The Project Gutenberg EBook of Die Grndung des Deutschen Zollvereins by
Heinrich von Treitschke



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Title: Die Grndung des Deutschen Zollvereins

Author: Heinrich von Treitschke

Release Date: October, 20 2007 [Ebook #23065]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS***





Die Grndung des Deutschen Zollvereins


by Heinrich von Treitschke




Edition 01 , (October, 20 2007)





                            Die Grndung des
                          Deutschen Zollvereins



                             Dargestellt von

                          Heinrich v. Treitschke





INHALT


Die Grndung des Deutschen Zollvereins.
   Vorwort
   1. Maaen und das neue Preuische Zollgesetz.
   2. Der Kampf gegen das preuische Zollgesetz und der erste preuische
   Zollvertrag.
   3. Der Kampf um das preuische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.
   4. Die Darmstdter Zollkonferenzen.
   5. Motzs deutsche Handelspolitik.
   6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.
      a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._
      b) _Der preuisch-hessische und der bayrisch-wrttembergische
      Zollverein._
      c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._
      d) _Preuens Sieg. Preuisch-Bayrischer Handelsvertrag._
   7. Der Deutsche Zollverein.
      a) _Kurhessens Beitritt._
      b) _Beitritt des Sddeutschen Zollvereins._
      c) _Anschlu von Sachsen und Thringen._
      d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._
   Register.






DIE GRNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS.




Vorwort


Ein Quellenbuch mit Urkunden, Briefen und sonstigen Aktenstcken zur
Geschichte des Deutschen Zollvereins drfte auf allgemeines Interesse kaum
rechnen und mte bei der Lnge der Zeit, ber die sich die Verhandlungen
hinschleppten, nur ein kmmerlicher Torso sein, der niemand gefiele.
Dagegen darf die klassische Darstellung, die Heinrich v. Treitschke in
seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert dieser grten Schpfung
der Friedensregierung Friedrich Wilhelms III. gewidmet hat, selbst den
Wert einer Quelle beanspruchen, da sie auf einem umfassenden Studium aller
in Betracht kommenden Akten und Briefwechsel beruht, von denen die
wenigsten der wissenschaftlichen Forschung bisher durch den Druck
zugnglich gemacht sind.

Im folgenden sind die in Betracht kommenden Kapitel der Deutschen
Geschichte mit geringen Auslassungen, die vom Leser wohl nirgends als
Lcken empfunden werden drften, mit freundlich gewhrter Erlaubnis der
Verlagsbuchhandlung zu einer Einheit zusammengefat und wirken in dieser
Form fast wuchtiger als in der Verstreuung ber drei dicke Bnde, wie sie
der chronologische Aufbau des alle Seiten des deutschen Lebens
umspannenden Werkes mit sich bringt. Sie reden eine so eindringliche
Sprache von einer jammervollen Vergangenheit deutschen Kleinlebens, da
man nur wnschen kann, da die Stimme des tapferen Rufers im Streit fr
nationale Einigung auch weiterhin gehrt werde, nachdem ihn selbst schon
seit Jahren der khle Rasen deckt.

_Leipzig,_ 19. Mai 1913.

*Horst Kohl.*




1. Maaen und das neue Preuische Zollgesetz.


In dem Sturm und Drang der groen Reformperiode war fr die Umgestaltung
des alten preuischen Akzisewesens wenig geschehen; man hatte sich
begngt, dem flachen Lande mehrere stdtische Steuern aufzulegen und in
Altpreuen die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von 8 1{~FRACTION SLASH~}3
Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden in den alten Provinzen
noch 67 verschiedene Tarife, nahezu 3000 Warenklassen umfassend; auerdem
die kurschsische Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische
Zollwesen in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit Aufhebung der
napoleonischen Douanen ein schlechterdings anarchischer Zustand. Und diese
unertrgliche Belstigung des Verkehrs gewhrte doch, da eine geordnete
Grenzbewachung noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem
chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhngigkeit des verarmten Staates
von den Fremden: in Posen und Pommern muten 48, in den Provinzen links
von der Elbe 71 fremde Geldsorten amtlich anerkannt und tarifiert werden.
Schon lngst bemerkte der Knig mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche
Sinn des Volkes durch die Fortdauer des berlebten Prohibitivsystems
geschdigt wurde. Seit die brgerlichen Gewerbe auf dem platten Lande sich
ansiedelten, nahm der Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815
versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen tglich nur zwei
Pfund Kaffee.

Auch die unhaltbaren Verhltnisse an der Ostgrenze mahnten zu rascher Tat.
Sobald Preuen, Polen und Ruland im Mrz 1816 zu Warschau wegen der
Ausfhrung des Wiener Vertrages vom 3. Mai 1815 zu verhandeln begannen,
stellte sich bald heraus, da Hardenberg in Wien von dem Frsten
Czartoryski berlistet worden war. Die scheinbar so harmlosen Bestimmungen
des Vertrags ber die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den
Landeserzeugnissen aller vormals polnischen Landschaften legten dem
preuischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet das
Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstblich zu gengen, htte
Preuen seine polnischen Provinzen von dem brigen Staatsgebiete durch
eine Zollinie trennen mssen, whrend Ruland, dem Vertrage zuwider, seine
alte Zollgrenze, die das polnische Litauen von Warschau abschied,
unverndert lie und auch sterreich sich keineswegs geneigt zeigte,
seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbstndigkeit
zuzugestehen. Die polnischen Unterhndler sahen in dem Vertrage ein
willkommenes Mittel, um durch die Ansiedlung von Handelsagenten und
Kommissionren ihre nationale Propaganda in Preuens polnische Gebiete
hineinzutragen. Sie erdreisteten sich, der Krone Preuen geradezu die
unbeschrnkte Souvernitt ber Danzig zu bestreiten, und stellten so
bermtige Forderungen, da der Knig mit einer entschiedenen Ablehnung
antwortete, als Zar Alexander nach seiner Gewohnheit versuchte, die
Ansprche der Polen durch einen zrtlichen Freundesbrief zu untersttzen.
Der unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem Entschlusse,
die polnischen Landschaften den brigen Provinzen des Ostens vllig
gleichzustellen. Auf der anderen Seite lehrten die Frankfurter
Erfahrungen, da ein Bundeszollgesetz ganz unmglich war und Preuen
mithin zunchst im eigenen Hause Ordnung schaffen mute.

Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden Schritte. Das Verbot der
Geldausfuhr ward aufgehoben, das Salzregal in allen Provinzen gleichmig
eingefhrt; dann sprach die Verordnung vom 11. Juni die Aufhebung der
Wasser-, Binnen- und Provinzialzlle als Grundsatz aus und verhie die
Einfhrung eines allgemeinen und einfachen Grenzzollsystems. Zu Anfang des
folgenden Jahres war der Entwurf fr das neue Zollgesetz beendigt. Sobald
aber von den reformatorischen Absichten des Entwurfs Einiges ruchbar ward,
erscholl der Notschrei der gengstigten Produzenten weithin durch das
Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll- und Kattunfabrikanten aus
Schlesien und Berlin, die doch allesamt unter der bestehenden Unordnung
schwer litten, besttigten die alte Wahrheit, da die Selbstsucht der
Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist. Der Lrm ward
so bedrohlich, da der Knig fr ntig hielt, zunchst eine
Spezialkommission mit der Prfung dieser Vorstellungen zu beauftragen.
Hier errang die alte friderizianische Schule noch einmal die Oberhand. Der
Vorsitzende, Oberprsident v. Heydebreck, betrachtete als hchste Aufgabe
der Handelspolitik das Numeraire dem Lande zu konservieren; die Mehrheit
beschlo, der Krone die Wiederherstellung des Verbotsystems, wie es bis
zum Jahre 1806 bestanden, anzuraten. Aber zugleich mit diesem Bericht ging
auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfat von Staatsrat
Kunth, dem Erzieher der Gebrder Humboldt, einem selbstbewuten Vertreter
des altpreuischen Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie
oftmals gegen die aristokratische Geringschtzung seines Freundes Stein
verteidigte. Mit den Zustnden des Fabrikwesens aus eigener Anschauung
grndlich vertraut, lebte und webte er in den Gedanken der neuen
Volkswirtschaftslehre. Eigentum und Freiheit, darin liegt alles; es gibt
nichts anderes -- so lautete sein Kernspruch. Als das rgste Gebrechen der
preuischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte Bildung der
meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht des bergewichts der gelehrten
Klassen, welche nur durch den Einflu des auswrtigen Wettbewerbs
allmhlich beseitigt werden konnte; waren doch selbst unter den ersten
Fabrikherren Berlins viele, die kaum notdrftig ihren Namen zu schreiben
vermochten.

Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte Zustimmung; es lie
sich nicht mehr verkennen, da die Aufhebung der Handelsverbote nur die
notwendige Ergnzung der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des
Staatsrats am 3. Juli ber das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen
Gegner Gneisenau und Schuckmann einmtig fr die Befreiung des Verkehrs.
Oberprsident Merckel und Geh. Rat Ferber, ein aus dem schsischen Dienste
herbergekommener trefflicher Nationalkonom, fhrten aus, da dem
Notstande des Gewerbefleies in Schlesien und Sachsen nur durch die
Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden nur drei
gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg und Geh Rat Beguelin. Am 1. August
genehmigte der Knig von Karlsbad aus das Prinzip der freien Einfuhr fr
alle Zukunft. Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da es anfangs
unmglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig in den beiden Hlften des
Staatsgebiets einzufhren. Endlich, am 26. Mai 1818, kam das Zollgesetz
fr die gesamte Monarchie zustande.

Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg _Maaen_(1), ein Beamter
von umfassenden Kenntnissen, mit Leib und Seele in den Geschften lebend,
ein Mann, der hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den khnen Mut
des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des sozialen Lebens
verbarg. Aus Cleve gebrtig, hatte er zuerst als preuischer Beamter in
seiner Heimat, dann eine Zeitlang im bergischen Staatsdienste die
Groindustrie des Niederrheins, nachher bei der Potsdamer Regierung die
Volkswirtschaft des Nordostens kennen und also die Theorien Adam
Smiths(2), denen er von frhauf huldigte, durch vielseitige praktische
Erfahrung zu ergnzen gelernt. So ging er auch beim Entwerfen des
Zollgesetzes nicht von einer fertigen Doktrin aus, sondern von drei
Gesichtspunkten der praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunchst in
der gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs eine lebendige
Gemeinschaft der Interessen zu begrnden, sodann dem Staate neue
Einnahmequellen zu erffnen, endlich dem heimischen Gewerbeflei einen
mchtigen Schutz gegen die englische bermacht zu gewhren und ihm doch
den heilsamen Stachel des auslndischen Wettbewerbs nicht gnzlich zu
nehmen. Wo die Wnsche der Industrie den Ansprchen der Staatskassen
widersprachen, da mute das Interesse der Finanzen vorgehen; dies gebot
die Bedrngnis des Staatshaushalts.

Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkndigten die Freiheit der
Ein-, Aus- und Durchfuhr fr den ganzen Umfang des Staates. Damit wurde
die volle Hlfte des nichtsterreichischen Deutschlands zu einem freien
Marktgebiete vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft, welche,
wenn sie die Probe bestand, sich auch ber die andere Hlfte der Nation
erweitern konnte. Denn die schroffsten Gegenstze unseres vielgestaltigen
sozialen Lebens lagen innerhalb der preuischen Grenzen. War es mglich,
Posen und das Rheinland ohne Schdigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart
derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so war schon
erwiesen, da diese Gesetze mit einigen nderungen auch fr Baden und
Hannover gengen muten. Preuen hatte sich -- so sagte Maaen oftmals --
genau die nmlichen Fragen vorzulegen wie alle die anderen deutschen
Staaten, welche ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen
der Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter als jene
die richtige Antwort finden. Aber die Ausfhrung des Gedankens, die
Verlegung der Zlle an die Grenzen des Staates war in Preuen schwieriger
als in irgendeinem anderen Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz
unausfhrbar. Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen, je eine
Grenzmeile auf kaum fnf Geviertmeilen des Staatsgebiets, und zwar unter
den denkbar ungnstigsten Verhltnissen, da die kleinen deutschen Staaten,
die mit dem preuischen Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein
geordnetes Zollwesen besaen, ja sogar den Schmuggel grundstzlich
begnstigten. Solche Bedrngnis veranlate die preuischen Finanzmnner
zur Aufstellung eines einfachen bersichtlichen Tarifs, der die Waren in
wenige groe Klassen einordnete. Eine umfngliche, verwickelte Zollrolle,
wie sie in England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches
Beamtenpersonal, das in Preuen den Ertrag der Zlle verschlungen htte.
Durch denselben Grund wurde Maaen bewogen, die Erhebung der Zlle nach
dem Gewichte der Waren vorzuschlagen, whrend in allen anderen Staaten das
von der herrschenden Theorie allein gebilligte System der Wertzlle galt.
Die Abstufung der Zlle nach dem Werte wrde die Kosten der Zollverwaltung
unverhltnismig erhht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung
kostbarer Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel, welche ein
Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen nicht ertragen konnte.

Auch in der groen Prinzipienfrage der Handelspolitik gab die Rcksicht
auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat hatte die Wahl zwischen zwei
Wegen. Man konnte entweder nach Englands und Frankreichs Beispiel
Prohibitivzlle einfhren, um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen
die Westmchte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzlle zur
Erleichterung des Verkehrs zu gelangen; oder man wagte sogleich in Preuen
ein System miger Zlle zu grnden, in der Hoffnung, da die Natur der
Dinge die groen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn drngen werde.
Maaen fand den Mut, den letzteren Weg zu whlen, vornehmlich, weil der
zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzllen dem Bedrfnis der Staatskassen
nicht gengen konnte. Verboten wurde allein die Einfuhr von Salz und
Spielkarten; die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem
ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren sollte ein
miger Schutzzoll erhoben werden, nicht ber 10 Prozent, ungefhr der
blichen Schmuggelprmie entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen
unterlagen einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preuen an
seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besa, diese Produkte
wirksam zu besteuern.

Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des Zeitraums wich
von den herrschenden Vorurteilen so weit ab, da man im Auslande anfangs
ber die gutmtige Schwche der preuischen Doktrinre spottete. Den
Staatsmnnern der absoluten Monarchie fllt ein undankbares
entsagungsvolles Los. Wie laut preist England heute seinen William
Huskisson(3), *one of the world's great spirits*; alle gesitteten Vlker
bewundern die Freihandelsreden des groen Britten. Der Name Maaens aber
ist bis zur Stunde in seinem eigenen Vaterlande nur einem engen
Gelehrtenkreise vertraut. _Und doch hat die groe Freihandelsbewegung
unseres Jahrhunderts nicht in England, sondern in Preuen ihren ersten
bahnbrechenden Erfolg errungen._ Das wiederhergestellte franzsische
Knigtum hielt in dem Tarife von 1816 die strengen napoleonischen
Prohibitivzlle gegen fremde Fabrikwaren hartnckig fest. Die Selbstsucht
der Emigranten fgte noch schwere Zlle auf die Erzeugnisse des Landbaues,
namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England war nur ein
Teil des Handelsstandes fr die Lehren der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch
stand der Grundherr treu zu den hohen Kornzllen, der Reeder zu Cromwells
Navigationsakte(4), der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme; noch
urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst Burke(5) ber Adam Smith:
solche abstrakte Theorien sind gut genug fr das stille Katheder von
Glasgow(6). Erst das khne Vorgehen der Berliner Staatsmnner ermutigte
die englischen Freihndler, mit ihrer Meinung herauszurcken. Auf das
glnzende Beispiel, welches Preuen der Welt gegeben, berief sich die
freihndlerische Petition der Londoner City, welche Baring im Mai 1820 dem
Parlamente bergab. An Preuen dachte Huskisson, als er seinen berhmten
Satz aufstellte: Der Handel ist nicht Zweck, er ist das Mittel, Wohlstand
und Behagen unter den Vlkern zu verbreiten und seinem Volke zurief:
Dies Land kann nicht still stehen, whrend andere Lnder vorschreiten in
Bildung und Gewerbeflei߫.

Den freihndlerischen Ansichten der preuischen Staatsmnner gengte das
neue Gesetz nicht vllig. Man ahnte im Finanzministerium wohl, da der
weitaus grte Teil des Zollertrags allein von den gangbarsten
Kolonialwaren aufgebracht werden und die Staatskasse von anderen Zllen
nur geringen Vorteil ziehen wrde. Aber man sah auch, da jedem
Steuersystem durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste Schranken
gezogen sind; die ffentliche Meinung jener Tage wrde der Regierung nie
verziehen haben, wenn sie den Kaffee besteuert, den Tee frei gelassen
htte. Maaen verwarf jede einseitige Begnstigung eines Zweiges der
Produktion, er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe
und Handel und betrachtete die Schutzzlle nur als einen Notbehelf, um die
deutsche Industrie allmhlich zu Krften kommen zu lassen. Schon bei der
ersten Revision des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im
Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte mehrere Zlle
herab. Whrend das Gesetz von 1818 fr die westlichen Provinzen einen
eigenen Tarif mit etwas niedrigeren Stzen aufgestellt hatte, fiel jetzt
der Unterschied zwischen den Provinzen hinweg; die Zollrolle von 1812
bildete in Form und Einrichtung die Grundlage fr alle spteren Tarife des
Zollvereins.

Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschlu brachte, erging sich die
unreife nationalkonomische Bildung der Zeit in widersprechenden Klagen.
Die Massen meinten die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu
knnen, die Fabrikanten sahen dem englischen Handelsdespotismus Tr und
Tor geffnet und bestrmten den Thron abermals mit so verzweifelten
Bittschriften, da der Knig, obwohl selbst mit Maaens Plnen ganz
einverstanden, doch eine nochmalige Prfung des schon unterschriebenen
Gesetzes befahl. Erst am 1. September 1818 wurde das Zollgesetz
verffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen Grenzzollmter in
Ttigkeit. Am 8. Februar 1819 erschien das ergnzende Gesetz ber die
Besteuerung des Konsums inlndischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier,
Branntwein und Tabaksbltter einer Steuer unterlagen, die ohne
unmittelbare Belstigung der Verzehrer von den Produzenten zu erheben war.

Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr glcklich die Mitte zwischen
Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach einer Richtung hin wich sie
auffllig ab von den Grundstzen des gemigten Freihandels: sie belastete
den Durchfuhrhandel unverhltnismig schwer. Der Zentner Transitgut
zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf einzelnen wichtigen
Handelsstraen noch weit mehr -- sicherlich eine sehr drckende Last fr
ordinre Gter, zumal wenn sie das preuische Gebiet mehrmals berhrten.
Die nchste Veranlassung zu dieser Hrte lag in dem Bedrfnis der
Finanzen. Preuen beherrschte einige der wichtigsten Handelsstraen
Mitteleuropas: die Verbindung Hollands mit dem Oberlande, die alten
Absatzwege des polnischen Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit
Polen, mit Frankfurt. Man berechnete, da die volle Hlfte der in Preuen
eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehrte. Die erschpfte
Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen Vorteil, den ihr die
unglckliche langgestreckte Gestalt des Gebiets gewhrte, aus der Hand zu
geben. berdies stimmten alle Kenner des Mautwesens berein in der fr
jene Zeit wohlbegrndeten Meinung, da nur durch Besteuerung der Durchfuhr
der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems gesichert werden knne. Gab
man den Transit vllig frei, so wurde dem Unterschleif Tr und Tor
geffnet, ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt, Leipzig
her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen der Reform in Frage
gestellt. Die unbillige Hhe der Durchfuhrzlle aber und das zhe
Festhalten der Regierung an diesen fr die deutschen Nachbarlande
unleidlichen Stzen erklrt sich nur aus politischen Grnden. Der
Transitzoll diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames
Unterhandlungsmittel, um die deutschen Kleinstaaten zum Anschlu an die
preuische Handelspolitik zu bewegen.

Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik, das whrend des
Wiener Kongresses den preuischen Bevollmchtigten vorgeschwebt hatte, war
man in Berlin lngst zurckgekommen. Die Unmglichkeit solcher Plne ergab
sich nicht blo aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung, sondern auch aus
den inneren Verhltnissen der Bundesstaaten. Hardenberg(7) wute, da der
Wiener Hof an seinem altvterlichen Provinzialzollsystem nichts ndern
wollte und seine nichtdeutschen Kronlnder einem Bundeszollwesen
schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das brige Deutschland
bewahrte noch viele Trmmer aus der schmhlichen kosmopolitischen Epoche
unserer Vergangenheit. Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein
von Dnemark abhngig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer
geographischer Verbindung mit dem niederlndischen Gesamtstaate. Wie war
ein gesamtdeutsches Zollwesen denkbar, so lange diese Fremdherrschaft
whrte? Auch die Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unbersteigliche
Hindernisse. Die preuische Zollreform ruhte auf dem Gedanken des gemeinen
Rechts. Wer durfte erwarten, da der mecklenburgische Adel auf seine
Zollfreiheit, der schsische auf die mit den stndischen Privilegien fest
verkettete Generalakzise verzichten wrde, so lange die stndische
Oligarchie in diesen Landen ungestrt herrschte? Wie war es mglich, die
preuischen Zlle, welche die Einheit des Staatshaushalts voraussetzten,
in Hannover einzufhren, wo noch die Knigliche Domnenkasse und die
stndische Steuerkasse selbstndig nebeneinander standen? Das Zollwesen
hing berdies eng zusammen mit der Besteuerung des inlndischen Konsums;
nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer indirekten
Steuern auf preuischen Fu zu setzen oder doch dem preuischen Muster
anzunhern, war eine ehrliche Gegenseitigkeit, eine dauernde
Zollgemeinschaft zwischen ihnen mglich. Und lie sich solche
Opferwilligkeit erwarten in jenem Augenblick, da der Rheinbund und das
Rnkespiel des Wiener Kongresses den selbstschtigen Dnkel der Dynastien
krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwhnt hatten? Selbst jene Staaten,
denen redlicher Wille nicht fehlte, konnten gar nicht sofort auf die
harten Zumutungen eingehen, welche Preuen ihnen stellen mute, um sich
den Ertrag seiner Zlle zu sichern. Man mute, so gestand Eichhorn(8)
spterhin, sich erst orientieren in der vernderten Lage, die
nationalkonomischen Bedrfnisse des eigenen Landes und die zur Deckung
der Staatsausgaben notwendigen Opfer berschlagen; bevor man hierber ins
Klare gekommen, konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen
Erfolg versprechen, am wenigsten von einer Beratung fr ganz Deutschland
am Bundestag.

Wie die Dinge lagen, mute Preuen selbstndig vorgehen, ohne jede
schonende Rcksicht fr die deutschen Nachbarn. Unter den gemtlichen
Leuten herrschte die Ansicht vor, Preuen solle die Binnengrenzen gegen
Deutschland offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland Zlle
erheben. Der kindische Vorschlag htte, ausgefhrt, jede Grenzbewachung
unmglich gemacht, die finanziellen wie die volkswirtschaftlichen Zwecke
der Zollreform vllig vereitelt. Selbst eine mildere Besteuerung deutscher
Produkte war unausfhrbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit ihren
verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten Grenzen muten der
preuischen Staatskasse als die gefhrlichsten Gegner erscheinen.
Ursprungszeugnisse, von solchen Behrden ausgestellt, boten den genauen
Rechnern der Berliner Bureaus keine gengende Sicherheit. Jede
Erleichterung, die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif,
so lange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den kleinen Nachbarstaaten
bestand. Noch mehr: gewhrte Preuen den deutschen Staaten Begnstigungen,
so griff das Ausland unfehlbar zu Retorsionen(9), und der Staat wurde
allmhlich in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den
Absichten seiner Staatsmnner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzlle
erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher als Schutzzlle,
da diese den Verkehr belasteten zugunsten der einheimischen, jene zum
Vorteil der auslndischen Produzenten.

Es war nicht anders: sollte das neue Zollsystem berhaupt ins Leben
treten, so muten alle nichtpreuischen Waren zuvrderst auf gleichem Fu
behandelt werden. Allerdings wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr
hart getroffen. Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel
nach Preuen hinber zu fhren; jetzt trat die strenge Grenzbewachung
dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der neuen Provinzen strten
vielfach altgewohnten Verkehr. Das Knigreich Sachsen litt schwer, als die
preuischen Zollschranken dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet
wurden. Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende
Erstarken der preuischen Volkswirtschaft; was drben ein Segen, ward
hben zur Last. Begreiflich genug, da gerade in der unmittelbaren
Nachbarschaft Preuens die Mistimmung berhand nahm. Auch die Einrichtung
der Gewichtszlle war fr die deutschen Nachbarstaaten unverhltnismig
lstig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland grbere Waren in
Preuen einzufhren pflegte.

Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort Begnstigungen zu
gewhren, so war doch die Zollreform von Haus aus darauf berechnet, die
deutschen Nachbarn nach und nach in den preuischen Zollverband
hineinzuziehen. Die Unmglichkeit einer Vereinigung fr den ganzen Bund
erkennend, suchte Preuen durch Separatvertrge sich diesem Ziele zu
nhern -- mit diesen kurzen und erschpfenden Worten hat Eichhorn zehn
Jahre spter den Grundgedanken der preuischen Handelspolitik bezeichnet.
Die Zerstckelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche Politik zu
treiben, machte ihm auf die Dauer unmglich, sich selbst gengsam
abzuschlieen, seine Verwaltung zu ordnen ohne Verstndigung mit den
deutschen Nachbarlanden. Ein groer Teil der thringischen Besitzungen
Preuens, 41 Geviertmeilen, mute vorderhand aus der Zollinie
ausgeschlossen bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die
Zollschranken mindestens so weit hinauszuschieben, da das gesamte
Staatsgebiet gleichmig besteuert werden konnte. In dem Zollgesetz selber
( 5) war die Absicht erklrt, durch Handelsvertrge den wechselseitigen
Verkehr zu befrdern. Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke
fhlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg ber die
Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft trat. Als die Fabrikanten
von Rheidt und anderen rheinischen Pltzen den Staatskanzler um
Beseitigung der deutschen Binnenzlle baten, gab er die Antwort (3. Juni
1818): die Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher Staaten
zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem hervorgehen knnen,
seien der Regierung nicht unbekannt; mit steter Rcksicht hierauf sei der
Plan des Knigs zur Reife gediehen. Es liegt ganz im Geiste dieses
Planes, ebensowohl auswrtige Beschrnkungen des Handels zu erwidern, als
Willfhrigkeit zu vergelten und nachbarliches Anschlieen an ein
gemeinsames Interesse zu befrdern. Ebenso erklrte er den Elberfeldern:
die preuischen Zollinien sollten dazu dienen, eine allgemeine Ausdehnung
oder sonstige Vereinigung vorzubereiten.

Damit wurde deutlich angekndigt, da der Staat, der seit langem das
Schwert des alten Kaisertums fhrte, jetzt auch die handelspolitischen
Reformgedanken der Reichspolitik des sechzehnten Jahrhunderts wieder
aufnahm und bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des
wirtschaftlichen Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe ihrer
Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies Ziel, das sich nicht mit
einem Sprunge erjagen lie, schrittweis, in bedachtsamer Annherung, durch
Vertrge von Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die
Gestirne, welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick der Staaten
vornehmlich bestimmen. _Das Heerwesen und die Handelspolitik der
Hohenzollern bildeten fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preuens
Fhrerstellung in Deutschland ruhte._ Und diese Handelspolitik war
ausschlielich das Werk der Krone und ihres Beamtentums. Sie begegnete,
auch als ihre letzten Ziele sich spterhin vllig enthllten, regelmig
dem verblendeten Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation war
die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an dem Widerstande der
Reichsstdte gescheitert; im 19. Jahrhundert ward sie recht eigentlich
gegen den Willen der Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und
vollendet.

Im Kampfe gegen das preuische Zollgesetz hielten alle deutschen Parteien
zusammen, Kotzebues Wochenblatt so gut wie Ludens Nemesis. Vergeblich
widerlegte J. G. Hoffmann(10) in der Preuischen Staatszeitung mit
berlegener Sachkenntnis das fast durchweg wertlose nationalkonomische
Gerede der Presse. Dieselben Schutzzllner, die um Hilfe riefen fr die
deutsche Industrie, schalten zugleich ber die unerschwinglichen Stze des
preuischen Tarifs, der doch jenen Schutz gewhrte. Dieselben Liberalen,
die den Bundestag als einen vllig unbrauchbaren Krper verspotteten,
forderten von dieser Behrde eine schpferische handelspolitische Tat.
Wenn Hoffmann nachwies, da das neue Gesetz eine Wohltat fr Deutschland
sei, so erwiderten Plitz, Krug und andere schsische Publizisten, kein
Staat habe das Recht, seinen Nachbarn Wohltaten aufzudrngen. Alberne
Jagdgeschichten wurden mit der hchsten Bestimmtheit wiederholt und von
der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da hatte ein armer Hker aus
dem Reuischen, als er seinen Schubkarren voll Gemse zum Leipziger
Wochenmarkt fuhr, einen Taler Durchfuhrzoll an die preuische Maut zahlen
mssen -- nur schade, da Preuen von solchen Waren gar keinen Zoll erhob.
Auch die Sentimentalitt ward gegen Preuen ins Feld gefhrt; sie findet
sich ja bei den Deutschen immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da
war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft trat, ein
Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen Patrioten im Rausche
heiligen Zornes erstochen worden; der Mann hatte sich aber selbst
entleibt. Da hie es wehmtig, Knig Friedrich Wilhelm hege wohl
menschenfreundliche Absichten, aber finanzielle Rcksichten vergiften die
besten Maregeln; fr die harte Notwendigkeit dieser finanziellen
Rcksichten hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen
Marktes -- darber bestand unter den liberalen Patrioten kein Streit --
konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene Einigung der Hlfte
Deutschlands wieder zerstrt wurde.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert.
II, 211 ff. -- Die Anmerkungen sind vom Herausgeber beigefgt.

                            ------------------




    1 Geb. 23. August 1769, gest. 2. November 1834.

    2 Adam Smith, geb. 1723, gest. 1790, ist als der Begrnder der neueren
      Nationalkonomie zu betrachten; er vertrat die Lehre, da es in
      wirtschaftlichen Dingen Aufgabe des Staates sei, das freie Spiel der
      wirtschaftlichen Krfte durch Beseitigung entgegenstehender
      Hemmnisse zu frdern.

    3 Geb. 11. Mrz 1770, gest. am 15. September 1830 an den schweren
      Verletzungen, die er sich bei Erffnung der zwischen Liverpool und
      Manchester erbauten Eisenbahn dadurch zuzog, da er beim Einsteigen
      unter die Rder fiel. Im Ministerium Canning war er Staatssekretr
      fr die Kolonien.

    4 Die Navigationsakte vom 9. Oktober 1651 gestattete die Einfuhr von
      Waren aus Afrika, Asien und Amerika nur unter englischer Flagge, die
      Einfuhr von europischen Waren nur durch englische Schiffe oder
      Schiffe des erzeugenden Landes. Damit wurde der hollndische
      Zwischenhandel ausgeschaltet. Erst 1849 wurde die Akte aufgehoben.

    5 Edmund Burke, geb. 1729, gest. 9. Juli 1797, hervorragender
      englischer Politiker und Staatsmann.

    6 Adam Smith war von 1751 ab eine Reihe von Jahren als Professor der
      Logik und der Moral an der Universitt zu Glasgow ttig.

    7 Karl August, Frst von Hardenberg, geb. 31. Mai 1750, gest. 26. Nov.
      1822, seit Juni 1810 bis an seinen Tod preuischer Staatskanzler.

    8 Joh. Albrecht Friedrich Eichhorn, geb. 2. Mrz 1779, gest. 16.
      Januar 1856, war als Direktor der zweiten Abteilung des Ministeriums
      des ueren besonders fr die Entwicklung des Zollvereins ttig. Von
      1840-48 kmpfte er als Kultusminister fr die Erhaltung der
      kirchlichen Rechtglubigkeit gegen die freiheitlichen Bestrebungen
      der Lichtfreunde.

    9 Zwangsmaregeln.

   10 Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November 1847,
      hervorragender Nationalkonom und Begrnder der wissenschaftlichen
      Statistik.




2. Der Kampf gegen das preuische Zollgesetz und der erste preuische
Zollvertrag.


Alles historische Werden entspringt der bestndigen Wechselwirkung
zwischen dem bewuten Menschenwillen und den gegebenen Zustnden. Wie die
Vernunft, die in den Dingen liegt, nur durch die Willenskraft eines
groen, die Zeichen der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann,
so finden auch die Snden und Irrtmer der Politiker ihre Schranke an dem
Charakter der Staaten, an der Macht der Ideen, die sich im Verlauf der
Geschichte angesammelt haben. Schwer hatte die Krone Preuen gefehlt, als
sie in Karlsbad(11) sich den lebendigen Krften des jungen Jahrhunderts
entgegenstemmte; und doch war dieser Staat modern von Grund aus, er konnte
sich der neuen Zeit nicht gnzlich entfremden und begann eben jetzt eine
Reform seines Haushalts, welche ihn befhigte, in seiner wirtschaftlichen
Entwicklung alle anderen deutschen Staaten zu berflgeln. Nachgiebig bis
zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz(12) allen Wnschen
sterreichs entgegengekommen, der Glaube an die unbedingte
Interessengemeinschaft der beiden Gromchte beherrschte ihn ganz und gar;
und doch war der Gegensatz der beiden Mchte in einer alten Geschichte
begrndet und, so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungelst
blieb, durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in dem
nmlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gnzlich der Fhrung
sterreichs zu berlassen schien, tat er wieder einen Schritt vorwrts auf
den Bahnen der friderizianischen Politik und begann die deutschen
Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Es war ein winziger,
nach dem Mae der Gegenwart fast lcherlicher Erfolg, aber der
unscheinbare Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten durch
das Band wirtschaftlicher Interessen unlsbar an Preuen ketten und die
Befreiung von sterreich vorbereiten sollte.

Seit das preuische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den kleinen Nachbarn
zunchst nur durch seine Hrten fhlbar wurde, erhob sich berall mit
erneuter Strke der Ruf nach Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann
eine leidenschaftliche Agitation fr die deutsche Handelseinheit, der
Vorlufer und das Vorbild der spteren Kmpfe um die politische Einheit.
Die ganze Nation schien einig in einem groen Gedanken; gleichwohl gingen
die Ansichten ber die Mittel und Wege nach allen Richtungen auseinander,
und das einzige, was retten konnte, der Anschlu an die schon vorhandene
Einheit des preuischen Marktgebietes, ward in unseliger Verblendung so
lange verschmht, bis schlielich nur die bittere Not das Unvermeidliche
erzwang.

Gleich nach dem Frieden begann eine regelmige Einwanderung in das
verarmte Preuen einzustrmen, etwa halb so stark als der berschu der
Geburten; sie bestand berwiegend aus jungen Leuten der deutschen
Nachbarschaft, die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glck suchten.
Als nunmehr die Binnenzlle in der Monarchie hinwegfielen, da lieen sich
die Vorteile, welche der preuische Geschftsmann aus seinem ausgedehnten
freien Markt zog, zumal an den Grenzpltzen bald mit Hnden greifen: so
siedelte ein Teil der Bingener Weinhndler auf das preuische Ufer der
Nahe ber, da die Preise in Preuen oft dreimal hher standen als auf dem
berfllten hessischen Markte. Das Beamtentum der kleinen Hfe war noch
gewhnt an das Zunftwesen, an die Erschwerung der Niederlassung und der
Heiraten, an die tausend Qulereien einer kleinlichen sozialen
Gesetzgebung; von der berlegenheit der preuischen Handelspolitik ahnte
man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden Beamten in Sachsen und
Thringen erschienen die preuischen Steuergesetze als eine berflssige
fiskalische Hrte, weil sein eigener Staat fr das Heerwesen nur Geringes
leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte. So entstand
unter dem Schutze der kleinen Hfe an den preuischen Binnengrenzen ein
Krieg aller gegen alle, ein heilloser Zustand, von dem wir heute kaum noch
eine Vorstellung haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk
des Schwrzens. In die zollfreien Packhfe, welche berall dem preuischen
Gebiete nahe lagen, traten alltglich handfeste braune Gesellen, die
Jacken auf Rcken und Schultern ganz glatt gescheuert, manch einem schaute
das Messer aus dem Grtel; dann packten sie die schweren Warenballen auf,
ein landesfrstlicher Mautwchter gab ihnen das Geleite bis zur Grenze und
ein Helf Gott mit auf den bsen Weg. Der kleine Mann hrte sich nicht satt
an den wilden Abenteuern verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht
nur noch aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also gewhnte
sich unser treues Volk die Gesetze zu miachten. Jener wste Radikalismus,
der allmhlich in den Kleinstaaten berhand nahm, ward von den kleinen
Hfen selber gepflegt: durch die Snden der Demagogenjagd wie durch die
Frivolitt dieser Handelspolitik.

Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht die Kleinstaaten,
die den Schmuggel begnstigten, sondern Preuen, das ihn ernsthaft
verfolgte; nicht jene Hfe, die an ihren unsauberen fiskalischen Kniffen,
ihren veralteten unbrauchbaren Zollordnungen trge festhielten, sondern
Preuen, das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte. Unfhig,
die Lebensbedingungen eines groen Staates zu verstehen, stellten die
kleinen Hfe alles Ernstes die Forderung, Preuen msse jene reiflich
erwogene, in alle Zweige des Gemeinwesens tief einschneidende Reform
sofort wieder rckgngig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung
bestanden hatte -- und halb Deutschland stimmte dem trichten Ansinnen zu.

Auerhalb der preuischen Beamtenkreise wagten in diesen ersten Jahren nur
zwei namhafte Schriftsteller das Werk Maaens unbedingt zu verteidigen.
Der unermdliche Benzenberg(13) bewhrte in seinem Buche ber Preuens
Geldhaushalt und neues Steuersystem wieder einmal seinen praktischen
Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt, den Staatshaushalt von
oben, vom Standpunkt der Regierenden zu betrachten. Er wute, da jede
ernsthafte Kritik eines Steuersystems beginnen mu mit der Frage: welche
Ausgaben dem Staate unerllich seien? -- einer Frage, die von den meisten
Publizisten jener Zeit gar nicht berhrt wurde. So gelingt ihm
nachzuweisen, da Preuen seiner Zolleinknfte nicht entbehren knne. Er
scheut sich nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die
grten Wohltaten der jngsten Epoche Friedrich Wilhelms III. zu loben; er
verlangt, da man sie gegen jeden Widerstand aufrecht halte, fordert die
Nachbarstaaten auf, der Einladung des Knigs zu folgen und mit Preuen
wegen gegenseitiger Aufhebung der Zlle zu verhandeln. Dem Traumgebilde
der Bundeszlle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List(14) (August
1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der Bundestag, der keine
Art von Legislation hat, eine solche Reform schaffen oder gar die
Zollverwaltung leiten solle? und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten
mglich ohne gleichmige Besteuerung des inneren Konsums? Die Stimme des
nchternen Mannes verhallte in dem allgemeinen Toben; war er doch lngst
schon den Liberalen verdchtig, weil er ein offenes Auge fr die Eigenart
des preuischen Staates besa.

Auch einer der tchtigsten Kaufleute Deutschlands, E. W. Arnoldi in
Gotha(15), begrte das preuische Zollgesetz schon im Januar 1819 als den
ersten Keim eines Vereins aller deutschen Staaten. Nur herzhaft
eingeschlagen in die dargebotene Hand: -- so sprach er sich im Allgemeinen
Anzeiger aus -- Preuen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit an die
Spitze seines Gesetzes und erklrt sich bereit zu Vertrgen mit den
Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst in Hamburg noch zu den Fen des
alten Bsch(16) gesessen und sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel
gebildet, welche der binnenlndischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner
Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die kindliche Unmndigkeit
dieser Geschftswelt, die so gar nichts tat, um sich das Joch einer
widersinnigen Handelsgesetzgebung vom Nacken zu schtteln. Schon seit
Jahren trug er sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen
Fabrikanten zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann stiftete er
in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle eine Handelskammer und
eine rasch aufblhende Handelsschule. Endlich fand er ein weites Gebiet
fruchtbarer Ttigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der
Botmigkeit des Auslandes stand. Fast an allen greren deutschen Pltzen
unterhielt der mchtige Londoner Phnix seine Agenturen und beutete die
Deutschen durch unbillige Prmien aus, da die kleinen heimischen
Versicherungsgesellschaften, die in einzelnen Stdten des Nordens
bestanden, ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschrnkten. Da wendete
sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange sie noch ihr
Geld in die englische Sparbchse legen wolle, und entwarf den Plan fr
eine deutsche, das gesamte Vaterland umfassende, auf Gegenseitigkeit
beruhende Feuerversicherungsbank. Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu
Gotha ins Leben, der erste Anfang der groartigen Entwicklung unseres
nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine Ha gegen Englands
Handelsherrschaft kam dem khnen Unternehmer zustatten. berall im
Binnenlande schalt man auf England und die Hansestdte, die den
Sddeutschen nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende
Napoleonskultus und die franzsischen Sympathien der Liberalen des Sdens
wurden durch solche erregte Stimmungen gefrdert. ber die Waffen
freilich, welche den deutschen Gewerbeflei vor einer erdrckenden
auslndischen Mitwerbung sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur
nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, da smtliche neu
eingefhrte Zlle sofort wieder aufgehoben und die im Artikel 19 der
Bundesakte verheiene Verkehrsfreiheit durch den Bundestag angeordnet
werden msse.

Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit dem ganzen Ungestm
seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten auftrat, auch Friedrich List,
teilte den allgemeinen Irrtum. Wie Grres(17) einst im Rheinischen Merkur
die Idee der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat, so
verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit -- eine verwandte
Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der bewegten Rede, voll tiefer
und echter Leidenschaft, leicht hingerissen zu phantastischen Verirrungen.
Ein echter Reichsstdter, war er im freiheitsstolzen Reutlingen
aufgewachsen, unter ewigen Hndeln mit den wrttembergischen Schreibern;
er zhlte zu jenen geborenen Kmpfern, denen das Schicksal immer neuen
Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht suchen. Seine Mutter, seinen
einzigen Bruder sah er pltzlich sterben infolge der Roheit brutaler
Beamten; und als er dann selber einige Jahre in der geistttenden
Scheinttigkeit der wrttembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da
ward sein Ha gegen die Herrschaft des rheinbndischen Beamtentums
grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines Lebens, den Brger und
Bauersmann zur Selbstttigkeit zu erwecken, ihn aufzuklren ber seine
nchsten Interessen, die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des
Katheders zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen.
Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem Reichsritter
Stein, ging er mit seinen khnen Entwrfen sogleich ber die Grenzen der
schwbischen Heimat hinaus, so da er den verschwiegerten und
verschwgerten Wrttembergern bald als ein wildfremder Strenfried
verdchtig wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Gre, dauerhafter als
einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande tagen.
Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern und zu erregen, stand ihm zu
Gebote, ein agitatorisches Talent, dessengleichen unsere an groen
Demagogen so arme Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum(18)
und Lassalle(19) gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren
Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt, Schnell aus
Nrnberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher Kaufleute und
Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl der groen Firmen in Sd- und
Mitteldeutschland anschlo, und legte rasch entschlossen seine Tbinger
Professur nieder, da die wrttembergische Regierung das Amt eines
Konsulenten des Handelsvereins als unvertrglich mit der Beamtenwrde
betrachtete.

Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag eine Bittschrift
um Ausfhrung des Artikels 19, Beseitigung aller Binnenmauten und Erla
eines deutschen Zollgesetzes, das den Zllen des Auslandes mit strengen
Retorsionen begegnen sollte, bis sich ganz Europa ber allgemeine
Handelsfreiheit verstndigt htte -- denn noch bekannte sich List, gleich
den meisten Sddeutschen jener Zeit, im Grundsatz zu den Lehren des
Freihandels. In Frankfurt abgewiesen, bestrmte List sodann die Hfe, die
Geschftsmnner und wen nicht sonst mit seinen Gesuchen, geielte in
seiner Zeitschrift dem Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes,
unermdlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik. Also
hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner der Zeitgenossen dazu
beigetragen, da die berzeugung von der Unhaltbarkeit des Bestehenden
tief in die Nation drang. Groe verwegene Trume, die erst das lebende
Geschlecht in Erfllung gehen sieht, regten sich in seinem strmischen
Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung, an ein deutsches
Postwesen, an nationale Industrieausstellungen, er hoffte die romantischen
Kaisertrume des jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen
nationalen Politik zu verdrngen und sah die Zeit voraus, da eine freie
Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit hervorgehen
wrde. Als der Schpfer des Zollvereins, wie er selber im berma seines
Selbstgefhls sich genannt hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen
gelten.

Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten politischen
Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag berhaupt nicht in der Weise
der Patrioten jener Zeit. Nur im Innern der sddeutschen Mittelstaaten
begann die konstitutionelle Bewegung bereits feste, deutlich
ausgesprochene Parteimeinungen hervorzurufen. Wer ber den deutschen
Gesamtstaat schrieb, begngte sich noch immer, der elenden Gegenwart ein
leuchtendes Idealbild gegenberzuhalten und dann im raschen Wechsel
Einflle und Winke fr den praktischen Staatsmann hinzuwerfen. Wie Grres
im Rheinischen Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungsplne
harmlos verffentlichte, so eilte auch List in jhen Sprngen von einem
Plane zum andern ber. Bald will er die deutschen Bundesmauten an eine
Aktiengesellschaft verpachten; bald soll Deutschland sich anschlieen an
das sterreichische Prohibitivsystem; dann berfllt ihn wieder die
Ahnung, ob nicht Preuen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner
Eingabe an den Bundestag gestand er: Man wird unwillkrlich auf den
Gedanken geleitet, die liberale preuische Regierung, die der Lage ihrer
Lnder nach vollkommene Handelsfreiheit vor allen andern wnschen mu,
hege die groe Absicht, durch dieses Zollsystem die brigen Staaten
Deutschlands zu veranlassen, endlich wegen einer vlligen Handelsfreiheit
sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur Gewiheit, wenn man die
Erklrung der preuischen Regierung bercksichtigt, da sie sich geneigt
finden lasse, mit Nachbarstaaten besondere Handelsvertrge zu schlieen.
Leider vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen
Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preuischen Handelspolitik,
soweit aus seinem unsteten Treiben berhaupt eine vorherrschende Ansicht
erkennbar wird; denn nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf
jenen Weg zurck, welchen Preuen lngst als unmglich erkannt hatte, auf
die Idee der Bundeszlle. Von den preuischen Zustnden besa List nur
sehr mangelhafte Kenntnis; sein Verein ward durch die Hoffnung auf baldige
Wiederaufhebung des preuischen Zollgesetzes zusammengehalten und besa
Korrespondenten in allen greren deutschen Staaten, aber, bezeichnend
genug, keinen in Preuen.

Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete, erklrt das Rtsel,
da so viele wackere und einsichtige Mnner noch immer auf eine
Handelspolitik des Deutschen Bundes hoffen konnten. Seinerseits hatte der
Bundestag alles getan, um die Schwrmer zu enttuschen. Die
Berichterstattung ber Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner
Martens(20) bertragen, der gleich den meisten dieser deutschen
Grobritannier die englische Handelsherrschaft auf deutschem Boden
hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer polizeilicher Seelenangst
fragte er zunchst, woher dieser Verein das Recht nehme, sich zum
Vertreter des deutschen Handelsstandes aufzuwerfen, und berlie es den
hohen Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames Auge zu
richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr vor als eine
drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich, seit
die deutschen Staaten souvern geworden, der Handelseinheit
entgegenstellten (24. Mai). Einige Bundesgesandte wnschten mindestens die
Einsetzung einer Kommission; aber dann htten ja die Bittsteller whnen
knnen, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen! Um einer so
frevelhaften Mideutung vorzubeugen, beschlo die Bundesversammlung nur,
da man sich spterhin einmal mit dem Artikel 19 beschftigen wolle.
Einige Wochen nachher (22. Juli) erinnerten die Ernestinischen Hfe den
Bundestag nochmals an den unglcklichen Artikel; Lists Freund, E. Weber,
und die Fabrikanten des Thringer Waldes lieen ihnen keine Ruhe. Diesmal
ergingen sich Baden, Wrttemberg, beide Hessen und die Ernestiner in
wohlgemeinten, aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen
Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermaen, da sie
nunmehr wirklich beschlo, nach den Ferien, also 1820, solle eine
Kommission eingesetzt werden. Das war die Hilfe, welche Deutschlands
Handel in Frankfurt zu erwarten hatte. Der preuische Gesandte(21) aber
fand es mit Recht unbegreiflich, da diese Versammlung sichs zutraue, so
schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen.

Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen, bis die
Unausfhrbarkeit der leeren Versprechungen des Artikels 19 allgemein
erkannt wurde. Mit groer Hartnckigkeit hielt namentlich die badische
Regierung an dem Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr
langgestrecktes, auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer
der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis betrachtete
Minister Berstett(22) die wachsende Erbitterung im Volke. Der beschrnkte
Mann hoffte durch wirtschaftliches Gedeihen die Nation mit ihrer
schimpflichen Zersplitterung zu vershnen, ihr einen materiellen Ersatz
fr den Verlust mancher chimrischen, aber liebgewordenen Ideen zu geben.
Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer langen
Denkschrift (15. August) die Einfhrung eines Bundes- Douanensystems, das
fr 30 Millionen Menschen freien Verkehr schaffen msse; ber die groe
Frage, wie es mglich sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch-
sterreich einem nationalen Zollwesen einzufgen, ging das beraus
unklare, widerspruchsvolle Schriftstck schweigend hinweg. Metternich(23)
wurde durch diesen Antrag, welchem sterreich sich schlechterdings nicht
fgen konnte, unangenehm berrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des
Bundes in Zweifel zu ziehen. Der Handel -- so behauptete er --, seine
Ausdehnung wie seine Beschrnkung gehrt zu den ersten Befugnissen der
Souvernitt. Zur Mihandlung der Universitten, von denen die Bundesakte
kein Wort sagte, war der Bund nach der k. k. Doktrin unzweifelhaft befugt;
aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag ausdrcklich in
Aussicht stellte, verstie gegen die Souvernitt der Bundesstaaten.
Drastischer konnte das Verhltnis der Hofburg zu den Lebensfragen der
deutschen Nation unmglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte
Andrngen Badens und Wrttembergs erklrte sich der sterreichische
Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung der
bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen. Er wute wohl, was von
solchen Beratungen zu erwarten sei.

Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen Finanzmnnern,
Nebenius(24), seine Gedanken ber die Bedingungen der deutschen
Verkehrsfreiheit in einer geistvollen Denkschrift niedergelegt, einer
Privatarbeit, welche zwar niemals, auch nicht mittelbar, auf die
Entwicklung des Zollvereins irgendeinen Einflu ausgebt hat, aber durch
Klarheit und Bestimmtheit alles bertraf, was damals von Privatleuten ber
deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der gelehrte Verfasser der
badischen Konstitution errang sich schon in jenen Jahren durch seine
Schrift ber die englische Staatswirtschaft ein wissenschaftliches
Ansehen, das spterhin, seit dem Erscheinen seines Werkes der ffentliche
Kredit noch hher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten,
es wird, wie Ricardos(25) Werke, dem angehenden Nationalkonomen immer
unschtzbar bleiben als eine Schule strengen methodischen Denkens. Auch
seine um Neujahr 1819 verfate handelspolitische Denkschrift verrt
berall den sicheren Blick des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819
vertraulich den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im
Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein beachtenswertes
Privatgutachten berreicht. Maaen freilich, Klewiz(26) und die anderen
Urheber des preuischen Zollgesetzes konnten aus den Ratschlgen des
badischen Staatsmannes nichts lernen. Fr sie war das Richtige in seiner
Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig.

Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen, welche Nebenius
liebte, entschieden gegen das preuische Zollgesetz auf. Sie hebt die
belstnde dieses Systems scharf heraus, ohne die Lichtseiten zu erwhnen.
Sie stellt den Satz hin: kein deutscher Staat, sterreich ausgenommen,
vermag sein Gebiet gegen berwiegende fremde Konkurrenz wirksam zu
schtzen -- eine Behauptung, welche Preuens Staatsmnner soeben durch die
Tat zu widerlegen begannen. Die Urheber des Gesetzes vom 26. Mai gingen
aus von den Bedrfnissen des preuischen Staatshaushalts, Nebenius hebt an
mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs. Darum steht jenen
die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche Gesichtspunkt obenan.
Darum wollen jene die allmhliche Erweiterung des preuischen Zollwesens
unter den Bedingungen, welche das Interesse der preuischen Finanzen
vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im Sinne der
Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher Bundeszlle, eine vom
Bundestage abhngige Zollverwaltung. Er will mithin genau das Gegenteil
der Politik, welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste
Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege mute offenbar zur
Aufhebung des preuischen Zollgesetzes fhren, also gerade die Grundlage
des spteren Zollvereins vernichten. Der handelspolitische Kampf jener
Jahre bewegte sich um die eine Frage: soll das preuische Zollgesetz
aufrecht bleiben oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der
Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also den leitenden
politischen Gedanken der preuischen Handelspolitik bekmpft, als den
bahnbrechenden Vorlufer des Zollvereins preisen, so mu man, kraft
derselben Logik, auch Grodeutsche und Kleindeutsche fr
Gesinnungsgenossen erklren. Beide Parteien erstrebten bekanntlich die
deutsche Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen.

