las es, wohl schon zum hundertstenmale. Sie
wute es Wort fr Wort auswendig, aber es war ihr ein Genu, sich
immer wieder von seinem Inhalt zu berzeugen.

    Mein gndiges Frulein!

Vor zwei Tagen kannte ich Sie noch nicht; ahnte ich nicht, da es
etwas so unbeschreiblich Schnes auf der Welt gbe. Erst seit zwei
Tagen lebe ich, fhle ich wenigstens, da das Leben wert ist, gelebt
zu werden. Irma, ich liebe Sie und ich mu Ihnen das sagen, auf die
Gefahr hin, da Sie mich fr meine Khnheit strafen. Denn es ist ein
Vorzug, etwas so Vollkommenes, so wunderbar Schnes anzubeten. Haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir? Ich bitte nicht um Erwiderung meiner
Gefhle. Das wre zu anmaend. Mchte die Darbietung meiner
erfurchtsvollen, meiner unermelichen, meiner ewigen Liebe Ihnen nur
nicht zuwider sein. Das ist alles, um was ich Sie anzuflehen wage.
Dienstag Nachmittag zwischen vier und fnf Uhr werde ich an Ihrem
Hause vorbergehen. Wenn ich Sie dann an einem der Fenster oder im
Garten sehe und Sie tragen eine rote Rose im Grtel, machen Sie mich
zum glcklichsten der Sterblichen, wenn nicht -- ich wage es nicht
auszusprechen, welcher Verzweiflung ich dann anheimfallen wrde.

Ich ersuche Sie um strengste Geheimhaltung; mir ist, als wrde meine
Liebe entweiht, wenn jemand auch nur eine Ahnung davon htte.

                            Ihr ewig getreuer
                                        Otto von Hochstein.

Arme kleine Irma, sie verstand nicht das Geschraubte und zugleich
Triviale dieses Briefes. Sie war buchstblich begeistert, und ihr
eitles Herzchen klopfte vor freudigem Stolz.

Irma, Baronin von Hochstein, sprach sie immer wieder leise vor sich
hin. Natrlich fiel es ihr gar nicht ein, jemand Mitteilung von ihrem
kstlichen Geheimnis zu machen, aber es kostete sie doch einen Kampf,
Agnes gegenber ganz zu schweigen. Das Mdchen war strahlend glcklich
und sprach mit wahrer Begeisterung von Ludwig. Irma schaute sie fast
mitleidig an; was war der junge Leutnant im Vergleich zu Otto? Es
schien ihr, als ob die Beiden gar nicht in einem Atemzug genannt
werden knnten; Agnes war zudem so von ihrem Verlobten erfllt, da
sie keine Augen fr Irma hatte und gewi nicht mit dem richtigen
Interesse ihrer wichtigen Mitteilung Gehr schenken wrde.

Und so verhielt es sich mit allen. Die zwei groen Ereignisse im
Familienkreise nahmen die Gedanken so in Anspruch, da keiner auf Irma
acht gab. Selbst Gromutter Ilse und Ruth, die sich sonst so viel mit
ihrem Liebling beschftigten, sahen nicht, wie erregt und
geheimnisvoll sich das junge Mdchen benahm, wie sie ohne jede
Veranlassung die Farbe wechselte, die Einsamkeit suchte und oft ganz
gegen ihre Gewohnheit in sich versunken, dann wieder ausgelassen
lustig sein konnte. Sie widmete ihrem uern noch mehr Sorgfalt als
frher. Ihre Zge zeigten einen Ausdruck, der sie vielleicht noch
schner machte, aber doch von der kindlichen Unschuld, mit der sie
frher die Vergimeinnichtaugen aufschlug, himmelweit verschieden war.

Onkel Heinz, der vielmehr beobachtete, als man vermutete, und der das
Kind aufs zrtlichste liebte, kam zu der Ansicht, da etwas im Werk
sei, und machte sich seine Gedanken darber. Da er aber nichts
Gewisses wute, htete er sich wohl, seine Nase in Dinge zu stecken,
die einen alten Junggesellen nichts angingen. Er begngte sich, der
Kleinen anzudeuten, da er ein wachsames Auge auf sie habe.

Der zweite, der etwas merkte, aber nichts sagen durfte, war Hans
Reicher. Seit der schne Student mit den bestechenden Manieren auf der
Bildflche erschienen war und Irmas liebliches aber eitles Kpfchen
mit seinen Schmeicheleien erfllte, wute Hans, da er nichts mehr zu
hoffen hatte. Obgleich ihm das bitter wehtat, wrde er sich doch
darein ergeben haben, weil seine Liebe gromtig und frei von
Selbstsucht war. Irmas Glck stellte er weit ber das seine, und er
frchtete, da der Baron von Hochstein nicht die Persnlichkeit sei,
der ein junges Mdchen vertrauensvoll seine Liebe schenken knne. Sein
Auftreten war zu bermtig, zu dreist. Etwas Bestimmtes wute Hans
jedoch nicht, auch hatte er kein Recht, sich nach Hochstein zu
erkundigen; so blieb ihm denn nichts anderes brig, als mit Angst und
Trauer im Herzen abzuwarten, was aus der Sache werden wrde.

Flora Werner und ihre Tochter, Thusnelda Reicher, trafen ein, und nun
wurde die Doppelverlobung durch ein groes Familienfest gefeiert.

Flora war eine alte Frau geworden, aber ihr fehlte die vornehme Wrde,
die Ilse auszeichnete. Selbst jetzt hatte sie ihrer Sucht sich zu
putzen nicht widerstehen knnen. Sie trug sich jugendlicher und
auffallender als ihre Tochter und sah mit ihrem nach der neuesten Mode
frisierten Haar geradezu lcherlich aus. Heinrich von Holten und Fritz
Mller nannten sie eine alte Kokette und versprten Lust, sie ein
bichen zum Narren zu haben, aber sie berlegten, da dies nicht
angebracht sei bei der Jugendfreundin ihrer Schwiegermutter und der
knftigen Mutter ihrer eigenen Kinder. Frau Reicher, frher ein leicht
errtendes, aber kerngesundes, krftiges junges Mdchen war nun ein
kleines, rundliches Frauchen, sehr verlegen, besonders in Ruths
Gesellschaft, deren frstliche Grazie ihr riesig imponierte. Sie war
ganz glcklich ber die Wahl ihrer Kinder und gleich vertraut mit
Agnes; zu Gustav aber wagte sie kaum ein Wort zu reden. Die alte Flora
fhlte sich im siebenten Himmel. Die Verlobung ihres Grosohnes mit
Agnes lie sie ziemlich gleichgltig; sie fand sie ganz passend, aber
es war nichts auergewhnliches dabei; da aber ihre Enkelin einen
Knstler heiraten sollte, den Sohn des berhmten Ehepaares von Holten,
darber war sie ganz aus dem Huschen.

Siehst du, liebste Ilse, sagte sie zu ihrer alten Freundin, das
vershnt mich mit dem Leben. Du weit, welch dichterisches Talent ich
besa; wie ich sozusagen zu groen und schnen Dingen vorherbestimmt
war und wie meine Seele durch die Prosa meines Lebens gelitten hat.
Ich habe mich gefgt; als ich meine Schwingen nicht so entfalten
durfte, wie ich ersehnte, habe ich sie kampfesmde eingezogen. Meinem
guten, prosaischen Manne war ich eine treue Gefhrtin. Ich erfllte
meine Pflicht, und nun werde ich belohnt. Mein Liebling, das Kind, das
meinen Namen trgt, in dessen jugendlicher Seele meine Dichternatur
wieder aufblht, wird sich mit einem Knstler verbinden, einem nach
hohen Idealen strebenden, schpferischen Genie. Nun kann ich ruhig
sterben -- ich habe nicht umsonst gelebt!

Ilse hielt es nicht fr ntig, auf diesen Wortschwall viel zu erwidern
noch Flora daran zu erinnern, da Gustav bis jetzt noch kein
schpferisches Genie genannt werden konnte. Sie lachte nur bei dem
Gedanken, wie wenig ihre alte Pensionsfreundin sich im Grunde doch
verndert hatte, trotzdem das grausame Leben sie gezwungen hatte, auf
alle Dummheiten zu verzichten und einfach mit der Wirklichkeit zu
rechnen. Letzteres hatte sie aber auch so gut getan, da man ihre
bertriebenen Ausdrcke und poetischen Sentimentalitten ihr verzeihen
konnte.

Thusnelda klagte Ilse, da die kleine Flora noch so viel zu lernen
habe, da sei es gut, wenn die jungen Leute noch nicht gleich
heirateten, denn die Kleine sei, besonders in allem, was den Haushalt
betrfe, noch sehr unwissend. Aber Ilse, die selbst nie mit besonderer
Lust und Liebe gewirtschaftet hatte, fand diese Sorge unwichtig.

Die Fhrung des Haushaltes lernt sich von selbst, sagte sie, und
wozu sind denn die Dienstboten da?

Bescheiden schwieg Thusnelda. Sie wagte nicht, Frau Gontrau zu
widersprechen, aber in ihrem Herzen dachte sie, da Ilse neben einer
gut gefllten Brse immer Glck mit ihren Dienstboten gehabt haben
msse, -- dann konnte sie wohl so reden.

Die Familie Reicher und Flora Werner reisten zuerst ab. Agnes und
Ludwig benahmen sich tadellos bei der Trennung. Der Ort, wo der junge
Leutnant in Garnison stand, war nicht weit von F. entfernt, so da er
sicher jeden Monat einmal herberkommen konnte. Die kleine Flora
dagegen zerflo in Trnen, so da Onkel Heinz ihr spottend vorschlug,
sich bei der stdtischen Wasserversorgung anstellen zu lassen.
Hundertmal fragte sie Gustav, ob er sie auch nicht vergessen werde;
und als sie sich endlich aus seinen Armen lsen mute und die
Couptre geschlossen wurde, fiel sie schluchzend Gromutter Werner um
den Hals. Diese allein verstand sie und bemhte sich, sie mit leise
gemurmelten Worten zu trsten. Der einzige, der sich freute, wieder an
seine Arbeit gehen zu knnen, war Hans. Er besa keine sentimentale
Natur, und wenn er auch wute, da es ihm nie gelingen wrde, Irma zu
vergessen, da er doch nun einmal nicht anders konnte, als das kleine,
kokette Ding lieben, so war es doch nicht seine Sache, sich feige und
weich seinem Kummer hinzugeben. Er sehnte sich nach dem einzigen
Mittel, seine Enttuschung zu berwinden, nach ernster, rastloser
Arbeit.

Mit heitern Mienen hatte er von allen Abschied genommen. Als die Reihe
an Irma kam, drckte er ihr Hndchen so krftig in seiner groen
Faust, da er ihr weh tat, und sagte mit eigentmlich bebender Stimme:

Sie wissen, Irma, was ich gehofft habe. Es hat nicht sollen sein, und
ich mu trachten, mich darein zu ergeben. Aber um eins will ich Sie
bitten. Denken Sie ab und zu daran, da Ihnen ein treuer Freund lebt,
der alles opfern wrde, um Sie glcklich zu machen.

Sie waren einen Augenblick allein. Schnell, bevor sie es hindern
konnte, legte er den Arm um sie und drckte einen Ku auf ihre Stirn.
Dann lie er sie los und begab sich zu den andern. Irma wollte
entrstet auffahren, vermochte es aber nicht; zu ihrem groen rger
fhlte sie ein Weh in ihrem Herzen, und das unbestimmte Gefhl, als
habe sie etwas sehr Kostbares verspielt, bemchtigte sich ihrer.
Freilich nur einen Augenblick, dann tastete sie mit der Hand in ihr
Kleid, wo zwischen weichen Spitzen ein rosa Briefchen verborgen lag,
und mit stolz erhobenem Haupte und leuchtenden Augen schaute sie Hans
nach.

Am nchsten Tage reisten auch Holtens ab, und nun fing fr Ilse und
Irma wieder das alte ruhige Leben an, das sie vor der Ankunft der
amerikanischen Familie gefhrt hatten.

       *       *       *       *       *




Es war Oktober geworden. In Ilses kleinem, an den groen Esaal
grenzenden Wohnzimmer brannte schon ab und zu ein lustiges Feuerchen,
denn die Nachmittage wurden kalt. Die alte Dame sa gern mit ihrem
Buch am Kamin und wenn sie aufgehrt hatte zu lesen, starrte sie in
die zngelnden Flammen und lie die Bilder der Vergangenheit an ihrem
Geiste vorberziehen.

An solch einem traulichen Nachmittagsstndchen trat Irma ein, um der
Gromama adieu zu sagen. Sie sah bildschn aus in dem dunkelblauen
Tuchkostm, das ihre Elfengestalt knapp umschlo, und dem hbschen, an
einer Seite umgeschlagenen Hut mit der weien Feder auf dem
goldblonden Haar.

Gehst du aus, Kind?

Ja, Gromama, wenn du's erlaubst.

Wohin?

Ach, ich wei nicht, ein bichen spazieren.

Die Gromutter schaute sie an. Und dafr hast du dich so schn
gemacht?

Das junge Mdchen wurde rot. Ach, bei diesem kstlichen Herbstwetter
wollte ich mein neues Kostm doch mal an die Luft bringen.

Ilse drohte mit dem Finger Jungfer Eitelkeit, neckte sie. Na, lauf'
du nur. Aber es ist doch besser, du holst Agnes oder Maud zum
Spazierengehen ab. Allein finde ich's nicht ganz passend.

Ich wei nicht, ob sie zu Hause sein werden, murmelte Irma und lief
dann, um weiteren Einwendungen zuvorzukommen, mit einem hastigen: Auf
Wiedersehen, Gromama, rasch zur Tre hinaus.

Auf der Strae tat sie einen tiefen Atemzug, schlug aber nicht den Weg
nach dem Hause Onkel Mllers ein. So rasch sie konnte, ging sie, sich
ab und zu scheu umsehend, durch einige Gassen, bis sie die Stadt im
Rcken und die groe Landstrae vor sich hatte. Hier war es still. Nur
das Sausen des Oktoberwindes in den hohen Bumen lie sich hren und
das Gerassel des drren Laubes. Von dem schnellen Gehen ermdet,
verlangsamte Irma ihren Schritt. ngstlich sphte sie umher. Was sie
tat, war nicht recht, das wute sie, aber ihr blieb keine Zeit darber
nachzudenken, denn dort, aus einem Gebsch am Wege, sah sie die
schlanke, biegsame Gestalt Hochsteins hervortreten und eilig nher
kommen.

[Illustration]

In der ersten Verwirrung wollte sie fortlaufen; aber als ob er ihre
Gedanken erriete, war er mit ein paar raschen Sprngen neben ihr und
ergriff ihre Hand. Mit glhenden Wangen und niedergeschlagenen Augen
stand sie vor ihm.

Otto von Hochstein betrachtete sie, und ein Gefhl des Stolzes
erfllte ihn, da dieses wunderschne junge Geschpfchen endlich
eingewilligt hatte, ihm heimlich hier drauen an diesem einsamen Ort
ein Stelldichein zu gewhren.

Meine teuerste Irma, flsterte er, wie soll ich dir danken, da du
gekommen bist!

Ich tue es nie wieder, sthnte sie. Ich hab' Gromama belgen
mssen, und das ist schndlich.

Aber du tatest es doch um meinetwillen? ... Du hast mich doch ein
ganz klein wenig lieb, nicht wahr?

Er schaute sie mit seinen samtschwarzen Augen so flehend an, da sie
nicht anders konnte als leise stammeln:

Ja, sehr lieb.

Aber als er den Arm um sie schlingen und sie entzckt ans Herz ziehen
wollte, entwand sie sich ihm.

Warum darf ich dir denn nicht einmal einen Ku geben, Irma, wenn du
mich doch liebst und meine Braut bist?

Nicht eher, als bis wir wirklich verlobt sind und jeder es wei,
erwiderte sie. Warum kann ich denn nicht, wie Agnes und Flora es
taten, der Gromama und meinen Eltern alles erzhlen?

Mein Liebling, hast du mir nicht selbst geschrieben, da du gerade
dies se Geheimnis, um das nur wir zwei beide wissen, so herrlich
fndest?

Ja, aber nun finde ich es nicht mehr herrlich, schmollte Irma. Es
ist nicht recht, das fhle ich. Ich wei, Gromama wrde es nicht
billigen, und ich will nicht mehr in dieser heimlichen Weise mit dir
zusammenkommen.

Ottos dunkle Augen funkelten unheilverkndend, und er bi sich auf die
Lippen, um seinen rger zu verbergen. Aber er verstand es meisterhaft,
sich zu beherrschen, und erwiderte niedergeschlagen:

Dann machst du mich tief unglcklich.

La mich der Gromama alles sagen. Du kennst sie nicht, sie ist nicht
streng, und ich kann von ihr erlangen, was ich will.

Er schttelte den Kopf; dann schob er seinen Arm durch den ihren und
zwang sie so, mit ihm auf und ab zu gehen.

Hr' mal zu, Liebste, begann er. Du zwingst mich, Dinge zu sagen,
die mir peinlich sind. Frau Gontrau wrde niemals ihre Einwilligung zu
einer heimlichen Verlobung zwischen uns geben.

Wenn ich sie darum bitte, tut sie es doch.

Aber sie wrde darauf bestehen, da ich meinen Eltern Mitteilung
davon mache.

Natrlich, warum willst du das denn nicht?

Das ist es ja gerade, Irma. Sie wrden ihre Zustimmung nicht geben
und sich auf jede mgliche Weise bemhen, uns zu trennen.

Stolz hob Irma ihr reizendes Kpfchen und schaute ihn herausfordernd
an.

Aus welchem Grunde? Bin ich ihnen nicht gut genug?

Irma! rief er leidenschaftlich. Du bist das schnste, das
entzckendste Wesen von der Welt. Und fr mich wirst du das ewig
bleiben. Aber ich wnschte, ich wre an Stelle des Barons von
Hochstein ein armer Teufel, zu dem du dich herablassen mtest.

Sie schaute ihn fragend und tief errtend an.

Meine Eltern sind sehr stolz, fuhr er fort. Unser Stammbaum reicht
zurck bis in die Zeit vor den Kreuzzgen. Die Glieder meiner Familie
haben sich immer nur mit dem allerltesten Adel verbunden; der Schlag
wrde meine Eltern vor Schreck rhren, wenn sie erfhren, da ich mich
mit einem Mdchen verloben will, das nicht zum Hochadel gehrt. Sie
haben mir bereits eine steinreiche Erbtochter aus einem Geschlechte
bestimmt, das eben so vornehm ist wie das unsere.

Und du? fragte Irma atemlos.

O, ich geb' auf das alles nichts und werde das hliche Freifrulein
von Staufenberg nie heiraten, das verspreche ich dir.

Aber dann wird aus unsrer Verlobung nichts! seufzte Irma, deine
Eltern werden nie ihre Einwilligung geben.

Er nahm ihre kleinen Hnde in die seinen und streichelte sie.

Das werden sie sicher nicht, geliebte Irma, wenn wir sie ohne
weiteres mit dem =fait accompli= berfallen und erschrecken. Ich mu
sie ganz allmhlich darauf vorbereiten, und dann werden sie ohne
Zweifel nachgeben. Wir mssen warten, das ist alles, um was ich dich
bitte. Hast du mich nicht so lieb, um etwas Geduld zu haben?

Aber meine Eltern und Gromama, stammelte Irma.

Glaube mir, Liebling. Durch zu frhes Reden wrden wir alles
verderben. Wenn du mich liebst, so gelobe mir zu schweigen.

Irma war sich innerlich bewut, da sie nicht recht tat, aber sie
vermochte nicht, seinem heien Drngen zu widerstehen; sie war von den
ueren blendenden Eigenschaften des jungen Barons so betrt, da sie
ihm schlielich alles versprach, sogar ein Stelldichein in der
nchsten Woche.

Solange sie bei ihm war, verga sie ihre Bedenken und gab sich dem
Glck des Augenblicks hin, aber als sie allein nach der Stadt
zurckkehrte, konnte sie sich eines Gefhls der Furcht und
Beklommenheit nicht erwehren. Zum erstenmal in ihrem Leben tat sie
etwas Heimliches, Unaufrichtiges, etwas, was die Ihrigen niemals
gutheien wrden.

Heftig erschrak sie, als in der Nhe ihrer Wohnung Agnes pltzlich auf
sie zutrat.

Wo kommst du her, Irma? Ich war bei Gromama, die sagte mir, du
httest mich zu einem Spaziergang abholen wollen. Wie ein Hase lief
ich nach Hause, dort hatte dich aber niemand gesehen.

Ich bin spazieren gegangen, murmelte Irma.

Sie wurde furchtbar rot, und Agnes schaute sie verwundert und
forschend an.

Allein? fragte sie. Und du sagst Gromama, da du mich abholen
wolltest.

Ich ... ich bekam pltzlich Lust, allein zu gehen.

Wie komisch du bist! Was hast du? Was bedeutet das? Ich verstehe dich
nicht.

Mach doch nicht so 'nen Sums daraus, rief Irma, in ihrer
Verlegenheit pltzlich sehr reizbar werdend und nicht mehr wissend,
wie sie sich herausziehen sollte. Geht's dich was an, wenn ich mal
allein spazieren gehen will? Dir hab' ich doch keine Rechenschaft
abzulegen.

Aber Irma! sagte Agnes, im hchsten Grade erstaunt und gekrnkt.

Schweigend schritten sie nebeneinander her. Agnes war zu entrstet, um
zu sprechen, aber als sie eine Weile spter verstohlen nach ihrer
Cousine schaute, sah sie, da diese bebte und ihr die Augen voll
Trnen standen. Sofort fhlte sie ihren Zorn schwinden.

Irmachen, begann sie freundlich. Sag mir doch, warum du so betrbt
bist. Ich bin deine Freundin, mir kannst du vertrauen.

Zum Glck befanden sie sich in einer stillen Strae, denn Irma konnte
ihre Trnen nicht mehr zurckhalten.

Ich kann nicht, Agnes, stammelte sie fast schluchzend, frag mich
nicht.

Die Andere forschte nicht weiter. Komm mit zu mir, bat sie. Die
Eltern und Maud sind ausgegangen. Auf unsrem Zimmer kannst du dich
erholen.

Irma folgte willig. Als sie in dem gemtlichen, hellen Mdchenstbchen
saen, kte Agnes ihre Cousine und fragte noch einmal teilnehmend:

Kannst du mir wirklich nicht sagen, was dir fehlt, Liebling?

Ich kann nicht, ich darf nicht.

Agnes schwieg.

Gelobst du mir bei allem, was dir heilig ist, keinem Menschen ein
Sterbenswrtchen zu sagen? flsterte Irma.

Das versteht sich wohl von selbst, ich bin doch deine Freundin.

Auch Ludwig nicht?

Agnes zgerte. Ist's etwas, was mich gar nichts angeht, Irma?

O gewi, es geht einzig und allein mich an.

Nun, dann werde ich auch Ludwig nichts sagen.

Irma legte ihr Kpfchen an Agnes' Schulter und begann flsternd ihre
Erzhlung, wie sie schon bei der Landpartie gemerkt habe, da Baron
von Hochstein sie sehr reizend finde, wie er einige Tage spter an
sie geschrieben und ihr seine Liebe bekannt, und wie sie nach
Verabredung eine rote Rose im Grtel, am Fenster stehend, ihm ihre
Gegenliebe verraten habe. Auf sein wiederholtes Schreiben und
dringendes Bitten habe sie nach schwerem Gewissenskampf in ein
Stelldichein gewilligt und ihn heute nachmittag auf der Chaussee im
Walde getroffen.

Agnes' Gesicht verdsterte sich immer mehr, aber sie sagte nichts.
Erst als sie hrte, was die Liebenden heute beschlossen hatten, rief
sie entrstet:

Aber Irma, wie konntest du das tun?

O, ich wei, da es schlecht war, schluchzte das arme, kleine Ding.
Aber ich hab' Otto so lieb. Du liebst Ludwig doch auch und mut daher
mit mir fhlen knnen. Httest du denn nicht ebenso gehandelt?

Ich! rief Agnes. Wahrscheinlich htte ich ihm eine Ohrfeige
gegeben, ganz gewi aber ihm den Rcken gekehrt. Was bildet er sich
ein? Wie darf er's wagen, dir geradezu zu sagen, da du ihm nicht
ebenbrtig bist!

Aber bedenke doch, die Barone von Hochstein! So ein altadliges
Geschlecht! Noch nie ist in seiner Familie eine Mesalliance
vorgekommen. Er steht weit ber mir!

Welch ein Unsinn! entgegnete Agnes heftig. La ihn mit seinem
altadeligen Geschlecht nach dem Monde gehen. Welcher verstndige
Mensch legt in unsern Tagen Wert auf so etwas? Damit sollte er uns in
Amerika kommen! Er ber dir stehen! Du bist im Gegenteil unendlich
erhaben ber ihn, du, das Kind so genialer Eltern. Was haben seine
Eltern wohl je geleistet?

Er denkt gewi ebenso. Wirklich, Otto ist nicht vorurteilsvoll, aber
seine Eltern sind doch nun einmal so furchtbar stolz.

Sprich mir nicht von Stolz! An deiner Stelle wre ich viel zu stolz,
mich in eine Familie einzudrngen, die es wagte, auf mich
herabzusehen!

Irma seufzte; sie hatte gehofft, Agnes wrde die Sache ganz anders
auffassen, mehr mit ihr bereinstimmen und sich wohl gar geschmeichelt
fhlen, da ein Baron ihrer Cousine seine Liebe gestanden hatte. Die
nchterne, praktische Art, mit der die Amerikanerin diesen fr Irma
doch so hochinteressanten Fall behandelte, enttuschte sie sehr.
Nirgends sah sie Hilfe, nirgends einen Ausweg, und sie fing wieder an
bitterlich zu weinen.

Trnen waren etwas so Ungewohntes bei der sonnigen, lustigen kleinen
Irma, die immer lachte und von jedem auf den Hnden getragen wurde,
da Agnes pltzlich ein groes Mitleid mit dem armen Kinde fhlte.

Weine nicht, Liebling, sagte sie zrtlich. Ich sehe ein, da es
hart fr dich ist, aber so kann die Sache nicht weitergehen. Du mut
ihm schreiben, da du keine heimlichen Zusammenknfte mehr mit ihm
haben willst. Es ist unverzeihlich, da du es schon einmal getan hast,
aber geschehene Dinge sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist
seine Pflicht gegen dich, sofort deinen wie seinen Eltern ein offenes
Gestndnis abzulegen. Will er das nicht, so mu zwischen euch alles
aus und zu Ende sein.

Nein, um nichts in der Welt, schluchzte Irma. Ich liebe ihn, und er
liebt mich.

Seine Forderung beweist das Gegenteil, versetzte Agnes entrstet.
Ich bitte dich, du wirst ihm doch kein Stelldichein mehr geben!
Versprich mir das.

Irma schwieg.

Du darfst es nicht. Und tust du es doch, so sag' ich's der Gromama.

Das wre garstig von dir; du hast mir versprochen, es keiner
Menschenseele zu verraten.

Ja, das ist wahr, na, ich werd's auch nicht tun, du kannst mir
vertrauen, aber Irma, du handelst sehr unbesonnen.

Es wird schon alles recht werden, sagte das junge Mdchen, in dem
Wunsche, ihren Otto und sich zu verteidigen. Er sagt, die
Heimlichkeit wrde nicht lange dauern, und er ist so edel, so
feinfhlig. Du mut doch zugeben, Agnes, da ich mein Wort nicht
brechen kann, ich hab's doch versprochen.

Agnes war durchaus nicht einverstanden, merkte aber, da Irma nicht zu
berzeugen war. Auch berlegte sie, da, wenn sie ihrer Emprung ber
Otto von Hochsteins Verhalten zu sehr Luft machte, Irma ihr das
Vertrauen entziehen wrde. Und es war doch besser, da jemand um die
unvorsichtigen Handlungen des kleinen Lieblings wute, um ihn warnen
und berwachen zu knnen. Daher trstete sie ihr Bschen so gut es
ging, und gelobte aufs neue, das Geheimnis treu zu bewahren. Etwas
erleichtert und beruhigt ging Irma nach Hause, wo sie in ihrem
Leichtsinn sich einredete, keine Unwahrheit zu sprechen, als sie auf
Ilses Frage, ob sie bei Mllers gewesen sei, um Agnes abzuholen, mit
einem ja, Gromama, antwortete.

Einige Tage spter kam Nachricht von Holtens aus Mnchen. Gustav,
dessen Name immer bekannter wurde, hatte sich um den Posten eines
Lehrers am Konservatorium in I. beworben und die Stelle erhalten. Das
war fr einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren ein groes Glck.
In sechs Wochen mute er das Lehramt bereits antreten, und seine
Hochzeit sollte so bald wie mglich stattfinden, denn er wollte nicht
ohne Flora das neue Leben beginnen.

Gromutter Ilse schttelte den Kopf.

Sie sind ja beide noch Kinder. Die sollen schon heiraten? So
unerfahren, wie sie sind!

Aber du warst doch auch sehr jung, als du heiratetest, Gromama,
wandte Irma ein.

Ja, mein Kind, aber dein Grovater war ein anderer Mann als Gustav,
der ganz in seiner Kunst aufgeht und vom praktischen Leben keinen
Schimmer hat. Und Flora?

Es wird schon gehen, meinte Irma, die ber die Nachricht sehr
glcklich war. Die Aussicht, da ihr Bruder in I. wohnen und sie
dadurch Gelegenheit haben wrde, oft nach der Universittsstadt zu
fahren, war himmlisch. Auf diese Weise wrde es viel leichter sein,
Otto fter zu sehen. Als sie Agnes ganz aufgeregt von diesem
Glcksfall Mitteilung machte, schttelte das praktische, kluge Mdchen
sein weises Kpfchen.

Es ist und bleibt verkehrt, und berdies, wenn Gustav in I. wohnt,
wird er bald etwas merken.