Der staatsmnnische Sinn des geistvollen Badeners steht keineswegs auf
gleicher Hhe mit seiner volkswirtschaftlichen Einsicht. Er hegt wohl
Zweifel, ob sterreich dem Zollverein beitreten knne, zu einem sicheren
Schlu gelangt er dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt
sterreichs fr mglich gehalten; dann werde der Zollverein den schnsten
aller Mrkte bilden. Die schwerwiegenden politischen Grnde, welche einen
solchen Gedanken fr Preuen unannehmbar machten, sind ihm niemals klar
geworden. Ebenso wenig will er begreifen, warum Preuen als eine
europische Macht die Selbstndigkeit seiner Zollverwaltung unbedingt
aufrecht halten mute; er verlangte eine in der Hand des Bundes
zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten sollen allein dem Bunde
vereidigt werden. Auch bei der Errterung von Nebenfragen vermag er nicht
immer hinauszublicken ber den engen Gesichtskreis seines heimischen
Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte Zollerhebung
allein an den Grenzen stattfinden lassen, weil, nach der Ansicht des
badischen Beamtentums, diese Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen
Vorteil bringen sollte. Maaen dagegen lie in allen greren preuischen
Pltzen Packhfe und Zollstellen errichten, da ohne solche Erleichterung
ein schwunghafter Speditionshandel offenbar nicht gedeihen konnte.

Neben diesen Irrtmern der Denkschrift steht freilich eine lange Reihe
tief durchdachter, praktisch brauchbarer Vorschlge, doch ist kein
einziger darunter, welchen das preuische Kabinett nicht schon damals
gekannt und angewendet htte. Mit groer Klarheit entwickelt Nebenius den
Satz, da ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs nicht mglich
sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial und selbstverstndlich
erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten jener Zeit vllig neu. Den
Berliner Staatsmnnern war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die
sich dem preuischen Zollsystem einfgen wollten, hatte Preuen freien
Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die Grundzge des
Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er will mige Finanzzlle namentlich
auf die Gegenstnde allgemeinen Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen;
die dem heimischen Gewerbeflei notwendigen Rohstoffe gibt er frei, die
Fabrikwaren schtzt er durch Zlle, die ungefhr der blichen
Schmuggelprmie entsprechen; feindselige Schritte des Auslandes sollen mit
Repressalien erwidert werden. Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als
Nebenius schrieb, war bereits der preuische Tarif verffentlicht, der
durchaus auf denselben Grundstzen beruhte. Selbstndiges Nachdenken hatte
den Sddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen Ideen gefhrt,
welche Eichhorn oftmals als den Eckstein des preuischen Systems
bezeichnete: Freiheit, Reziprozitt, Ausschlieung der Prohibition.  War
es nicht ein seltsames Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, da
ein so ungewhnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des
preuischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf, ob nicht
der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem festen Grunde dieses Systems
aufgerichtet werden sollte? -- Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf,
da die Verteilung der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevlkerung
erfolgen solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt wurde, da
hatte Preuen denselben folgenschweren Gedanken schon in einem
Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er errtert sodann, die
Zollgemeinschaft sei unmglich, wenn nicht auch der innere Konsum nach
gleichen Grundstzen besteuert werde; bis dies Ziel erreicht sei, msse
man sich mit bergangsabgaben behelfen. Auch diese Einsicht bestand in
Berlin schon lngst; eben weil Eichhorn und Maaen die weit abweichenden
Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht zu einer
vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wuten desgleichen so gut wie
Nebenius, da es genge, einen Zollvertrag fr einige Jahre abzuschlieen;
gleich ihm hofften sie zuversichtlich, der unermeliche Segen der
Verkehrsfreiheit werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen
Zollvereins verhindern {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender Kopf und als
ein hchst unbequemer Unterhndler. Er zhlte zu jenen stillen
Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser Hlle ein sehr reizbares
Selbstgefhl hegen, den Widerspruch ungern, noch schwerer die Widerlegung
ertragen. Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war er
doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel zu stellen. Er
gab wohl zu, kein einzelner Mann knne als Urheber des Zollvereins gelten.
Doch er rhmte sich, seine Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen
Zollverbandes zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen einzigen
Irrtum, die Verfassung des spteren Zollvereins im voraus richtig
gezeichnet. Er bersah, da dieser einzige Irrtum gerade die Lebensfrage
der deutschen Handelspolitik betraf; er bersah nicht minder, da der
beste Teil seiner Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preuen
durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebhrt nur das groe Verdienst,
da er, gleichzeitig mit den preuischen Staatsmnnern und unabhngig von
ihnen, fr einige wichtige Fragen deutscher Handelspolitik die rechte
Lsung erdachte; jedoch die entscheidende Frage: Bundeszlle oder
Anschlu an das preuische System? wurde in Berlin richtig, von Nebenius
falsch beantwortet {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der anderthalb Jahrzehnte
spter ins Leben trat, hegte im Jahre 1819 noch niemand. Die Idee hatte
sich noch gar nicht entwickelt, pflegte Eichhorn spterhin zu sagen. Der
Aufzug des groen Gewebes war bereits ausgespannt. Es bestand das
preuische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene Wille Preuens, dies
System zu erweitern und den deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen
Anteil an den gemeinsamen Zolleinknften zu gewhren. Noch fehlte der
Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten; es fehlte hben
wie drben ein deutlicher Begriff von den losen und lockeren bndischen
Formen, welche allein einen dauernden Handelsbund zwischen eiferschtigen
souvernen Staaten -- dies noch niemals gewagte Unternehmen -- ermglichen
konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not gezeitigt. Diese
Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht von Nebenius, noch von
irgendeinem Denker im voraus ersonnen worden, da die Theorie solche
Aufgaben niemals lsen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen
praktischer Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugestndnisse
zwischen den deutschen Staaten. Der badische Denker schrieb als ein
unverantwortlicher Privatmann, er durfte khn sofort die Einheit des
ganzen Vaterlandes ins Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbrchlich
festgehalten, und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den
unmglichen Plan der Bundeszlle. Preuens Staatsmnner hatten ein
kstliches Gut zu hten: die schwer errungene und noch immer hart bedrohte
handelspolitische Einheit ihres Staates. Sie muten sich von den
Schwrmern bald des zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen
Dnkels zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden
fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. --

Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preuischen Zollgesetzes einen
mchtigen diplomatischen Bundesgenossen an dem neuen Referenten fr die
deutschen Angelegenheiten, J. A. F. Eichhorn, den sein Chef Graf
Bernstorff auf dem Gebiete der Handelspolitik vllig frei schalten lie.
Unter den Helden der Arbeit, welche in mden Tagen die groen
berlieferungen Preuens mutig aufrecht hielten, in friedlichem Schaffen
den Grund legten fr seine neue Gre, steht Eichhorn in vorderster Reihe.
Sein ganzer Lebensgang hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen
Bndigers der Kleinstaaterei. Im Lwensteinischen Wertheim war er
aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des Taubergrundes,
so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt des alten Reichs, und sein
tagelang blieb es ihm unvergelich, wie er dort noch den Boten des
Reichskammergerichts in seiner altfrnkischen Tracht die Befehle von
Kaiser und Reich hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten
Friedrichs, war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner Wahl zu
dienen, und auch an ihm bewhrte sich, da Preuen die wrmste Liebe bei
jenen Deutschen findet, die sich dies Gefhl erst erarbeitet haben. Er
mute in Cleve den Zusammenbruch der preuischen Herrschaft, dann in
Hannover 1806 die fiskalischen Knste einer kleinlichen Annexionspolitik
mit ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate. Dann nahm
er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat zu Berlin mit Stein und
Gneisenau, mit (W. v.) Humboldt, Altenstein(27), Kircheisen(28) in
vertrauten Verkehr; sie alle lieen den unbekannten jungen Fremdling
sofort als einen Ebenbrtigen gelten. Ein Schler Spittlers(29), grndlich
und vielseitig gebildet, ward er als erster Syndikus der Berliner
Universitt auch persnlich mit der gelehrten Welt nher bekannt; mit
Schleiermacher(30) verband den tief religisen Mann eine treue
Freundschaft, der groen Theologenfamilie der Sack gehrte er durch seine
Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges verlebte er gehobenen Herzens
erst als Offizier in Blchers Stabe, dann als Mitglied von Steins
Zentralverwaltung; hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen
Regierungen bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschttert trug
er die Begeisterung jener groen Jahre hinber in die stille Zeit des
Friedens.

Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung im Auswrtigen
Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung, eine solche Verbindung, wie
sie einst unter der Zentralverwaltung nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt
bestanden hatte, auf die Dauer zu begrnden, die deutschen Staaten durch
die Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses fr immer an die
Krone Preuen anzuschlieen. Dies galt ihm als die Vollendung, als die
Luterung der Trume von 1813. Er erkannte in dem Artikel 19 der
Bundesakte die gutgemeinte Absicht der deutschen Frsten, da,
unbeschadet ihrer Souvernitt, den deutschen Untertanen die Wohltat eines
gemeinsamen Vaterlandes gewhrt werden msse, und er traute seinem
Preuen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese Wohltat eines
Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben der schneidigen Khnheit, die
man oft an den groen Epochen unserer Geschichte bewundert hat, bersieht
man leicht jene kalte, zhe, ausdauernde Geduld, welche der preuischen
Staatskunst in den endlos langweiligen Hndeln deutscher Kleinstaaterei
zur anderen Natur geworden war. Wohl keiner unserer Staatsmnner hat diese
altpreuische Tugend mit solcher Meisterschaft gebt wie Eichhorn. Da
watet der geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zhen Schlamm
armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen krperlichen Ekel
erregen. Nichts schwcht ihm die Frische des Geistes; immer bleibt ihm der
Gedanke gegenwrtig, welch groes Ziel hinter den kleinen Hndeln winkt;
immer wieder rafft sich sein gebrechlicher Krper nach schweren
Krankheitsanfllen zu rastloser Ttigkeit auf. berall hat er seine Augen;
wie der Arzt am Krankenbette berwacht er die Stimmung der kleinen Hfe,
ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose Torheit. Zuweilen hilft er
sich mit einem scharfen Witz ber die Langeweile hinaus. Was wohl die
herzoglich schsischen Huser beabsichtigen? -- schreibt er einmal -- Ja,
wenn sie es nur selber wten! Und nach allem Jammer, den ihm die
Kleinfrsten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung und
Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher Gesinnung, jedem
billigen Wunsche entgegen. Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der
Demagogenverfolgung gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich selber
treu, trat tapfer ein fr seine verfolgten Freunde und behauptete sich
doch im Vertrauen des Knigs. Dann hat Frst Metternich viele Jahre
hindurch alle seine schlechten Knste spielen lassen gegen den verhaten
Patrioten, der in Wien als der bse Dmon Preuens galt. Zugleich schmhte
die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen Stein auf
Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit und duldete
schweigend die Unbilden der ffentlichen Meinung, denn jeder Versuch einer
lauten Rechtfertigung wre sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch
eine Zeit, da mindestens die Hfe sein Verdienst erkannten; smtliche
Orden des Deutschen Bundes, nur kein sterreichischer, wurden dem
anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und die Staatsschriften der
dankbaren Zollverbndeten priesen ihn als die Seele des preuischen
Ministeriums. Die Nation aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete.

Seine Hoffnung war, das preuische Zollsystem durch Vertrge mit den
deutschen Nachbarstaaten allmhlich zu erweitern. Fr die Formen und
Grenzen dieser Erweiterung hat er nicht im Voraus einen festen Plan
entworfen; er stellte sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens
richtig wrdigte, dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim. Die
Frage, ob Preuens Zollschranken dereinst am Main oder am Bodensee stehen
wrden, war im Jahre 1819 noch nicht praktisch; sie konnte den Leiter der
preuisch-deutschen Politik vielleicht in seinen Trumen, sie durfte ihn
nicht bei seiner Arbeit beschftigen. Nur das eine war ihm sicher, da das
neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern bilden msse fr die
Neugestaltung des deutschen Verkehrs. Er verlangte freie Hand fr Preuens
Handelspolitik, wies von diesem Gebiete die Einmischung sterreichs
entschieden zurck. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm
fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von sterreich abzutrennen, blieb
ihm, dem Konservativen, der in den Ideen von 1813 lebte, vllig fremd.
Noch als Greis hat er Radowitzs Unionsplne als unausfhrbare Trume
bekmpft. --

Einen widerwrtigen belstand, der sofort beseitigt werden mute, bot die
Lage der zahlreichen Enklaven. Die Zollinien wurden alsbald soweit
vorgeschoben, da sie die anhaltischen Herzogtmer fast ganz und auch
einen Teil der kleinen thringischen Gebiete, die mit Preuen im Gemenge
lagen, umfaten. Alle nach diesen Lndern eingefhrten Waren unterlagen
ohne weiteres den preuischen Einfuhrzllen. Erst nachdem die neue
Grenzbewachung in Kraft getreten, lie Eichhorn zu Anfang 1819 diesen
Staaten die Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des
Zollwesens zu verhandeln. Der Knig sei bereit, nach billiger bereinkunft
den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete das Einkommen zu berweisen,
das seinen Staatskassen aus den Enklaven zufliee. Dies kurz angebundene
Verfahren, das in den Papieren des Finanzministeriums als unser
Enklavensystem bezeichnet ward, mute allerdings die kleinen Hfe
befremden; doch die Notwendigkeit gebot, diesen Nachbarn zu zeigen, da
sie in ihrer Handelspolitik von Preuen abhngig seien. Nur gutmtige
Schwche konnte das Gelingen der groen Zollreform abhngen lassen von der
vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner Herren, die nach
deutscher Frstenweise allein fr die Beredsamkeit vollendeter Tatsachen
empfnglich waren. Lediglich die Eitelkeit der Nachbarfrsten ward
gekrnkt; den wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preuens
Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbstndige Handelspolitik blieb in
diesen armseligen Gebietstrmmern ja doch undenkbar. Das Gedeihen ihrer
Volkswirtschaft wurde sofort vernichtet, wenn Preuen sie von seinem
Zollsystem ausschlo und sie mit seinen Schlagbumen rings umstellte; auch
der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt rgerliche Strung, wenn
alle durch das Anhaltische oder das Schwarzburgische gehenden Waren
verbleit und der Kontrolle der Zollmter unterworfen werden muten. Ebenso
wenig durfte Preuen den Verkehr der Enklaven vllig unbeaufsichtigt
lassen. Was diese Lndchen selbst an Zolleinknften aufbrachten, bildete
freilich nur den achtzigsten Teil der preuischen Zolleinnahmen; doch
durch den Schmuggel konnten sie den Finanzen Preuens hochgefhrlich
werden.

Durch die heilsame Rcksichtslosigkeit der Berliner Finanzmnner erhielten
die Enklaven freien Verkehr auf dem preuischen Markte, ihre Staatskassen
die Zusage eines gesicherten reichlichen Einkommens, das sie aus eigener
Kraft niemals erwerben konnten. Die preuische Regierung handelte in gutem
Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem auch gegen preuisches
Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals erklrte sie, wenn ein sddeutscher
Zollverein zustande komme, so msse der enklavierte Kreis Wetzlar sich
diesem Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die von den
gekrnkten Kleinfrsten oft wiederholte Anklage, Preuens Enklavensystem
verletze das Vlkerrecht. Alle nach den Enklaven bestimmten Waren
unterlagen von Rechts wegen den preuischen Durchfuhrzllen; und wenn der
Berliner Hof fr gut fand, die Transitabgaben auf gewissen Straen bis zur
Hhe der Einfuhrzlle hinaufzuschrauben, so lie sich rechtlich dawider
nichts einwenden.

Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen Vertrgen
ber die Behandlung der Enklaven, erklrte er zugleich die
Bereitwilligkeit des Knigs, auch ber den Anschlu nichtenklavierter
Gebiete zu verhandeln. Er betonte den nationalen Charakter des
Zollgesetzes, er hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der
Bundesakte gedacht, sei bestimmt, zunchst in einem Teile von Deutschland
die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen Bundesstaaten den
Anschlu zu erleichtern; der Knig verdiene den Dank der Bundesgenossen,
da er begonnen habe, den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes
zu befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preuens Handelspolitik
seitdem unerschtterlich festgehalten; die in spteren Jahren oft
auftauchenden Vorschlge, etwa Belgien oder die Schweiz in den Zollverein
aufzunehmen, wurden in Berlin stets kurzerhand zurckgewiesen. _Nicht
kosmopolitische Verkehrsfreiheit war Preuens Ziel, sondern die
Handelseinheit des Vaterlandes._ Der Knig, sagt eine von Bernstorff
unterzeichnete Note an das Kollegium der Geheimen Rte zu Gotha (vom
13. Juni 1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26. Mai hauptschlich
den Handel mit auerdeutschen Landeserzeugnissen zu besteuern und die
Mitbewerbung auerdeutscher Fabriken von Ihren Staaten und von denjenigen
Lndern abzuwehren, welche sich hierin an Ihre Maregeln anschlieen
wollen. Er hege den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung
auerdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preuischen
Landesindustrie gegen die auerdeutschen Fabriken ergriffenen Maregeln
bundesverwandten deutschen Staaten, soweit es ihre Lage irgend gestattet,
nicht zum Nachteil gereichen zu lassen. Hierauf rt die Note, einen
thringischen Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preuen in
Zollverbindung treten solle; sie zeichnet also genau den Weg vor, welcher
14 Jahre spter zu der handelspolitischen Vereinigung Preuens und
Thringens gefhrt hat.

Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich, da Preuen schon
seiner Lage wegen, mehr aber noch, weil die Vereinigung des
Einzelinteresses der deutschen Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse fr
Preuen vorzglich wnschenswert sei, zu dem Plane einer vlligen
Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu bieten am ehesten
geneigt sei, und da es am liebsten die Schwierigkeiten gehoben sehen
werde, die sich der Ausfhrung entgegenzustellen schienen. Und als gegen
Weihnachten 1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin kamen, um
die Regierung fr einen deutschen Mautverband zu gewinnen, da erhielten
sie von Hardenberg und drei Ministern die Versicherung: da die
preuische Regierung, weit entfernt, durch einseitige Maregeln den
Wohlstand der deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen
wrde, wenn alle Regierungen Deutschlands ber die Grundstze eines
gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile frdernden Handelssystems
sich vereinigen knnten, wozu die preuische Regierung sehr gern die Hnde
bieten werde, um ihrerseits mitzuwirken, da dem ganzen Deutschland die
Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegrndeten Handels zuteil werde.
Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden, da der Zustand und die
Verfassung der einzelnen deutschen Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen
Anordnungen vorbereitet erscheine; wozu auch besonders gehre, da die
gemeinsamen Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne von allen gehalten
wrden. Die Sache scheine daher jetzt nur darauf zu fhren, da einzelne
Staaten, welche sich durch den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit
denjenigen Bundesmitgliedern, von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden
veranlat werden, sich zu vereinigen suchten und da auf diesem Wege
bereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weitergeleitet wrden,
welche den Zweck htten, die inneren Scheidewnde mehr und mehr wegfallen
zu lassen.

Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen Handelspolitik
ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit des Bundestages die einzig
mgliche war. Deutlicher als Preuen sprach, konnte eine Regierung ber
noch unfertige Entwrfe schlechterdings nicht reden. Aber in der
epidemischen Verblendung, die nunmehr ber die ffentliche Meinung
hereinbrach, in dem donnernden Lrm der Anklagen, die auf das
absolutistische Preuen herniederprasselten, wurden die offenkundigen
Worte und Taten des Berliner Kabinetts vllig vergessen. Man redete sich
hinein in den Wahn, da Preuen sich selbstgefllig von dem groen
Vaterlande absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut und
Partikularismus, am lautesten jene kleinen Hfe, welche das Enklavensystem
ertragen muten. Selbst Karl August von Weimar betrachtete es als eine
hchst anmaende Zumutung, da er seine rings von Preuen umschlossenen
mter Allstedt und Oldisleben dem preuischen Zollsystem einfgen sollte,
und lie dem Berliner Hofe schreiben: Eine strenge Durchfhrung des
Gesetzes vom 26. Mai scheint mit dem Geiste und den Grundstzen der
Bundesakte so wenig in Einklang zu stehen, da nicht zu bezweifeln steht,
es werde diese Angelegenheit Gegenstand der nchsten Verhandlungen des
Bundestages werden und S. K. Majestt von Preuen als Bundesfrst selbst
geruhen, konziliatorische Antrge deshalb an den Bund gelangen zu lassen.

Auf so naive Vorschlge konnte Eichhorn sich nicht einlassen. Er durfte
das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht dem Belieben sterreichs und der
Bundestagsmehrheit preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die
Erkenntnis des eigenen Vorteils wrde die kleinen thringischen Dynasten
bestimmen, auf das Anerbieten Preuens einzugehen und ihre enklavierten
Gebietsteile durch Vertrge dem preuischen Zollsystem anzuschlieen. In
der Tat wendeten sich die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den
Berliner Hof, aber nur, um zu fordern, da Preuen sein Enklavensystem
alsbald wieder aufhebe; wie dies mglich sein sollte, wuten sie freilich
nicht anzugeben. Besonders hart fhlte sich der wohlmeinende Frst Anton
Gnther von Schwarzburg-Sondershausen getroffen. Die Hauptmasse seines
Reiches, die Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000
Einwohnern, war von preuischem Gebiet umschlossen und dem preuischen
Zollwesen einverleibt; da die Krone Preuen als Rechtsnachfolgerin von
Kursachsen hier berdies das Postregal und einige andere Hoheitsrechte
ausbte, so blieb dem Frsten von seiner teueren Souvernitt allerdings
wenig brig. Mit dringenden Bitten muten also erst der vielgeplagte
gemeinsame thringische Gesandte General Lestocq, dann das Sondershausener
Geheime Konsilium selbst den preuischen Hof bestrmen um Zurcknahme
einer Anordnung, in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits sich nie
zu fgen entschlossen ist.

Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag knne die
Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet werden; er gewhrte auch dem
Frsten freundnachbarlich Freipsse fr die Verzehrung seines Hofhalts,
aber eine Abnderung des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr des
Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu gro sei. In Sondershausen
wollte man den Wink nicht verstehen. Mehrere Monate hindurch wurde die
preuische Regierung immer von neuem mit der Anfrage belstigt, ob sie nun
endlich bereit sei, eine Verfgung aufzuheben, welche so grblich in die
Rechte der Sondershausener Souvernitt eingreife. Der Frst selber
richtete an den Knig die devoteste Bitte, ihn durch einen neuen Beweis
Allerhchstdero allgemein verehrter und gepriesener Liberalitt und
Gromut zum unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten. Alles
war vergeblich; die untertnige Form konnte ber den anmaenden Inhalt der
Bittschriften nicht tuschen. Dann kam der Kanzler v. Weise selbst nach
Berlin, ein wackerer alter Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem
Geheimen Rat, das Sondershausener Lndchen patriarchalisch regierte. Auch
er richtete nichts aus.

Mittlerweile hatte sich Vizeprsident v. Motz(31) in Erfurt des Streites
angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse der Kleinstaaterei, da sein
Regierungsbezirk mit fast einem Dutzend kleiner Landesherrschaften im
Gemenge lag; er war mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut
geworden und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit,
die ihm bald noch Greres verdanken sollte, sein erstes Verdienst, indem
er den Freunden vorstellte, wie kindisch es sei, an einer Zollhoheit
festzuhalten, die doch niemals in Wirksamkeit treten konnte. Der
kunstsinnige Frst wnschte lngst, im freundlichen Tale der Wipper ein
Sondershausener Nationaltheater zu grnden, aber die Mittel fehlten;
schlo er sich dem preuischen Zollwesen an, so war ihm aus der Not
geholfen. Diese Erwgung wirkte.

Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder in Berlin, und da er
diesmal ernstlich verhandeln wollte, so ward er mit groer Freundlichkeit
aufgenommen. Maaen und Hoffmann fhrten die Unterhandlung, unter
bestndiger Rcksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der Nebeniusschen
Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken auf: das einfachste sei
doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen ohne fiskalische Kleinlichkeit nach
der Volkszahl zu verteilen. Damit war jener Bevlkerungsmastab gefunden,
der allen spteren Zollvertrgen Preuens zur Grundlage gedient hat. Weise
ging sofort auf das gnstige Anerbieten ein, und am 25. Oktober 1819 wurde
der _erste Zollanschluvertrag_ unterzeichnet, kraft dessen der Frst von
Sondershausen unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte seine
Unterherrschaft dem preuischen Zollgesetz unterwarf und dafr nach dem
Mastabe der Bevlkerung seinen Anteil an den Zolleinnahmen -- vorlufig
eine Bauschsumme von 15000 Talern -- erhielt. Eine Mitwirkung bei der
Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbndeten nicht zugestanden; er mute
die Handelsvertrge Preuens und alle anderen nderungen, welche das
Finanzministerium beschlo, einfach annehmen. Im brigen waren seine
Hoheitsrechte sorgsam, fast ngstlich gewahrt; selbst die
Steuervisitationen auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die
frstlichen Beamten vollzogen werden.

Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Frst dankte tief gerhrt fr
dies neue Zeichen kniglicher Hochherzigkeit; nun konnte er endlich sein
berhmtes Rauchtheater erffnen, wo er mit den Brgern seiner Residenz um
die Wette den Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell
betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Lwenvertrag zugunsten
Sondershausens; Preuen brachte um des politischen Zweckes willen ein
Geldopfer, denn das wenig bemittelte Thringer Berglndchen verzehrte von
den eintrglichsten Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger als der
Durchschnitt der stlichen Provinzen.

Um so berechtigter schien die Erwartung, da die brigen Kleinen dem
Beispiel Sondershausens folgen wrden. Im Eingange des Vertrags hatte der
Knig nochmals erklren lassen, da er bereit sei, hnliche Abkommen mit
anderen Bundesfrsten zu schlieen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln.
Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte Hoffmann binnen kurzem ins
Reine zu kommen, und bereits ging er mit seinen Entwrfen ber die
Grundstze des Enklavensystems hinaus. Die unglckliche zerrissene Gestalt
seines Gebietes zwang den preuischen Staat, auch wenn er auf alle
Eroberungsplne verzichtete, mindestens zum handelspolitischen Ehrgeiz; er
konnte sein Steuersystem kaum durchfhren, wenn er nicht auer den
Enklaven auch noch einige nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem
Zollgesetze unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine kleine Strecke
Weges nicht an Preuen grenzte und also gewissenhaft als Ausland behandelt
wurde. Was war der Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat
anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen drohte.
Schon im Oktober wurden 4023 Zentner zumeist Kolonialwaren, in die
anhaltischen Harzstdtchen bei Ballenstedt eingefhrt, um alsbald spurlos
zu verschwinden. Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, msse sogleich
in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen nur erst
bekannt, dann knnten sich die kleinen Nachbarn nicht lnger mehr wider
ihren eigenen Vorteil struben.

Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so selbstverstndlich
erscheint, sollte whrend mehrerer Jahre der einzige bleiben. Kaum ward er
ruchbar, so erscholl an allen Hfen ein Schrei des Zornes. Frst Anton
Gnther mute von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwrfe hren,
weil er das Kleinod der Souvernitt so wrdelos preisgegeben; die anderen
kleinen Nachbarn, die seinem Vorgange bereits folgen wollten, traten,
eingeschchtert durch die allgemeine Entrstung, von den Verhandlungen
zurck. An die Spitze der Gegner Preuens stellte sich der Herzog von
Cthen. Der erklrte im Namen der kleinen Frsten: freiwillig knnen und
werden sie sich nicht unterwerfen, wenn sie nicht die heiligsten Pflichten
gegen ihre Untertanen, gegen ihre Huser und gegen ihre eigene Ehre
verletzen wollen; dann forderte er getrost, Preuen solle ihm einen fnf
Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets bis zur schsischen Grenze zur
Verfgung stellen, damit das Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel
erlange. Gemtlich lauernd und im Stillen schrend, stand hinter den
erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preuens, sterreich. Die Hfe
beschlossen insgeheim, auf den Wiener Konferenzen mit vereinter Kraft die
Aufhebung des preuischen Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der
vorhandene Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand, konnte
der Bundestag die nationale Handelspolitik begrnden! Und an dieser
Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die gesamte Nation auerhalb
Preuens teil. Alle die Lieder und Reden zum Preise der deutschen Einheit
waren vergessen, sobald Preuen sich anschickte, den Deutschen die
Wohltat eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewhren.

Preuens Staatsmnner hatten gehofft, schon in dem ersten Jahre, da das
neue Gesetz bestand, einige der deutschen Nachbarn fr die Politik der
praktischen deutschen Einheit zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die
Verteidigung zurckgeworfen. Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann
um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus die wichtigste
Aufgabe der preuischen Staatskunst. Durch die friedlichen Eroberungen
dieses Kampfes hat Knig Friedrich Wilhelm geshnt, was in Karlsbad
gefehlt war, und die Marksteine gesetzt fr das neue Deutschland. Er war
der rechte Mann fr dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk
deutscher Geduld. Gleichmtig und immer bei der Sache, treu und
beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes Mitrauen entwaffnete,
stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohlwollen
entgegenzukommen -- so hat er nach und nach die Trmmer Deutschlands
befreit aus den Banden eigener Torheit und auslndischer Rnke, den Weg
bereitend fr grere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer
sein, als Friedrich der Groe war, der von dem glanzlosen Arbeitsleben
seines Vaters sagte: Der Kraft der Eichel danken wir den Schatten des
Eichbaums, der uns deckt.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff.

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   11 Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs Vorsitz ein
      Kongre der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer Maregeln
      gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis waren die Karlsbader
      Beschlsse, die der Bundestag am 20. September einstimmig
      genehmigte.

   12 Am 29. Juli 1819 hatte der sterreichische Staatskanzler Metternich
      in Teplitz mit Friedrich Wilhelm III. eine geheime Unterredung, in
      welcher er den Knig von Preuen bestimmte, auf die Einfhrung einer
      Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten. Am 1. August
      unterzeichneten Hardenberg und Metternich eine Publikation ber die
      Grundstze, nach welchen die Hfe von sterreich und Preuen in den
      innern Angelegenheiten des Deutschen Bundes zu verfahren
      entschlossen sind.

   13 Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni 1846;
      1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Dsseldorf ernannt, ging
      er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons Sturz nach
      Deutschland zurck und widmete sich schriftstellerischer Ttigkeit.

   14 Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord 30.
      November 1846, Nationalkonom, der in seinen Schriften den Gedanken
      vertrat, da eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen
      zum hchsten Grade der Selbstndigkeit und harmonischen Entwicklung
      bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz ntigenfalls
      untersttzen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung
      produktiver Krfte berall dem pekuniren Vorteil einzelner
      vorziehen msse.

   15 Ernst Wilh. Arnoldi, geb. 21. Mai 1778. gest. 27. Mai 1841.

   16 Joh. Georg Bsch, geb. 3. Januar 1728, gest. 5. Aug. 1800, grndete
      1767 in Hamburg eine Handelsakademie.

   17 Joseph v. Grres, geb. 25. Januar 1776, gest. 29. Januar 1848, ein
      Publizist, der anfangs fr die Revolution, nachmals fr das
      Deutschtum begeistert, schlielich im Ultramontanismus einen Halt
      suchte und mit Fanatismus gegen den Protestantismus kmpfte.

   18 Robert Blum, geb. 10. November 1807, erschossen am 9. November 1848
      in Wien, wohin er sich im Vertrauen auf seine Unverletzlichkeit als
      Mitglied des Frankfurter Parlaments begeben hatte, um den
      aufstndischen Wienern eine Beifallsadresse der Frankfurter
      Parteigenossen zu berbringen. Als Fhrer einer Elitekompagnie am
      Kampfe beteiligt, wurde er verhaftet und durch ein Kriegsgericht zum
      Tode verurteilt.

   19 Ferd. Lassalle, geb. 11. April 1825, gest. 31. August 1864,
      sozialistischer Agitator, Grnder des Allg. Deutschen
      Arbeitervereins.

   20 Georg Friedrich v. Martens, geb. 22. Februar 1756, gest. 21. Februar
      1821, seit 1816 hannv. Bundestagsgesandter.

   21 Graf Aug. Fried. Ferd. v. d. Goltz, geb. 20. Juli 1765, gest. 17.
      Januar 1832, von 1816-1824 preuischer Bundestagsgesandter, nachher
      Oberhofmarschall.

   22 Wilh. Ludw. Leop. Reinhard Freiherr v. Berstett, geb. 1769, gest. 6.
      Februar 1837, 1816 badischer Bundestagsgesandter, von 1817 bis 1831
      badischer Minister des Auswrtigen.

   23 Klemens Frst v. Metternich, geb. 15. Mai 1773, gest. 11. Juni 1859,
      sterreichischer Minister seit 1809, seit Mai 1821 bis 13. Mrz 1848
      Staatkanzler, Haupttrger der Reaktion in sterreich und
      Deutschland.

   24 Karl Friedrich Nebenius, geb. 29. September 1785, gest. 8. Juni
      1857, Verfasser der badischen Verfassungsurkunde vom 22. August 1818
      und zweimal Minister des Innern.

   25 David Ricardo, geb. 19. April 1778, gest. 11. September 1823, engl.
      Nationalkonom, der als Schler von Adam Smith die Lehre vom
      Freihandel publizistisch vertrat. Seine Gedanken ber das Verhltnis
      zwischen Erzeugungskosten der Waren und Verkaufspreis und ber das
      Verhltnis zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn sind von Marx
      und Lassalle weiter entwickelt worden.

   26 Wilh. Anton v. Klewiz, geb. 1. August 1760, gest. 26. Juli 1838, von
      1817-1824 preuischer Finanzminister, von 1824-1837 Oberprsident
      der Provinz Sachsen.

   27 Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, geb. 7. Oktober 1770, gest.
      14. Mai 1840, seit 1817 Minister fr geistlichen Unterricht und
      Medizinalangelegenheiten, Reorganisator des preuischen Volks- und
      hheren Schulwesens.

   28 Friedrich Leopold v. Kircheisen, geb. 24. Juni 1746, gest. 18. Mrz
      1825, von 1810 ab preuischer Justizminister.

   29 Ludwig Freiherr v. Spittler, geb. 10. November 1752, gest. 14. Mrz
      1810, wurde 1779 als Professor der Philosophie nach Gttingen
      berufen, 1806 zum Minister in Wrttemberg ernannt und zum Kurator
      der Universitt Tbingen.

   30 Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, geb. 21. November 1768, gest.
      12. Februar 1834, Prediger an der Berliner Dreifaltigkeitskirche und
      Professor an der Universitt.

   31 Fried. Christ. Adolf v. Motz, geb. 18. November 1775, gest. 30. Juni
      1830, ursprnglich im Dienste des Knigs von Westfalen ttig, trat
      nach Napoleons Sturz in preuische Dienste ber. 1817 zum
      Prsidenten der Erfurter Regierung ernannt, ward er 1821
      provisorisch, 1824 definitiv Oberprsident von Sachsen, 1825 Geh.
      Staats- und Finanzminister.




3. Der Kampf um das preuische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.


Als Hardenberg seine Weisungen (fr die nach Wien berufene
Ministerkonferenz) an Bernstorff(32) erteilte, schrfte er ihm noch einmal
ein, da ein Bundeszollwesen bei dem gegenwrtigen Zustande der deutschen
Staaten unmglich sei. Sodann wiederholte er ihm wrtlich, was er
gleichzeitig den Abgesandten des Listschen Handelsvereins antwortete und
durch die Staatszeitung verffentlichen lie: Man kann daher die Sache
nur darauf zurckfhren, da einzelne Staaten, welche durch den jetzigen
Zustand sich beschwert glauben, mit denjenigen Bundesgliedern, woher nach
ihrer Meinung die Beschwerde kommt, sich zu vereinigen suchen, und da so
bereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weiter geleitet werden,
welche den Zweck haben, die inneren Scheidewnde mehr und mehr fallen zu
lassen. So war das handelspolitische Programm der preuischen Regierung
nochmals klar und unzweideutig ausgesprochen. Indem sie an ihrem
Zollgesetze festhielt, erklrte sie sich bereit, anderen Bundesstaaten
durch freie Vertrge den Zollanschlu oder Handelserleichterungen zu
gewhren; aber sie sah auch ein -- und hierin lag ihre berlegenheit -- da
alle Klagen wider die Binnenmauten mige Reden blieben, solange die
deutschen Staaten sich ber ein gemeinsames Zollgesetz nicht einigen
konnten.

Auf lebhaften Widerspruch war Bernstorff von vornherein gefat; er wute
wohl, wie unfabar diese nchternen handelspolitischen Gedanken, die heute
jedem gelufig sind, der groen Mehrzahl der deutschen Hfe noch
erschienen. Der leidenschaftliche Ausbruch gehssiger Vorurteile, den er
in Wien erleben mute, bertraf doch seine schlimmsten Erwartungen. Die
naive volkswirtschaftliche Unwissenheit der Epoche feierte auf den
Konferenzen ihre Saturnalien; fast die gesamte deutsche Diplomatie lief
Sturm wider das preuische Zollgesetz. Sobald auf die Fragen des Handels
die Rede kam, verschob sich die Stellung der Parteien vollstndig. Der
preuische Bevollmchtigte, der fast in allen andern Fragen die Mehrheit
der Versammlung nach sich zog, stand in den handelspolitischen Beratungen
ebenso vereinsamt wie in den militrischen, er erschien wie der
Strenfried der deutschen Einigkeit. Dieselben Hfe, die berall sonst den
Wirkungskreis des Bundes ngstlich zu beschrnken suchten, hofften durch
einen rechtswidrigen Bundesbeschlu jene segensreiche Reform, welche dem
preuischen Deutschland den freien Verkehr geschenkt hatte, wieder
umzustoen. Von Mund zu Mund ging die sophistische Behauptung, das
preuische Gesetz verstoe wider den Artikel 19 der Bundesakte, der nichts
weiter enthielt als die Zusage, da der Bundestag wegen des Handels und
Verkehrs in Beratung treten solle.

Preuens bser Genius, so lieen sich selbst Wohlmeinende vernehmen, hat
dies unglckliche Gesetz geschaffen, das ihm berall Zutrauen und
Zuneigung verscherzt; Preuen wird es dereinst noch bereuen! Und seltsam,
die Angriffe der entrsteten Vorkmpfer deutscher Handelsfreiheit
richteten sich ausschlielich gegen Preuen, obgleich auch andere
Bundesstaaten des gleichen Frevels schuldig waren. Bayern hatte soeben
(22. Juli 1819), wie Preuen, ein neues Zollgesetz verkndigt, aber
niemand eiferte dawider. Vollends das sterreichische Prohibitivsystem
belastete nicht nur alle Waren ungleich hrter als das preuische Gesetz,
es verbot sogar einzelne deutsche Erzeugnisse gnzlich, namentlich die
Franken- und Rheinweine. Keiner unter den deutschen Ministern nahm daran
Ansto. Metternich sagte kurzweg zu Berstett: Ich betrachte sterreich
als gar nicht in der Handelsfrage befangen, und der badische Staatsmann
nahm diese Erklrung ohne Widerspruch als selbstverstndlich hin. Also
ward gerade durch den leidenschaftlichen Eifer der Kleinen bewiesen, wie
fest ihre Interessen mit Preuen verkettet waren, wie lose mit sterreich.
Einige der kleinen Minister vertraten den Gedanken der Bundeszlle: so
Fritsch(33), dem sein Groherzog befohlen hatte, die Verlegung aller
Zollinien an die Bundesgrenze zu fordern, so Berstett, der noch immer der
Meinung blieb, durch die Verkndigung allgemeiner Verkehrsfreiheit werde
der Bund am sichersten die Unzufriedenheit der Nation beschwichtigen.
Andere wollten nur den Verkehr mit deutschen Produkten frei lassen, und
diese so wenig wie jene wuten die Mittel zur Ausfhrung ihres Planes
anzugeben: gegen das Ausland, meinte Berstett gemtlich, mge jeder
Bundesstaat seine Zlle nach Belieben anordnen, genug, wenn im Innern
Deutschlands die Mauten hinwegfielen. Zu diesen ehrlichen Enthusiasten
gesellten sich einige Bundesgenossen, die ihre unlauteren Hintergedanken
kaum verbargen. Der Herzog von Coburg(34) erschien selbst in Wien, um
durch sein Veto den Abschlu der Bundeskriegsverfassung zu vereiteln,
falls ihm nicht unbeschrnkte Verkehrsfreiheit gewhrt wrde; doch da die
Konferenz das Bundesmilitrgesetz nicht ins reine brachte, so ward der
feine Plan zu Schanden. Noch dreister trat Marschall(35) auf. Der witterte
mit dem Instinkt des Hasses, da die neue Zollgesetzgebung, das Werk der
demagogischen Subalternen in den Berliner Bureaus, dem preuischen
Staate vielleicht dereinst die Hegemonie im Norden verschaffen knne;
durch ihre Vernichtung dachte er zugleich diesen Staat des Unheils zu
demtigen und der Schlange der Revolution das Haupt zu zertreten.

hnliche Gesinnungen hegte der Kasseler Hof, der bereits, ohne eine
Verstndigung mit dem Nachbarstaate auch nur zu versuchen, den Zollkrieg
gegen Preuen erffnet hatte. Durch ein Gesetz vom 17. September 1819
wurde die Ein- und Durchfuhr vieler preuischer Waren verboten oder mit
schweren Zllen belegt. Der Mehrbetrag der erhhten Abgaben sollte
verwendet werden zum Besten der hessischen Gewerbetreibenden, welche das
preuische Zollgesetz an den Bettelstab gebracht habe -- ein Versprechen,
das der geizige Kurfrst(36) selbstverstndlich niemals einlste. In
Berlin dachte man anfangs an Retorsionen. Der Knig aber hielt sich streng
an die Zusage, da die preuischen Zlle vornehmlich die auerdeutschen
Waren treffen sollten, und wollte feindselige Schritte gegen deutsche
Staaten, wenn irgend mglich, vermeiden. Auch ein Gutachten des
Finanzministeriums gelangte zu dem Schlusse, die hessischen Retorsionen
seien fr Hessen beraus schdlich, fr Preuen ungefhrlich, also nur
der Form wegen zu bekmpfen. Der Gesandte in Kassel sprach sich in diesem
Sinne vertraulich gegen den Kurfrsten aus. Unterdessen lie Preuen die
Kln-Berliner Kunststrae ber Hxter und Paderborn, mit Umgehung des
hessischen Gebiets, ausbauen. Der Verkehr des Nordostens mit dem Sden zog
sich von Hanau hinweg nach Wrzburg, die hessischen Straen begannen zu
verden. Der Kurfrst mute seine Kampfzlle wieder herabsetzen und harrte
nun um so ungeduldiger auf einen Bundesbeschlu, der die Zollinien des
unangreifbaren Nachbarn zerstren sollte.

Unter den Widersachern Preuens verstand doch keiner eine so urwchsig
grobe Sprache zu fhren wie der Herzog Ferdinand von Kthen, ein eitler,
nichtiger Mensch, der im Jahre 1806 wegen erwiesener Unfhigkeit den
preuischen Kriegsdienst hatte verlassen mssen und jetzt persnlich an
die Donau eilte, um die Mediatisierung des uralten Hauses Anhalt
abzuwenden. Die wirkliche Herrin seines Lndchens war seine Gemahlin
Julia, eine geborene Grfin Brandenburg, Halbschwester des Knigs von
Preuen, eine Dame von Geist und Bildung, unermelich stolz auf ihre
frstliche Wrde, den katholisierenden Lehren der romantischen Schule
eifrig zugetan. Da Metternich den Wert einer solchen Bundesgenossin wohl
zu wrdigen wute, so hatte er Adam Mller(37) beauftragt, neben dem
Leipziger Konsulate auch das Amt des sterreichischen Geschftstrgers an
den anhaltischen Hfen zu bekleiden, und der gefeierte Publizist der
ultramontanen Partei wurde der romantischen Herzogin bald ein
unentbehrlicher Ratgeber. Mller hate seine preuische Heimat mit dem
ganzen Ingrimm des Konvertiten. Seinem erfinderischen Kopfe entsprang der
Plan zu einem groen Gaunerstcke kleinfrstlicher Staatskunst, das die
preuische Zollgesetzgebung von innen heraus durchlchern und mindestens
fr die Provinz Sachsen unmglich machen sollte. Das Kthensche Land wurde
einige Stunden weit von der Elbe durchflossen, und die Elbe zhlte zu den
konventionellen Flssen, denen der Wiener Kongre die vollkommene
Freiheit der Schiffahrt zugesagt hatte. Welch eine glnzende Aussicht
erffnete sich also fr die Machtstellung Kthens, wenn die Konferenz sich
bewegen lie, die Freiheit der Elbe sofort und unbedingt von Bundes wegen
einzufhren! Dann konnte der Herzog, obgleich sein Land von preuischem
Gebiete umschlossen war, eine selbstndige europische Handelspolitik
beginnen, er konnte die Freiheit der Elbschiffahrt mibrauchen, um im
Herzen des preuischen Staates dem Schleichhandel eine groe Freisttte zu
erffnen, den gehaten Nachbarstaat mit geschmuggelten Waren zu
berschwemmen und ihn vielleicht zur nderung seines Zollsystems zu
zwingen. Begierig ging der kleine Herr auf diese freundnachbarlichen
Gedanken ein; Gewissensbedenken berhrten ihn nicht, und den Unterschied
von Macht und Ohnmacht vermochte er nicht zu begreifen. Die wiederholten
wohlwollenden Einladungen zum freiwilligen Anschlu an das preuische
Zollsystem hatte er smtlich schroff abgefertigt, in jenem pbelhaft
schreienden Tone, der allen Schriftstcken dieses Hofes gemein war.
Anhalt -- so erklrte er stolz -- kann seine Rettung nur suchen in dem
allgemeinen europischen vlkerrechtlichen Staatenverein und in den
Hilfsmitteln, welche ihm seine geographische Lage an groen Strmen
darbietet.

Mehr oder minder eifrig klagten auch die meisten brigen Bevollmchtigten
wider die Selbstsucht des Staates, der allein dem Ideale der deutschen
Handelseinheit im Wege stehe. Nur die Hansestdte, befriedigt mit ihrer
kosmopolitischen Handelsstellung, wiesen jeden Versuch gemeinsamer
deutscher Handelspolitik khl zurck. Auch Zentner(38) zeichnete sich
wieder durch kluge Besonnenheit aus; dem gestaltlosen Traumbilde einer
allgemeinen Verkehrsfreiheit, deren Bedingungen noch niemand kannte,
wollte er das neue bayrische Zollgesetz nicht opfern. Metternich aber lie
mit schlecht verhehlter Schadenfreude die Kleinen wider Preuen lrmen.
Meisterhaft verstand der Wiener Hof, die Angst vor dem preuischen
Ehrgeiz, die allen Kleinstaaten in den Gliedern lag, je nach Umstnden fr
seine Zwecke auszubeuten. Im Oktober hatte Graf Bombelles(39) auf
ausdrcklichen Befehl des Kaisers Franz dem Groherzog von Weimar(40)
gedroht: wenn man die Karlsbader Beschlsse nicht berall streng ausfhre,
dann mten die beiden Gromchte aus dem Bunde ausscheiden, und dann
wrde der Kaiser sich gentigt sehen, seinem preuischen Alliierten in
Deutschland eine erweiterte Stellung zu verschaffen. Ebenso unbedenklich
benutzte Metternich jetzt die Eifersucht der Kleinen, um Preuens
Handelspolitik zu bekmpfen. Freilich durfte er nicht wagen, die Gegner
seines unentbehrlichen Bundesgenossen offen zu untersttzen, zumal da er
selber an dem sterreichischen Zollwesen nicht das Mindeste ndern wollte.
Unter der Hand jedoch ermutigte er die Ergrimmten und flsterte ihnen zu,
das preuische Zollgesetz sei das Werk einer Partei, deren Zwecke mit
treuem Bundessinn nichts gemein htten. Als handelspolitischen Ratgeber
hatte er sich den Urheber der anhaltischen Schleichhandelsplne, Adam
Mller, nach Wien kommen lassen.

Die Nation war ber das Problem der Zolleinheit noch ebenso wenig ins
Klare gekommen wie ihre Staatsmnner. Von dem politischen Ergebnis der
Konferenzen erwartete sie, nach den Karlsbader Erfahrungen, nichts
Erfreuliches; nur die Aufhebung der Binnenmauten und namentlich der
preuischen Zollinien erschien allen Parteien als ein bescheidener Wunsch,
der bei einigem guten Willen der Regierungen leicht erfllt werden konnte.
Eine Flugschrift Freimtige Worte eines Deutschen aus Anhalt sprach mit
drastischen Worten aus, was nahezu alle Nichtpreuen ber die Berliner
Handelspolitik dachten. Der offenbar wohlmeinende Verfasser fand es
ehrenrhrig, da man die von preuischem Gebiete umschlossenen Staaten als
Enklaven bezeichne, und schlechthin rechtswidrig, da Preuen von
Fremden Steuern erhebe; das Strafurteil der ffentlichen Meinung msse
der Sache der Wahrheit und des Rechts unfehlbar zum Siege verhelfen.

Als Wortfhrer der Kaufleute und Gewerbtreibenden fand sich F. List mit
seinen Getreuen J. J. Schnell und E. Weber auf den Konferenzen ein und
legte eine Denkschrift vor, deren hochgemutes patriotisches Pathos
inmitten der engherzigen partikularistischen Interessenpolitik der Wiener
Versammlung wildfremd erschien. Mit der Einheit der Nation -- so fhrte er
in beredten Worten aus -- sei die vollkommene Unabhngigkeit der
Einzelstaaten nicht vereinbar; der Bund msse den 30 Millionen Deutschen
den Segen des freien Verkehrs schaffen und also in Wahrheit ein Bund der
Deutschen werden. Und was war der praktische Vorschlag, der diesen
begeisterten Worten folgte? List verlangte, da die deutschen Staaten ihre
Zlle an eine Aktiengesellschaft verpachten sollten, und machte sich
anheischig, die Aktien unterzubringen; diese Gesellschaft wrde das
deutsche Bundeszollwesen begrnden und den Regierungen alle Sorge um
lstige Einzelheiten abnehmen! Seltsam doch, in welche holden
Selbsttuschungen der feurige Patriot sich einwiegte. Er behauptete,
Preuen sei geneigt, sein Zollgesetz aufzugeben, obgleich man ihm soeben
von Berlin aus amtlich das Gegenteil versichert hatte. Er sah sich von der
Wiener Polizei argwhnisch beobachtet und schrieb in die Heimat: wir sind
von allen Seiten mit Spionen umgeben, bei einem Spion einquartiert, von
einem Spion bedient; er wute, da Metternich in der Konferenz erklrt
hatte, mit den Individuen, welche sich fr die Vertreter des deutschen
Handelsstandes ausgben, knne man sich auf keine Verhandlungen einlassen,
da der Bundestag bereits den Deutschen Handelsverein als ein
gesetzwidriges und unzulssiges Unternehmen verurteilt habe. Das alles
beirrte ihn nicht in seiner rhrenden Zuversicht. Als nun gar Adam Mller
eine Denkschrift Lists ber deutsche Industrieausstellungen wohlwollend
begutachtete und Kaiser Franz in einer Audienz dem unverwstlichen
Agitator versicherte, seine Regierung werde gern das Wohl des deutschen
Vaterlandes frdern, da whnte er sich schon fast am Ziele: Aller Augen
sind nunmehr auf die Kaiserlich sterreichische Regierung gerichtet. Wie
wrde sich nicht sterreichs edelmtiger menschenfreundlicher Kaiser die
Vlker deutscher Zunge aufs neue verbinden, wenn ihnen so groe Wohltat
von seinen Hnden kme! Als auch diese Tuschung schwand, warf er seine
Hoffnungen auf die sddeutschen Hfe und meinte, seine Sache habe durch
die Verzgerung nur gewonnen. So klammerte sich der edle Patriot an jeden
Strohhalm; nur das preuische Zollgesetz, das dereinst der Eckstein
unserer wirtschaftlichen Einheit werden sollte, erschien ihm, wie der
gesamten Nation, als der Quell des Verderbens.

In der Konferenz erffnete Marschall den Kampf durch eine Denkschrift vom
8. Januar, welche den preuischen Staat mit so grobem Unglimpf berhufte,
da Bernstorff sie dem Verfasser zurckgab. Durch die neuen
Zolleinrichtungen, hie es da, wrden die Eigentumsrechte von
Hunderttausenden angegriffen, das Eigentum und der Besitz vermindert. Dann
forderte der Nassauer getrost: Aufhebung aller seit dem Jahre 1814 neu
eingefhrten Mauten und sofortige Vollziehung der Beschlsse des Wiener
Kongresses ber die Fluschiffahrt; im brigen volle Freiheit fr jeden
deutschen Staat, die Zlle gegen das Ausland willkrlich festzusetzen,
wenn er nur keine Binnenmauten errichte. Da der letztere Vorschlag einen
plumpen Widerspruch enthielt, da kein Einzelstaat sich gegen das Ausland
schtzen konnte, wenn seine deutschen Binnengrenzen unbewacht blieben --
diese handgreifliche Wahrheit war dem nassauischen Staatsmanne ganz
entgangen; er sprach wie der Blinde von den Farben, da sein Lndchen gar
keine Grenzzlle besa.

Dann wiederholte Berstett seine alten Klagen gegen die Binnenmauten und
verteilte unter den Genossen jene gedankenreiche Denkschrift von Nebenius
ber die Bundeszlle; bei ruhiger Prfung muten jedoch alle die
Unmglichkeit einer Bundeszollverwaltung zugestehen, und der badische
Minister selbst lie den Plan seines geistvollen Untergebenen fallen.
Darauf neue wtende Ausflle Marschalls, so grob und ungeschlacht, da
Bernstorff beim Schlu der Konferenzen dem Bundesgesandten schrieb: es
wrde unter der Wrde unseres hchsten Hofes sein, diesem in keiner
Hinsicht achtungswerten Manne irgendeine gegen seine Person gerichtete
Empfindlichkeit zu uern, Goltz mge sich also dem nassauischen Kollegen
gleichgltig fern halten. Nunmehr protestierte auch Fritsch im Namen der
Thringer wider Preuens Enklavensystem und verlangte, jedem Produzenten
msse gestattet werden, seine Erzeugnisse berall in Deutschland frei
abzusetzen, jedem Konsumenten, seinen Bedarf auf dem nchsten Wege zu
beziehen. Dazwischen hinein fuhr der Kthener Herzog, dessen anmaendes
Benehmen Bernstorff nicht grell genug schildern konnte, mit wiederholten
geharnischten Verwahrungen. Er klagte, man lasse ihn alle Lasten des
preuischen Zollwesens tragen, nicht die Vorteile, whrend es doch
lediglich an ihm lag, auf Preuens Anerbietungen einzugehen und auch der
Vorteile teilhaftig zu werden. Er drohte die auswrtigen Garanten der
Bundesakte anzurufen zum Schutze der ber allem Angriff erhabenen Sache
des uralten Hauses Anhalt. Schlielich verweigerte er geradezu der
Schluakte seine Unterschrift, wenn ihm der Bund nicht die freie
Kommunikation mit Europa sicherstellte: so lange die Herzge von Anhalt
sich in einer drckenden unfreiwilligen Zinsbarkeit gegen einen mchtigen
Nachbarstaat befinden, kann fr dieses alte Frstenhaus keine Bundesakte
und also auch keine Schluakte existieren.

Inmitten dieses Geznks bewahrte Graf Bernstorff vornehme Ruhe und
aufrichtigen Freimut. Er beklagte laut, da die Bundesakte durch ihre
allgemeinen Versprechungen unerfllbare Erwartungen geweckt habe. Fest und
stolz wies der preuische Minister jede ehrenrhrige Zumutung zurck: von
der Aufhebung des neuen Gesetzes knne gar nicht die Rede sein. Zugleich
wiederholte er unermdlich in immer neuen Umschreibungen die in der
Staatszeitung verffentlichten Gedanken. Es sei unmglich, eine solche
Einigung anders als durch allmhliche Vorbereitung und die mhsamste
Ausgleichung streitender Interessen bewirkt zu sehen. Nur Vertrge
zwischen den Einzelstaaten knnten dem wirtschaftlichen Elend steuern.
Geschieht dieses im Sden wie im Norden von Deutschland, und werden diese
Versuche unter der Mitwirkung und Pflege des Bundes gemacht, so lt es
sich wohl denken, da man auf diesem freilich langsamen, aber vielleicht
einzig mglichen Wege dahin gelangen werde, die jetzt bestehenden
Scheidewnde aus dem Wege zu rumen und in Beziehung auf Handel und
Verkehr diejenige Einheit der Gesetzgebung und Verwaltung hervorzubringen,
welche ein Verein nebeneinander bestehender freier und besonderer Staaten,
wie ihn der Deutsche Bund bildet, irgend zulassen kann. Auf die
Schmhungen des Ktheners bemerkte er trocken, da in Dresden bereits seit
mehreren Monaten eine Konferenz der Elbuferstaaten tage; dort allein sei
der Ort, die Frage der freien Elbschiffahrt zum Austrage zu bringen.

Wahrlich, ein historischer Augenblick! Der groe Kampf zweier
Jahrhunderte, der alte unvershnliche Gegensatz sterreichischer und
preuisch-deutscher Politik erneuerte sich in diesen unscheinbaren
Hndeln, noch ohne da die Kmpfer den tiefen Sinn des Streites begriffen
{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die ganze Zukunft deutscher Politik hing daran, da Preuens verstndige
Redlichkeit triumphierte ber dies Bndnis der Unklarheit und der Lge.
Und Preuen siegte.

Da die Gegner nur in ihrem Hasse, nicht in irgendeinem positiven Gedanken
bereinstimmten, so errang Bernstorff bereits am 10. Februar einen
durchschlagenden Erfolg in dem handelspolitischen Ausschusse der
Konferenz; er bewog den Ausschu, seine Antrge auf einige mehr
vorbereitende als entscheidende, keinen knftigen bundesfrderlichen
Beschlssen vorgreifende Bestimmungen zu beschrnken. Der Ausschu
beantragte demnach lediglich, da der Bundestag, dem Artikel 19 gem, die
Befrderung des Handels als einen der Hauptgegenstnde seiner Ttigkeit
ansehen solle. Nur ber die Freiheit des Getreidehandels, welche Preuen
schon vor drei Jahren in Frankfurt befrwortet hatte, schienen jetzt alle
Teile endlich einig, und der Ausschu schlug vor, die Frage durch
schleunige Vereinbarung zu erledigen. Als diese Antrge am 4. Mrz in der
Konferenz zur Verlesung kamen, da brach, sobald der Name des Bundestags
erklang, einer der Anwesenden in lautes Lachen aus, und die ganze
Versammlung stimmte frhlich ein. Und diese Staatsmnner, die ihr Urteil
ber die Leistungsfhigkeit des Bundestages so unzweideutig bekundeten,
hatten sich soeben noch vermessen, das preuische Zollgesetz durch einen
Bundesbeschlu aufzuheben! Die Antrge des Ausschusses wurden angenommen,
und um auch den widerspenstigen Kthener zu gewinnen, fgte man noch ein
Separatprotokoll hinzu, kraft dessen die beteiligten Staaten sich
verpflichteten, die Beschlsse des Wiener Kongresses ber die
Fluschiffahrt unverbrchlich zu halten, die Verhandlungen deshalb ttig
zu betreiben.

ber die Freiheit des Getreidehandels setzte man ebenfalls ein besonderes
Protokoll auf, aber Metternich vereitelte schlielich auch diesen einzigen
heilsamen Plan, in dem sich alle Parteien zusammenfanden. Er schob die
Entscheidung immer wieder hinaus, und als die Konferenz endlich zum
Beschlusse schreiten wollte, da war Kaiser Franz, zum lebhaften Bedauern
seines Ministers, bereits nach Prag abgereist. Arglos meldete Bernstorff
einige Tage spter, die Erwiderung Sr. Majestt sei noch immer nicht
eingetroffen. Die Konferenz mute auseinandergehen, ohne das Protokoll
abzuschlieen. Erst gegen Mitte Juni lief die sterreichische Antwort beim
Bundestage ein. Der gute Kaiser, der sich gegen F. List so vterlich ber
das Wohl des deutschen Vaterlandes geuert hatte, meinte jetzt trocken:
das Wiener Protokoll sei eigentlich nur bestimmt, die Veranlassung zur
weiteren Entwickelung der darin ausgesprochenen Grundstze zu geben; man
brauche also nicht frmlich darber abzustimmen, sondern solle nur
sogleich die vorbehaltene Beratung am Bundestage beginnen. Dies geschah
denn auch. In einem salbungsvollen Prsidialvortrage feierte Buol(41) die
Reize des freien Getreidehandels; seine Worte waren aber so allgemein
gehalten, da selbst der harmlose Goltz sofort bemerkte, sterreich hege
Hintergedanken. Darauf beriet der Bundestag mit gewohnter Emsigkeit
weiter, und nach einem Vierteljahr (5. Oktober) beschlo er, zunchst
Nachrichten ber den Stand der Gesetzgebung in den Einzelstaaten
einzuholen. Der freie Getreidehandel verschwand in jenem geheimnisvollen
Schlunde, in dessen Tiefen die ewig unvollendeten Bundesbeschlsse
gebettet lagen. Das waren sterreichs Liebesdienste zum Besten der
deutschen Verkehrsfreiheit. --

Der Verlauf der Konferenzen selbst besttigte durchweg, was Bernstorff
vorhergesagt: da ein Bund ohne politische Einheit keine gemeinsame
Handelspolitik treiben knne. Angesichts dieser Erfahrungen begannen
einige der sddeutschen Staatsmnner sich doch endlich mit den Ratschlgen
Bernstorffs zu befreunden. Eingepret zwischen den Mautlinien Frankreichs,
sterreichs, Preuens, vermochte die Volkswirtschaft des Oberlandes kaum
mehr zu atmen, zumal da noch keiner der sddeutschen Staaten, auer
Bayern, ein geordnetes Zollwesen besa. Die Frage lie sich nicht mehr
abweisen, ob man nicht zunchst versuchen solle, diese zerstckelten
Gebiete in einem handelspolitischen Sonderbunde zu vereinigen, also genau
dasselbe zu tun, was man soeben dem preuischen Staate als
Bundesfriedensbruch vorgeworfen hatte. Den ersten Ansto zu solchen Plnen
gab der wackere du Thil; noch spterhin pflegte der Darmstdter Hof sich
dieses Verdienstes gern zu rhmen. Aber erst durch Berstetts rhrige
Ttigkeit gewann der Gedanke Leben. Der Badener hegte, wie du Thil, die
ehrliche Hoffnung, da aus diesem Sonderbunde nach und nach ein Ganzes
hervorgehen werde; indes dachte er auch an Retorsionen gegen die
preuischen Zlle und gab eine kurz abweisende Antwort, als Bernstorff ihm
versicherte, mit einem sddeutschen Zollverein werde Preuen gern
Handelsvertrge abschlieen. Auch Marschall lie sich auf den Plan nur
ein, weil er erwartete, da Sddeutschland nunmehr mit vereinter Kraft den
Zollkrieg gegen Preuen erffnen werde. Wrttemberg endlich spielte mit
Triasplnen und hoffte, den politischen Bund des konstitutionellen reinen
Deutschlands aus dem Handelsverein hervorgehen zu sehen -- ein Gedanke,
der weder in Mnchen noch in Darmstadt Anklang fand.

Bei solcher Verschiedenheit der politischen Absichten konnte Berstett nach
langwierigen vertraulichen Beratungen nur einen bescheidenen Erfolg
erreichen. Am 19. Mai verpflichteten sich die beiden sddeutschen
Knigreiche, Baden, Darmstadt, Nassau und die thringischen Staaten, noch
im Laufe des Jahres Bevollmchtigte nach Darmstadt zu senden, welche dort
auf Grund einer unverbindlichen Punktation ber die Bildung eines
sddeutschen Zollvereins verhandeln sollten. Mehr wollte der vorsichtige
Zentner, der sein bayrisches Zollgesetz behten mute, schlechterdings
nicht versprechen. Immerhin war jetzt doch ein Weg betreten, der aus dem
Elend der Binnenmauten vielleicht hinausfhren konnte. Die liberale Presse
begrte dankbar die patriotische Tat ihrer Lieblinge. Der allzeit
vertrauensvolle List sah das Ideal der deutschen Zolleinheit bereits
nahezu verwirklicht, und als er bald darauf nach Frankfurt kam, fand er
seinen Gnner Wangenheim(42) in einem Rausche des Entzckens: so trug das
reine Deutschland der gesamten Nation doch endlich die Fackel voran!
Minder hoffnungsvoll, aber durchaus wohlwollend beurteilte Bernstorff den
Entschlu der sddeutschen Hfe. Er versicherte Berstett seiner
Zustimmung; denn gelang es den Mittelstaaten, ihr zerrttetes
Verkehrsleben aus eigener Kraft zu ordnen, so blieb fr die Zukunft eine
Verstndigung mit Preuen mglich. Seinem Knig schrieb er: trotz manchen
feindseligen politischen und staatswirtschaftlichen Hintergedanken bestehe
fr Preuen kein Grund, das Unternehmen zu mibilligen, zumal da das
Gelingen noch sehr fraglich scheine.

Der Versuch, das preuische Zollgesetz durch ein Machtgebot des Bundes zu
vernichten, war gescheitert. Doch unterdessen fhrte der Kthener Herzog
seinen Schmuggelkrieg wider die preuischen Mauten wohlgemut weiter und
hemmte dadurch zugleich die Verhandlungen ber die Elbschiffahrt. Wie oft
hatten einst die Fremden gespottet ber die *furiosa dementia*(43) der
Deutschen, die sich ihre herrlichen Strme durch ihre Zlle selber
versperrten! Erst seit Frankreich das linke Rheinufer an sich ri, ward
dies sprichwrtliche Leiden Deutschlands etwas gelindert. Im Jahre 1804
wurde statt der alten drckenden Rheinzlle das Rheinoktroi eingefhrt,
das im wesentlichen nur bestimmt war, die Kosten der Strombauten und der
Leinpfade(44) zu decken, und diese neue Ordnung bewhrte sich so gut, da
der Wiener Kongre sie auch fr die anderen konventionellen Strme
Deutschlands als Regel vorschrieb. Seitdem war die Weserschiffahrt in der
Tat frei geworden: nach einem langen Streite mit Bremen lie sich
Oldenburg durch die Vermittlung des Bundestages bewegen, auf den
widerrechtlichen Elsflether Zoll endlich zu verzichten (August 1819).
Schwieriger lagen die Verhltnisse zwischen den zehn Uferstaaten der Elbe.
Die von W. Humboldt redigierten Artikel 108-116 der Wiener Kongreakte
stellten den Grundsatz auf, da die Schiffahrt auf den konventionellen
Strmen frei, das will sagen: niemandem verwehrt sein sollte, und
verpflichteten die Uferstaaten, binnen sechs Monaten Verhandlungen
einzuleiten, damit die Schiffahrtsabgaben gleichmig und unabnderlich,
ungefhr dem Betrage des Rheinoktrois entsprechend, festgesetzt wrden.

Offenbar vermochten diese wohlttigen Verheiungen nur dann ins Leben zu
treten, wenn die Erhebung der Schiffahrtsabgaben, wie der Artikel 115
ausdrcklich vorschrieb, von dem Zollwesen der Uferstaaten durchaus
getrennt blieb und alle Beteiligten durch eine strenge Uferpolizei
verhinderten, da die freie Schiffahrt zum Schmuggel in die Nachbarlande
mibraucht wrde. Nur unter dieser Bedingung konnte Preuen, das jene
Artikel der Kongreakte als sein eigenes Werk betrachtete, seine Hand zu
ihrer Ausfhrung bieten; wie durfte man -- so fragte spterhin eine
preuische Staatsschrift -- einem mchtigen Staate zumuten, in seinem
Herzen einen Wurm zu dulden, der seine innere Lebenswurzel annagt? Nur
wenn Anhalt, das von der Provinz Sachsen rings umschlossen war, dem
preuischen Zollsysteme beitrat, konnte die verheiene Freiheit der
Elbschiffahrt und der rechtmige Ertrag der preuischen Einfuhrzlle
zugleich gesichert werden. Seit der alte Dessauer einst die smtlichen
Landgter seiner Ritterschaft aufgekauft, hatten sich Landbau und
Forstwirtschaft in den anhaltischen Lndchen unter der sorgsamen Pflege
ihrer Frsten glcklich entwickelt; alle seine natrlichen Interessen
verwiesen dies blhende Gartenland, das der Industrie noch gnzlich
entbehrte, auf den freien Verkehr mit den benachbarten gewerbereichen
Bezirken Preuens. Was der Vereinbarung im Wege stand, war allein der
tolle Souvernittsdnkel des Herzogs von Kthen und die weiter blickende
Feindseligkeit seines Ratgebers Adam Mller. Die
Anschlieungsinsinuationen des Berliner Kabinetts wies der Herzog emprt
zurck: ob man denn nicht einsehe, so fragte er einmal, wie schon die
bloe Unnatur eines solchen Verhltnisses, die Unterordnung eines
souvernen Frsten unter die Zolladministration eines benachbarten
Staates, dem Bestande eines freundschaftlichen Verhltnisses mit der
Regierung desselben durchaus ungnstig sei!

Da mit Vernunftgrnden bei diesem Hofe nichts auszurichten war, so
begngte sich Preuen vorlufig, sein Enklavensystem gegen Anhalt aufrecht
zu halten. Alle zu Lande nach Anhalt eingehenden Waren wurden dem
preuischen Eingangszolle unterworfen. Nur den Elbschiffern erlaubte man
Sicherheit zu stellen fr die Zahlung der preuischen Abgaben und
erstattete ihnen den Betrag zurck, falls der Verbleib der eingefhrten
Waren in Anhalt nachgewiesen wurde.

Schamloser Unterschleif war die Folge dieser Erleichterung. Der
anhaltische Schleichhandel wuchs von Monat zu Monat, und mit Ungeduld
erwarteten die preuischen Finanzmnner die vertragsmige Regelung dieser
leidigen Zustnde, als endlich im Juni 1819 -- viertehalb Jahre nach dem
Zeitpunkt, welchen der Wiener Kongre vorgeschrieben -- die
Elbschiffahrtskonferenz in Dresden erffnet wurde. Dort sprachen Hamburg
und sterreich eifrig fr die Befreiung des Flusses, die ihnen freilich
nur Vorteil bringen konnte, da die Hansestadt gar keine Schiffahrtsabgaben
erhob und die hohen bhmischen Elbzlle auf der wenig befahrenen obersten
Stromstrecke nur geringen Ertrag brachten. Dnemark hingegen, Mecklenburg,
Anhalt zeigten sich schwierig. Am hartnckigsten aber verteidigte Hannover
seinen Besitzstand; denn das welfische Knigreich berlie die Sorge wie
die Kosten fr das Fahrwasser der Niederelbe gromtig dem Hamburger
Senate und erhob dafr in Brunshausen, nahe bei Stade, einige Meilen
oberhalb der Mndung, seinerseits einen hohen Zoll von allen eingehenden
Seeschiffen. Sein Bevollmchtigter verwahrte sich feierlich gegen jeden
Versuch, dies Kleinod der Welfenkrone anzutasten: das sei ein Seezoll, der
mit der Elbschiffahrt nichts zu schaffen habe, und nimmermehr knne die
Absicht der Wiener Verheiungen dahin gehen, die Basis alles
volkstmlichen Glcks, den Rechtszustand zu erschttern. Kein Zureden
half; die Konferenz mute den Stader Zoll ganz aus dem Spiele lassen und
nur den Stromverkehr oberhalb Hamburgs zu erleichtern suchen. Nach
zweijhrigen Verhandlungen, die den preuischen Bevollmchtigen oft der
Verzweiflung nahe brachten, kam endlich am 23. Juli 1821 die
Elbschiffahrtsakte zustande, ein drftiger Vergleich, der in Form und
Inhalt die Spuren mhseliger Kmpfe verriet; immerhin wurden die
bestehenden Schiffahrtsabgaben doch etwas herabgesetzt, und der Verkehr
auf dem Strome begann sich bald zu heben.

Die preuische Regierung behauptete whrend dieses unleidlichen Geznks
durchweg eine vershnliche Haltung. Sie gab fr den Elbverkehr ihre
Durchfuhrzlle auf, die einen so wesentlichen Bestandteil ihrer
Handelspolitik bildeten, und war bereit, die Schiffahrtsabgaben noch
weiter herabzusetzen als die kleinen Nachbarn zugestehen wollten; aber sie
erklrte auch von vornherein, da sie eine Schmugglerherberge im Innern
ihres Staates nicht dulden werde und darum die Elbschiffahrtsakte nur
unterzeichnen knne, wenn Anhalt sich ihrem Zollwesen anschliee. Ihr
Bevollmchtigter fgte warnend hinzu: das eigene Interesse der kleinen
Regierungen gebiete ihnen, das Zollsystem des groen Nachbarstaates zu
untersttzen, weil dadurch die zu ihren Gunsten bestehende Zerstckelung
Deutschlands in ihren nachteiligen Folgen gemildert werden wrde. Wie
flammte der kleine Kthener Herr auf, als er diese unerhrte uerung
preuischen bermuts erfuhr und gleichzeitig Bernstorff in einem neuen
Mahnschreiben an die Kthener Regierung offen aussprach: die
norddeutschen Staaten haben den Schutz fr ihre Existenz, ihre Wohlfahrt
und Selbstndigkeit und ihre gemeinntzigen Anstalten von Preuen zu
erwarten. Der Herzog, der gerade mit seinem kniglichen Schwager zugleich
in Karlsbad verweilte, berichtete sofort alles an Marschall. Ich
schmeichle mir, so schrieb er, da alle Gutgesinnten auf meiner Seite
stehen und nicht zugeben, da es Preuen erlaubt wird, sich alles zu
erlauben. Ob einem Kabinett, das durch einen solchen Mann reprsentiert
ist, zu trauen ist, lasse ich dahingestellt. Dann fuhr er hhnisch fort:
das Spahafteste ist, da der Knig mit uns ebenso freundlich als sonst
ist -- und bat den Nassauer, auch fernerhin auf Wittgenstein(45), der
ganz im guten Geiste ist, wirken zu lassen, damit die Partei, welche das
Zollgesetz halte, zu Falle komme. Im gleichen Tone antwortete Marschall:
Man hat zwar bisher hnliche Phrasen in dem Munde deutscher Revolutionre
gehrt, nicht aber in dem eines Reprsentanten eines deutschen Knigs.
Wenn Preuen das nrdliche Deutschland und ganz Deutschland schtzt, so
schtzt umgekehrt das nrdliche Deutschland und ganz Deutschland Preuen.
Rechte und Verbindlichkeiten sind durchaus wechselseitig. Wer das
Gegenteil behauptet, verletzt die erste und Hauptgrundlage des Bundes und
bewegt sich auerhalb des Bundes. Namentlich hat der mchtigste der
deutschen Bundesstaaten, sowohl im Bunde als in Europa, bei jeder
Gelegenheit den entgegengesetzten Grundsatz laut ausgesprochen und bei
jeder Veranlassung geltend gemacht.

Dieser mchtigste der Bundesstaaten trieb unterdessen sein doppeltes Spiel
weiter. Metternich, der ebenfalls in Karlsbad anwesend war, hielt zwar,
auf Preuens Wunsch, einige Unterredungen mit dem Herzog, angeblich, um
den Streit beizulegen. Aber zur nmlichen Zeit reichte die Kthener
Regierung eine Klage beim Bundestage ein und forderte die Herausgabe eines
dem Kthener Kaufmann Friedheim gehrigen Elbschiffes, das beim
preuischen Zollamte Mhlberg an der Kette lag, weil der Schiffer fr den
Betrag der preuischen Zlle keine Sicherheit stellen wollte. Nachher
ergab sich -- der sterreichische Bevollmchtigte Mnch in Dresden mute es
selber dem preuischen Gesandten [Jordan] eingestehen -- da Adam Mller
den Friedheim zu seiner Weigerung aufgestiftet hatte, um den Streit vor
den Bundestag zu bringen.

Da Preuen unerschtterlich blieb, so bequemten sich die drei anhaltischen
Herzge schlielich doch zu einem Zugestndnis und versprachen auf der
Dresdener Konferenz feierlich zu einem Vereine mit Preuen wegen
Sicherstellung seiner Landesabgaben auf mglichst ausfhrbare Weise die
Hand zu bieten. Auf dies Frstenwort vertrauend, hielt Knig Friedrich
Wilhelm den Hader nunmehr fr abgetan; er ratifizierte die Akte, lie
jenes unglckliche Kthener Schiff freigeben, also da die Klage am
Bundestage ihren Gegenstand verlor, und Bernstorff lud die anhaltischen
Hfe nochmals ein, in Berlin wegen der Bedingungen des Zollanschlusses zu
verhandeln. Aber Monate vergingen, und kein anhaltischer Bevollmchtigter
erschien. Dem unaufhaltsamen Kthener war es gelungen, seine wohlmeinenden
Vettern von Dessau und Bernburg(46), die ihr Wort halten wollten, wieder
umzustimmen; sie hatten ihm versprechen mssen, nicht ohne ihn dem
preuischen Zollsystem beizutreten, und er war inzwischen mit seinem Adam
Mller ber einen neuen Betrug einig geworden.

Da die Elbschiffahrtsakte im Mrz 1822 in Kraft treten sollte, so
entschlo sich Minister Klewiz im Januar, das Enklavensystem gegen Anhalt
vorlufig aufzuheben, was die Finanzpartei in Berlin schon lngst
gefordert, Eichhorn aber, aus Wohlwollen gegen das Nachbarland, bisher
verhindert hatte. Man umringte demnach die drei Herzogtmer mit
preuischen Zollstellen; der Elbverkehr dagegen ward, gem der Akte,
freigegeben und Preuen begngte sich, die nach Anhalt bestimmten Schiffe
einer Durchsuchung zu unterwerfen. Eben auf diese Vertragstreue Preuens
hatte Adam Mller seinen sauberen Plan berechnet. Die Durchsuchung der
Elbschiffe wurde natrlich zu leerem Scheine, sobald man anhaltischerseits
unredlich verfuhr. Nun taten sich sofort mehrere groe englische
Exportfirmen mit Kthener Kaufleuten zusammen, um den Schleichhandel unter
dem Schutze des Herzogs in groem Stile zu pflegen. Das gesamte Lndchen
ward ein Schwrzerwirtshaus, ein Stelldichein fr die Gauner und
Spitzbuben des deutschen Nordens. Die groe Mehrzahl der treuen Kthener
segnete dankbar den Landesherrn, der ihnen billige Waren und reichlichen
Verdienst beim schmutzigen Handel verschaffte. Wunderbar, wie sich die
Verzehrungskraft dieses glcklichen Vlkchens mit einem Male hob, als wre
ein Goldregen ber das Land gekommen. Nicht lange, und der anhaltische
Konsum von auslndischen Waren verhielt sich zu dem preuischen wie
64 : 1000, der von baumwollenen Waren, die in Preuen hoch verzollt
wurden, wie 165 : 1000, die Bevlkerung der beiden Lande stand wie
9 : 1000. Fr die Drogen dagegen, welche das preuische Gesetz mit einem
niedrigen Zoll belegte, zeigten die Anhalter geringere Neigung; hier
stellte sich das Verhltnis nur wie 13 : 1000. Und bei dieser
bernatrlichen Konsumtion gingen die herzoglichen Zollbeamten dem Volke
mit gutem Beispiel voran: der Zollinspektor Klickermann in Dessau bezog,
wie Preuen aus den Listen seiner Elbzollmter nachwies, in dem einen
Jahre 1825 fr seinen Hausbedarf zollfrei auf dem Strome: 53 Oxhoft Wein,
4 Oxhoft Rum, 98 Scke und 1 Fa Kaffee, 13 Scke Pigment und Pfeffer,
insgesamt an 1000 Zentner. Mehr denn eine halbe Million Taler im Jahre
wurden durch den anhaltischen Schleichhandel den preuischen Kassen
vorenthalten; der Zollertrag in den Provinzen Brandenburg und Sachsen
stieg nachher, als Anhalt endlich sich dem preuischen System unterworfen
hatte, bald von 3,135 auf 4,128 Millionen.

Der Besitz einer souvernen Krone ohne Macht entsittlicht auf die Dauer
ihren Trger. Wie grndlich mute das Rechtsgefhl der kleinen Hfe, seit
sie keinen Richter mehr ber sich anerkannten, verwstet sein, wenn dies
rechtschaffene askanische Haus, das von jeher einer wohlverdienten
allgemeinen Achtung geno und so viele seiner tapferen Shne in die Reihen
des preuischen Heeres gesendet hatte, sich jetzt unbedenklich
erdreistete, die Gesetzgebung seines alten treuen Beschtzers durch groben
Unfug zu untergraben! Ein Unglck, da der ehrwrdige Senior des
anhaltischen Gesamthauses, der seinem Lndchen unvergeliche Leopold
Friedrich Franz von Dessau vor kurzem(47) gestorben war; er wrde den
zweifachen Vertragsbruch schwerlich geduldet haben, denn Anhalt hatte sich
auf dem Wiener Kongresse zur Unterdrckung des Schleichhandels
verpflichtet und nachher in Dresden feierlich eine Verstndigung mit
Preuen versprochen.

Um dieser letzteren Verpflichtung scheinbar zu gengen, sendete Herzog
Ferdinand endlich im Januar 1822 seinen Hofmarschall Sternegg nach Berlin,
befahl ihm, allein mit Hardenberg zu verhandeln; mit Bernstorff zu
sprechen, sei unter der Wrde des Ktheners. Der Staatskanzler aber zwang
den Abgesandten kurzweg, sich an das Auswrtige Amt zu wenden, und dort
stellte sich heraus, da Sternegg durchaus keine Anerbietungen wegen des
Zollanschlusses zu bringen, sondern lediglich eine Entschdigungsforderung
zu berreichen hatte. Der Schaden Kthens betrug, nach dem billigen
Mastabe der Kopfzahl angeschlagen, etwa 40 000 Taler fr drei Jahre. Der
Herzog berechnete das Zehnfache und zeigte sich hoch erstaunt, da Preuen
den Kthener Schmuggel in Gegenrechnung stellte. Nach langen, gereizten
Errterungen rckten die Herzge schlielich mit dem Vorschlage heraus:
Preuen mge dem enklavierten Anhalt durch einen Gebietsaustausch auf
ewige Zeiten freien Verkehr mit Sachsen verschaffen, dann seien die drei
Hfe bereit, sich versuchsweise auf einige Jahre dem preuischen
Zollsystem anzuschlieen. Sofort wies Bernstorff die unangemessene
Zumutung scharf zurck, der Unterhndler mute abziehen, und Anhalt blieb
mit preuischen Zollinien umgeben. Aber der Schleichhandel blhte frhlich
fort, die Grenzwache Preuens war machtlos gegen den bsen Willen der
herzoglichen Behrden. Obwohl der Berliner Hof ber Adam Mllers Rnke
genau unterrichtet war, so wollte er doch schlechterdings nicht glauben,
da Frst Metternich das Treiben seines Generalkonsuls billige. Jahrelang
ertrug der preuische Adler langmtig die Bisse der anhaltischen Maus,
immer in der Hoffnung, da die drei Herzge endlich noch ihr Wort einlsen
wrden.

Und in diesem Streite, der alle Selbstsucht, allen Dnkel, alle Torheit
der Kleinstaaterei an den Tag brachte, stand die deutsche Presse wie ein
Mann zu den anhaltischen Schmugglern. Der Schmerzensschrei des freien
Ktheners war das Wiegenlied der deutschen Handelseinheit, die erst nach
zwei Menschenaltern auf demselben Elbstrome unter den Weherufen des freien
Hamburgers ihr letztes Ziel erreichen sollte. Mit einer Verblendung
ohnegleichen tuschte sich die Bevlkerung der kleinen Staaten, bei jeder
Wendung dieses wirrenreichen Kampfes, regelmig ber ihr eigenes und des
Vaterlandes Wohl, um jedesmal, sobald der gefrchtete Anschlu an Preuen
endlich vollzogen war, die Notwendigkeit der nderung nachtrglich dankbar
anzuerkennen. Ebenso regelmig verdeckte der Partikularismus seine
Selbstsucht hinter dem schnen Worte der Freiheit; bald nahm er die
Freiheit des Handels, bald das freie Selbstbestimmungsrecht der deutschen
Strme, bald auch beides zugleich zum Vorwand, und jedesmal lie sich die
vom Liberalismus beherrschte ffentliche Meinung durch solche hohle
Kraftworte verfhren.

Die unausrottbaren Vorurteile wider das preuische Zollgesetz wirkten
zusammen mit jener gedankenlosen Gemtlichkeit, die es unbesehen fr
unedel hlt, bei einem Kampfe zwischen Macht und Ohnmacht die Partei des
Strkeren zu ergreifen. Und dazu der juristische Formalismus unserer
politischen Bildung, der gar nicht ahnte, da im Staatenverkehre das
formelle Recht nichtig ist, wenn es nicht durch die lebendige Macht
getragen wird. War denn Kthen nicht ebenso souvern wie Preuen? Wie
durfte man dieser souvernen Macht einen Zollanschlu zumuten, der ihr
freilich nur Segen bringen konnte und sich aus ihrer geographischen Lage
mit unabwendbarer Notwendigkeit ergab, aber ihrem freien
Selbstbestimmungsrechte widersprach? Und wenn es ihr beliebte, die
Freiheit der Elbe zur boshaften Schdigung des Nachbarlandes zu gebrauchen
-- in welchem Artikel der Bundesakte war dies denn verboten? Da Anhalt
sich durch die Wiener Vertrge zur Beseitigung des Schleichhandels
verbunden hatte, berging man mit Stillschweigen. Bignon(48), der alte
Anwalt der deutschen Kleinstaaten, trat ebenfalls auf den Kampfplatz mit
einem offenen Briefe ber den preuisch-anhaltischen Streit. Er beklagte
schmerzlich, da Frankreich nicht mehr wie sonst vom Niederrhein her des
Richteramtes ber Deutschland warten knne; aber Frankreich ist von der
Natur bestimmt, immer zu herrschen, und wenn es das Szepter der Macht
verloren hat, so hat es doch das Szepter der ffentlichen Meinung
bewahrt. Vor dem Szeptertrger der ffentlichen Meinung fand Preuen, wie
billig, keine Gnade. Auf diesem Wege der Usurpationen, rief Bignon, ist
das Haus der Capetinger einst schrittweis dahin gelangt, die groen
Vasallen Frankreichs zu vernichten. Treuherzig sprach der deutsche
Liberale die Warnung des Bonapartisten nach.

Auch die Mehrheit am Bundestage kam der Klage des Kthener Hofes, die
selbst nach der Freigebung jenes Elbschiffes nicht zurckgezogen wurde,
bereitwillig entgegen. Umsonst verwahrte sich Knig Friedrich Wilhelm, als
er im Sommer 1821 durch Frankfurt kam, mit scharfen Worten wider den
Vorwurf, da er Anhalt mediatisieren wolle. Die kleinen Hfe lieen sichs
nicht ausreden: Preuen wnsche, wie Berstett sich ausdrckte, seine
geographische Dnnleibigkeit auf Kosten einiger Kleineren zu arrondieren.
Der neu ernannte badische Bundesgesandte Blittersdorff(49) und die
Klgeren seiner Genossen wuten wohl, wie wenig bei dem bekannten
Charakter des Herzogs oder vielmehr der Frau Herzogin auf ein
verstndiges Abkommen zu rechnen sei; doch sie meinten, dies sei die
Gelegenheit fr den Bundestag, seine Dauer und Lebenskraft zu erproben.
Es galt, Preuen zu demtigen vor einem ohnmchtigen Nachbarn; es galt,
der norddeutschen Gromacht zu beweisen, da sie, nach Marschalls Worten,
ebenso sehr durch Kthen geschtzt werde, wie Kthen durch Preuen. Von
den greren Bundesstaaten zeigte allein Bayern ein Verstndnis fr die
Machtverhltnisse; nachdem die Mnchener Regierung soeben selber die
Schwierigkeiten der Einfhrung eines neuen Zollsystems kennen gelernt
hatte, meinte sie doch, da ein kleiner Unterschied bestehe zwischen einem
Reiche und einer Enklave. Die anderen beurteilten die Frage nach den
Gesichtspunkten des Zivilprozesses, und da die Rechtsfrage allerdings
zweifelhaft lag, so entspann sich am Bundestage eine grimmige Fehde, die
durch viele Jahre hingeschleppt, den liberalen Zeitungen immer wieder den
willkommenen Anla bot, Preuen als den Friedensbrecher Deutschlands zu
brandmarken.

Das also war fr Preuen das Ergebnis der handelspolitischen Verhandlungen
in Wien und Dresden. Das neue Zollgesetz war gegen den Widerstand fast
aller Bundesstaaten unverndert aufrecht geblieben, auch die Freiheit der
Elbe war notdrftig sicher gestellt, und die alte Ansicht der preuischen
Regierung, da der Bund fr den deutschen Verkehr schlechterdings nichts
zu leisten vermge, hatte sich abermals besttigt. Aber ebenso fest stand
auch die Erkenntnis, da Verhandlungen mit den einzelnen Staaten, bei
ihrer gegenwrtigen Stimmung, vorlufig ganz aussichtslos waren. Welche
unbelehrbare Gehssigkeit war dem Grafen Bernstorff entgegengetreten,
welche anmaende Sprache hatte er anhren mssen, erst in Wien, dann in
Dresden! Nach so niederschlagenden Erfahrungen fate man in Berlin den
verstndigen Entschlu, fortan keine Einladungen mehr ergehen zu lassen,
sondern gelassen zu warten, bis die Not den kleinen Nachbarn die Augen
ffne. In diesem Sinne erging an smtliche Gesandten in Deutschland die
gemessene Weisung, sich streng zurckzuhalten und auf alle
handelspolitischen Anfragen lediglich zu antworten: der Knig habe schon
im Jahre 1818 sich zu Verhandlungen bereit erklrt, er hege noch immer den
Wunsch, andere deutsche Staaten mit seinem Zollsysteme zu verbinden, jetzt
sei es an den Nachbarn, dem guten Willen entgegenzukommen. Eichhorn
begrndete diesen Entschlu mit der Erwgung, da die Eifersucht der
Dynastien durch Einladungen erfahrungsgem nur gereizt wrde: Solche
Antrge konnten zugleich als Aufforderungen zur nderung ihrer inneren
Staatsgesetzgebung und als ihre Selbstndigkeit gefhrdende Anmutungen
mideutet werden. Gegen das tiefeingewurzelte Mitrauen der kleinen Hfe
wirkte nur eine Waffe: ruhiger Gleichmut, der die Natur der Dinge fr sich
wirken lie. Was verschlug es auch, wenn die Presse unablssig ber
Preuens selbstschtige Sonderstellung Wehe rief? Von der ffentlichen
Meinung, die sich noch weit verblendeter zeigte als die Hfe, hatte die
Handelseinheit des Vaterlandes nichts zu erwarten; Preuens bester
Bundesgenosse war die wachsende Finanznot der kleinen Staaten.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 29ff.

                            ------------------




   32 Christian Gnther Graf v. Bernstorff, geb. 3. April 1769, gest. 28.
      Mrz 1835, trat 1818 aus schwedischen Diensten in die preuischen
      ber und wurde Minister des Auswrtigen. 1832 trat er von seinem
      Amte zurck.

   33 Karl Wilhelm Freiherr v. Fritsch, geb. 16. Juni 1769, gest. 16.
      Oktober 1851, war von 1815-1843 Groh. Schs. Minister.

   34 Ernst III. seit 12. November 1826, Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha
      (gest. 29. Januar 1844).

   35 Vertreter Nassaus am Bundestag.

   36 Wilhelm I., gest. 27. Februar 1821.

   37 Adam Mller, geb. 30. Juni 1779, gest. 17. Januar 1829, damals
      sterreichischer Generalkonsul fr Sachsen in Leipzig.

   38 Georg Friedrich Freiherr v. Zentner, geb. 27. August 1752,
      gest. 20. Oktober 1835, bayrischer Staats- und Justizminister.

   39 Ludw. Phil. Graf v. Bombelles, geb. 1. Juli 1780, gest. 7. Juli
      1843, sterr. Diplomat, damals Gesandter in Dresden, nachmals an
      anderen Hfen.

   40 Karl August, geb. 3. September 1757, gest. 14. Juni 1828.

   41 Joh. Rudolf Freiherr v. Buol-Schauenstein, geb. 21. November 1763,
      gest. 12. Februar 1834, von 1816-1823 Bundesprsidialgesandter,
      nachher Staatminister und Prsident der Hofkommission.

   42 Karl August Freiherr v. Wangenheim, geb. 14. Mrz 1773, gest. 19.
      Juli 1850, von 1817-1823 wrttembergischer Gesandter am Bundestage.

   43 Den rasenden Wahnsinn.

   44 Unter Leinpfaden versteht man die an schiffbaren Wasserlufen
      angelegten Wege, von denen aus Schiffe mittels einer am Maste
      befestigten Leine stromaufwrtsgezogen oder getreidelt werden
      (daher auch Treidelwege genannt).

   45 Wilh. Ludwig Georg Graf zu Sayn-Wittgenstein, geb. 9. Oktober 1770,
      gest. 11. April 1851, von 1814-1819 Polizeiminister, seitdem
      Minister des Kniglichen Hauses.

   46 Anhalt zerfiel damals in die 3 Teile Anhalt-Dessau, Anhalt-Kthen,
      Anhalt-Bernburg. Herzog von A.-Dessau war damals Leopold IV.
      Friedrich (1817-1871), von A.-Kthen Ferdinand (1818-1830), von
      A.-Bernburg Alexius Friedr. Christian (1796 bis 1834). Seit 1863 war
      das ganze anhaltische Gebiet in die Hnde Leopolds IV. vereinigt.

   47 9. August 1817.

   48 Louis Pierre Baron Bignon, geb. 1771, gest. 5. Januar 1841,
      franz. Diplomat und Publizist, zeitweilig als franzsischer
      Geschftstrger bzw. bevollmchtigter Minister an deutschen Hfen
      ttig, nach Belle-Alliance Minister der auswrtigen Angelegenheiten.

   49 Friedrich Landolin Karl Freiherr v. Blittersdorf, geb. 10. Februar
      1792, gest. 16. April 1861, war von 1821-1835 badischer
      Bundestagsgesandter, danach bis 1843 Minister der auswrtigen
      Angelegenheiten, von 1843-1848 wieder Bundestagsgesandter.




4. Die Darmstdter Zollkonferenzen.


Sehr wichtig wurde die groe Handelskonferenz der sddeutschen und einiger
mitteldeutschen Kleinstaaten, welche, den Wiener Verabredungen gem, am
13. September 1820 in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim die
Unruhe in der Uhr. Unermdlich kam er von Frankfurt herbergeritten, immer
zur Vermittlung bereit, gleich befreundet mit dem Schutzzllner List und
dem Freihndler Nebenius; denn aus diesem Handelstage mute unfehlbar der
politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der Tat blieben
die Darmstdter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar, obgleich sich Plne
und Gegenplne noch rastlos wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel
bereinander drngten. Sie dienten als ein Luterungsproze, der die
unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen Handelspolitik
ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie dem aufmerksam zuschauenden
Berliner Hofe die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Interessen der
Bundesstaaten kennen zu lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins
ernstlich zu erwgen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes
Scheitern, da ein Zollverein ohne Preuen unmglich war. Von einem
binnenlndischen Wirtschaftsgebiete, dem die Kste fehlte, konnte niemals
eine lebensfhige nationale Handelspolitik ausgehen.

Kein Wunder freilich, da die mihandelte Nation den ersten Versuch zur
Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel aufnahm. Zahlreiche Dankadressen
belohnten den hochherzigen Entschlu der Hfe. Badische Landwirte
bezeugten schon im Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstdter
Konferenzen sei der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem wahrhaften
Nationalinstitute. Sogar jener kluge E. W. Arnoldi in Gotha, der zuerst
unter den deutschen Geschftsmnnern die nationale Bedeutung des
preuischen Zollgesetzes erkannt hatte, lie sich jetzt durch die
Zeitstrmung fortreien und bat seinen Herzog um Anschlieung an die
sddeutschen Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der berlegenen
preuischen Fabriken nicht ertragen knne. Die Wnsche und Erwartungen des
Publikums gingen freilich hergebrachtermaen nach allen Himmelsrichtungen
auseinander. Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten
Freihandel: mehr als 15 Kreuzer Zoll knne der Zentner Kolonialwaren
schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich in den blichen
Ausfllen gegen jene stolzen Auslnder. In der bayrischen Kammer
beantragte der Abgeordnete Kster eine deutsche Nationaltracht aus
deutschen Stoffen; schon in der Volksschule msse den Kindern der
patriotische Abscheu vor auslndischen Waren eingeflt werden. Die
Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf harte Zlle wider den
Frankfurter Handel: der Verein solle anderen Pltzen die Vorteile
gewhren, welche die stolze Mainstadt ihren ungebhrlich groen Kapitalien
verdanke; den Rheinpreuen msse er jede Erleichterung versagen, so lange
nicht der preuische Staat dem Vereine beitrete und der Mehrheit sich
unterwerfe.

Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt durch die Schriften
Lists und seiner Genossen, die sich allmhlich ganz in die Irrtmer des
starren Prohibitivsystems verloren. Miller von Immenstadt forderte in
einer fr die Darmstdter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821):
Verbot aller auswrtigen Waren, die wir selbst erzeugen oder durch
Surrogate ersetzen knnen; mit der Schweiz und Piemont, mit Holland,
Hannover, den Hansestdten und Holstein msse man sich zu verbinden
suchen; der Knig von Dnemark werde als treuer deutscher Bundesfrst
sicherlich geneigt sein, die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu
decken. Das alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen
patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen Mahnungen
des Listschen Vereins, der sich auch in Darmstadt wieder durch Sendboten
vertreten lie, bald sehr unbequem. Der badische Bevollmchtigte Nebenius
verbot seinem Sekretr, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator ins
Gesicht, seine Anwesenheit sei berflssig, errege schlimme Gerchte. List
blieb ohne jeden Einflu auf den Verlauf der Beratungen, und Berstett
hielt fr ntig, seinem Gnner Metternich von vornherein zu beteuern: nur
das Gebot der Selbsterhaltung, nicht die einseitigen, trgerischen, von
einer kleinen Schar eigenschtiger Fabrikanten ausgegangenen
Deklamationen htten das Darmstdter Unternehmen hervorgerufen.

Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die ffentliche
Meinung, denn die verbndeten Staaten bildeten nur scheinbar eine
geographische Einheit. Sobald man den Geschften ernsthaft ins Auge sah,
zeigte sich, da eine natrliche Gemeinschaft sddeutscher
Volkswirtschaft, dem Norden gegenber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder
einmal jene eigentmliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft
schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers gespielt
hat zwischen Nord und Sd. Die kleinen oberrheinischen Staaten waren dem
rheinischen Tieflande durch strkere Interessen verbunden als den
bayrisch-schwbischen Landen. Nun gar Kurhessen und Thringen wurden nur
durch eine politische Schrulle, durch den Ha gegen Preuen, in diese
sddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt sich der Kasseler Hof
von vornherein unlustig und ablehnend. Die thringischen Staaten begannen
schon 1822 Sonderberatungen in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an
den Darmstdter Konferenzen teil und belstigten das Berliner Kabinett mit
nichtssagenden allgemeinen Anfragen -- die bare Ratlosigkeit des
Nichtwollens und Nichtknnens.

Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze und Ansichten!
In Baden verboten sich hohe Zlle von selbst, weil das gesamte Land nur
aus Grenzbezirken bestand und die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes
Mautwesen besa. Die Regierung verstand die gnstige Handelslage des
Staates geschickt auszubeuten, sie begngte sich mit sehr niedrigen
Finanzzllen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel nach Baden
lockten und den Staatskassen reichen Ertrag brachten. Die Groindustrie
konnte unter diesem Systeme freilich nicht Fu fassen; sie galt im
Finanzministerium fr berflssig. Auch das Volk vermite sie nicht, da
der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte. Alle deutschen
Nachbarn aber klagten laut; denn ein groartiger Schmuggelhandel trieb von
Baden her, namentlich auf dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der
Regierung unziemliche Nachsicht; manche hliche Skandalflle, so der
ungeheure Defraudationsproze der Firma Renner, erinnerten an Kthensche
Zustnde. In Darmstadt herrschte noch ein veraltetes physiokratisches
System, das keine Grenzzlle kannte und fast den gesamten Staatsaufwand
aus direkten Steuern und dem Ertrage der Domnen bestritt; der Mainzer
Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen konnte,
beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest zu hten. In Nassau ging das
herzogliche Domanium mit seinen herrlichen Rebgrten und Mineralwassern
jedem anderen wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die
Fabriken fr staatsgefhrlich, Grenzzlle zum mindesten fr bedenklich und
fhrte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn oft als ein
finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der mchtige Beamtenstand befand
sich wohl bei der unnatrlichen Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen
Markte; nach den Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besa bereits
in Franken und Schwaben die ersten Anfnge einer aufstrebenden
Groindustrie; die bayerischen Zlle standen im Durchschnitt etwas
niedriger als die preuischen, brachten aber geringen Ertrag wegen der
unverhltnismigen Kosten der Grenzbewachung. Der wrttembergische
Gewerbeflei blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurck; die
Stuttgarter Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen dem
Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzllnerischen Wnschen der
bayrischen Fabrikanten.

So abweichende Richtungen zu vershnen war unmglich auf dem engen Raume
eines sddeutschen Verbandes. Allein ein groes freies Marktgebiet konnte
die Staaten genugsam entschdigen fr die unvermeidlichen Opfer und
Belstigungen, welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt; und
diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man nur durch den Anschlu an
Preuen, der von smtlichen Teilnehmern grundstzlich verworfen wurde.
Wir alle -- so gestand du Thil spterhin selber -- strebten ja einzig
darnach Front gegen Preuen zu machen. Selbst die politische Eintracht
der Verbndeten stand auf schwachen Fen, wie laut auch die Liberalen den
natrlichen Bund der konstitutionellen Staaten priesen. {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Es war ein
Unglck fr die Konferenz, da ihr mehrere Bundesgesandte als
Bevollmchtigte angehrten und also auch noch die Rnke und Klatschereien
der Eschenheimer Gasse in das wste Durcheinander der Beratungen
hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen, wie sein
greiser Groherzog, mit nchternem Geschftsverstande und wollte von
politischen Hintergedanken nichts hren. Marschall und nach einigem
Schwanken auch Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg.
Das Mnchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung. Whrend
Aretin(50), der erste Bevollmchtigte, in Darmstadt wie in Frankfurt
vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte und Lerchenfeld(51) {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} den
sddeutschen Handelsverein ehrlich wnschte, betrachtete Graf Rechberg(52)
die Darmstdter Konferenz mit Mitrauen, und der zweite Bevollmchtigte
Jrres, der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das Seinige, um
die Verhandlungen zu erschweren. Mit zhem Eigensinn hielt jeder Hof seine
Forderungen fest, obschon im Grunde noch keiner eine durchgebildete
handelspolitische berzeugung besa; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein
Verrat an der eigenen Souvernitt. So fehlten alle Vorbedingungen einer
Verstndigung.

Ein prunkendes Aushngeschild fr den Verein war rasch gefunden. Die
Handelspolitik der Verbndeten sollte auf dem
staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe ruhen -- ein schnes Wort, dem
leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte. Der tchtigste
Staatswirt der Versammlung, Nebenius, ward auf du Thils Vorschlag
beauftragt, einen Entwurf fr die Beratungen auszuarbeiten. Voll
Zuversicht ging er ans Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der
sddeutschen Bureaukratie, da die Beseitigung der Binnenmauten den
Partikularismus krftigen msse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll:
durch unseren Verein wird den Einheitspredigern das wichtigste und
schlagendste Argument siegreich entrissen. Jedoch der Plan, den er am
27. November vorlegte, entsprach allein dem badischen Interesse, war fr
alle anderen Staaten unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger
Finanzzlle vor, fr den Zentner Kolonialwaren 30 Kreuzer bis 2 fl., fr
Fabrikwaren 5 bis 15 fl. -- Stze, welche Aretin viel zu gering fand. Der
Streit blieb unlsbar, da beide Teile sich auf unwiderlegliche Grnde
sttzten. Ein kleines Zollgebiet bedarf des Freihandels, weil es die
Kosten scharfer Grenzbewachung nicht tragen kann; doch ebenso gewi
gengten die badischen Zlle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu
schtzen.

Nebenius wollte ferner alle Zlle an den Grenzen erheben, keine Packhfe
dulden, nur die Rheinhfen auerhalb der Mautlinie liegen lassen. Dahinter
verbarg sich die Hoffnung der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim
zu Hauptstapelpltzen des Vereins zu erheben. Mit Recht erhob Bayern
lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen Zllen seien Lagerhuser
entbehrlich; auch solle man die Hoffnung auf Frankfurts Beitritt
festhalten und nicht den natrlichen Mittelpunkt des oberrheinischen
Speditionshandels zugunsten kleinerer Pltze benachteiligen. In demselben
Geiste badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, da den
Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der Verein zollfrei
einlasse, Zlle fr ihre eigne Rechnung zu erheben. Sofort widersprachen
alle rckwrts liegenden Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen
Zolleinnahmen verga Nebenius den Vorteil Badens nicht, das allerdings
unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinknfte besa. Er verlangte
als Mastab: die Kopfzahl und die Lnge der Grenzen, welche jeder Staat zu
bewachen habe. Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man
msse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem Umfange des
Gebiets -- weil Bayern dnner bevlkert war als die Nachbarlande.

Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz von
Bevollmchtigten anvertrauen, die alljhrlich zusammenzutreten und mit
einfacher Mehrheit zu beschlieen htte. Der Mnchener Hof aber war nicht
geneigt, sich den kleinen Mitverbndeten also zu unterwerfen; Aretin trug
das Selbstgefhl der Macht rcksichtslos zur Schau und forderte fr jede
halbe Million eine Stimme -- das wollte sagen: die Stimmenmehrheit fr
Bayern allein -- was wieder von du Thil und den anderen Kleinen als ein
allzu naiver Versuch zurckgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich
sollte von einem gemeinsamen Beamtentum gefhrt, durch eine permanente
Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise erregte diese
Zentralverwaltung zunchst geringen Ansto. Die schwbische Bureaukratie
sprach sogar lebhaft dafr. Dem allmchtigen Stande der wrttembergischen
Schreiber blieb der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen
aufzuheben drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden lie, so
erschien die Zentralverwaltung als das geringere bel; sie mute doch aus
jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar anstellen. Behielten dagegen die
Staaten ihre selbstndige Zollverwaltung, so hatte Wrttemberg nur zwei
Grenzmeilen am Bodensee zu berwachen, und die ganze Herrlichkeit der
kniglichen Mautverwaltung brach zusammen!