Gustav! der merkt nichts. Du weit doch, wie vertrumt er immer ist.
Glaubst du, da er berhaupt noch an etwas anderes denken kann, als an
seine Musik und an Flora?--

Die junge Braut kam nun wieder mit ihrer Mutter zu Gontraus auf
Besuch, um alles fr ihre Aussteuer zu besorgen. Irma ging oft mit
nach I., und fand dann ab und zu Gelegenheit, Hochstein zu sehen. So
geschah es, da die Kleine, -- bisher die Ehrlichkeit und
Aufrichtigkeit selbst -- Schritt fr Schritt weiter in den Irrgarten
der Lge und des Betrugs hinein geriet. -- Es kostete ihr keine groe
Mhe mehr, ihre aufsteigenden Zweifel und Gewissensbisse zu
beschwichtigen und mit sich selbst Frieden zu schlieen. Auch gab Otto
ihr immer von neuem die Versicherung, da sie durchaus nichts
Unrechtes tue, indem sie vor ihrer Gromutter und ihren Eltern etwas
verbarg. Er verstand es, sehr besorgt und schn ber Frau Gontrau zu
reden, die doch schon alt sei und sich ganz unntze Sorgen machen
wrde, wenn sie wte, da der Baron und die Baronin von Hochstein
noch nicht ihre Einwilligung zur Verlobung gegeben htten. Und Irmas
Eltern, die so fern von ihr weilten, wrden sich auch nur unntig
aufregen. Es war doch viel besser zu schweigen, bis die Geschichte
ganz in Ordnung kme, und da dies bald geschhe, daran brauchte Irma
doch nicht zu zweifeln. So beruhigte sie sich immer wieder und fuhr
fort, wissentlich Unrecht zu tun, wobei sie sich trotzdem glckselig
fhlte.--

Flora und Gustav sollten kurz vor Weihnachten heiraten. Die ganze
Familie begab sich zu dem Feste nach dem Landgut, auf dem Flora Werner
wohnte.

Ilse war wehmtig bewegt, als sie das Haus wieder betrat, wo sie vor
vielen Jahren als junge Frau mit Nellie zu Gaste gewesen war. Wie
anders sah jetzt alles aus als damals! Die Besitzung hatte sich in den
letzten Jahren unter der Oberleitung von Hans ganz auerordentlich
gehoben und verschnt, und Flora, wenn sie auch nicht mehr so ttig
war wie frher, stand auch jetzt noch, wo sie konnte, den
Dorfbewohnern mit Rat und Tat bei. Ab und zu schrieb sie auch noch
Verse, und am Hochzeitsmorgen berraschte sie die junge Braut mit
einem langen Gedicht, das sie in der Nacht verfat hatte.

Es kam darin viel vor von Liebe und Kunst und herrlichem Beruf, von
Lorbeeren, die der Knstler ernte, und die er seinem angebeteten Weibe
zu Fen lege. Die kleine Flora verstand zwar nicht viel davon, fand
es aber doch sehr schn.

In vollstem Glanze stieg die Wintersonne an dem Hochzeitstag des
jungen Paares empor. Die enge Dorfstrae, die der Festzug passieren
mute, wimmelte von Menschen. Fast aus jedem Hause wehte eine Fahne,
und hier und da waren Ehrenpforten errichtet aus Tannengewinden, mit
bunten Papierrosen verziert. Bume, Felder und Wiesen hatten sich in
ein fleckenloses Brautgewand gehllt; die goldenen Sonnenstrahlen
spielten auf dem Schnee und streuten glitzernde Diamanten darber aus.
An den funkelnden Farben, die sich ber die blendend weie Welt
ergossen, konnte das Auge sich nicht satt sehen. Das Innere der
kleinen Dorfkirche im Lichterglanz und Blumenschmuck war wie ein
Feenmrchen. Fast noch die reinen Kinder standen Gustav und Flora vor
dem Altar. Die junge Braut in einem einfachen weien Kleide, die grne
Myrtenkrone auf den goldschimmernden Flechten, und der schlanke
Brutigam mit dem verzckten Blick und dem trumerischen, ernsten
Antlitz.

Die Freunde und Verwandten erschienen als gute Feen und Beschtzer --
alle beseelt von dem innigsten Wunsch, das junge, eben verbundene Paar
mge so glcklich werden, wie es zwei Menschen, die sich lieben, hier
auf Erden nur sein knnen.

Auch Irma befand sich als Brautjungfer mit im Zuge. Ihr Brautfhrer
war ein junger Rechtsgelehrter, ein Freund der beiden Reichers.
Eigentlich htte Hans sie fhren mssen, aber seit Irmas Ankunft hatte
er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nhern. Er war
sehr heiter, was sie mit Staunen wahrnahm, whrend sie in ihrer
unbewuten Eitelkeit geglaubt hatte, den armen Hans bedauern zu
mssen, weil er hoffnungslos in sie verliebt wre. Er behandelte sie
hflich und freundlich, aber von der Verehrung, die er ihr noch vor
kurzer Zeit bewiesen, konnte sie nichts mehr entdecken. Sie behauptete
zwar, da ihr das ganz gleichgltig sei, aber im Grunde fhlte sie
sich doch verletzt und rgerte sich. Die Kleine, von allen verwhnt
und bewundert, wute, da sie auffallend hbsch war -- ihre Umgebung
hatte ihr das nur zu oft gezeigt -- aber bis jetzt hatte das noch
keinen schlechten Einflu auf ihren Charakter gehabt. Ihre Koketterie
war unschuldiger Art, seit jedoch Baron Hochstein ihr eitles Kpfchen
mit seinen Redensarten und Schmeicheleien verdrehte, bildete sie sich
ein, etwas ganz Besonderes zu sein, und fand es daher nicht mehr wie
recht und billig, da Hans Reicher ihr Sklave und Anbeter bliebe,
vielleicht gar an seiner unglcklichen Liebe zu Grunde ginge. Wre er
ihr mit einer Liebeserklrung lstig gefallen, wrde sie ihn
jedenfalls ausgelacht haben, aber geschmeichelt htte sie sich dadurch
doch gefhlt. Nun er ihr zeigte, da er ohne sie leben konnte, grollte
sie ihm.

Hans war in seinen Gefhlen kein anderer geworden; er begriff jedoch,
da die einzige Mglichkeit, auf ein Wesen wie Irma Eindruck zu
machen, darin bestand, ihr zu imponieren. Von Herzen gern wre er zu
ihr gegangen und htte sie beschworen, ihm gut zu sein, aber als er
ihr reizendes Gesichtchen erblickte, aus dem die kindliche,
unbefangene Lieblichkeit verschwunden war, kam ihm sein Stolz zu
Hilfe, er erwiderte ihre Spttereien mit khler Hflichkeit und
wendete sich zu Maud, in deren Gesellschaft er sich jetzt am
glcklichsten fhlte.--

Hans ist einer der tchtigsten jungen Leute, die ich je gesehen
habe, sagte Maud, als sie alle wieder in F. waren. Er ist ein ganzer
Mann, klug und bedchtig, einer, der wei, was er will, wie mein John
auch. Damals im Sommer glaubte ich, er sei ernstlich in dich verliebt,
Irma. Wenn du ihn durch deine Koketterie abgeschreckt haben solltest,
wrdest du mir leid tun, denn nicht jedes Mdchen findet einen solchen
Mann.

Doch vor Irmas Seele tauchte in diesem Augenblick eine hohe,
aristokratische Gestalt auf, vornehm und elegant, mit der verglichen
Hans ihr wie ein Bauer erschien. Sie zuckte nur geringschtzig die
Achseln, als ob sie sagen wollte:

Ich kann doch wohl noch etwas Besseres bekommen.

Kennst du das Mrchen vom Schweinehirten, Irma? fragte Onkel Heinz.

Nein, versetzte die Kleine, und da sie auf dem Antlitz des
Professors einen spttischen Ausdruck sah, vor dem ihr unwillkrlich
bange ward, fgte sie hinzu:

Und ich will es auch nicht kennen.

Aber ich, fiel Agnes ein, ich liebe Mrchen ber alles; als wir
Kinder waren, wollte Vater jedoch nicht, da wir Mrchen lesen oder
hren sollten; das ist nur unpraktisches Zeug, meinte er, das euch
einen ganz falschen Begriff vom Leben gibt. Mrchen, Balladen,
Legenden -- in Deutschland mgen sie am Platze sein, fr Amerika
passen sie nicht.

Komm her, Irma, nahm Onkel Heinz von neuem das Wort, und hr' zu.
Er ergriff ihr widerstrebendes Hndchen und zog sie nher zu sich
heran. Die andern lachten ber ihr bses Gesicht. Das kleine Frulein
war in letzter Zeit oft so reizbar; aber hier gab es doch wirklich
keinen Grund, zornig zu werden.

Es war einmal, begann Onkel Heinz.

Wie abgeschmackt, schmollte Irma.

Es war einmal ein armer Prinz[2], er besa ein Knigreich, welches
ganz klein war, aber doch gro genug, um sich darauf zu verheiraten,
und verheiraten wollte er sich.

  [2] Aus Andersens Mrchen: Der Schweinehirt.

Freilich schien es etwas keck von ihm, da er zur Tochter des Kaisers
sagte: 'Willst du mich haben?' Aber er wagte es doch, denn sein Name
war weit und breit berhmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gern ja
gesagt htten, -- ob sie es tat?

Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, der blhte nur
jedes fnfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Blume, aber
diese eine Rose duftete so s, da jeder, der daran roch, allen
Kummer und alle Sorge verga. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall,
die konnte singen, als ob alle schnen Melodien in ihrer Kehle sen.
Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und
deshalb wurden sie beide in groe silberne Behlter gesetzt und ihr
zugesandt.

Der Kaiser und der ganze Hof waren bei der Ankunft der Geschenke
zugegen; aber die Prinzessin war dumm, sie glaubte, es seien eine
knstliche Rose und Nachtigall, und als sie sah, da es natrliche
waren, fand sie nichts Besonderes daran; sie zertrat die Rose und lie
die Nachtigall fliegen und wollte nicht gestatten, da der Prinz kme.

Dieser lie sich jedoch nicht einschchtern. Er bemalte sich das
Antlitz schwrzlich, zog die Mtze tief ber die Augen, klopfte an die
Tre des kaiserlichen Palastes und fragte, ob er nicht auf dem
Schlosse einen Dienst bekommen knne.

Jawohl, er konnte die Schweine hten. Er bekam eine jmmerlich kleine
Kammer, und da sa er nun den ganzen Tag und arbeitete, und als es
Abend war, hatte er einen niedlichen kleinen Topf gemacht; rings um
denselben waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie
schn und spielten die alte Melodie:

    Ach, du lieber Augustin,
    Alles ist weg, weg, weg!

Das Stck kann ich auch spielen, sagte die Prinzessin, die des
Abends mit ihren Hofdamen spazieren ging. Fragt mal den
Schweinehirten, wieviel der Topf kostet.

Ich will zehn Ksse von der Prinzessin haben, fr weniger tu ich's
nicht.

Das war ein Schreck, es wurde gehandelt und gebettelt, aber der
Schweinehirt bestand auf seiner Forderung.

In Gottes Namen, sagte die Prinzessin zu ihren Begleiterinnen, aber
ihr mt dicht um mich herumstehen, damit mich wenigstens niemand
sieht.

Die Hofdamen umringten sie, breiteten ihre Kleider aus, der
Schweinehirt bekam zehn Ksse, und sie erhielt den Topf.

Nun machte der geschickte Jngling eine Spieldose, wenn die aufgezogen
wurde, spielte sie alle Walzer und Polkas, die auf der Welt
existieren.

Das ist ja =superbe=, rief die Prinzessin, fragt ihn, was er dafr
haben will, aber kssen tu ich ihn nicht wieder.

Der Schweinehirt verlangte hundert Ksse; da ging die Kaisertochter
bse fort.

Aber die Spieldose war doch zu wundervoll, und als die Prinzessin
einsah, da der Schweinehirt sie nicht anders hergab, muten die
Hofdamen wieder einen Kreis schlieen, und sie lie sich kssen.

Was mag das wohl fr ein Auflauf beim Schweinestall sein? dachte der
Kaiser, der verwundert sah, wie alle Hofdamen auf einem Klmpchen
beisammen standen, und trotzdem er noch in Pantoffeln war, lief er
eilig hinunter, um zu sehen, was es gbe.

Sobald er den Hof betrat, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten
so viel zu tun, die Ksse zu zhlen, da sie seine Anwesenheit nicht
bemerkten. Er erhob sich auf den Zehen und wurde so wtend, als er
sah, wie sich seine Tochter von dem Schweinehirten kssen lie, da er
beiden die Pantoffeln um die Ohren schlug und sie vom Hof
herunterjagte.

Da standen sie nun in Regen und Klte, die Prinzessin weinte, und der
Schweinehirt fluchte.

Ach, ich unglckliches Geschpf, schluchzte sie, htte ich doch den
Prinzen genommen und die Rose und die Nachtigall nicht fortgeworfen;
wie dumm bin ich gewesen!

Der Schweinehirt ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze aus
dem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun im
frstlichen Gewande hervor, so schn, da die Kaisertochter sich
verneigen mute.

Ich will nichts mit dir zu schaffen haben, sagte er. Du wolltest
keinen ehrlichen Prinzen heiraten; die Rose und Nachtigall hast du
verachtet, aber den Schweinehirten konntest du um einer Spielerei
kssen. Das hast du nun davon!

Dann ging er in sein kleines Knigreich und schlug ihr die Tre vor
der Nase zu. Da konnte sie drauen stehen und singen:

    Ach, du lieber Augustin,
    Alles ist weg, weg, weg!

Das war sehr hbsch, meinte Irma mit erzwungenem Lcheln, ich sehe
nur nicht ein, was dies Mrchen mit mir oder Hans Reicher zu schaffen
hat.

Dann bist du gerade so dumm wie die Prinzessin, versetzte der alte
Herr trocken, sie von sich weg schiebend.

Agnes blickte Irma vielsagend an, aber an diesem Abend fand sie keine
Gelegenheit, ihre Cousine allein zu sprechen.

Wute Onkel Heinz am Ende gar, da sie mit Otto von Hochstein im
geheimen Briefe wechselte, ihn auch mitunter an einem vorher
verabredeten Platze traf? Irma erbebte bei diesem Gedanken; sie fragte
Agnes, was sie davon dchte, aber diese meinte, Onkel Heinz ahne
nichts; denn wre das der Fall, so wrde er sicher mit der Gromama
darber gesprochen haben; er sei doch nicht der Mann, so etwas zu
verschweigen. Nein, er zog nur seine Schlsse aus Irmas Benehmen gegen
Hans und aus dem, was er bei der bewuten Landpartie beobachtet
hatte.

Trotzdem riet Agnes ihr, vorsichtig zu sein, und nahm gleichzeitig
nochmals die Gelegenheit wahr, ihr das Unrecht vorzuhalten. Sie
bemhte sich, Irma zu berzeugen, da Otto es unmglich gut mit ihr
meinen knne, wenn er fortfuhr zu verlangen, da sie ihre nchsten
Angehrigen so hintergehen solle. Anfangs hatte er doch nur von
einigen Wochen gesprochen, bis es so weit sein werde, da sie ihrer
Gromutter alles erzhlen knne; nun waren bereits Monate ins Land
gezogen, und noch immer gebot er ihr Schweigen.

Unter Trnen und Seufzen mute Irma zugeben, da die Cousine recht
htte; aber sie liebte Otto zu sehr, sie knnte nicht von ihm lassen,
sie wrde sterben, wenn alles aus sein mte.

Unsinn, wandte Agnes ein, da du groen Kummer haben wrdest, will
ich glauben, aber an so etwas stirbt man nicht.

Wie kannst du so reden? Versetz' dich doch an meine Stelle. Wrdest
du nicht sterben, wenn du Ludwig entsagen mtest?

Nein. Ich wrde sehr unglcklich sein; aber ich wrde mich bemhen,
daran zu denken, da es noch so viele gibt, die mich lieben: Eltern,
Geschwister, Freunde, und da ich daher nicht das Recht htte, mich so
ganz und gar meinem Schmerz hinzugeben.

Ach du, nahm die Kleine wieder das Wort, du bist verlobt und bist
doch so kalt, so scheulich praktisch -- du weit ja gar nicht, was
Liebe ist.

Mglich, versetzte Agnes, eins aber wei ich wohl. Wenn Ludwig mich
berreden wollte, etwas Unredliches und Schlechtes zu tun, dann wrde
ich ihn laufen lassen, und wissen, da er nicht _der_ ist, fr den ich
ihn hielt. Die Versicherung gebe ich dir -- und meinen Kummer wrde
ich berwinden.

Irma schwieg. Die widersprechendsten Gedanken stritten sich in ihrem
Kpfchen. Sie besa genug gesunden Verstand, um sich bei ruhiger
berlegung zu sagen, da Agnes recht habe. Aber Otto war so schn, so
unwiderstehlich, er hatte ihr Herz ganz mit Beschlag belegt, und sie,
sie glaubte ihn wahrhaft zu lieben. Wie sehr sie auch an Gromama, den
Eltern und den andern hing, wenn sie Otto aufgeben mte, wrde deren
Liebe sie nicht zu trsten vermgen, und dann ... der Gedanke, Baronin
von Hochstein zu werden, war ihr in letzter Zeit immer lieber und
vertrauter geworden. Manchmal stellte sie sich bereits vor, wie es
sein wrde, wenn sie als Ottos Frau ihren Platz in den glnzenden
Slen des Schlosses seiner Ahnen, von dem er ihr solche Wunder
erzhlte, einnehmen wrde. Sie sah sich als Braut in der
Familienkapelle vor dem Altar, nicht in einfachem, weiem Nesseltuch
wie Flora, sondern in einem Kleide von Silberbrokat, mit funkelnden
Diamanten bestreut, und in ihrer Nhe, auer den eigenen Verwandten,
einen weiten Kranz hochadliger Damen und Herren, vornehme Offiziere
und Minister, die Brust mit Orden bedeckt. Ja, wer wei, vielleicht
lie sich der Kaiser gar durch einen seiner Adjutanten vertreten, denn
am Hof wrde sie dann natrlich schon vorgestellt sein.

Es war hart, all diesen schnen Aussichten Lebewohl zu sagen, noch
hrter aber, ihren glnzenden Studenten aufzugeben. Und doch, wenn sie
sich aus ihren Trumen in die Wirklichkeit zurck versetzte, vernahm
sie eine Stimme in ihrem Innern, die ihr zurief, da ihr nichts andres
brig bleiben werde. Sie seufzte tief und brach aufs neue in Trnen
aus.

Aber was willst du denn? Was soll ich tun? fragte sie endlich, als
Agnes sie in ihre Arme zog und sich bemhte, sie zu trsten.

Ihn zum letzten Male fragen, ob du alles erzhlen darfst, und wenn
er es nicht zugeben will, unwiderruflich und fr immer Abschied von
ihm nehmen.

Ich kann nicht, sthnte Irma, er wird mir bse werden und mir
vorwerfen, da ich mein Versprechen nicht halte.

Wann hast du wieder eine Zusammenkunft mit ihm?

Morgen nachmittag.

Soll ich an deiner Stelle gehen und ihm sagen, wie der Hase luft?
fragte Agnes, mit einem streitlustigen Gesicht.

Nein, ums Himmelswillen nicht! Er wei nicht, da du meine Vertraute
bist. Er wrde mir das nie verzeihen.

Agnes zuckte ungeduldig die Achseln. Noch eine Weile weinte Irma, dann
stand sie auf.

Ich will es tun, sagte sie, du hast recht, es ist furchtbar, so
etwas vor Gromama geheim zu halten, aber verliere ich Otto, so sterbe
ich ganz gewi.

Es stirbt sich nicht so leicht, dachte Agnes, aber sie war klug
genug, das nicht zu sagen. Hr' mal, sagte sie laut, ich will
morgen mit dir kommen; hab' keine Angst, dein Baron soll mich nicht
sehen, erst wenn eure Begegnung vorber ist, wollen wir uns auf einem
vorher verabredeten Platze treffen und zusammen nach Hause gehen.

Am folgenden Tage go es in Strmen, die Straen waren na und
schmutzig, alles sah trostlos grau und dster aus. Eilig schritten die
beiden Mdchen nebeneinander her, bis sie die Chaussee erreichten.
Irma hatte fast kein Wort gesprochen und auf alles, was die Freundin
sagte, nur einsilbig geantwortet. Besorgt schaute letztere ihre
Cousine an. Selbst jetzt, in einem grauen Regenmantel gehllt, ein
einfaches Filzhtchen auf dem Goldhaar, war die Kleine bildhbsch. Um
sie etwas aufzumuntern, scherzte Agnes:

In meinem Regenmantel seh' ich aus, als ob ich in einem Sack
steckte; deiner steht dir famos, wie alles, was du anziehst.

Selbst diese Schmeichelei, fr die sie sonst nicht unempfindlich
gewesen wre, lockte kein Lcheln auf Irmas Lippen. Ihre Mundwinkel
bebten und sie kmpfte sichtlich mit den Trnen.

Nur Mut, nicht verzagt! trstete Agnes, vielleicht luft die Sache
gut ab. Wenn du ihm gehrig ins Gewissen redest, sieht er
wahrscheinlich selber ein, da er nicht recht tut. Wer wei, ob er dir
nicht erlaubt, noch heute deinen Eltern zu schreiben und der Gromama
alles zu sagen, dann wird in den nchsten Tagen deine Verlobung
angezeigt, und du gehst mit deinem schnen Baron Arm in Arm einher!

Irma antwortete nichts, der Ton, in dem Agnes ber Otto sprach,
rgerte sie, aber sie fhlte sich zu unglcklich, um sich in ein
Wortgefecht einzulassen.

Sie hatten schon ein gutes Stck Weges zurckgelegt. Kein Mensch lie
sich auf der Chaussee blicken; die kahlen Bume tropften vor Nsse,
der Boden war durchweicht und schlpfrig. Agnes schaute umher und
mute leise lcheln. Kein poetisches Wetter fr ein Stelldichein,
dachte sie, und hatte Lust, einige spttische Bemerkungen zu machen,
bezwang sich aber, blieb stehen und sagte nur:

Ich kehre um, Irma, denn Baron von Hochstein kann jeden Augenblick
erscheinen. Bei diesem Wetter hab' ich keine Lust, hier drauen auf
dich zu warten. Ich geh' in die Konditorei von Bauer. Komm mir dahin
nach, sobald du kannst.

Ja.

Wirst du's kurz machen?

Ja.

Und tapfer sein?

Ja.

Agnes seufzte, gab ihrer Cousine einen Ku und entfernte sich rasch,
denn sie glaubte in der Ferne die hohe Gestalt Hochsteins zu erkennen.
Nach einigen Minuten schaute sie sich um. Ein Gartenzaun entzog sie
den Blicken der beiden, sie selbst aber konnte deutlich sehen, wie
Irma und der Student unter einem Regenschirm zusammen weitergingen,
bis sie im nahen Wldchen verschwanden.

Bedrckten Gemts begab Agnes sich in die Konditorei. Zum Glck waren
keine Gste dort. Sie setzte sich ans Fenster und bestellte Schokolade
und Kuchen. Irma wrde gewi verfroren und betrbt ankommen und ein
warmes Getrnk ihr gut tun. Wenn sie jetzt nur tapfer war und fest
blieb, dann nahm diese ganze elende Geschichte ein Ende. Agnes fhlte
sich so zu sagen mitschuldig an dem Betrug, weil sie Schweigen gelobt
hatte, und doch sah sie ein, da sie ihr Wort nicht brechen durfte.

Whrend sie bei sich das fr und wider berlegte, verging die Zeit.
Sie sah nach der Uhr, eine halbe Stunde war schon verstrichen. Die
Schokolade wurde kalt, sie wollte frische bestellen, wenn Irma kam.
Himmel, wie lange dauerte das! Ob sie Abschied nahmen? Agnes fing an
unruhig zu werden und stand im Begriff, sich nach dem Ort des
Stelldicheins zu begeben. Da knarrte die Ladentr. Gott sei Dank, Irma
trat ein mit strahlendem Gesicht, glhenden Wangen und glnzenden
Augen. Agnes flog ihr entgegen.

Ich brauche nicht zu fragen, rief sie, alles ist gut?

Irma nickte, setzte sich an den Tisch und nahm sofort von dem Kuchen.

Agnes freute sich aufrichtig, Otto stieg in ihrer Achtung, und sie
bereute, da sie ihm oft in ihren Gedanken unrecht getan hatte.

Du mut vergessen, da ich an Otto zweifelte und sagte, er meine es
nicht gut mit dir. Ich sehe, da ich mich geirrt habe, sagte sie.

Er ist ein Engel, versetzte Irma, wenn du ihn spter kennen lernst,
wirst du das selber finden.

Na, das ist ja nicht gerade ntig, aber nun erzhle wie es war. Fand
er's gleich in der Ordnung, da die Heimlichkeit aufhren soll? Hat er
wohl gar schon mit seinen Eltern gesprochen? Wann wird eure Verlobung
verffentlicht?

Irma hatte den dritten Kuchen verzehrt, schob nun den Teller zurck
und rhrte nachdenklich in der Schokolade.

Otto sieht sehr wohl ein, da dieser Zustand auf die Dauer unhaltbar
ist, begann sie, daher begreift er auch, da ein Ende damit gemacht
werden mu.

Recht so. Ich frchte nur, Irma, Gromama wird doch ein bichen bse
auf dich sein, aber du bist ihr Liebling, da wird sie's schon
verzeihen. Du sagst es ihr doch natrlich noch heute?

Nein, heute nicht.

Was? Agnes fiel wie aus den Wolken.

Nein, fuhr Irma etwas nervs und gereizt fort. Du brauchst dich
nicht gleich zu ereifern. So rasch geht das nicht. Otto mu erst eine
gnstige Gelegenheit abwarten, seine Eltern vorzubereiten.

Himmel, Irma, was hat er dir denn wieder vorgeflunkert? Das ist ja
immer die alte Leier.

Die alte Leier. Hr' mal, du hast selbst gesagt, da du Otto unrecht
getan hast; nun fngst du schon wieder an.

Ich hre, versetzte Agnes, mit einem Gesicht, auf dem Ungeduld und
Entrstung deutlich zu lesen standen.

In drei, hchstens vier Monaten macht Otto sein Examen. Da er
durchkommt, ist sicher, er ist ja so klug. Seine Eltern werden riesig
erfreut sein, denn in den ersten Semestern hat er viel gekneipt und
gebummelt, aber wenig studiert. Wenn er durchkommt, kann er von seinen
Eltern verlangen, was er will -- dann will er ihnen alles sagen, und
es unterliegt keinem Zweifel, da sie ihre Einwilligung geben.

Und in der Zwischenzeit?

Bleibt alles natrlich, wie es ist. Was bedeuten drei bis vier
Monate? Nun wir wissen, da es nur noch so kurze Zeit dauert, wre es
doch mehr als dumm, alles durch zu frhe Verffentlichung aufs Spiel
zu setzen.

Agnes sagte nichts. Sie stand auf und bezahlte, was sie verzehrt
hatten. Dann setzte sie sich noch einmal, schwieg aber.

Warum sagst du nichts? fragte Irma endlich mit bedrckter Miene.

Ach, du lieber Augustin, alles ist weg, weg, weg, sang die andere.

Agnes, rief Irma zornig, du bist unausstehlich!

Bin ich? So? Na, dann wollen wir nur nach Hause gehen, mein armes,
dummes Prinzechen.

Die Kleine war sehr bse. Mit stolz erhobenem Haupte schritt sie neben
ihrer Cousine her und sagte ihr sehr khl Lebewohl, als sie an ihrer
Wohnung angelangt waren.

Einige Tage spter erhielt Frau Gontrau einen Brief von ihrem Grosohn
Gustav von Holten, mit der Bitte, ihm Irma doch einige Wochen nach I.
auf Besuch zu schicken. Er selbst wre durch seine rege
Berufsttigkeit viel von Hause fort und sein noch so wenig an das
Stadtleben und die neue Umgebung gewhntes Frauchen fhle sich ein
bichen einsam. Es wre daher herrlich, wenn sie fr eine Zeitlang
Gesellschaft bekme.

Das Blut stieg Irma in die Wangen, und ihre Augen glnzten vor Freude.
Wie entzckend in I. auf Besuch zu sein und dort vielleicht Otto
hufig zu begegnen!

Mchtest du gerne hin, Kindchen? fragte Ilse.

Ach, wie gern, Gromama! Aber dann bist du so allein!

O, das tut nichts, ich kann mich schon beschftigen, und seit Mllers
hier wohnen, habe ich ja immer Gesellschaft.

Das ist wahr. Agnes und Maud knnen dich alle Tage besuchen.

Gewi, mein Liebling, und dann ist noch Onkel Heinz da, so wird mir's
an Unterhaltung nicht fehlen. Ich glaube, da es auch fr dich heilsam
ist, einmal in andre Umgebung zu kommen, Irma, denn du siehst in der
letzten Zeit nicht gut aus; auch hast du dich berhaupt sehr
verndert.

Aber Gromama, sagte die Kleine mit erzwungenem Lcheln und
klopfendem Herzen.

Ilse streichelte das blonde Gelock ihrer Enkelin und kte sie. Du
hast doch nichts, was dich bekmmert?

Gewi nicht, Gromama; wie kommst du nur darauf?

Ich beobachte dich, mein Liebling, und finde, da du oft so sonderbar
bist. Weit du, was ich mir einbildete?

Nein, wie sollte ich das wissen?

Da der schne Student, der auf unsrer Landpartie so aufmerksam gegen
dich war, tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, und da du dich
unglcklich fhlst, weil er seitdem nichts mehr von sich hren lie.

Im Zimmer herrschte Dmmerung, und Irmas Kpfchen lag an Ilses
Schulter. So konnte die Gromama die Schamrte nicht sehen, welche die
Wangen der Enkelin bedeckte, als diese zgernd erwiderte:

Aber Gromama, wie hast du dir nur so was in deinen lieben, alten
Kopf setzen knnen?

Nicht wahr, Kindchen? Sie haben mir bange gemacht, Onkel Heinz und
deine Mama, die in jedem Brief fragte, ob ich nichts von jenem Baron
gesehen habe; und dann, wie ich schon erwhnte, warst du mitunter so
sonderbar; aber ich glaubte, wenn etwas derartiges wre, wrde mein
Kind mir's doch sagen, denn nicht wahr, Irma, du hast Vertrauen zu mir
und lt mich an deiner Freude, wie an deinem Kummer teilnehmen?

Natrlich, Gromama.

Also war's nur eine Aufwallung, eine vorbergehende Verliebtheit! In
Wirklichkeit hast du dir nie etwas aus dem Baron gemacht?

Nein.

Ich bin so froh darber und fhle mich nun ganz beruhigt. Daraus
htte doch nie etwas werden knnen. Die Barone von Hochstein halten
sich ja fr ganz besonders vornehm. Ich bin dankbar, mein Liebling,
da dieser Kummer dir erspart geblieben ist.

Irma begab sich in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und schluchzte,
als sollte ihr das Herz brechen. Sie kam sich so schlecht vor, so
heuchlerisch und doppelsinnig, da sie einen Ekel vor sich selber
empfand und im Begriff stand, wieder hinunterzugehen und ihre Schuld
zu gestehen. Aber dann fiel ihr ein, wie Otto gesagt hatte, da dies
unwiderruflich alles verderben wrde. So beschwichtigte sie ihr
Gewissen, indem sie sich vorhielt, es werde ja nur noch ein paar
Monate dauern. Dann durfte sie alles beichten und um Verzeihung
bitten, da sie die Gromama in dieser Weise hatte hintergehen mssen.