Die Verhandlung ber jene Streitfragen ward bald gereizt und gehssig.
Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr ungerechter Bitterkeit ber
die Gegner, die doch vielfach wohlbegrndeten Einspruch erhoben. Zudem
vertrat noch jeder Staat seine eigentmlichen Wnsche. Reu und Weimar
wollten das Geleitsgeld fr ihre imaginren Harnischreiter nicht ohne
Entschdigung aufgeben. Der Kurfrst von Hessen weigerte sich, seine
Transitzlle dem Vereine zu berlassen, forderte zum mindesten ein
Przipuum(53) fr den starken Konsum franzsischer Weine, worauf man mit
der kecken Lge antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als in
Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht sogleich ein
Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen wrde. Derweil also die
Meinungen ziellos durcheinander wogten, hofften mehrere der Kabinette,
einmal selbst der bayrische Hof, auf Preuens Zutritt! Wiederholt besprach
man in Darmstadt die Aufnahme der preuischen Rheinlande; dem kreisenden
Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preuen die schwer erkmpfte
handelspolitische Einheit seines Gebiets wieder zerreien! {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen gewartet,
erklrte endlich (Juli 1821) der bayrische Bevollmchtigte, sein Hof
verlange, da das bestehende bayrische Zollgesetz dem Vereine zur
Grundlage diene. So begann der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach
anderthalb Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines
zu erproben. Frankreich erlie am 23.-April 1822 ein neues Douanengesetz,
das die Interessen der oberdeutschen Staaten offenbar feindlich verletzte,
die wichtigsten Gegenstnde der Einfuhr aus Sddeutschland, Schlachtvieh
und Wolle mit unerschwinglichen Zllen belegte. Der Schlag traf fast alle
sddeutschen Lande gleichmig; sollte nicht mindestens gegen diesen
Angriff gemeinsame Abwehr mglich sein? Man verhandelte und verhandelte.
Baden verbot (17.-Mai) die Weineinfuhr auf seiner Westgrenze; Wrttemberg
schlo sich diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verstndigung zu
erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich, bat die
Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien. Nach fast zwei Monaten
(12.-August) erwiderte der sterreicher: es ist kaum zu erwhnen ntig,
wie sehr bereit wir sind, den deutschen Bundesstaaten jede Geflligkeit
zu erweisen; aber das franzsische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen
Meinung und eines national-konomischen Systems, das faktisch das
Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist. Das war die Hilfe, welche
Deutschlands Volkswirtschaft von sterreich zu erwarten hatte! Zuletzt
riefen die unsicheren, vereinzelten Retorsionen der sddeutschen Hfe nur
einen neuen gehssigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor; denn da die
bayrische Pfalz keine Mauten besa, so mute Baden, um die franzsischen
Weine wirksam zu treffen, auch die Weineinfuhr vom bayrischen berrhein
verbieten, was wieder bayrische Klagen veranlate -- und so weiter ins
Unendliche.

Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen wieder vorwrts zu
rcken. Bayern, ermutigt durch einen drngenden Beschlu seines Landtags,
legte sich krftig ins Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen
Vermittlungsantrag ein, zugunsten der bayrischen Vorschlge. Aber noch
immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herber und hinber. Da
verlor die darmstdtische Regierung die Geduld; sie hatte ihrem Landtage
baldige Regelung des Zollwesens versprochen und erklrte jetzt (Februar
1823): wenn man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt fr sein
eignes Haus sorgen.

Die preuische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber aussichtslosen
Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit jedem Jahre mehr von der
Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes berzeugte, und lie sich in ihrer
khlen Geringschtzung nicht stren, als die landesblichen Kraftreden
wider Preuens Zollsystem auch auf der Darmstdter Konferenz erklangen.
Eine Denkschrift des Auswrtigen Amtes bemerkte darber spterhin trocken:
Man whlte in Darmstadt Preuen zum Stichblatt, weil man dadurch die
ffentliche Meinung gewann und seine eigenen Plne leichter durchsetzen
konnte. Metternich hingegen, der den Darmstdter Plnen keinen
fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wute, ward der Sorgen nicht ledig.
Schon vor Erffnung der Konferenzen ermahnte er Berstett, mindestens den
Einflu der Subalternen und der Landstnde fern zu halten. Zugleich mute
Marschall gegen den Karlsruher Hof den Verdacht uern, ob vielleicht
Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehre. Der badische Minister
versuchte seinen Gnner zu beschwichtigen und gab an Nebenius gemessene
Weisung, sich vor allen politischen Nebengedanken zu hten: Auch aus dem
Einfachsten wird Gift gesogen. Rcksichten, die mehr gefhlt als
bezeichnet werden knnen, verbieten, den Landtagen irgendwelche Einwirkung
zu gestatten. Gleichwohl blieb Metternich argwhnisch, und sein Marschall
gestand ihm wehmtig: da der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale
leider nicht einem, sondern allen deutschen Staaten angehre, so knne die
Handelssache von den Revolutionren allerdings leicht fr ihre
Einheitstrume ausgebeutet werden. Selbst der unverkennbare Mierfolg der
Konferenzen beruhigte die Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser
Verschwrer Wangenheim war berall, selbst das badische Land sollte er zu
Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten zu
besprechen. {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Am 3. Juli 1823 erklrte schlielich du Thil den Austritt seines
Groherzogs aus der Darmstdter Konferenz, weil Hessen auerstande sei,
die Ordnung seines Zollwesens noch lnger zu verschieben. Nassau folgte
dem Beispiele. Darauf weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu
verhandeln; unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongre
auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er scheiterte an
der Unmglichkeit, abweichende Interessen in engem Rahmen
zusammenzuhalten.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff.

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   50 Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August
      1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter.

   51 Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest. 14. Oktober
      1843, war von 1817-1825 bayrischer Finanzminister.

   52 Aloys Graf v. Rechberg und Rothenlwen, geb. 18. September 1766,
      gest. 10. Mrz 1849, war bayrischer Minister des Auswrtigen.

   53 Eine besondere Vergtung.




5. Motzs deutsche Handelspolitik.


In das achte Jahr hinein hatte Minister Klewiz sein schweres Amt ertragen,
mit unwandelbarer Geduld die groe Steuerreform aufrecht gehalten wider
zahllose Angriffe von innen und von auen. Aber das Defizit vermochte er
nicht zu beseitigen, trotz allen neu angeordneten Ersparnissen; denn er
begngte sich mit einer bescheidenen Stellung, die es ihm unmglich
machte, den Staatshaushalt vollstndig zu bersehen. Er trug vor der Welt
die Verantwortung fr das gesamte Finanzwesen; und gleichwohl verfgte
Ladenberg(54) mit seiner Generalkontrolle selbstndig ber alle Ausgaben
und einen Teil der Einnahmen des Staates. Und dazu noch die unabhngige
Staatsschuldenverwaltung, bei deren Einsetzung Klewiz nicht einmal befragt
wurde. Da der Streit der Departements einen vollstndigen Etat gar nicht
mehr zustande kommen lie, so mute der Minister schon 1824 die fr jedes
dritte Jahr versprochene Bekanntmachung des Budgets unterlassen. Mde der
ewigen Reibungen und doch zu schchtern, um fr sich selber die gebhrende
Macht zu fordern, erklrte er im Dezember 1824 dem Knige, unter den
bestehenden Ressortverhltnissen vermge er das Gleichgewicht der Finanzen
nicht herzustellen, und erbat sich nachher die Oberprsidentenstelle in
seiner schsischen Heimat.

Der Knig lie darauf (12. Dezember) den vier Prsidenten Schn, Vincke,
Motz und Schnberg den Entwurf des neuen Etats zusenden mit der Anfrage:
welche Bedenken sie dawider htten und welche besonderen Befugnisse sie
fr den knftigen Finanzminister noch verlangten, damit er das
Gleichgewicht wieder herstellen knne. Jeder der vier sollte antworten,
als ob er selber zur bernahme des Finanzministeriums bestimmt sei; keiner
durfte von der Befragung der anderen etwas erfahren {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Nur Motz traf in
seiner Antwort mit sicherer Hand den eigentlichen Sitz des bels, den
Dualismus der Finanzverwaltung. Er forderte fr den Minister kurz und gut
Sitz und Stimme in der Generalkontrolle, so da auch die Ausgabeetats
nicht ohne seine Genehmigung zustande kommen knnten; sodann ganz freie
Hand bei der Auswahl seiner Rte, endlich Zentralisation des Kassenwesens.
In zwei weiteren Denkschriften {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} verlangte er ferner die Aufstellung
vllig zuverlssiger Etats und erklrte sich entschieden gegen die
Wiedereinfhrung der Provinzialministerien. Denn neben solchen
Unterministern sei ein mchtiger Finanzminister unmglich; dieser msse
unmittelbar an der Verwaltung teilnehmen, um unverbesserliche Migriffe,
Einseitigkeit und Indolenz zu verhten: er kann nicht darauf beschrnkt
bleiben, durch Etats und Verwaltungsnormen nur die Zukunft nach seinen
Ansichten zu regeln; auch kann es ihm nicht helfen, die Vergangenheit nach
toten Zahlen zu meistern. --

Die Entscheidung konnte nicht zweifelhaft sein {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Der Knig entschied sich
fr Motz. Er ahnte in jenem Augenblicke selber nicht, wie segensreich
dieser Entschlu auf den Gang der deutschen Geschichte einwirken sollte.

Motz stand in seinem 50. Jahre, als er am 1. Juli 1825 sein Amt bernahm,
der einzige Staatsmann in einem Kabinett von Geschftsmnnern(55). Auch
dieser Kurhesse war einst, wie Eichhorn, durch den Glanz der
friderizianischen Zeiten aus seiner kleinstaatlichen Heimat in den
preuischen Staatsdienst hinbergefhrt worden. Eine ungleich glnzendere
und doch nicht minder gediegene Natur als der stille gelehrte Maaen,
tatkrftig, wagelustig, voll kecken Selbstvertrauens, das sich oft in
beienden Sarkasmen uerte, hatte der rstige Naturalist in einer
wechselreichen praktischen Laufbahn alle Bcherweisheit verachten gelernt
und doch verstanden, die lebendigen Ideen der Zeit sich anzueignen {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Das
waren seine frohesten Tage gewesen, da er als junger Landrat auf dem
Eichsfelde bald zu Pferd bald mit der Jagdflinte auf der Schulter seinen
Kreis durchstreifte und die Bauern auf ihren Hfen besuchte, selten mit
Befehlen eingreifend, immer bereit, dem geringen Manne zu zeigen, wie man
sich selber helfen knne, denn Selbstttigkeit entspricht dem energischen
Charakter des preuischen Volkes. Dort gewhnte er sich den Bauernstand
als den Kern der Nation zu schtzen: lieber die drckendsten
Luxusauflagen, lieber wie Pitt alle Elemente besteuern, als den Schwei
des Landmanns belasten. Der Friede von Tilsit zwang ihn, in die Dienste
des verhaten Knigreichs Westfalen zu treten; er leitete das Steuerwesen
im Harzdepartement, erschien zweimal als Deputierter bei dem Gaukelspiele
des Kasseler Landtages und beobachtete voll froher Ahnungen, wie
unterdessen der preuische Staat die Gedanken echter deutscher Freiheit in
sich aufnahm. Kaum kam die Kunde von der Leipziger Schlacht, so rief er
seine Eichsfelder wieder unter die alten Fahnen und war sodann in Halle
und Fulda bei der Organisation der wiedereroberten Provinzen ttig.

Als Prsident in Erfurt half er nachher, jenen Zollvertrag mit
Sondershausen abschlieen, der so vielen anderen zum Vorbilde dienen
sollte. Hier in Thringen trat ihm die ganze Hilflosigkeit der deutschen
Kleinstaaterei vor Augen. Grenzenlos war seine Verachtung gegen die
kleinen Hfe. Er kannte ihre Gesinnung genugsam aus den Schicksalen seiner
eigenen Familie, die unter dem Geize des hessischen Kurfrsten schwer zu
leiden hatte, und lernte sie noch richtiger schtzen, als der Knig ihn
einmal nach Kassel sendete, um die ehelichen Zwistigkeiten im hessischen
Hause -- natrlich ohne Erfolg -- zu beschwichtigen. Ein stolzer Preue von
Grund aus, freimtig, selbstndig in allem, wollte er das Lob sterreichs,
das in den Beamtenkreisen gesungen wurde, niemals gelten lassen: pfui ber
diese faule, unwissende, unredliche k. k. Verwaltung. Auer Canning(56)
war Motz der einzige Staatsmann dieser Epoche, der die Hohlheit
Metternichs vllig durchschaute. Whrend fast alle anderen preuischen
Staatsmnner ein stilles Zagen nicht berwinden konnten, blieb diesem
frischen Geiste die frohe Zuversicht des Jahres 1813 ungeschwcht. Ein
guter Krieg wird uns wohl tun, sagte er oft. Aber es mu ein Volkskrieg
sein, und dann werden wir Krfte entwickeln, ber die man staunen wird.

Motz wollte die Stein-Hardenbergischen Reformen bis in die letzten
Konsequenzen vollendet sehen: eine neue Landgemeindeordnung sollte
ergnzend neben die Stdteordnung treten, die Ablsung der Grundlasten
vollstndig ausgefhrt, auch die Ausgleichung der Grundsteuer vollzogen
werden -- um der Gerechtigkeit willen, selbst wenn der Staat dabei Verluste
erlitte {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Whrend seiner angestrengten Verwaltungsttigkeit in Erfurt und nachher
als Oberprsident in Magdeburg entstanden die Denkschriften ber die
Abrundung des preuischen Staatsgebietes, ber den Anschlu der kleinen
Kontingente an das preuische Heer, ber die Reform der Verwaltung. Diese
rasch hingeworfenen Arbeiten zeigen schon sein ganzes Wesen: weiten,
scharfen Blick, vorurteilsfreien, hochherzigen Patriotismus, aber auch
einen Zug von genialem Leichtsinn, der notwendig zu seinem Bilde gehrt.
Ohne solche Lust am kecken Wagen und Plneschmieden htte er schwerlich
die Kraft gefunden, in einer Epoche der Ermattung und Entsagung den Neubau
des deutschen Staates vorzubereiten. Die ihm nher standen, empfingen den
Eindruck, da hier eine gro angelegte Natur, ein gedankenreicher,
unruhiger, beraus produktiver Kopf in allzu engem Wirkungskreise sich
aufzureiben drohte. Der Mann bedurfte einer groen Ttigkeit, wenn die
Ideen, die in seinem Geiste grten, sich abklren, wenn sein starker
Ehrgeiz und seine frohe Willenskraft sich frei entfalten sollten.

Um das Defizit zu beseitigen, hatte der Knig den neuen Minister berufen.
Die glckliche Lsung dieser nchsten Aufgabe bildete zugleich die
Vorbedingung fr das Gelingen der handelspolitischen Plne, welche Motz
seit jenem Sondershausener Vertrage nicht mehr aus den Augen verloren
hatte; nur wenn das Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert war,
konnte die Krone Zollvertrge von zweifelhaftem finanziellem Erfolge
wagen. In den Kreisen des hohen Beamtentums wurde die Lage der Finanzen
allgemein sehr ungnstig beurteilt. Hatte man vor sechs Jahren
schlechterdings nicht glauben wollen, da in Preuen ein Defizit bestehen
knne, so hielt man jetzt den Zustand fr ganz verzweifelt, weil man die
Ergiebigkeit der neuen Steuern nicht genau kannte. Motz teilte diese
dstere Ansicht nicht. Er war berzeugt, das vielbeklagte Defizit sei
lngst nicht mehr vorhanden, wenn nur erst Einheit, bersicht, Ordnung in
das Finanzwesen komme; aber, sagte er spter zu seiner Tochter, ich
htete mich wohl, berschsse zu versprechen, man htte mich fr
wahnsinnig gehalten. --

Einen minder mutigen Mann htte die Lage des Marktes wohl erschrecken
knnen. Zur selben Zeit, da Motz ins Amt trat, brach ber England eine
furchtbare Handelskrisis herein, eine der schwersten Erschtterungen,
welche die Handelsgeschichte kennt. Die Erffnung des sdamerikanischen
Marktes hatte eine fieberische Spekulation erweckt, welcher nun der
natrliche Rckschlag folgte: in fnf Vierteljahren strzten mehr als 70
Banken und an 3600 Geschftshuser zusammen. Auch Deutschland blieb von
dem Unheil nicht verschont, wie bescheiden auch sein Anteil am Weltverkehr
noch war: die groe Firma Reichenbach in Leipzig und einige der ersten
Huser Berlins gingen zugrunde. Doch was bedeutete diese Bedrngnis des
Geldmarkts neben der namenlosen Not des deutschen Landbaues, die wie alle
landwirtschaftlichen Krisen ungleich langsamer berwunden wurde? Die
Hungerjahre waren kaum berstanden, da fielen die Preise aller
landwirtschaftlichen Erzeugnisse schnell und anhaltend. Die Zollgesetze
des Auslandes und der elende Zustand der Straen hemmten die Abfuhr der
berreichen Ernten; selbst die technischen Fortschritte, welche die
deutsche Landwirtschaft ihren Lehrern Thaer und Schwerz verdankte, wirkten
fr jetzt nachteilig, da die Konsumtion dem gesteigerten Angebot so rasch
nicht zu folgen vermochte. Der Wert der Grundstcke sank in manchen
Landesteilen tiefer als einst zur Zeit des Krieges. Nur die Schfereien
behaupteten sich noch; Deutschland allein fhrte nach England ber zweimal
soviel Wolle aus als alle brigen Lnder zusammen. Aber auch dieser
Vorteil drohte zu schwinden, seit die Fremden von uns zu lernen begannen,
deutsche Hirten und Schafe in Ruland, Schweden, Frankreich, Australien
verwendet wurden. Am hrtesten litt das unglckliche Altpreuen; whrend
der Kriegsjahre war mehr als die Hlfte seines Viehstandes draufgegangen,
jetzt stand in einzelnen Gegenden der Tagelohn auf 3 bis 4 Sgr., in
anderen wurde der Scheffel Roggen fr 5 Sgr. ausgeboten. Schns Schwager,
Oberst Brnneck, suchte den Nachbarn zu helfen durch die Einfhrung der
Schafzucht und anderer technischer Verbesserungen; doch nur wenige waren
imstande, sich auf neue Unternehmungen einzulassen. Auf die flehentliche
Bitte der Stnde gewhrte der Knig dieser alten Kernprovinz abermals
auerordentliche Untersttzungen: Chausseen wurden gebaut, groe
Getreideankufe fr die Armee angeordnet, auch Magazine angelegt, welche
den Preis des Scheffels Roggen auf der Hhe von 1 Taler halten sollten.

Dann erlangte Schn(57) noch eine neue Bewilligung von 3 Millionen Taler
zur Rettung verschuldeter Grundbesitzer. Als guter Patriot wollte er
vornehmlich die alten, mit der Geschichte des Landes verwachsenen
Geschlechter im Besitze ihrer Stammgter erhalten. Dieselbe Meinung
vertrat sein Freund Stgemann(58) im kniglichen Kabinett; der war, obwohl
ein Anhnger der neuen Volkswirtschaftslehre, doch von jeher der Ansicht
gewesen, da durch den Untergang der alten Grundbesitzer der Staat selber
zugrunde gehe: es scheint mir ganz simpel, weil ein anderer Staat daraus
wird. Aber die bewilligte Summe reichte nicht von fern aus, obwohl sie
fast den sechszehnten Teil der gesamten Staatseinnahmen ausmachte; zudem
mute die groe Kreditanstalt der Provinz, die Landschaft, der die
bedrngten Grundherren allesamt verschuldet waren, um jeden Preis vor dem
Bankrott bewahrt werden, wenn man nicht das ganze Land dem Verderben
preisgeben wollte. Daher befahl der Knig auf Schns Vorschlag (1824), die
Untersttzungsgelder zwar zunchst zur Rettung der alten
Grundherrengeschlechter zu verwenden; wenn es aber ganz unmglich sei,
eine Familie im Besitze zu erhalten, dann solle sie mit einer notdrftigen
Pension abgefunden und ihr Stammgut durch die Landschaft unter den Hammer
gebracht werden.

Mit dieser fast unbeschrnkten Vollmacht schritt Schn ans Werk. Das
Schicksal des altpreuischen Adels lag in seiner Hand. Abermals, und noch
strmischer, als vor Jahren bei der Verteilung der ersten
Kriegsentschdigungsgelder, drngte sich alles um die Gunst des
Beherrschers der Provinz. Er tat sein Bestes, viele wackere Mnner vom
Landadel verdankten allein seiner Frsorge die Erhaltung ihres Besitzes;
wo er aber die Lage fr hoffnungslos hielt, da lie er die Landschaft
unerbittlich zur Subhastation schreiten. So geschah es, da unter der
Mitwirkung dieser wohlwollenden Regierung die Grafen Schlieben, die Grafen
Goltz und viele andere angesehene Adelsgeschlechter von Haus und Hof
verjagt wurden -- die meisten schuldlos, denn der letzte Grund ihrer Not
lag doch in den patriotischen Opfern der Kriegszeit. Hunderte von
Landgtern wurden versteigert, einmal ihrer 218 fast zu gleicher Zeit; das
unmige Angebot drckte die Preise so tief herab, da die Landschaft
selber nur durch Zuschsse des Staates sich behaupten konnte. In manchen
Teilen der Provinz wechselte die volle Hlfte der groen Gter ihren
Besitzer {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Mit diesen traurigen Wirren hatte der Finanzminister unmittelbar nichts zu
schaffen, aber an dem Ertrage der Abgaben lernte er die Not der
Landwirtschaft nur zu grndlich kennen, obwohl der Knig bei allen seinen
Untersttzungen streng den Grundsatz einhielt, da auch dem Bedrftigsten
niemals ein Nachla an den Staatssteuern bewilligt werden drfe. Um die
Schwierigkeiten zu bemeistern, wollte Motz zunchst die Lage des
Staatshaushalts genau bersehen und erneuerte daher seine alte Forderung,
da der Finanzminister in der Generalkontrolle Sitz und Stimme haben
msse. Der Knig suchte nach seiner Gewohnheit zu vermitteln, weil er den
verdienten alten Ladenberg nicht krnken mochte, und ordnete an, der
Finanzminister solle im Falle der Meinungsverschiedenheit durch einen
seiner Rte mndlich mit dem Prsidenten der Generalkontrolle
unterhandeln. Mit einer solchen Halbheit konnte sich Motz nicht zufrieden
geben; denn zwischen den beiden koordinierten Behrden hatte sich lngst
ein tragikomischer Wettstreit des Amtseifers entsponnen, wie er nur in der
preuischen Bureaukratie mglich ist. Die Generalkontrolle suchte ihre
Lebenskraft zu erweisen, indem sie den Etats zahllose lcherliche Monita
zusetzte, zum Domnenetat allein 91, zum Forstetat 146, und die
Kalkulatoren des Finanzministeriums erwiderten natrlich mit gleicher
Mnze. Das Geznk war so unertrglich, da Motz sich entschlo, den Knig
um seine Entlassung zu bitten, wenn ihm seine berechtigte Forderung nicht
gewhrt wrde. Ich kann mich nicht dazu verstehen -- schrieb er an Lottum
-- die Rolle zu bernehmen, welche Herr v. Klewiz viele Jahre zum Nachteil
der Finanzen des Staates ertragen hat. Ein solches Abschiedsgesuch galt
nach den Grundstzen des alten Absolutismus als strafbarer Trotz, und Motz
selber hielt fr ntig, die Versicherung hinzuzufgen: ich wrde der
Gnade des Knigs mich selbst unwrdig erkennen, wenn ich, in Eitelkeit und
Torheit befangen, mich auf anderem Wege in meiner Dienststelle zu
konservieren bemht sein wollte.

Seit Stein im Frhjahr 1807 aus hnlichem Anla ungndig entlassen worden,
hatte kein Minister mehr gewagt, in diesem Tone zu reden; selbst
Hardenberg hatte nur einmal, als er auf die Zustimmung des Knigs sicher
rechnen konnte, leise mit einem Abgang gedroht. Friedrich Wilhelm brauchte
auch volle vier Monate, bis er dem neuen Minister sein selbstbewutes
Auftreten ganz verzieh. Dann aber hatte er sich durch Lottums Vortrge von
der Unhaltbarkeit des bestehenden Dualismus grndlich berzeugt, und da er
seine bureaukratischen Hartkpfe kannte, so ging er nunmehr sogleich weit
ber die Vorschlge des Finanzministers selber hinaus. Am 8. April 1826
berraschte er diesen durch die willkommene Mitteilung: er denke die
Generalkontrolle ganz aufzuheben, ihre Geschfte dem Finanzministerium zu
bertragen. Am 29. Mai wurde dieser Befehl vollzogen, und Ladenberg mute
sich wehmtig mit dem Prsidium der Oberrechnungskammer begngen. Motz
aber war jetzt endlich Herr der Lage, und die anderen Minister empfanden
bald, da er sich berechtigt hielt, alle Gebiete der Verwaltung scharf zu
berwachen. Der langsame Altenstein mochte wohl Grund haben, sich ber die
Anmaung des Finanzministers zu beschweren, denn umstndliche
Bedachtsamkeit reizte den strmischen Mann leicht; doch ber seine
Kargheit konnte niemand klagen. Den Anforderungen der Kunst und
Wissenschaft entsprach er, nach dem Mae der vorhandenen Mittel, sehr
freigebig; als Kamptz(59) ihn wegen der hohen Kosten der Revision des
Landrechts befragte, erwiderte er nachdrcklich: fr ein solches Werk mu
in Preuen immer Rat geschafft werden.

In jedem Zweige des Finanzwesens sprte man die rstigen Hnde des neuen
Leiters. Durch eine grndliche Reform der Kassenverwaltung verschaffte er
sich einen genauen berblick ber alle Bestnde. Das Steuerwesen lie er
in den Hnden Maaens, des Urhebers der neuen Zollgesetzgebung. Die beiden
galten in der Beamtenwelt als Nebenbuhler, aber sie wurden Freunde. Maaen
fgte sich gern der raschen Entschlossenheit des jngeren Vorgesetzten,
und dieser wute wohl, was er der Umsicht und Sachkenntnis des
Generalsteuerdirektors verdankte. Alles mit Maaen, sagte er lchelnd,
wenn ihn der besonnene Freund von einem bereilten Wagnis zurckgehalten
hatte. Unter Maaen arbeitete der geistreiche Ludwig Khne(60), Motzs
alter Freund von Erfurt her, der Schrecken aller Trgen und Mittelmigen;
wie wute er seine Leute in Atem zu halten, wenn er ihnen zurief:
Dummheit ist eine Gottesgabe, aber sie zu mibrauchen ist schndlich!

In den Provinzen war das Steuerwesen bisher von den Regierungen verwaltet
worden; der Knig hatte indes bald eingesehen, wie wenig das langsame
Kollegialsystem sich fr diesen Zweig der Verwaltung eignet, und daher
(1822) zunchst in den beiden westlichen Provinzen das gesamte Steuerwesen
einem Provinzialsteuerdirektor unterstellt. Diese Einrichtung bewhrte
sich vollstndig und wurde durch Motz auch in den brigen Provinzen
eingefhrt. Die neuen Behrden muten nach Landesbrauch anfangs oft mit
der Eifersucht der Regierungen kmpfen, auch das Volk empfing sie mit
Argwohn, denn der Name der Zllner hatte einen bsen Klang, in den alten
Provinzen dachte man noch mit Schrecken an die Regiedirektoren des groen
Knigs. Doch bald lernte man die Pnktlichkeit und schlagfertige Raschheit
der Steuerbehrden schtzen; am Rhein wurde der Steuerdirektor v. Schtz
sogar ein volksbeliebter Mann. Jede tiefgreifende Steuerreform bedarf der
Zeit, um ihren Wert zu erproben. Jetzt hatte die Geschftswelt sich nach
und nach an die neuen Abgaben gewhnt, die Beamten bung und Sicherheit
erlangt in den ungewohnten Formen. Auch der Schmuggel begann nachzulassen.
Etwa um das Jahr l827 konnte die Reform als abgeschlossen und in den
Volksgewohnheiten festgewurzelt gelten.

Zu ihrer Ergnzung unternahm Motz die Neugestaltung der Domnenverwaltung,
die unter dem Drucke der groen landwirtschaftlichen Krisis ganz in
Verwirrung geraten war. Der Minister selbst und der neue Direktor des
Domnenwesens, Keler, bereisten persnlich smtliche Domnen und Forsten
der Monarchie, berall jubelnd empfangen von der Jgerei und den Pchtern,
die es kaum fassen konnten, da die Herren in Berlin sich endlich einmal
ihrer Not annahmen. Dann berwies Motz, um mit dem alten Jammer
aufzurumen, alle Rckstnde einer besonderen Verwaltung und schlo fr
das gesamte Domanium neue, billigere Pachtvertrge, welche streng
eingehalten wurden, aber hunderte von Pchtern vor dem Untergange
bewahrten. Mit der Veruerung der Domnen verfuhr er sehr vorsichtig; nur
in Westpreuen und Posen lie er zahlreiche Vorwerke an deutsche
Kolonisten veruern, um einen selbstndigen und der Regierung
anhnglichen Bauernstand zu bilden.

Das Beste blieb doch, da man nun endlich wute, woran man war. Nach kaum
drei Jahren, am 30. Mai 1828, konnte Motz dem Monarchen berichten, da
statt des gefrchteten Defizits ein reiner berschu von 4,4 Millionen
erzielt worden sei, der sich nach Eingang der Rckstnde auf 7,8 Millionen
steigern msse; 3,245 Millionen waren bereits bar an den Staatsschatz
abgefhrt, 1,172 Millionen zu auerordentlichen Ausgaben verwendet.
Dankbar gestand er zu, ohne die groen unter seinem Vorgnger vollzogenen
Reformen wrde er nicht imstande sein, dem Knig so erfreuliche Ergebnisse
vorzulegen; aber er durfte sich sagen, nur er habe vermocht, die Ernte
dieser Saaten einzuheimsen, und er fhlte sich bereits so sicher, da er
eine mige Verminderung der Klassensteuer vorzuschlagen wagte: die
Steuerpflichtigkeit sollte fortan zwei Jahre spter als bisher, erst mit
dem sechzehnten Lebensjahre beginnen. Auch fernerhin, so schlo der von L.
Khne entworfene Bericht, werden die Grundstze der Finanzverwaltung
bleiben: Sparsamkeit und Ordnung in den gewhnlichen Ausgaben;
Bereithaltung der Krfte, welche der Friede gewhrt hat, fr die Zeit des
ersten Krieges; Aufrechterhaltung des Kredits durch Pnktlichkeit;
Verwendung eines Teiles der berschsse als werbendes Kapital fr die
Zukunft fr den Gewerbeflei.

Seitdem war Motz der Achtung des Knigs sicher. Bei Hofe betrachtete man
ihn als einen Emporkmmling, da sein altes hessisches Adelsgeschlecht im
preuischen Dienste neu war. Die Partei Wittgensteins [des
Polizeiministers] witterte bald den Liberalismus des Ministers heraus;
Lottum aber und die anderen Anhnger der unbedingten Sparsamkeit tadelten
seinen Leichtsinn, weil er mit den steigenden Einnahmen auch das knappe
Ausgabenbudget allmhlich um etwa 900000 Taler erhhte. Wagten sich solche
Vorwrfe aus dem Dunkel heraus, dann rechtfertigte er sich stets freimtig
vor dem Knige selbst, denn ohne das Vertrauen des Monarchen knne der
Finanzminister als Aufseher der gesamten inneren Verwaltung nicht bestehen
{~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

In den letzten Jahren hatte Preuens Handelspolitik auch den kleinen
Nachbarn gegenber nur wenig Erfolge errungen. Die von preuischem Gebiete
umschlossenen Kleinstaaten waren durch das wste Geschrei, das sich an den
Hfen und in der Presse wider das Zollgesetz erhob, grndlich
eingeschchtert. Der Frst von Rudolstadt getraute sich erst nach drei
Jahren (1822) dem verstndigen Beispiele seines Sondershausener Vetters zu
folgen und mit seiner Unterherrschaft dem preuischen Zollsystem
beizutreten. Im nchsten Jahre wurden auch zwei weimarische mter sowie
das obere Herzogtum Bernburg in die Zollgemeinschaft aufgenommen, und alle
Beteiligten befanden sich wohl bei dem freien Verkehr. Aber auf den so oft
verheienen Beitritt der gesamten anhaltischen Lande wartete man in Berlin
noch immer vergeblich. Der Kthener Herzog fhrte den Schmuggelkrieg gegen
seinen kniglichen Schwager wohlgemut fort, ermutigt durch die
Einflsterungen seines Adam Mller und durch das endlose Geznk am
Bundestage. Als Mller es gar zu frech trieb, mute sich Hatzfeldt(61) in
Wien beschweren. Metternich gab dem Geschftstrger sofort einen scharfen
Verweis wegen eines Benehmens, das den bekanntlich zwischen sterreich
und Preuen bestehenden so innigen und freundschaftlichen Verhltnissen
durchaus widerspreche, und teilte dies Schreiben dem preuischen Hofe
verbindlich mit. Mllers geheime Weisungen lauteten aber wahrscheinlich
anders; er lie sich in seinem Treiben keineswegs stren und fand in der
jesuitischen Umgebung der Herzogin treue Bundesgenossen. Die
Wortbrchigkeit des kleinen Nachbarn mute den Berliner Hof um so tiefer
verstimmen, da mittlerweile (1824) die hohenzollernschen Frstentmer mit
Wrttemberg einen Zollvertrag schlossen, genau nach dem Vorbilde der
preuischen Enklavenvertrge. So schlugen die Kleinstaaten sich selber ins
Angesicht. Dieselben verstndigen handelspolitischen Grundstze, welche
Wangenheim in Frankfurt der preuischen Regierung als eine Verletzung des
Vlkerrechts vorgeworfen hatte, wurden nun in Schwaben eingefhrt, und
dieselbe liberale Presse, die das preuische Enklavensystem mit
Schmhungen berhufte, fand die Anwendung dieses Systems in Wrttemberg
hocherfreulich.

Sobald Motz sich in seinem neuen Amte zurecht gefunden hatte, erklrte er
dem auswrtigen Amte: Preuens Langmut gegen den unredlichen kleinen
Nachbarhof werde zur Schwche, man msse endlich die ganze Strenge des
Zollgesetzes wider ihn anwenden (Januar 1826). Gleich nachher baten Dessau
und Bernburg um die Aufnahme einiger mter in die Zollgemeinschaft und
empfingen, auf Motzs Betrieb, die Antwort: mit solchem Stckwerk sei
nichts getan; wollten die Herzge mit ihren gesamten Gebieten beitreten,
so wrde man sie willkommen heien. Nach einiger Zgerung erschienen
nunmehr zwei anhaltische Unterhndler in Berlin, und mit dem
bernburgischen, v. Salmuth, einem geistreichen, witzigen Manne, der das
mnchische Unwesen des Kthener Hofes grndlich verachtete, wurde Motz
bald handelseins. Noch im Laufe des Sommers erklrte der Herzog von
Bernburg die Unterwerfung seines gesamten Landes unter das preuische
Zollgesetz. Acht volle Jahre hatte es also gewhrt seit der Verkndigung
dieses Gesetzes, bis zum erstenmal ein ganzer deutscher Kleinstaat
beitrat. Der dessauische Bevollmchtigte aber brach die Verhandlungen ab;
denn unterdessen war Adam Mller von Kthen nach Dessau hinbergekommen,
angeblich, um in der Mulde zu baden, in Wahrheit, um den Anschlu an
Preuen zu hintertreiben.

In einem herzbrechenden Klageschreiben sprach Herzog Leopold von Dessau,
der mit einer Nichte des Knigs verheiratet war, dem Oheim sein Bedauern
aus: schon vor Jahren habe er dem Kthener Vetter versprochen, nicht ohne
ihn beizutreten. Das preuische Ministerium verlange, da die
enklavierten Staaten fremde Gesetze und Verwaltungsformen unweigerlich
annehmen mssen. Dies aber, Allergndigster Knig, ich wage es
vertrauensvoll auszusprechen, wollen Allerhchstdieselben nicht. Preuens
mchtiger und gerechter Monarch, der im zweiten Artikel der Bundesakte
Souvernitt und Unabhngigkeit garantierte, wird nie gestatten, da die
Minister durch strenges Festhalten am Buchstaben des Bundesvertrages den
Geist, der sichtbar in demselben waltet, ertten, da aus dem ersteren ein
Rechtstitel fr faktischen Zwang entlehnt werde. Wenn ich so das kleine,
auf mich gekommene Erbe meiner Ahnen, das, erhrt Gott meine und meiner
vielgeliebten Gemahlin Gebete, der Urenkel eines Knigs aus meiner Hand
erhalten wird, vor E. K. Maj. Herzen und Allerhchstihren mir und meiner
Gemahlin bewiesenen vterlichen Gesinnungen zu verteidigen wage, so fehlt
es mir dazu nicht an einem nheren Anla߫ -- worauf denn eine lange Klage
ber die dem anhaltischen Lande angedrohte Polizeilinie folgte. Der
Knig aber zeigte sich sehr aufgebracht ber die Zweizngigkeit seines
Neffen. Er erinnerte ihn daran, da Preuen die Dresdener
Elbschiffahrtsakte erst unterzeichnet habe, nachdem die Askanier ihren
Beitritt zum preuischen Zollsystem frmlich versprochen htten; er
forderte ihn auf, dem Beispiel Bernburgs zu folgen, und schlo: Auch kann
ich nicht glauben, da das in Dresden von smtlichen Herzgen von Anhalt
gegebene Versprechen einer Einigung durch irgendeine von ihnen spterhin
gegebene Zusage an Verbindlichkeit zu verlieren vermchte. Ein zweites
Schreiben des Dessauers, das sich abermals auf die hartnckige Weigerung
des Kthener Vetters berief, blieb unbeantwortet.

Der Knig befahl nunmehr, dem Froschmusekrieg ein Ende zu machen und das
anhaltische Land mit der gefrchteten Polizeilinie zu umgeben, aber
zugleich die beiden Herzge nochmals zu Unterhandlungen einzuladen. Im
Mrz 1827 wurde die Elbe oberhalb und unterhalb Anhalts gesperrt, von den
eingehenden Schiffen die vorlufige Zahlung der preuischen Zlle
gefordert unter Vorbehalt der Rckvergtung, falls die Waren wirklich in
Anhalt verblieben. Sofort sendete der Kthener Herzog einen Leutnant mit
einem Ultimatum nach Berlin; sei es, da er einen hheren militrischen
Wrdentrger nicht in seinem Vermgen hatte, oder da er Preuen verhhnen
wollte. Der tapfere Leutnant forderte drohend die Zurcknahme der
Maregeln binnen acht Tagen, sonst werde Kthen zu ernsteren Mitteln
greifen. Natrlich erhielt er keine Antwort; Eichhorn und Heinrich
v. Blow(62), Humboldts geistreicher Schwiegersohn, der in diesen
lcherlichen Hndeln sein diplomatisches Talent zuerst bewhrte, setzten
nur einige scharfe Bemerkungen an den Rand des Kthener Ultimatums. Nun
brachte Kthen *cette affaire ennuyante*, wie Bernstorff zu seufzen
pflegte, nochmals an den Bundestag. Wieder verteidigte die gesamte Presse
den unschuldigen Kleinstaat, den hochherzigen Beschtzer der Schwrzer und
der Schwarzen; wieder trat in der Eschenheimer Gasse(63) ein Ausschu
zusammen unter dem Vorsitz des k. k. Gesandten. Wieder ward ein Bericht
zugunsten Kthens erstattet, und wieder mute der preuische Gesandte(64)
eine scharfe Erwiderung verlesen. Nagler sagte geradezu, seine Regierung
sei durch den Kommissionsbericht in der berzeugung von ihrem Rechte
unerschtterlich befestigt worden. Bernstorff aber erklrte: Dazu haben
sich groe Staaten mit den kleinen nicht in einen Verein zusammengetan,
damit diese nur ihre, bei vernnftigem Gebrauch unantastbare Souvernitt
nach Willkr und jeder berspannten Einbildung ausben drfen. sterreich
zeigte bei alledem eine sehr zweideutige Haltung. Adam Mller wurde zwar
auf lngere Zeit beurlaubt, doch im brigen tat die Hofburg gar nichts zur
Untersttzung Preuens; ihr Gesandter Graf Trauttmansdorff beschwerte sich
sogar ber die angeordneten Zwangsmaregeln.

Die kleinen Hfe ergriff ein jher Schrecken, da sie so unsanft an die
natrlichen Schranken ihrer Souvernitt erinnert wurden. In einem
verzweifelten Briefe fragte Groherzog Georg von Strelitz seinen
kniglichen Schwager, ob er denn wirklich den Bestand des Deutschen Bundes
gefhrden wolle. Friedrich Wilhelm aber lie sich nicht beirren. Er
sendete dem Schwager (Juli 1827) eine Denkschrift, welche nochmals die
ganze Nichtswrdigkeit der anhaltischen Schleichhandelspolitik darstellte,
und sagte: daraus mge er lernen, da das Interesse meiner Untertanen die
getroffenen Maregeln gebieterisch erheischte, da ich dazu vollkommen
berechtigt war, und daher weder die Aussprche der Bundesversammlung noch
das Urteil des Publikums in und auer Deutschland, sondern nur die
Nachgiebigkeit der anhaltischen Frsten eine nderung hervorbringen
knnen. Dann hob er mit seinem geraden Verstande noch einmal den Kern des
Streites heraus: E. K. Hoheit wird auerdem einleuchten, da, wenn sich
die Interessen eines Staates von 30 bis 40 000 Einwohnern mit denen von 12
Millionen in Konflikt befinden, es in der Natur der Verhltnisse liegt,
da der erstere nachgebe, sobald ihm eine vollstndige Entschdigung
geboten wird. Sollte der Bund die aus einer bel verstandenen Souvernitt
hergeleiteten Anmaungen kleiner Staaten gegen mchtigere nicht in die
gehrigen Schranken zurckweisen, so wrde fr diese das Bundesverhltnis
bald unertrglich werden und der Bund, wie E. K. H. bemerken, allerdings
in Gefahr schweben.

Mittlerweile begannen die beiden bedrngten Kleinfrsten doch zu merken,
da sie den ungleichen Kampf nicht durchfhren konnten. Sie beschlossen,
ihr verpfndetes Wort endlich einzulsen, und erklrten sich zu
Unterhandlungen bereit. Am 17. Juli 1828, nach neunjhrigen
Schmuggelfreuden, _traten Dessau und Kthen dem preuischen Zollsystem
bei_. Beide Landesherren bedauerten in gefhlvollen Manifesten, ihre
geliebten Untertanen so schwer belasten zu mssen; der Kthener berief
sich auf unabwendbare Umstnde, der aufrichtigere Dessauer -- mit jener
zynischen Gemtlichkeit, die dem deutschen Kleinfrsten nicht verargt wird
-- auf die Interessen seines Kammerhaushalts. Alle diese Enklavenvertrge
gewhrten den kleinen Hfen einen nach der Volkszahl abgemessenen Anteil
am Ertrage der preuischen Ein- und Ausfuhrzlle, auerdem noch allerhand
Ehrenrechte -- das Landeswappen neben dem preuischen fr die Zollmter und
was der Eitelkeiten mehr war -- aber durchaus keinen Anteil an der
Zollgesetzgebung. Nur Dessau und Kthen behielten sich das Recht des
Widerspruchs vor, falls die Grundstze und Grundlagen des Zollgesetzes
verndert wrden -- ein Satz, der glcklicherweise gar nichts bedeutete.
Ebenso harmlos war die Klausel, wonach Dessau und Bernburg nur fr sechs
Jahre beitreten sollten. Motz und Eichhorn wuten wohl, wie wenig an einen
Wiederaustritt zu denken sei; so gnnte man den Kleinen das erhebende
Bewutsein, da sie sich nicht fr ewige Zeiten unterworfen htten. In der
Tat begann in den anhaltischen Lndern der ehrliche Erwerb wieder zu
gedeihen, und bald fhlte jedermann, die natrliche Ordnung der Dinge sei
hergestellt.

Noch whrend diese anhaltischen Hndel schwebten, erffnete sich fr
Preuen pltzlich die Aussicht, auch grere deutsche Staaten in seine
Zollgemeinschaft aufzunehmen. Gewitzigt durch die niederschlagenden
Erfahrungen der Wiener Konferenzen, hatte der Berliner Hof whrend der
letzten Jahre gelassen abgewartet, ob die Not der Finanzen einen der
Mittelstaaten bewegen wrde, sich freiwillig dem preuischen Zollsystem
anzuschlieen. Eine solche Politik gewhrte zugleich den Vorteil, da
Preuen verschont blieb vor den unzhligen Zollvereinsplnen, welche
gleich Nebelgestalten, rasch gebildet und rasch zerflieend, an den
kleinen Hfen auftauchten und oftmals auch an die preuischen Gesandten
herantraten. Leichtfertiges Plneschmieden war von jeher das Vorrecht der
Ohnmacht. Ein Staat, der eine groe nationale Idee vertrat, durfte auf die
Mckenseigerei nassauischer und meiningischer Staatsdilettanten sich nicht
einlassen. Ein einziger von Preuen bereilt abgeschlossener Zollvertrag,
der die Probe nicht bestand und sich wieder auflste, htte die Hfe wie
die Nation vollends abgeschreckt und die preuische Handelspolitik auf
Jahre hinaus gelhmt. Nur wenn ein Mittelstaat, Dnkel und Mitrauen
berwindend, selber in Berlin positive Anerbietungen stellte, dann allein
lie sich glauben, da er durch gewichtige Interessen bestimmt werde und
ein dauerhafter Bund mglich sei.

Aus dem Rnkespiel Adam Mllers erfuhr man berdies, welche Krfte an den
kleinen Hfen ihr Wesen trieben und beschlo daher, alle Verhandlungen
ber Zollsachen nur in Berlin zu fhren. Nur in Berlin fanden sich die
kundigen Fachmnner, deren, und das reiche statistische Material, dessen
man zur Lsung so vieler verwickelten Einzelfragen bedurfte. Nur hier war
man leidlich gesichert gegen die Umtriebe der Hofburg, wie gegen die
Vorurteile der kleinen Dynastien. Der Aufenthalt in einem ernsten
Gemeinwesen bt immer einen wohlttig ernchternden Einflu, und selbst in
jener stillen Zeit bewhrte Preuen diese erziehende Kraft. In den
Gesandtschaftsberichten lt sich deutlich verfolgen, wie die kleinen
Diplomaten stets mit mitrauischem Zagen den verrufenen Berliner Boden
betraten und schon nach wenigen Monaten ein unbefangenes, ja wohlwollendes
Urteil ber die preuischen Dinge sich bildeten. Graf Bernstorff blieb mit
den Gesandten der Mittelstaaten immer auf gutem Fue, selbst wenn das
Verhltnis zu den Kabinetten sich trbte.

Sodann lernte man aus dem unglcklichen Verlaufe der Darmstdter
Zollkonferenzen, da Zollverhandlungen mit mehreren Staaten zugleich, bei
der groen Verschiedenheit der Interessen, keinen Erfolg versprechen.
Seitdem stand in Berlin der Entschlu fest, immer nur mit einem einzelnen
Staate ber Zollfragen zu verhandeln, mit mehreren nur dann, wenn diese
sich bereits zu einer handelspolitischen Einheit verbunden htten. Diese
streng eingehaltene Regel erlitt eine einzige Ausnahme. Die kleinen
thringischen Lande konnten vereinzelt weder eine Zollgrenze bewachen,
noch als Trger eines handelspolitischen Interesses gelten. Darum hatte
das Berliner Kabinett schon im Jahre 1819 dem Gothaer Hofe die Bildung
eines thringischen Vereins empfohlen -- ein Vorschlag, dessen Berechtigung
selbst auf den Darmstdter Konferenzen von dem sachkundigen badischen
Bevollmchtigten anerkannt wurde. Allen anderen Staaten gegenber blieb
der Grundsatz der Einzelverhandlungen aufrecht.

ber die handelspolitischen Plne der Mittelstaaten war der Berliner Hof
sehr genau unterrichtet; denn an mehreren der kleinen Hfe bestand eine
einflureiche preuische Partei, in Mnchen und Stuttgart mindestens ein
tiefer Groll gegen sterreich, der unseren Geschftsmnnern zustatten kam.
Dazu der landesbliche Nationalha des Nachbars gegen den Nachbar; wie
lie sich ein Geheimnis bewahren, wenn heute ein darmstdtischer, morgen
ein badischer Minister sich gedrungen fhlte, seine gerechte Entrstung
ber Bayerns oder Wrttembergs anmaende Vorschlge in den schweigsamen
Busen des wohlwollenden preuischen Gesandten aus zuschtten? Der
Karlsruher Posten diente als die beste Warte, um den Wandel der kleinen
Gestirne zu beobachten. Die Teilnahme Preuens an dem geplanten
sddeutschen Zollverein befrwortete in Berlin niemand, weil man ihn fr
hoffnungslos hielt. Dagegen wurde wiederholt und ernstlich die Frage
erwogen: unter welchen Bedingungen Preuen mit greren Nachbarstaaten
einen Zollbund abschlieen knne? Klewiz beantwortete sie in einem
Gutachten vom 27. Juni 1822 dahin: Nur unter drei Bedingungen knnen wir
die Nachbarstaaten in unseren Verband aufnehmen. Wir mssen fordern:
Annahme unserer Branntweinsteuer und einer angemessenen Biersteuer, nur
dann wird der Verkehr aller Schranken ledig. Ferner ein sehr
berwiegendes Vorrecht fr Preuen bei Bestimmung der Ein-, Aus- und
Durchgangsabgaben. Endlich die Douanenlinie in jenen Lndern mu ganz
von uns abhngen, da die bisherige Zollverwaltung der Nachbarstaaten
keine Brgschaft gibt fr die gewissenhafte Ausfhrung der Gesetze.
Begreiflich genug, da ein preuischer Minister fr seinen Staat eine
solche handelspolitische Hegemonie wnschte. Bald aber erkannte man in
Berlin, wie wenig die Mittelstaaten gesonnen waren, eine fremde
Verwaltung in ihren Lndern zu ertragen, und stimmte daher seine Ansprche
herab.

Im Jahre 1824 verhandelten die drei Ministerien des Auswrtigen, des
Handels und der Finanzen nochmals ber die Frage, wie sich Preuen bei
den Zollvereinsunternehmungen zu verhalten habe. Geh Rat Sotzmann, der
Sohn des bekannten Geographen, eines der ersten Talente der
Finanzverwaltung, und H. v. Blow faten das Ergebnis der Beratung in
einer groen Denkschrift zusammen, welche schon mehrere Hauptgrundstze
der spteren Zollvereinsverfassung aufstellte. Sie erklrten: der Anschlu
an Preuen knne auf zwei Wegen erfolgen -- entweder durch vollstndige
Unterwerfung, wie sie in Bernburg geschehen sei, oder durch eine freiere
Verbindung. Einem greren Staate drfe nur die letztere zugemutet werden;
doch msse er jedenfalls seine Zlle und Konsumtionssteuern den
preuischen gleichstellen. Der Unterschied von Zollanschlu߫ und
Zollverein war also schon damals den preuischen Staatsmnnern gelufig,
wenngleich sie die modernen Schulausdrcke noch nicht gebrauchen. Da der
Beitritt etwa von Kurhessen nur soviel Zuwachs bringt als ein einziger
unserer Regierungsbezirke ausmacht, so kann der Berliner Hof die
Entwicklung seines Zollwesens von der Zustimmung eines solchen
Bundesgenossen nicht unbedingt abhngig machen. Daher soll Preuen sich
nur auf eine Reihe von Jahren binden, um bei Ablauf der Frist ber
nderungen und Zustze sich von neuem zu vereinbaren. Man verzichtet
mithin auf jedes Vorrecht, erkennt die volle Gleichberechtigung des
kleinen Bundesgenossen an und behlt sich nur das Recht der Kndigung vor,
als unentbehrliches Gegengewicht. Jeder der beiden Staaten ernennt seine
Zollbeamten selbst, doch werden sie beiden Regierungen verpflichtet. Der
Plan, die Grenzbewachung allein in Preuens Hnde zu legen, war mithin
aufgegeben. Nur noch ein kleiner Schritt weiter, und man mute erkennen,
da auch die doppelte Vereidigung der Zollbeamten dem Dnkel der kleinen
Hfe unertrglich sei, blo eine gegenseitige Kontrolle der Zollverwaltung
sich erlangen lasse. Preuen hatte sein letztes Wort noch nicht
gesprochen; die Denkschrift verhehlte nicht, da der Berliner Hof gefat
sein msse auf noch grere Zugestndnisse. Wird nur der Zweck erreicht --
die wirkliche Einfhrung des preuischen Zoll- und
Konsumtionssteuersystems und die Verfolgung der Kontraventionen --, so kann
man ber Formalitten, die durch ffentliche Unterordnung der jenseitigen
Souvernittsrechte anstig werden drften, leichter hinweggehen. Zum
Schlu wird ein wichtiger Gedanke entwickelt, den das preuische Kabinett
fortan getreulich festhielt und weiter verfolgte: Sollte Kurhessen nur
gegenseitige Eingangsbegnstigungen wnschen, so wre dies fr Preuen,
wegen unserer hheren Zlle, nicht blo kostspieliger, sondern auch
gefhrlicher; die vllige Verschmelzung der beiden Zollsysteme bleibt in
jeder Hinsicht vorzuziehen. -- In der Tat, nicht die Hhe der Binnenzlle
lhmte den deutschen Handel, sondern das Dasein der Binnenmauten selber;
jede Reform, die nicht an diese Wurzel des bels die Axt legte, blieb ein
Migriff.

Leider hatten diese verstndigen Grundstze fr den Augenblick gar keine
Wirkung; denn die Verfasser der Denkschrift hielten sich noch buchstblich
an das Programm von 18l9. Sie wollten in gerader Linie von Grenze zu
Grenze vorgehen, von dem nchsten Nachbar zu dem entfernteren. Was schien
auch einfacher als der Plan, zunchst die angrenzenden Staaten zu
gewinnen, die im unmittelbaren Bereich der preuischen Macht lagen, und
dann erst zu versuchen, ob das geeinte Norddeutschland vielleicht mit dem
Sden sich verstndigen knne? Und doch war dieser gerade Weg ganz
ungangbar. Die Denkschrift selber gesteht, da der allen Neuerungen
abgeneigte Dresdner Hof sich, schon wegen der Leipziger Messen, dem
preuischen Zollwesen fernhalten werde. Hannover, als ein Brckenkopf
Englands, wird gar nicht erwhnt, ebensowenig das dnische Holstein.
Thringen ist auf Preuen angewiesen, mu sich aber, wie in einem
besonderen Promemoria ausgefhrt wird, zuvrderst zu einem Verein
zusammentun, der dem preuischen Zollsystem als Vorland und Deckwerk
dienen soll. Darmstadt grenzt nicht an uns, selbst sein Oberhessen kann
nur in Betracht kommen, wenn Kurhessen gleichzeitig beitritt. -- Nach
alledem blieb als nchstes erhebliches Ziel nur der Beitritt von Kurhessen
samt Waldeck, und sogar dies war unerreichbar, denn der hessische Kurfrst
zeigte, nachdem er es eine kurze Zeit mit einem verstndigen Zollsystem
versucht hatte, dem groen Nachbarstaate bald wieder die alte
Gehssigkeit. Solange in Berlin diese Ansichten vorherrschten, die
offenbar mit dem alten unseligen Gedanken der Mainlinie zusammenhingen,
lie sich eine Erweiterung des Zollsystems ber die kleinen Enklaven
hinaus nicht absehen.

Erst durch Motz wurde der Bannkreis dieser norddeutschen Ideen
durchbrochen. Hierin und in der Beseitigung des Defizits, die eine
Handelspolitik groen Stils erst ermglichte, liegt sein bleibendes
Verdienst. Er zuerst unter den preuischen Staatsmnnern verfiel auf die
Frage: ob nicht in dem wunderlichen Durcheinander unserer Kleinstaaterei
der Umweg vielleicht rascher zum Ziele fhre als die gerade Linie? ob man
nicht die Nachbarn, die nicht zu berzeugen waren, vielmehr umgehen und
umklammern msse? Der khne Spieler kam mit seinen Bauern auf dem Brette
nicht vorwrts und lie darum die Springer vorgehen. Er fate sich das
Herz, sobald eine gnstige Stunde kam, ber Kurhessen und die anderen
unmittelbaren Nachbarn hinweg den sddeutschen Staaten die Hand zu
reichen. In einer Zeit, da die amtliche deutsche Welt den ewigen Bund
zwischen sterreich und Preuen fr ein unverbrchliches Gesetz ansah,
ging er geradeswegs auf das Ziel los, das gesamte Deutschland mit
Ausschlu sterreichs durch das unzertrennliche Band wirtschaftlicher
Interessen unter der Fhrung Preuens fr immer zu vereinigen und also die
Befreiung von der Herrschaft des Hauses Lothringen vorzubereiten. Sobald
dieser Entschlu feststand, war das Eis gebrochen. Der steile Weg war
betreten, der die Handelspolitik Preuens rasch von Erfolg zu Erfolg
fhren sollte.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 453 ff., 477 ff.

                            ------------------




   54 Philipp v. Ladenberg, geb. 15. August 1769, gest. 11. Februar 1847,
      seit 1817 Direktor der Generalkontrolle der Staatsausgaben, seit
      1823 Chefprsident der Oberrechnungskammer.

   55 S. o. S. 42 Anm. 1.

   56 George Canning, geb. 11. April 1770, gest. 8. August 1827,
      britischer Staatsmann, Vorkmpfer fr liberale Handelspolitik und
      Gegner der von der heiligen Allianz vertretenen
      Legitimittsanschauungen.

   57 Heinrich Theodor v. Schn, geb. 20. Januar 1773, gest. 23. Juli
      1856, seit 1816 Oberprsident von Westpreuen, von 1824 bis 1842
      Oberprsident der gesamten Provinz Preuen, seit 1840 gleichzeitig
      Staatsminister.

   58 Friedr. Aug. v. Stgemann, geb. 7. November 1763, gest. 17. Dezember
      1840, im Ministerium Stein bis Dezember 1806 vortragender Rat, seit
      1809 Geh. Staatsrat im Finanzministerium und Mitarbeiter
      Hardenbergs, 1817 in den Staatsrat berufen.

   59 Karl Friedr. Heinrich v. Kamptz, geb. 16. September 1769,
      gest. 3. November 1849, seit 1824 Direktor im Justizministerium, von
      1832-1838 Justizminister, berchtigt und verhat wegen seines Eifers
      bei Aufsprung demagogischer Umtriebe.

   60 Ludwig Samuel Khne, geb. 15. Februar 1786, gest. 3. April 1864,
      seit 1819 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, seit 1820
      Geh. Finanz-, bzw. Oberfinanzrat. Die bernahme des
      Finanzministeriums lehnte Khne wiederholt ab.

   61 Franz Ludwig Graf v. Hatzfeldt, geb. 23. November 1756, gest. 3.
      Februar 1827, war seit 1822 preuischer Gesandter in Wien.

   62 Heinrich Freiherr v. Blow, geb. 16. September 1792, gest. 6.
      Februar 1846, war bis 1827 im Ministerium des Auswrtigen
      hauptschlich in den Handelssachen ttig, 1827 wurde er preuischer
      Gesandter in London, 1842 Minister der auswrtigen Angelegenheiten.

   63 In der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt a. M. befand sich das
      Taxissche Palais, in dem die Bundesversammlung tagte.

   64 Karl Ferd. Friedrich v. Nagler, geb. 1770, gest. 13. Juni 1846, der
      schpferische Organisator des preuischen Postwesens, war von
      1824-1835 preuischer Gesandter am Bundestag.




6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.



a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._


Als die Darmstdter Konferenzen im Sterben lagen, gaben die kleinen
thringischen Staaten die Erklrung ab: wenn man in Darmstadt sich nicht
vereinige, so shen sie sich gentigt, einen bereits verabredeten
bedingten Vertrag auszufhren und einen in sich geschlossenen
Handelsstaat zu bilden -- eine Selbsthilfe, welche das Bild der
Zwietracht, das Deutschlands Staaten darstellen, zur hchsten Vollendung
zu bringen gemacht wre. Und wahrlich, der Sden bot einen jammervollen
Anblick nach dem Abbruch der Darmstdter Verhandlungen. Jedes Kabinett
ging trotzig und verstimmt seines eigenen Weges. Die darmstdtische
Regierung versuchte noch einmal (Februar 1824), die oberrheinischen Hfe
zur Annahme gleichfrmiger Zollgesetze zu bewegen; da dies milang, gab
sie ihrem Lande eine selbstndige Zollordnung, welche, dem Volke verhat,
kaum 80000 Gulden jhrlich einbrachte. Der kluge du Thil hatte diesen
armseligen Ertrag vorhergesehen, er wollte sich aber fr knftige
Zollvertrge ein Unterhandlungsmittel sichern. Auch Wrttemberg fhrte im
selben Jahre ein neues Zollgesetz ein, das dem bayrischen nahe stand. Das
Schmuggelgeschft in Frankfurt und in Baden blhte wie nie zuvor. Trichte
Retorsionen belstigten den Verkehr. Als Wrttemberg mit der Schweiz ber
einen Handelsvertrag verhandelte, sendete Baden sofort einen
Bevollmchtigten nach Zrich, um den Fortgang des Geschftes argwhnisch
zu beobachten. In der Schweiz herrschte dasselbe Elend germanischer
Zersplitterung; konkordierende und nicht konkordierende Kantone fanden des
Haders kein Ende, die Verhandlungen rckten kaum von der Stelle.

Nur der Stuttgarter Hof gab in diesem Zeitraum allgemeiner Zerfahrenheit
die Triastrume und Zollvereinsplne nicht auf. Der wrttembergische
Gesandte in Mnchen, Freiherr von Schmitz-Grollenburg, ein rhriger
Liberaler, gleich seinem Gnner Wangenheim begeistert fr den Bund der
Mindermchtigen, lie nicht ab, das bayrische Kabinett um Wiederaufnahme
der Verhandlungen zu bitten. Eine geraume Zeit hindurch fand er keinen
Anklang; sein Freund Lerchenfeld konnte nicht aufkommen gegen Rechberg,
der rundweg aussprach, eine gemeinschaftliche Zollgrenze sei entwrdigend
fr die rckwrtsliegenden Staaten. Auch bestand im altbayrischen Volke
wenig Neigung mehr fr die Zollvereinsplne; die ffentliche Meinung
verlor das Vertrauen zu den immerdar vergeblichen Unterhandlungen.

Immerhin hatten die Darmstdter Beratungen die Lage etwas geklrt.
Sddeutschland zerfiel in zwei Gruppen. Die beiden Knigreiche auf der
einen, die Rheinuferstaaten auf der anderen Seite, waren sich der
Gemeinschaft ihrer Interessen bewut geworden. Eben diese Sonderung zweier
Gruppen fhrte dann zu neuen Einigungsversuchen. Baden schlo mit
Darmstadt (10. September 1824) einen Vertrag, der den eigenen Produkten
der beiden Staaten einige Erleichterung gewhrte, und sendete sodann
seinen Nebenius zu gleichem Zwecke nach Wrttemberg. Der badische
Bevollmchtigte ward in Stuttgart sehr unfreundlich aufgenommen und
wochenlang hingehalten, da der wrttembergische Unterhndler stets zur
unpassenden Stunde unwohl wurde. Gekrnkt und verstimmt dachte er schon
heimzureisen; da erfuhr er endlich, da Wrttemberg inzwischen schon eine
neue geheime Verhandlung mit Bayern begonnen habe. Die Nachricht von dem
badisch-hessischen Vertrage hatte den Mnchener Hof mit schwerer Sorge
erfllt. Man frchtete die Fhrerschaft im Sden zu verlieren und geriet
in Unruhe wegen der Rheinpfalz; diese unzufriedene Provinz forderte
dringend, fast drohend eine Verstndigung mit den Rheinuferstaaten, die
fr ihr Handelsinteresse weit wichtiger seien als die altbayrischen Lande.
berdies hatte Blittersdorff den unsterblichen Artikel 19 und die
Handelssache soeben am Bundestage wieder zur Sprache gebracht; und obwohl
dies nur ein Zeichen der Ratlosigkeit war, so wollte doch Bayern jede
Einmischung des Bundes abschneiden. So geschah es, da
Schmitz-Grollenburgs Antrge jetzt in Mnchen einer gnstigeren Stimmung
begegneten. Knig Max Joseph(65) gestattete, da der wrttembergische
Geheimrat Herzog nach Mnchen kam. Whrend man Nebenius in Stuttgart mit
leeren Ausflchten vertrstete, ward an der Isar ber einen sddeutschen
Zollverein verhandelt.

Schon am 4. Oktober 1824 kam dort ein vorlufiger Vertrag zustande; im
folgenden Monat traten die Bevollmchtigten der beiden Knigreiche in
Stuttgart zusammen, um die Vereinbarung endgltig festzustellen. Gewitzigt
durch den ziellosen Meinungswirrwar der Darmstdter Konferenzen, zogen
Bayern und Wrttemberg diesmal vor, zunchst unter sich ins reine zu
kommen, dann erst die kleinen Nachbarn zum Beitritt aufzufordern. Ein
richtiger Gedanke, sicherlich, doch die Heimlichkeit des Verfahrens
verletzte die oberrheinischen Hfe. In Karlsruhe wie in Darmstadt prahlte
man gern: wir knnen Bayerns entbehren, Bayern nicht unser, da wir seine
Verbindung mit der Rheinpfalz beherrschen. Um so bitterer empfand man das
rasche Vorgehen des Mnchener Hofes. Um den Prtensionen der kniglichen
Hfe entgegenzutreten, eilte Berstett nach Frankfurt, besprach sich dort
mit Marschall. Gleich darauf (19. November 1824) hielten Berstett,
Nebenius, du Thil und Hoffmann in Heidelberg eine geheime Zusammenkunft,
welche der badische Minister selber in einem vertrauten Briefe ein
Gegengift gegen die bayrisch-wrttembergischen Umtriebe nannte.

Das hier vereinbarte Protokoll, dem nachher auch Marschall beitrat, wurde
bedeutungsvoll fr die Geschichte der deutschen Handelspolitik; denn hier
spielte der Partikularismus seinen hchsten Trumpf aus, er stellte seine
letzte und schwerste Bedingung auf. Die verbndeten Staaten verpflichteten
sich, in fester Gemeinschaft vorzugehen und vornehmlich bei dem Verlangen
zu beharren, da jeder Staat seine Zollverwaltung selbstndig fhre; nur
unter dieser Bedingung sei ein Zollverein mglich. Baden, das doch in Wien
und in Darmstadt selber eine Zentralverwaltung vorgeschlagen hatte, hielt
jetzt die entgegengesetzte Forderung am hartnckigsten fest. Die beiden
Knigreiche hatten ihr Mitrauen gegen die allzu nachsichtige badische
Zollverwaltung oft und in verletzender Form ausgesprochen. Der Karlsruher
Hof fhlte sich dadurch tief gekrnkt und -- er frchtete die Anwesenheit
bayrischer Zollbeamten in seinem bedrohten pflzischen Gebiete. Wir
wollen, schrieb Berstett an du Thil, schlechterdings keinen *status in
statu*(66), kein Funktionieren fremder Beamten in unserem Gebiete; und
jener antwortete: auch keine Verpflichtung der Zollbehrden fr die
Gemeinschaft, denn sonst knnte der Groherzogliche Zolldirektor dem
Minister sich widersetzen! Ebenso nachdrcklich erklrte Nebenius: Die
Frage ist ganz einfach diese, ob die Untertanen der einzelnen Staaten in
einem unmittelbaren Verhltnis zu der Gemeinschaft stehen sollen; hege
man kein Vertrauen zu der redlichen Verwaltung der Bundesgenossen, dann
sei ein Zollverein berhaupt undenkbar. Es war einfach die Gesinnung des
eiferschtigen Partikularismus, die hier nackt heraustrat. Aber dieser
Partikularismus blieb die Lebensluft des deutschen Bundesrechts. Der
badisch-darmstdtische Vorschlag ergab sich folgerecht aus dem Wesen eines
Staatenbundes. Eine Zentralverwaltung fr das Zollwesen lie sich nur
denken auf dem Boden eines Bundesstaates, eines Reiches.

Indessen hatten die beiden Knigreiche ihren Entwurf festgestellt und die
oberrheinischen Kabinette zu Verhandlungen ber das Beschlossene
eingeladen. Im Februar 1825 begannen die Stuttgarter Konferenzen -- eine
klglichere Wiederholung der Darmstdter Verhandlungen, von Haus aus
verdorben durch Groll und Mitrauen. Da Nassau keinen redlichen Willen
mitbrachte, errieten die preuischen Diplomaten sofort; was lie sich auch
von diesem Bevollmchtigten, dem hartkpfigen Partikularisten Rntgen(67)
erwarten? Die Darmstdtische Regierung begann schon seit langem zu
bezweifeln, ob ein sddeutscher Verein ihrem Staate ntzlich sei. Wein und
Getreide, fr jetzt fast die einzigen wichtigen Ausfuhrartikel des
Lndchens, fanden ihren Absatz im Norden; und auch wenn der Verein
zustande kam, blieb Darmstadt nach wie vor ein Grenzland, berall von
Mauten umstellt. Kurhessen hielt sich den Konferenzen fern. Auch der
badische Bevollmchtigte Nebenius kam aus unlustig hoffnungsloser Stimmung
nicht heraus, und erschwerte die Verhandlungen durch seine Reizbarkeit.
Der bayrisch-wrttembergische Entwurf nahm das bayrische Zollgesetz zur
Grundlage, gewhrte den beiden Knigreichen eine berwiegende Stimmenzahl
und verteilte die Einnahmen nach der Kopfzahl der Bevlkerung. Hier erhob
sich ein Streit, der wieder ein scharfes Licht warf auf die Gesinnung der
kleinen Hfe. Sollte die Bevlkerung berechnet werden nach einer neuen
Zhlung oder auf Grund der provisorischen Bundesmatrikel? Die Matrikel
diente zum Mastab fr die militrischen Leistungen der Bundesstaaten; als
man sie zusammen stellte, ergab sich in vielen Kleinstaaten eine
betrbende Entvlkerung, eine berraschend niedrige Kopfzahl. Jetzt, da
die Zolleinnahmen nach der Strke der Bevlkerung verteilt werden sollte,
beteuerten die kleinen Gesandten wie aus einem Munde: die Matrikel genge
lngst nicht mehr, die Zahl der Einwohner sei inzwischen zur Freude aller
Wohlmeinenden wunderbar schnell gewachsen!

Den wichtigsten Streitpunkt bildete doch die Frage nach den Formen der
Verwaltung. Die kniglichen Hfe verlangten durchaus eine
gemeinschaftliche Zentralverwaltung; sie trauten den Beamten der kleineren
Staaten nicht. Dem wrttembergischen Finanzminister schien die getrennte
Verwaltung schon darum unzulssig, weil dann nur sehr geringe
Zolleinnahmen unmittelbar in seine Kassen flieen wrden; wer brgte
dafr, da die Bundesgenossen ihre berschsse pnktlich herauszahlten?
Gereizt durch solches Mitrauen, hielten die Minister der Rheinuferstaaten
abermals eine Zusammenkunft in Mainz (Ende Mrz 1825) und beschlossen,
fest auf dem Heidelberger Protokoll zu bestehen. Triumphierend erzhlte
Marschall an Berstett, wie berlegen sein Herzog(68) den Kronprinzen von
Bayern(69) bei einem Besuche in Bieberich abgefertigt habe. Niemals,
hatte der stolze Nassauer in heiligem Zorne gerufen, niemals werde ich mir
von Euch in meinem Lande Gesetze vorschreiben lassen. Meine
300000 Untertanen sind mir gerade so lieb, wie Euch Eure drei Millionen.
Ich brauche Euch nicht! -- worauf der Bayer den Austausch
freundnachbarlicher Gefhle abschlo mit der Beteuerung: Wir brauchen
Euch auch nicht! Zugleich setzte der Karlsruher Hof seinen ergebenen
Landtag in Bewegung; der geistreiche allezeit partikularistische
Staatsrechtslehrer Karl Salomon Zachari(70) kmpfte auf der Rednerbhne
wider die Anmaung der kniglichen Hfe: wer ist wohl Herr in seinem
Hause, wenn er die Herrschaft mit anderen teilt? Da gaben Bayern und
Wrttemberg endlich nach.

Doch alsbald erhob sich ein neuer Zwist: um den Tarif -- ein Streit, der
bei dem grundtiefen Gegensatz der Meinungen zum Bruche fhren mute. Baden
gab als hchsten Zoll fr Kolonialwaren 1 Gulden zu und hielt dies fr
ein groes Zugestndnis, whrend Bayern fr Kaffee 15 Gulden forderte;
Wollenwaren dachte Bayern mit 60 Gulden zu belasten, Baden bewilligte nur
8 Gulden als hchsten Satz fr Fabrikate. Vergeblich beschwor Miller von
Immenstadt den Karlsruher Hof um Nachgiebigkeit; das Prohibitivsystem
herrsche in der weiten Welt, auch Huskisson knne mit seinen
freihndlerischen Trumen nicht durchdringen. Berstett blieb fest:
Bayern, schrieb er an Marschall, verlangt, da wir ohne Ersatz alle
Vorteile unserer geographischen Lage mit ihm teilen. Der Knig von
Wrttemberg stimmt den bayrischen Ansprchen zu, um sich die Gewogenheit
einer gewissen Partei zu erhalten. Im August 1825 erklrte Baden seinen
Austritt und verkndigte zugleich ein neues Zollgesetz, dessen niedrige
Stze allgemeine Freude im Lande erregten. Nassau trat ebenfalls zurck.

Auch diesmal spielten politische Bedenken mit; eine Reise des Knigs von
Wrttemberg nach Paris erweckte die Besorgnis, ob der Bund der
Mindermchtigen vielleicht mit franzsischer Hilfe ins Leben treten solle.
Nebenius versicherte spterhin, ihm habe in Stuttgart immer der Gedanke an
Deutschlands knftige Handelseinheit vorgeschwebt; hohe Schutzzlle im
Sden htten die sptere Vereinigung mit dem Norden erschweren mssen. Und
sicherlich, wenn unter dem Schutze der bayrischen Zlle eine jugendliche
Industrie in Oberdeutschland emporwuchs, so blieb dem frher entwickelten
preuischen Gewerbeflei wenig Hoffnung, den sddeutschen Markt fr sich
zu erobern; der preuische Staat verlor mithin den einzigen Vorteil, den
ihm ein allgemeiner Zollverein, zur Entschdigung fr schwere finanzielle
Opfer, versprach. Gleichwohl ist unverkennbar, da auch der geistreiche
badische Staatswirt sich nicht frei hielt von jener allgemeinen
schwarzsichtigen Verstimmung, welche die trbseligen Stuttgarter
Konferenzen beherrschte. Von hohen Schutzzllen war ja gar nicht die Rede.
Die von Bayern vorgeschlagenen Zlle fr Fabrikate standen erheblich unter
den Stzen des preuischen Tarifs; die Gefahr, welche Nebenius frchtete,
lag zum mindesten noch in der Ferne. Im nchsten Winter hat Bayern noch
einmal versucht, den Verein ohne Baden und Nassau in Gang zu bringen.
Freiherr v. Zu Rhein verhandelte in Stuttgart und Darmstadt. Aber die
Darmstdter Regierung erwiderte, sie knne ohne Kurhessen nicht beitreten.
Da der Kasseler Hof sich weigerte, so war auch dieser letzte Versuch
gescheitert.

So hoffnungslos war die Lage, als Knig Ludwig den Thron bestieg. Groll
und Erbitterung berall. Selbst der bescheidene Handelsvertrag zwischen
Baden und Darmstadt war schon nach Jahresfrist wieder erloschen, weil die
Behrden mit den Ursprungszeugnissen freundnachbarlichen Mibrauch
trieben. Nach dem bayrischen Thronwechsel schpfte Knig Wilhelm von
Wrttemberg wieder frischen Mut. Er richtete im Dezember 1826 einen Brief
an seinen erlauchten Nachbarn, schlug ihm vor, die abgebrochenen
Verhandlungen wieder aufzunehmen und zunchst einen
bayrisch-wrttembergischen Verein zu stiften. Knig Ludwig ging darauf
ein. Da die beiden Staaten schon in Darmstadt und Stuttgart
zusammengehalten hatten und ihre Zollgesetze nur geringe Unterschiede
aufwiesen, so nahmen die im folgenden Monat zu Mnchen begonnenen
Verhandlungen gnstigen, wenngleich sehr langsamen Fortgang. Am 12. April
1827 wurde ein Prliminarvertrag unterzeichnet. Man beschlo, die
angrenzenden Staaten zum Beitritt aufzufordern und ihnen zugleich die
politische Bedeutung dieses rein deutschen Bundes ans Herz zu legen. Der
werdende Verein war nicht geradezu gegen Preuen gerichtet; er wurde in
Berlin mit gelassener Ruhe angesehen. Freilich ging aus dem Wortlaut jener
Verabredung wie aus dem ganzen Verhalten der Bundesgenossen unzweifelhaft
hervor, da an Preuens Beitritt nicht entfernt gedacht wurde. Man hoffte
Macht gegen Macht mit Preuen ber Handelserleichterung zu verhandeln und
wollte im Notfall selbst Retorsionen gegen die preuischen Zlle anwenden.
Der Verein sollte den Kern des reinen Deutschlands bilden, ein immer
engeres gegenseitiges Anschlieen in allen politischen Beziehungen zur
unmittelbaren heilsamen Folge haben, wie das bayrische Kabinett nach
Stuttgart schrieb.

Indes die angrenzenden Staaten hatten lngst verlernt, auf einen
sddeutschen Verein zu hoffen, und sie frchteten Bayerns Fhrung. Am
15. Mai 1827 besprachen sich Berstett und du Thil nochmals in Heidelberg;
gleich darauf sendeten die drei oberrheinischen Hfe ablehnende Antworten
nach Mnchen. Berstett erwiderte schroff, Baden wolle nicht eine
knstliche Industrie durch Schutzzlle groziehen. Der Nassauer Hof lie
in Stuttgart seine Verwunderung aussprechen, wie nur Wrttemberg ein
solches Merkantilsystem annehmen und einem greren Hofe sich
unterwerfen knne. Hessen-Darmstadt aber, auerstande, sein drckendes und
doch unergiebiges Mautwesen lnger zu halten, verfeindet mit Kurhessen,
voll Mitrauens gegen die sddeutschen Nachbarn, richtete endlich
bestimmte Antrge nach Berlin. Dergestalt haben jene Mnchener
Verhandlungen die entscheidende Wendung in der Geschichte deutscher
Handelspolitik herbeigefhrt -- einen heilsamen Umschwung, den weder Knig
Ludwig noch Knig Wilhelm beabsichtigte.



b) _Der preuisch-hessische und der bayrisch-wrttembergische Zollverein._


Minister du Thil, der jetzt die Finanzen und die auswrtigen
Angelegenheiten seines Groherzogtums zugleich leitete, befand sich, wie
er selbst erzhlt, in verzweifelter Stimmung. Die Finanznot stieg, das
Volk murrte. Die armen Leineweber auf dem Vogelsberge bei Alsfeld hatten
durch die spanische Revolution ihren Markt verloren, das Hinterland um
Biedenkopf fand, eingepret zwischen preuische Gebiete, keinen Absatz
mehr fr seine Teppiche und Wollwaren, der Mainzer Handelsstand konnte die
Last der nahen preuischen Zollstellen kaum mehr ertragen. Im Landtage
verlangten einzelne Stimmen, wie schon vor Jahren der Abgeordnete Perrot,
eine Verstndigung mit Preuen, andere befrworteten den sddeutschen
Verein. Nur darin war man einig, da der Staat in seiner vereinsamten
Stellung nicht bleiben knne; die Kammer sprach die Erwartung aus, da
irgendein Zollverein zustande komme, und gab der Regierung freie Hand.
Groen Eindruck machte auf den Minister eine von dem Fabrikanten Bayer im
Vogelsberge eingereichte, vom Pfarrer Frank verfate grndliche
Denkschrift, die berzeugend nachwies, da der Warenzug des Landes
berwiegend durch Preuen gehe. Darum lehnte du Thil die bayrische
Einladung ab, obgleich Lerchenfeld zweimal von Frankfurt herberkam und
Knig Ludwig persnlich im Bade Brckenau den hessischen Staatsrat Hofmann
zu berreden suchte. Immer klarer ward ihm die Erkenntnis, da nur der
Beitritt zum preuischen Zollsystem noch retten knne. Es war ein khner
Entschlu fr den Minister eines Mittelstaates; denn im Grunde waren doch
alle bisherigen sddeutschen Zollverhandlungen zur Abwehr gegen das
preuische Zollwesen unternommen worden, und seit dem Kthener Streite
stand an smtlichen Hfen die Meinung fest, da durch eine Verstndigung
mit Preuen die souverne Wrde schimpflich preisgegeben werde. Indes der
mutige Minister war gewhnt, die Stimmungen des Tages gering zu schtzen,
er pflegte in den Landtagsverhandlungen seine selbstndige Gesinnung oft
sehr scharf und nicht ohne verletzende Ironie auszusprechen.

Aber wrde Preuen auf den unerwarteten Antrag eingehen? Schon im Sommer
1825 hatte der Darmstdter Hof einmal in Berlin angefragt, ob Preuen
geneigt sei, einen Zollverein mit beiden Hessen abzuschlieen, und sofort
eine zustimmende Antwort erhalten. Nachher war Preuen aber wieder
zurckgetreten, weil Kurhessen sich dem Plane versagte, und damals in
Berlin noch die Meinung herrschte, die Erweiterung des Zollsystems drfe
nur von Grenze zu Grenze, von dem nheren Nachbarn zu dem entfernteren
vorschreiten. Aus dieser Meinung erklrte es sich auch, da ein halbes
Jahr darauf eine zweite, sehr unbestimmt gehaltene Anfrage aus Darmstadt
dahin beantwortet wurde: Verhandlungen mit Darmstadt allein versprchen
keinen Erfolg, weil das Groherzogtum nicht an Preuen angrenze.

Von den freieren und khneren Ansichten, welche Motz sich inzwischen
gebildet hatte, ahnte du Thil nichts. Er fhlte sich des Erfolges so wenig
sicher, da er nicht einmal seinen greisen Groherzog(71) zu unterrichten
wagte, sondern zunchst bei Bernstorff, mit dem er von den Wiener
Konferenzen her befreundet war, vertraulich anfragte. Bernstorff aber
kannte die Plne des Finanzministers ebensowenig wie der Hesse, da er seit
Jahren die Handelssachen an Eichhorn zu berlassen pflegte, und gab eine
zaghafte Antwort: finanziellen Gewinn verspreche der Vertrag fr Preuen
nicht, und auf eine unbedingte Unterwerfung des Groherzogtums werde Knig
Friedrich Wilhelm selbst nicht eingehen wollen. Erst als du Thil
erwiderte, an eine Mediatisierung seines Groherzogs denke er auch
keineswegs, sendete Bernstorff einen zweiten, ermutigenden Brief.

Nunmehr weihte der hessische Minister seinen Groherzog in das Geheimnis
ein und stellte bei dem preuischen Gesandten v. Maltzan, der trotz
wiederholter Andeutungen nicht aus seiner Zurckhaltung herausgegangen
war, am 10. August 1827 die frmliche Anfrage, ob man in Berlin geneigt
sei, einen geheimen Bevollmchtigten seines Hofes zu empfangen. Die Frage
lautete noch immer unbestimmt genug, du Thil sprach nur von gegenseitigen
Handelserleichterungen. Und selbst wenn der bedrngte Darmstdter Hof, wie
zu erwarten stand, weiter ging und zu einem wirklichen Zollverein die Hand
bot, welchen Vorteil gewhrte ein solcher Bund den Finanzen und der
Volkswirtschaft Preuens? Der kleine Staat besa kein zusammenhngendes
Gebiet, grenzte nur auf drei Stellen, auf wenige Meilen, an preuisches
Land. Eben jetzt hoffte man in Berlin, die Vertrge mit den Enklaven
endlich zum Abschlu zu bringen; gelang dies, so war ein klarer Gewinn
erreicht, die Lnge der Zollgrenzen verminderte sich von 1073 auf
992 Meilen. Trat Darmstadt hinzu, so waren wieder 1108 Grenzmeilen zu
bewachen, whrend das freie Marktgebiet sich nur um 152 Geviertmeilen
vergrerte. Eine sehr betrchtliche Vermehrung des Absatzes preuischer
Fabrikware stand nicht in Aussicht, da Darmstadt nicht zu den stark
konsumierenden Lndern zhlte. Nur die bergisch-mrkische Industrie durfte
auf Erweiterung ihres Verkehrs rechnen. Im Mosellande dagegen frchtete
man die Konkurrenz der rheinhessischen Weine. Den Staatskassen drohte
geradezu Verlust, wenn die Zolleinknfte nach der Kopfzahl verteilt
wurden. Das kleine Nachbarland verzehrte weit weniger Kolonialwaren, hatte
bisher eine zehnmal niedrigere Zolleinnahme bezogen als Preuen: Darmstadt
kaum 2 Sgr., Preuen 24 Sgr. auf den Kopf der Bevlkerung.

Motz war gerade auf einer Dienstreise abwesend, als die Nachrichten aus
Hessen einliefen. Maaen aber, der ihn vertrat, durfte als schlichter
Amtsverweser nur wiederholen, was schon zweimal vom Finanzministerium
erklrt worden war: er wies die Verhandlungen ber Handelserleichterungen
nicht ab, hielt jedoch einen Zollverein fr unmglich, da Hessen allzu
sehr zerstckelt sei und ein so weit abweichendes Steuersystem besitze. Im
Auswrtigen Amte dachte man mutiger. Eichhorn fand es hochbedenklich,
einen deutschen Bundesgenossen zurckzuweisen, der in ernster Verlegenheit
sich an Preuen wende; er riet aus politischen Grnden dringend, auf du
Thils Wnsche einzugehen; nur solle nicht blo ein Handelsvertrag, sondern
eine dauernde Verbindung geschlossen werden. Zugleich schrieb
Otterstedt(72) aus Karlsruhe: da Knig Ludwig bei seinem Zollverein
politische Nebenplne verfolge, sei offenkundig; jetzt gelte es, Preuens
Ansehen zu wahren. Er verbrgte sich fr du Thils Ehrlichkeit, mahnte
aber, das strengste Geheimnis bei den Verhandlungen zu bewahren, damit
nicht sterreich und Bayern vereint in Darmstadt entgegenarbeiteten.
Unterdessen war Motz heimgekehrt, und sofort trat er mit den Plnen
heraus, die ihm whrend der letzten Jahre aufgestiegen waren. Der khne
Mann erklrte sich bereit, jetzt den unvorteilhaften Vertrag mit Darmstadt
zu schlieen, weil er hoffte, da dies Beispiel die mitteldeutschen
Nachbarn nachziehen werde; auf die niederdeutschen Staaten war ja doch
nicht zu rechnen. Es ist sehr wichtig, schrieb er dem Minister des
Auswrtigen, beide Hessen und alle schsischen Regierungen, auch das
Knigreich, in unser Steuersystem aufzunehmen. Ich bin auch nicht
besorgt, da diese einen anderen Steuerverband whlen werden, weil ihr
Finanzinteresse nur in einer Verbindung mit uns bedeutend gewinnen und sie
drckender Finanzsorgen entheben wird. Ich hoffe und wnsche, da
Hessen-Darmstadt, dessen Finanzverlegenheit bekannt ist und welches hier
die richtige Medizin findet, damit den Anfang machen, und die anderen
genannten Regierungen dann bald nachfolgen werden.

Whrend also die Berliner Behrden unter sich berieten, setzten Bayern und
Wrttemberg alle Hebel ein, um den Kurfrsten von Hessen fr ihren
werdenden Verein zu gewinnen. Drangen sie durch, so schien die Verbindung
Darmstadts mit Preuen kaum rtlich. Daher sendete du Thil den Prinzen
August Wittgenstein nach Kassel, angeblich, wie er Maltzan sagte, um den
Kurfrsten zu warnen vielleicht auch, um fr alle Flle gedeckt zu
bleiben. Am Kasseler Hofe berwog der Widerwille gegen den
konstitutionellen Sden und die Furcht vor jeder Schmlerung der
Souvernitt; Bayerns Bemhungen scheiterten.

Nun erst war das Feld frei. Der Knig erlaubte den Beginn der
Verhandlungen und am 6. Januar 1828 erschien Staatsrat Hofmann in Berlin,
derselbe, der einst bei der Begrndung der hessischen Verfassung so
wirksam mitgeholfen hatte, ein sachkundiger Geschftsmann, von starkem
Ehrgeiz, keineswegs unempfindlich fr die Vorteile, welche beim Abschlu
wichtiger Vertrge dem Unterhndler zuzufallen pflegen. Der gewandte Mann
hatte verstanden, zugleich mit den Liberalen ein gutes Einvernehmen zu
unterhalten und sich im Vertrauen seines Frsten zu behaupten; mit
Wangenheim in Freundschaft zu leben, ohne den Gromchten verdchtig zu
werden. Die handelspolitische Verstndigung mit Preuen war ihm seit
Jahren ein gelufiger Gedanke. In der diplomatischen Welt stritt man sich,
ob Hofmann in Privatangelegenheiten eines hessischen Prinzen reise, oder
den Verkauf der Kreuznacher Saline in Berlin vermitteln solle. So durch
die Hintertr, wie der Dieb in der Nacht, ist diese folgenreiche
Entscheidung in unsere Geschichte eingetreten. Das Geheimnis war nur zu
ntig. In Darmstadt wnschten zwar Minister Grolman(73) und Prinz Emil
aufrichtig die Verstndigung mit Preuen; doch die sterreichische Partei
arbeitete in der Stille, ein voreiliges Wort konnte alles verderben.

Der hessische Bevollmchtigte beantragte nur die gegenseitige Herabsetzung
einer langen Reihe von Zllen auf ein Zehntel der bisherigen Stze; als
unerlliche Bedingung stellte er den Kernsatz jenes Heidelberger
Protokolls auf: selbstndige Zollverwaltung fr Darmstadt. Alsbald trat
ihm Motz entgegen mit dem Bedenken: Zollerleichterungen seien unfruchtbar,
weitlufig, gefhrlich; Preuen msse die vollstndige Annahme seines
Zollgesetzes verlangen. Unter solchen Umstnden muten die Verhandlungen
entweder scheitern oder zu einem Kompromisse fhren: zur Bildung eines
Zollvereins auf Grund des preuischen Zollgesetzes, aber mit selbstndiger
Zollverwaltung fr beide Teile. berraschend schnell, in wenigen Tagen
wurde die Lsung gefunden, wonach die sddeutschen Kabinette in
jahrelangen Verhandlungen getrachtet hatten. Am 11. Januar 1828 fand die
erste frmliche Konferenz im Finanzministerium statt, und hier wurde
bereits von allen Seiten anerkannt, da nur eine vollstndige Vereinigung
mglich sei: Darmstadt trat in das preuische Zollsystem ein; Preuen,
lngst bereit ber Formalitten leicht hinwegzugehen, gewhrte dem
Verbndeten gleiches Stimmrecht bei Abnderungen der Zollgesetze und eine
selbstndige Zollverwaltung, die aber streng nach preuischem Muster
eingerichtet werden sollte. Mit diesem Entschlusse war alles Wesentliche
entschieden. Die nchste Konferenz vom 17. Januar behandelte nur noch
Detailfragen. Am 24. Januar berichtete Eichhorn dem Knige: der Vertrag
verspreche allein fr Hessen finanzielle und volkswirtschaftliche
Vorteile, fr Preuen dagegen einen groen politischen Gewinn, da die
kleinen Staaten auf diesem Wege dauernd an uns gefesselt werden. Am
3. Februar genehmigte der Knig den Abschlu der Verhandlungen; in seiner
streng rechtlichen Gesinnung fgte er ausdrcklich die Bedingung hinzu:
die deutschen Nachbarstaaten, besonders Baden, drfen dadurch nicht in
ihrem Interesse getrnkt werden.

So kam denn am 14. Februar 1828 jener denkwrdige Vertrag zustande, der in
Wahrheit die Verfassung des deutschen Zollvereins feststellte. Er verhlt
sich zu den spteren Zollvereinsvertrgen genau so, wie die Verfassung des
Norddeutschen Bundes zu der heutigen Reichsverfassung sich verhlt. Durch
den Zutritt anderer, grerer Mittelstaaten haben sich spterhin die
zentrifugalen Krfte des Zollvereins erheblich verstrkt; einzelne
Bestimmungen des Vertrags wurden im fderalistischen Sinne abgeschwcht;
doch die Fundamente des preuisch-hessischen Vertrags blieben
unerschttert. Darmstadt nahm die preuischen Zlle an und gab berdies
die vertrauliche Zusage, da auch die wichtigsten preuischen
Konsumtionssteuern eingefhrt werden sollten. Der Kreis Wetzlar tritt
unter die darmstdtischen, das hessische Hinterland unter die
westflischen Zollbehrden. Preuen ernennt einen Rat bei der
Zolldirektion in Darmstadt, Hessen desgleichen bei der Steuerdirektion zu
Kln. Beide Staaten beaufsichtigen wechselseitig ihre Hauptzollmter durch
Kontrolleure; eine Konferenz von Bevollmchtigten verteilt alljhrlich die
gemeinschaftlichen Einnahmen nach Verhltnis der Kopfzahl. Dergestalt war
die Rechtsgleichheit der Verbndeten, die souverne Wrde des
darmstdtischen Reiches, mit peinlicher Sorgfalt gewahrt. Die milde
Kontrolle nderte wenig an der Selbstndigkeit der hessischen
Zollverwaltung; der Verein beruhte im Grunde nur auf gegenseitigem
Vertrauen. Nach den bisherigen Leistungen kleinstaatlicher Zollverwaltung
konnten die preuischen Geschftsmnner einen solchen Vertrag nicht ohne
ernste Bedenken unterschreiben. Die hessische Regierung aber hat das gute
Zutrauen gerechtfertigt, sie lie das neue Zollwesen unter der
einsichtigen Leitung des Finanzrats Biersack fest und redlich durchfhren.
Diese deutsche Treue, diese ehrenhafte Erfllung der eingegangenen
Verbindlichkeiten bildet berhaupt das beste Verdienst, das die
Mittelstaaten um den Zollverein sich erworben haben; der Abschlu der
Vertrge selbst war nicht eine freie patriotische Tat der kleinen Hfe,
sondern ein Ergebnis der bitteren Not.

Ebenso streng wurde die Gleichberechtigung der Verbndeten in Sachen der
Zollgesetzgebung aufrecht erhalten. Der Artikel 4 lautete ursprnglich:
Abnderungen der Zollgesetze sollen nur in gegenseitigem Einvernehmen
erfolgen, und es sollen alle diese Vernderungen im Groherzogtum Hessen
im Namen S. K. H. des Groherzogs verkndigt werden. Diese Fassung
erregte in Darmstadt schmerzliches Aufsehen. Prinz Emil selbst eilte zu
Maltzan, stellte ihm vor: der Groherzog wei, da man in Berlin selbst
nicht wnscht, da die groherzogliche Regierung in den Augen des brigen
Deutschlands erniedrigt werde. Eichhorn, der lngst verlernt hatte, sich
ber die Weltanschauung deutscher Kleinfrsten zu verwundern, ging auf die
Bitte ein; er strich jene erniedrigenden Worte, ersetzte sie nachtrglich
durch die Wendung: und sollen von jeder der beiden Regierungen ihrerseits
verkndigt werden. Damit war das europische Gleichgewicht zwischen
Preuen und Darmstadt wieder hergestellt.

So bereitwillig die preuischen Staatsmnner in diesen lcherlichen
Formfragen nachgaben, ebenso schwer fiel ihnen der Entschlu, den Inhalt
des Artikels 4 selbst anzunehmen. Wann hatte denn jemals eine Gromacht
ihre Zollgesetzgebung dem guten Willen eines Staates vom dritten Range
unterworfen? Es war vorauszusehen, da dieser darmstdtische Vertrag allen
spteren Zollvereinsvertrgen ebenso zum Vorbilde dienen wrde, wie der
Sondershausener Vertrag das Muster gewesen war fr alle nachfolgenden
Enklavenvertrge. In jenem Augenblick freilich standen die kleinen
Kabinette den Ideen des Freihandels sogar noch nher als Preuen. Doch
konnte dem Scharfblick Motzs und Maaens nicht entgehen, da diese
Parteistellung in einer nahen Zukunft sich gnzlich verschieben wrde,
sobald in Oberdeutschland eine junge Groindustrie entstand. Der
preuischen Zollgesetzgebung drohte vielleicht Stillstand und
Verkmmerung, wenn die Mittelstaaten ein Veto erhielten.

Alle diese staatswirtschaftlichen Bedenken muten verstummen vor den
glnzenden Aussichten, welche sich der nationalen Politik Preuens
erffneten. Darmstadt -- so berichtete Eichhorn dem Knige -- empfngt durch
den Vertrag erst die Mglichkeit eines haltbaren Zollsystems. Preuen
gewinnt die wichtige Position in Mainz, verhindert den sddeutschen
Sonderbund, in den Norden hinein vorzudringen, und darf mit Sicherheit
darauf rechnen, da Hessens Beispiel Nachfolge finden, eine groe
handelspolitische Vereinigung entstehen wird. Nochmals wird sodann dem
Knig versichert, da jede Feindseligkeit gegen deutsche Staaten vermieden
werden solle. Die Vereinigung ist von Ew. Maj. Behrden weder gesucht,
noch weniger durch verfhrerische Lockungen veranlat worden; man hat nur
Antrge und Vorschlge, welche von der groherzoglichen Regierung
ausgingen, entgegengenommen.

Der neue Zollverein sollte bis zum 31. Dezember 1834 dauern und dann,
sofern keine Kndigung erfolge, auf weitere sechs Jahre verlngert werden.
Das Recht der Kndigung blieb {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} die einzige Waffe, um Preuen
sicherzustellen gegen den Mibrauch des gleichen Stimmrechts.
Handelsvertrge schlo Preuen allein -- denn der Zusatz unter Mitwirkung
und Zustimmung Darmstadts war praktisch wertlos. In allem brigen bestand
vollstndige Gleichheit der Rechte.

Auch um diesen Vertrag hat sich ein zielloser Priorittsstreit erhoben.
Der partikularistische Neid will die Tatsache nicht zugeben, da die
Verfassung des Zollvereins in Berlin ersonnen wurde. Man behauptet, der
preuisch-hessische Verein sei lediglich dem bayrisch-wrttembergischen
Verein nachgebildet worden, welcher einige Wochen vorher, am 18. Januar
1828, zustande kam und ebenfalls das gleiche Stimmrecht, die selbstndige
Zollverwaltung der Bundesgenossen anerkannte. Ein Blick auf die Tages- und
Jahreszahlen gengt, um dies Mrchen zu widerlegen. Der Fundamentalsatz
der Zollvereinsverfassung, die Paritt und Unabhngigkeit der
Bundesgenossen, wurde in der Konferenz vom 11. Januar zwischen Preuen und
Darmstadt vereinbart, acht Tage bevor der bayrisch-wrttembergische
Vertrag abgeschlossen wurde -- in einem Augenblick, da man zu Berlin den
Gang der Mnchener Verhandlungen noch nicht nher kannte. Die neueste aus
Mnchen eingelaufene Nachricht sagte nur: noch bleibe zweifelhaft, ob der
sddeutsche Verein gemeinsame oder getrennte Zollverwaltung haben solle,
das letztere sei allerdings wahrscheinlicher. Der Gedanke lag eben in der
Luft, er ergab sich mit Notwendigkeit aus den fruchtlosen
Zollverhandlungen der jngsten Jahre, er wurde von den norddeutschen und
von den sddeutschen Zollverbndeten gleichzeitig angenommen, ohne da sie
voneinander wuten. Im Grunde ist der ganze Streit mig. Der Entschlu,
von dem die Zukunft deutscher Handelspolitik abhing, konnte nur in Berlin
gefat werden. Ob Bayern und Wrttemberg einander die Paritt zugestanden,
war gleichgltig. Doch ob die norddeutsche Gromacht die unerhrte
Selbstverleugnung finden wrde, mit einem Staate dritten Ranges sich
bescheiden auf eine Linie zu stellen -- an dieser Frage hing alles. Sobald
Preuen diesen Entschlu fate, war dem Souvernittsdnkel der kleinen
Hfe der letzte Vorwand genommen und die Bahn gebrochen fr Deutschlands
Handelseinheit. Dem gewissenhaften Notizensammler soll unvergessen
bleiben, da Bayern und Wrttemberg den ersten Zollverein in Deutschland
grndeten, ihre Verhandlungen etwas frher beendigten als Preuen und
Darmstadt. Fr den Historiker hat die Tatsache geringen Wert. Denn der
sddeutsche Verein erwies sich als ein verfehlter Versuch und ging bald
zugrunde; der preuisch-hessische Verein bewhrte sich und wuchs. Aus
diesem, nicht aus jenem, ist der groe deutsche Zollverein hervorgegangen.

Eichhorn fhlte, da die Dinge endlich in Flu kamen. Voll froher
Zuversicht richtete er im Mrz an die Gesandtschaften in Deutschland eine
eingehende Instruktion. Er schildert darin den Gang der preuischen
Handelspolitik, das System des bewuten, berechneten Abwartens, das so
gute Frchte getragen habe. Er zeigte sodann, wie mit dem Darmstdter
Vertrage die entscheidende Wendung eingetreten sei: diese Verhandlungen
waren besonders darum ntzlich, weil sie die Mglichkeit eines
gemeinschaftlichen Zollsystems fr Staaten, die geographisch unabhngig
sind, erwiesen. An die Stelle eines dunklen Gefhls, welches frherhin
eine Vereinigung in einer unbestimmten Richtung suchte, ist eine klare
Erkenntnis getreten. Man sieht heute in der Aufnahme der
staatswirtschaftlichen Grundstze eines anderen Staates nicht mehr eine
Verleugnung der Souveranitt. Nichtsdestoweniger soll die Diplomatie nach
wie vor eine ruhig zuwartende Haltung behaupten. Ebenso zuversichtlich
schrieb Eichhorn an Motz: Unsere Handelspolitik hat sich bewhrt und wird
noch grere Erfolge erringen, wenn wir die Anfragen anderer Staaten
geduldig abwarten. Der bayrisch-wrttembergische Verein ist lose und wird
noch lockerer werden, wenn er wider Erwarten neue Bundesgenossen finden
sollte.

In der Tat erwies sich in Hessen wie einst in den Enklaven sehr rasch der
Segen der preuischen Gesetze. Im ersten Augenblick war die Stimmung im
Lande noch geteilt. Das Starkenburger Land sah den gewohnten kleinen
Verkehr mit dem Frankfurter Markte mannigfach belstigt, und in der Kammer
klagten nach deutschem Brauche einzelne Patrioten beweglich ber den
Lwenvertrag, welchen Preuens Schlauheit der hessischen Unschuld
auferlegte. Der Handelsstand in Mainz und Offenbach dagegen sprach der
Regierung seinen Dank aus, und bald regte sich berall im Lande ein neues
Leben. Vor kurzem noch hatte man in Berlin geplant, eine Messe in Kln zu
errichten, die dem Mainzer und Frankfurter Verkehr das Gegengewicht halten
sollte: jetzt entstand in Offenbach ein schwunghafter Meverkehr, der
namentlich im Ledergeschfte das reiche Frankfurt zu berflgeln begann.
Die beiden Verbndeten bauten eine groe Strae von Paderborn ber
Biedenkopf nach Gieen und weiter sdwrts, so da ein fast zollfreier
Straenzug den Neckar mit der Ostsee verband. Nach zwei Jahren war die
handelspolitische Opposition in den Kammern fast vllig verstummt. Graf
Lehrbach, der den Minister wegen Landesverrats verklagen wollte, stand
vereinsamt; der Abgeordnete Schenk aber dankte der Regierung und schlo
gemtlich: Das einzige Mittel gegen den Wunsch nach politischer Einheit
ist die Zolleinigung! Mit Selbstgefhl verwies Hofmann auf die gnstigen
Rechnungsabschlsse und sagte mit voller Zuversicht dieser auf
gegenseitige Vorteile gegrndeten Verbndung Bestand und Dauer voraus: so
werden Sie hoffentlich bald dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor
wenigen Jahren zwar Gegenstand Ihrer angelegentlichsten Wnsche war, aber
nach so vielen vergeblichen Verhandlungen kaum in dem Reiche der
Mglichkeit zu liegen schien. Auch in Preuen hielten die Klagen der
Geschftswelt, die sich anfangs laut genug erhoben, nicht lange vor.
Unterdessen hatte der Knig sein gesamtes thringisches Gebiet in die
Zollinie aufgenommen; die Lage der ernestinischen Frstentmer ward fast
unertrglich. Es schien undenkbar, da Kurhessen und Thringen, also von
allen Seiten umklammert, ihren trichten Widerstand fortsetzen sollten.

Und doch sollte das Undenkbare geschehen. Auf das erste Gercht hin
versuchten allerdings einige Kleinstaaten, sich den Verbndeten zu nhern
-- lediglich in der Absicht, den Inhalt des Vertrages, der noch streng
geheim gehalten wurde, zu erfahren. Prsident Krafft in Meiningen schrieb
an Hofmann, bat um Aufklrung, deutete gewichtig an, da Meiningen
vielleicht dem hessischen Beispiel folgen werde, wenn man nur die
Machtstellung dieses Reiches nach Gebhr wrdige: Die Lage des Landes
Meiningen lt seinen Wert den geographischen Umfang desselben
berschreiten, indem mehrere der frequentesten Landstraen die
Handelspltze an den Ksten der Nordsee mit einem bedeutenden Teile des
sdlichen Deutschlands, der Schweiz und Italiens verbinden, und Preuen,
Bayern und Kurhessen zu seinen wichtigeren Grenznachbarn gehren. Die
Meininger Welthandelsstraen boten unleugbar auf der Landkarte einen sehr
stattlichen Anblick; gebaut waren sie freilich noch nicht, auch besa das
Lndchen durchaus nicht die Mittel, sie jemals zu bauen. Motz, dem die
Naturgeschichte des deutschen Kleinstaats einen unerschpflichen Quell der
Ergtzung bot, sendete das Meininger Schreiben an Hofmann zurck und
versicherte, die geographische Bedeutung des Herzogtums sei ihm ganz neu;
dann schlo er wehmtig: es ist betrbt, wenn solche berspannte Diener
dazu beitragen, da dem Souvernittsdnkel ihrer Frsten auch noch ein
Straendnkel hinzugefgt wird. Der Vorfall blieb dem klugen Manne
unvergessen; der Meininger Straendnkel sollte zur rechten Stunde noch
eine Rolle spielen in der deutschen Geschichte. Noch durchsichtiger war
ein diplomatisches Kunststck der freien Stadt Frankfurt. Der alte
Rothschild erschien bei Otterstedt, um verbindlich anzufragen, ob nicht
auch Frankfurt mit Preuen einen hnlichen Vertrag schlieen knne. Nun
wute alle Welt, da die Handelspolitik dieser Republik lediglich in einer
systematischen Pflege des Schmuggels bestand. Der Fhler hatte also nur
den Zweck, den Senat ber die Bedingungen des preuisch-hessischen
Vertrages zu unterrichten, damit die Frankfurter Schmuggler sich darauf
einrichten konnten. Selbstverstndlich wurde der diplomatische Brsenfrst
mit einigen allgemeinen Redensarten heimgeschickt.

Unter den deutschen Hfen war nur einer, der den preuisch-hessischen
Verein mit Freude begrte: der badische Hof. Allein durch Preuens
Beistand konnte Groherzog Ludwig hoffen, seine Pfalz gegen Bayern zu
behaupten; daher schrieb er an Blittersdorff: ich freue mich, einen
Einflu vermehrt zu sehen, dem ich, besonders im gegenwrtigen Augenblick,
soviel verdanke. Zugleich hoffte man in Karlsruhe die Absichten der
badischen Handelspolitik nunmehr in Sddeutschland durchzusetzen, denn
seit Darmstadt zu Preuen bergetreten, bildete Baden allein die fr
Bayern unentbehrliche Verbindung zwischen Franken und der Pfalz.