       *       *       *       *       *




Als Irma in I. aus dem Coup stieg, schaute sie sich berall nach
Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttuscht
nahm sie sich eine Droschke und lie sich nach der kleinen, dicht vor
der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.

Es war ein schner Tag zu Ende Februar; wie holde Frhlingsahnung zog
es durch die Luft. Hier und da fingen einige geschtzt stehende Bsche
an zu knospen, und in dem Grtchen vor dem Hause blhten gelbe und
lila Krokus. Die Villa sah allerliebst aus; von dem hell gestrichenen
Giebel hob sich der Fenster und Tren umrankende Efeu malerisch ab.

Irma klingelte, mute aber lange warten; erst als sie zum zweiten Male
die Glocke zog, wurde geffnet, und eine mrrische Stimme brummte:

Es wird doch wohl nich so 'ne Eile haben, ich komm schon.

Eine dicke Dienstmagd in den fnfziger Jahren, mit aufgedunsenem,
frechem Gesicht, pechschwarzem Haar und einem Anflug von Schnurrbart
auf der Oberlippe ward sichtbar. Sie trug ein dunkles Wollkleid, aus
dessen kurzen Puffrmeln die drallen, feuerroten Arme wie fest
gestopfte Wrste zum Vorschein kamen. Der Boden drhnte unter ihren
Schritten, und sie hatte ganz und gar das Aussehen eines verkleideten
Dragoners.

Ist die gndige Frau zu Hause? fragte Irma erschreckt und kleinlaut
beim Anblick dieser martialischen Erscheinung.

Jawohl.

Sagen Sie ihr, da ich angekommen bin, Frulein von Holten, die
Schwester des Herrn.

Nicht ntig, damit deutete sie auf eine Tr am Ende des Korridors.
Diesem gebieterischen Winke gehorchend, beeilte Irma sich an die
bezeichnete Tre zu klopfen. Kein Herein ertnte; sie schaute sich
hilflos um, aber das Mannweib war verschwunden. Irma ffnete, prallte
indes sofort zurck, denn das ganze Zimmer war mit Rauch erfllt, der
Qualm trieb ihr Trnen in die Augen und reizte sie zum Husten. Als sie
nach einigen Augenblicken zgernd eintrat, konnte sie ein gerumiges
Gemach unterscheiden, mit eleganten, ganz modernen Mbeln. Sie sah
Vorhnge und Wandbekleidungen von hellgrner Seide, mit stilisierten
Blumen durchwirkt, berall in knstlerischer Unordnung durch den
ganzen Raum verstreut Bsten, Bilder und Kunstwerke jeder Art. Was
Irma aber am meisten in Erstaunen setzte, war Flora selbst, die in
einem lose hngenden, weien Gewande vor dem Ofen kniete und
augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer
anzuznden; es wollte nicht brennen, dicke blaue Rauchwolken stiegen
aus den Steinkohlen in die Hhe und hllten die junge Frau vollstndig
ein.

Mein Himmel, Flora, was treibst du da? rief Irma.

Die Angerufene kehrte sich um, ganz entsetzt beim Anblick ihrer
Schwgerin.

Ach Gott, ist's schon so spt? Ich wollte dich von der Bahn abholen
und habe gar nicht auf die Zeit geachtet. Was soll ich nun machen? Das
eklige Feuer will und will nicht brennen.

Eine nette Begrung, meinte Irma lachend. Komm aber wenigstens mal
her und gib mir einen Ku, und dann wollen wir das Fenster aufreien,
denn in diesem Rauch ersticken wir ja.

Wenn ein Luftzug hereinkommt, werden die Kohlen erst recht nicht
anbrennen. Und sofort kehrte Flora zum Ofen zurck.

Aber Kind, warum rufst du nicht das Mdchen?

Ach, Irma, ich getraue mich nicht. Vor ein paar Stunden brannte das
Feuer ganz gut; ich habe vergessen danach zu sehen, und nun wage ich
nicht, sie noch einmal zu bemhen. Sie wrde bse werden, und ich hab'
solche Angst vor ihr.

Wenn es das Wesen ist, das mir aufmachte, dann glaube ich dir's. Die
sah ja aus wie ein Mann. Wie konntest du nur so ein Mdchen nehmen,
Flora?

Ach, sprich nicht davon; wir sind zwei Monate verheiratet, und dies
ist schon die Fnfte.

So? Wie kommt denn das?

Ich wei es nicht, klagte Flora, immer noch das Feuer anblasend.
Ich glaube, ich verstehe nicht mit ihnen umzugehen. Die erste, die
wir hatten, radelte leidenschaftlich und wollte nicht kochen; dann kam
eine, die stahl wie ein Rabe, in zwei Tagen war das Wirtschaftsgeld
alle, ohne da ich es ausgegeben htte; die dritte ging in einem
meiner Kleider und mit meinem Hut spazieren; die vierte hatte eines
Tages ihren Schatz und noch fnf oder sechs Soldaten in der Kche. Von
dieser glaube ich, da sie trinkt, denn sie flucht entsetzlich, und
ich habe schreckliche Furcht vor ihr.

Und Gustav? fragte Irma, die trotz allem lachen mute.

Ach, du siehst doch wohl ein, da ich ihm mit dieser huslichen
Misere nicht lstig fallen kann. Er findet es so wie so schon
merkwrdig, alle Augenblicke ein andres Gesicht zu sehen. Der Haushalt
und das Mdchen gehren doch zu meinem Wirkungskreis.

Das offenstehende Fenster schien dem Feuer bekmmlich zu sein; der
Rauch verzog sich, und die Kohlen fingen an zu brennen. Mit einem
Seufzer der Erleichterung stand Flora auf.

Gott sei Dank, sagte sie. Es ist ja sehr schnes Wetter, aber ohne
Feuer geht es doch noch nicht.

Warum hast du keine Fll- oder Gasfen? fragte Irma, dann
brauchtest du dich gar nicht darum zu kmmern.

Ach, die mag Gustav nicht. Er sagt, das sind hliche,
unknstlerische Dinger; er will das Feuer und die Flammen sehen, das
bringt ihn auf gute Gedanken und regt ihn an.

So! Aber sag' mal, Flora, du siehst eigentlich sonderbar aus. Gehst
du immer in solch einem weien Kleide?

Floras Toilette war in der Tat hchst eigenartig. Ihr langes,
schleppendes, weies Gewand, am Halse ein wenig ausgeschnitten, mit
weiten, hngenden rmeln, und ihr blondes, aufgelstes Haar, das nur
von einem schmalen, goldnen Bande zusammengehalten wurde, erinnerten
sehr an Theater oder Maskenball.

Findest du es nicht schn? fragte sie, indem sie sich um sich selbst
drehte, damit Irma sie von allen Seiten bewundern knne.

Ja, es steht dir sehr gut, aber es ist doch ein bichen komisch, sich
so zu kleiden; ich finde es geziert und auffallend.

Gustav hat's gern, wenn ich mich so kleide und das Haar aufgelst
trage; dann bin ich in seinen Augen Elsa.

Wird er nun bald als Schwanenritter erscheinen? fragte Irma
spottend.

Nein, das geht natrlich nicht, aber Gustav sagt, die Menschen, die
alles, was ein bichen vom Althergebrachten abweiche, geziert fnden,
seien eben ganz und gar nicht knstlerisch veranlagt.

Irma schaute ihre junge Schwgerin erstaunt an; aber sie sah sofort
ein, da Flora nicht beabsichtigt hatte, ihr etwas Anzgliches zu
sagen. Sie wiederholte nur die Worte ihres Gatten wie eine auswendig
gelernte Aufgabe.

Sie gingen jetzt zusammen nach oben, und Irma mute das ganze Haus
bewundern. Die Einrichtung war wirklich hchst geschmackvoll, aber
smtliche Zimmer und Schrnke zeigten die Spuren weitgehendster
Unordnung. Die mit hellen Seidenstoffen bezogenen Sessel und Sofas
waren voll Flecken, und die unglaublichsten Dinge lagen berall umher.
Im Schlafzimmer waren Notenbcher ber den Boden verstreut, und auf
dem ungemachten Bett mit herunterhngender Spitzendecke lagen
Schreibmaterialien neben einem halb beschriebenen Notenblatt. Gustav
hatte beim Ankleiden eine Eingebung gehabt und sofort seine Gedanken
zu Papier gebracht, dann aber keine Zeit gefunden, die Arbeit
durchzusehen. Nun durfte niemand daran rhren, ehe er heimkehrte. Irma
war gewi keine vollendete Haushlterin, aber bei Gromama Gontrau
herrschte eine so tadellose Ordnung und anheimelnde Gemtlichkeit, da
sie sich unwillkrlich ber dies tolle Durcheinander rgerte.

Wie kommt es, Flora, da deine schnen Sthle schon so arg schmutzig
sind? fragte sie, als sie wieder unten waren.

O, das haben die abscheulichen Mgde getan, versetzte Flora. Sag
mal, Irma, fuhr sie, ihre Schwgerin mit groen, erschrockenen Augen
ansehend, fort, findest du es hier nicht nett?

Na, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn ich erst so kurze Zeit
verheiratet wre und so viele schne Sachen htte, wrde ich sie doch
mehr in acht nehmen.

Ich tue, was ich kann, sagte Flora ernst, aber es ist so schwer.
Gustav meint, es kme darauf nicht an. Er selbst ist so zerstreut, er
denkt nur an seine Musik, ist nie bei der Sache. Gestern z.B. go er
den Wein auf die Teller statt in die Glser; er nimmt allerhand Dinge
mit nach oben, die nicht in die Schlafstube gehren, und vergit sie
an ihren Platz zurckzustellen; ich will gern alles in Ordnung
halten, aber ich bin so nervs, mache hufig Flecken, und zerbreche
viel.

Das ist sehr schade, meinte Irma.

Das rgste aber von allem sind die Dienstmdchen. Ich glaube, diese
Lisa ist die frchterlichste, die ich noch gehabt habe. Stelle dir
vor, morgens tritt sie bei mir an und fragt mich allerlei, was ich
nicht wei. Ich habe doch keine blasse Ahnung, wieviel Fleisch oder
Fisch oder Gemse oder Butter ich brauche, und die Preise kenne ich
erst recht nicht. Verstehst du das alles?

Alles nicht, aber so 'ne schwache Idee habe ich doch davon.

Ich nicht. Gromama Flora sagte immer, der Haushalt ginge von selbst,
den brauchte man nicht zu lernen. Mama hat zwar in letzter Zeit
versucht, mir einiges zu zeigen, aber ich war so von meiner Liebe zu
Gustav erfllt, da ich nicht aufpate. Nun tut mir das leid. Jetzt,
wo du hier bist, kannst du mich belehren, ja?

Viel wird das nicht sein; aber so gut ich kann, will ich dir gern
helfen.

Wirst du dich auch vor Lisa frchten?

Nein, sie ist doch nur die Magd.

In diesem Augenblick trat die, von der sie soeben gesprochen, ins
Zimmer.

Es ist Zeit, den Tisch zu decken, sagte sie barsch, und dann fuhr
sie, zu Flora gewendet, fort:

Geben Sie mir die Schlssel zum Wscheschrank und zum Weinkeller.

Irma gab ihrer Schwgerin einen Wink, da sie es verkehrt finde, dem
Mdchen die Schlssel zu berlassen, wandte sich aber verlegen ab und
betrachtete aufmerksam einen Kupferstich an der Wand, als Lisa sie mit
herausforderndem Blick ansah, und die Hnde in die Seiten stemmte.

Die Magd fllte die ganze Stube mit ihren schwerflligen, plumpen
Bewegungen und ihrer Riesengestalt aus. Drhnend ging sie hin und her
und schaute immer wieder so drohend nach der Tre, da den beiden
Kindern angst und bange wurde, und sie, der gleichen Empfindung
folgend, zusammen das Zimmer verlieen.

Gustav kam nach Hause. Er hatte sich, seit Irma ihn zuletzt gesehen,
wenig verndert. Seine trumerischen Augen starrten wie immer ins
Blaue hinein. Sein Haar war gewachsen und ringelte sich bis in den
Nacken. Er trug eine kurze Samtjoppe, einen Umlegekragen und eine
breite, flatternde Krawatte. Als er eintrat, flog Flora ihm entgegen,
und ohne von seiner Schwester die geringste Notiz zu nehmen, schlo er
sein Weibchen in die Arme und kte es. Diese Umarmung dauerte
mindestens fnf Minuten. Irma vernahm alle mglichen Ausrufe, wie:
Mein blondgelockter Engel! Meine Elsa! Meine reine, weie Lilie! --
und: Mein Held! Mein Knstler! Mein liebes Mnnchen! &c. Ihr wurde
ganz schwach, und endlich rief sie:

Hrt mal, ich bin auch noch da!

Nun hie Gustav sie herzlich willkommen und ging dann in sein Zimmer.
Auch hier herrschte eine geniale Unordnung. Ste von Musikheften
bedeckten den Flgel sowie smtliche Sthle und selbst die Erde, soda
es eine Kunst war, einen Weg durch dies Chaos zu finden.

Die gefrchtete Lisa meldete, da das Essen fertig sei.

Ich will nicht, da alles kalt wird, fgte sie hinzu; sagen Sie
also dem Herren, er soll gleich kommen.

Gehorsam ging Flora, um ihren Mann zu rufen; er sa am Flgel und
spielte. In den ersten zehn Minuten gab er auf die Bitte seiner jungen
Frau berhaupt keine Antwort.

Endlich, als sie es wagte, leise nher zu treten und ihn auf ihre
Anwesenheit aufmerksam zu machen, stand er trumerisch auf, fuhr mit
der Hand durch sein langes Haar und folgte ihr.

Lisa brachte das Essen herein und bediente mit einem Gesicht wie eine
druende Gewitterwolke. Das Mahl war gut zubereitet, aber es wurde in
solchen Mengen aufgetragen, da noch mindestens zehn Personen htten
mitspeisen knnen. Irma machte ein sehr erstauntes Gesicht.

Was fr ein kolossaler Rinderbraten, der wrde fr ein Waisenhaus
gengen, sagte sie, als Lisa das Riesenstck auf den Tisch stellte.

Das Mdchen warf ihr unter gerunzelten Brauen einen wtenden Blick zu,
und Flora winkte ihr erschrocken, sie mchte schweigen.

Aber Kind, begann Irma, als das Schreckgespenst das Zimmer verlassen
hatte, warum bestellst du solche Riesenbraten? Nun mssen wir die
ganze Woche von kaltem Fleisch leben.

O nein, davon ist morgen nichts mehr brig.

Was! rief Irma, mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen.

Ja, wo es hinkommt, wei ich nicht.

Aber das ist doch unmglich. Wir drei zu Hause essen nicht den
zehnten Teil von dem, was hier aufgetischt wird; wo bleiben denn die
Reste?

Auf den Tisch kommt nichts mehr davon.

Aber dann bringt Lisa sie beiseite.

Ums Himmels willen, sei doch still. Wenn sie das hrte!

Na, es ihr ins Gesicht zu sagen, wrde ich freilich nicht wagen. Aber
Gustav, du, der Herr des Hauses, solltest doch das Mdchen zur Rede
stellen.

Um was handelt sich's denn? fragte Gustav, der in seiner
zerstreuten Art a, auf nichts achtete, was um ihn her geschah, und
nicht hrte, was gesprochen wurde.

Irma legte ihm den Fall vor.

Er schaute ebenso hilflos drein, wie sein kleines Frauchen, und sagte
freundlich:

Meine liebe Irma, was knnen wir da machen?

Nun, aufpassen und wenn ntig, sie ins Verhr nehmen.

O nein, das Frauenzimmer wrde heulen, schreien und fluchen. Ich
finde sie schon schrecklich genug, mit ihrer lauten Stimme und ihren
unschnen Bewegungen. Ich mchte so gern ein Mdchen haben, das mit
Floras poetischer Erscheinung mehr im Einklang stnde. Was sie aber
mit dem briggebliebenen Essen macht, kann mir doch ganz egal sein.

Wenn du nach dem Mittagessen alles an einen bestimmten Platz stellen
lieest, Flora.

O, liebste Irma, hier im Hause hat nichts seinen bestimmten Platz.

Du mut meinem kleinen Liebling keinen Schreck einjagen,
Schwesterchen, sagte Gustav. Sie bemht sich nach Krften, und ich
habe ein bichen geniale Unordnung gern.

Aber auf diese Weise seid ihr bald bettelarm.

Ach nein, wir besitzen noch einen groen Haufen Geld, und wenn das
alle ist, komponiere ich meine neue Oper; mir stecken ja so viel Ideen
und Melodien im Kopf. Und dann werden wir wieder reich, gelt,
Florchen?

Beide lachten so sorglos und herzlich, da Irma, die von Natur
wahrhaftig nicht ernst angelegt war, lustig mit einstimmte.

Ein paar Tage spter wurde sogar Gustav aus seiner behaglichen
Gleichgltigkeit wachgerttelt. Seine Frau war mit Irma spazieren
gegangen. Als er nach Hause kam, stand ein Haufen Menschen vor der
Tre der kleinen Villa, und ber dem Dach schwebte eine dichte
schwarze Rauchwolke.

Es brennt, rief es von allen Seiten, und bei seinem Eintritt schlug
ihm ein erstickender Qualm entgegen. Es war ein Schornsteinbrand, und
in der Kche sa die gefrchtete Lisa mit dem Kopf auf dem Tisch und
schnarchte, whrend eine geleerte Kognakflasche und ein Glas daneben
deutlich erkennen lieen, woher sie so zur Unzeit ein Bedrfnis nach
Ruhe berkommen hatte.

Fremde Leute drangen ins Haus; die Feuerwehr und die Polizei wurden
alarmiert. Gustav war spter auer Stande zu erzhlen, wie alles sich
zugetragen hatte; aber als Flora und Irma heimkehrten, fanden sie in
der Kche eine frchterliche Unordnung, und Lisa war von der heiligen
Hermandad mit Sack und Pack aus dem Hause geschafft worden. Nur in
hchst unzusammenhngender Weise vermochte Gustav ihnen das Geschehene
zu erklren; dann standen sie alle drei und schauten sich bestrzt an,
bis Flora endlich erleichtert aufatmete und Gott dankte, da Lisa fort
war, denn sie wrde nie den Mut gefunden haben, ihr zu kndigen.

An diesem Mittag speisten sie in einem Restaurant und unterhielten
sich kstlich. Am folgenden Morgen machten Irma und Flora die Betten
und lachten sich ber ihre Ungeschicklichkeit gegenseitig aus. Whrend
ihnen bei ihrer ungewohnten Beschftigung die Stunden im Fluge
vergingen, waren sie ausgelassen lustig, wie zwei Kinder, die das
Wirtschaften als Spiel betreiben, bis Gustav heimkehrte und ihnen
erzhlte, da des Abends eine Anzahl Herren zum Musizieren kommen und
zum Nachtessen bleiben wrden.

Irma prustete los, aber Flora machte ein ganz entsetztes Gesicht.

Mnnchen, wie konntest du sie heute einladen? Wir haben doch noch
kein Mdchen, es ist unmglich.

Daran hab' ich nicht gedacht, versetzte Gustav ganz geknickt. Aber
absagen kann ich nicht. =Dr.= Schweinfurt und der Direktor des
Konservatoriums, Raabe, wollten so gern deine Bekanntschaft machen;
sie bringen beide ihre Frauen mit.

Wie soll das nur werden?

Das wei ich nicht, Kindchen, denke dir etwas Gescheites aus. Doch
Flora war nicht erfinderisch. Hlflos schaute sie sich um, und das
Weinen war ihr nher als das Lachen.

Bist du ngstlich, rief Irma, deshalb gleich den Kopf hngen zu
lassen. Weit du was, ich werde mich als Magd verkleiden, den Gsten
aufmachen und sie bedienen. Das kann einen kstlichen Spa geben. Wir
wollen uns gleich an die Arbeit machen.

Gustav stimmte diesem Plane freudig zu, und die beiden jungen Damen
begaben sich an die Ausfhrung. Er sollte im Musikzimmer aufrumen,
aber als nach einer Stunde Irma einmal sehen wollte, was er eigentlich
trieb, fand sie ihn auf der Erde sitzend und in einer interessanten
Partitur bltternd, die er unter den Notenheften gefunden hatte.
Darber hatte er natrlich alles vergessen, auch die ihm aufgetragene
Arbeit.

Irma zupfte ihn an den Ohren und rief Flora herbei. Zuerst bekam er
tchtig Schelte, dann wurde im Rat der Frauen beschlossen, ihn
auszuschicken, um die Einkufe zu besorgen, denn hier im Hause wrde
er den Wirrwarr doch nur vergrern. Sie gaben ihm einen Zettel, auf
dem alles, was sie zum Abendessen brauchten, verzeichnet stand, und er
ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.

Nun machte Irma sich mit vollem Ernst ans Werk, und Flora half tapfer.
Das Musikzimmer und der Salon wurden aufgerumt, das heit, alles was
nicht hinein gehrte, hinter die groen Mbelstcke gepackt. Als der
Berg von Bchern, Zigarrenkisten und andern Gegenstnden so mchtig
anwuchs, da er drohte, ber den Flgel und das Sofa hinauszuragen,
warf Irma mit anmutiger Nachlssigkeit einen bunten Teppich darber,
der nach Floras magebender Meinung in der Ecke eine sehr hbsche
Wirkung hervorbrachte. Inzwischen kehrte Gustav heim, gefolgt von
einem kleinen Jungen, der einen Korb mit allerhand guten Sachen trug;
der Hausherr wurde gelobt und abermals ausgeschickt, um einige Blumen
zu besorgen. Er kam mit einer Menge von lila und weiem Flieder,
duftenden Maiglckchen und groen Bscheln Goldregen zurck, die er
selbst, hchst knstlerisch, in den schlanken Vasen ordnete. Es sah
wirklich alles sehr hbsch aus. Im Ezimmer wurde die Tafel gedeckt.
Flora wute von keinem Geschirr, wo es seinen Platz hatte; die
Champagnerglser fanden sich im Wscheschrank, und das blaue Porzellan
stand unter dem Bett; auch entdeckten die jungen Eheleute bei dieser
Gelegenheit, da schon vieles fehlte und verschiedene Dinge zerbrochen
waren, aber das regte sie weiter nicht auf. In der Kche herrschte
solch ein Durcheinander, da Irma erklrte, sie wollten nur die Tre
zulassen und gar nicht hinein sehen, sonst mten sie verzweifeln.
Nach unendlich vielem Suchen, Lachen und Hin- und Herlaufen war die
Tafel gedeckt, und wenn sie auch nicht so aussah, da eine perfekte
Hausfrau damit zufrieden gewesen wre, die Gste muten eben vorlieb
nehmen. Da es nur Knstler unter sich waren, kam es ja nicht so genau
darauf an. Gustav erklrte es fr hchst gemtlich und sehr hbsch.

Nun wurde die Kostmfrage fr Irma beraten. In dieser Beziehung war
die Kleine geschickt, und sie berraschte Flora durch ihre
ungewhnliche Findigkeit.

Ihre eigene Garderobe sowie die ihrer Schwgerin wurden eingehend
durchgesehen, wobei ein einfaches rosa und wei gestreiftes
Kattunkleid mit kurzen rmeln aus Floras Mdchenzeit zum Vorschein
kam. Irma zog weie Strmpfe und schwarze Lackschuhe mit Kreuzbndern
an, ber den gestreiften Rock band sie eine Leinenschrze, mit roten
Borten gestickt; ihr schnes, blondes Haar legte sie in dicken
Flechten um den Kopf, und aus einem Spitzenschlips verfertigte sie mit
Hilfe einiger Nadeln ein Hubchen. In diesem Anzug zeigte sie sich dem
jungen Ehepaare, das vor Entzcken in die Hnde klatschte. Sie hatte
nichts von einem Dienstmdchen an sich, sondern sah aus wie ein
Zfchen aus einem franzsischen Lustspiel; aber sie war so reizend,
da Gustav sie einige Augenblicke sprachlos anstarrte, und dann
erklrte, es sei ein Genu, sie anzusehen; wenn er nur solch ein
Dienstmdchen bekommen knnte, dann mchte sie in Gottes Namen radeln,
stehlen, trinken, ja sogar Brand stiften. Flora hatte ihr gewhnliches
weies Hauskleid mit einem hnlichen Gewande von schmiegsamem Stoff
und unbestimmter zartlila Farbe vertauscht, das am Halse ein wenig
ausgeschnitten und mit echten Spitzen garniert war. Sie sah in dem
durch seidene Lampenschirme etwas gedmpften Licht des Musikzimmers,
das manche Unordnung mitleidig verhllte, wirklich reizend poetisch
aus. Gustav meinte nmlich, ein mattes Dmmerlicht erhhe die
Stimmung. Er war sehr zufrieden, da nun alles so recht nach seinem
Wunsche ging; htte er einen von den abscheulichen Kchendragonern im
Hause gehabt, so wre nie ein so wohltuendes Ganzes zustande gekommen.

Whrend Irma das junge Paar zum Schlu noch ermahnte, nicht zu lachen,
sondern ernst zu bleiben, wenn sie bei Tisch bediente, klingelte es.
Voll Jubel ber die Rolle, die sie spielte, lief sie hinaus und
ffnete.

Ein langer, hagerer Herr mit einer goldenen Brille trat ein. Sein
kahles Haupt, das nur im Nacken einen Kranz langer Haare zeigte,
erinnerte Irma lebhaft an eine Billardkugel mit Fransen. Ihm zur Seite
schritt sein =alter ego=, eine sehr stattliche Dame mit lauter Stimme.
Sie trug ein schwarzes Atlaskleid und eine schwere, dreifache
Goldkette um den Hals. Ihre kleinen, gutmtigen Augen schauten mit
groem Staunen auf Irma, und noch bevor sie den Salon erreichten,
flsterte sie ihrem Gatten zu, sie htte nie geglaubt, da in I. solch
ein Dienstmdchen zu finden sei.

Irma meldete Herrn und Frau =Dr.= Raabe. Gustav, der die Verkleidung
schon lngst wieder vergessen hatte, benahm sich angemessen, aber
Flora prete die Lippen auf einander, um nicht laut loszuprusten. Dann
kam ein junger Mann, der, whrend Irma ihm half seinen berzieher
ablegen, sie unters Kinn fate und ihr zuflsterte, da sie ein paar
Prachtaugen habe. Das war weniger angenehm, aber ihre Rolle mute sie
durchfhren, so schaute sie ihn nur entrstet an und drehte ihm den
Rcken. Nach und nach erschienen alle Gste, und dieser Teil des
Programms verlief ohne irgend ein Unglck. Flora schenkte den Tee ein,
den Irma herumreichte, und die beiden vergngten sich dabei gttlich.
Frau Schweinfurt, eine schmachtende Dame mittleren Alters in
himmelblauer Seide, starrte Irma beharrlich an und machte die anderen
flsternd auf ihre weien Hndchen und anmutigen Bewegungen
aufmerksam. Schlielich fragte sie Flora, woher sie das Mdchen habe,
und diese rettete sich aus ihrer Verlegenheit durch den Einfall, es
sei ihre Milchschwester, die ihr aus der Heimat gefolgt wre. Gustav
mute sich abwenden, um sich nicht zu verraten, und Irma flchtete ins
Ezimmer, wo sie einen solchen Lachanfall bekam, da sie in den
nchsten fnf Minuten nicht imstande war, den Salon wieder zu
betreten.

[Illustration]

Nun setzte der Gastgeber sich an den Flgel, und sobald die ersten
Akkorde erklangen, wurden alle still und lauschten andchtig dem
meisterhaften Spiel. Hinter der Tre horchte Irma auf das Spiel ihres
Bruders; sie verga alles, die Rolle, die sie zu spielen hatte, und
auch das angenehme Gefhl befriedigter Eitelkeit ber ihr reizendes
Aussehen. Trnen traten ihr in die Augen, eine groe Sehnsucht nach
Otto ergriff sie, und ihr war, als wre ihr Herz zu klein, um alle
Gefhle der Liebe, des Glckes und der Wehmut, die auf sie
einstrmten, zu fassen. Als die letzten Tne verhallten und die Gste
noch immer den gewaltigen Eindruck der herrlichen Musik in sich
nachwirken lieen, und zu ergriffen waren, um in lautes
Beifallklatschen auszubrechen, zeigte sich Irma als das echte Kind aus
einer Familie von Knstlern. Einer augenblicklichen Eingebung folgend,
flog sie auf ihren Bruder zu, umarmte ihn, und rief:

O Gustav, das war himmlisch!

Aber Irma, schrie Flora entsetzt; die andern, pltzlich aus ihrer
Verzckung erwachend, schauten mit erstaunten, halb spttischen, halb
entrsteten Mienen das vermeintliche Dienstmdchen an.

Einen Augenblick war es Irma, als msse die Erde sich ffnen und sie
verschlingen; sie wnschte sich meilenweit fort; dann aber tat sie das
klgste, was sie tun konnte, und fing herzlich an zu lachen.

Ja, nun bleibt uns nichts brig, als alles zu verraten, rief sie,
und sie und Flora erzhlten abwechselnd ihre Abenteuer mit Lisa. Weit
entfernt, da die gute Laune dadurch getrbt worden wre, begann es
nun erst recht nett und gemtlich zu werden. Natrlich hatte jeder
sofort gemerkt, da es mit diesem Dienstmdchen eine ganz eigene
Bewandtnis haben msse. Ungesucht wurde sie die Heldin des Abends.
Alle wollten beim Bedienen helfen; einige Herren rannten nach der
Kche, und die dort herrschende Unordnung war in Gefahr verraten zu
werden, aber Irma hatte die Geistesgegenwart, das Gas schnell
auszudrehen. Groe Verwirrung und heller Jubel! Der junge Mann, der
beim Kommen schon galant gegen das schne Dienstmdchen gewesen war,
stolperte ber einen Eimer. Zum Glck tat er sich nicht weh; Irma
hatte auch nicht das geringste Mitleid mit ihm und erklrte lachend,
da er nur seinen verdienten Lohn ernte.

Frau Schweinfurt, die sich rgerte, da man soviel Wesens von dem
koketten Ding machte, wie sie Irma spter benannte, erhob sich und gab
ihrem Gatten einen Wink, sich ans Klavier zu setzen und sie zu
begleiten. Fr eine Weile zog ihr dnner Sopran die Aufmerksamkeit von
der kleinen Holten ab. Das Konzert wurde hierauf fortgesetzt und nur
dann und wann durch einige Scherze unterbrochen. Beim Souper erst
erreichte die allgemeine Heiterkeit ihren Hhepunkt.

Die tollsten Dinge wurden getrieben; die Herren machten Kappen aus
ihren Servietten und liefen mit den Tellern und Schsseln in langem
Zuge durchs Haus, der grte voraus, der kleinste zum Schlu, unter
Absingung eines bekannten Marsches aus einer Operette. Alle tollten
durcheinander, um noch etwas Vergessenes zu suchen. Flora und Gustav,
ohne sich irgendwie verstimmt und verlegen zu fhlen, lrmten mit.
Alle Rume wurden festlich beleuchtet, und was unten nicht zu finden
war, kam im Schlafzimmer aus dem einen oder andern Schrank zum
Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder
schenkte ein. Leute, die sich bisher nur wenig gekannt hatten,
streiften alle Frmlichkeit ab und benahmen sich mit einer
Ungezwungenheit, als ob sie seit Jahren im engsten Verkehr mit
einander gestanden htten.

Das Fest dauerte bis spt in die Nacht hinein, und alle waren
ausgelassen wie Kinder, die das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn
Papa und Mama verreist sind. Nur die gutmtige, dicke Frau Raabe
fhlte endlich Mitleid mit der jugendlichen Gastgeberin und ihrer
reizenden Schwgerin, namentlich wenn sie an das Durcheinander dachte,
das am nchsten Morgen in Ordnung gebracht werden mute. Als es ihr an
der Zeit zu sein schien, stand sie, ihr Sektglas in der Hand, auf,
brachte das Wohl der drei Holtens aus und fgte das Versprechen hinzu,
fr ein tchtiges Dienstmdchen zu sorgen, das alle schlechten
Streiche der Vorgngerinnen durch seine vortrefflichen Leistungen gut
machen sollte.

Unter allgemeiner Zustimmung nahmen die Gste Abschied, nachdem sie
noch ein wenig beim Aufrumen geholfen hatten, und Irma und Flora
konnten sich bermdet, wie sie waren, gleich zur Ruhe begeben.

Frau Direktor Raabe hielt Wort. Sie kam am folgenden Morgen selber, um
zu helfen, und verrichtete in ein paar Stunden wahre Wunderdinge,
wobei ihr Frau von Holten und ihre Schwgerin tapfer beistanden. Unter
ihren praktischen, aufmunternden Anweisungen zeigten sie erstaunliches
Geschick und griffen berall wacker selbst mit an. Sie sorgte auch fr
ein gutes Mdchen, das in wenig Tagen den ganzen Haushalt wie durch
Zauberei umgestaltete und Ordnung und Sauberkeit einfhrte, ohne die
Ansprche und Untugenden ihrer Vorgngerinnen zu besitzen. Gustavs
Schnheitssinn befriedigte sie zwar nicht -- sie war eine einfache
Person mittleren Alters und von ganz gewhnlichem Aussehen, sauber und
anspruchslos gekleidet -- aber es gefiel ihm, Ordnung und Nettigkeit,
wenn sie nicht in kleinliche Pedanterie ausarteten, um sich zu sehen.
Es berhrte ihn sehr angenehm, bei seiner Heimkehr die Mahlzeiten
zierlich aufgetragen und schmackhaft bereitet zu finden, und von
seinem kleinen Frauchen keine Klagen und Seufzer, sondern nur lebhafte
Lobpreisungen des Mdchens zu hren. Da auch in seinen Ausgaben sich
der Unterschied sehr bemerkbar machte, war er der guten Frau seines
Direktors aufrichtig dankbar.

Irma blieb noch einige Wochen bei dem jungen Paar, und unterhielt sich
ausgezeichnet. Es war ein Genu fr sie, mit dem Bruder, den sie
eigentlich so wenig kannte, einmal lnger zusammen zu sein. Sie lernte
seine guten Eigenschaften, seine Herzlichkeit, seine Milde schtzen
und verzieh ihm dafr gern seine Zerstreutheit, sein trumerisches und
ein bichen berspanntes Wesen, das er ja mit vielen Knstlern gemein
hatte. Auch Flora war ihr sehr lieb geworden, aber ihr Geheimnis Otto
betreffend verriet sie nicht; da sie es nicht tat, nicht einmal die
Versuchung fhlte, war ihr selbst auffallend. Schon frher hatte sie
den Baron Hochstein flehentlich gebeten, eine passende Gelegenheit zu
suchen und ihrem Bruder seinen Besuch zu machen; von der Landpartie
her kannte er doch Gustav und seine kleine Frau. Sie htte einen
Verkehr Ottos mit ihrer Familie doch schon wie eine halbe Erfllung
ihrer Zukunftshoffnungen angesehen. Von der Hand gewiesen hatte der
junge Baron diesen Plan auch nicht, ja er hatte ihn sogar recht
vernnftig gefunden, aber zur Ausfhrung war er trotzdem nicht
gekommen. Als Irma nun bei Holtens zu Besuch weilte und in den ersten
Tagen ihres Aufenthaltes in I. eine Gelegenheit fand, Otto auf der
Strae zu sprechen, drang sie ernstlich in ihn einen Vorwand zu
ersinnen und endlich seinen Besuch zu machen. Sie knne es dann leicht
einrichten, da Flora ihn einmal zum Essen einlde, und fnde es
himmlisch, auf diese Weise sich fter sehen und sprechen zu knnen.
Otto sagte, da er das von Herzen gern tun mchte, aber jetzt so viel
zum Examen zu arbeiten htte, da es ihm wirklich an Zeit fehle. Sie
beruhigte sich und dachte, wie gut und lieb es von ihrem Anbeter wre,
sich um ihretwillen derartig anzustrengen.

Otto vermied es sogar, ihr zu begegnen, wenn sie mit Flora oder Gustav
ausging. Die arme Irma hatte sich eingebildet, sie werde ihn whrend
ihres Aufenthaltes in I. hufig zu sehen bekommen, und die
Enttuschung, da es nicht geschah, war gro; traf sie ihn aber dann
und wann einmal zufllig auf einige Minuten, so blieb er sich in
seinen zrtlichen und leidenschaftlichen Liebesbeteuerungen immer
gleich. Die trbe Zeit der Heimlichkeit wrde ja nun bald vorber
sein; in vier bis fnf Monaten -- ein Monat war schon wieder
verstrichen -- machte er sein Examen, dann begann ihr Glck, dessen
war sie sicher. Sie lie sich immer wieder durch die schnen
Zukunftsbilder, die er ihr vorspiegelte, tuschen; sie glaubte und
vertraute -- eher wrde sie an den Untergang der Welt gedacht haben,
als daran, da Otto von Hochstein kein ehrliches Spiel mit ihr triebe.

       *       *       *       *       *




An einem der seltenen Mrztage, welche die Hoffnung erwecken, da der
Lenz nun wirklich seinen Einzug halten will, an denen die Sonne schon
kstlich wrmt und kleine Struchen von Mrzveilchen und
Schneeglckchen angeboten werden, sa Ilse mit Onkel Heinz im
eichengetfelten Wohnzimmer beim Schach. Im Kamin knisterte, trotz der
Wrme drauen, ein lustiges Feuer, und leise tickte die groe,
altmodische Standuhr. Irma, die sich mit ihrer Stickerei in die
Fensternische zurckgezogen hatte, dachte, wenn sie ab und zu nach den
beiden Alten guckte, da diese, so in ihr Spiel vertieft, ein
wunderhbsches Bild abgben.

Der Professor spielte mit unerschtterlichem Ernst; es war eine seiner
Schwchen, sich zu rgern, wenn er verlor beim Schachspiel -- selbst
wenn seine Gegenpartei eine Dame war. Ilse, die das wute, und der es
noch immer, wie in alten Zeiten, das grte Vergngen bereitete, ihn
in Harnisch zu bringen, spannte alle ihre Krfte an. Auch hatte sie
ihn schon ziemlich in die Enge getrieben. Seine Knigin und seine
beiden Trme waren genommen, und nun focht er verzweifelt mit einem
Lufer, einem Springer und einigen Bauern.

Es klingelte.

Da kommt Besuch, sagte Irma, ihr Nschen an den Scheiben platt
drckend, ich sehe eine Dame, kann aber nicht erkennen, wer es ist.

Wie schade, meinte Ilse, noch ein paar Zge und Sie wren
schachmatt gewesen, Onkel Heinz.

Ach was, brummte der alte Herr. Lassen Sie nur das Brett stehen,
Frau Gontrau, und ich wette um alles, was Sie wollen, da ich doch
noch die Partie gewinne.

Das Mdchen trat ein und meldete: Frulein Elisabeth Mller wnscht
die gndige Frau zu sprechen.

O weh! rief Irma, ihre Handarbeit zusammenpackend, dann geh ich
nach oben, Gromama; wenn sie nach mir fragt, bin ich nicht zu Hause.

Bleib hier, Kindchen, wandte Ilse ein, aber schon war Irma
verschwunden.

Der kleine Taugenichts hat recht, meinte Onkel Heinz, wenn ich nur
knnte und von der verflixten Gicht nicht so geplagt wre, wrde ich
mich auch auf die Beine machen.

Seien Sie doch still, bat Ilse, ein bichen bse; dann stand sie
auf, um Frulein Mller zu empfangen.

Tante Elisabeth ging immer einfach gekleidet; heute aber hatte ihre
Erscheinung etwas entschieden Qukerhaftes an sich. Ihr eisengraues,
glattes Kleid konnte nicht strenger sein als ihr Antlitz. Ilse fand
pltzlich, da sie ihrer Mutter, der Pfarrerin, sprechend hnlich
sah, wenn diese einmal ganz besonders tugendhaft oder unangenehm sein
wollte.

Ich hoffe, ich stre Sie nicht, Frau Gontrau, begann sie mit einem
Seitenblick auf Professor Fuchs, in dessen Gesellschaft sie sich nie
behaglich fhlte.

Ilse schob ihr einen bequemen Sessel hin.

Sehr nett, da Sie sich mal sehen lassen, Elisabeth, begann sie
freundlich, ich habe Ihnen schon oft gesagt, da Sie viel zu selten
kommen.

Ach, ich mag mich nicht aufdrngen; heute aber habe ich etwas
Besonderes mit Ihnen zu besprechen.

Onkel Heinz stand auf. Dann wnschen Sie gewi mit Frau Gontrau
allein zu sein; ich gehe so lange in den Garten und will mal sehen, ob
die Mrzsonne gut fr meine Gicht ist.

Aber Ilse winkte ihm zu bleiben: Wollen Sie mit mir ber etwas
sprechen, Elisabeth, was Sie selber angeht?

Nein, Frau Gontrau, die Sache betrifft ausschlielich Sie.

Dann bleiben Sie nur ruhig sitzen, Herr Professor, nahm Ilse wieder
das Wort.

Es gab ja nichts in ihrem Leben, was ihr alter Freund nicht wissen
durfte, und sie freute sich heimlich darber, da er der Gesellschaft
der alten Jungfer nicht entrinnen konnte. Vor Ihnen haben wir keine
Geheimnisse.

Das mssen Sie am besten wissen, gndige Frau; was ich Ihnen
mitzuteilen habe, betrifft Ihre Enkelin Irma.

Professor Fuchs spitzte die Ohren, und Ilse sagte absichtlich
begtigend:

Wirklich? Ich hoffe, die Kleine hat nichts getan, worber Sie sich zu
beklagen haben.

Ich nicht, entgegnete Frulein Mller, mit verdrielich
herabgezogenen Mundwinkeln; aber ich halte es fr meine Pflicht,
Ihnen ber das Betragen des jungen Mdchens die Augen zu ffnen.

Ei was, meinte Ilse, halb rgerlich. Die Kleine hat wohl etwas
gesagt oder getan, was nicht ganz ehrerbietig und passend ist? Ich
werde sie nachher darber zur Rede stellen, aber wirklich, Elisabeth,
so ernst drfen Sie das nicht nehmen, von der Jugend mssen wir uns
manches gefallen lassen und gegen ihre kleinen Snden nachsichtig
sein.

Ich wei nicht, ob Sie es eine kleine Snde nennen, wenn ein junges
Mdchen wie Irma an einem abgelegenen Platz heimliche Zusammenknfte
mit einem Studenten hat, sagte Frulein Mller mit nur mhsam
unterdrckter Schadenfreude.

Gromutter Gontrau wurde totenbleich. Onkel Heinz, der mit einem
frmlichen Schreckensruf aufsprang, sah, wie sie krampfhaft die
Stuhllehnen umklammerte und nach Selbstbeherrschung rang; ihre Stimme
bebte, und ihre dunklen Augen blitzten wie frher, als sie fragte:

Was meinen Sie damit, Elisabeth? Wer von einem jungen Mdchen solche
Dinge sagt, mu sie auch beweisen knnen.

Das kann ich. Jeden Mittwoch Nachmittag hat Irma ein Stelldichein mit
dem schnen Studenten, der ihr damals auf der Landpartie den Hof
machte. Sie treffen sich in dem Wldchen an der Chaussee, in der Nhe
der Kaserne.

Wie wissen Sie das? stammelte Ilse.

Vor vierzehn Tagen habe ich sie mit meinen eignen Augen gesehen. Im
Frhjahr mache ich nemlich gern dahinaus meine Spaziergnge. Erst
konnte ich es nicht glauben, da es wirklich Irma sei, aber gestern
habe ich sie ganz deutlich erkannt; ich ging hinter ihr her und habe
sie genau beobachtet.

Frau Gontrau schwieg. Allerlei Wahrnehmungen kamen ihr in den Sinn. Es
fiel ihr ein, da Irma in den letzten Monaten viel allein auszugehen
pflegte und hufig ein sonderbares Benehmen zeigte. Zweifel und Angst
beschlichen sie, weil sie fr das Kind den Eltern gegenber
verantwortlich war, vor allem aber bemchtigte sich ihrer tiefe
Betrbnis darber, da ihre Enkelin, die sie so innig liebte, sie
betrogen und hintergangen hatte. Onkel Heinz zog die buschigen Brauen
zusammen, drehte seinen weien Schnauzbart zu einer ganz besonders
feinen Spitze und unterdrckte einen Fluch, weil er pltzlich einen
heftigen Stich in seinem linken Fu versprte.

Darf ich fragen, wie es kam, da Irma Sie nicht gleich das erste Mal
sah? forschte er, sich ziemlich barsch an Tante Elisabeth wendend.

Das ging ganz natrlich zu. Ich verbarg mich hinter den Struchern,
bis sie das Wldchen wieder verlassen hatten.

Sie spionierten also!

Spionieren! wiederholte Elisabeth beleidigt. Wenn Sie's so nennen
wollen -- ich mute mich doch von der Wahrheit berzeugen.

Ja, und nachdem Sie das getan, gingen Sie noch einmal hin und
versteckten sich wahrscheinlich wieder. Das finde ich nicht ehrlich;
Sie htten offen auftreten sollen. Ihr Erscheinen htte die jungen
Leute gewarnt.

Mir schien das nicht wnschenswert. Ich hielt es fr meine Pflicht,
Frau Gontrau zu unterrichten.

Tante Elisabeth zeigte in diesem Augenblick eine so dnkelhafte,
siegesgewisse Miene, da der Professor sich verga und heftig
aufbrauste.

Na ja, das ist so recht was fr Sie! Wer sagt Ihnen denn aber, da
etwas Bses dahinter steckt? Die jungen Leute knnen sich wohl mal was
zu erzhlen haben. Daraus brauchen Sie nicht gleich so 'ne
Staatsaktion zu machen. Aber das ist gerade Wasser auf die Mhle einer
neidischen alten Jungfer, wenn sie einem Nebenmenschen etwas anhngen
kann.

Feuerrot erhob sich Frulein Mller von ihrem Sitz und sagte mit
einer, vor Zorn und Aufregung heiseren Stimme:

Wenn Sie meine gute Absicht so auslegen und mich obendrein
beleidigen, dann gehe ich und setze nie wieder einen Fu ber diese
Schwelle.

Ilse schaute den Professor zrnend an.

Nein, nein, seien Sie nicht bse, liebe Elisabeth, rief sie. Ich
bin Ihnen dankbar, und dem Professor Fuchs mssen Sie seine Heftigkeit
verzeihen. Er hat Irma so unendlich lieb, da er auer sich gert,
wenn ber sie nachteilig geurteilt wird. Ist's nicht so, Herr
Professor?

Jawohl, brummte Onkel Heinz, der einsah, da er zu weit gegangen
war.

Und er bittet fr seine Unhflichkeit um Entschuldigung, beharrte
Ilse, mit einem strengen Blick auf Onkel Heinz.

Dem Professor war fast so zu Mute wie einem Schuljungen, der eine
Strafpredigt erhlt. Er htte am liebsten mit einem: Scheren Sie sich
zum Teufel, das Zimmer verlassen; aber dem eigenartigen Ausdruck in
den dunklen Augen seiner alten Freundin war er nicht gewachsen.

Jawohl, brummte er abermals, mit abgewendetem Gesicht, natrlich
meinte ich es nicht so; nehmen Sie's nicht bel, Frulein Mller.

Tante Elisabeth verneigte sich, war aber doch tief gekrnkt und stand
auf.

Nun ich Ihnen berichtet habe, was ich wei, Frau Gontrau, nahm sie
in spitzem Ton abermals das Wort, ist's an Ihnen, aus meiner
Mitteilung Nutzen zu ziehen. Ich werde mich um die ganze Geschichte
nicht mehr kmmern.

Einen Augenblick, bitte, sagte Ilse. Was Sie gesehen haben,
Elisabeth, ist ganz gewi nicht passend, aber bevor Irma mir den
Zusammenhang erklrt hat, kann ich mir kein Urteil erlauben. Mglich,
da gar nichts dahinter steckt. Die jungen Leute von heutzutage sind
anders und freier in ihrem Umgang, als wir in unsrer Jugend -- das
drfen wir nicht vergessen.

Frulein Mller lie ein spttisches Lachen hren.

Ich mu Sie freundlichst ersuchen, fuhr Ilse fort, ber diese
Geschichte zu niemand, wer es auch sei, ein Wort zu verlieren, auch
nicht zu unsren Amerikanern.

Ganz wie Sie wnschen, Frau Gontrau.

Ich erbitte mir das als eine groe Gunst von Ihnen und baue fest auf
Ihre Verschwiegenheit.

Gromutter Ilse streckte Tante Elisabeth die Hand entgegen, und diese
las auf dem schnen, alten Gesicht eine so ngstlich flehende Bitte,
da sie, wider Willen gerhrt, versetzte:

Das knnen Sie, Frau Gontrau.

Dann ging sie nach einer sehr frmlichen Verbeugung vor Onkel Heinz.

Ilse lie sich erschpft in ihren Sessel sinken und schaute in
schweren Gedanken vor sich hin.

Der Professor aber humpelte in groer Erregung hin und her.

Schne Geschichte das, rief er endlich, bald wei die ganze Stadt
von diesem Klatsch, denn Frulein Mller wird mit wahrer Wonne fr
Weiterverbreitung sorgen. Das ist was so recht nach ihrem Sinn.

Das glaube ich nicht, versetzte Ilse, sie wird schweigen, weil ich
sie darum gebeten habe. Sie waren unverzeihlich grob gegen sie, Onkel
Heinz; aber viel Worte darber zu verlieren hilft nichts. Was sollen
wir tun?

Nun, nahm der alte Herr heftig das Wort, dem Jungfrulein tchtig
den Kopf waschen und ihr fr die Zukunft solche Streiche verleiden;
mit dem jungen Menschen aber werde ich Abrechnung halten, das knnen
Sie getrost mir berlassen, ich will's ihm ordentlich geben.

Und damit, glauben Sie, ist alles getan? fragte die Gromutter mit
trbem Lcheln.

Was wollen Sie denn noch mehr? Natrlich hat der junge Taugenichts
allein schuld; wenn Sie's verlangen, Frau Ilse, will ich ihn
lendenlahm prgeln -- das hat er wahrlich verdient.

Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, da Sie ein
einseitiger, unverbesserlicher Junggeselle sind, der von zarten
Herzensangelegenheiten auch nicht das mindeste versteht.

Der Professor hielt in seinem Auf- und Abhumpeln inne; solch ein
Ausfall von Ilse Gontrau rgerte ihn noch immer und trieb ihm trotz
seiner mehr als siebzig Jahre das Blut in die Wangen.

So, sagte er unwirsch, Sie haben mit den Jahren noch immer nicht
verlernt, heftig zu sein, Frau Ilse.

Und Sie haben die Jahre nicht klger gemacht, versetzte sie hitzig.
Sehen Sie denn nicht ein, da wir durch herrisches und
rcksichtsloses Auftreten die Sache nur verschlimmern wrden? Wenn
Irma und der junge Mann sich lieben oder sich zu lieben einbilden,
knnen einige Scheltworte von uns die Liebe nicht aus ihren Herzen
reien.

Da mgen Sie wohl recht haben, meinte Onkel Heinz, ziemlich
abgekhlt. Aber was wollen Sie denn tun?

Das wei ich nicht. Zuerst und vor allen Dingen mit Irma sprechen und
hren, was sie zu sagen hat.

Natrlich, und da sie nun wohl bald herunterkommen wird und Sie diese
Unterredung nicht aufschieben werden, will ich gehen.

Das ist nicht ntig; Sie wissen nun alles, und ich kann mit Irma in
Ihrem Beisein sprechen.

Nein, Frau Gontrau, bin ich auch nur ein alter, einseitiger,
unverbesserlicher Junggeselle, soviel Takt und Verstndnis besitze ich
denn doch noch, um herauszufhlen, da ein junges Mdchen eine
derartige Beichte doch lieber Ihnen allein ablegt.

Ilse reichte ihm die Hand.

Verzeihen Sie, bat sie sanft, ich war heftig und ungerecht, ich
meinte es aber nicht bse.

Er schaute sie unter seinen buschigen Brauen freundlich an, drckte
fest ihre Hand und ging.

Einen Augenblick spter steckte Irma ihr Kpfchen zur Tr herein.

Ist sie fort? fragte sie mit schelmischem Ausdruck. Was, und Onkel
Heinz hat dich auch schon verlassen, Gromama? Weshalb ist er so frh
fortgegangen?

Sie erhielt keine Antwort, und als sie frhlich nher trat, bemerkte
sie, da die Gromutter mit ernster, bekmmerter Miene nach ihr
schaute.

Was ist denn los? forschte sie, die alte Frau zrtlich umarmend;
hat das verschrobene Frulein Mller etwas gesagt, was dich rgert?

Gromutter Ilse schlang ihre Arme um das junge Mdchen und zog es auf
ihren Scho.

Irma, sagte sie ohne Umschweife, du hast mich belogen, als ich dich
neulich fragte, ob zwischen dir und dem Baron von Hochstein keinerlei
Beziehungen bestnden.

Irma wurde totenbleich und wollte aufspringen, doch mit sanftem Zwang
hielt die alte Dame sie zurck. Entsetzt schaute das junge Mdchen
sie an und las auf dem geliebten alten Gesicht einen so schmerzlichen,
traurigen Vorwurf, da es pltzlich in leidenschaftliches Schluchzen
ausbrach.

Ilse streichelte das blondgelockte Kpfchen, sprach aber kein Wort.

Gromama, schluchzte Irma, bist du mir bse?

Ich bin betrbt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.
Erzhle mir nun alles.

Ich darf nicht, stammelte Irma, er hat es mir verboten.

Wer?

Otto.

Dann hat er sehr unrecht gehandelt, aber da das Geheimnis nun doch
herausgekommen ist, siehst du wohl ein, da du dein Versprechen nicht
halten kannst.

Aber woher weit du's denn, Gromama? Hat Agnes es dir erzhlt?

Agnes? Nein. Frulein Mller hat dich mehrmals mit ihm gesehen.

Irma bedeckte ihr Antlitz mit beiden Hnden und weinte bitterlich.

Siehst du nun ein, Kind, fuhr Ilse in mildem und doch festem Ton
fort, da es das beste ist, mir zu vertrauen und alles zu erzhlen?
Vielleicht finde ich dann noch eine Entschuldigung fr dich; beharrst
du bei deinem Schweigen, so ist mir das unmglich.

Da verbarg Irma ihr Kpfchen in Gromamas Scho und beichtete alles.
Sie erzhlte, wie schrecklich es ihr anfangs gewesen sei, so heimlich
zu Werke zu gehen, wie Otto aber gesagt habe, das sei ntig, um seine
Eltern allmhlich zu gewinnen; wie angestrengt er nun arbeite und wie
er ihr die Versicherung gegeben habe, da bald alles zu gutem Ende
kommen wrde. Sie erhob Otto bis in den Himmel und konnte nicht
unterlassen, ein bichen auf Agnes zu sticheln, der sie es nicht
verzeihen konnte, da sie nicht das gleiche schrankenlose Vertrauen in
den Baron von Hochstein setzte.

Als sie geendet hatte, schwieg die Gromutter eine Weile. In Gedanken
versunken streichelte sie das goldschimmernde Haar ihrer Enkelin. Das
legte sich Irma als ein gnstiges Vorzeichen aus, und ein wenig
ermutigt, fragte sie leise:

Bist du sehr bse, Gromama?

Nein, mein Kind, aber du hast ein groes Unrecht getan; wie unpassend
und unbesonnen du gehandelt hast, begreifst du bei deiner groen
Jugend wohl selbst noch nicht, aber unter allen Umstnden mu jetzt
sofort ein Ende gemacht werden.

O, Gromama, ich sterbe, wenn ich ihn aufgeben mu.

Das brauchst du nicht, Kindchen, wenigstens nicht, wenn es sich
herausstellt, da er es ernst mit dir meint.

Wie kannst du nur daran zweifeln, schluchzte Irma, er hat mir doch
Beweise genug gegeben.

In meinen Augen noch nicht einen -- aber wir werden ja sehen.

Was willst du denn tun? fragte angstvoll das junge Mdchen, das sich
durch Ilses Ruhe immer beklommener fhlte. Hast du die Absicht, an
Papa und Mama zu schreiben?

Nein, Irma, denn dann wrdest du dem Baron sofort entsagen mssen.
Ich wei nicht, ob es richtig ist, ihnen vorlufig die Sache noch zu
verschweigen, aber ich habe Mitleid mit dir und will erst erforschen,
was fr eine Art Persnlichkeit dein Baron ist.

Du bist ein Engel, Gromama. Aber warum glaubst du, da Mama so
streng mit mir ins Gericht gehen wrde? Sie ist eine Knstlerin und
wrde sich wohl in meine Lage hineinversetzen knnen.

Ilse fhlte ihre alte Heftigkeit in sich aufsteigen.

Gerade weil deine Eltern Knstler sind, Irma, erwiderte sie, mit vor
Erregung funkelnden Augen, und durch ihr Talent und ihre Leistungen
so unendlich hoch ber den eingebildeten Adlichen stehen, die sich
durch ihre Geburt und ihr Geld fr bevorrechtet halten, wrde ihr
Stolz nie gestatten, da ihre Tochter in eine Familie eintrte, die
hochmtig auf sie herabsieht. Es tut mir weh, Kind, da von diesem
echten, edlen Stolze sich nichts in deinem Charakter zu finden
scheint. Selbst angenommen, da dieser Baron von Hochstein dir treu
bleibt, sollte dich der Gedanke abschrecken, da seine Eltern dich nur
dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen wrden.

Was gehen mich seine Eltern an, wenn er mich nur liebt! sagte Irma.

Ilse seufzte. So wrde ich nicht gedacht haben, selbst als ich so
jung war wie du, mein Kind. Doch, je lter wir werden, desto mehr
sehen wir ein, da wir andere Menschen nicht nach uns beurteilen
drfen. Wenn du den Stolz, von dem ich sprach, nicht besitzest, kannst
du auch nicht fhlen, was ich meine.

Irma empfand diese Worte als einen Tadel, fhlte auch unklar und
unbestimmt, da Gromama recht hatte, aber sie wollte jetzt lieber
nicht darber nachdenken. Sie ergriff schchtern Ilses Hand,
streichelte sie und wiederholte ihre Frage:

Was willst du tun, Gromama?

Wann hast du die nchste Zusammenkunft mit dem jungen Manne
verabredet?

Mittwoch in acht Tagen.

Gut. Schreibt ihr euch?

Ab und zu.

Dann tust du es jetzt nicht. Verstehe mich recht, Irma! Wenn in
dieser Zwischenzeit ein Brief von ihm kommt, so beantwortest du ihn
nicht. An dem verabredeten Tage bleibst du zu Hause, und ich gehe an
deiner Stelle.

Gromutter! rief Irma entsetzt.

Warum erschrickst du so davor? Ist das etwas so Frchterliches? Ich
will selbst mit dem jungen Menschen reden und danach meine
Entscheidung treffen.

O, aber er wird so bse auf mich sein, wird mir das nie verzeihen.

Er hat dir nichts zu verzeihen. Ich werde ihm erzhlen, wie der
Hergang gewesen ist. Du brauchst nichts zu frchten.

La mich ihm wenigstens noch einmal schreiben, Gromama, damit er
vorbereitet ist.

Unter keinen Umstnden, Irma. Du hast mich belogen und betrogen, als
ich dein Vertrauen zu gewinnen suchte. Trotzdem will ich dir Glauben
schenken, wenn du mir jetzt versprichst, gehorsam zu sein, und will
dir das Geschehene verzeihen. Ich will dir alle Freiheit lassen, dir
nicht nachspren, aber befolgst du jetzt nicht gewissenhaft, was ich
sage, so werde ich dir nie mehr vertrauen. Dann ist alles aus, und du
kannst nicht mehr auf meine Liebe und Verzeihung rechnen.

Einen so strengen, unerbittlichen Ausdruck hatte die Kleine noch nie
in Gromutters Augen gesehen. Sie fhlte, da kein Schmeicheln, kein
Flehen helfen wrde.

Du hast mich doch verstanden? fuhr Ilse fort. Bis Mittwoch in acht
Tagen suchst du keine Gelegenheit, Hochstein zu sehen, und schreibst
ihm keine Zeile.

Ja, Gromama.

Gut, dann reden wir bis dahin auch kein Wort mehr darber. Gib mir
einen Ku, Kind, und geh auf dein Zimmer. Ich mchte ein Stndchen
allein sein.

Traurig und niedergeschlagen verbrachte Irma die nchsten Tage. Oft
nahte sich ihr die Versuchung, trotz dem gegebenen Versprechen Otto
heimlich von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Aber ihr besseres Ich
trug den Sieg davon. Wenn sie bedachte, da die Gromutter sie weder
beaufsichtigte, noch jemals fragte, wohin sie wolle, wenn sie sich zum
Ausgehen rstete, noch ihre Briefe nachsah, dann fhlte sie, da sie
sich verachten mte, da sie nie mehr wagen wrde, die Augen
aufzuschlagen, wenn sie sich dieses Vertrauens unwert zeigte.