Alle anderen Hfe vernahmen die erste unsichere Kunde aus Berlin mit
unbeschreiblichem Schrecken; die Nachricht fiel wie eine Bombe in die
diplomatische Welt. Selbst Blittersdorff, der doch die entgegengesetzten
Ansichten seines Souverns kannte, enthielt sich nicht zu jammern ber
dies Unglck, diesen neuen Beweis preuischer Selbstsucht: es sei ja
klar, Preuen wolle nur den hessischen Markt fr seine Fabrikate
ausbeuten, und glaube selber nicht an die Dauer der Verbindung. Was der
Heisporn also herauspolterte, war nur der Widerhall der erregten Reden
der sterreichischen Partei am Bundestage. Mnch(74) und Langenau(75)
versicherten entrstet: jetzt endlich sei Preuens malose Herrschsucht
entlarvt. Vor kurzem noch hatten sie auf den preuischen Hochmut
gescholten, der jede Verstndigung mit den Nachbarn abweise. Am lautesten
lrmte Marschall ber diesen Unterwerfungsvertrag, den er ebensowenig
gelesen hatte wie die anderen aus der sterreichischen Sippe. Er traf
sogleich Anstalten zur Begnstigung des Schmuggels in Bieberich und den
anderen Rheinhfen. Der Gedanke, da Nassau jetzt wie Anhalt zur
preuischen Enklave werden solle, war seinem Nationalstolze schrecklich.
Dann lie er durch die getreue Oberpostamtszeitung die Lge verbreiten,
Preuen habe auch Nassau zum Beitritt eingeladen, sei aber stolz
zurckgewiesen worden. Der untertnige Landtag stimmte der Ansicht des
Ministers zu, als dieser erklrte: eine Erhhung der Staatseinnahmen sei
berflssig; fr Nassaus europische Politik wie fr seine Volkswirtschaft
knne der Anschlu an Preuen nur gefhrlich werden.

Da Mnch und Langenau nicht ohne geheime Weisungen handelten, lie sich
leicht erraten. Zum berflu sprach Frst Metternich selbst seine
Bestrzung in sauersen Worten aus. Der preuische Gesandte teilte dem
sterreichischen Staatskanzler eine Denkschrift mit, die sich ausfhrlich
ber Preuens bisherige Handelspolitik verbreitete. Darauf erwiderte der
Frst: Der Darmstdter Vertrag hat groes Aufsehen erregt, wie ja alles
in Deutschland mideutet wird. Doch ist uns lieb, da Preuen sich so
offen ausspricht; mit der Denkschrift bin ich im wesentlichen
einverstanden. Bayern hat uns krzlich aufgefordert, den
preuisch-hessischen Vertrag zu hintertreiben. Wir lehnten ab, da solche
Vertrge eine Konsequenz der Souvernitt sind. Ich kann aber nicht
verhehlen, da, sobald dergleichen Verbindungen aufhren, blo aus dem
administrativen Gesichtspunkt betrachtet zu werden und ihnen eine
politische Tendenz zugrunde gelegt wird, die Grundgesetze des Bundes ihnen
entgegenstehen. Darauf empfahl er dem preuischen Hofe abermals, wie
einst auf dem Aachener Kongre, die Vorzge der k. k. Provinzialmauten:
wenn man in Preuen Provinzialzlle einfhrte, so wrde man der lstigen
Zollvertrge nicht bedrfen! Mit Entzcken vernahm Motz diese
Orakelsprche und schrieb an Eichhorn: Von den Finanzansichten des
Frsten v. Metternich werden wir wohl keinen Gebrauch machen knnen.
Dagegen wollen wir nicht bestreiten, da es in vieler Beziehung fr uns
ohne Nachteil sein wird, wenn er fr sterreich bei seinen erleuchteten
Ansichten beharrt. Zudem wute Eichhorn, wie eifrig der k. k. Gesandte in
Darmstadt der Ratifikation des Vertrages entgegengewirkt hatte; noch im
Februar war Otterstedt von Karlsruhe hinbergeeilt, um dem
sterreichischen Einflu die Wage zu halten.

Auch jenes deutsche Kabinett, das damals dem Berliner Hofe am nchsten
stand, auch Hannover, berraschte durch auffllige Ungezogenheit. Der
Knig wollte nicht, da das befreundete Nachbarland aus dem neuen Verein
Besorgnis schpfe. Er befahl daher eine Ausnahme zu machen von der Regel,
wonach Preuen sich aller handelspolitischen Anerbietungen enthalten
sollte, und lie in Hannover einige neue Straenzge und bedeutende
Zollerleichterungen vorschlagen, da nach den Grundstzen der hannoverschen
Politik ein wirklicher Zollverein doch nicht zu erwarten stand. Aber diese
Erffnungen blieben unerwidert. Das war mehr als Verstimmung; das deutete
auf feindselige Plne, die im Dunkeln sich vorbereiteten.

Die ffentliche Meinung zeigte sich, wie immer in der Geschichte des
Zollvereins, noch verblendeter als die Kabinette, und die Hofburg
verstand, trotz ihres Hasses gegen den Liberalismus, den liberalen
Unverstand vortrefflich auszubeuten. In Frankfurt arbeitete unter Mnchs
Augen eine k. k. Korrespondenzenfabrik: mit merkwrdiger bereinstimmung
erzhlten der Nrnbergische Korrespondent, die Elberfelder Zeitung, das
Frankfurter Journal von unseligen Darmstdter Industriellen, die Haus und
Hof verlieen, um den preuischen Zllen zu entgehen. Die Augsburger
Allgemeine Zeitung lie sich aus Darmstadt schreiben: man mu heute
einundzwanzigmal preuisch reden, ehe man einmal hessisch reden darf; das
unglckliche Land trgt zweifache Lasten, die neuen Mauten und die alten,
da ja fr Wein und Tabak Ausgleichungsabgaben erhoben werden. Auch
unabhngige Bltter, wie der Altonaer Merkur und die Neue Mainzer Zeitung,
erzhlten die Fabel vom Fuchs, der im Stalle zum Pferde sagte: tritt mich
nicht, ich will dich auch nicht treten!

Die preuische Regierung konnte sich in den Knsten des literarischen
Minenkriegs niemals mit sterreich messen; sie begngte sich, den
sterreichischen Tendenzlgen lehrhafte Berichtigungen in der
Staatszeitung entgegenzustellen; das unglckliche Blatt krankte aber an
der Erbsnde aller offizisen Bltter, der Trockenheit. Auf allgemeine
Zustimmung konnte in diesem Lande der Kritik kein Schritt der Regierung
rechnen. Nicht blo unter den Industriellen zitterten viele vor der
drohenden Vermehrung der Konkurrenz. Auch eine Schule innerhalb des
Beamtentums, Schn mit seinen ostpreuischen Freunden, schalt auf diese
Bummler in Berlin, die daheim nicht Ruhe fnden und auswrts unntze
Hndel anzettelten.

Am gefhrlichsten unter allen Krften des Widerstandes erschien vorderhand
die feindselige Haltung des Mnchener Hofes. Im Oktober 1827 waren in
Mnchen die Verhandlungen zwischen den beiden sddeutschen Knigskronen
wieder aufgenommen worden. Schmitz-Grollenburg(76) und Armansperg(77)
betrieben beide das Geschft mit feurigem Eifer. So kam am 18. Januar 1828
jener erste deutsche Zollverein zustande. Es erfllte sich, was in Berlin
so oft vorausgesagt worden: Tarif und Verwaltungsordnung des neuen Vereins
kamen den Grundstzen der preuischen Zollgesetzgebung sehr nahe, weil
sich den sddeutschen Kronen dieselben Fragen aufdrngten, welche Preuen
schon durch das Gesetz von 1818 gelst hatte. Die Zlle auf Fabrikwaren
standen niedriger als in Preuen, die auf Kolonialwaren etwas hher: vom
Kaffee erhob Preuen 6 Tlr. 20 Sgr. fr den Zentner, Bayern-Wrttemberg
15 Gulden fr den um etwa 9 Prozent schwereren bayrischen Zentner. Im
brigen fast dieselben Regeln wie im preuisch-hessischen Verein:
getrennte Zollverwaltung unter gegenseitiger Kontrolle, Verteilung der
Einknfte nach der Kopfzahl, Grenzzlle und Packhfe.

Indes die verstndige Verfassung konnte den Grundschaden dieses Bundes
nicht heilen: er war zu klein und darum, wie Eichhorn voraussagte, nicht
lebensfhig. Wohl stiegen die Zolleinnahmen Wrttembergs im ersten Jahre
um 220000 Gulden; der kleinere Bundesgenosse zog selbstverstndlich den
greren Vorteil aus der Erweiterung des Marktgebiets. Doch betrugen die
Zolleinnahmen nur 9 Sgr. auf den Kopf der Bevlkerung, whrend Preuen
das Zweiundeinhalbfache, 24 Sgr., einnahm. Die Kosten der Zollverwaltung
verschlangen mindestens 44 Prozent der Einknfte; in Bayern war der
Rohertrag fr das Rechnungsjahr 1828-1829: 2,842 Millionen Gulden, der
Reinertrag nur 1,582 Millionen Gulden. Die geringen Zlle gengten nicht,
die heimische Industrie wirksam zu schtzen, und doch blieb jede Erhhung
unmglich, wenn nicht der gesamte Reingewinn den Staatskassen verloren
gehen sollte. Am klglichsten befand sich die bayrische Pfalz. Die
entlegene Provinz sollte vor der Hand auerhalb der Mautlinien bleiben und
ihre eigenen Erzeugnisse zollfrei in das Vereinsland einfhren, was denn
sofort franzsische, badische, rheinpreuische, hessische Fabrikanten zu
groartigem Schmuggel veranlate. Gewichtige Stimmen in der Pfalz
forderten laut den Anschlu an Preuen; einer der ersten Industriellen der
Provinz, Geh Rat. Camuzzi, schrieb in diesem Sinne an die Allgemeine
Zeitung, ward aber von der Firma Cotta abgewiesen.

Knig Ludwig wollte die Gebrechen des Vereins lange nicht bemerken. Wie
war er stolz auf seiner Hnde Werk, den ersten deutschen Zollverein; wie
schwelgte er in erhabenen Trumen von historischer Unsterblichkeit. Er
wollte fortleben im Munde spter Geschlechter als der Vollender der *fossa
Carolina*, jenes Kanales zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, den
Karl der Groe ersonnen, doch nicht ausgefhrt hatte, und beschftigte
sich auch mit groen Eisenbahnplnen, seit Franz Baader(78) im
Nymphenburger Park einen Dampfwagen fahren lie. Jetzt sind die
Zollsysteme der beiden Gromchte nicht mehr furchtbar -- hie es bei
Hofe. Schon war ein Unterhndler nach Zrich gesendet, um die Schweiz zum
Eintritt in den sddeutschen Verein oder doch zu einem Handelsvertrage zu
bewegen. Niemals hatte Bayerns Gestirn glnzender geleuchtet als im Januar
1828; niemals zuvor hatte der Knig eine so stolze Sprache gegen den
Bundestag gefhrt. Die antisozialen, antifderalistischen Tendenzen der
bayrischen Politik traten, wie Blittersdorff klagte, dem
Prsidialgesandten schroff entgegen. Sofort nach der Unterzeichnung des
sddeutschen Zollvertrages ging Freiherr v. Zu Rhein nach Darmstadt, um
das Groherzogtum zum Beitritt einzuladen und ihm die Paritt, welche ihm
die beiden Knigreiche bisher verweigert hatten, bedingungslos
zuzugestehen. War Hessen gewonnen, so mute das widerhaarige Baden auf
Gnade oder Ungnade sich ergeben.

Mitten in diese holden Trume fiel niederschmetternd die Kunde von dem
preuisch-hessischen Vertrag. Durch diesen Verein, das sprang in die
Augen, verlor der sddeutsche Verein sofort Sinn und Bedeutung. Knig
Ludwig sah seine teuersten Hoffnungen zerstrt, blieb mehrere Wochen
hindurch vllig fassungslos. Nunmehr hab' ich alle Schritte getan, um
meine armen Untertanen zu retten! sagte er verzweifelnd zu
Schmitz-Grollenburg. In groben Schimpfworten entlud sich sein Groll; er
schalt laut auf den Verrter Hofmann, erzhlte an offener Tafel, Preuen
habe den Prinzen Emil von Hessen mit 400000 Gulden bestochen. In seinem
Zorne verga er auch wieder seinen teutschen Stolz. Solange diese
kleinen Hfe noch europische Politik treiben durften, waren auch
patriotische Frsten nicht vor argen Verirrungen sicher. Wie Ludwig einst
als Kronprinz, trotz seines Abscheus gegen Napoleon, mehrmals untertnige
Briefe an den Schpfer der bayrischen Knigskrone gerichtet und sogar die
Hoffnung ausgesprochen hatte, sein Sohn Max werde dereinst dem Knig von
Rom(79) seine Anhnglichkeit widmen, so hatte er neuerdings um Sponheims
willen die Hilfe Rulands angerufen und wendete sich jetzt wieder an das
gehate Frankreich. Den Winter ber hatte der Herzog von Dalberg(80) in
Mnchen sein Wesen getrieben; nun fanden seine Einflsterungen Gehr.
Knig Ludwig warnte den franzsischen Hof vor dem Ehrgeiz Preuens, das
bereits in Sddeutschland sich festzusetzen suche. Im selben Sinne
bearbeitete Lerchenfeld zu Frankfurt den alten Reinhard(81). Alsbald
befahl Minister La Ferronays dem Geschftstrger in Mnchen rhrige
Wachsamkeit gegen die von Preuen her drohende Gefahr; er stellte zugleich
einige Handelserleichterungen in Aussicht zugunsten der *troisime
Allemagne*.(82)

Da Knig Ludwig schon nach wenigen Monaten von seinen leidenschaftlichen
Verirrungen zurckkam, so wurden diese hlichen Zettelungen mit dem
Auslande nachher ganz in Abrede gestellt. Der Hergang ist gleichwohl
verbrgt durch die bereinstimmenden Zeugnisse von Freund und Feind. Nicht
allein der preuische Gesandte Kster berichtete darber ausfhrlich
seinem Hofe; der badische Gesandte Fahnenberg meldete ganz dasselbe nach
Karlsruhe. Der sterreichische Gesandte Graf Spiegel warf dem bayrischen
Minister des Auswrtigen die Anklage ins Gesicht, da er Frankreich in die
deutsche Handelspolitik hineinzuziehen suche. ber Lerchenfelds Verhalten
berichtete Blittersdorff, der ja selber sehr geneigt war, jedes Mittel zu
gebrauchen zur Vernichtung des preuisch-hessischen Vereins. Die
Schwenkung der bayrischen Politik nach Frankreich hinber war bald eine
der gesamten diplomatischen Welt bekannte Tatsache.

Knig Ludwig berlie sich eine Zeitlang blindlings dem strmischen
Unwillen der verletzten Eitelkeit. Sein Kabinettsrat Grandauer bte
schlechten Einflu; auch Freiherr v. d. Tann trumte bayrische
Gromachtstrume. Nur der alte welterfahrene Minister Zentner sah die
Dinge ruhiger an. Selbst Knig Wilhelm von Wrttemberg blieb nchtern und
gleichmtig. Sein Geschftsverstand war doch strker als sein Groll gegen
Preuen; auch mochten ihm die bitteren Erfahrungen der Tage von Verona
noch unvergessen sein. In einem Gesprche mit du Thil verbarg er zwar
seine Enttuschung nicht, gestand aber zu: frher oder spter werden wir
noch gezwungen sein, Euerem Beispiele zu folgen. Im selben Sinne erklrte
sein Minister Beroldingen dem preuischen Gesandten, da Wrttemberg in
die deutsch-patriotischen Gesinnungen der preuischen Regierung niemals
auch nur den geringsten Zweifel gesetzt hat und die bestehenden besonderen
Vereine zugleich als Mittel betrachtet, zu dereinstiger Erreichung des
gemeinschaftlichen Zweckes in einer allgemeinen Ausdehnung den Weg zu
bahnen.

Wie der preuische Staat alles, was er fr die Macht und Einheit unseres
Vaterlandes tat, erkmpfen mute gegen den Widerstand des Auslandes, so
ward auch der preuisch-hessische Bund sofort von den Rnken der fremden
Mchte umsponnen. Im Verein mit Frankreich versuchte Holland Unfrieden zu
sen zwischen Sd und Nord. Der Minister Verstolck van Soelen machte den
wrttembergischen Geschftstrger aufmerksam auf die Gefahren, welche der
deutschen Handelsfreiheit und der Unabhngigkeit der Kleinstaaten drohten.
Der Wrttemberger, ein verstndiger Mann, der seinem preuischen Kollegen,
dem Grafen Truchse-Waldburg, alles mitteilte, antwortete treffend: die
Zlle der fremden Mchte, und nicht zuletzt Hollands, zwingen uns
Deutsche, uns zu einigen und neue Handelswege zu suchen -- worauf Verstolck
heilig versicherte: die Herabsetzung der niederlndischen Zlle stehe nahe
bevor; fr jetzt aber drfe man nur an den Widerstand gegen den
gemeinsamen Feind, gegen Preuen denken. Eichhorn, der die hollndischen
Kaufherren aus den endlosen Rheinschiffahrtsverhandlungen genugsam kannte,
schrieb an den Rand der Depesche: Die Niederlande verfolgen gar keinen
positiven Zweck, sie wollen nur die weitere Einigung Deutschlands in
Zollsachen verhindern. In der Tat lud der niederlndische Geschftstrger
Mollerus den Mnchener Hof ein, fr den sddeutschen Verein einen
Handelsvertrag mit Holland abzuschlieen, und beteuerte zugleich die gute
Absicht seines Hofes, sich mit den oberlndischen Staaten ber Preuen
hinweg wegen der Rheinzlle zu verstndigen. Bestimmte, greifbare
Vorschlge bergab er nicht; die Absicht war lediglich, Bayern und
Wrttemberg von Preuen fernzuhalten. Auch England bezeigte seine
Unzufriedenheit. Der Prsident des Handelsamts, Charles Grant, beschwerte
sich bei dem preuischen Gesandten Blow heftig ber die hohen Zlle des
preuisch-hessischen Vereins und erhielt die khle Antwort: der Verein
habe an den preuischen Zllen gar nichts gendert; doch wisse jedermann,
da Preuen freieren handelspolitischen Grundstzen huldige als England.

Mit diesen Rnken des Auslandes, die bald einen sehr bedrohlichen
Charakter annahmen, verkettete sich der unselige Sponheimer Handel. Knig
Ludwig war, da er sich allerdings auf sterreichs unerfllte
Versprechungen berufen konnte, von seinem Rechte auf den Heimfall der
Pfalz tief berzeugt und fhlte sich schwer beleidigt, als Preuen seinen
Ansprchen entgegentrat. Der preuische Gesandte merkte dem Knig bald an,
da er etwas auf dem Herzen habe. Da trafen sich die beiden eines Tages
auf der Strae. Der Knig trat auf den Diplomaten zu, ging eine Strecke
Weges mit ihm und schttete seinen Zorn aus: Ich kann nicht genug sagen,
wie tief es mich geschmerzt, da gerade Preuen in der badischen Sache
sich voran und mir gegenbergestellt hat. Anders kann ich das Memoire
nicht bezeichnen, womit Preuen, ohne mich zu hren, die Initiative gegen
mich bei den brigen Hfen ergriffen hat. Bernstorff denkt immer noch an
das alte Bayern; es ist aber heute ein neues Bayern, ein neuer Knig.
Preuen hat nie einen greren Enthusiasten gehabt als mich. Um so mehr
hat mich's gekrnkt, da man sich aus meiner Freundschaft gar nichts
macht. Will man mich denn nur zum Gegner haben? Der Knig ereiferte sich,
erhob die Stimme, die Vorbergehenden blieben stehen und horchten auf. Der
Gesandte konnte sich dem schwerhrigen Frsten nicht verstndlich machen,
geriet in peinliche Verlegenheit, gab seinem Hofe den Rat, man mge den
Erzrnten beschwichtigen. Augenblicklich lie sich wenig tun, da Knig
Friedrich Wilhelm das gute Recht Badens schlechterdings nicht preisgeben
wollte. Fr die Zukunft war noch nichts verloren. Der heibltige
Wittelsbacher blieb auch als Gegner offen und ehrlich; sobald sein Zorn
verrauchte, konnte man vielleicht wieder anknpfen, da ihm Deutschlands
Handelseinheit wirklich am Herzen lag. Vorderhand freilich wirkte der
Mnchener Hof dem preuisch-hessischen Verein offen entgegen; er
versuchte, durch unentgeltlichen Vorspann und hnliche kleine Mittel den
Verkehr von Gieen und Vilbel auf die Linie Hersfeld-Fulda
hinberzulocken, verlangte von dem Hause Thurn und Taxis, da die
Frankfurt-Aschaffenburger Post ber Hanau, nicht mehr durch das
darmstdtische Gebiet gefhrt werde usw.

Der entscheidende Kampf entspann sich am Kasseler Hofe; noch einmal wurde
die kurhessische Handelspolitik verhngnisvoll fr das ganze Deutschland.
Der Groherzog von Hessen hatte die Berliner Verhandlungen nur gutgeheien
in der bestimmten Erwartung, da der Kasseler Vetter seinem Beispiel
folgen wrde. Deshalb blieb der preuisch-hessische Vertrag bis zum Mai
geheim; denn niemals htte der Stolz des Kasseler Despoten sich
entschlossen, einem bereits verffentlichen Vertrage nachtrglich
beizutreten und also vor der Welt zuzugestehen, da das minder mchtige
Darmstadt ihm vorangegangen sei. Hofmann ging noch im Februar, auf der
Rckreise von Berlin, nach Kassel und meinte die Lage ziemlich gnstig zu
finden. Freiherr v. Meysenbug und andere hohe Beamte, mit denen er
vertraulich sprach, gaben ihm bereitwillig zu, da Kurhessen nach
Darmstadts Beitritt nicht mehr zgern drfe: nur der Anschlu an Preuen
knne die zerrttete Volkswirtschaft retten. Gleichwohl war Hofmann im
Irrtum; schon nach 24 Stunden mute er unverrichteter Sache abziehen. An
diesem Hofe, schrieb du Thil, sind rationelle Berechnungen nicht
statthaft. Hinter und ber den Beamten trieb die Reichenbach [Die
Geliebte des Kurfrsten.] ihr Wesen, die noch immer auf eine
sterreichische Frstenkrone hoffte.

Auf solchem Boden war den armseligen Knsten der kleinen Hfe die Sttte
bereitet. Ein Heerlager von amtlichen und geheimen Unterhndlern strmte
im Frhjahr 1828 zu Kassel zusammen, um den Kurfrsten von Preuen
fernzuhalten. Aus Bayern erschienen die Geheimen Rte Oberkamp und
Siebein, der erstere wohlgeschult in dem Rnkespiel der Eschenheimer
Gasse; auch seinen Freund v. d. Tann schickte Knig Ludwig hinber. Fr
Wrttemberg arbeitete der alte Agitator Miller von Immenstadt, jetzt
wrttembergischer Steuerrat. Aus Sachsen kam Freiherr v. Ltzerode, aus
Hannover Kammerrat Lder, auch Koburg und Meiningen sendeten Unterhndler.
Dann erschien zum allgemeinen Schrecken Prsident v. Porbeck aus
Arnsberg, um dem Berliner Kabinett ber das verworrene Treiben zu
berichten. Die Darmstdter Regierung erneuerte im Mrz ihren Versuch und
sendete den Prinzen Wittgenstein, um dem Kurfrsten mitzuteilen: Preuen
habe eingewilligt, da der Zutritt Kurhessens zu dem Vertrage vorbehalten
bleibe und Darmstadt den Antrag stelle; der Groherzog erlaube sich daher
anzufragen, ob der Kurfrst die Absendung eines Bevollmchtigten
genehmige. Am 12. Mrz sprach der Kurfrst dem Prinzen seinen
verbindlichen Dank aus. Doch schon nach drei Tagen schlug der Wind um. Sei
es, da Wittgenstein allzu zuversichtlich aufgetreten war, sei es, da
Oberkamp und die Reichenbach dem Kurfrsten die Schmach einer Unterwerfung
unter Preuens Befehle geschildert hatten -- genug, am 15. Mrz lie der
Finanzminister Schminke ein Schreiben an du Thil abgehen, in jener Tonart,
die nur in Kassel oder Kthen mglich war: S. K. Hoheit knnen nicht ohne
groe Empfindlichkeit wahrnehmen, da in einem Allerhchstdemselben und
Allerhchstdero Kurstaate durchaus fremden Vertrage von seiten des
groherzoglichen Hofes Stipulationen in Beziehung auf das Kurfrstentum
eingegangen sind und eine Initiative ergriffen worden ist, welche das
Kurhaus in Ansehung des groherzoglichen Hauses sich nicht einmal
gestattet hat. Allerhchstdieselben sind nicht davon berzeugt, da es dem
Interesse des Kurstaats entsprechend sei, einer solchen bereinkunft das
bisherige System aufzuopfern. Die grbsten Wendungen hatte der Kurfrst
eigenhndig in das Schreiben hineingebracht. Bei einer neuen Audienz
donnerte er Wittgenstein an: Ich bin Chef des hessischen Hauses;
Anmaungen, wie der Groherzog sie sich erlaubt hat, werde ich nicht
dulden; ich kann die Bitte des Groherzogs nicht gewhren. Auch
Wittgensteins Sendung war gescheitert.

Eichhorn ahnte, da die sddeutschen Kronen die Hnde im Spiele gehabt,
empfahl dem Bundestagsgesandten Nagler und allen Gesandten im Oberlande
scharfe Aufmerksamkeit auf die Handelspolitik der kleinen Hfe. Zwei
Tendenzen, schrieb er, wirken uns in Kassel entgegen. Der
bayrisch-wrttembergische Verein sucht Kurhessen fr sich zu gewinnen; er
krankt an verkehrten politischen Nebengedanken und ruht auf dem falschen
Grundsatze, da die Binnenstaaten von den Kstenlndern sich unabhngig
machen sollen; mit jeder Ausdehnung verliert das System selbst an innerem
Halt und Zusammenhang. Gefhrlicher scheint der von einigen thringischen
Staaten gehegte Plan, unter Kurhessens Fhrung einen
hessisch-thringischen Zollverein zu bilden, der nach Belieben mit Preuen
oder mit dem Sden verhandeln knnte -- eine Trumerei, so einladend fr
den Stolz des Kurfrsten, da er kaum widerstehen wird.

Nach Wittgensteins Abreise meinten die bayrisch-wrttembergischen
Unterhndler ihr Spiel gewonnen. Bayern versprach dem Kurfrsten, seine
bisherigen Zolleinnahmen zu verbrgen, wenn er dem sddeutschen Verein
beitrete. Der Kurfrst, als ein geriebener Handelsmann, holte sofort eine
alte Schuldforderung an das frstliche Haus Oettingen hervor, welche einst
Napoleon fr Bayern eingezogen hatte; auch diese Sache zu bereinigen war
Bayern erbtig. Schon bereiste Oberkamp mit einem kurhessischen
Finanzbeamten die bayrischen Grenzen, um diesem die Einrichtung der Mauten
zu zeigen. Da griff eine gewandtere Hand ein und betrog die sddeutschen
Hfe um den Sieg.

Da sterreich die Erweiterung des preuisch-hessischen Vereins ungern
sah, war allbekannt. Wenn der sterreichische Geschftstrger in Kassel
dem Prinzen Wittgenstein zuvorkommend seine Instruktionen zeigte und dort
zu lesen stand, er solle seinen preuischen Kollegen berall getreulich
untersttzen, so wute man in Berlin lngst, was von solchen k. k.
Scherzen zu halten sei. Aber auch der Zollverein der konstitutionellen
Sdstaaten erschien zu Wien hoch gefhrlich. Sobald das diplomatische
Getriebe in Kassel begann, wurde Freiherr v. Hruby, einer der eifrigsten
und gefhrlichsten Feinde Preuens, so recht ein Vertreter des alten
ferdinandeischen Hochmuts, von Karlsruhe abberufen, in Hannover und Kassel
als Gesandter beglaubigt. Ihm gelang es, den Kurfrsten zu berzeugen, da
auch der Anschlu an Bayern die kurhessische Nationalehre gefhrde; die
bayrischen Mautritter, wie der Kurfrst hhnte, empfingen im Mai
abschlgige Antwort. Und bald erfllte sich, was ein feiner Kenner der
hessischen Dinge dem preuischen Gesandten Hnlein vorausgesagt hatte:
Kurhessen wird seine ergiebigen Transitzlle zu behalten suchen und am
liebsten gar nichts an dem Bestehenden ndern. Nur wenn keine
Verstndigung mit der Kurfrstin zustande kommt, wird unser Staat, welcher
bekanntlich nur aus einer Person besteht, sich aus rger vielleicht auf
die Seite der Gegner Preuens schlagen.

Dahin war es wirklich gekommen, da die Zukunft der deutschen
Handelspolitik zunchst von dem ehelichen Frieden des kurhessischen Hauses
abhing. Um den Kurfrsten mit seiner Gemahlin zu vershnen und dann den
besnftigten Despoten fr den Zollverein zu gewinnen, sendete Knig
Friedrich Wilhelm den General Natzmer(83) nach Kassel. Motz gab dem
Unterhndler eine Weisung mit, deren friderizianischer Ton von der matten
Diplomatensprache jener Zeit gar seltsam abstach. Es war, als htte der
tapfere Hesse schon das Jahr 1866 vorausgesehen. Er bemerkt zunchst, die
Verbindung mit Preuen liege im eigenen Interesse Kurhessens; mit 600000
Kpfen knne man kein eigenes Zollsystem bilden. Der Anschlu an den
finanziell unfruchtbaren bayrisch-wrttembergischen Verein sei fr Hessen
unnatrlich. Dagegen bringt der Anschlu an Preuen: eine bedeutende
Einnahme von 20-24  Sgr. auf den Kopf; sodann einen groen Markt von
13 Millionen Einwohnern -- denn nicht Verbote, sondern die Freiheit eines
groen inneren Marktes frdern die Industrie, wie Preuens Beispiel zeigt
-- endlich den Besitz der groen Handelsstraen. Schliet Kurhessen sich
nicht an, so mu Preuen eine Strae durch Hannover suchen und den Bremer
Verkehr nach Sddeutschland von Minden aus zum Rhein leiten. Manche Hfe,
und namentlich Minister Marschall in Wiesbaden, behaupten zwar, ein
Zollverein sei eine Verletzung der Souvernitt. Aber der Groherzog von
Hessen ist souvern geblieben, der Vertrag gewhrt beiden Teilen gleiche
Rechte. In die neueren Ideen von Souvernitt ist berhaupt viel
Schwindel gekommen. Ich frage besonders: ist Kurhessen souverner in einem
auf gleiche Souvernitt basierten Vertrage mit seinem mchtigsten
unmittelbaren Nachbarn, oder ist es souverner ohne solche Verbindung, in
einer unfreundlichen Stellung diesem mchtigsten unmittelbaren Nachbarn
gegenber? Es gibt Verhltnisse, mgen sie auch noch in der Zukunft
liegen, in welchem Preuen ein feindlich gesinnter Nachbar ntzlicher sein
kann als ein durch feste Vertrge verbundener. Die furchtbare Offenheit
dieser Sprache war nicht geeignet, den Kurfrsten zu gewinnen. Natzmer
wurde mit ungeschliffener Grobheit heimgeschickt, und auch Leopold Khne,
der zur Untersttzung des Generals nach Kassel und nebenbei nach
Braunschweig ging, richtete an beiden Orten nichts aus. In solcher Laune,
tobend gegen seine Gemahlin wie gegen alles, was den preuischen Namen
trug, war der hessische Despot bereit, den Weisungen sterreichs
blindlings zu folgen.

Die Hofburg wollte nicht blo die Erweiterung des preuischen Zollsystems
verhindern, sie dachte, das System selber zu zerstren, den mhsam
errungenen ersten Anfang deutscher Handelseinheit zu vernichten; und
gerade bei den norddeutschen Hfen, welche durch alle ihre natrlichen
Interessen auf Preuen angewiesen waren, fand diese Absicht Anklang. Der
dynastische Ha des schsischen Hofes, der Welfenstolz Hannovers, der
Grimm des Kurfrsten gegen seinen kniglichen Schwager, die Gromannssucht
des Nassauer Herzogs, die gedankenlose ngstlichkeit der kleinsten Hfe --
alle niedertrchtigen und alle schwchlichen Elemente des norddeutschen
Kleinfrstentums vereinigten sich in tiefster Stille zum Kampfe gegen
Preuen. Gesttzt auf sterreich, begnstigt durch den Handelsneid
Englands, Frankreichs und Hollands, kam der Mitteldeutsche Handelsverein
zustande -- eine der bsartigsten und unnatrlichsten Verschwrungen gegen
das Vaterland -- gleich dem Rheinbunde ein Zeugnis, wessen das deutsche
Kleinfrstentum fhig war.



c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._


Nirgends erweckte der preuisch-hessische Vertrag schwerere Besorgnisse
als am Dresdner Hofe. Wie hatte man sich dort so behaglich eingelebt in
den alten Privilegienwust, wie war es so s, am Bundestage ber die
deutsche Handelseinheit und die Bundeszlle salbungsvoll zu reden -- in der
frohen Erwartung, da gar nichts zustande komme, da man jedes ernsten
Entschlusses, jeder heilsamen Reform allezeit berhoben bleibe! Jetzt
erstanden pltzlich dicht an Sachsens Grenzen zwei Zollverbnde. Wie nun,
wenn die augenblickliche Verstimmung des Knigs von Bayern verflog, wenn
die beiden Vereine, die in ihren handelspolitischen Grundstzen einander
so nahe standen, sich zu einem verschmolzen: wenn sie auch Thringen
gewannen, und also dem Leipziger Handel der Weg zur See ringsum durch
Zollstellen versperrt wurde? Lauter und lauter erklangen die Klagen der
Fabrikanten des Erzgebirges; zweimal im Jahre 1828 liefen Petitionen ein,
die den Knig beschworen: der Anschlu an Preuen, oder auch an den
sddeutschen Verein, irgendein Entschlu, der aus der vereinsamten
Stellung hinausfhre, sei unvermeidlich. Der Minister Graf Einsiedel(84),
der als Eisenwerksbesitzer der Groindustrie nher stand, begann irre zu
werden an dem alten System. Einer der tchtigsten jngeren Beamten,
Wietersheim(85), schilderte in einer beredten Denkschrift den Notstand der
Industrie, die Unterlassungssnden der Regierung. Knig Anton aber hielt,
wie sein Minister Manteuffel(86), einen Handelsbund mit Preuen fr
unmglich. Eben in jenen Jahren stand ein alter Lieblingsgedanke der
albertinischen Politik in voller Blte. Vor kurzem erst, nach dem
Aussterben des Hauses Gotha, hatte der Knig von Sachsen den
Schiedsrichter und vterlichen Vermittler gespielt zwischen den
ernestinischen Vettern. Man hoffte in Dresden, eine dauernde Hegemonie
ber die thringischen Lande zu erlangen. Um so schmerzlicher empfand man
die Gefahr, da Thringen dem preuischen oder dem sddeutschen Verein
sich anschlieen knnte.

Aus solchen Berechnungen entsprang der Plan, einen Gegenzollverein zu
bilden, der, ohne selbst ein positives handelspolitisches Ziel zu
verfolgen, nur als ein Keil zwischen die beiden Zollvereine hineindringen,
ihre Verbindung hindern sollte. Es galt, die ersten Anfnge der
Handelseinheit zu zerstren, den schmachvollen Zustand deutscher
Zerrissenheit zu verewigen. Die Trger dieser Politik waren zwei Gebrder
Carlowitz, aus einem der ehrenwertesten Huser des oberschsischen Adels.
Der ltere(87), kniglich schsischer Minister, war bis zum vorigen Jahre
noch Bundestagsgesandter gewesen und stand in der Eschenheimer Gasse in
lebhaftem Andenken als ein wohlmeinender Geschftsmann der alten Schule,
ein pedantischer Vertreter der bekannten kurschsischen Formelseligkeit.
Der Jngere(88), jetzt Minister in Gotha, persnlich ebenfalls sehr
achtungswert, hatte alle die unausrottbaren Vorurteile des kurschsischen
Adels mit aus der Heimat hinbergenommen. Vergeblich stellten ihm
gothaische Beamte vor, ihr Lndchen sei auf Preuen angewiesen; der
verstndige Kammerrat Braun rief ihm zu: Sie handeln als kniglich
schsischer, nicht als herzoglich schsischer Staatsmann. Er blieb dabei,
ein neutraler Verein sei notwendig, eine achtunggebietende Masse
zwischen den beiden Zollvereinen stark genug, um beiden Bedingungen zu
diktieren. Der Herzog von Gotha ward fr die Plne seines schsischen
Ratgebers leicht gewonnen. Er stand mit dem Berliner Hofe auf schlechtem
Fue, weil er sein entlegenes Saarland Lichtenberg gegen ein Stck des
preuischen Thringens auszutauschen wnschte und Knig Friedrich Wilhelm
diese Zumutung noch immer beharrlich abwies. In ihren Mitteln war die
Koburgische Handelspolitik wenig whlerisch. Aller drei Wochen ging von
Koburg eine Sendung neu geprgter unterwertiger Mnzen nach Lichtenberg;
von dort berfluteten die unter dnner Silberhlle rtlich schimmernden
Koburger Sechser das benachbarte sddeutsche Guldenland, und diese
gewerbsmige Falschmnzerei whrte jahrelang fort trotz den Beschwerden
der Nachbarn. Auch am Weimarischen Hofe herrschte augenblicklich eine
gegen Preuen leidenschaftlich eingenommene Partei, an ihrer Spitze der
gescheite Minister Schweitzer(89).

So wurde denn ein hochgefhrliches Unternehmen gegen Deutschlands
Handelseinheit in aller Stille eingefdelt, harmlos, gemtlich wie eine
Carlowitzsche Familienangelegenheit. In den letzten Tagen des Mrz 1828
trafen sich der Herzog von Gotha, die beiden Carlowitze und Schweitzer auf
dem Carlowitzschen Familiengute Oberschna -- sie alle noch ohne eine klare
Vorstellung von den schweren Folgen ihres Beginnens. Wir Deutschen sind
Gott sei Dank durch unabweisbare Interessen, durch alle Lebensgewohnheiten
aufeinander angewiesen; jeder Versuch offener Feindseligkeit von Deutschen
gegen Deutsche erscheint als eine Snde wider die Natur und bietet darum
neben der Entrstung auch der Lachlust ein breites Ziel. In denselben
Tagen, da in Oberschna der Zollkrieg gegen Preuen beschlossen wurde,
verhandelte in Berlin der Weimarische Bevollmchtigte Thon wegen
freundnachbarlicher Aufhebung der Geleitsgelder. Mochte man den
preuischen Staat bis in der Hlle tiefste Grnde verwnschen, entbehren
konnte man ihn nicht. Die in Oberschna abgeschlossene Punktation besagte:
Es soll ein Handelsverein geschlossen werden zwischen Sachsen, Kurhessen
und Thringen. Die Teilnehmer werden sich bemhen, den Beitritt der
brigen zwischen der preuischen und bayrischen Zollinie gelegenen Lande
zu erlangen. Sie verpflichten sich, einseitig keinem auswrtigen
Zollsystem beizutreten, noch, ohne Zustimmung des Vereins, mit einem
Staate, in welchem ein solches System besteht, einen Handels- oder
Zollvertrag zu schlieen. Sie wollen ihre gegenseitigen Untertanen auf
gleichem Fu behandeln und (Artikel 7) die Transitabgaben im Verkehr
zwischen den Vereinsstaaten nicht ber das Ma der schsischen
Transitzlle erhhen. Sechs Monate nach der Konstituierung des Vereins
soll ber gemeinsame Handelsvertrge und Retorsionen beraten werden.

Es war ein *pactum de paciscendo*, ein Vertrag ohne positiven Inhalt, eine
Verpflichtung, vorlufig nichts zu tun, den bestehenden Zustand nur nach
gemeinsamer Abrede zu verndern. Von einer Zollgemeinschaft zwischen den
Vereinsstaaten, von irgendwelchen ernsten Reformen war gar nicht die Rede.
Gleichwohl konnte der neutrale Verein dem preuischen Zollsystem
verderblich werden; er suchte der Handelspolitik Preuens ihre schrfste
Angriffswaffe, die Durchfuhrzlle, aus der Hand zu winden. Wenn es gelang,
alle zwischen den preuischen Provinzen eingeklammerten Lnder,
insbesondere die Kstenstaaten, fr den Verein zu gewinnen, so nahm die
gesamte Einfuhr von der See nach dem innern Deutschland ihren Weg durch
die Vereinslande, da die schsischen Transitzlle weit niedriger standen
als die preuischen. Schritt man darauf zu den verabredeten Retorsionen,
wurde die Durchfuhr von Bayern nach Preuen und von einer preuischen
Provinz zur anderen mit hohen Zllen belastet, dann war Preuen einer
reichen Einnahmequelle und seines wirksamsten Unterhandlungsmittels
zugleich beraubt; nicht blo die Erweiterung des preuischen Zollsystems
wurde verhindert, der Bestand des Systems selber ward in Frage gestellt.
Unter der Maske der Neutralitt beschlo man den Zollkrieg. Um nur Preuen
zu schdigen, verpflichtete sich die schsische Regierung, ihre eigenen
Fabriken in wehrlosem Zustande zu lassen, die Industrie des Erzgebirges
der englischen Konkurrenz vllig preiszugeben. Wahrhaftig, nicht
patriotische Gesinnung war es, was die kleinen Staaten unseres Nordens
endlich in den preuisch- deutschen Zollverein fhrte; kein Mittel, auch
das verwerflichste nicht, blieb unversucht, das preuische Zollsystem zu
sprengen; erst nachdem alle Angriffe gescheitert waren, unterwarf man sich
notgedrungen der deutschen Handelseinheit.

Die Oberschnaer Punktation wurde dem schsischen Bundestagsgesandten
Bernhard von Lindenau(90) zugesendet; dort in der Eschenheimer Gasse
sollten dem schsischen Antizollverein, wie man in Berlin sagte, neue
Anhnger geworben werden. Eine edle, hochsinnige Gelehrtennatur, ehrlich
liberal und begeistert fr Deutschlands Gre, hatte Lindenau bis vor
kurzem im gothaischen Ministerium mit Einsicht gewirkt. Er wnschte
aufrichtig die deutsche Handelseinheit und gestand seinem Darmstdter
Amtsgenossen in Frankfurt: wre Kurhessen dem preuischen Verein
beigetreten, so htte ich auch fr den Beitritt Sachsens und Thringens
gestimmt. Nun Kurhessen sich weigerte, hoffte er sein Ziel auf anderem
Wege zu erreichen: durch einen Bund der norddeutschen Lande, welcher den
preuischen Staat zur Milderung seines Zollsystems zwingen sollte. Auch er
krankte an dem Erbfehler der kleinen Diplomatie, er berschtzte die Macht
seines Staates und sah nicht, da die preuische Regierung den Versuch,
ihr Gesetze vorzuschreiben, als offene Feindseligkeit betrachten und sich
zur Wehre setzen mute. Also hat der treffliche Mann seinen lauteren
Idealismus, seine lebhafte ruhelose Ttigkeit eingesetzt fr Plne, die
der dynastischen Scheelsucht entsprangen, und zwei Jahre lang an einem
Verein gearbeitet, welchen Stein verchtlich als einen Afterbund
verdammte. Selbst die Sippschaft hchst unzweideutiger politischer
Charaktere, welche sich sofort des Oberschnaer Planes bemchtigte,
ffnete dem schsischen Staatsmanne nicht die Augen. Mnch und Langenau,
Marschall und Rothschild, alle Sttzen der sterreichischen Partei warben
fr den Handelsverein. Mehrmals in der Woche kam der Herzog von Nassau zu
Langenau hinber, um neue Bundesgenossen zu gewinnen.

Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen Rnkespiele
eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose Langeweile der
Bundestagsgeschfte wohlttig unterbrachen. Da sterreich alle Fden der
Verschwrung in seiner Hand hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit
gewohnter Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede.
Der k. k. Hofrat v. Kre, der Leiter der sterreichischen Handelssachen,
beteuerte dem preuischen Geschftstrger feierlich: mit keinem Worte habe
Osterreich den Anschlu Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe
die Korrespondenz gefhrt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof werde
sich freuen, wenn Hessen bei dem preuischen Bndnis seinen Vorteil finde.
Nach den Enthllungen, die man in Berlin vom Darmstdter Hofe selbst
erhalten, konnten solche Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie
sterreich zu dem neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders
die Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Besttigung bedurften,
aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt wurde. Ich verhandle
mit Holstein und den Niederlanden, schrieb der schsische Diplomat an den
Bundestagsgesandten Leonhardi(91), sowie wir nicht minder der
Untersttzung des gemeinntzigen, vielversprechenden Unternehmens von
seiten der sterreichischen Regierung, welche dessen Frderung wnscht,
versichert sein knnen. Auch die anderen auslndischen Feinde der
preuischen Handelspolitik liehen dem Verein ihren Beistand. Graf Reinhard
versicherte die Vereinsmitglieder der warmen Untersttzung des Pariser
Kabinetts. Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst selber
nach Brssel und stellte dort vor -- er, der Vertreter des Elbuferstaates
Sachsen: -- es sei notwendig, den Rhein und Main wieder zu beleben, die
durch den Elb- und Weserhandel so schwere Einbue erlitten htten, und den
rheinischen Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Hhe zu erheben,
die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber mit seiner deutschen
Provinz beizutreten, lag freilich nicht in Hollands Absicht; doch warben
seine Diplomaten in Frankfurt eifrig fr den Verein.

Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover. Noch war man in
London gewohnt, mit dreister Sicherheit auf Deutschlands Zwietracht zu
rechnen; jede Regung selbstndigen Willens in der deutschen Handelspolitik
galt den Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch' eine kstliche
Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht nur die machtlose
Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt, sondern auch den englischen
Waren gegen mige Transitzlle der Weg bis ins Herz von Deutschland
erffnet wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler nach
Preuen und Bayern hinbergeschafft werden. Mit Feuereifer ging der
Gesandte am Bundestage, Addington, auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte
der nchterne Milbanke, Geschftstrger bei der Stadt Frankfurt: der
Verein entbehre jedes positiven Zwecks, knne und werde nicht dauern, der
deutsche Handel bedrfe schlechterdings einer Reform. Addingtons Meinung
drang in London durch; allzu verlockend war der Gedanke, den offenen
hannoverschen Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschtzbar
gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe Hannover
folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf Mnster(92) schalt hinterrcks den
preuischen Zollverein eine preuische Reunionskammer, mute sich von
dem preuischen Gesandten Blow sein wenig gerades Benehmen vorwerfen
lassen. Zugleich bat, wie Blow von dem Minister Fitzgerald selbst erfuhr,
der schsische Gesandte in London um durchgreifende Maregeln gegen das
preuische Zollsystem, das dem englischen Handel und der Unabhngigkeit
der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn Hannover dem
Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf sich dem englischen
Handelsinteresse. Freiherr v. Grote(93), ein fhiger hannoverscher
Beamter, Preuens geschworener Feind, wurde neben Lindenau die Seele des
Bundes.

Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt(94) hatte sich allzu tief
eingelebt in die Trume Wangenheims, der auch jetzt wieder aus seinem
Koburger Stilleben heraus gegen Preuen arbeitete; er konnte ein
krankhaftes Mitrauen gegen den norddeutschen Grostaat nicht berwinden,
und jetzt, da die reindeutschen Sonderbundsplne sogar von sterreich
insgeheim untersttzt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger hin als
sonst seine Art war. Er wnschte, wie er am Bundestage mehrmals aussprach,
deutsche Konsulate und eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch
nicht ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche
Zollwesen fr den bremischen Freihandel bequemer als das strenge
preuische System. Die von dem neutralen Verein versprochene
Erleichterung des Transitverkehrs konnte auf den ersten Blick einen
hanseatischen Staatsmann allerdings bestechen. Aber auch nur auf den
ersten Blick. Voreingenommen gegen Preuens Zollsystem, bemerkte Smidt
nicht, da die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde der berlieferten
hanseatischen Handelspolitik schnurstracks widersprach; der Verein war in
Wahrheit nicht neutral, sondern durchaus parteiisch, antipreuisch. Smidt
dachte so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung, da er ihrem
Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische Ehrenbrgerrecht verschaffte
-- eine seltene Auszeichnung, welche seit dem Freiherrn vom Stein kein
deutscher Staatsmann mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger
Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen den
Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu dienen habe. Die Frankfurter
groen Firmen dagegen begrten mit Jubel die in Aussicht gestellte
Erleichterung des Durchfuhrhandels, die den landesblichen Schmuggel
mchtig frdern mute; auch waren die Patrizier der stolzen Republik
lngst gewhnt, den untertnigen Schweif des k. k. Bundesgesandten zu
bilden. Brgermeister Thomas und Senator Guaita zusamt dem
sterreichischen Anhang setzten den Beitritt durch, gegen den heftigen
Widerspruch einer preuischen Partei.

Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur durch Kurhessen erlangen;
daher wurden dort die strksten Hebel eingesetzt. Der jngere Carlowitz
selbst erschien im April zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide,
untersttzt durch Hruby, stellten dem Kurfrsten vor, was er am liebsten
hrte: der neutrale Verein verlange gar keine nderung in den bestehenden
Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies Land als den Kern des Bundes,
knne der Sachkenntnis des Kurfrsten nicht entbehren, darum sollten die
Beratungen ber das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen.
Den Ausschlag gab jedoch die staatsmnnische Absicht, dem Schwager in
Berlin einen derben Possen zu spielen. Durch Kurhessens Beitritt wurde
Badens Ablehnung mehr als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er
hoffe auf die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch den
Verein weder die Selbstndigkeit der eigenen Landesverwaltung, noch auch
deren finanzielle Verhltnisse die mindeste Strung erleiden, sondern nur
die unvernderte Aufrechterhaltung des *status quo*(95) versichert und
bezweckt wird. Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet, von
sddeutschen und preuischen Vereinslanden rings umschlossen, hatte Baden
von dem neutralen Verein nichts zu hoffen, von Preuens Zorn alles zu
frchten. Bei allen anderen kleinen Hfen fanden Lindenaus Werbungen
gnstiges Gehr. Einige ngstliche thringische Kabinette wurden gewonnen
durch die vertrauliche Versicherung, Preuen sei mit der Grndung des
Vereins einverstanden, eine plumpe Erfindung, die doch Eingang fand, weil
die preuische Diplomatie sich wie bisher ruhig zurckhielt. Selbst Herzog
Karl von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem gehaten jngeren
Welfenhause; eine Weisung Metternichs bewog ihn, beizutreten.

Also waren im Laufe des Sommers die smtlichen zwischen den beiden Hlften
der preuischen Monarchie eingepreten Kleinstaaten angeworben fr den
Neutralittsbund, der sich den Namen Mitteldeutscher Handelsverein
beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen sah Deutschland
pltzlich in einem Jahre drei handelspolitische Vereine auftauchen. Nur
Baden und die niederdeutschen Kleinstaaten stlich der Elbe blieben noch
isoliert. Triumphierend verkndete ein Artikel der Frankfurter
Oberpostamtszeitung, der aus Lindenaus Feder stammte, am 25. Juni:
Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die Schpfer des
neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte zur Wahrheit macht und,
statt neue Zollinien zu schaffen, vielmehr die Handelsfreiheit auf sein
Banner schreibt. Da Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit,
Gleiches mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natrlichen
Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung es dem Verein wohl nicht an
Mitteln fehlen drfte, das, was recht und billig ist, mit feierlicher
Kraft geltend zu machen, da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu
gewhren vermag. Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehrt ihm, die
ganze weite Nordseekste, die grten Stapel- und Handelspltze
Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die Weser von allen Zllen zu
befreien, liegt allein in seiner Hand!

Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatrliche Mibildung war dem
Partikularismus noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken
reichte das Vereinsgebiet von Bremen nach Fulda, dann westwrts zum Rhein,
gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen Markt Hannover
bis zu dem gewerbereichen Sachsen, ber einen bunten Lnderhaufen,
welchen, Preuen gegenber, nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt:
Angst und Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher den
handelspolitischen Anstrengungen Preuens und Bayern-Wrttembergs einen
trgen ablehnenden Widerstand entgegengestellt, redeten pltzlich von
deutscher Handelsfreiheit. Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im
Munde fhrten, verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung
aufrecht zu halten und den preuischen Durchfuhrhandel zu vernichten. Und
hinter diesem Bunde standen schirmend sterreich, England, Holland,
Frankreich! Wenn man in Berlin noch der Belehrung bedurft htte ber die
feindselige Gesinnung des Mitteldeutschen Vereins, so mute die
hinterhaltige Sprache der verbndeten Kabinette jeden Zweifel zerstren.
In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preuische
Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen. Als am
preuischen Hofe einiges ruchbar wurde, schrieb Graf Einsiedel dem
Gesandten v. Watzdorf in Berlin, versicherte heilig, Baden sei nicht zum
Beitritt aufgefordert worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes
Einladungsschreiben Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett sogleich
mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswrtigen Amte bemerkte an den Rand
der schsischen Depesche: Das Gegenteil steht in unseren Akten. Graf
Bernstorff wird Herrn v. Watzdorf eines Besseren belehren. Nicht minder
verdchtig erschien, da der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden,
pltzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff richtete, um
inbrnstig zu beteuern, Hannover hege durchaus keine feindseligen
Absichten gegen Preuen, mibillige entschieden jenes gehssige Programm
der Oberpostamtszeitung. Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man
sich nicht schuldig fhlte? Spterhin, in einer Denkschrift vom Jahre
1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen Handelsverein
versuchsweise zum Schutze gegen das preuische Zollsystem geschaffen.