Sie war zu Agnes gegangen, hatte ihr unter Trnen ihr Herz
ausgeschttet, und ihrem Zorn ber Frulein Mller in den krftigsten
Ausdrcken Luft gemacht. Aber obwohl Agnes gerne zugab, da Tante
Elisabeth auch jetzt wieder, wie immer, unausstehlich gewesen war,
fand Irma weiter keinen Trost bei ihr, denn sie verhehlte ihre Freude
nicht, da die Geschichte endlich herausgekommen war. Jetzt wrde es
sich zeigen, ob der glnzende Otto von Hochstein es aufrichtig meinte,
oder ob all seine schne Reden nicht nur hohle Phrasen waren. Agnes
frohlockte innerlich geradezu ber diese Wendung und wre nur zu gern
mit Ilse gegangen, um das Gesicht des jungen Herrn zu sehen, wenn er
an Stelle der lieblichen, unschuldigen Enkelin die strenge, ehrwrdige
Gromama erblicken wrde. Dennoch enthielt sie sich des Spottes, als
sie sah, wie tief betrbt die Kleine war, und bemhte sich redlich,
sie aufzumuntern.

Irma hatte bisher ein unerschtterliches Vertrauen in Otto gesetzt;
aber whrend sie ihn in warmen Worten rhmte und behauptete, Gromama
und Agnes wrden bald einsehen, wie unrecht sie ihm durch ihre Zweifel
taten, nagte doch die Unruhe an ihrem armen Seelchen, und sie weinte
in der Stille heie Trnen bei dem Gedanken, ihr angebeteter Held
knne die Probe vielleicht nicht mit Glanz bestehen. Was dann
geschehen wrde, wute sie nicht und wagte auch gar nicht, danach zu
fragen, denn sie bildete sich ein, sicher vor Gram zu sterben, wenn
sie gezwungen wrde, von ihm abzulassen.

Ilse bemerkte wohl, was in der Seele ihrer Enkelin vorging. Sie hatte
Mitleid mit ihr und suchte ihr Zerstreuung zu verschaffen; aber
obgleich Irma nie darber sprach, war sie doch so erfllt von ihrem
Kummer, da alles andere sie gleichgltig lie. Onkel Heinz konnte es
nicht mit ansehen, wie sein kleiner Liebling sich in Angst verzehrte,
und tat alles, um sie aufzuheitern. Irma wute, da er bei Frulein
Mllers Besuch zugegen gewesen war, und als sie ihn danach zum
erstenmal wiedersah, geriet sie in die peinlichste Verlegenheit. Der
Professor aber machte es ihr leicht, er strich ihr liebevoll ber den
hbschen Krauskopf, murmelte etwas von alles zurechtkommen, und der
garstigen alten Jungfer mal 'ne gute Lehre geben, so da Irma ihn mit
Trnen in den Augen dankbar anlchelte, ihm einen Ku gab und ihm
zuflsterte:

Onkel Heinz, du bist der Beste, und dich hab' ich auch am
allerliebsten.--

Es war ein herrlicher Frhlingstag, alles blhte und duftete. Flieder
und Goldregen fingen an zu knospen, wie riesige Hochzeitsbuketts
leuchteten die Obstbume, berall zeigte das frische, junge Grn seine
immer von neuem entzckende Schnheit.

In heiterster Stimmung, die leuchtende Pracht um ihn her in vollen
Zgen genieend, angeregt und gehoben durch das berall ausschlagende,
junge, muntere Leben, schritt Otto von Hochstein durch das Wldchen,
in dem er schon so oft Irma erwartet hatte. Er freute sich auf ihr
Erscheinen, sah im Geiste schon voraus, wie sie binnen wenigen Minuten
vor ihm stehen wrde, liebreizend anzuschauen in dem neuen, schnen
Frhjahrskostm, von dem sie ihm letztmals erzhlt hatte, wie sie ihn
mit den wunderbar tiefen Blauaugen unter holdem Errten ansehen, wie
er mit ihr so freundlich und berzeugend reden wrde, da sie alles
glaubte, was er ihr erzhlte, und wie er endlich wagen drfte, einen
Ku auf die kirschroten Lippen zu drcken, die so schelmisch und
bezaubernd lcheln konnten.

Aber wo blieb sie nur? Sonst lie sie nicht so lange auf sich warten,
ja, es kam sogar vor, da sie die Erste am Platze war. Der junge Mann
lchelte selbstgefllig in dem Gedanken, wie unwiderstehlich das
schne Mdchen ihn eigentlich finden mute. Allmhlich ergriff ihn
eine sonderbare Unruhe, und er trat aus dem Wldchen heraus, um die
Strae zu berschauen. Nein, Irma lie sich nicht blicken, nur eine
hochgewachsene Dame nherte sich eiligen Schrittes. Da hielt er es fr
richtiger, sich zurckzuziehen und hinter dem hoch aufgeschossenen
Buschwerk zu verbergen. Ungeduldig eine Melodie summend, ging er hin
und her; er wollte sie ein bichen abkanzeln. Was bildete sich die
Kleine denn ein, ihn so lange warten zu lassen!

Pltzlich vernahm er dicht hinter sich das Rauschen eines Kleides.
Frhlich drehte er sich um, ein Scherzwort auf den Lippen, blieb aber
wie versteinert stehen, als er in der vornehm in schwarz gekleideten
Dame Frau Gontrau erkannte.

[Illustration]

Ein paar Augenblicke weidete sich Ilse offenbar an dem unverkennbaren
Entsetzen des jungen Mannes, dann aber mute sie unwillkrlich
anerkennen, da die elegante, geschmeidige Gestalt vor ihr, das schne
bermtige Antlitz mit den blitzenden Augen und den feinen Zgen wohl
etwas besonders Anziehendes fr ein junges Mdchen haben msse. Als
liebende und etwas schwache Gromutter war sie nur zu geneigt, Irmas
Betragen nicht verzeihlich, aber doch begreiflich zu finden.

Ottos Verlegenheit hielt nur einen Moment an, er sah sofort ein, da
etwas nicht in Ordnung war. Zuerst schaute er Frau Gontrau mit einem
Blick an, als erkenne er sie nicht sogleich; dann, als ob sein
Gedchtnis ihm zu Hilfe kme, verbeugte er sich und wollte mit
ehrfurchtsvollem Gru vorbergehen. Doch Ilses Blick zwang ihn stehen
zu bleiben.

Herr Baron, ich mchte eine kleine Unterredung mit Ihnen haben,
begann sie.

Das wird mir eine groe Ehre sein, gndige Frau. Bin ich so
glcklich, Ihnen einen Dienst erweisen zu knnen?

Er tat vollkommen unbefangen, was Ilse reizte.

Sie brauchen mir gegenber keine Komdie zu spielen, junger Mann,
herrschte sie ihn an. Sie wissen sehr gut, weshalb ich hier bin.

In der Tat, gndige Frau, ich bedaure...

Mit solchen Ausflchten verschlechtern Sie nur die Sache, fuhr Ilse,
deren Augen vor Zorn funkelten, fort. Ich wrde besser von Ihnen
denken, wenn Sie mir offen und ehrlich sagten, mit welchen Absichten
Sie sich meiner Enkelin zu nahen wagten.

Ich hatte Frulein Irma ersucht, vorlufig noch Schweigen ber unser
Verhltnis zu bewahren, entgegnete Otto, noch sehr hflich, obwohl im
Innern wtend auf Irma, weil sie seiner Meinung nach doch nicht den
Mund gehalten hatte.

Und sie war unverstndig genug, sich an dies Versprechen gebunden zu
halten, erwiderte Ilse. Dann erzhlte sie ihm in wenig Worten, wie
das Geheimnis an den Tag gekommen war.

Hochstein bi sich auf die Lippen. Er verzieh es Irma nicht, da sie
alles gestanden hatte; in der ersten Entrstung hielt er sie sogar fr
fhig, die ganze Geschichte erfunden zu haben, weil sie nicht lnger
zu schweigen vermochte; aber als er Ilse ins Gesicht schaute, sah er
sofort ein, da sie die Wahrheit gesprochen hatte. Es erschien ihm
also klger, einen demtigeren Ton anzuschlagen.

Wenn Irma Ihnen alles mitgeteilt hat, gndige Frau, dann werden Sie
wohl auch vollkommen begreifen, warum ich die Sache -- zu meinem
Leidwesen -- vorlufig noch geheim halten mu.

Nein, Herr Baron, das begreife ich nicht. Ich begreife durchaus
nicht, wie ein feingebildeter Mann ein junges, unerfahrenes Mdchen zu
berreden suchen kann, ihre Familie zu hintergehen und ihren guten
Namen aufs Spiel zu setzen. Irma ist ein Kind, das nicht wei, was es
tut; ich segne den Zufall, der mich von dem Vorgefallenen in Kenntnis
gesetzt hat. Nach dem, was ich von Ihnen gehrt und gesehen habe, will
ich noch nicht urteilen, aber ich verlange, da Sie, wenn Sie es
ehrlich und gut mit dem Mdchen meinen, das Ihnen seine Liebe
geschenkt hat, noch heute Ihren Eltern von Ihren Absichten Mitteilung
machen.

Es tut mir leid, gndige Frau, aber das kann ich nicht, und ich habe
Irma auch die Grnde auseinandergesetzt.

Ja, und sie war damit zufrieden; ich aber bin es nicht. Hren Sie,
Herr von Hochstein, wenn Sie meine Enkelin wirklich lieben, dann
durften Sie sie nicht blostellen, sondern muten erst mit Ihren
Eltern sprechen, um ihr eine etwaige Enttuschung zu ersparen.

Ich habe ihr stets gesagt, da ich nach bestandenem Examen mich
bemhen will, die Einwilligung meiner Eltern zu erhalten.

Sehr schn, bis dahin darf aber dann zwischen Ihnen und Irma nicht
das geringste Einverstndnis mehr bestehen. Ihre Eltern mgen stolz
sein; wir sind es nicht minder und -- mit gleichem Recht.

So wollen Sie der Sache mit Gewalt ein Ende machen und uns
unerbittlich auseinanderreien, gndige Frau?

Durchaus nicht. An dem Tage, an dem Ihr Herr Vater mich ehrerbietig
um die Hand meiner Enkelin ersucht, will ich um Irmas willen bei
meinem Schwiegersohn, dem berhmten Knstler, ein gutes Wort fr Sie
einlegen. Ich glaube nmlich nicht, da Irmas Eltern von ihrer Wahl
sehr eingenommen sein werden.

Irma hat auch noch ein Wrtchen mitzureden, rief Otto, der sich kaum
mehr beherrschen konnte, und ich zweifle nicht, da sie sich Ihrer
Grausamkeit widersetzen wird.

So viel Stolz und Taktgefhl werde ich meiner Enkelin wohl noch
einflen knnen, als sie zu der Erkenntnis ntig hat, da sie mit
einem jungen Manne, dessen Eltern sich so hoch erhaben ber sie
dnken, keine Zusammenknfte mehr haben darf. Da ich nun wei, wie ich
handeln mu, frchte ich Ihren Einflu auf Irma nicht mehr.

Ist das Ihr letztes Wort, Frau Gontrau?

Mein letztes, bis Ihr Vater, der Baron von Hochstein, sich an mich
oder an Irmas Eltern wendet und unsere Einwilligung zu der Verlobung
erbittet.

Dann hoffe ich Sie in nicht zu langer Zeit wiederzusehen, sagte Otto
mit verbissener Wut, indem er sich zum Abschied mit tadelloser
Hflichkeit verbeugte.

Das wird mir eine wahre Freude sein, versetzte Ilse und entfernte
sich.--

So schnell sie konnte, eilte sie nach Hause, sie wute ja, mit welcher
Ungeduld Irma sie erwartete. Und doch htte sie gewnscht, einen recht
weiten Weg vor sich zu haben, denn sie brachte schlechte Nachricht fr
das arme Kind.

Das junge Mdchen kam ihr auch bereits im Flur entgegen. Auf
Gromutters Antlitz las sie sofort ihr Urteil. Ohne etwas zu sagen,
wartete sie, bis Ilse Hut und Mantel abgelegt hatte und sie zu sich
rief.

Irma, begann die alte Dame sehr sanft, du bist doch wohl
berzeugt, da ich dich von ganzem Herzen lieb habe und alles tun
mchte, um dir Kummer zu ersparen, nicht wahr?

Ja, Gromama.

So hre mich an, Kindchen. Ich glaube, du wirst dir die Geschichte
mit Hochstein aus dem Sinn schlagen mssen; denn ich frchte, er hat
mit deinem hingebenden Vertrauen schndlichen Mibrauch getrieben, und
es hat nie in seiner Absicht gelegen, sich mit dir zu verloben und
dich zu seiner Frau zu machen.

Du frchtest nur, Gromama, bist also doch nicht fest davon
berzeugt. Was hat er denn gesagt?

Aus seiner ganzen Haltung, seinem Wesen, seinem Tun und Handeln ist
mir das, was ich frchtete, zur Gewiheit geworden. Ich habe ihm
gesagt, da sein Vater entweder bei mir oder bei deinen Eltern um
deine Hand fr seinen Sohn anhalten mu. Wenn das geschieht, reden wir
weiter darber. Aber bis dahin drft ihr keinerlei Verkehr miteinander
haben.

Irma schwieg.

Ihr drft euch weder sehen, noch schreiben. Ich erwarte beinahe mit
Bestimmtheit, da der junge Mensch durch leidenschaftliche Briefe
versuchen wird, dich zum Ungehorsam zu verleiten. Wenn er dir
schreibt, darfst du seine Briefe nicht lesen, sondern mut sie mir
geben.

Gromama!

Ich werde sie nicht lesen, sondern ihm unerffnet zurcksenden.

Nein, Gromama, das tue ich nicht, rief Irma, ihre Ruhe verlierend.
Er wrde denken, da ich nichts mehr von ihm wissen will. Du hast
nicht das Recht, ihn so zu behandeln. Warten wir, bis er sein Examen
gemacht hat. Wenn er dann nicht mit seinen Eltern spricht und nicht
tut, was er mir gelobt hat, und worauf ich fest vertraue, dann magst
du ihn verurteilen.

Ilse wurde ber den nichts weniger als ehrerbietigen Ton, in dem ihre
Enkelin mit ihr sprach, nicht bse, sondern nahm die Hnde des
Mdchens sanft in die ihrigen und sagte ernst:

Ich habe ihm verboten, irgend welche Beziehungen mit dir zu
unterhalten. Handelt er meinem ausdrcklichen Wunsch zuwider, so zeigt
er, da er kein Ehrenmann ist. berdies wird er sehr wohl begreifen,
da nicht du, sondern ich seine Briefe zurcksende. Gottlob wird's ja
nicht lange dauern, bis wir vollkommene Klarheit haben. Er hat
gelogen, als er sagte, da er in drei bis vier Monaten sein Examen
mache. Onkel Heinz wei, da es in eben so viel Wochen stattfindet.

Er hat mich berraschen wollen, rief Irma mit bebenden Lippen, und
bemhte sich tapfer, ihre Trnen zurckzudrngen.

Ilse schlang die Arme um sie und kte sie.

Mein armes, liebes Kind, sagte sie gerhrt. Es klingt hart, und
doch mu ich es aussprechen. Sei nicht zu hoffnungsvoll, sondern
bereite dich auf eine Enttuschung vor. Ich frchte, da dir groes
Leid bevorsteht, ein Kummer, den wir alle, die wir dich lieb haben,
mit unsrer Sorge und Teilnahme dir nicht ersparen, nicht erleichtern
knnen, den du ganz allein durchkmpfen mut.

Sie ging hinaus und lie das junge Mdchen allein. Irma begab sich auf
ihr Zimmer. Allerhand romantische Ideen gingen ihr im Kopf herum. Sie
empfand Zorn und Bitterkeit gegen ihre Gromutter. Wie kam diese nur
dazu, sich unberufen in Dinge zu mischen, die im Grund nur sie, Irma,
angingen. Sie war doch schlielich nicht ihre Mutter. Und die Kleine
berlegte, ob es nicht das Klgste wre, ganz heimlich nach Mnchen
abzudampfen, ihren Eltern alles zu erzhlen und ihre Entscheidung
anzurufen; aber erstens bangte ihr davor, die weite Reise allein zu
unternehmen, zweitens fehlte ihr das ntige Geld, und endlich sagte
ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, da ihre Eltern der Gromama
recht geben, ja vielleicht noch strenger auftreten wrden -- das war
also nichts. Dann dachte sie daran, Gustav zu Hilfe zu rufen. Aber so,
wie sie ihren Bruder kannte, sah sie ein, da er ihr nicht helfen
knne. Von Agnes war auch nichts zu erwarten. Endlich kam sie auf die
verzweifelte Idee, allem und allen zu trotzen, zu Otto zu gehen und
ihm zu sagen, da sie ihn liebe, ihm vertraue und ohne ihn nicht leben
knne. Wute auch er keinen Ausweg, so wollten sie zusammen auf und
davon gehen -- alles war besser, als voneinander zu lassen.

Nachdem sie wohl eine Stunde mit solchen abenteuerlichen Plnen sich
beschftigt hatte, wurde sie ruhiger und fing an einzusehen, da ihr
nichts brig blieb, als sich vorlufig zu fgen. Aber sie tat es mit
einem Herzen voll Groll, denn sie fhlte sich tief gekrnkt und fand,
da ihr bitteres Unrecht geschah. Ihr Gehorsam wurde berdies auf eine
schwere Probe gestellt. Zwei Tage spter, als sie mit Gromama beim
Frhstck sa und das Dienstmdchen die Postsachen hereinbrachte,
bemerkte sie, da ein Brief von Otto an ihre Adresse darunter war.
Auch Ilse war dies nicht entgangen, aber sie stellte sich ganz
unbefangen und tat, als sei sie vllig in ihre Zeitung vertieft. An
allen Gliedern bebend ergriff Irma den Brief, es war, als brenne das
Papier in ihrer Hand, als knne sie die flehenden, leidenschaftlichen
Worte durch den Umschlag hindurch lesen -- dann warf sie einen
verstohlenen Blick nach der scheinbar ahnungslosen Gromama; htte
diese nur wenigstens gezeigt, da sie wute, von wem dies Schreiben
war, aber auch jetzt vertraute sie Irmas Gehorsam vollkommen.

Pltzlich warf das junge Mdchen den Brief vor die alte Dame auf den
Tisch und rief mit erstickter Stimme:

Da hast du ihn! Aber du handelst schlecht, du ttest mich!

Und leidenschaftlich schluchzend ging sie hinaus.

Peinlich berhrt schaute Ilse ihr nach. Sie vermochte das Kind nicht
zu verdammen, denn in diesem heftigen Ausbruch erkannte sie sich
selbst wieder, wie sie vor vielen Jahren gewesen war. Sie fragte sich,
wie sie in Irmas Alter unter denselben Verhltnissen gehandelt haben
wrde, und kam zu der Einsicht, da der Trotzkopf von damals
vielleicht noch viel trotziger, eigensinniger und ungehorsamer gewesen
wre. Doch diese Selbsterkenntnis machte sie in ihrem Entschlu nicht
wankend; wie gro ihr Mitleid mit dem Kinde auch war, sie mute fest
bleiben und durfte sich nicht von ihrem Gefhle beherrschen lassen.

So nahm sie denn den Brief mit einem Seufzer auf, vernderte die
Adresse und sandte ihn zurck.

Noch nie war das Verhltnis zwischen Enkelin und Gromutter so
unfreundlich gewesen, wie in den Tagen und Wochen, die nun folgten.
Schweigend, mit einem Ausdruck, der ihr reizendes Gesichtchen
entstellte, sa Irma bei den Mahlzeiten; sie sprach kaum ein Wort, und
all die kleinen Vertraulichkeiten, die lieblichen Neckereien und
Aufmerksamkeiten, die das Leben der beiden so gemtlich und frhlich
gemacht, hatten ein Ende. Ilse beklagte sich darber nicht. So viel
sie konnte, tat sie, als bemerke sie die Vernderung nicht, sondern
bemhte sich unbefangen und liebevoll wie gewhnlich zu sein. Sie
fhlte Mitleid mit dem Kinde und schaute es nur dann traurig und
vorwurfsvoll an, wenn sie auf eine freundliche Anrede eine
schnippische und ungezogene Antwort bekam.

Arme, kleine Irma! Sie konnte sich nicht aufraffen; bisher war ihr
Leben ein sonniges und ungetrbtes gewesen. Kummer und Enttuschung
waren ihr unbekannte Gste, mit denen sie sich nicht abzufinden wute.
Am meisten verletzte es sie, da sie gar so wenig Verstndnis fand,
wenn sie ihr Leid klagen wollte. Der Gromutter stand sie direkt
feindlich gegenber, und Agnes schalt darber, da sie sich so
abscheulich benahm. Der Einzige, bei dem sie, wenn auch keinen Trost,
so doch zrtliche Anteilnahme fand, war Onkel Heinz. Er teilte
vollstndig die Ansicht seiner alten Freundin Ilse, das wute Irma,
und in seiner Gegenwart legte sie ihrer Ungezogenheit und schlechten
Laune Zgel an. Andrerseits aber bemhte er sich nach Krften, sie
aufzuheitern, indem er allerlei nette Plne ausheckte, ihr hufig
etwas mitbrachte, und sie berhaupt mehr verhtschelte denn je.

Eines Abends, etwa drei Wochen nach den erzhlten Vorfllen, zeigte er
dem jungen Mdchen eine Zeitungsnotiz des Inhalts, da Baron von
Hochstein sein Referendarexamen gemacht habe. Mit dunkelrotem
Gesichtchen und glnzenden Augen schaute sie zu ihm auf, nahm ihm dann
das Blatt aus der Hand und ging damit zur Gromutter. Ilse las; auch
sie war angenehm berrascht.

Na, Irma, sagte sie freundlich, nun hoffe ich von Herzen, da dein
Freund unsrer Spannung rasch ein Ende macht; niemand wre froher als
ich, wenn er beweisen kann, da ich ihn falsch beurteilt habe.

Das wird er sicher knnen, Gromama, versetzte Irma triumphierend.

Die nchsten Tage verbrachte sie in fieberhafter Erregung, die sich
noch steigerte, so oft sie den Postboten erwartete. Sie sprach wieder
und wieder mit der Gromama ber die Mglichkeit, ja Gewiheit, da
sie von dem alten Baron oder von Otto Nachricht bekommen wrden, sie
hielt an ihren alten Illusionen fest und wollte das Angstgefhl, das
sie oft beschlich, nicht aufkommen lassen. Tage, Wochen vergingen,
keine Nachricht kam. Da flehte sie, an ihn schreiben zu drfen, um
anzufragen, ob er mit seinem Vater gesprochen habe. Ilse weigerte sich
entschieden, diese Erlaubnis zu geben.

Ich tue es doch, rief Irma, ich mu Gewiheit haben. So kann ich
nicht weiter leben.

Du mut wissen, was du tust, entgegnete die Gromutter ruhig. Wenn
du dich so erniedrigst, deine weibliche Wrde mit Fen trittst und
mir ungehorsam bist, schreibe ich noch heute an deine Eltern, dann ist
hier kein Platz mehr fr dich.

Vor Aufregung bebend blickte das junge Mdchen die alte Dame an, aber
in den ernsten, dunklen Augen war nur unbeugsame Festigkeit zu lesen.
Zornig mit den Fen stampfend wandte Irma sich ab.

Die Versuchung, ungehorsam zu sein und ihrer Sehnsucht nachzugeben,
wre vielleicht doch bermchtig geworden, da kam endlich die
erwartete Entscheidung, wenn auch in ganz anderer Weise, als sie sich
eingebildet hatte.

Einige Tage nach dem geschilderten Ausbruch nmlich reichte Ilse ihrer
Enkelin einen offenen Brief, der in der wohlbekannten Hand ihre
Adresse trug.

Das Blut stieg Irma ungestm in die Wangen, dann wurde sie totenbla
und ffnete zitternd das Blatt.

Es war eine gedruckte Anzeige der Verlobung des Barons Otto von
Hochstein mit der Freiin Laura von Staufenberg.

Einige Sekunden starrte Irma wie geistesabwesend auf den
verhngnisvollen Bogen, der all ihre Hoffnungen zerstrte, allem
Liebesglck und Vertrauen ein jhes und grausames Ende bereitete. Sie
strich sich mit der Hand ber die Stirn, stand auf und wollte der
Gromama die Verlobungsanzeige geben, aber pltzlich drehte sich das
ganze Zimmer mit ihr im Kreise, sie schwankte und brach mit einem
dumpfen Wehlaut zusammen.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Zimmer auf der
Chaiselongue. ber sie gebeugt stand die Gromama, die ihr Stirn und
Schlfen mit klnischem Wasser badete und sie so unendlich liebevoll
und zrtlich besorgt anschaute, da Irma die Arme um den Hals der
alten Dame schlang und in ein fassungsloses, leidenschaftliches
Schluchzen ausbrach.

Kein Wort des Tadels oder Vorwurfs kam ber Frau Gontraus Lippen. Sie
kte das Kind, prete es an sich und suchte es zu beruhigen.

Irma weinte und weinte, als sollte ihr das Herz brechen.

Es ist furchtbar hart, flsterte Ilse endlich, aber du mut darber
hinwegkommen, Liebling, du mut.

Ich kann nicht, er war mein ein und mein alles, Gromama, und mein
Vertrauen zu ihm war grenzenlos.

Armes Kind, fhlst du denn nicht, wie furchtbar er dich beleidigt,
wie schndlich er dich behandelt hat?

Ich wei nicht, sthnte die Kleine, ich fhle nur, da ich ihn
liebe.

Ilse seufzte, aber sie sah ein, da Trostesworte vorlufig noch
wirkungslos blieben. Nur allmhlich konnte es gelingen, bei Irma das
Gefhl der Gekrnktheit und des beleidigten Stolzes wachzurufen, das
ihr ber diese erste bittere Enttuschung hinweghelfen wrde.

Als Professor Fuchs das Vorgefallene erfuhr, wurde er wtend, und ein
heftiger Gichtanfall packte ihn. Er entwarf die wahnsinnigsten Plne,
wollte Hochsteins Handlungsweise berall verknden und ihn dadurch bei
seinen Korpsbrdern unmglich machen, wollte ihn fordern oder ihm
wenigstens auf die Bude rcken und ihm die schne Visage zerbluen.

Nur mit Mhe gelang es seiner alten Freundin, ihn zur Vernunft zu
bringen und ihm klar zu machen, da stolzes Schweigen das Beste und
Wrdigste sei.

Whrend der nchsten Wochen schien es, als sei Irma durch diesen
Schlag vollstndig geknickt. Mit beunruhigend blassem Gesichtchen und
mattem Lcheln ging sie umher, und eine groe Mutlosigkeit hatte sich
ihrer bemchtigt. Ihre schelmische Munterkeit, ihr kecker bermut
waren vollstndig verschwunden. Ein freundliches Wort, eine Liebkosung
trieb ihr Trnen in die Augen, und alle Plne Ilses, ihr eine
Zerstreuung zu verschaffen, beantwortete sie mit einem gleichgltigen:
Nein, lieber nicht, Gromama.

Selbst ihre Toilette machte ihr keine Freude, und das war ein bses
Zeichen. Das kleine, eitle Geschpf, das sonst mit einem Ernst, als
glte es die wichtigsten Dinge, ber eine hbsche Bluse oder einen
neuen Anzug zu reden pflegte, zog des Morgens das erste beste an, was
ihr unter die Hnde kam; das prachtvolle Haar wurde nicht wie frher
sorgfltig frisiert, sondern nachlssig und lose aufgesteckt, ohne da
Irma den Spiegel zu Rate zog. Am liebsten sa sie ganze Tage allein
auf ihrem Zimmer, und nur mit Mhe lie sie sich berreden, hinunter
zu kommen. Ilse litt es freilich nicht, da sie sich ganz absonderte,
und zwang sie im Familienkreise zu erscheinen.

Onkel Fritz und Tante Marianne wuten zwar nicht genau, was
vorgefallen war, aber so weit waren sie doch eingeweiht, da sie sich
Irmas verndertes Wesen erklren konnten. Sie sowohl wie Maud spielten
mit keiner Silbe auf die Veranlassung an, sondern taten im Gegenteil,
als merkten sie nichts. Beide hegten groes Mitleid fr die Kleine und
bemhten sich in ungesuchter Weise, sie etwas aufzuheitern.

Onkel Heinz war durch einen heftigen Anfall seines alten Leidens ans
Haus gebunden. Der Zorn ber Baron Hochstein, der rger, da er ihn
nicht zur Verantwortung ziehen durfte und die ganze Wut
hinunterschlucken mute, verschlimmerten das bel in hohem Grade.
Aber, whrend der Professor sich sonst unter hnlichen Umstnden ganz
ungeniebar zeigte, und jeden, der es wagte, ihn zu besuchen, durch
seine schlechte Laune und seine bissigen Ausflle fortgraulte, schrieb
er jetzt humoristische Briefchen an Irma und bat sie, zu ihm zu
kommen. Als sie seiner Einladung folgte, erzhlte er ihr die
lustigsten Schnurren und verstand es so meisterlich sie aufzuheitern,
da sie lachen mute und ihr Leid, wenigstens fr kurze Zeit, verga.

       *       *       *       *       *




Mllers rsteten allmhlich zu Mauds Hochzeit. Nur noch einige Wochen,
dann kam John, um seine Braut zu holen; erst wollten sie eine schne
Hochzeitsreise durch Europa machen und sich dann in San Francisko
niederlassen.

Irma nahm an diesen festlichen Vorbereitungen nicht teil. Als Gustav
und Flora sowie Reichers -- denn auch Hans war eingeladen -- ihre
baldige Ankunft meldeten und Herr und Frau von Holten gleichfalls
schrieben, da sie kommen wrden, bat sie unter Trnen Gromama Ilse,
ob es nicht mglich sei, sie fr diese Zeit fortzuschicken. Sie fhle
sich auer stande, all die Festlichkeiten mitzumachen; sie wrde zu
viel an ihren eigenen Herzenskummer denken mssen und schwer darunter
leiden.

Ilse schttelte den Kopf:

Hr' mal, Kindchen, sagte sie fest, es wird Zeit, da wir ein
ernstes Wrtchen miteinander reden. Du mut doch endlich einsehen, da
du dich deinem Schmerz nicht ausschlielich hingeben darfst.
Hochstein ist fr dich verloren, davon mut du doch berzeugt sein.

Das bin ich ja, entgegnete Irma, aber eben deshalb hat mein Leben
keinen Wert mehr fr mich.

Unsinn, du mut einsehen lernen, da der Mensch gar nicht wert ist,
da du so um ihn trauerst. Kommst du nicht auf Mauds Hochzeit, so wei
jeder, weshalb. Was ich dir jetzt sagen mu, Irma, ist hart, aber ein
energisches Mittel ist bei dir wirklich ntig. Ein Mdchen, dem so
mitgespielt wurde wie dir, findet wohl Teilnahme. Zeigt sie aber
jedem, da sie sich um solch unwrdigen Gecken grmt, so lacht man
schlielich ber ihre Rhrseligkeit und berspanntheit. Kannst du
deine Enttuschung noch nicht verwinden, so trage deinen Kummer
wenigstens still und heimlich, damit du den Leuten nicht das Recht
gibst, sich ber dich lustig zu machen.

Irma richtete sich auf; dunkle Rte frbte ihre Wangen; Gromutters
Worte trafen sie wie Peitschenhiebe, und unwillkrlich zog sie ihre
Hand zurck, als die alte Dame sie zrtlich streicheln wollte; aber
sie weinte nicht mehr, und in der stillen Hoffnung, da ihre Worte
doch ihren Zweck erfllen wrden, zog sich Ilse zurck.

Ich mu der Gromama beipflichten, sagte Agnes an demselben
Nachmittag, als Irma ihr von dieser Unterredung erzhlte, es ist
gerade so, als ob du keinen Stolz mehr besest.

Wie gewhnlich lag Irma auf ihrer Ruhebank, sie zeigte sich aber nicht
mehr ganz so teilnahmlos und gleichgltig wie sonst, wenn sie auch
nicht zugeben wollte, da die Gromama recht htte.

Du verstehst mich nicht, Agnes, erwiderte sie. Du bist verlobt und
behauptest Ludwig zu lieben, aber du bist viel zu nchtern und
praktisch, um zu fhlen, was wahre Liebe ist.

Agnes lachte. Wenn wahre Liebe darin besteht, sich mit Fen treten
zu lassen und jemand nachzutrumen, der deutlich zeigte, da er nur
mit dir gespielt hat, dann -- ja dann habe ich keinen Schimmer davon,
denn so etwas liee ich mir nicht bieten.

Agnes! rief Irma, im hchsten Grade erzrnt, wenn Gromama mir
solche Dinge sagt, mag das noch hingehen, von dir vertrage ich das
nicht.

Und doch ist es die Wahrheit, fuhr die andere eifrig fort. Komm'
mal her, sie zog ihre widerstrebende Cousine vor den Spiegel, schau
dich mal an. Ist's nicht jammerschade, da ein Mdchen wie du, so
schn, mit solcher Gestalt, solchem Haar und solchen Augen, sich um
dieses Menschen willen so hlich macht! Du bist wirklich in letzter
Zeit nicht hbscher geworden.

Was liegt mir daran? versetzte Irma. Aber sie schaute doch in den
Spiegel, und ihr wurde angst, da Agnes am Ende wohl recht haben
knne.

Diese bemerkte ihren Vorteil und fuhr mit gesteigerter Wrme und
Innigkeit fort:

Liebstes Kind, du kannst fr den einen hundert andere bekommen. Wre
ich so schn wie du, wahrlich ich wrde ihm das Vergngen nicht
gnnen, mit spttischem Mitleid ber mich die Achseln zu zucken.

Das Vergngen soll ihm nicht zu teil werden, rief Irma; er braucht
doch nicht zu wissen, da ich mich um ihn grme.

Als ob ihm das nicht zu Ohren kommen wrde! Machst du Mauds Hochzeit
nicht mit, so erfhrt er das sicher. Es kommen mehrere Studenten und
Offiziere, die ihn kennen. Soll er denn denken, da du ohne ihn nicht
leben kannst! Weit du, was du tun mtest?

Nein.

Auf die Hochzeit gehen, dich so schn wie mglich machen und so
lustig sein, da keine Seele etwas merkt. Glaube mir, ich kenne die
Welt besser als du; wenn Hochstein denken mu, da du dir's nicht zu
Herzen nimmst, wird er sich rgern, und das ist doch wohl die kleinste
Strafe, die er verdient.

Der matte, gleichgltige Ausdruck in Irmas Augen verschwand, ihre
Wangen rteten sich, und mit einem schwachen, selbstzufriedenen
Lcheln nickte sie ihrem Spiegelbilde zu.

Vielleicht hast du recht, sagte sie, ich will mich bemhen, deinem
Rat zu folgen. Versprich mir nur eins -- nie mehr ber Otto zu reden.

An mir wird es nicht liegen, wenn's doch geschieht, entgegnete Agnes
munter, denn ein angenehmer Gesprchsstoff ist er fr mich wirklich
nie gewesen.

Von nun an nderte sich Irma. Als ihre Eltern kamen, und Ruth, die von
ihrer Mutter in alles eingeweiht wurde, sie schweigend, mit
vielsagender Innigkeit umarmte, setzte ihr Tchterlein sie in
Erstaunen, indem es lachend rief:

Hr' mal, Mamachen, wenn du glaubst, mich bemitleiden zu mssen, bist
du auf dem Holzwege. Gromama htte dir die kindische Geschichte mit
Baron Hochstein nicht zu erzhlen brauchen. Ich habe sie lngst
vergessen.

Aber Kind, ich glaubte dich ganz niedergebeugt und traurig zu finden.
Ich dachte, du liebest ihn.

Ach wo denn, ich bildete mir das nur ein. Jetzt wei ich, da es so
ganz gut ist und habe es vllig berwunden.

Um so besser, mein Liebling, sagte Ruth erfreut. Aber als sie der
Gromutter Irmas Worte wiederholte, schttelte diese das alte, graue
Haupt.

Mamachen, du bist doch nie zufrieden, meinte Ruth etwas rgerlich.
Was willst du denn mehr? Wir knnen doch wirklich froh sein, da die
Kleine die Geschichte so verstndig auffat.

Liebe Ruth, versetzte Ilse nachdenklich. Der bergang ist mir zu
schroff. Wir muten Irma aus ihrer Teilnahmlosigkeit frmlich
aufrtteln, indem wir ihren Stolz und ihre Eigenliebe zu Hilfe riefen,
nun aber frchte ich, da ihre Eitelkeit den Sieg davontragen und sie
zu irgend einem dummen Streich verleiten wird.

Unglubig schaute Ruth die Mutter an.

Zum Beispiel, fuhr Gromutter leise fort, aus Trotz den ersten
besten Mann zu nehmen.

Frau von Holten schwieg; an solch eine Mglichkeit hatte sie noch
nicht gedacht.

Ich glaube, du bertreibst, Mama, sagte sie endlich. Irma ist in
jeder Hinsicht noch das reine Kind.

Eben darum, behauptete Ilse, aber da ihre Enkelin gerade ins Zimmer
trat, wurde das Gesprch nicht fortgesetzt.--

Der Brutigam, John Forster, war angekommen und machte seinen neuen
Verwandten einen sehr angenehmen Eindruck. Er war ein groer,
stattlicher junger Mann, blond und breitschultrig, mit energischem
Ausdruck in den stahlblauen Augen und groer Ruhe und Gelassenheit in
seinem Auftreten. Er und Maud bildeten ein sehr gesetztes Paar; Flora,
die mit ihrem Manne bei Gromutter Gontrau wohnte, wunderte sich im
stillen, da Braut und Brutigam nach so langer Trennung einen ganzen
Abend beisammen sein, sich mit jedem gemtlich unterhalten konnten,
und nicht einzig und allein fr einander Ohren und Augen hatten.

Als Flora schchtern bemerkte, da John und Maud nicht den Eindruck
eines verliebten Paares machten, lachte die junge Braut so heiter und
herzlich, und aus ihren hbschen, ernsten Augen strahlte ein so
sonniges Glck, da niemand an ihrer innigsten Liebe und Zuneigung
fr einander zweifeln konnte.--

Onkel Heinz, der mit Hilfe eines Stockes wieder umherhumpelte, setzte
die ganze Familie, die ihn noch ans Zimmer gebunden glaubte, in
Erstaunen, als er pltzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er
unterhielt sich viel mit dem jungen Amerikaner; aber als Hans Reicher
ankam, htte der Professor leicht in den Verdacht der Unbestndigkeit
und Launenhaftigkeit kommen knnen, denn nun zog er die Gesellschaft
des jungen Gutsbesitzers jeder anderen vor und vertiefte sich mit ihm
in alle mglichen Fragen des Ackerbaus und der Viehzucht. Hans
verweilte gern bei dem alten Sonderling; Onkel Heinz hatte sich sofort
angeboten, ihn als Logiergast aufzunehmen, und da bei Mllers wie bei
Ilse Gontrau das Haus besetzt war, nahm Hans dies Anerbieten dankend
an.

Groe Hochzeitsfeierlichkeiten sollten nicht stattfinden, die Abende
aber, die der heiligen Handlung vorangingen, verbrachte die Familie
stets gemeinsam. Es wurde viel musiziert, mitunter auch getanzt, und
das Zusammensein mit einem gemtlichen Abendessen beschlossen. Irma
nahm so heiter an allem teil, da jeder sich darber wunderte. Als sie
am ersten Abend erschien, anmutiger denn je, in einem hellgrnen,
duftigen Kleide, schelmisch und ausgelassen wie frher mit der Jugend
Unsinn trieb, die lteren Herren durch ihr Geplauder bezauberte, so
da sie bald wieder der Mittelpunkt war, um den sich alles drehte,
schttelte Maud ernst den Kopf und flsterte ihrer Schwester zu:

Die Irma ist doch wirklich eine arge Kokette; von ihr kann man auch
sagen: Viel Lrm um Nichts!

Agnes schwieg und schaute bekmmert nach Irma, die gerade auf dem Sofa
sa. Vor ihr stand Hans Reicher und hrte mit ernster Miene ihrem
Geplauder zu. Das Mdchen war bildschn, wenn mglich noch schner als
frher, aber ihrem Benehmen fehlte das reizend Kindliche, das sie so
unwiderstehlich gemacht hatte. Mit ausgesprochener Gefallsucht
streckte sie den kleinen Fu vor, um dessen tadellose Form zur Geltung
zu bringen; sie bemhte sich, whrend sie sa, die anmutigste Haltung
anzunehmen, lehnte ihr blondlockiges Kpfchen an den Sessel, weil sie
wute, da es sich von dem roten Plsch besonders vorteilhaft abhob;
sie lachte, um ihre Perlzhnchen zu zeigen, schlug die groen
Vergimeinnichtaugen bald schchtern, bald wieder bermtig auf und
bemerkte mit einem hlichen Triumphgefhl befriedigter Eitelkeit, wie
sie den guten Hans in Verwirrung brachte und bezauberte.

Ob Hans wei, was Irma durchgemacht hat? fragte Maud pltzlich ihre
Schwester.

Nein, wer sollte ihm das erzhlt haben?

Ich dachte, du oder Ludwig.

Ich werde mich hten. Wir haben das Recht nicht, Irmas Geheimnis an
die groe Glocke zu hngen -- das wre garstig.

Allerdings, gab Maud zu, aber ich glaube, der arme Hans hat wieder
Feuer gefangen, und siehst du denn nicht, wie furchtbar sie mit ihm
kokettiert?

Gewi, aber weil sie so stark auftrgt, wird er's wohl merken, und
tut er das nicht, so ist er ein Schaf, entgegnete Agnes unwillig.

Hans Reicher war der Einladung zu Mauds Hochzeit mit schwerem Herzen
gefolgt. Ihm bangte vor dem Wiedersehen mit Irma. Fern von ihr, in
Anspruch genommen durch seinen Beruf und seine vielen Geschfte, hatte
er die Kraft besessen, seinen Kummer zu beherrschen, das
Unvermeidliche zu tragen, ohne sich in Sehnsucht zu verzehren nach
einem Glck, das ihm unerreichbar dnkte. In den ersten Wochen nach
Gustavs und Floras Hochzeit hatte er tglich die Anzeige von Irmas
Verlobung mit Hochstein erwartet, und als diese nicht kam, schlielich
Ludwig ausgeforscht.

Aber der Bruder, der von seiner Braut nicht in Irmas Herzensgeheimnisse
eingeweiht war, hatte nichts gewut, und Hans zu stolz, um sich
bedauern zu lassen, hatte nicht weiter geforscht und nicht
widersprochen, als Ludwig eine Anspielung machte, da seine Zuneigung
fr das schne Mdchen rasch verflogen zu sein schiene.

Trotz aller Vernunftgrnde, die dafr sprachen, die Einladung
abzulehnen und Irma nicht wiederzusehen, um seine teuer erkaufte Ruhe
nicht von neuem aufs Spiel zu setzen, war er doch zur Hochzeit
gekommen, getrieben von seiner Sehnsucht nach der Geliebten. Er hatte
sich aber fest vorgenommen, ihr khl gegenber zu treten und ja nie
den unglcklich Liebenden zu spielen, um nicht ausgelacht zu werden.

Irma begrte ihn mit unerwarteter Herzlichkeit. Sie sprach so
freundlich mit ihm, bewies pltzlich so viel Teilnahme an allem, was
ihn betraf, schaute ihn so merkwrdig an, da der arme Hans seine
guten Vorstze verga und seine Hoffnung, Irma dereinst doch die seine
zu nennen, sich auf Riesenschwingen emporhob. Von Hochstein hrte er
nichts, also war das doch nur ein vorbergehender Flirt gewesen. Seine
Klugheit verlie ihn vollstndig; er war wie mit Blindheit geschlagen,
merkte die Gefallsucht des schnen Mdchens nicht, sondern sah dieses
in dem Lichte, in dem er es sehen wollte, und so kam er zu dem
Entschlu, nicht eher heimzukehren, als bis er Gewiheit htte.

An dem Abend, an welchem Maud ihre Schwester auf Irmas leichtfertiges
Betragen aufmerksam machte, fhlte Hans sich im siebenten Himmel. Er
erzhlte von seinem Schaffen und Streben, von den Verbesserungen, die
er in den letzten Jahren eingefhrt habe, und sie tat, als lauschte
sie aufmerksam, klappte dabei ihren Fcher auf und zu, hielt ihn aber
zum ftern vors Gesicht, um ihr unterdrcktes Ghnen zu verbergen, und
sagte endlich:

Trotz alledem ist's doch wohl ein bichen langweilig, immer auf dem
Lande zu sitzen, Hans, wie? Mchten Sie nicht lieber in einer groen
Stadt wohnen?

Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fhlte mich in
meiner Umgebung und bei meiner Arbeit vollkommen glcklich.

Sie sprechen von 'bisher', ist es denn jetzt nicht mehr so?

Jetzt bin ich nahe daran, mir einen Beruf zu wnschen, der mich mehr
unter Menschen und in das Leben und Treiben der Grostadt fhrt.

Wie ist das mglich? fragte Irma mit der unschuldigsten Miene von
der Welt. Warum denn?

Hans beugte sich zu ihr herab. Er sah bleich aus, und seine Lippen
bebten als er ihr zuflsterte:

Weil ich es dann eher wagen wrde, eine Bitte auszusprechen, deren
Erfllung mich zum glcklichsten aller Sterblichen machen wrde.
Verstehen Sie mich, Irma?

Hans! ertnte pltzlich die barsche Stimme von Professor Fuchs, wir
brauchen einen vierten Mann zum Whist. Von Ludwig kann natrlich keine
Rede sein; als Brutigam ist er verliebt und also nicht normal; kommen
Sie nur mit, mein Junge.

Aber Onkel Heinz, schmollte Irma, da ist doch noch Gustav und
Papa.

Der alte Herr fing an zu lachen. Mit den beiden spiele ich nicht; ich
glaube nicht, da sie einen Buben von einem Knig unterscheiden
knnen.

Ich habe keine Lust, meine Dame im Stich zu lassen, Herr Professor,
wehrte sich Hans, ich mache mir nichts aus Whist.

Der Mensch kann nicht immer tun, was er am liebsten mag; wenn ich den
ganzen Abend das Getue und Geschwtz der Leute hier sehen und anhren
mu, kriege ich einen neuen Gichtanfall. Also erbarmen Sie sich des
alten Brummbren.

Hans schaute Irma an; sie lachte ihm mit solch lieblichem Errten und
solcher Verheiung in den strahlenden Augen zu, da ihm vor seliger
Erwartung schwindelte. Er ergriff ihr Hndchen, drckte es so krftig
und lange, bis es ihr frmlich weh tat, und folgte Onkel Heinz.

Irma seufzte und lchelte doch zugleich. Ihr gegenber hing ein groer
Spiegel; sie schaute hinein und dachte gerade, wie wunderhbsch sie
doch eigentlich sei, als sie im Glase dem ernsten Blick der Gromama
begegnete, welche sie ruhig und streng ansah. Das Mdchen wandte sich
ab und wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Aber sie befand sich in
bermtiger Laune. Der Kummer, den sie erlitten, hatte sie zuerst fast
zerschmettert; dann hatte die arge Niederlage ihrer Eitelkeit den
Schmerz verdrngt, und das Gefhl des Unglcks und der Trauer hatte
sich in Bitterkeit umgewandelt. Sie war an ihrem wundesten Punkt
getroffen worden, nun raste sie weiter auf dem Wege, den sie einmal
eingeschlagen hatte -- und als Hans ihr an diesem Abend das Geleite
gab und ihr beim Einsteigen in den Wagen zuflsterte:

Darf ich Ihnen morgen weitererzhlen, Irma, was ich erbitten mchte,
und was mich so unendlich glcklich machen wrde? neigte sie ihr
Kpfchen, zog die Hand zurck und lispelte kokett:

Ich habe wirklich gar keine Ahnung, was das sein kann, aber wenn Sie
mich zu Ihrer Vertrauten machen wollen, ist mir's recht.

Nun stand sie in ihrem Schlafzimmer im weien Unterrckchen vor dem
Spiegel und brstete ihr Goldhaar. Sie nahm die seidenen Locken in
die Hnde und streichelte sie liebkosend, wobei ihr einfiel, womit
Otto von Hochstein sie so oft verglichen hatte: mit Kornhren, auf
welche die Sonne schien, mit gesponnenen Sonnenstrahlen und flssigem
Gold. In einer bitteren Aufwallung wand sie ihre Locken pltzlich in
einer dicken Flechte um den Kopf und tat dies so heftig und mit so
harter Hand, da verschiedene von den spinnwebenfeinen Goldfden an
ihren spitzen Fingerchen hngen blieben.

Da ffnete sich die Tr ihres Zimmers, und Ilse, bereits im
Nachtgewand, das weie Haar unter einer Haube verborgen, trat ein.

Ist etwas geschehen, Gromama? fragte Irma erschreckt. Ist dir
nicht wohl?

Ich wollte noch mit dir sprechen, Kind.

Irma schaute der Gromama in das feine Antlitz, das einen sehr
strengen Ausdruck zeigte; und als ahne sie den Zweck dieser
Unterredung, unterdrckte sie ein Ghnen, blickte nach der Wanduhr und
sagte:

Es ist schon so spt.

Das tut nichts. Ich finde keine Ruhe, bevor ich dich nicht gefragt
habe, ob du die Absicht hast, Hans Reicher zu nehmen, wenn er sich um
dich bewirbt?

Irma wurde glhend rot.

Ja, sagte sie, und fgte spottend hinzu:

Findest du das nicht herrlich, solch guten Mann, auf den ihr alle so
groe Stcke haltet? Diesmal kannst du doch nichts gegen meine Wahl
einwenden?

Liebst du Hans? fragte Ilse streng.

Ich glaube. Und es ist schon sechs Wochen her, seit Hochstein seine
Verlobung anzeigte. Da wird es hohe Zeit, da er von mir hnliches
hrt.

Du willst Hans heiraten, ohne ihn zu lieben, nur aus Trotz und
gekrnkter Eitelkeit?

Warum nicht, Gromama? Du hast selbst gesagt, ich msse meinen Kummer
berwinden, ich wrde fr rhrselig und verschroben gehalten werden,
wenn ich fortfhre zu trauern. Nun wird wenigstens keiner mehr ber
mich lachen.

Du solltest meine Worte nicht absichtlich verkehrt auslegen,
erwiderte die Gromama, und ihre dunklen Augen schauten Irma so
strafend an, da sie die ihren niederschlug. Du weit ganz gut, was
ich meinte. Du bist im Begriff, eine groe Dummheit zu begehen, und
eine Schlechtigkeit obendrein. Wem ntzt es etwas, wenn du dich und
Hans unglcklich machst? Glaubst du, da Otto von Hochstein sich das
zu Herzen nehmen wrde?

Es wird ihn wenigstens rgern, wenn er sieht, da ich ihn so rasch
vergessen habe.

Und um eines so armseligen Triumphes willen, dessen du berdies noch
nicht einmal sicher bist, willst du dich erniedrigen, indem du einen
Mann heiratest, den du nicht liebst! Das verbiete ich dir, Irma. Ich
warne dich, ich will das nicht.

Aber ich will! rief Irma auffahrend und in einem Tone, den sie ihrer
Gromutter gegenber noch nie angeschlagen hatte. Wenn Hans um mich
anhlt, nehme ich ihn; ich will doch sehen, wer mir das verbieten
kann.

Mit flammenden Augen stand sie vor der alten Dame.

Ilse blickte sie an und erkannte sich selbst in dem aufgeregten,
berreizten Kinde wieder, das jedem Vernunftgrunde unzugnglich war
und alles opfern wollte, um seinem trotzigen Sinne zu folgen. Die alte
Frau fhlte ihren Zorn schwinden; sie begriff, da der Kummer und die
Enttuschung, die Irma erfahren hatte, schlecht auf ihren Charakter
wirkten, anstatt sie demtig und geduldig zu machen, den Geist des
Widerstandes und gekrnkten Stolzes in ihr weckten. Sie sah ein, da
mit Gewalt und Strenge hier nichts auszurichten war.

Wirst du Hans sagen, was du erlebt hast? fragte sie ruhig.

Nein, natrlich nicht.

So hast du also die Absicht, ihn zu betrgen?

Otto hat mich auch betrogen.

Ist das ein Grund? Mut du ebenso schlecht sein wie er?

Das ist mir ganz egal, rief Irma heftig. Du kannst stundenlang
reden, Gromama. Ich will der Welt zeigen, da Irma von Holten um
einen neuen Anbeter nicht verlegen ist, wenn der alte sie im Stich
gelassen hat.

Denke darber nach, Kind, ich warne dich zum letzten Male.

Aber Irma wandte sich ab und gab keine Antwort mehr.

       *       *       *       *       *




Gromutter Gontrau verbrachte eine schlaflose Nacht, und als sie
andern Tages am Frhstckstisch erschien, sah sie so angegriffen aus,
da es allen auffiel. Auf die Frage, was ihr fehle, erwiderte sie, da
sie nur ein wenig Kopfweh habe; sie sehne sich nach frischer Luft und
wolle einen kleinen Spaziergang machen. Ruth erbot sich, die Mutter zu
begleiten, doch Ilse wnschte allein zu gehen, dann brauche sie nicht
zu reden. Irma und Flora sollten den Morgen bentzen, um ihre
Toiletten fr das groe Ereignis, die Hochzeit, in Ordnung zu bringen,
auch die andern htten gewi noch manches zu besorgen, und sie wolle
niemand stren.

Gromutter Ilse ging nicht weit. Das Gartentor von Mllers Villa stand
offen, und in der Laube saen Maud und John.

Was, liebe Gromama, du hast dich so frh schon aufgemacht?

Ja, liebes Brutchen, ich hatte ein paar Besorgungen zu machen und
wollte mich hier ein Weilchen ausruhen. Du brauchst Mama nicht zu
rufen, ich wei, wieviel sie zu tun hat. Wo sind die jungen Leute?

Ludwig und Agnes sind spazieren gegangen. Natrlich, wenn die mal
auskneifen knnen, tun sie's mehr wie gern. Hans war eben hier, jetzt
ist er mit Papa hinten im Garten.

So will ich ihn aufsuchen, ich mu ihm etwas sagen. Nein, liebes
Kind, nicht neugierig sein. Du weit, in den Hochzeitstagen hat die
Familie eine Menge Geheimnisse, von denen das Brautpaar nichts wissen
darf.

O, ich bin nicht neugierig, erwiderte Maud und setzte sich ruhig
wieder neben John, der ihr aus einer englischen Zeitung vorlas,
whrend sie mit einer Handarbeit beschftigt war.

Hans kam gerade um die Ecke und zeigte sich sehr erfreut, Ilse zu
sehen.

Schon so frh hier, gndige Frau? Ich will Frau Mller rufen.

Nein, versetzte die alte Dame, das ist nicht ntig. Eigentlich kam
ich zu Ihnen, Reicher, denn ich erwartete Sie hier zu finden.

Zu mir, gndige Frau? Kann ich etwas fr Sie tun?

Ja, sagte Ilse. Wollen Sie mich nach Hause begleiten?

Sehr gern. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.

Sie verlieen zusammen die Villa und plauderten einige Augenblicke
ber gleichgltige Dinge. Dann schlug Gromutter Gontrau einen
Seitenweg ein, der durch einen kleinen Park nach ihrer Wohnung fhrte.
Hier war es sehr still. Hans, der noch immer nicht wute, was sie mit
ihm zu besprechen hatte, schaute sie verwundert von der Seite an.

Darf ich Ihnen eine unbescheidene Frage vorlegen, Reicher?

Hans nickte ein wenig beklommen, er wute selbst nicht warum.

Lieben Sie meine Enkelin Irma?

Ja, gndige Frau, sagte er schlicht, aber das gengte. Der ernste
Ausdruck seiner grauen Augen, der tiefe, volle Klang seiner Stimme
machten alle weiteren Beteuerungen berflssig.

Ilse reichte ihm die Hand.

Das freut mich, erwiderte sie, ich glaube nicht, da es auf der
ganzen weiten Welt einen Mann gibt, dem ich sie lieber anvertrauen
wrde.

O, wie innig danke ich Ihnen, gndige Frau, stammelte Hans entzckt.

Und doch mu ich Ihnen abraten, ihr jetzt schon die groe Frage zu
stellen. Warten Sie noch.

Weshalb raten Sie mir das, gndige Frau?

Irma ist noch so jung... entgegnete Ilse zgernd, so unbesonnen.

Ach, gndige Frau, wenn das der einzige Grund ist, dann glaube ich,
da eine Liebe wie die meine, so warm, so treu und gut gemeint, sie
reifer machen wird.

Es gibt noch einen andern Grund.

Und wenn es hundert gbe, Frau Gontrau, rief Hans ungeduldig, weil
die alte Dame nur in halben Andeutungen sprach, ich kann nicht
warten; gestern habe ich Irma gegenber bereits angedeutet, da ich
heute diese wichtige Frage stellen werde. Warum sind Sie dagegen?

Weil Irma Sie zur Zeit noch nicht liebt, und wenn sie Ihren Antrag
annimmt, es aus Trotz tut, aus gekrnkter Eitelkeit, weil ein anderer
mit ihr sein Spiel getrieben hat.

Hans Reicher wurde totenbleich und schaute Ilse Gontrau entsetzt an.
ber sein offenes, ehrliches Antlitz legte sich ein Ausdruck so tiefen
Kummers, da sie fhlte, wie ihre Augen feucht wurden. Ganz in der
Nhe stand eine Bank unter einem Platanenbaum, der sie den Blicken
Vorbergehender entzog. Sie nahm seine Hand und zwang ihn, sich neben
sie zu setzen.

Dann erzhlte sie ihm alles.

Er hrte ihr zu, gesenkten Hauptes und mit fest zusammengepreten
Lippen. Ilse hatte wohl einen Ausruf der Entrstung, des Schmerzes
erwartet, aber er schwieg.

Reicher, begann sie endlich wieder, Sie mssen doch einsehen, da
ich Ihnen das alles gesagt habe, weil es meine Pflicht ist, weil ich
nicht anders konnte. Ich habe Irma gewarnt, doch sie hat nicht hren
wollen. Mglich, da ich zu schwach gegen sie war, aber ich habe sie
so ber alle Maen lieb! Jetzt mu ich sie gegen ihr eigenes Ich zu
schtzen suchen. Sie braucht eine harte Lehre. Ist Ihre Liebe gro
genug, um ihr diese zu erteilen?

Ja, gndige Frau.

Fr den Augenblick ist sie entschlossen, Ihnen ihr Jawort zu geben.
Ist Ihre Liebe stark genug, um dasselbe jetzt nicht anzunehmen und sie
zu hindern, da sie etwas tut, was schlecht und ihrer nicht wrdig
ist?

Ja, gndige Frau.

Bewundernd drckte Ilse ihm die Hand.

Ich wute wohl, da ich mich in Ihnen nicht getuscht habe. Alles,
was wir gesprochen haben, bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden. Es
wird eine Zeit kommen, in der Irma ihr Unrecht einsieht.

Das glaube ich nicht, gndige Frau, wage auch nicht, darauf zu
hoffen. Ich werde Irma ewig lieben, weil ich nicht anders kann, weil
ich gleich beim ersten Mal, als ich sie sah, fhlte, diese oder keine.
Aber liebe ich sie auch noch so unendlich, mit mir spielen lasse ich
nicht.

Gromutter Gontrau zog sich, so bald sie wieder nach Hause gekommen
war, ungesehen auf ihr Zimmer zurck. --

Zum Abend hatte Onkel Heinz die ganze Familie zu sich eingeladen; er
wollte doch auch das Brautpaar durch eine Festlichkeit ehren. Schon
seit Tagen hatte er mit Hansens Hilfe seine Zimmer ausgerumt und die
Leute, bei denen er wohnte, in Wut versetzt, weil er das ganze Haus
von unterst zu oberst kehrte. In seinem Studierzimmer stand die groe
Tafel zum Abendessen gedeckt. Solche Unmengen hatte er von allem
bestellt, da seine Hauswirtin seufzend erklrte, es wrde hinreichen,
ein ganzes Regiment zu bewirten. Aber der alte Herr hatte sich nicht
raten lassen.

Kalter Lendenbraten, zierlich geschnitten, mit Slze belegt und von
Petersilie eingefat, war zwischen Schsseln mit Hhnern und Koteletts
aufgestellt, die Beinchen und Knochen sauber in Papiermanschetten
gesteckt; der polnische Salat wetteiferte in kunstreicher Anordnung
und Farbenpracht mit den schnen gelben und rosa Torten. Knall-Bonbons
in vergoldeten Hlsen, Schalen mit eingemachten Frchten, Puddings und
Crmes spiegelten sich wieder im Grn und Goldgelb der Rheinwein- und
Champagnerglser. Das Allerschnste und Kunstvollste aber war das
Mittelstck, ein hoher, aus Mandelteig gebackener, von einer
sinnbildlichen Darstellung aus Zucker gekrnter Tempel.