Und abermals zeigte die ffentliche Meinung ihre alte unbelehrbare
Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk zusammen vor dem Hause des
Erbprinzen; die Leute drohten auszuwandern, wenn der Frst nicht fest zu
dem Mitteldeutschen Verein stehe. Das schsische Oppositionsblatt die
Biene verteidigte warm die hochherzige Absicht der schsischen Krone, die
Unabhngigkeit unseres Vaterlandes zu retten; das Erzgebirge msse ja
unfehlbar zugrunde gehen, wenn die preuischen Zlle die Getreideeinfuhr
aus Bhmen verhinderten -- diese preuischen Zlle, die den Getreideverkehr
fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der Liberalen ber
die schmachvolle Niederlage des preuischen Absolutismus: Preuens
Herrschsucht ist gedemtigt, das Gleichgewicht der Mchte in Deutschland
wieder hergestellt! Selbst in Bayern und Wrttemberg, deren eigenes
Zollsystem doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde,
verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische Hesperus
donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen Selbstmord begangen, den
Schwaben und Bayern einen Teil des Segens edler Frsten geraubt habe.
Die Neckarzeitung begrte den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue, als
einen letzten Versuch, die Verheiungen der Bundesakte ins Leben zu
fhren. Sogar innerhalb der bayrischen Regierung fand sich eine Partei
bereit, die schsisch-englischen Entwrfe zu untersttzen; Lerchenfeld und
Oberkamp, die gesamte Bundestagsgesandtschaft Knig Ludwigs, blieben mit
Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden den festen
patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der voll Verachtung auf die
Vasallen der englischen Handelspolitik niederschaute und an Gagern
schrieb: es ist den erbrmlichen, neidischen, antinationalen Absichten
unserer kleinen Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schlieen,
sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen
Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern.

Am 21. Mai 1828 hatten die Verbndeten zu Frankfurt einen
Prliminarvertrag geschlossen. Am 22. August, nachdem unterdessen der
Verein vollzhlig geworden, versammelten sich die Bevollmchtigten in
Kassel, und schon am 24. September kam der endgltige Vertrag zustande.
Solche Schnelligkeit der Beratung stach von den Gewohnheiten der
Staatsmnner des Bundestags auffllig ab; sie bewies deutlich, da man
Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen Schachzug als ein
dauerhaftes Werk beabsichtige. Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach
die feindselige, aggressive Richtung gegen Preuen noch weit offener aus
als die Oberschnaer Punktation. Der Verein ist bestimmt, den freien
Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte zu befrdern und die
Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem einzelnen Staate durch seine
geographische Lage und sonst gewhrt sind, auf das Ganze zu bertragen,
auch daneben sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen. Die
Verbndeten verpflichten sich, bis zum 31. Dezember 1834 -- d. h. bis zu
dem Zeitpunkte, wo der preuisch-hessische Vertrag ablief -- keinem
auswrtigen Zollverein einseitig beizutreten. Die Straen sollen in gutem
Stande erhalten, neue Straenzge verabredet werden. Die bestehenden
Durchfuhrzlle auf Waren, welche fr einen Vereinsstaat bestimmt sind,
drfen nicht erhht werden; dagegen steht dem Verein wie jedem
Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem Auslande in das Ausland gehen, mit
hheren Transitgebhren zu belasten. England-Hannover war es, das diesen
unzweideutigen Artikel 7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung, den
Handel zwischen den beiden Hlften der preuischen Monarchie zu zerstren,
und zugleich eine systematische Begnstigung der englischen Einfuhr. Denn
da auf Hannovers ausdrckliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis
eingerumt wurde, Handelsvertrge mit dem Auslande zu schlieen, so
erffnete sich den englischen Waren ber Bremen und Hannover ein fast
zollfreier Weg nach den Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thringen,
Nassau, Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besaen. Noch
deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate das Recht zu
einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen hatte diese Bestimmung
gefordert, und der Kurfrst verstand unter Retorsionen jede gehssige
Gewalttat wider die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der
Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits, und sie
ward erkauft durch schwere Schdigung der heimischen, vornehmlich der
erzgebirgischen Industrie. Im brigen dauerten alle bestehenden Akzisen
und Zlle fort; nur Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren
unstatthaft, auch sollten die gewhnlichen Erzeugnisse des Landbaues nicht
verzollt werden.

Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre hinaus die
Erweiterung des preuischen Zollsystems zu verhindern und inzwischen
vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels dem Zollwesen Preuens die
Wurzeln abzugraben. Eine von Marschall und Rntgen verfate nassauische
Denkschrift ber das Verhltnis des Vereins zu Preuen und Bayern gibt
ber diese freundnachbarlichen Absichten sicheren Aufschlu. Sie schildert
beweglich, wie Darmstadt sich an ein nicht aus seiner Autonomie
hervorgegangenes System angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei die
ueren Formen der Selbstndigkeit gewahrt, aber das Groherzogtum hat
sich whrend der Dauer des Vertrages jeder materiellen Autonomie begeben,
kann nur noch eine gromtige Bercksichtigung seiner Wnsche in billigen
Anspruch nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung um einen
bedeutenden Schritt nher gerckt. Solcher Schwche gegenber sind die
Verbndeten entschlossen, keine willenlose Hingebung zu zeigen, keine
nicht aus dem eigenen Bedrfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung
anzunehmen. Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in der
Vereinigung selbst, in dem fr sechs Jahre begrndeten *non plus
ultra*(96). Das Wesentliche liegt ferner in dem durch diese sechsjhrige
engere Verbindung begrndeten Ablehnungsmotive von Ansinnungen mancher
Art, denen, wenn sie von bermchtiger Seite ausgehen, der Einzelne und
Schwchere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen
hat. Das Wesentliche liegt endlich in der Aussicht, zu einer Verbindung
mit anderen Staaten mit Ehren gelangen zu knnen. Bayern und Preuen
haben dasselbe, ja ein greres Bedrfnis nach einer Annherung an die
Vereinsstaaten als diese selbst; daher mu der Verein die
Verbindungsstraen zwischen Bayern und Preuen fest in der Hand halten,
ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen Beschlusses bewilligen. So wird
er eine gesetzliche Ordnung mit verhltnismig gleichen Rechten fr ganz
Deutschland begrnden.

Die Denkschrift schliet mit der pathetischen Frage: Kann man denn aus
irgendeinem Grunde auch nur vermuten, da Preuen die fieberhaften Trume,
in welchen eine bermtige Partei das ganze nrdliche Deutschland nur als
eine mit Unrecht noch lnger vorenthaltene Beute des preuischen Adlers
erscheinen lassen mchte, irgend teilen oder begnstigen werde? Naiver
lie sich die Seelenangst der Kleinen nicht aussprechen. Nicht irgendein
positiver Gedanke, sondern allein die Furcht vor Preuens und Bayerns
bermacht, der ohnmchtige Wunsch, ein *tertium aliquid*(97) zu bilden,
wie der alte Gagern(98) sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein
geschaffen. Aber je ratloser man sich fhlte, um so lauter ward gelrmt;
es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein groes Werk vollendet
worden. Zahllose Orden belohnten alle Teilnehmer der Kasseler Beratung,
bis zum Kanzlisten herab.

Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preuen schwingen konnte, erwies
sich als unwirksam; den preuischen Durchfuhrhandel zu lhmen war
unmglich, solange die Handelsstraen, welche das preuische Gebiet
umgehen sollten, noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwrfe wurden zu
Kassel besprochen; man trumte von neuen Handelswegen dicht neben
Darmstadts Grenzen, von einem langen Straenzuge aus Sachsen ber
Altenburg und Gotha nach Kurhessen, der den Verkehr hinwegleiten sollte
von der groen preuischen Chaussee ber Ksen und Eckartsberge. Aber wer
sollte die Strae bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen Staaten
besaen nicht die Mittel, die greren Bundesgenossen wollten kein Geld
vorschieen. Zudem stie man berall auf preuisches Gebiet; wie sollte
die Erfurter Gegend umgangen werden, wo Preuen bereits eine gute Chaussee
gebaut hatte? Unablssig arbeitete die Diplomatie der Bundesgenossen, um
Bayern und Wrttemberg von Preuen fernzuhalten; der hannoversche Gesandte
Stralenheim in Stuttgart ward nicht mde, den Knig Wilhelm vor Preuens
Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner Hof, der die
Fhrung des Vereins behielt, er sei bereit, Antrge und Vorschlge zur
Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen. Niemand wute einen mglichen
Vorschlag. Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau einem
Frankfurter Amtsgenossen: die Mehrzahl der Teilnehmer betrachtet den
Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh, da alles beim alten bleibt. Nun
klagten die Thringer ber Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt ber
die erdrckenden kurhessischen Mauten. Der Kurfrst, um seinen
Holzmagazinen hhere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten
Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach Hessen
hinbergefhrt ward. Die Unmglichkeit, mit einem solchen Frsten
freundnachbarlich auszukommen, lag vor Augen. Fast ein Jahr whrten die
Verhandlungen zwischen den beiden hessischen Husern wegen der
Erleichterung einiger Enklaven; da erklrte der Kurfrst: die gegenseitige
Verpflichtung, die Durchfuhrzlle auf gewissen Straen nicht zu erhhen,
solle allein fr Darmstadt, nicht fr Kurhessen gelten! Seine Weisungen an
die Unterhndler fand Maltzan ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und
despotischen Ton, der Feder eines Rabener(99) wrdig.

Immer schrfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen
Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die Kaufherren von Frankfurt
und Bremen forderten unbeschrnkten Freihandel, Hannover die Begnstigung
der englischen Waren. Andere Staaten trumten von neuen Zolllinien; wieder
andere hofften, die Milderung des preuischen Zollsystems und dann den
Eintritt in dies System zu erzwingen. Kein einziger Kopf an allen diesen
kleinen Hfen, der einen klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl
August von Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich die
Kstenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen. Thringen und Sachsen
schlossen einen Separatvertrag, desgleichen Hannover und Oldenburg. Sie
versprachen ihre gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem
Fue zu behandeln usw. -- geringfgige Erleichterungen, die in Preuen gar
nicht ntig waren, da das freiere preuische Zollgesetz zwischen In- und
Auslndern nicht unterschied. Die einfache in Berlin lngst feststehende
Erkenntnis, da nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen Handel
aufhelfen knne, war diesen Kabinetten noch nicht aufgegangen. Die
gedankenlose Trgheit der sterreichischen Staatsmnner fhlte sich
befriedigt von dem Erfolge des Augenblicks. Dem preuischen Zollsystem war
ein Riegel vorgeschoben, der einige Jahre halten mochte; eine positive
Ausbildung des Handelsvereins wnschte man in Wien nicht, da jeder Bund im
Bunde gefhrlich schien. Selbstgefllig sagte Mnch-Bellinghausen zu
Blittersdorff: wie klug hat sterreich gehandelt, die Kollisionen zu
vermeiden, denen Preuen nicht entgehen wird! Der weiterblickende Badener
aber schrieb: Ich war erstaunt ber solche Verblendung. Als ob ein
Stillstand im Vlkerleben mglich sei! Als ob der preuisch-hessische
Verein sich jemals wieder auflsen wrde! sterreich allein hat all dies
Unheil verschuldet, hat nichts getan, um den Artikel 19 der Bundesakte
auszufhren und uns also den Preuen in die Hnde geliefert.



d) _Preuens Sieg. Preuisch-Bayrischer Handelsvertrag._


Nunmehr nahm Preuen den Handschuh auf. Der Berliner Hof hatte den ersten
Verhandlungen der mitteldeutschen Staaten mit der gewohnten ruhigen
Zurckhaltung zugesehen. Ein schsisch-thringischer Verein war
unschdlich; erst durch Hannovers Zutritt gewann der Verein eine
gefhrliche Ausdehnung. Man wollte in Berlin nicht glauben, da dies nahe
befreundete Kabinett, dem Preuen soeben jene neuen Straenzge und
Handelserleichterungen angeboten hatte, einem gegen Preuen gerichteten
Bunde sich anschlieen werde. Da trat Hannover zu den Verbndeten ber,
whrend Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten
erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel ber den Charakter des Vereins.
Motz in seiner feurig khnen Weise forderte sogleich, da man die Gegner
als Gegner behandle, und erklrte: Sollte dieser Verein zustande kommen,
so ist Preuen in der Lage, sein Zollsystem fr abgeschlossen zu halten,
und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein seiner Absicht gem
unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen.

Obgleich bisher nur drftige Nachrichten ber die Plne des Vereins
eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister doch auf den ersten Blick,
da die Zerstrung des preuischen Durchfuhrhandels in der Absicht der
Verbndeten liege. Deshalb, fuhr er fort, mu der Transit fortan mehr als
bisher im Lande gehalten, der Straenbau rstig gefrdert, namentlich die
Chaussierung der wichtigen Strae von Magdeburg nach Zeitz rasch vollendet
werden. Die nach Hannover gerichteten Anerbietungen sind als nicht
geschehen zu betrachten. Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben
an Bernstorff: Es ist gewi ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, da in
der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands, im Schoe des Deutschen
Bundes und dennoch unter der Fahne sterreichs, fr den ostensibeln Zweck
einer angeblichen Vervollkommnung der Verhltnisse dieses Bundes eine
Koalition sich bildet, welche Preuen von ihren Plnen und Beratungen
ausschliet und auf alle Weise zu erkennen gibt, nicht nur, da sie eine
Ausfhrung und Erweiterung allgemeiner Bundesmaximen auch ohne Preuens
Teilnahme fr mglich hlt, sondern auch, da Preuen eben als strendes
Prinzip jener Ausfhrung und Erweiterung zu betrachten, und deshalb die
Aufstellung einer frmlichen Oppositionsmasse gegen dasselbe anrtlich
sei. Darum drfen wir den Verein nicht ignorieren; wir mssen unser
gerechtes Befremden aussprechen und den Entschlu, jeder uns auf
irgendeine Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses sonderbaren
Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten.

ber sterreichs Absichten war der entschlossene Mann lngst im klaren. Er
wute, da die k. k. Verpflegungsbeamten in Mainz, um den
Preuisch-Hessischen Verein zu schdigen, die vertragsmige
Steuerfreiheit der sterreichischen Garnison grblich mibrauchten, fr
Tabak, Zucker, Bier massenhaft Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz
Rheinhessen verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle rund
heraus erklren: wir lassen uns nicht tuschen durch das Blendwerk, das
mit dem Artikel 19 getrieben wird, wir lassen uns weder imponieren, noch
uns mibrauchen. Am 8. November schrieb er dem Minister des Auswrtigen
geradezu: Ob und inwieweit berhaupt auf wahre freundschaftliche
Verhltnisse von sterreich gegen uns zu rechnen sei, vermag ich nicht zu
beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein, da sterreich dem
bereilt organisierten Deutschen Bunde den Charakter des ehemaligen
deutschen Frstenbundes beizulegen und darin die Rolle Friedrichs des
Groen zu bernehmen denkt. sterreichs Haltung gegen uns in dem Kthener
Zollstreit war entschieden feindselig, ohne sterreichs Beistand wre der
Mitteldeutsche Verein nie zustande gekommen.

Ein Blick auf diese Aktenstcke gengt, um das Rtsel zu lsen, warum das
Berliner Kabinett ber die geheime Geschichte seiner Handelspolitik
beharrlich geschwiegen, auch die windigsten Prahlereien der zahlreichen
geistigen und leiblichen Vter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das
Bndnis der Ostmchte war nach wie vor der leitende Gedanke der
auswrtigen Politik des Knigs. Brach man mit sterreich, so wurde der
Deutsche Bund unhaltbar und auch der werdende Zollverein selber in Frage
gestellt. Fr Preuens Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch
ruhige feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, da er der
preuischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preuen rumte der
Hofburg die Fhrerstelle ein in dem Schattenspiele des Bundestages und
verlangte fr sich die Leitung der wirklichen Geschfte deutscher
Staatskunst. Dies blieb der einzig mgliche Weg nationaler Politik,
solange man weder den Willen noch die Macht besa, die kriegerische Aktion
der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus zu
beseitigen, kam dem Knig nicht zu Sinn; die Absicht war nur, dem
preuischen Staate im Bereiche der deutschen Politik ein Gebiet
selbstndigen, ungestrten Wirkens zu erobern. Ein solches System setzte
behutsame Vorsicht und unverbrchliche Verschwiegenheit voraus; es fiel
dahin, sobald die Welt erfuhr, wie planmig Preuens Handelspolitik
arbeitete und wie deutlich die besten Kpfe des Kabinetts den Grundsatz
der Interessen erkannten, der die beiden groen Bundesmchte trennte.

Das Auswrtige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige Gesinnung des
Finanzministers ein. Der Knig verlangte ruhige, sorgfltige Prfung,
damit nicht durch vorschnelles Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht
geschehe. Sobald nhere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der
Ansicht Motzs bei und erlie eine Instruktion an smtliche Gesandten in
Deutschland, welche ausfhrlich darstellte, wie unberechtigt und
hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen sei: die Verbndeten
mgen sich die Frage vorlegen, was ein Verein von sechs Millionen
Einwohnern, der fast nur Binnenlnder umfat, bei einem Konflikt mit uns
gewinnen drfte, ob der innere Verkehr nicht erttet statt belebt und der
Handel mit dem Auslande nicht beschrnkt statt ausgebreitet werden wrde.
Auerdem erhielt die Wiener Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren
ber die feindselige Haltung der sterreichischen Diplomaten und dem
Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete Frage ans
Herz zu legen: Sind es nicht hauptschlich die Absonderungen und
Trennungen, welche im Handel und Verkehr stattfinden, wodurch eine
Stimmung des Mibehagens, der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer
Vernderung unterhalten wird? Der Gesandte in London ward befehligt,
entschieden auszusprechen, da an Verhandlungen mit Hannover vorerst nicht
mehr zu denken sei: wir mssen offen gestehen, da unser Vertrauen auf
hannoverscher Seite schlecht erwidert worden ist. Jordan in Dresden
sollte sein Befremden ber die mitrauische Heimlichkeit der schsischen
Politik kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate die Anerkennung seines
weisen und angemessenen Betragens aussprechen und dabei erklren, man
hoffe, da er bei demselben auch verharren werde.

Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke der Befehl, die
handelspolitischen Maregeln der Verbndeten, die sich noch immer in
rtselhaftes Dunkel hllten, scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die
ganze Unnatur des Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im
Bereiche der preuischen Macht, war berall von eingesprengten preuischen
Gebietsstcken unterbrochen, durch tausend Bande des nachbarlichen
Verkehrs an Preuen gekettet. Eine Schar von preuischen Postbeamten,
Floinspektoren, Schiffahrtsaufsehern lebte in Feindesland, gab sichere
Nachricht ber alles, was auf den Flssen und Straen der Verbndeten
vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift begannen den
Federkrieg gegen den Handelsverein Eine Souvernitt, die sich durch
bloe Opposition geltend machen will -- rief Buchholz warnend --, steht im
Widerspruch mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren. Auch durch
Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe gehen; er dachte den
schsischen Fabrikanten den Merabatt zu entziehen und in Magdeburg eine
Messe zu errichten. Hier aber widersprach der Knig; er wollte sein Wort
halten, auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten
unterlassen, und lie den kampflustigen Finanzminister an die Rcksichten
erinnern, die man dem Deutschen Bunde schulde.

Die offene Sprache der preuischen Diplomatie erweckte allerdings Angst
und Reue an einigen der kleinsten Hfe. Der Frst von Sondershausen,
dessen Unterherrschaft unter dem Schutze des preuischen Zollsystems
aufblhte, war mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten und
lie durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett bitten, diese
abgedrungene Maregel nicht bel zu deuten. Darauf erwiderte das
Auswrtige Amt: man hoffe, da ein pp. Konsilium keinen Augenblick
darber im Zweifel sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an
dem bisher bestehenden Verhltnis mit Preuen und zwischen der Teilnahme
an einer neuen Verbindung zu tun oder zu lassen sei. Nun bat der Frst in
einem eigenhndigen Briefe den Knig um Verzeihung und flehte, ihn mit
allergndigster Nachsicht zu beurteilen und der unschtzbaren hohen Gnade
nicht fr unwert zu halten. Auch der Herzog von Gotha schrieb an
Wittgenstein (16. Dezember): er erfahre zu seiner grten Verwunderung,
da Preuen mit dem Handelsvereine nicht einverstanden sei; nimmermehr sei
ihm in den Sinn gekommen, den preuischen Hof, dessen Gunst so wertvoll,
zu verletzen.

Gegen die greren Staaten des Vereins war mit so sanften Mitteln nichts
auszurichten. Motz behielt doch Recht, da er an Bernstorff schrieb: Ich
bin der Meinung, da andere Rcksichten, welche nicht durch die
bestehenden Vertrge geboten werden, gegen die betreffenden, uns in
finanzieller Hinsicht nur feindlich gegenberstehenden Bundesstaaten wohl
aus den Augen gesetzt werden knnen, indem der preuische Staat die Macht
und die Kraft hat, seinen hohen und hchsten Interessen die der
Bundesstaaten unterzuordnen, und nach den seit 13 Jahren gemachten
Erfahrungen die Liebe fr uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen
sein drfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden
Verhltnisse vereinigt bleibt. Der feurige Mann war entschlossen, den
Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare Feindseligkeit reiche die
Politik des Zuwartens nicht mehr aus. Wir werden es noch dahin bringen,
rief er zuversichtlich, da einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen
Vereins dringend um Aufnahme in den preuischen Verein bitten werden! Er
hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung mit dem soweit
abgelegenen Bayrisch-Wrttembergischen Verein rtlich sei; jetzt fate er
den glcklichen Gedanken, ber den Handelsverein hinweg den sddeutschen
Knigskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen Bund des
Nordens mit dem Sden den mitteldeutschen Sonderbund zu zerstren.

Zum Heil fr Deutschland erwachten um dieselbe Zeit hnliche Wnsche in
Mnchen und Stuttgart. Wie laut auch Knig Ludwig im ersten Zorne wider
Preuens und Darmstadts Verrterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte
er sich doch nicht verbergen, da seine eigenen khnen Plne gescheitert
waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen bergetreten, war an eine
Vergrerung des Sddeutschen Vereins nicht mehr zu denken; der rein
deutsche Bund unter Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig
konnte der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch trat,
wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung zwischen den beiden
Knigen bald wieder hervor. Die Hoffnung auf einen Handelsverein mit der
Schweiz ward zunichte an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den
oberdeutschen Knigen nur die Wahl, entweder mit Preuen oder mit dem
schsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter Sachsen und
Hannover aber stand sterreich; dies allein gengte, um den Knig von
Wrttemberg gegen die mitteldeutschen Verbndeten einzunehmen. Sein neuer
Finanzminister, Freiherr Karl Varnbler(100), derselbe, der einst in den
Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewhrte sich als ausgezeichneter
Geschftsmann und riet dringend zur Verstndigung mit Preuen. Welchen
nennenswerten handelspolitischen Vorteil, auer der Herabsetzung der
Durchfuhrzlle, hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der
patriotische Knig von Bayern sich einlassen in jene unsauberen
Zettelungen mit Frankreich, England, Holland, welche der Mitteldeutsche
Verein mit unbeschmter Stirn betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes
hatte Knig Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinber getan; ein
Bndnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen Verkehr dem englischen
Handelsinteresse zu unterwerfen, lag dem bei all seiner Wunderlichkeit
grunddeutschen Monarchen ebenso fern wie seinem vertrauten Minister
Armansperg.

Sobald man in Mnchen kaltbltig berlegte, erschien doch selbst Preuens
Verhalten in dem Sponheimer Handel erklrlich. Die Berliner Regierung war
ja durch europische Vertrge verpflichtet, Badens Recht zu schtzen; sie
verfuhr, wie Knig Ludwig selbst zugeben mute, mit rckhaltloser
Offenheit; ihr Gesandter suchte durch vershnliche Sprache den erzrnten
Frsten zu beschwichtigen. Preuen schlug jetzt vor, Bayern und Baden
sollten beiderseits auf ihr Sponheimer Erbrecht verzichten, damit der
leidige Handel fr immer aus der Welt geschafft wrde. Knig Ludwig
strubte sich lange, doch fing er an zu begreifen, da dies der einzige
Weg sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurckzuziehen.
Gegen den Sptsommer 1828 begannen der Minister und sein kniglicher
Freund bereits die Frage zu erwgen, ob nicht eine Annherung an den
Preuisch-Hessischen Verein unvermeidlich sei. Da die ffentliche Meinung
in Bayern dieser Annherung entschieden widerstrebte, war fr die Freunde
eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll hochfliegender Begeisterung,
empfnglich fr alles Auerordentliche, liebten beide die Welt durch
unerwartete Entschlsse zu berraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die
Demtigung ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen Plne zu
verwinden. Aber sie vermochten es ber sich, das Opfer zu bringen.
Unabweisbar drngten diese trocknen Geschftsverhandlungen den nher
Beteiligten die Einsicht auf, da die Deutschen doch zueinander gehrten,
nur durch Mitrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die immer
der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander verfeindet wurden.

Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende Umstimmung am
Mnchener Hofe zu frdern und fr Deutschlands groe Sache zu verwerten
verstand. Der Buchhndler Freiherr v. Cotta(101) war als groer
Geschftsmann mit Personen und Zustnden des deutschen Nordens nher
vertraut als das schwbisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er
schon in dem wrttembergischen Verfassungskampfe bewiesen hatte, auch in
der Handelssache ber die landlufigen sddeutschen Vorurteile weit
hinaus. Unternehmend und beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen
namhaften Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er lngst,
da der sddeutsche Verkehr ohne Preuens freundnachbarlichen Beistand
niemals gesunden knne, und obgleich ihm viel daran lag, die Gunst
Metternichs fr seine Allgemeine Zeitung nicht zu verlieren, so fate er
doch den tapferen Entschlu, als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich
insgeheim mit Armansperg, reiste dann im September 1828 nach Berlin zu dem
groen Naturforschertage, der also auch fr unsere Politik bedeutsam
werden sollte. Cotta wurde durch Humboldt bei Witzleben(102) und Motz
eingefhrt, sprach dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verstndigung
zwischen Bayern und Preuen mglich sei, und fand den gnstigsten Empfang.
Eine berraschende Verwandtschaft der Anschauungen stellte sich heraus.
Motz bekannte, da er sich lngst mit hnlichen Absichten getragen habe;
im Grunde seien es ja doch nur Miverstndnisse, welche bisher zwischen
den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb am 20. Oktober
aus Mnchen: er habe des Ministers gndige Erffnungen den Monarchen in
Mnchen und Stuttgart mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des
Planes berzeugt und htten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen
Verein beizutreten, zurckgewiesen. Nunmehr zog Motz das Auswrtige Amt in
das Geheimnis und erklrte: Jetzt ist es wnschenswert, einen
Handelsverein mit Bayern, Wrttemberg und Baden zu bilden: der Sden mu
fr eigene Rechnung unsere Zollgrundstze annehmen, namentlich unsere
hheren Tarifstze auf auslndische Waren, also auch auf die Waren des
Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein die vollstndige
Verschmelzung mit dem Sden hindert, mssen Preuen-Hessen und
Bayern-Wrttemberg mindestens ihre eigenen Produkte und Fabrikate
gegenseitig vom Zolle befreien.

Im November eilte der Unterhndler wieder nach Berlin, diesmal mit einer
frmlichen Beglaubigung versehen, und wurde von dem Knige aufs
freundlichste aufgenommen. Die Berliner erzhlten sich mit untertnigem
Erstaunen, der einfache Buchhndler sei zur Tafel gezogen worden. Motz gab
ihm nach lngeren Verhandlungen die Punktation des Vertrags mit auf den
Weg. Triumphierend meldete Cotta am 17. Dezember aus Mnchen: Alles, was
ich mitbrachte, war hier hchst erfreulich und willkommen, bei Knig
Ludwig wie bei dem Minister Armansperg. Beide sind von den groartigen
Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preuens mit Bayern und Wrttemberg
nach den von Hochdenselben entwickelten Grundstzen als Leitstern vorgehen
und zur Richtschnur dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee
in kurzer Frist realisiert. Und am 20. Dezember nochmals: Wird auch Baden
gewonnen, so wre der Grundstein im Sden Deutschlands zu dem Gebude
gelegt, das Ihr verehrter Knig und Sie zum Wohle und Gedeihen
Deutschlands im Auge haben.

Motz erwiderte: er hoffe ein Werk zu begrnden, an welchem nicht nur wir
und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben
werden. Der Mitteldeutsche Verein msse offen bekmpft werden, denn was
wir gemeinschaftlich suchen, ein soviel mglich allgemeiner Markt in
Deutschland, wird fr Bayern, Wrttemberg und Preuen durch die Grundstze
dieses neutralen Vereins nicht nur befrdert, sondern viele diesem
Verlangen entgegenstehende Hindernisse nur noch mehr stabiliert.
Gleichzeitig schrieb er an den Kronprinzen von Preuen, der sich gerade am
Mnchener Hofe aufhielt, enthllte ihm das Geheimnis der Mission Cottas,
bat dringend um Untersttzung: der Vertrag sei politisch und
volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die Zolleinnahmen wohl
zunchst einige Einbuen erleiden wrden. Der Prinz, der dem geistreichen
Minister lngst wohl wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig
an.

Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten, da auch Knig
Wilhelm die Hauptgrundstze der preuischen Punktation gebilligt habe, und
gegen Ende des Monats erschien der Unermdliche zum drittenmal in Berlin.
Der preuische Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den
ngstlichen Vorbehalten, welche der sddeutsche Unterhndler stellen
mute, und klagte bitterlich ber diesen Hkerkram. Gegen die
vollstndige Zollbefreiung der eigenen Produkte erhob Bayern Bedenken; man
frchtete in Mnchen die berlegene rheinische Industrie. Auch mit seinem
Vorschlage, da die bayrische Pfalz sofort dem preuischen Zollverein
beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen Krone
widerstrebte, auch der Mnchener Landtag htte der unerllichen
Abnderung des pflzischen Steuerwesens niemals zugestimmt. Noch weniger
war auf Badens Beitritt zu hoffen. Der kleine Staat wollte die gnstige
Gelegenheit benutzen, um seinen Lnderbestand fr alle Zukunft
sicherzustellen; er forderte, da vor den Zollverhandlungen der Sponheimer
Streit beigelegt werde. Da Knig Ludwig darauf nicht einging, so erkannte
das Berliner Kabinett im Laufe des Winters selbst, da man nicht wohl tue,
die Verhandlungen noch mehr zu verwickeln, und lie Baden vorlufig aus
dem Spiele.

Am 6. Mrz 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen in Berlin.
Die sddeutschen Kronen waren durch ihre Gesandten Luxburg und Blomberg
vertreten, den Ausschlag gab Cotta, der von beiden Knigen Vollmacht
hatte. Fr Preuen erschienen Eichhorn und Schnberg, dazu Motz, Maaen
und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus Darmstadt herber. Die ersten
Krfte der Regierung waren aufgeboten; es galt, die Brcke ber den Main
zu schlagen. Am 27. Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preuen-
Hessen und Bayern-Wrttemberg versprachen einander bis zum Jahre 1841
Zollfreiheit fr alle inlndischen Erzeugnisse der Natur, des
Gewerbefleies und der Kunst; nur fr eine Reihe wichtiger Fabrikwaren
sollte, auf Bayerns Andringen, zunchst blo eine Zollerleichterung um
25 Prozent eintreten, bis allmhlich die vllige Befreiung erfolgen knne.
Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr in
bereinstimmung zu bringen; alljhrlich sollten Bevollmchtigte
zusammentreten zur Befestigung und Erweiterung dieses Vertrags. Auch ein
Zollkartell wurde fr die Zukunft verabredet. Der Vertrag trug in allem
den Charakter eines Provisoriums; er begrndete die engste Form
handelspolitischer Vereinigung, die sich erreichen lie, so lange die
Lnder der Verbndeten nicht in festem geographischen Zusammenhange
standen. Alle Beteiligten fhlten, da sie erst im Beginn einer Zeit
gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten sich zu
Protokoll, Handelsvertrge mit solchen Lndern, die an mehrere
Vereinsstaaten zugleich angrenzten, also vornehmlich mit Baden, nur im
gemeinsamen Einverstndnis abzuschlieen.

Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen hielt Motz seinen
Blick fest auf die groen Verhltnisse des Vaterlandes gerichtet; er
wute, da er seinem Staate die Bahn zu einer stolzen Zukunft geffnet
hatte. Im Juni sprach er sich gegen den Knig ber die politische
Bedeutung der geschlossenen Vertrge offen aus. Seine Denkschrift wirft
zuerst einen Rckblick auf die vollendete Unfhigkeit des Bundestags, der
niemals in frmliche Beratung ber die Handelseinheit getreten sei; selbst
whrend der Not von 1817 habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, um
den fderativen Nachbar, im buchstblichen Sinne des Wortes, nicht
verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders sein, da dem Deutschen
Bunde ein groer Staat an der Spitze steht, der das ihm eigentmliche,
seit 50 Jahren schon bestehende, seinem privaten Interesse bis daher
vermeintlich zusagende, mit den Interessen der brigen Staaten des
Deutschen Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem
aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder die
Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer Bundeslande unterzuordnen
nicht gemeint sind, vielmehr letztere, natur- und sachgem, an die
ersteren festgeknpft haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur
aus fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte betrachtet
wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit ein Beispiel, wie die
allgemeine Staatengeschichte bis dahin noch keines aufzuweisen hat; es
entstand ein Handelskrieg aller gegen alle, der weit schlimmer war, als
ein innerer Krieg der Waffen nur je htte sein knnen. Dann erinnert Motz
an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes, an die
persnlichen Bemhungen der Souverne von Bayern und Wrttemberg. Als
gleichzeitig der Bayrisch-Wrttembergische und der Preuisch-Hessische
Verein sich bildeten, lag die Mglichkeit zweier groen Zollvereine fr
ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter sterreichs Fhrung der neutrale
Verein, der den *status quo*, d. h. das Unertrgliche aufrecht erhalten
will; er zwang uns, sogleich weiter zu gehen und das groe Handelssystem
zu begrnden.

Dies System, fhrt die Denkschrift fort, bietet erstens kommerzielle
Vorteile. Die Verbindung umschliet schon jetzt 20 Millionen Einwohner,
behauptet also den dritten Platz unter den europischen Staaten, da
sterreich kein einiges Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen
steigen, sobald der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, da er ganz und gar
einen eitlen Zweck verfolgt, und die sd- und mitteldeutschen Staaten
nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen steigen, wenn
auch die anderen Staaten (soweit sie nicht Nebenlande sind), also
Hannover, Braunschweig, Oldenburg und die Hansestdte eintreten. Der
innere Verkehr ist wichtiger als der auswrtige Handel, jener schlgt
dreimal, dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche Staaten
erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig- bis zweihundertmal
greren Markt fr ihre Produkte. Dazu kommen zweitens die finanziellen
Vorteile. Der Satz: je billiger die Abgabe, desto grer der Ertrag,
wird sich auch diesmal bewhren, wenngleich vielleicht die erste
bergangszeit einige Ausflle bringen mag. Wichtiger ist drittens der
politische Gewinn. Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, da
Zlle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so
mu es auch Wahrheit sein, da Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und
Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen
System mit sich fhrt.

Nun wird in groen Zgen die friderizianische Politik den Wittelsbachern
gegenber geschildert: wie Friedrich den ersten Nichtsterreicher,
Karl VII., auf den Kaiserthron erhoben, dann durch den bayrischen
Erbfolgekrieg und den Frstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet
habe. Preuen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet. Bayerns
feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und der Ansbach-Baireuther
Hndel erklrt sich nur aus der totalen Verwirrung und Verirrung der
Staatenpolitik jener revolutionren Tage. Heute aber kann Preuen kein
Mitrauen mehr einflen, sondern mu wnschen, mit allen den Staaten,
die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet und Preuen mit offenem
Vertrauen ergeben sind, nicht aber etwa den Besitz deutscher Provinzen
blo als Vehikel fr Frderung der Interessen ihrer greren auswrtigen,
Deutschlands Interessen fremden Staatenkrper zu benutzen streben, in
jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich recht innig und recht
enge zu verbinden. Mglich bleibt doch der fr jetzt allerdings nicht
leicht gedenkbare Fall, da entweder ein allgemeiner Krieg ausbrche,
oder da der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal
auflste und mit Ausschlu aller heterogenen Teile sich neu gestaltete;
dann wrde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden. Viertens bringt
uns das Handelssystem eine militrische Verstrkung um 92000 Mann. Bayerns
Zutritt entschied die Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten,
desgleichen der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich knnen wir
unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen Pfalz sicher sind;
sterreich aber wird durch den Handelsbund in einem weiten Bogen umfat,
kann von Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die
Denkschrift schliet: In dieser, auf gleichem Interesse und natrlicher
Grundlage ruhenden und sich notwendig in der Mitte von Deutschland
erweiternden Verbindung wird erst wieder ein in Wahrheit verbndetes, von
innen und von auen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und
Schirm von Preuen bestehen. Mge nur das noch Fehlende weiter ergnzt und
das schon Erworbene mit umsichtiger Sorgfalt noch weiter ausgebildet und
festgehalten werden!

So der preuische Finanzminister, ein Jahr vor der Julirevolution, zwei
Jahre bevor Paul Pfizer(103) den Briefwechsel zweier Deutschen erscheinen
lie! Unter allen uerungen deutscher Staatsmnner aus jener Zeit ist
keine, die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus
bricht, die so rund heraussagt: los von sterreich! Und welche Sicherheit
des Blicks in allem und jedem! Der Mann wute schon 1829 bis auf einen
geringfgigen Irrtum ganz genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866
die deutschen Staaten dem Zollverein beigetreten sind.

In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die preuische Regierung
offen aus: der Vertrag mit Bayern stelle eine noch engere Vereinigung und
die allmhliche Verwirklichung der deutschen Handelseinheit in Aussicht.
Noch blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu berwinden. Knig
Ludwig, gewhnt an unbedingte Selbstherrschaft, zrnte heftig, weil seine
Unterhndler in einigen Punkten ihre Instruktionen berschritten hatten;
er konnte das alte sddeutsche Mitrauen gegen die preuischen Kniffe
nicht berwinden, mkelte an jedem Worte, frchtete berall doppelte
Auslegung. Auch der berhmte Streit ber das *Alternat*(104), der in jenen
Tagen die Muestunden der Bundestagsgesandten wrdig ausfllte, wirkte
strend. Die kniglichen Hfe wollten den groherzoglichen wohl die
Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften
zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich endlich, fertigte nur
zwei Haupturkunden aus, die eine fr Preuen-Hessen, die andere fr
Bayern-Wrttemberg gemeinsam. Dazu die begreifliche Furcht des Mnchener
Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat instndig: nicht
zu vergessen, da wir selbst Vorurteilen frhnen mssen, um die hheren
groen Zwecke zu erreichen, besonders den Verein. In gleichem Sinne
schrieb Armansperg an Motz: das gewi segensreiche Werk, welches durch
den Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt Deutschland
grtenteils der Groartigkeit Ihrer Ideen und der ttigen Sorgfalt, womit
Ew. Exzellenz die Unterhandlungen leiteten und jede Einseitigkeit zu
entfernen strebten. Wenn dem Geiste Ew. Exzellenz manches, wonach unsere
Wnsche zielen, kleinlich erscheinen wird, so mgen Sie in Erwgung
ziehen, da in den Hallen der Stnde manch Kleinliches hauset und nicht
immer durch die Waffe der Vernunft bekmpft und besiegt werden kann --
worauf dann im Interesse der oberpflzischen Hammerwerke gebeten ward, die
groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen. Im Laufe des
Sommers hat Cotta selbst in Brckenau und Friedrichshafen die letzten
Bedenken der beiden sddeutschen Knige beschwichtigt; sie ratifizierten,
berhuften den gewandten Unterhndler mit Gunst. Knig Wilhelm zeigte
sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbler; von den alten
csarischen Trumen war keine Rede mehr. Dann schickte Preuen zwei seiner
besten Finanzmnner, Sotzmann und Pochhammer, nach Mnchen, um die neuen
Zolleinrichtungen einfhren zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten,
soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preuen zu finden; in
gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man einander nher.

Nun der schwere Entschlu gefat war, segelte Knig Ludwig sogleich mit
rastlosem Ungestm in dem neuen Fahrwasser dahin. Er pries in
berschwenglichen Worten die Redlichkeit, die Migung, die Gre der
Ansichten des Berliner Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie
stolz er sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie
rechtschaffen und weise Knig Friedrich Wilhelm sich gehalten habe. Die
ffentliche Meinung im Sden nahm den Vertrag voll Mitrauens auf; eine
Deputation, die dem Knige den Dank der guten Stadt Nrdlingen aussprach,
blieb eine vereinzelte Erscheinung. In den hheren Kreisen des bayrischen
Beamtentums fhlte man doch, da endlich nach langen Irrfahrten fester
Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte Lerchenfeld erhielt
strenge Weisung, sich der mitteldeutschen Zettelungen zu enthalten, und
wirkte fortan zu Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preuischen
Genossen zusammen. Die freieren Kpfe ahnten von vornherein, da dies
gesunde naturgeme Bndnis zwischen den beiden grten deutschen Staaten
weiter fhren mute. Schon bei den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann
die Frage aufgeworfen, ob nicht Preuens westliche Provinzen mit dem Sden
sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten. In dieser unreifen
Form war der Gedanke fr Preuen unannehmbar. Sobald man den Vertrag
ausfhrte, zeigte sich jedoch rasch, da man nicht auf halbem Wege stehen
bleiben konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten, da man
sich in Mnchen nicht hatte entschlieen knnen, sie dem preuischen
Zollsystem einzufgen. Das Ergebnis war trostlos: die Provinz brachte im
Jahre 1830 nur 165000 Gulden an Zllen auf, whrend die Grenzbewachung
248000 Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte; der
Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830 fragte der unermdliche
Cotta bei Hofmann vertraulich an, wie man denn bei vollstndiger
Zollgemeinschaft mit den preuischen Behrden auskomme. Hofmann antwortete
mit einem warmen Lobe fr die preuischen Beamten, die sich zwar anfangs
sehr mitrauisch zeigten, nachher aber, sobald sie die Zuverlssigkeit der
hessischen Verwaltung kennen lernten, ganz umgnglich wurden.

Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen, sahen mit wachsendem
Schrecken, wie Preuens Handelspolitik binnen Jahresfrist einen zweiten
groen Erfolg errang. Vergeblich hatte das schsische Kabinett noch
whrend der Berliner Verhandlungen den Mnchener Hof fr den
mitteldeutschen Bund geworben; vergeblich war der Nassauer Rntgen, jener
alte vielgeschftige Feind Preuens, nach Stuttgart gereist, um dort
vorzustellen: Motz, der ruchlos ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preuen
durch die Entfesselung der industriellen Krfte zur leitenden deutschen
Macht erheben. In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des
mitteldeutschen Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. sterreich
sendete den Hofrat Eichhof nach Mnchen, um Bayern durch das Angebot
einiger geringfgigen Handelserleichterungen von Preuen hinwegzulocken
und zugleich den Knig Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preuen in der
Sponheimer Sache gehandelt habe. Mnch in Frankfurt versuchte wieder
einmal, den Darmstdter Hof gegen Hofmann, dies Werkzeug Preuens,
einzunehmen. Die Diplomatie Englands, Frankreichs, Hollands -- voran Lord
Erskine und Graf Rumigny in Mnchen -- ward nicht mde, vor Preuen zu
warnen. Von allen fremden Mchten zeigte sich wieder nur Ruland als ein
treuer Freund Preuens; Anstett in Frankfurt sprach offen und
nachdrcklich fr die Berliner Handelspolitik.

Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache ihren Zauber zu ben.
Wie lange sollte man noch die Klagen der mihandelten Nation ertragen? Wie
lange noch sich abqulen an allezeit vergeblichen Sonderbnden, whrend
Preuen jede handelspolitische Verhandlung regelmig erfolgreich
hinausfhrte? Selbst Blittersdorff, der rastlose Parteignger sterreichs,
gab nunmehr die Sache Habsburgs fast verloren. Wenn Preuen, so schrieb
er, alle deutschen Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist
sterreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedrngt! Der Verkehr
wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der groen Anzahl unserer
kleinen Mittelpunkte, berall gleichmig belebt werden. Die Gefahren fr
die Souvernitt sind geringer in einem groen Zollverein, als wenn man
versucht, der Zeit in den Weg zu treten. --

Die preuisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein Schlag ins Wasser,
solange der Verkehr zwischen den beiden Staaten den willkrlichen
Retorsionen des mitteldeutschen Vereins unterlag. Die neue Strae von
Westfalen durch das darmstdtische Gebiet verband nur die westlichen
Provinzen Preuens mit den Lndern der sddeutschen Bundesgenossen und
fhrte berdies in der Frankfurter Gegend einige Stunden lang durch
mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der preuisch-bayrische Bund
Lebenskraft gewinnen, so war eine zollfreie Strae zwischen den
Hauptmassen der beiden verbndeten Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte
sich Motz zur guten Stunde an den Straendnkel des Meininger Reiches und
an jenen untertnigen Entschuldigungsbrief des Gothaer Herzogs. Wie nun,
wenn Preuen dem Meininger Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstrae
zwischen Italien und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den
Verkehr im Lande zu halten, blieb ja der hchste Gedanke, dessen die
Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage fhig war. Wie oft sind die
Staatsmnner der Ernestiner nach Mnchen oder Berlin geeilt, um durch
dringende Bitten den Bau einer Umgehungsstrae zu verhindern; wie jammerte
Frankfurt, da im Frhjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz nach
Leipzig ber Nrnberg sendete und billigere Fracht berechnete als seine
Frankfurter Konkurrenten. Diese Straenpolitik war das beste Rstzeug des
Mitteldeutschen Vereins, und Motz beschlo, die Verbndeten mit ihren
eigenen Waffen zu schlagen. Er erffnete Verhandlungen mit Meiningen und
Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war. Der Herzog von
Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3. Juli 1829 wurde mit Meiningen, tags
darauf mit Gotha ein Vertrag geschlossen, um die Hindernisse zu
beseitigen, die vorzglich durch rtliche Verhltnisse dem Handel und
gewerblichen Verkehr entgegenstehen. Die drei Staaten verpflichteten sich
gemeinsam, einen groen Straenzug zu bauen von Langensalza ber Gotha
nach Zelle, von da ber Meiningen nach Wrzburg und ber Suhl,
Hildburghausen, Lichtenfels nach Bamberg. Preuen scho den kleinen Herren
die Gelder vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Straen wurde vllig
freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und freier nachbarlicher
Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und Preuens thringischen Enklaven. Es
war dieselbe Strae quer ber den Kamm des Thringer Waldes, die nachher
in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal eine bedeutsame
Rolle spielen sollte.

Diese beiden unscheinbaren Vertrge haben in Wahrheit den Mitteldeutschen
Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt der preuisch-bayrische Vertrag
praktischen Wert. Motz eilte selbst nach Thringen, um den raschen Ausbau
der Straen zu frdern. Sobald dieser zollfreie Straenzug vollendet war,
standen die beiden verbndeten Zollvereine in gesicherter geographischer
Verbindung, ihre vllige Verschmelzung blieb nur noch eine Frage der Zeit.
Zugleich hatte das Berliner Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen
Strae von Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der mchtige Warenzug
zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover, Kassel und
Frankfurt hinweggelenkt auf die Strae Magdeburg-Nrnberg. Der
Mitteldeutsche Verein, der Bayern und Preuen auseinander halten sollte,
wurde durch einen Meisterstreich der preuischen Diplomatie selber in der
Mitte zerspalten. Immer wieder drngt sich der Gedanke auf, wieviel
langsamer der Knoten sich htte entwirren lassen, wenn ein Reichstag die
diplomatische Aktion des Berliner Hofes lhmte. Wer diese unterirdische
Arbeit auf ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der mu, wo nicht
billigen, so doch verstehen, da ein freier Geist wie Trendelenburg(105),
damals den preuischen Absolutismus als einen Segen fr Deutschland pries.

Preuen vollzog mit jenen zwei Vertrgen nur eine Tat erlaubter Kriegslist
wider erklrte Gegner, und doch keinen feindseligen Schritt, keine
gehssige Retorsion. Die Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so
vollstndiger, da niemand das Recht hatte, sich ber Preuen zu beklagen.
Whrend sonst die Handelspolitik den Feind durch Handelserschwerungen zu
schlagen sucht, entwaffneten Motz und Eichhorn den Kasseler Sonderbund
durch die Erleichterung des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank
der Mitteldeutschen beanspruchen fr die Erffnung einer zollfreien
Strae. Den beiden thringischen Frsten freilich gereichte der Hergang
nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf den Besitz einer groen
Handelsstrae, wurden die Herzge zu Verrtern an ihren mitteldeutschen
Verbndeten. Sie verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des
Kasseler Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschlu von
Handelsvertrgen gestattete, aber unzweifelhaft den Zweck verfolgte, die
Erweiterung des preuischen Zollsystems zu verhindern. Das bse Beispiel
weckte bald Nachahmung. Der Mitteldeutsche Verein, gegrndet durch
partikularistische Selbstsucht, sollte ein wrdiges Ende finden; er sollte
nach und nach zerbrckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und Glauben.

Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer den Mitteldeutschen
noch eine berraschung, die ihrem Handel Segen, ihrem Sonderbunde
Verderben brachte. Er verstndigte sich mit den Niederlanden ber die
Rheinschiffahrt und erffnete also seinen sddeutschen Verbndeten die
Aussicht auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische Kaufmann
seine Waren zollfrei rheinaufwrts bis nach Frankfurt und Mannheim senden
konnte, mute England das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein
verlieren, und dem Sonderbunde war eine mchtige Sttze entzogen. --

Nach so grndlichen Niederlagen htten ernsthafte Staatsmnner den
Sonderbund als einen verunglckten Versuch sofort aufgeben und eine
Verstndigung mit den berlegenen Zollvereinen des Sdens und des Nordens
suchen mssen. Doch die unverwstliche Zanksucht dieser kleinen Hfe
wollte nicht Frieden halten, ihr Dnkel strubte sich gegen ein
beschmendes Gestndnis. Der schsische Gesandte in Wien, Graf
Schulenburg, wute Wunder zu berichten von den Handelserleichterungen, die
Metternich in allgemeinen Andeutungen dem Verein versprach; hnliche
Zusagen, ebenso unbestimmt gehalten, gab der franzsische Gesandte Graf
Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen der alte
Welfenstolz; Graf Mnster bot alle kleinen Knste auf, um den Meininger
Herzog durch seine Schwester, die Herzogin von Clarence, von Preuen
abzuziehen. Im Februar 1829 war Varnhagen von Ense(106) von der
preuischen Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um nochmals
eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfrstlichen Hause zu versuchen.
Er hatte sich des undankbaren Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick
entledigt, bei Hruby, dem grimmigen Feinde Preuens, sich belehren lassen
ber die Lage. Das Ende war, da die beiden Gatten unvershnlicher denn je
einander gegenberstanden, und der Kurfrst in schumender Wut seinem
kniglichen Schwager Rache schwur. So geschah es, da das lngst verlorene
Spiel der Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde, bis
Preuen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem Brette geschlagen
hatte.

Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongre der
Mitteldeutschen -- ein Bild vollendeter Ratlosigkeit, ohnmchtigen Grolles.
Alles tobte wider die Verrter in Meiningen und Gotha, die dem Verein ein
wichtiges Objekt geraubt hatten; man sendete Kommissre hinber, um die
beiden Herzge zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien preuischen
Handelsstrae Hamburg-Nrnberg. Selbst die patriotische Hoffnung, da
Dnemark vielleicht den Bau jener Strae hindern werde, bot keinen Trost;
denn das kleine Stck holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der
mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen werden! Der
nassauische Bevollmchtigte Rntgen pflegte auch dem befreundeten
badischen Hofe Bericht zu erstatten ber den Gang der Verhandlungen. Diese
Berichte wurden von Karlsruhe getreulich der preuischen Regierung
mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die rettungslose
Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in einer der ersten Sitzungen
warf ein Bevollmchtigter die wohlberechtigte naive Frage auf: worin denn
eigentlich das materielle Wesen des Vereins bestehe? Man fhlte, da man
eine Gesamtautonomie grnden msse, um die eigene Autonomie zu bewahren.
Man verlangte nach einem Gemeingut, das als Unterhandlungsmittel gegen
Preuen dienen solle. Die Lcherlichkeit eines Zollvereins ohne gemeinsame
Zlle begann zwar einzelnen einzuleuchten; selbst Nassau meinte, die
Vorteile des freien Binnenhandels berwgen unendlich jede Erleichterung
des auslndischen Verkehrs. Aber, hie es dawider, wrde der Verein ein
wirklicher Mautverband, so mten wir schlielich doch preuische Farbe
annehmen! Sechs Kommissionen wurden gebildet, um im Stile des Bundestages
ber alle erdenklichen Fragen der Verkehrspolitik hin und her zu reden.
Absonderliche patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfu
anzunehmen und also das preuische Geld zu verdrngen.

Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Bnde im Bunde zu bilden --
zwei, drei oder vier, was verschlug es? Diese politischen Mollusken lieen
sich doch in jede beliebige Form pressen. Hannover wnschte einen
Sonderbund der Kstenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt von
Bremen, da die Vereinsstaaten teils in horizontaler, teils in vertikaler
Richtung zu den groen deutschen Handelsstraen lgen; sie mchten also
zwei oder drei Gruppen bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich,
msse unabhngig bleiben, denn sie qualifiziert sich von selbst als eine
Ausnahme von der Regel des Handelsvereins. Indes begann dem gewiegten
Handelspolitiker doch unheimlich zu werden; er riet dringend zu
Verhandlungen mit den beiden anderen Zollvereinen.

Unverhohlen sprach sich die ngstliche Unlust der thringischen Staaten
aus. Reu beantragte sofort Verhandlungen mit Preuen zu erffnen;
Meiningen und Gotha drohten, ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein
nicht mit Preuen sich verstndige. Geschftig trugen die Bevollmchtigten
der kleinen Thringer dem preuischen Gesandten Hnlein die Geheimnisse
des Vereins zu. Doch die greren Staaten Hannover, Sachsen, Hessen,
Weimar blieben hartnckig. Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta
brachten endlich am 11. Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag zustande.
Die Verpflichtung, einseitig keinem auswrtigen Zollverein beizutreten,
wurde verlngert bis zum Jahre 1841, weil der preuisch-bayrische Vertrag
bis zu diesem Jahre whrte. Die Durchfuhrzlle auf den groen, das Ausland
mit dem Auslande verbindenden Straen sollten nur nach gemeinsamer
Verabredung verndert werden. Es lag auf der Hand, da dieser Artikel
allein bestimmt war, den Verkehr zwischen Preuen und Bayern zu
erschweren, die Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgnge zu
verhindern. Preuen versuchte auch sofort den Beschlu zu hintertreiben.
Eichhorn schrieb an Blow in London: von der kurhessischen Regierung ist
man schon lange gewohnt, da sie das Verkehrte tut und keine Verhltnisse
achtet; unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte solle
daher in London nachdrckliche Beschwerden erheben. Trotzdem ging der
Beschlu durch, und nach dieser unzweideutigen Feindseligkeit bestimmte
man in Kassel noch, da Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des
Vereins Verhandlungen mit Preuen erffnen sollten -- jenes Kurhessen, das
sich in den grbsten Beleidigungen gegen den Berliner Hof erging!