Am Kamin stand, wie Soldaten in Reih und Glied, eine Batterie
Flaschen, allerhand feine Marken. Die Sektflaschen mit ihren goldenen
und silbernen Hlsen stellten die Offiziere inmitten der Gemeinen vor.
Onkel Heinz' Schlafstube, der grte Raum der ganzen Wohnung, war in
einen Tanzsaal verwandelt; alle Mbel waren entfernt und der Himmel
wei in welche Ecken und Winkel des Hauses gestopft worden. Er und
Hans hatten schon die Nacht vorher in der guten Stube der Wirtsleute
geschlafen. Um den Tanzsaal wrdig auszustatten, hatte er Bnke und
Diwans gemietet und lngs den Wnden aufgestellt. Auch ein Klavier war
herbeigeschafft worden, und da keiner der Gste sich mit dem Ableiern
der Tanzmusik abmhen sollte, erschien ein dnnes Menschlein, das fr
fnfzehn Mark den ganzen Abend aufspielen und schon whrend des
Soupers etwas zum Besten geben sollte. Doch bevor sich dieser Knstler
ans Klavier setzte, hatte der Professor ihn so mit allerhand guten
Dingen vollgestopft und ihm so viel Burgunder zu trinken gegeben, da
es sehr fraglich war, ob er seine Aufgabe zur Zufriedenheit lsen
wrde.

Das Wohnzimmer diente zum Empfang der Gste. Riesige Blumengruppen
standen in den Ecken, die Tre war ausgehoben und an ihrer Stelle eine
Art Ehrenpforte entstanden, unter der Maud und John durchgehen muten.
Aber als das Brautpaar mit seinem Gefolge eingetreten war, als der
unglckliche Jngling am Piano den Hochzeitsmarsch in rasendem Tempo
abgespielt hatte, und jeder seiner Bewunderung und Freude ber diesen
festlichen Empfang Ausdruck gab, blieb es doch nicht ganz verborgen,
da es an der guten Laune des Gastgebers haperte, so sehr er sich auch
bemhte, es nicht durchblicken zu lassen. Endlich gestand er, da er
wtend sei, weil Hans an diesem Nachmittag einen dringenden Brief von
Hause erhalten habe, der seine schleunige Heimkehr ntig machte;
schon am folgenden Tage msse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der
Verwunderung und Neugier folgten. Blieb Hans denn nicht wenigstens bis
zur Hochzeit? War seine Anwesenheit daheim so dringend erforderlich,
da er sie nicht um ein paar Tage verschieben konnte? Was mochte
vorgefallen sein?

Freundlich, aber mit groer Entschiedenheit erklrte Reicher, da sein
Entschlu unwiderruflich feststehe; er knne nicht genau
auseinandersetzen, warum seine Abreise so dringend ntig sei, denn es
wre kein Thema, das er auf einem Feste errtern mchte. Die Freude
und das Vergngen drfe dadurch in keiner Weise gestrt werden. Alle
schauten einander erstaunt an, wagten aber nicht weiter zu fragen; das
Klgste, das fhlte jeder heraus, war, den Gegenstand fallen zu
lassen. So taten denn alle ihr Bestes, die Strung vergessen zu
machen, und bald lie die Stimmung, was Frhlichkeit und
Ausgelassenheit betraf, nichts zu wnschen brig.

Onkel Heinz jedoch konnte es noch immer nicht verwinden, und als das
Fest in vollem Gange war, winkte er Irma, fhrte sie in ein
abgelegenes Winkelchen und fragte ohne jede Einleitung ziemlich
schroff:

Nun sollst du mir mal ehrlich beichten, kleine Krte, welchen Anteil
du an Hans' pltzlicher Abreise hast?

Irma war ber diese Neuigkeit ebenso erstaunt gewesen wie die andern
und hatte geglaubt, Hans wrde zu ihr kommen und ihr sein bitteres
Leid klagen, da seine Pflicht ihn pltzlich abriefe. Nichts von
alledem! Es schien, als vermeide der junge Mann, auch nur einen
Augenblick mit ihr allein zu sein und vertraulich mit ihr zu reden.

Als sie wie alle andern ihrem Bedauern, da er fort msse, Ausdruck
gab, hatte er sie einen Moment flchtig angeschaut und dann lchelnd
versichert, solches Interesse sei zu viel Ehre fr ihn. Whrend des
ganzen Abends fand sie bei ihm die khle Hflichkeit und
Gleichgltigkeit wieder, die er ihr auf Floras und Gustavs
Hochzeitsfest erwiesen hatte, und nichts von der groen Liebe, den
ehrerbietigen und doch so auffallenden Huldigungen der letzten Tage.
Zuerst war Irma sehr erstaunt -- Hans zeigte sich so heiter, so gut
aufgelegt, so ruhig und absolut nicht reizbar oder erregt, da sie
diese pltzliche Umwandlung nicht begriff -- dann wurde sie wtend.
Was bildete er sich denn ein? Wagte auch er es, mit ihr zu spielen?
Sie wollte ihn haben, um sich an Hochstein zu rchen; vereitelte er
diesen Plan, so sollte er dafr ben. Sie htte vor Zorn weinen mgen
und durfte sich doch nichts merken lassen, sondern mute tun, als
unterhielte sie sich herrlich. Sie hatte ber den einfltigen Hans die
Achseln gezuckt, der sich so rasch wieder einfangen lie, der aufs
neue ihr gehorsamer Sklave war, als sie ihn durch ihr gefallschtiges
Betragen anlockte. Jetzt htte sie ihn so gern ausgelacht, sich ber
ihn lustig gemacht, ihn zur Zielscheibe ihres Spottes gewhlt, aber
sie konnte nicht; es lag etwas in seiner Haltung, seinem Benehmen, was
sie hinderte. Suchte sie ihn dennoch aufzuziehen, so ging niemand
darauf ein -- sie machte sich nur selbst lcherlich und hatte die
grte Mhe, ihren rger zu unterdrcken.

Kein Wunder, da sie nun auf Onkel Heinz' Frage auch heftig und bse
antwortete:

Ich habe nichts zu beichten. Ob Hans fortgeht oder bleibt, ist mir
vollstndig einerlei.

Ich glaubte doch.... nahm der Professor wieder das Wort, Irma aber,
gereizt durch alle Vorflle der letzten Zeit, fiel ihm mit der ganzen
Frechheit eines verzogenen Kindes in die Rede:

Du brauchst nichts zu glauben, Onkel Heinz. Zwischen dem Bauern und
mir gibt's nichts. Ich will gar nichts mit ihm zu schaffen haben.

Onkel Heinz wurde nicht bse.

Dann ist's ja gut, sagte er ruhig, denk' nur an das Mrchen vom
Schweinehirten, Kind.

Trnen der Entrstung und Wut in den Augen, wandte Irma sich ab.--

Das Fest war zu Ende, und die Wagen fuhren vor. Beim Abschiednehmen
kam Flora von Holten auf den Einfall, da es himmlisch sein msse,
nach Hause zu gehen. Es war Vollmond und die Luft so lind, da es als
wahre Erquickung erschien, nach der Hitze und dem Trubel des Festmahls
eine Viertelstunde in der erfrischenden Nachtluft zu verbringen. Der
Vorschlag der jungen Frau fand allgemeinen Beifall bei der Jugend. Der
Weg fhrte durch den Park, der die Stadt mit dem Villenviertel, wo
Onkel Heinz wohnte, verband, und bot daher fr die Goldleder- und
Lackschuhe der jungen Damen keine Schwierigkeit. Ilse und die lteren
Herrschaften schttelten ber diesen tollen Einfall die Kpfe, aber
unter lautem Jubel wurden sie in die Wagen befrdert, und das junge
Volk machte sich zu Fu auf den Weg.

Ein schmucker Leutnant, ein Freund Ludwigs, wollte Irma gerade den Arm
bieten, als Hans ihm zuvorkam mit den Worten:

Ich darf Sie wohl nach Hause bringen, Irma.

Der Ton seiner Stimme glich mehr einem Befehl als einer Bitte. Schon
wollte Irma herausfordernd den Kopf in den Nacken werfen, und ohne
etwas zu erwidern, den Arm des jungen Offiziers nehmen, als Hans sie
ernst und streng anschaute. Ohne sich Rechenschaft darber abzulegen,
fhlte sie unwillkrlich seine berlegenheit. Sie zrnte sich selbst,
da sie gehorchte, und nahm widerstrebend die Begleitung von Hans an.

Einige Minuten schritten sie schweigend neben einander her. Irma mit
vor Erwartung und ein wenig auch vor Schuldbewutsein klopfendem
Herzen, denn sie fhlte heraus, da nun die Erklrung fr sein
sonderbares Benehmen kommen werde; Hans mit dem Antrieb kmpfend, sie
in seine Arme zu nehmen und ihr liebe zrtliche Worte ins Ohr zu
flstern. Denn sie sah im Mondenschein, mit einem seidenen Shawl um
das goldgelockte Kpfchen, so entzckend aus, da es ihm schwer wurde,
ihr die harten, strengen Worte zu sagen, die er sich vorgenommen
hatte. Doch der Gedanke, da er, wenn er jetzt seinem Gefhl nachgbe,
sein ganzes knftiges Glck aufs Spiel setzen wrde, sthlte ihn. Er
berwand alle Weichheit und begann:

Irma, erinnern Sie sich noch, um was ich Sie bat, als ich das letzte
Mal Abschied von Ihnen nahm?

Nein, versetzte sie, das Kpfchen abwendend.

Ich sagte, ich wolle mich darein ergeben, da Sie mich nicht zu
lieben vermchten, und bat Sie, eingedenk zu sein, da Sie an mir
einen treuen Freund htten, der alles opfern wrde, um Sie glcklich
zu machen.

Und was soll das nun?

Ich habe Ihnen also meine Liebe nicht aufgedrngt und als einziges
Recht von Ihnen gefordert, da Sie mich als Freund betrachten.

Aber ich wei nicht.... stammelte Irma, die nicht begriff, wohin er
zielte und der gar nicht behaglich zu Mute war.

Als ich jetzt wieder herkam, hatte ich nicht die geringste Hoffnung,
da Ihre Gefhle fr mich eine Wandlung erfahren htten. Meine Liebe
zu Ihnen war unverndert geblieben, aber ich hatte gelernt, das
Unvermeidliche mit Fassung zu tragen. Haben Sie nun wirklich
angenommen, ich wrde mich dazu gebrauchen lassen, der Welt zu zeigen,
da Sie um einen Mann nicht in Verlegenheit wren, nachdem der Baron
von Hochstein Ihnen bewiesen hatte, da er es mit Ihnen nicht ehrlich
meinte?

Hans! rief Irma totenbleich und entrstet. Wie drfen Sie sich
herausnehmen, darauf anzuspielen? Wer hat Ihnen das erzhlt?

Das gehrt nicht zur Sache; htte ich es jetzt nicht erfahren, so
wrde das spter geschehen sein, und ich danke dem Himmel, da ich
noch zur rechten Zeit gewarnt wurde. Hren Sie, Irma. Sie haben mich
schmachvoll behandelt, ich glaubte Ihnen, glaubte, da Sie mich
wirklich gern htten, und Sie knnen es nicht begreifen, wie glcklich
mich das machte. Jetzt wei ich, da Sie mich zum Narren hielten, da
Sie Komdie spielten und mit der groen, echten, ehrlichen Liebe eines
Mannes Spott trieben. Wenn das alles ist, was Ihre eigene Liebe und
die bittere Enttuschung Sie gelehrt hat, dann kann ich nicht glauben,
da Sie sich je etwas aus diesem Hochstein gemacht haben.

Irma schluchzte, und Hans bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung,
um gleich streng fortzufahren.

Htte ich Sie heute gebeten, meine Frau zu werden, so wrden Sie _ja_
gesagt und damit etwas Gemeines getan haben, denn es ist gemein von
einem Mdchen, einen Mann zu heiraten, den es absolut nicht liebt, und
nicht wahr, Sie lieben mich ganz und gar nicht?

Er ergriff ihre Hand mit Gewalt und zwang sie, ihn anzusehen. Der Mond
schien so hell, als ob es Tag wre. Stolz aufgerichtet stand Hans da,
nicht wie ein Bittender, nicht wie ihr Anbeter, sondern wie ihr
Richter. Auf seinem klugen, energischen Antlitz, das sie stets fr
hlich gehalten hatte, las sie pltzlich tiefen Ernst und mnnlichen
Stolz. Was sie trotz aller Verliebtheit fr Hochstein nie gefhlt
hatte, Achtung vor seinem Charakter und die Erkenntnis seiner
berlegenheit, das empfand sie in diesem Augenblick fr Hans. Sie
schaute ihn unverwandt an, gab aber keine Antwort.

Nicht wahr? wiederholte Reicher, Sie machen sich nichts aus mir?

Gewaltsam entri sie sich dem Eindruck seiner Rede. Es ging doch
nicht, einem Manne, der es wagte, ihr so den Text zu lesen, der so
gegen sie auftrat, etwas anderes als _nein_ zu sagen. Ihre Eitelkeit
kam ihr zu Hilfe. Sie entzog ihm heftig ihre Hand.

Nein, versetzte sie, ganz und gar nichts.

Das wute ich, fuhr er traurig fort, und damit fllen Sie Ihr
eigenes Urteil. Wie ich schon sagte, Irma, ich hatte mich darein
ergeben, da Sie nie die Meine werden knnten. Ich bin nicht gewhnt
zu betteln, und werde auch nie um die Liebe eines Weibes flehen. Aber
Sie haben mir unsagbar groen Kummer bereitet, und wenn Sie an Ihr
eigenes Leid denken, werden Sie das vielleicht verstehen. Wenn Sie mit
dem elenden Baron oder mit einem andern verlobt wren, wrde ich das
besser ertragen haben, als die Erkenntnis, da Sie eine ganz
oberflchliche Kokette sind, die sich und mich, nur um Ihrer
nichtswrdigen Eitelkeit willen, unglcklich machen wollte.

Sind Sie noch nicht zu Ende? rief das Mdchen, vor Zorn und Scham
bebend. In jedem Falle lasse ich mich nicht lnger von Ihnen
beleidigen.

[Illustration]

Noch nicht, entgegnete Hans und hielt sie mit eisernem Griff fest,
als sie sich entfernen wollte. Ich habe noch etwas zu sagen. In
gewisser Hinsicht bin ich ein sehr dummer Kerl, denn trotz alledem
liebe ich Sie noch immer, Irma, und werde Sie ewig lieben; dies Gefhl
kann ich nicht mit der Wurzel ausreien, es ist strker als mein
Verstand, aber nicht strker als mein Wille. Wenn Sie mich jetzt auch
auf den Knieen anflehten, Sie zum Weibe zu nehmen, ich wrde es
nicht tun. Nur wenn Sie je zu der Einsicht gelangen sollten, wie tief
Sie mich gekrnkt haben; wenn Sie aus eigenem Antrieb zu mir kmen, um
mir zu sagen, da Sie mich ber alles lieben und sich kein Glck ohne
mich denken knnen, wre ich im stande, zu vergessen und zu vergeben,
und wrde Ihnen die Hand frs Leben reichen.

Da knnen Sie lange warten! rief das junge Mdchen auer sich vor
Zorn. Lieber sterben!

Da sei Gott vor! nahm Hans ernst das Wort. Und nun sind Sie gleich
zu Hause, Irma, leben Sie wohl. Wir beide haben uns fr den Augenblick
nichts mehr zu sagen.

Sie beschleunigten ihre Schritte, um die andern einzuholen. Vor Ilses
Wohnung wurde Abschied genommen. Hans reichte Irma die Hand; wider
Willen blickte sie ihn noch einmal an, ein tief schmerzlicher Ausdruck
lag in seinen Augen, aber die kalten Finger, welche die ihren nur
leicht berhrten, bebten nicht.

Ohne mit irgend jemand ein Wort zu wechseln, eilte Irma auf ihr Zimmer
und warf die Tr heftig ins Schlo. Bald darauf klopfte es.

Wer ist da? rief das Mdchen unwillig. Ich bin mde und mag mit
niemand mehr sprechen.

Ich bin es, Kind, erklang die Stimme der Gromutter. Was bedeutet
es, da du dich einschliet? La mich herein.

Irma gehorchte. Mit einem blassen Gesichtchen, aus dem die sonst so
sanften, kindlichen Augen unnatrlich gro heraus starrten, stand sie
vor der alten Dame, die sie ernst und doch freundlich anschaute. Irma
war, als ob sie den Blick nicht ertragen knnte.

Gromutter, sagte sie gepret, hast du Hans erzhlt, was zwischen
mir und Otto von Hochstein vorgefallen ist?

Ja, Irma.

Wie konntest du? rief das Mdchen, alle Ehrerbietung und den
Altersunterschied vergessend. Wer gab dir das Recht dazu?

Meine groe Liebe fr dich, mein Kind.

Irma lachte grell auf und warf den Kopf in den Nacken.

Ja, meine Liebe zu dir, wiederholte Ilse sanft, denn wie bitter weh
es ihr auch tat, da die Enkelin so lieblos gegen sie aufzutreten
wagte, bse wollte sie mit ihr nicht sein. Ich habe dich viel zu
lieb, um ruhig mit ansehen zu knnen, da du etwas tust, was du dein
Leben lang bereuen wrdest. Ich habe dich gegen dein eigenes Selbst in
Schutz genommen -- das konnte kein anderer tun.

Es war schndlich, brach Irma los, du hast mein Vertrauen
mibraucht, und dazu hattest du kein Recht.

Und du durftest einen Mann nicht betrgen, der dir nie im Leben etwas
zu leide getan hat; du httest ihn und dich selbst unglcklich
gemacht.

Wer sagt dir, da er unglcklich geworden wre, wenn er nichts
erfahren htte?

Trotzdem httest du ihn betrogen. Wenn ein Mdchen einen Mann
heiratet, den es nicht liebt, handelt es schlecht und macht den Mann,
den es auf diese Weise belgt, unglcklich. Vor diesem Frchterlichen
habe ich dich bewahrt.

Irma fing an, leidenschaftlich zu schluchzen. Und nun hast du mich
von diesem Elenden, diesem Bauern, beleidigen lassen. Du weit nicht,
was er mir alles zu sagen wagte. Ich hasse ihn.

Ich wei, da du dich in deinen eigenen Augen erniedrigt und
gedemtigt fhlst, Kind. Aber darber wirst du hinwegkommen. Glaube
mir, es ist besser, als dein ganzes Leben lang etwas bereuen, das du
nicht mehr ungeschehen machen kannst.

Ilse, die mit dem unglcklichen, verwhnten Kinde innigstes Mitleid
empfand, wollte es zrtlich in ihre Arme schlieen, aber ungestm
wandte Irma sich ab.

Ich fhle mich nicht gedemtigt, bumte sie sich trotzig auf und
hatte Mhe, ihre Trnen zurckzudrngen. Geh du nur, ich habe dich
nicht mehr lieb, ich will fort von hier.

Irma! rief die Gromutter in traurigem Tone.

Das junge Mdchen aber war zu sehr berreizt, um zu begreifen, wie weh
sie der alten Frau tat, und wiederholte heftig:

Ja, ich will fort; ich will Mama bitten, mich mitzunehmen.

Da ging die Gromutter stumm hinaus.

       *       *       *       *       *




Die Vermhlungsfestlichkeiten hatten einen traurigen Abschlu. Irma
wurde krank. Die mannigfachen Aufregungen und Gemtsbewegungen der
letzten Zeit waren zu viel gewesen fr dieses Kind, das Kummer und
Enttuschungen bisher kaum dem Namen nach gekannt hatte. Am Tage nach
dem Fest bei Onkel Heinz lag sie in heftigem Fieber. Der Doktor wurde
geholt, er erklrte, da kein Grund zur Besorgnis vorlge, und da nur
uerste Ruhe und Schonung ntig sei, da die Nerven des jungen
Mdchens stark berreizt wren. Irma wollte nur von ihrer Mutter
gepflegt werden; kam Ilse oder jemand von den andern ins
Krankenzimmer, so wurde sie unruhig; wie bitter weh das der alten Dame
auch tat, sie sah ein, da sie sich fgen msse, da die Gesundheit
des geliebten Kindes auf dem Spiele stand. Bei Mllers herrschte die
Ansicht, da Hans Reichers pltzliche Abreise mit Irmas Krankheit in
Beziehung stnde; Fragen zu stellen wagte aber niemand, nur Agnes
machte schchtern eine zarte Anspielung, erhielt aber von Frau Gontrau
kurz und bndig die Antwort, da nichts zu berichten sei.

Das neu vermhlte Paar war abgereist, und um Irma die Aufregung des
Abschieds zu ersparen, hatte Maud ihr brieflich Lebewohl gesagt.
Gustav und Flora kehrten heim, und Ruth beschlo mit ihrem Manne, da
er nach Mnchen vorausfahren solle, whrend sie auf die dringende
Bitte ihres Tchterchens noch bleiben wollte, bis das Kind so weit
hergestellt war, da sie es ohne Sorge verlassen konnte. Die
vollkommene Ruhe nach den geruschvollen Festtagen, der stille Friede
bei Gromama und die treue Pflege ihrer Mutter taten Irma gut; die
furchtbare Reizbarkeit lie nach, und sie lehnte sich auch bald nicht
mehr dagegen auf, wenn Ilse bei ihr sa oder Ruth in der Pflege
ablste. Trotzdem fhlte die Gromutter, wie anders das Benehmen ihrer
Enkelin geworden, und da die innige Herzlichkeit von frher einer
khlen Zurckhaltung gewichen war, die ihr sehr weh tat. Sie lie sich
das freilich nicht merken, widersetzte sich auch nicht, als die nun
fast genesene Irma den Wunsch aussprach, auf unbestimmte Zeit mit
ihrer Mutter nach Mnchen zu gehen. Im Gegenteil, sie stellte Ruth
vor, da es nach dem Vorfall mit Hochstein fr das junge Mdchen gut
sein werde, in eine ganz andere Umgebung zu kommen; und als ihre
Enkelin abreiste und Gromutters warme, innige Umarmung mit einem
khlen Ku erwiderte, verstand die alte Frau sich zu beherrschen und
schaute das Kind nur mit einem langen, schmerzlichen Blick an.--

Einige Tage zuvor waren Mllers mit Agnes und Karl auf Reisen
gegangen, um die Ferien des Knaben in Holland und Belgien zu
verbringen. Daher fhlte Gromutter Ilse sich sehr einsam, wenn sie so
ganz allein in ihrem totenstillen Wohnzimmer sa. Traurig starrte sie
vor sich hin und bei dem Gedanken, da die Enkelin, die sie mit ganzer
Seele liebte, sie fhllos und kalt verlassen hatte, fllten ihre Augen
sich mit Trnen, und ein trostloses, wehmtiges Gefhl bemchtigte
sich ihrer. Eine wohltuende Unterbrechung ihrer Einsamkeit bildeten
die Besuche von Onkel Heinz. Er setzte sich dann ohne viele Worte
seiner alten Freundin gegenber, wohl wissend, da in solchen
Augenblicken stille Teilnahme wohlttiger wirkt als lange Trostreden.

Endlich, als er einmal sah, wie groe Tropfen ber ihre bleichen
Wangen rollten, konnte er es nicht mehr aushalten und fragte:

Aber Frau Gontrau, mchten Sie ihrem alten Freunde nicht lieber mal
erzhlen, weshalb das Kind eigentlich fort ist, und warum es in
letzter Zeit so garstig zu Ihnen war?

Woher wissen Sie, da Irma garstig war? fragte die Gromutter
erstaunt.

O, alles, was _Sie_ betrifft, merke ich sofort, wenn Sie auch
vielleicht glauben, da ich stumpf und gleichgltig geworden bin. Ich
sah gleich, da es auer Irmas Krankheit noch etwas gab, was Ihnen
Kummer bereitete.

Ilse tat gewi das Klgste, indem sie Onkel Heinz alles erzhlte, was
zwischen Irma und Hans vorgefallen war.

Der Professor schaute sinnend vor sich hin und sagte in den ersten
Minuten kein Sterbenswrtchen.

Glauben Sie, da Reicher dem kleinen, dummen Ding ganz gleichgltig
ist? fragte er endlich.

Ich wei nicht, versetzte Ilse, doch glaube ich wohl, da er durch
sein energisches Auftreten Eindruck auf sie gemacht hat.

Sie mte mordsdumm sein, wenn das nicht der Fall gewesen wre,
meinte Onkel Heinz heftig. Hans Reicher ist ein Kerl, ich sage Ihnen,
der wiegt zehn Generationen der Hochsteins auf.

Das glaub' ich gern, fuhr Ilse lchelnd fort, aber ich frchte
doch, da er fr Irma verloren ist, denn er scheint sie hart angepackt
zu haben.

Und ich versichere Sie, er liebt das undankbare Ding noch immer
grenzenlos. Als sie krank war, bekam ich alle Tage Briefe von ihm, er
war in Todesangst, und erst als ich ihm schrieb, da die Besserung
gute Fortschritte machte, kam wieder der praktische, ruhige Hans zum
Vorschein.

Wohl mglich, seufzte die Gromama. Aber aus eigenem Antrieb wird
das Kind nicht zurckkehren. Sie ging so khl von mir; ich frchte,
ich habe ihre Zuneigung verloren.

Unsinn! Dummes Zeug! rief der Professor. Was denken Sie denn von
ihr? Sie ist Ihre Enkelin und die Tochter meiner kleinen Krte Ruth.
=Bon sang ne peut mentir=, Frau Ilse.

Es ist sehr lieb von Ihnen, mich damit zu trsten, Onkel Heinz, aber
Sie kennen die heutige Jugend nicht; sie glaubt immer und in allem
recht zu haben.

Ja, das wei ich, Frau Ilse. rger jedoch als die Trotzkpfe von
frher kann sie auch nicht sein -- und die kenne ich durch und durch.

Frau Gontrau sah ihn verstndnisinnig lchelnd an, und der alte Herr
fuhr fort:

Ich verbrge mich fr das Kind. Irmas gesunder Verstand wird den Sieg
davontragen; sie wird schlielich aus eigenem Antriebe zurckkehren
und einsehen, da sie sich sehr garstig benommen hat. Wer wei,
vielleicht kommt auch zwischen Hans und ihr noch alles in Ordnung! Wir
knnen dabei nichts tun, Frau Gontrau, wir mssen es der Zeit
berlassen und in Geduld zuwarten.

Zunchst schien die Aussicht, da sich des Professors Hoffnung
erfllen werde, sehr gering zu sein. Reicher, der ber Irmas
Gesundheit beruhigt war und wute, da sie sich in Mnchen bei ihren
Eltern befand, lie nichts mehr von sich hren. Das junge Mdchen
schrieb zwar pflichtgetreu zweimal wchentlich, aber ihre Briefe waren
so khl, enthielten auer einem Bericht ber die herrlichen
Musikauffhrungen und die prachtvollen Theatervorstellungen, in denen
sie schwelgte, und den interessanten Bekanntschaften, die sie machte,
so wenig, da Ilse sie seufzend fortlegte. Sie antwortete freundlich
und herzlich, spielte aber mit keinem Wort darauf an, da sie sich
einsam fhle und sich grenzenlos nach dem Kinde sehne.

Fast Abend fr Abend saen die alte Dame und der Professor beisammen
und spielten Schach oder sprachen ber die Vergangenheit und erwogen
alle Mglichkeiten, die nach Onkel Heinz' Ansicht noch bestanden, da
Irma ihr Unrecht einsehen wrde. Nach einiger Zeit fiel ihm ein
vernderter Ton in ihren Briefen auf. Sie schrieb herzlicher und
beklagte sich ein wenig. Papa und Mama hatten so viel zu tun und
gingen oft aus; sie aber war nicht musikalisch genug, um so hufig,
manchmal Tag fr Tag, morgens, mittags und abends mit Genu Musik zu
hren. Sie fragte voll Anteilnahme nach allerhand Dingen. Wie sah's
wohl in ihrem Stbchen aus? Wer pflegte die Blumen? Was machte Jim,
ihr Hndchen, das sie nicht mit nach Mnchen hatte nehmen knnen, weil
ihre Eltern in mblierten Zimmern zur Miete wohnten? War es nicht
traurig jetzt, wo seine Herrin in der Ferne weilte? Onkel Heinz nickte
zufrieden, und Ilse mute sich zwingen, um diese Fragen sachlich und
khl zu beantworten, ohne hinzuzufgen, da ihr Stbchen, die
Pflanzen, das Hndchen und schlielich die Gromama selbst sich
unaussprechlich nach ihrem Liebling sehnten.

Endlich eines Tages, als es anfing herbstlich zu werden und in dem
nach Norden gelegenen Vorderzimmer schon ein Feuer im Kamin brannte,
teils um der greren Gemtlichkeit willen, teils wegen der Gicht des
Professors, kam ein Briefchen, das nichts enthielt als diese Worte:

         Liebe Gromutter!

     Hast du's nicht gemerkt oder wolltest du's nicht
     merken, da ich's nicht lnger aushalten kann? Willst
     du all meine Abscheulichkeiten vergeben und vergessen,
     und darf ich heimkehren, um wieder ganz bei dir zu
     bleiben? Telegraphiere mir nur das eine Wrtchen _ja_
     und sofort reise ich ab.

                                Deine Enkelin.

Als Onkel Heinz des Abends kam, war das Telegramm lngst abgesandt,
und mit freudestrahlenden Augen reichte Ilse ihm das Briefchen. Der
alte Herr wischte sorgfltig seine Brillenglser ab und las die
wenigen Worte dreimal, bevor er etwas sagte.

Nun? fragte Gromama Ilse ungeduldig.

Schn, meinte Professor Fuchs, es kommt genau so, wie ich mir's
gedacht habe, aber hren Sie mal, Frau Gontrau, wenn Sie glauben, da
die kleine Krte allein aus Sehnsucht nach Ihnen zurckkehrt, dann
sind Sie sehr auf dem Holzwege.

So? versetzte sie etwas gereizt, vielleicht sehnt sie sich ebenso
nach Ihnen.

Hm, hm, brummte Onkel Heinz, es kann auch sein, da sie nach einer
dritten Person Heimweh hat.

Sie meinen Hans Reicher. Was htte denn der damit zu schaffen? Er ist
ja nicht einmal hier.

Nein, aber er ist in F. doch leichter zu erreichen als in Mnchen.

Daran glaube ich nicht, fuhr Ilse fort, ein bichen gekrnkt durch
den Zweifel daran, da Irma heimkehren wolle, weil sie es nicht lnger
ohne ihre Gromama aushalten konnte. Was wissen Sie denn davon, Onkel
Heinz?

O nichts, gar nichts, spottete der alte Herr. Von Herzensangelegenheiten
versteh' ich ja nichts, Frau Ilse. Es wre auch sehr dumm von mir, wenn
ich annehmen wollte, da Sie ein bichen neidisch sein wrden, wenn Irma
nur zum Teil um Ihretwillen heimkehrte.

Gewi wre es das, erwiderte Gromama gekrnkt und doch beschmt,
weil er sie sofort durchschaut hatte. Als sie ihn aber anblickte und
hinter den Brillenglsern hervor seine alten, scharfen Augen mit einem
Ausdruck auf sich gerichtet sah, den sie nur zu gut kannte, machte ihr
rger einer edleren Aufwallung Platz, und sie reichte ihm die Hand.

Sie haben recht, bester Freund. Wollte Gott, da ihre Sehnsucht nach
Hans am grten ist!

Ehrerbietig neigte sich der alte, schneidige Professor ber
Gromutters schmale, weie Hand und drckte seine Lippen darauf.--

Es wurde beschlossen, Irmas Ankunft der Familie Mller noch einige
Tage zu verheimlichen; auch Onkel Heinz hielt es fr richtiger, da
sie sich nicht gleich zeigte, und so geschah es, da die alte Dame und
das junge Mdchen am ersten Abend ganz allein waren. Irma sa wieder
wie vor Zeiten Gromutter zu Fen, barg ihr goldgelocktes Kpfchen in
deren Scho und fragte wohl schon zum zehntenmal:

Bist du nun aber auch wirklich nicht mehr bse auf mich,
Gromamachen? Jetzt begreife ich selbst nicht, wie ich so von dir
fortgehen konnte. Ist nun wirklich alles vergessen und vergeben?

Ilse nahm das Kpfchen ihrer Enkelin zwischen ihre beiden Hnde und
kte sie so innig und herzlich, da jede andere Antwort berflssig
war. Dann schaute sie besorgt in das geliebte Antlitz. Es war nicht
weniger schn, aber ein leidender Ausdruck lag um den kindlichen Mund,
und die Vergimeinnichtaugen blickten trbe.

Siehst du nun ein, Kindchen, da ich nicht anders handeln durfte?
fragte sie sanft.

Irma nickte.

Und da ich dich vor einem groen Unglck bewahrte, indem ich dich
hinderte, einen Mann zu heiraten, den du nicht liebtest?

Irma erwiderte nichts und schaute nachdenklich vor sich hin.

Siehst du auch ein, fuhr die Gromutter flsternd fort, da Hans
Reicher viel zu gut dazu ist, nur aus rger und Trotz genommen zu
werden, und da du im Begriff warst, ihm ein groes Unrecht zu tun?

Wieder keine Antwort, und als Ilse sich tiefer herab beugte, sah sie,
da Irma aus den blauen Augen groe Trnen in den Scho tropften.

Kindchen, sagte sie so leise, da Irma es kaum verstand, ist es
wirklich wahr, ist Hans Reicher dir nicht gleichgltig?

Da schlang Irma die Arme um Gromutters Hals und stammelte
schluchzend:

O, Gromama, ich wei es nicht, aber ich glaube, ich habe ihn lieb.

Und wie frher streichelte Ilse das blonde Kpfchen und lie das
Mdchen sich nach Herzenslust ausweinen. Endlich hob Irma das Haupt
und schaute die alte Dame errtend, aber immer noch tief traurig an.

Erzhle mir, Kindchen, wie das gekommen ist.

Wie kann ich das erzhlen? Wei ich's doch selbst nicht. Nach dem
Abend bei Onkel Heinz war ich wtend auf Hans, ich glaubte ihn zu
hassen und wurde krank vor rger und Scham. Nach berstandener
Krankheit war ich noch immer schrecklich bse auf ihn, aber ich
glaube, im Stillen hoffte ich doch auf einen Brief, in dem er seine
harten Worte zurcknehmen und mich bitten wrde, seine Frau zu werden.
Aber ich hrte nichts von ihm, wollte auch nicht an ihn denken und
sagte mir wohl hundertmal an einem Tage, da ich gar nichts von ihm
wissen wolle und ihm einen Korb geben wrde, wenn er um mich anhielte.

Und doch mute ich immerfort an ihn denken. Du weit, anfangs ging
ich in Mnchen oft aus und kam mit vielen jungen Herrn zusammen. Du
darfst nicht denken, da ich mir etwas darauf einbilde, und mich nicht
fr eitel halten, aber sie liefen mir alle nach und machten mir den
Hof. O Gromama, ich fand sie smtlich unausstehlich mit ihrem
albernen Geschwtz und ihren faden Artigkeiten. So war Hans nie. Er
unterhielt sich ganz schlicht und herzlich und lie doch
durchschimmern, da er mich gern hatte. Wenn diese Modegecken mit
ihren pomadisierten Schnurrbrten und ihren weibischen Gesichtern auf
mich einredeten, sah ich in Gedanken Hans vor mir mit seinen breiten
Schultern, seinem klugen Gesicht und seiner tiefen Stimme; wenn sie
mir hundert alberne Schmeicheleien sagten und die Fingerspitzen
kten, dachte ich an Hans, der mir die Hand so krftig drckte, da
es weh tat -- und, o Gromama, selbst an Hochstein, der doch ein
schner Mann und kein Geck war, fand ich, mit Hans verglichen, keinen
Gefallen mehr. Immer mute ich an ihn denken, und nie hrte ich von
ihm; da konnte ich's endlich in Mnchen nicht mehr aushalten, ich
sehnte mich so sehr nach dir, und hier werde ich doch vielleicht etwas
von ihm hren. Das Geschehene tut mir ja furchtbar leid, und ich
bereue es aufs tiefste.

Und aufs neue verbarg Irma ihr Gesichtchen und weinte bitterlich.

Aber Kindchen, sagte die Gromutter, deren Augen leuchteten und die
trotz Irmas Trnen sehr glcklich war, dann brauchst du doch nicht so
zu weinen, dann kann ja alles noch gut werden.

Nein, nie, niemals, ich habe alles verspielt.

Warum? Wirklich, Kind, ich mchte dir keine Hoffnung machen, wenn ich
dchte, da spter wieder eine neue Enttuschung folgen knnte, aber
ich wei es ganz gewi, da Hans Reicher dich noch immer liebt.

Das kann schon sein, aber du weit nicht, was er mir an jenem
schrecklichen Abend gesagt hat.

War das so arg? fragte Ilse nun doch beunruhigt. Kannst du mir's
nicht erzhlen?

Sehr langsam, als koste es sie groe Mhe, kam es von Irmas Lippen:

Gromama, er hat mir an dem Abend gesagt, da ich eine oberflchliche
Kokette sei, da er mich nicht zum Weibe nehmen wrde, und wenn ich
ihn auf den Knien darum anflehte. Nur wenn ich einshe, wie tief ich
ihn gekrnkt habe, und aus eigenem Antrieb zu ihm kme, um ihm zu
sagen, da ich ihn ber alles liebe und mir ohne ihn kein Glck denken
knne, wrde er mir verzeihen und mir die Hand reichen.

Nun? fragte Frau Gontrau, als Irma schwieg.

Was meinst du?

Na, du siehst es doch nun ein, da du ihn ber alles lieb hast.

Aber Gromama, rief Irma, du kannst doch nicht denken, da ich ihm
das sagen wrde, da ich mich so erniedrigen knnte?

Natrlich denke ich das und sehe gar nichts Erniedrigendes darin.

Irma trocknete ihre Trnen. Nie werde ich einen Mann bitten, mich zum
Weibe zu nehmen. Was Hans von mir fordert, ist unmglich. Kommt er
wieder und macht mir einen Antrag, so werde ich 'ja' sagen, der Himmel
wei, mit welcher Freude! Aber er mu zu mir kommen.

So weit ich ihn kenne, wird er das nie tun, Irma.

Nein, Gromama, daher habe ich auch keine Hoffnung mehr auf knftiges
Glck.

Es herrschte Schweigen. Gedankenvoll schaute Ilse ins Feuer und
berlegte, wie sie die Kleine am besten von ihrem Unrecht berzeugen
knne. Endlich nahm sie ernst das Wort:

Mein Liebling, der Kummer, den Baron von Hochstein dir bereitete, hat
seine gute Seite gehabt, denn er hat dich viel verstndiger gemacht
und dir die Augen fr die wahren Verdienste eines Mannes geffnet.
Trotzdem war die Lehre noch nicht stark genug, dich von deinem grten
Fehler zu heilen.

Und der wre, Gromama?

Deine Eitelkeit, Irma.

Was die damit zu schaffen hat, verstehe ich nicht.

Deine Eitelkeit verbietet dir, einfach zu Hans zu gehen und ihm zu
gestehen, da du unrecht gehabt hast. Du hltst es fr ein viel
anziehenderes Bild, ihn zu deinen Fen zu sehen, als dich zu den
seinigen.

Irma wurde dunkelrot. Sie fhlte, da die Gromama den Nagel auf den
Kopf traf.

Du bist doch zu mir gekommen und hast mich um Verzeihung gebeten, und
dasselbe willst du nicht fr _den_ Mann tun, den du doch so unendlich
viel mehr lieben mut als mich!

Das ist ganz etwas anderes, Gromama.

Im Grunde ist es dasselbe, Kind. Glaube mir doch, wir erniedrigen
uns nie, wenn wir unser Unrecht eingestehen, wem es auch sei, am
wenigsten aber gegenber einem, der uns lieb hat. Ich hab's erfahren,
als ich so alt war, wie du jetzt bist, und whrend meines ganzen
spteren Lebens habe ich den Augenblick gesegnet, da ich demtig und
reuevoll vor deinem Grovater stand.

Und als Irma sie fragend ansah, erzhlte Ilse die Geschichte ihres
trotzigen Benehmens gegen Leo, wie darauf der Bruch erfolgte und das
Schuldbewutsein sie dazu brachte, seine Verzeihung zu erbitten.

Aber das war doch nicht so arg, flsterte das junge Mdchen, als die
alte Frau schwieg. Denk' doch nur, ich habe einen Nichtswrdigen
geliebt, und um mich an diesem zu rchen, Hans opfern wollen
meiner....

Deiner Eitelkeit, vollendete Ilse. Aber gerade weil dein Vergehen
vielleicht grer war, Kindchen, mut du auch die schwere Strafe
erleiden, das ist nicht mehr wie recht und billig.

Irma erwiderte nichts, und auch Ilse hielt es fr klger, den
Gegenstand vorlufig ruhen zu lassen.--

Am folgenden Tage kamen Mllers und Onkel Heinz, die Heimgekehrte zu
begren. Alle freuten sich, sie wiederzusehen. Agnes, die nach Mauds
Abreise ihre Einsamkeit oft schwer empfunden hatte, zeigte sich
ausgelassen frhlich, und bald fhlte Irma sich in ihrer altgewohnten
Umgebung wieder ganz heimisch. Mit der Zeit merkten alle, da mit dem
jungen Mdchen eine groe Vernderung vorgegangen war, und zwar eine
sehr vorteilhafte.

Die frher von allen verhtschelte und bewunderte kleine Person, die
nur an sich, nie an andere dachte, fing an, freundliche Rcksicht auf
ihre Umgebung zu nehmen. Sie konnte jetzt stundenlang mit Onkel Heinz
am Schachbrett sitzen und bemhte sich gut zu spielen, whrend sie
frher oft mit Absicht schlecht gespielt hatte, um rasch die Partie zu
verlieren und erlst zu sein.

Tagelang blieb sie still bei Gromutter zu Hause und verfertigte mit
ihr allerhand niedliche Schelchen fr Flora, die zum Winter ein
Kindchen erwartete. Wenn sie jetzt auf einige Tage nach I. ging,
wurden keine tollen Streiche ausgefhrt, wie bei ihrem ersten Besuche,
sondern sie half getreulich der jungen Hausfrau und hrte freundlich
und aufmerksam zu, wenn Flora immer wieder ber das eine sprach, das
sie ganz erfllte, nmlich ber das groe, herrliche Glck, welches
sie erwartete.

Was ihr aber wohl die grte Selbstberwindung kostete -- Irma ging zu
Tante Elisabeth Mller, mit der sie seit jenem Besuch bei der Gromama
kaum ein Wort gewechselt hatte. Sie ging allein, brachte einige
Stunden bei der alten Dame zu und erzhlte so hbsch und angeregt von
Mnchen und war so liebenswrdig und aufmerksam, da die Tante sie
wiederholt aufforderte, doch ja bald wieder zu kommen. Spter erklrte
Frulein Mller der Gromama, da Irma ganz anders geworden sei, kaum
zum Wiedererkennen. Tante Elisabeth schrieb diese vorteilhafte
Vernderung ein klein wenig auch ihrer eigenen Einmischung zu und tat
sich viel darauf zu gute. Gromutter Gontrau fand es klug, sie bei
ihrem Wahn zu lassen und htete sich, der alten Jungfer zu
widersprechen; dadurch und durch Irmas Freundlichkeit wurde Tante
Elisabeth nach und nach etwas zugnglicher, so da sich auch bei ihr
eine Vernderung zum Guten bemerkbar machte.

Doch trotz all ihrer anscheinend ruhigen Heiterkeit blieben Irmas
Wangen bla, und die schnen Augen blitzten nicht so lebenslustig wie
frher. Oft schauten Onkel Heinz und seine alte Freundin sich fragend
und kopfschttelnd an, und bestndig kmpfte der Professor mit dem
Wunsch, auf seine Manier dem Hangen und Bangen ein Ende zu machen und
die beiden Liebenden mit Gewalt einander in die Arme zu fhren. Es
fiel ihm sehr schwer, dem Rat Ilses zu folgen, welche der Ansicht war,
da bereilung wieder alles verderben knnte, und ihn deshalb bat,
sich mit Geduld zu waffnen.

Es war nun vllig Herbst geworden. Auf den Gartenwegen raschelte das
welke Laub, das vom Winde in tollem Tanz umhergewirbelt wurde, und
noch immer schaute Ilse ihre Enkelin fragend an, und noch immer
schttelte diese niedergeschlagen das blonde Kpfchen. Endlich eines
Morgens, als der Regen an die Scheiben klatschte und alles kalt und
winterlich aussah, kam Irma zur Gromutter, die in ihrem Zimmer am
Schreibtisch sa und mit dem Ordnen von Briefen und Rechnungen
beschftigt war.

Gromama, ich mchte schreiben, aber ich wei nicht was, sagte sie.

Ist das so schwer, Kindchen? fragte die alte Dame, indem sie ihre
freudige berraschung hinter einer ruhigen Miene zu verbergen suchte.

Ich habe wohl schon zwanzig Briefe geschrieben und sie immer wieder
zerrissen. Ich bringe es nicht fertig.

Komm, setze dich hierher und versuche es noch einmal, Liebling. Ein
paar Worte gengen.

Das Mdchen ergriff die Feder. Ilse tat, als bemerke sie nicht, da
schon wieder mehrere Briefbogen in den Papierkorb wanderten.

Endlich sah sie, wie Irmas Hand rasch und erregt ber das Papier
glitt, und einen Augenblick spter stand das Kind neben ihr.

Lies, was ich geschrieben habe, Gromama, aber es wird nichts
helfen.

Ilse las:

Hans, ich bin schon seit Wochen aus Mnchen zurck. Ich empfinde
solch bittere Reue und sehne mich so nach Ihnen; wollen Sie kommen zu
Ihrer Irma.

Ausgezeichnet, rief die Gromama. Nun rasch den Umschlag
geschlossen und den Brief abgeschickt. Morgen kommt er.

Nein, nein, er wird nicht kommen. Es steht nichts von 'um Verzeihung
bitten' drin.

Dummes Kindchen, das kannst du ja mndlich tun. Flink, hier ist eine
Marke, schreibe du unterdessen die Adresse. Und schon klingelte Ilse
nach dem Mdchen, das den Brief auf die Post bringen sollte.

In der Nacht schlief Irma nicht, und am nchsten Tage war sie so
aufgeregt, da die Gromama sich um sie sorgte. Den einen Augenblick
war sie zufrieden mit dem, was sie getan hatte, und erging sich mit
der alten Dame in allerhand herrlichen Vorstellungen, wie schn sich
ihr Leben an Hans Reichers Seite gestalten wrde. Dann wieder war sie
unglcklich, zweifelte an seinem Kommen und klagte, da die Gromama
sie zu dieser furchtbaren Demtigung gezwungen habe. Wenn Hans auf
ihren Ruf taub bliebe, wrde sie das nicht berleben. Je mehr der Tag
sich seinem Ende nherte, desto stiller und ngstlicher wurde sie. Sie
sa da mit ganz blassem Gesichtchen und starrte mit unnatrlich groen
Augen vor sich hin; so oft es klingelte, sprang sie erschreckt auf, so
da Ilse herzliches Mitleid mit ihr fhlte.

Es dunkelte schon, die Vorhnge waren zugezogen und das Gas
angezndet, da wurde heftig die Glocke gezogen, und bei der
Totenstille im Hause vernahm man deutlich eine tiefe, wohllautende
Mnnerstimme. Zitternd umklammerten Irmas eiskalte Hnde den Arm der
Gromutter.

Das Mdchen kam herein und meldete Herrn Reicher.

Lassen Sie den Herrn eintreten, sagte Ilse und stand auf.

Nicht fortgehen, Gromama, stammelte Irma mit weien Lippen, nicht
fortgehen, mir ist so angst.

Aber Ilse gab ihr einen ermutigenden Ku und entfernte sich so schnell
sie konnte durch die Seitentre. Gerade als sie verschwand, stand Hans
Reicher auf der Schwelle.

Irma wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Zitternd blieb sie am Tische
stehen, ihr Gesichtchen in den Hnden verborgen.

Da nannte er ihren Namen, und sie schaute empor.

Sein Antlitz war bleich und schmal geworden. Da er viel gelitten
hatte, sah sie auf den ersten Blick. Nun aber strahlte er und streckte
in so grenzenlosem Sehnen die Arme nach ihr aus, da sie alle Scheu
verga und sich hinein strzte.

Er drckte sie fest ans Herz, kte sie auf die Lippen, die Augen, die
Wangen, bedeckte das ganze se Gesichtchen mit leidenschaftlichen,
feurigen und doch sanften, zrtlichen Kssen. Und bebend vor Glck
wiederholte er immer wieder:

Irma, Liebling, ist es wahr? Ist es wahrhaftig wahr? Liebst du mich?

Sie konnte nicht antworten, weinend lag sie in seinen Armen, und er
sprach ihr mit leisen, liebevollen Worten zu.

Endlich wurde sie ruhiger, sie hob das Kpfchen, sah ihn durch ihre
Freudentrnen glcklich an und flsterte:

Hans, willst du mir wirklich verzeihen? Willst du mich wirklich zur
Frau haben?

Und aufs neue umschlangen sie seine starken Arme, whrend er nur zu
stammeln vermochte:

O, mein Liebling! O, Geliebte meiner Seele!

       *       *       *       *       *




Meine Geschichte nhert sich ihrem Ende. Wohl knnte ich euch, liebe
Leserinnen, noch von der Doppelhochzeit erzhlen, die ein halbes Jahr
spter stattfand; knnte schildern, wie Agnes und Irma mit den beiden
Brdern Reicher an dem gleichen Tage in den heiligen Stand der Ehe
traten. Groartige Feste wurden bei dieser Gelegenheit gefeiert. Onkel
Heinz berreichte den beiden Bruten als Hochzeitsgeschenk einen
blitzenden Juwelenschmuck. Er gab ihnen zu Ehren ein glnzendes
Abendessen und brachte die launigsten Toaste aus, nicht nur auf die
beiden jungen Paare, sondern auch -- auf Frulein Elisabeth Mller,
die in einem neuen schwarzseidenen Kleide neben ihm sa, mit einem
heiteren, zufriedenen Ausdruck auf dem alten, faltigen Antlitz, der
sie hbscher machte, als sie je in ihrer Jugend gewesen war.

Ferner knnte ich berichten, wie Maud nach einigen Jahren auf kurze
Zeit mit Mann und Kind aus San Franzisko herberkam, und wie stolz sie
auf ihren =boy= war, der in jedem Zuge seines klugen Gesichtchens
eine sprechende hnlichkeit mit John zeigte. Ich knnte euch erzhlen
-- und sehe schon euer unglubiges Kopfschtteln -- wie Gustavs und
Floras Tchterchen im Alter von drei Jahren, Trnen in den Augen, auf
ihres Vaters Klavierspiel lauschte; wie es, vierjhrig, alle Melodien,
die es hrte, nachspielte, und im sechsten Lebensjahr bereits kleine
Stckchen komponierte. Ich knnte euch Irma als glckliche Gattin und
Mutter beschreiben, als treue Gehilfin ihres Mannes und Mitverwalterin
seiner ausgedehnten Landgter. Ich knnte euch eine Schilderung von
dem groen Familienfest geben, das sie und Hans alle Jahre
veranstalten, das mehrere Tage dauert und zu dem alle Familienglieder,
die es nur irgend mglich machen knnen, erscheinen. Die Herren
vertreiben sich die Zeit mit Fischfang und Jagd, die Damen fahren
spazieren und die Kinder tun sich gtlich an Obst, Butter und Sahne,
Eiern und andern Herrlichkeiten. Ich knnte euch zeigen, wie Ilse sich
an dem Glck ihrer Enkelkinder freute, und mit welch seligem
Dankesgefhl sie ihre Urenkelchen in die Arme schlo. Ich knnte euch
Professor Fuchs vorfhren, der die Achtzig berschritten hat, von
immer hufiger wiederkehrenden Gichtanfllen geplagt, doch ein
forscher, alter Herr blieb, stets geneigt zu widersprechen, heftig zu
werden und sich ber Dinge zu erhitzen, die ihn nichts angingen.

Das alles aber will ich lieber eurer Einbildungskraft berlassen und
nur noch von einem einzigen Bilde den Vorhang wegziehen, von dem ich
sicher bin, da es alle diejenigen rhren und ergreifen wird, die Ilse
als Kind, als jung verlobte Braut, als Ehefrau und endlich als
Gromutter gekannt haben.

       *       *       *       *       *




Es war ein schner Sommerabend. Die Sonne war im Untergehen, Gold- und
Purpurstreifen frbten den Abendhimmel. In der Villa Ilse Gontraus
waren die Fenster weit geffnet, von allen Seiten strmte die reine
Luft herein, aber im Hause herrschte eine eigentmliche, schwere
Stille. Lautlos ging die Dienerschaft hin und her, mit ernsten
Gesichtern, behutsam jede Tr hinter sich schlieend, jedes Gerusch
vermeidend. Im Wohnzimmer waren Ruth von Holten, Marianne Mller,
Irma, Agnes und Flora versammelt. Sie flsterten leise, mit
feuchtschimmernden Augen. Die Kleinen waren zur Stille ermahnt worden
und hatten versprochen sehr brav zu sein; sie wuten, Gromama war
krank und konnte keinen Lrm vertragen -- nur gute Nacht wollten sie
ihr noch sagen. Sie hatten gehrt, da Gromama sterben wrde, aber
sie frchteten sich nicht. Irma brachte sie an Frau Gontraus Bett.
Leise flsterte ein ses Kinderstimmchen nach dem andern: Gute Nacht
Omama!

Die alte Dame mit dem weien, abgezehrten Antlitz vermochte nicht mehr
zu sprechen, aber sie lchelte noch matt und bewegte die Hand wie zum
Grue. Nun waren die Kleinen verschwunden, und ihre Eltern umstanden
das Sterbebett.

Kein heftiger Schmerz, nur eine stille Wehmut erfllte alle Herzen.
Gromutter Ilse war eigentlich nicht krank gewesen, ihre Krfte hatten
in den letzten Jahren ganz allmhlich abgenommen, aber ob auch der
Krper versagte, ihr Geist blieb klar, und sie war dankbar, da nun
ohne viel Schmerzen das Ende nahte. Sie wute, da sie sterben wrde,
und sah dem Tod mit groer Ruhe entgegen. Vor wenigen Tagen hatte sie
Ruth, welche sie pflegte, gebeten, alle ihre Lieben noch einmal an ihr
Lager zu rufen, und zrtlich und heiter ihren Enkeln und Urenkeln
zugenickt. Sie hatte dabei geuert, wie dankbar sie sich des Glckes
ihrer Kinder freue, und sie gebeten, nicht um sie zu trauern, denn es
sei nichts Betrbendes, wenn eine alte Frau, deren Leben ein so
berreich gesegnetes gewesen, zur ewigen Ruhe einginge, umgeben von
allen, die ihr teuer waren.--

Es schien jetzt, als ob sie schlummerte, so friedlich und still lag
sie in den Kissen, ihr Atem aber ging schwcher und schwcher. Durch
die offenen Fenster des Sterbezimmers warf die untergehende Sonne ihre
letzten Strahlen und berhauchte das weie Antlitz noch einmal mit
warmer Glut. Gromutters Lippen bewegten sich leise, die dunklen
Augen ffneten sich und richteten sich auf alle, die um ihr Lager
standen, sie erkannte sie und lchelte. Es war, als ob sie noch etwas
sagen wollte, aber sie vermochte es nicht; da blieb ihr brechender
Blick auf einer Gestalt im Hintergrunde haften, die sich halb
verborgen hielt, als gehrte sie nicht in den Kreis der Kinder. Ilse
winkte mit der Hand, und Onkel Heinz nherte sich dem Bett, whrend
die andern ihm liebevoll Platz machten.

Und das alte, ach so alte Antlitz des Greises wurde auch vom Abendrot
beleuchtet, und in seinen erloschenen Augen schimmerte ein Glanz, als
er sich ber die Sterbende neigte, und ihre kalten Finger den Druck
seiner welken Hand noch fr eine Sekunde erwiderten.

Eine groe feierliche Stille herrschte in dem Gemach, in das der Tod
eingetreten war. Niemand wagte zu sprechen. Endlich, als die letzte
Glut am Himmel verglomm, nherte Ruth sich dem Sterbebett und lste
die Hand des alten Mannes aus der Hand der Toten.

Komm, Onkel Heinz, bat sie sanft.

Mit einem Lcheln auf den Lippen schaute er sie an. Dann strich er
ehrerbietig und leise ber die Stirn der toten Freundin und flsterte:

Ich folge Ihnen bald, Frau Ilse.

Und so geschah es auch.

       *       *       *       *       *




  [ Im folgenden sind die nderungen am Originaltext aufgefhrt.
    Unter der Beschreibung der nderung steht jeweils zuerst die
    Textstelle im Original, dann die genderte Textstelle.


    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    wirklich nicht beurteilen.
    wirklich nicht beurteilen.

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    Maud lachte. Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an
    Maud lachte. Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an

    Fehlendes Komma ergnzt:
    Aber Kinder, fragte Ilse habt ihr in Paris denn nie eine
    Aber Kinder, fragte Ilse, habt ihr in Paris denn nie eine

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher
    Arbeiter.
    praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher
    Arbeiter.

    berflssiges Anfhrungszeichen gelscht:
    Nein, Onkel Heinz wei es nicht, erklrte Ilse bestimmt, dem
    Nein, Onkel Heinz wei es nicht, erklrte Ilse bestimmt, dem

    ihre gendert zu Ihre:
    sind ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.
    sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.

    nud gendert zu und:
    Ordnung befand, muten Ilse nud Irma doch gestehen, da es sehr nett
    Ordnung befand, muten Ilse und Irma doch gestehen, da es sehr nett

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    sie den Stich nicht verstanden; eine geistig hochstehende Frau kann
    sie den Stich nicht verstanden; eine geistig hochstehende Frau kann

    Komma richtig platziert:
    kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen ,und Onkel Heinz
    kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz

    sie gendert zu Sie:
    geliebt, scherzte der Professor. Ich erinnere mich noch, da sie uns
    geliebt, scherzte der Professor. Ich erinnere mich noch, da Sie uns

    so' ner gendert zu so 'ner:
    von so' ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau
    von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau

    teil gendert zu Teil:
    gewaltigen Massen strzte das Wasser in die Tiefe, zum teil ber einen
    gewaltigen Massen strzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil ber einen

    La France-Rosn gendert zu La France-Rosen:
    ihr zwei prachtvolle La France-Rosn.
    ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.

    Fehlendes zu ergnzt:
    zu rgern, sondern sich bemhen, durch eigene Verdienste das zu
    zu rgern, sondern sich zu bemhen, durch eigene Verdienste das zu

    Fehlenden Punkt ergnzt:
    Alle jubelten und lachten Georg, er soll leben! schallte es hell
    Alle jubelten und lachten. Georg, er soll leben! schallte es hell

    konnten gendert zu konnte:
    bertriebenen Ausdrcke und poetischen Sentimentalitten ihr verzeihen
    konnten.
    bertriebenen Ausdrcke und poetischen Sentimentalitten ihr verzeihen
    konnte.

    verzweifelsten gendert zu verzweifeltsten:
    augenscheinlich die verzweifelsten Anstrengungen machte, das Feuer
    augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer

    Fehlenden Punkt ergnzt:
    ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen
    ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.

    beiligte gendert zu beteiligte:
    Vorschein. Ein jeder beiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder
    Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder

    ! gendert zu ::
    Das Mdchen trat ein und meldete! Frulein Elisabeth Mller wnscht
    Das Mdchen trat ein und meldete: Frulein Elisabeth Mller wnscht

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    drfen wir nicht vergessen.
    drfen wir nicht vergessen.

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    nicht zu unsren Amerikanern.
    nicht zu unsren Amerikanern.

    sie gendert zu Sie:
    Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, da sie ein
    Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, da Sie ein

    Fehlendes Komma ergnzt:
    Ich bin betrbt Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.
    Ich bin betrbt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen wrden.
    dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen wrden.

    im gendert zu in:
    ihr eine geheime Stimme im ihrem Innern, da ihre Eltern der Gromama
    ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, da ihre Eltern der Gromama

    Fehlendes Komma ergnzt:
    glte es die wichtigsten Dinge ber eine hbsche Bluse oder einen
    glte es die wichtigsten Dinge, ber eine hbsche Bluse oder einen

    Keise gendert zu Kreise:
    Erstaunen, als er pltzlich eines Abends in ihrem Keise erschien. Er
    Erstaunen, als er pltzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er

    Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit
    Teil, nahme gendert in Teilnahme:
    freundlich mit ihm, bewies pltzlich so viel Teil,
    nahme an allem, was
    freundlich mit ihm, bewies pltzlich so viel Teilnahme an allem, was

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fhlte mich in
    Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fhlte mich in

    Fehlenden Punkt ergnzt:
    schon am folgenden Tage msse er abreisen Ausrufe des Bedauerns, der
    schon am folgenden Tage msse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der

    Hans gendert zu Otto:
    mir und Hans von Hochstein vorgefallen ist?
    mir und Otto von Hochstein vorgefallen ist?

    herrliche gendert zu herrlichen:
    so khl, enthielten auer einem Bericht ber die herrliche
    so khl, enthielten auer einem Bericht ber die herrlichen

    Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit her, vor
    gendert in hervor:
    hinter den Brillenglsern her,
    vor seine alten, scharfen Augen mit einem
    hinter den Brillenglsern hervor seine alten, scharfen Augen mit einem
  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Trotzkopf als Grossmutter, by 
Suse la Chapelle-Roobol

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TROTZKOPF ALS GROSSMUTTER ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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