Im brigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu inhaltlos; keine irgend
erhebliche Verkehrserleichterung war vereinbart. Daher erhob sich sofort
nach dem Abschlusse des Vertrages berall heftiger Widerstand. Die
Ratifikation konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha
versagten ihre Zustimmung. Die reuischen Lnder folgten am 9. Dezember
1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten mit Preuen
Handelserleichterungen und Straenbauten und versprachen, dem preuischen
oder dem bayrischen Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen
die Mitteldeutschen ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Krper
fragte man murrend: warum verstndige Kaufleute sich verpflichten sollten,
zwlf Jahre lang nichts zu tun? Einflureiche Firmen forderten den
Anschlu an Preuen, selbstverstndlich nicht zu gleichem Rechte: das
mchtige Frankfurt sollte nur einen Freihafen des preuischen Vereins
bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen nach
Offenbach berzusiedeln. Dennoch behauptete die sterreichische Partei die
Oberhand. Sachsen und Weimar, erschreckt durch den schwunghaften
bayrisch-preuischen Verkehr dicht neben ihren Grenzen, knpften ihre
Ratifikation an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 msse ihnen der Austritt
freistehen, falls bis dahin Preuen und Bayern zu einem Zollverein sich
verschmolzen htten. Der rastlose Rntgen reiste von einer preuischen
Gesandtschaft zur anderen, versuchte sich zu entschuldigen: wer htte denn
vor einem Jahre ahnen knnen, da Preuen in der orientalischen Frage und
in den Zollsachen eine so glckliche Rolle spielen wrde? Als Maltzan
allen Anzapfungen nur ein diplomatisches Schweigen entgegensetzte, fuhr
der beleidigte Nassauer heraus: Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind
zu miachten -- worauf jener verbindlich erwiderte: Also Ihr seid unsere
Feinde? Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit der Erklrung: als
unbedingt verpflichtend knne er nicht gelten. So drohten Abfall und
Verrat von allen Seiten her.

Bei der verblendeten Selbstberschtzung dieser Kabinette lt sichs nicht
leicht entscheiden, ob die drei fhrenden Mittelstaaten ernstlich hofften,
Zugestndnisse von Preuen zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit
dem Berliner Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thringischen
Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das hannversche
Kabinettsministerium richtete schon am l4. August an Bernstorff die Frage,
ob Preuen mit den Verbndeten unterhandeln wolle, und fgte in der
blichen hochtrabenden Weise hinzu: Der Verein sei wohl imstande, solche
Vorteile anzubieten, welche die Zugestndnisse aufwiegen drften. In
Berlin ergriff man die Gelegenheit, den Mitteldeutschen unumwunden die
Meinung zu sagen und zugleich den nationalen Sinn der preuischen
Handelspolitik ausfhrlicher als je zuvor darzulegen. Ein
Ministerialschreiben vom 31. Oktober 1829 hielt der hannoverschen
Regierung ihr gehssiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte
drastisch den Handelsverein, der nichts Gemeinsames habe als das Motiv,
woraus er entsprang; im brigen findet man nur ein Aggregat besonderer
Interessen. Wesentliche Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es
mte denn sein, da er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren
wollte. Vor dergleichen feindseligen Maregeln hegt die preuische
Regierung berhaupt keine Besorgnis. Mit Hannover allein sind wir bereit
zu verhandeln, nicht mit einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten.
Preuen hat jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Vertrgen, noch weniger
als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen, sondern
nur das eine Interesse, da dadurch eine engere Verbindung zwischen den
deutschen Vlkern begrndet und durch diese ein neuer Segen ber
Deutschland und dessen einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der
Grundsatz befolgt, solche gemeinschaftliche Maregeln zu verabreden,
wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen im
gegenseitigen Verhltnis zueinander aufgehoben und keine neuen zur Strung
des Verkehrs mit anderen Staaten angeordnet werden, so kann sich niemand
ber eine Vereinigung, welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird,
beschweren. Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den bergang zu einer
neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden Entwicklung, welche
keinem feindseligen Prinzip Raum gibt, lt sich hoffen, da allmhlich
das Problem einer gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den
deutschen Staaten in dem grtmglichen Umfange, welchen berhaupt die
Natur der Verhltnisse gestattet, gelst werde. Hannover suchte noch
einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen, doch allein mit dem Berliner
Hofe zu verhandeln, war dem Welfenstolze unmglich.

Sachsen und Kurhessen unterlieen nunmehr jede Anfrage; indes konnte sich
der Dresdener Hof eine Rechtfertigung seiner Handelspolitik nicht
versagen. Geh. Rat v. Knneritz(107) -- in spteren Jahren als Minister
eine Sule der hochkonservativen Partei --, verfate eine Denkschrift im
kurschsischen Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal
widerlegten Anklagen gegen das preuische Zollsystem. Dann versicherte
Man annoch fordersamst: der Mitteldeutsche Verein sei eine
vlkerrechtlich vollkommen statthafte und in der Staatengeschichte gar
nicht ungewhnliche bereinkunft mehrerer souverner Staaten, eine zur
Rettung der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige, des
Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene Maregel -- und sprach
sein Befremden aus, da Preuen dieser unschuldigen Verbindung
entgegenarbeite. Motz, von Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit
Sachsen rtlich sei, erwiderte: Sachsen gewinnt durch eine
Zollvereinigung mit Preuen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preuen
kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller Beziehung
wnschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr in der hierdurch
gefrderten Einigung von Deutschland als in dem besonderen Anschlu von
Sachsen an Preuen zu suchen. Sachsen kann freundlicher, rcksichtsvoller
Verhandlungen gewrtig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen
aufgibt, deren Dauer den Anschlu an das preuische Zollsystem geradezu
verhindert. Herr v. Knneritz gehrt zu den beschrnkten einseitigen
Kpfen, deren Belehrung, wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso
unfruchtbar bleiben wrde als die ganze Idee des Mitteldeutschen Vereins.
Darauf verwies das Auswrtige Amt dem Gesandten in Dresden, da er das
anmaende schsische Schriftstck angenommen habe, und begngte sich, die
Beschuldigungen der Denkschrift kurz zu widerlegen.

Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein der Kstenstaaten.
Am 27. Mrz 1830 kam zu allgemeiner berraschung der Eimbecker Vertrag
zustande, ein Werk Grotes, die Grundlage des spteren norddeutschen
Steuervereins. Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen
verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins einen
Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zllen zu bilden. Vorderhand
war alles freilich noch Entwurf. Da die Kstenstaaten sich zusammentaten,
erschien nicht ganz unnatrlich; Motz selbst urteilte mild ber den
Eimbecker Vertrag. Hannover war nun einmal unfrei der englischen
Handelspolitik gegenber; auch bestand damals weit verbreitet und
festgewurzelt die Meinung, da die Volkswirtschaft der Nordseekste von
den preuischen Zustnden sehr weit abweiche -- ein Vorurteil, das erst
nach zwei Jahrzehnten berwunden wurde. Um so mehr mute die Teilnahme des
Binnenlandes Kurhessen befremden. Die Luft ward schwl in dem
unglcklichen Lande. Die Reichenbach befrchtete einen Aufstand; irgend
etwas, stellte sie dem Kurfrsten vor, msse geschehen, um das mihandelte
Volk zu beschwichtigen. Da nun der Kurfrst nicht mit Preuen gehen
wollte, so schlo er den Eimbecker Vertrag, der mindestens an der
hannoverschen Grenze Erleichterungen versprach. --

Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als die Julirevolution
hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten des Mitteldeutschen
Handelsvereins ber den Haufen warf und also dem Verein den letzten Sto
gab.

Motz selber sollte den vollstndigen Sieg seiner Ideen nicht erleben; er
starb, erst vierundfnfzigjhrig, am 30. Juni 1830. Er nahm ins Grab die
feste Zuversicht, da Preuens Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen
nicht mehr verlassen knne; mein eigenes Departement macht mir am
wenigsten Sorge, sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie gnzlich hatte
sich Preuens deutsche Machtstellung verndert in den fnf Jahren, seit
dieser Mann den Staatshaushalt leitete! Die auslndische Presse selbst,
die sonst so gleichgltig an den deutschen Dingen vorberging, fing schon
an aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel, schon die
Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden sie auch bald
entdecken, da sie dieselben politischen Interessen haben, und das wird
ein Sieg sein ber sterreich. Die Edinburgh Review aber sagte mit jener
englischen Bescheidenheit, die sich auch im Lobe nie verleugnet: Die
preuische Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates in der
Welt berlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich dem
Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers. Vor kurzem noch
verhat und gemieden, war Preuen jetzt mit den bekehrten Kernlanden des
Rheinbundes zu einem groen nationalen Zwecke verbndet. Das vor zehn
Jahren von ganz Deutschland bekmpfte preuische Zollgesetz begann bereits
siegreich vorzudringen, und schon lie sich voraussehen, da es seine
Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken wrde. In Berlin, nicht mehr in
Frankfurt und Wien, wurden die groen Geschfte der Nation erledigt.

Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der mit seinen fest und
sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen an die Entstehung des
fridericizianischen Frstenbundes erinnert, nicht blo den Gegenzollverein
nahezu gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner
geschlagen, den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan und vor aller
Welt erwiesen, da sterreich fr die Nte der Nation nur leere Worte
hatte, Preuen die heilende Tat. Nicht eine zufllige Verkettung der
Umstnde fhrte den Sden auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie
einst die Genossen des Frstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich
bildete, war unzerstrbar. Sie entsprang den Lebensbedrfnissen eines
arbeitenden Jahrhunderts, und ber ihren unscheinbaren ersten Anfngen
waltete der freie Geist eines Mannes, der fast allein in mder,
verdrossener Zeit schon hellen Auges die schlummernden Krfte des
germanischen Riesen erkannte, die groe Zukunft des in Wahrheit
verbndeten Deutschlands ahnte.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff.

                            ------------------

   65 Maximilian I., Joseph, Knig von Bayern von 1805-1825, geb. 27. Mai
      1756.

   66 Staat im Staate.

   67 August v. Rntgen, geb. 10. Juni 1781, gest. 5. August 1865, damals
      nassauischer Gesandter in Mnchen.

   68 Wilhelm (gest. 20. August 1839).

   69 Ludwig, seit 13. Oktober 1825 Knig Ludwig I.

   70 Karl Salomon Zachari von Lingenthal, geb. 14. September 1769, gest.
      27. Mrz 1843, Professor der Rechte an der Universitt Heidelberg,
      1825 Mitglied der zweiten badischen Kammer.

   71 Ludwig I., geb. 14. Juni 1753, gest. 6. April 1830.

   72 Preuischer Gesandter am badischen Hofe.

   73 Karl Ludwig Wilhelm v. Grolman, geb. 23. Juli 1775, gest. 14.
      Februar 1829, Professor der Rechte in Gieen, seit 1819 Minister des
      Innern und der Justiz.

   74 Joachim Graf v. Mnch-Bellinghausen, geb. 29. September 1786, gest.
      3. August 1866, von 1823-1848 sterreichischer Bundestagsgesandter.

   75 Friedrich Karl Gustav Freiherr v. Langenau, sterreichischer
      Feldmarschalleutnant, war von 1817-1827 sterreichischer
      Bevollmchtiger bei der Militrkommission der deutschen
      Bundesversammlung.

   76 Philipp Moritz Freiherr v. Schmitz-Grollenburg, geb. 22. Dezember
      1765, gest. 27. November 1849, seit 1821 als wrttembergischer
      Gesandter in Mnchen.

   77 Joseph Ludwig Graf v. Armansperg, geb. 28. Februar 1787, gest. 3.
      April 1853, seit 1826 bayrischer Finanzminister.

   78 So Treitschke. Doch liegt hier eine Verwechslung mit Joseph v.
      Baader vor, der, geb. 30. September 1763, gest. 20. November 1835,
      Ingenieur war und um das Eisenbahnwesen in Bayern sich hoch verdient
      gemacht hat. Sein Bruder Franz v. Baader war in erster Linie
      Philosoph, beschftigte sich aber auch mit technischen und
      naturwissenschaftlichen Studien.

   79 Napoleons Sohn von Marie Louise, der den Titel eines rmischen
      Knigs trug.

   80 Emmerich Joseph Herzog v. Dalberg, geb. 30. Mai 1773, gest. 27.
      April 1833, Pair von Frankreich und franzsischer Gesandter am
      Turiner Hofe.

   81 Karl Friedrich Graf Reinhard, Pair von Frankreich, geb. 2. Oktober
      1761, gest. 25. Dezember 1837, damals franzsischer Gesandter am
      Bundestag.

   82 Als drittes Deutschland bezeichnete man die Mittel- und
      Kleinstaaten als Gegengewicht gegen Preuen und sterreich.

   83 Oldwig v. Natzmer, geb. 18. April 1782, gest. 1. Nov. 1861.

   84 Graf Detlev v. Einsiedel, geb. 12. Oktober 1773, gest. 20. Mrz
      1861, von 1813-1830 als Minister ein Gegner aller Reformen.

   85 Eduard von Wietersheim, geb. 10. September 1787, gest. 16. April
      1865, damals Kreishauptmann in Plauen, von 1840-1848 schsischer
      Kultusminister.

   86 Georg August Ernst v. Manteuffel, geb. 26. Oktober 1765, gest. 8.
      Januar 1842, Prsident des Geh. Finanzkollegiums, seit 1828
      Konferenzminister, in Sachsen verhat wegen seines starren
      Widerstandes gegen jede Reform.

   87 Hans Georg v. Carlowitz, geb. 11. Dezember 1772, gest. 18. Mrz
      1841, von 1821-1827 Knigl. schsischer Bundestagsgesandter.

   88 Christoph Anton Ferdinand v. Carlowitz, geb. 6. Juni 1785, gest. 21.
      Januar 1840.

   89 Christian Wilhelm Schweitzer, geb. 1. November 1781, gest. 26.
      Oktober 1856, anfangs Professor der Rechte an den Universitten
      Wittenberg und Jena, wurde 1818 ins Ministerium berufen als Geheimer
      Staatsrat mit Sitz und Stimme im Ministerium, doch ohne ein
      bestimmtes Departement.

   90 Bernh. Aug. v. Lindenau, geb. 11. Juni 1779, gest. 12. Mai 1854, von
      1827-29 schs. Bundestagsgesandter, darauf Direktor der
      Kommerziendeputation, 1830 Kabinettsminister, von 1831 bis 1843
      Staatsminister. -- Vor seinem Eintritt in den Knigl. schs.
      Staatsdienst war er erst in Sachsen-Gotha-Altenburg ttig, dann nach
      der Teilung als Landschaftsdirektor in S.-Altenburg. Literarisch ist
      er durch Arbeiten auf dem Gebiete der Sternkunde hervorgetreten.

   91 Groherz. hess. Geheimrat und Bundesgesandter fr die XVI. Kurie,
      gest. 6. April 1839.

   92 Ernst Friedr. Herbert Reichsgraf zu Mnster-Ledenburg, geb. 1. Mrz
      1766, gest. 20. Mai 1839, von 1805-1831 Minister fr die
      hannverschen Angelegenheiten am Londoner Hofe.

   93 Aug. Otto Graf Grote, geb. 19. November 1747, gest. 26. Mrz 1830,
      hannov. Gesandter in Hamburg.

   94 Joh. Smidt, geb. 5. November 1773, gest. 7. Mai 1857, anfangs
      Professor der Geschichte am Bremer *Gymnasium illustre*, dann
      Syndikus und Ratsherr, war 1821-1849 u. 1852-1857 Brgermeister.

   95 des bestehenden Zustandes.

   96 nicht darber hinaus.

   97 irgendein Drittes.

   98 Hans Christoph Ernst Freiherr v. Gagern, geb. 25. Januar 1766, gest.
      22. Oktober 1852, politischer Schriftsteller und einige Jahre als
      Gesandter fr Luxemburg beim Deutschen Bunde ttig.

   99 Des satirischen Dichters Gottlieb Wilh. Rabener (geb. 1714, gest.
      1771).

  100 Karl Freiherr v. Varnbler, geb. 12. August 1776, gest. 27. April
      1832, wrttembergischer Finanzminister.

  101 Joh. Friedrich Cotta, Freiherr v. Cottendorf, geb. 27. April 1764,
      seit 1787 Chef der Cottaschen Buchhandlung, vielfltig auch in
      politischen Verhandlungen ttig, gest. 29. Dezember 1832.

  102 Job von Witzleben, geb. 20. Juli 1783, gest. 9. Juli 1837, preu.
      Generalleutnant und als Chef des Militrkabinetts vertrauter
      Ratgeber des Knigs.

  103 Paul Pfizer, geb. 12. September 1801, gest. 30. Juli 1867, forderte
      in dem Briefwechsel zweier Deutschen Trennung sterreichs von
      Deutschland und eine Verzichtleistung der kleinen Frsten auf die
      Rechte der Souvernitt zugunsten Preuens.

  104 d. h. des Rechtes jedes Teils, bei Abschlu von Vertrgen seinen
      Namen in der fr ihn bestimmten Ausfertigung der Vertragsurkunde an
      erster Stelle aufzufhren.

  105 Adolf Trendelenburg, geb. 30. November 1802, gest. 24. Januar 1872,
      Professor der Philosophie an der Universitt Berlin und Mitglied der
      Berliner Akademie der Wissenschaften.

  106 Karl Aug. Varnhagen v. Ense, geb. 21. Februar 1785, gest.
      10. Oktober 1858; erst als Offizier in sterreichischen, nachher in
      russischen Diensten, wurde er 1814 in die preuische Diplomatie
      berufen und nahm als Hardenbergs Begleiter am Wiener Kongre teil.
      Seit 1821 lebte er als Geh. Legationsrat in Berlin, meist
      literarisch ttig, wurde aber auch gelegentlich zu politischen
      Sendungen verwandt.

  107 Julius Traugott v. Knneritz, geb. 1792, gest. 28. Oktober 1866,
      damals Hof- und Justizrat bei der Landesregierung, von 1821-1846
      Justizminister.




7. Der Deutsche Zollverein.



a) _Kurhessens Beitritt._


Nach dem Tode Motzs {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} erhielt sein Freund Maaen, der Begrnder des
Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens. Die Wahl des Knigs konnte
keinen wrdigeren Mann treffen. Maaen berragte den Verstorbenen durch
umfassende Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei den
Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwhnischen kleinen Kronen stets
zu erhalten. Freilich fehlten ihm der khne Wagemut und der weite
staatsmnnische Blick des Vorgngers; er lie die Dinge gern an sich
kommen und hegte nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten
preuischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste Kopf des
Ministeriums klar erkannte, wie gemchlich die Mittelmigkeit in den
anderen Departements sich wieder einzunisten begann {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} So erklrt es sich,
da die mhselige Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig
vorwrts schritt, aber zunchst nicht so schnell gefrdert wurde, wie man
wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die letzten Enklaven
aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt, den Handelsvertrag mit
Bayern-Wrttemberg abgeschlossen, den feindlichen Handelsverein der
Mitteldeutschen nahezu zersprengt hatte.

Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preuischen
Handelspolitik zum Vorteil; sie rumten pltzlich alle die Hemmnisse
hinweg, welche das alte System in den norddeutschen Mittelstaaten dem
Zollverbande entgegenstellte. Durch den Untergang der stndischen Anarchie
in Sachsen, der despotischen Willkr in Hessen war die Verwaltung beider
Lnder den preuischen Institutionen angenhert worden; frher oder spter
mute die Verstndigung erfolgen. In Kurhessen zunchst wurde die
Morschheit des alten Mautwesens offenbar. Nicht zuletzt die
wirtschaftliche Not hatte die Volksbewegungen im Herbst 1830
hervorgerufen. Das Lndchen mit seinen 154 Geviertmeilen besa 154 Meilen
Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh hier der
Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die Schwrzer aus, maen sich
mit den Zollwchtern in offenem Gefechte. Whrend die Kosten der
Zollverwaltung den Ertrag der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann
jetzt auch der ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich
nach der neuen Thringer Strae hinberzog. Als die Unruhen ausbrachen,
verlieen alle Mautbeamten im Hanauischen und Fuldischen ihre Amtshuser;
Massen fremder Waren strmten unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte
Meyerfeld erklrte dem Bundestage, die Regierung drfe nicht wagen, die
Zollmter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff: Die Mauten
knnen leicht fr ganz Deutschland ein Losungswort des Aufruhrs werden.

Doch wie konnte Kurhessen aus dem unertrglichen Notstande heraus? Die
Regierung war zwiefach gebunden: durch den Mitteldeutschen Handelsverein
und durch den Eimbecker Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war
vorderhand noch ein Entwurf, nderte nichts an den Leiden des Landes. Man
schwankte lange; noch im Herbst 1830 widmete Geh. Rat Meisterlin, einer
der Urheber des Eimbecker Vertrags, den Landstnden eine Flugschrift, die
den Eintritt in das preuische Zollsystem verwarf, weil Hessens
Gewerbeflei die Mitwerbung der berlegenen rheinischen Industrie nicht
ertragen knne. Die alte Abneigung des Kurfrsten gegen Preuen war nicht
verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine zweifache Verflichtung
ohne weiteres zu brechen. Er wnschte -- und mit ihm wohl die Mehrzahl im
Lande -- einen Mautverband des gesamten Deutschlands, der die Sonderbnde
von selbst aufgehoben htte. In diesem Sinne mute Meyerfeld bei dem
bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld vertraulich anfragen. Das
Mnchener Kabinett aber kannte jetzt die handelspolitischen Plne wie die
Verhandlungsweise des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an
Lerchenfeld die verstndige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin zu
lenken, da sie in Berlin unter Preuens Leitung erledigt werde.
Gleichwohl konnte der Kurfrst sich noch immer nicht entschlieen, mit dem
verhaten Preuen und dem so grblich beleidigten Darmstdter Vetter
allein zu verhandeln. Noch im folgenden Frhjahr erhielt Meyerfeld den
Auftrag, die Vereinigung smtlicher deutscher Mautverbnde beim Bundestage
zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde Preuen einer solchen
Utopie zustimmen.

Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preuischen Ministers, das
hessische Finanzministerium bernommen. Die Anarchie im Zollwesen ward
unhaltbar; die Kommissre des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten,
konnten sich nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk zu
Schweinsberg bewogen endlich den Kurfrsten, da er die Geheimrte Ries
und Meisterlin im Juni nach Berlin schickte, um mit Preuen-Darmstadt und
Bayern-Wrttemberg zugleich einen Zollverein zu schlieen. Doch
unerbittlich hielt Eichhorn den beiden Bevollmchtigten den alten
preuischen Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren Staaten
zugleich sind aussichtslos. Vergeblich strubte sich der Kurfrst; man
mute sich der Forderung des Berliner Hofes fgen, mit Preuen-Darmstadt
allein verhandeln. In Maaens Auftrag fhrte L. Khne die Unterhandlung.
Der schlicht brgerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie
spterhin in allen Geschften des Zollvereins, als meisterhafter Diplomat.
Klar und bestimmt, mit berlegener Sachkenntnis und ehrlichem Wollen,
entwickelte er seine Vorschlge; wenn ihm aber das trichte Mitrauen der
Kleinen entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen, und er
fertigte alle Winkelzge mit schneidenden Sarkasmen ab. Auf die Frage des
Preuen, ob Kurhessen nicht noch durch die mitteldeutschen Handelsvertrge
gebunden sei, verweigerten die Hessen jede Antwort, weil ihnen das
Gewissen schlug. Man ging also ber diesen wunden Punkt schweigend hinweg.
Die Kurhessen drngten zur Eile; denn sie befrchteten einen neuen
Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo sterreich und England-Hannover
alle Minen springen lieen, und sie wollten, gengstigt durch die nahende
Cholera, den unheimlichen Boden Berlins schleunigst wieder verlassen.
Schon am 29. August 1831 war alles beendigt. Um dem
zollvereinsfreundlichen Knige von Bayern eine Ehre zu erweisen, wurde der
Vertrag auf den Ludwigstag (25. August) zurckdatiert. Kurhessen trat dem
preuischen Zollsystem bei, im wesentlichen unter denselben Bedingungen
wie einst Darmstadt. Der alte Kurfrst lie diese Demtigung noch ber
sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem Sohne abtrat. Vor
sieben Jahren war man in Berlin bereit gewesen, ein erhhtes Einkommen an
Kurhessen zu bewilligen; jetzt hatte das Kurfrstentum seinen
Durchfuhrhandel verloren und durch gehufte Snden jeden Anspruch auf
Begnstigung verscherzt. Hessen mute sich begngen mit dem Mastabe der
Kopfzahl.

Der Vertrag war fr Kurhessen eine politische Notwendigkeit, er rettete
das Land aus namenlosem Elend. Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu
widersprechen. Die mitteldeutschen Verbndeten freilich drohten und
lrmten. Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen seine
Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine Verstndigung mit
den alten Bundesgenossen zu versuchen. Fr Preuen dagegen war ein klarer
Gewinn errungen. Wie die Gotha-Meininger Strae den Verkehr mit dem
Sddeutschen Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte
Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen hergestellt, der
Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten Stelle durchbrochen. Whrend
in Thringen die Zollfreiheit der preuischen Durchfuhrstrae den
mitteldeutschen Verbndeten gefhrlich wurde, mute Kurhessen die hheren
Transitzlle des preuischen Tarifs einfhren. Auf Bayerns dringende
Vorstellungen setzte Preuen diese hessischen Zlle bald auf die Hlfte
herab. Eine noch weitergehende Verminderung war vorderhand untunlich; die
mitteldeutschen Verbndeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute,
sollten fhlen, da sie von Preuen abhingen, und durch heilsamen Druck
bestrkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung.

Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche Handelsverein
vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so schnell nicht los von den
liebgewonnenen Phrasen. In Bayern deklamierte Siebenpfeiffer gegen die
Maut: sie htte zur Volkssache werden sollen und ist zur Volksfeindin
geworden! Stromeyer in Baden schrieb in die gefrchtete Zeitschrift
Rheinbayern einen donnernden Artikel: Die preuische Aristokratenstirne
wagt es, sich an das Nationalgefhl zu wenden! In Preuen herrscht, hrter
als irgendwo auf der Welt, die eiserne Konsequenz des Merkantilsystems;
der Mitteldeutsche Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden
festhalten an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird
Wrttemberg, das ohnedies durch seine hohe politische Bildung dem
konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch das
konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen System sich
anschlieen! -- Auch einer der edelsten und gelehrtesten Vertreter
deutscher Wissenschaft brach eine Lanze fr den sterbenden Sonderbund.
Johann Friedrich Bhmer(108) verfate das wunderliche Bchlein das
Zollwesen in Deutschland geschichtlich beleuchtet. Der Legitimist des
heiligen Reiches stellte den khnen Satz auf, die Zollfreiheit der
deutschen Flsse msse von Recht wegen auch fr die Landstraen gelten. Er
pries den Mitteldeutschen Verein als den letzten Versuch, von dem, was
einstens als gemeines deutsches Recht und Freiheit gegolten, soviel wie
mglich, wenigstens vertragsweise zu sichern. Er schalt Preuen den
Reichsfeind und Landfriedensbrecher, warnte die Kleinstaaten, wie
leicht sich Einverleibungen der Nachbarlnder an Zollangelegenheiten
knpfen, und getrstete sich des schnen Wortes, das vor zwlf Jahren der
k. k. Prsidialgesandte gesprochen: da die hohe Bundesversammlung die
Befrderung und Erfllung des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!

Die schsischen Hfe waren lngst nicht mehr in der Lage, solchen
Schrullen nachzuhngen. Die Not des Haushalts, das laute Murren des Volkes
zwang sie, demtig bittend in Berlin anzuklopfen. Armselige
Advokatenknste muten vorhalten, um den Vertragsbruch zu beschnigen.
Meiningen behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker
Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu Recht. Der Verrat des
einen diente dem anderen zum Vorwande; sobald die kleinen Thringer
schwankten, berief sich das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler
Vertrages, wonach die gnzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile den
Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten. Das sei jetzt Sachsens
Fall, wenn Thringen sich mit Preuen verstndige -- eine offenbare
Sophisterei, da jene Klausel sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte
der schsische Hof ehrenhaft verfahren, so mute er sofort einen neuen
Kongre der mitteldeutschen Verbndeten berufen, dort die Auflsung des
unhaltbaren Vereins beantragen und dann erst mit Preuen unterhandeln.
Aber die alte Politik der Winkelzge, der Halbheit, des Mitrauens gegen
Preuen wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht sogleich
aufgegeben. Die schsische Regierung glaubte, ihre Wnsche in Berlin
sicherer durchsetzen zu knnen, wenn sie an dem Gespenste des
Mitteldeutschen Vereins noch einen Rckhalt htte; sie begann mit Preuen
zu verhandeln, noch bevor sie ihrer lteren Verpflichtung entbunden war.

Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830 bei den sddeutschen
Kronen leise angefragt, mute sich der alte Knig Anton endlich
entschlieen, an den Knig von Preuen selber zu schreiben. Er beteuerte,
da er lngst die Absicht gehabt, mit Preuen in kommerzielle Verbindung
zu treten und somit im Sinne des hochwichtigen und wohlttigen Zwecks zu
handeln, dessen Erreichung von Ew. Majestt bereits seit lngerer Zeit
beabsichtigt wird. Da diese Verhandlung von Preuen begonnen und
eingeleitet werde, scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein.
Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin brachte,
berreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen den Entschlu
aussprach, die Auflsung des Mitteldeutschen Vereins durchzusetzen, da
Veranlassung, Zweck und Grund des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das
Bedrfnis einer bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer
solchen Verhandlung die aufgeregten Gemter am sichersten zu beruhigen,
endlich die Hoffnung, da ein solcher die Mehrzahl der deutschen
Bundesstaaten umfassender Verband auch auf die greren Weltereignisse
einen friedlich besnftigenden Einflu uern knne, ermutigten den
schsischen Hof, die Verhandlungen in Berlin zu beginnen.

Noch klglicher war die Demtigung Weimars. Derselbe Minister Schweitzer
[S. Funote S. 132], der seit Jahren das preuische Zollsystem als den
Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekmpft hatte, versicherte im Juli
1830 dem Auswrtigen Amte: da zur Frderung des von dem Knig von
Preuen begonnenen, in seinen Zwecken und seinen Grnden immer klarer
hervortretenden deutschen Werkes, also zur Frderung eines freien Handels
und Verkehrs im deutschen Vaterlande von Preuen aus, der Groherzog von
Weimar im Einverstndnis mit dem Knigreich Sachsen mit Vergngen die Hand
bieten wird. Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Funote S.
47] die Totenklage des Sonderbundes: Auf hinreichende Zeit zur Ausbildung
des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem die groen welthistorischen
Ereignisse seit dem 25. Juli 1830 und deren Folgen auf deutschem Boden
eine weit schleunigere Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die bel,
welche als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt haben.
Nur Schaden, nur Verderben knnte es bringen, wenn man sich unter solchen
Umstnden noch gegenseitig beschrnken, sich zum Nichtstun verpflichtet
halten wollte in einer Zeit, welche in allen ffentlichen Dingen ganz
andere Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830 genommen und
gebracht haben, lie sich im Jahre 1828 nicht voraussehen, nicht
vorausahnen. Der Kasseler Verein war und bleibt ein bedeutendes
Unternehmen, nicht ohne Folgen. Es wird den Stiftern desselben ein
gerechtes Urteil in der Geschichte um so weniger entgehen, je
bereitwilliger sie jetzt das Gestndnis ablegen und bettigen, da eine
ganz neue Zeit uns gekommen ist.

Friedrich Wilhelm antwortete dem Knig von Sachsen sehr freundlich, er sei
bereit, Sachsens Antrge zu erwgen, und sprach sich zugleich offen aus
ber die nationalen Ziele seiner Handelspolitik: Wiewohl der Abschlu
dieser Vertrge stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man
dennoch dabei nicht ein ausschlieliches Interesse der unmittelbar
Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt, da
die einzelnen Vertrge als Mittel dienen mchten, der Freiheit des
Verkehrs in Deutschland berhaupt eine grere Ausdehnung zu geben. Dem
weimarischen Hofe drckte der Minister des Auswrtigen seine Freude aus,
da unser Werk auch in den Augen Weimars immer klarer als ein deutsches
Werk hervortritt; dann wiederholte er in schneidenden Ausdrcken die
hundertmal von Preuen ausgesprochene Ermahnung: die Thringer sollten
sich erst unter sich verstndigen, bevor Preuen mit ihnen verhandeln
knne.

Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die berzeugung, da
der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen allein zum Ziele fhre. Mit
voller Sicherheit schrieb Bernstorff dem Knig: Die Schpfung eines
allgemeinen deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner anderen
bleibenden Institution hnlicher Natur ist eine Aufgabe, deren Lsung dem
Bunde solange unmglich bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von
der jetzigen ganz verschiedene Organisation besitzt. Seit dem Zerfall des
mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei fr die vollstndige
Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine des Sdens und des
Nordens. Was sollte jetzt noch hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit
des bestehenden Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden
Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst um ihre
Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preuisch-hessischen Vereins sich
von selber darbot als die Regel fr den groen Verein? Und dennoch mute
Preuen wieder und wieder durch den Flugsand waten, der im Wstenwinde der
deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang, von 1830 bis
1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen, eine dreifache Reihe
mhseliger Verhandlungen: mit Bayern- Wrttemberg, mit Sachsen, mit den
thringischen Staaten; und das Geschft wre nie zum Abschlu gelangt,
wenn man nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen mit
den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten htte. Der Vergleich
drngt sich unwillkrlich auf: der Deutsche Zollverein ging aus dem
Preuisch-Hessischen hervor unter hnlichen Kmpfen und Bedenken, wie
spterhin das Deutsche Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein
wie der Norddeutsche Bund stie auf die hchsten Schwierigkeiten erst, als
die greren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten und nicht ganz
unberechtigten Partikularismus, mit der Flle ihrer scheinbar oder
wirklich abweichenden Interessen in die Verhandlungen eintraten. In
Versailles, wie 40 Jahre zuvor in Berlin, gebrdeten sich die sddeutschen
Kronen anfangs, als stnde man vor einem Neubau, als sei noch gar kein
Grundgesetz vorhanden; erst nach langem, peinlichem Zgern erkannten sie
die im Norden bestehende Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde,
lockerte man zugleich das feste Gefge seiner Mauern.

Der Handelsvertrag zwischen Preuen-Hessen und Bayern- Wrttemberg war von
vornherein in der Absicht fortschreitender Erweiterung abgeschlossen. In
Mnchen aber begann die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu
zerren und zu nagen. Ihre Fhrer, Schenk(109), Grres, Ringseis(110),
standen durch den k. k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg im Verkehr; der
Gesandte in Wien, Graf Bray(111), war fr Metternich gewonnen, desgleichen
neuerdings auch der alte Feldmarschall Wrede.(112) Angesichts dieser
mchtigen Gegner und der unberechenbaren Launen Knig Ludwigs hielt
Bernstorff fr ntig, allen Begehren Bayerns soweit als mglich
entgegenzukommen. Der Mnchener Hof wnschte zunchst den Eintritt Badens
in den bayrisch-wrttembergischen Verein; denn das badische Gebiet ragte
als ein trennender Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse
der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der gerhmten Karlsruher
Freihandelspolitik, die fr die Grenzbewachung wenig tat, blhte auf dem
Schwarzwalde wie am Rheinufer ein gefhrlicher Schmuggelhandel. War der
krnkelnde Sddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu gekrftigt,
dann erst sollte -- so rechnete Knig Ludwig -- ber die vllige
Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens und des Sdens verhandelt
werden {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Eine handelspolitische Verstndigung zwischen Bayern und Baden blieb aber
vllig aussichtslos, solange die beiden Hfe einander noch als Feinde
betrachteten und Knig Ludwig seine traumhaften Ansprche auf badisches
Gebiet nicht aufgab. Als Groherzog Ludwig starb und sein Nachfolger
sogleich von allen Mchten anerkannt wurde, da wagte man in Mnchen gar
nicht mehr wie frher zu behaupten, da mit der Thronbesteigung der
Hochbergischen Linie das Haus der Zhringer ausgestorben sei. Der
Wittelsbacher trug seine vorgeblichen Ansprche auf den Heimfall der
badischen Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran,
mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu beweisen, da
Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei.

Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem Geheimnis zu Berlin und
bat um Preuens gute Dienste. Knig Friedrich Wilhelm bernahm die
Vermittlung, im Verein mit dem Knig von Wrttemberg, und lie den
badischen Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den
leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum Eintritt in den
Bayrisch-Wrttembergischen Zollverein zu bewegen. Am 10. Juli brachte
Bernstorffs vershnliches Zureden endlich eine bereinkunft zustande,
kraft deren Baden dem sddeutschen Verein beizutreten versprach; dafr
wollten beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprche verzichten. Um Bayern
gnzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein geringfgiger
Gebietsaustausch irgendwo an der badischen Ostgrenze vorbehalten. Damit
schien der jmmerliche Handel aus der Welt geschafft. Metternich sprach
bereits allen Teilnehmern seinen Glckwunsch aus, und Knig Ludwig dankte
dem preuischen Minister aufs wrmste {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Sobald man jedoch ber die Ausfhrung der bereinkunft verhandelte,
verlangte Bayern einen Zuwachs von etwa 20000 Einwohnern und setzte erst
nach langem Feilschen seine Forderung ein wenig herab; das schne Wertheim
vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem romantischen
Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der Karlsruher Hof wies jede
grere Gebietsabtretung entschieden zurck und verschanzte sich hinter
der gesinnungstchtigen Entrstung seines Volkes. Die Stadt Wertheim
selbst hatte freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die
Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien behandelten; auch
der Frst Georg von Lwenstein, der dort Hof hielt, wollte sich als treuer
deutscher Patriot den Herrschaftswechsel wohl gefallen lassen, wenn
dadurch nur endlich das Elend der Binnenmauten aufgehoben wrde. Anders
empfand die groe Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von dem Musterlande
der konstitutionellen Freiheit nicht eine Geviertmeile aufzuopfern, und
ihr Entschlu stand um so fester, da sie auch den Zollvereinsplnen
mitraute. Der Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden
nach Sden und konnte durch den Anschlu an Bayern-Wrttemberg wenig
gewinnen. Man bersah oder wollte bersehen, da dieser Anschlu nur das
Mittel bilden sollte zur spteren Vereinigung mit Preuen; unleugbar war
der bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke
verstanden zu werden.

berall in Baden sprach man begeistert von einem gesamtdeutschen
Zollverbande; denn soviel Boden hatte die Idee der deutschen
Handelseinheit durch Preuens Siege doch gewonnen, da niemand mehr sie
schlechthin zu verwerfen wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale
das schne Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein
Schurzfell, um die Ble ihrer partikularistischen Selbstsucht zu
bedecken. Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen
Handelsfreiheit -- auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit Stolz sah der
Badener -- so sagte eine Flugschrift des Rastatter Kaufmanns F. Meyer ber
die Zollverhltnisse Badens -- wie die Nachbarn aus dem Elsa, aus
Schwaben, aus der Rheinpfalz in das wohlfeile, gastfreie Lndle kamen,
um dann ihre billigen Einkufe ber die heimatliche Grenze
hinberzuschmuggeln. Nimmermehr sollte diese gemtliche Unordnung durch
eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt werden. Der Freiburger
Handelsstand stellte dem Landtage vor: ein Zollverein wird rechtliche,
sittlich gute Menschen in eine Rotte von Zllnern, Schmugglern, Spionen
und Gaunern verwandeln -- wobei nur verschwiegen ward, da die groe
Mehrzahl der badischen Geschfte, zumal die Kolonialwarenhandlungen, dem
Schleichhandel lngst als Herbergen dienten. Noch krftiger sprach das
Straburger Konstitutionelle Deutschland: Maut, Maut, preuische Maut
erhalten wir. Unglckliches Vaterland! Im Geheimen, im Dunkel der Nacht
wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer von 1831! Als Groherzog Leopold
sein Oberland bereiste, wurde er berall dringend gewarnt, und
Winter(113), der in Fragen der groen Politik immer ratlos war, wagte
nicht, einer scheinbar so starken Volksberzeugung zu widersprechen.

So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre dahin. Die beiden
vermittelnden Hfe boten alle ihre Beredsamkeit auf. Der Berliner sprach
sanft, der Stuttgarter schroff: denn Knig Wilhelm sah sein Land
unmittelbar unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher
Hofe geradezu: Bayern und Wrttemberg wrden dem bisherigen ganz
feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich ein jedes Mittel
entgegensetzen, um nicht mitten in unserem Verein das System einer
Regierung zu sehen, das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in
unserer so bedenklichen Zeit stiftet. Ebenso vergeblich schrieb Knig
Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den Groherzog:
durch meine letzten Vorschlge habe ich das uerste getan, um die
Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung zu bringen, von und groem Wert
ist mir die von Ew. K. Hoheit ausgedrckte Willfhrigkeit, damit sie und
Beitritt zum Zollverein stattfinde, berzeugt, da fester Wille beides bei
Ihren Stnden durchsetzen werde. An diesem festen Willen gebrach es dem
badischen Hofe gnzlich. Die Minister verteidigten den Zutritt zum
Sddeutschen Zollverein sehr lau; Welcker(114) tobte mit gewohnter
Wortflle gegen die absolute preuische Krone, Rotteck(115) untersttzte
ihn etwas ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem
Musterlandtage wenig zur Ehre; ber die volkswirtschaftliche Bedeutung der
Frage wuten nur einzelne groe Geschftsmnner ein treffendes Wort zu
sagen, so der liberale Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshndler
v. Lotzbeck aus Lahr. Selbst der liberale E. E. Hoffmann, der aus
Darmstadt herberkam, um den badischen Parteifanatikern Vernunft zu
predigen, richtete nichts aus. Schlielich einigte sich der Landtag ber
eines jener unwahren Kompromisse, wie sie der Partikularismus liebt, wenn
er nichts mehr zu sagen wei. Beide Kammern verwarfen einstimmig den
Eintritt in den Sddeutschen Verein und gaben der Regierung Vollmacht,
ber einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln (November 1831). Dabei
konnte sich jeder das Seine denken, denn an die Mglichkeit eines
Zollvereins mit sterreich, Hannover und Holstein glaubte eigentlich
niemand mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung wurde durch
die zweite Kammer verworfen, einstimmig, unter brausenden Hochrufen auf
den Groherzog.

Dem gefeierten Frsten ward bei dieser Begeisterung seiner getreuen
Opposition sehr schwl zu Mute. In einem flehentlichen Briefe wendete er
sich abermals hilfesuchend an Bernstorff {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} , und wirklich unterzog sich
der geduldige preuische Minister noch einmal den undankbaren Mhen der
Vermittlung. Knig Ludwig aber empfand jenen Beschlu des badischen
Landtages als eine persnliche Beleidigung; er hielt es fr schmachvoll,
eine Forderung, die schon soviel Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede
Entschdigung fallen zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt
jeder Zuspruch verschwendet. Auch der Knig von Wrttemberg lie nach
einiger Zeit in schnden Worten erklren, da er mit dem unbelehrbaren
badischen Hofe nichts mehr zu schaffen haben wolle. In Berlin urteilte man
milder, doch die erneuten Verhandlungen blieben fruchtlos. Der knigliche
Dichter in Mnchen hinterlie die imaginren Sponheimer Ansprche seinen
Nachfolgern als ein heiliges Vermchtnis, untertnigen Historikern als
einen kstlichen Stoff fr bajuvarische Grosprechereien. Also ward Baden,
frherhin immer ein wackerer Vorkmpfer der deutschen Handelseinheit,
teils durch die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame
diplomatische Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedrngt und von den
entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik mehrere Jahre hindurch
ausgeschlossen.



b) _Beitritt des Sddeutschen Zollvereins._


Nach alledem war eine Verstndigung zwischen Bayern und Baden vorlufig
undenkbar. Der deutschen Handelseinheit aber kam jener ablehnende Beschlu
der badischen Kammern seltsamerweise zu gute. Der knstliche Gedanke,
zunchst den sddeutschen Verein zu vergrern und dann erst die
Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt. Die
oberdeutschen Knigshfe, auerstande, ihren unergiebigen Sonderbund
aufrecht zu halten, sahen sich gentigt, statt des Notbehelfs sogleich das
durchschlagende Mittel zu whlen; sie stellten jetzt bei dem preuischen
Kabinett den Antrag auf vllige Vereinigung. Im Dezember 1831 wurden die
Verhandlungen in Berlin erffnet. Doch sofort ergab sich eine Flle
gewichtiger Bedenken. Preuen hatte schon durch die Aufnahme der beiden
Hessen ein fhlbares finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zlle,
der um 1829 gegen 25,3 Sgr. fr den Kopf der Bevlkerung abwarf, begann
bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen Lande, die von
Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten als die beiden Hessen, zu den
gleichen Bedingungen aufnehmen? Die Finanzpartei in Berlin frchtete
schwere Verluste, wie denn in der Tat Preuen im Durchschnitt der Jahre
1834-1839 nur 22 Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie verlangte entschieden
ein Prcipuum zugunsten Preuens; ein Ausfall in den Einnahmen schien
hochbedenklich in so unruhiger Zeit. Die bayrisch-wrttembergischen
Finanzmnner dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, da die Konsumtion
im Sden strker sei als in Preuen; sie meinten schon seltene Gromut zu
zeigen, wenn sie auch nur die Verteilung nach der Kopfzahl zugestnden.

Die Einfhrung der preuischen Konsumtionssteuern war in Hessen ohne
Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah sich auerstande, seine Malzsteuer
abzundern. Whrend Preuen kaum 1,3 Millionen Taler, 3 Sgr. auf den Kopf,
durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern allein in seinem
rechtsrheinischen Gebiete 5 Millionen Gulden, 21 Sgr. auf den Kopf, und
aus diesem Ertrage mute nach der Verfassung die Staatsschuld verzinst
werden. Unmglich konnte Preuen seine Biersteuer zu der gleichen Hhe
hinaufschrauben. Der angestammte Durst lie sich ebenso wenig in den
Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der bayrischen Brauer, die
jenen reichen Steuerertrag erst ermglichten, aber den Grundstzen der
preuischen Gewerbefreiheit widersprachen. Da die gleichmige Besteuerung
der inlndischen Konsumtion mithin unausfhrbar blieb, so bestand die
preuische Finanzpartei hartnckig auf der Einfhrung von
Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung, da jede
Zollgemeinschaft die annhernde Gleichheit der indirekten Steuern
voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine der leitenden Ideen der
preuischen Handelspolitik. Die Berliner Finanzmnner hatten sich so tief
in diesen Gedanken eingelebt, da sie ihn alsbald mit fiskalischer Hrte
auf die Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich
durch Preuens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze geblieben; sie
belstigten den Verkehr und brachten geringen Ertrag, auch nachdem sie
spterhin die rein fiskalische Gestalt der bergangsabgaben annahmen.

Irrte Preuen in dieser Frage, so erhoben auch die Sdstaaten hchst
unbillige Ansprche. Sie verlangten anfangs eine vllige Umgestaltung des
Tarifs und fanden namentlich die preuischen Zlle auf Baumwollenwaren
unertrglich hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien
besaen. Und doch konnte Preuen nicht nachgeben. Sachsens Eintritt stand
bevor, die preuische Industrie klagte laut ber die drohende Mitwerbung
des Erzgebirges; in solcher Stunde die Zlle herabzusetzen, schien selbst
dem Freihndler Maaen nicht ratsam. Auch die von Wrttemberg geforderte
Herabsetzung der Zuckerzlle ging nicht durch; die Interessen der mchtig
aufblhenden Magdeburgischen Rbenzuckerindustrie durften nicht
preisgegeben werden. Desgleichen die gefrchteten preuischen Transitzlle
blieben noch unentbehrlich als ein sanfter Wink fr die Nachbarn.
berhaupt war die Lage des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs
keineswegs gnstig; Preuens Staatsmnner ahnten, da die sddeutschen
Hfe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzllnerischem
Eifer auf die Erhhung der Zlle dringen wrden. Lebhafter noch als dieser
staatswirtschaftliche Kampf entbrannte der staatsrechtliche Streit, wie
man in Mnchen zu sagen pflegte. Die verstndige Bestimmung der
preuisch-hessischen Vertrge, wonach Preuen in der Regel allein die
Handelsvertrge fr den Zollverein schlieen sollte, galt dem bayrischen
und dem wrttembergischen Hofe als eine schimpfliche Unterwerfung; sie
forderten unbedingte Gleichheit in allem und jedem.

So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen, konnte nur
erprobter staatsmnnischer Kraft gelingen. Die oberdeutschen Hfe aber
hatten, tricht genug, zwei junge Subalternbeamte fr diese schwierige
Mission bevollmchtigt, vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis
sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhndlern
der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet; eine
Persnlichkeit wie dieser wrttembergische Bevollmchtigte, der Assessor
Moritz Mohl(116), war ihm noch nicht vorgekommen. Die Diplomatie in Berlin
konnte nicht genug ihre Verwunderung aussprechen ber den ungestmen Mann
mit der roten Perrcke und den vollgepfropften Aktenmappen: welch eine
weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem theoretischem
Streite, welche Flle unverdauter Gelehrsamkeit, welch ein hartnckiges
Mitrauen gegen Preuen! Der frhreife schwbische Staatsweise entfaltete
bereits alle jene Talente, die noch 40 Jahre spter den deutschen
Reichstag bezaubern sollten; L. Khne nannte ihn einen eingebildeten
Narren, der den Bren des Nordlands seine kindische konstitutionelle
Weisheit zu predigen dachte. Als Mohl dem einzigen Kstenstaate des
Zollvereins die Abschlieung von Schiffahrtsvertrgen verbieten wollte, da
erwiderte der Preue: dann werden wir also einen unserer Ostseehfen an
Wrttemberg abtreten mssen, um die Gleichheit zwischen den Zollgenossen
herzustellen! Mit einem solchen Kollegen behaftet, konnte auch der
bayrische Assessor Bever nichts frdern. Die hochstehenden preuischen
Staatsmnner fanden es bald unertrglich, mit Subalternen zu verhandeln,
die bei jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil begann
auch wieder der alte Streit der Berliner Departements: Khne und Eichhorn,
die doch beide das nmliche wollten, betrachteten einander mit
gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten sich die Verhandlungen mit dem
befreundeten Sden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im Mai
1832 brach man sie ab.

Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift und bewies, da der
Zollverein mit Preuen den sicheren Untergang Wrttembergs herbeifhren
msse. Ein Menschenalter darauf hat Freiherr v. Varnbler dies klassische
Aktenstck der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick des
Volksmannes zu zeigen. Knig Wilhelm wnschte nach wie vor den Abschlu,
selbst Wangenheim hatte einiges gelernt, mahnte aus der Ferne zur
Verstndigung. Doch die groe Mehrheit im Lande widerstrebte. Die
Fabrikanten, die bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes groen
Gewinn gezogen, frchteten die Industrie des Niederrheins, die
Bequemlichkeit des mchtigen Schreiberstandes zitterte vor der strengen
preuischen Kontrolle, der gesinnungstchtige Liberale schlug ein Kreuz
vor dem Schreckbilde des norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes
Jahr brauchten die sddeutschen Hfe, um sich einen neuen Entschlu zu
bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie sterreichs und der auswrtigen
Mchte ihr verdecktes Spiel an den Hfen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang
stand die groe Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle
Zollvereinsgedanken vorlufig aufzugeben -- sagte der bayrische Minister
Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg --, Preuen stellt unerhrte
Forderungen, verlangt von uns materielle Opfer und die Beschrnkung der
Souvernitt, Kurhessen bereut schon den bereilten Anschlu! Zudem
bestand wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden Knigreiche;
ein Glck nur, da Schmitz-Grollenburg, der wrttembergische Gesandte in
Mnchen, das Vertrauen Knig Ludwigs besa und die Fden nicht gnzlich
abreien lie.

So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte sich endlich Knig
Ludwig auf und lie am Silvesterabend eine derbe Note an
Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Sddeutsche Verein sei tatschlich
aufgelst, die Wiederaufnahme der preuischen Verhandlungen schlechthin
unvermeidlich. Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung: wolle
man zu Ende gelangen, so msse statt unbrauchbarer Subalternen ein fhiger
hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen in Berlin fhren. Der Rat
wirkte. Zu Ende Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v. Mieg
als gemeinsamer Bevollmchtigter der beiden Kronen nach Berlin gesendet:
ein Jugendfreund Knig Ludwigs {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}, ein trefflicher Beamter von groer
Sachkenntnis und seltener Arbeitskraft, die der Knig nach seiner Weise
bis auf den letzten Tropfen ausprete -- in der Handelspolitik sehr frei
gesinnt, dabei gtig und liebenswrdig, hochgebildet, von feinen
gewinnenden Formen. Er vermied ber Stuttgart zu reisen, weil er der
pedantischen Schwerflligkeit der wrttembergischen Schreiber mitraute,
sprach aber unterwegs in Dresden ein, verstndigte sich mit den
schsischen Finanzmnnern und erschien am 6. Februar in der preuischen
Hauptstadt. Eichhorn und Maaen kamen ihm herzlich entgegen; es bewhrte
sich wieder {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Preuens seltenes Talent, fremde Staatsmnner in Berlin zu
gewinnen. Noch boten sich der Bedenken viele; allein da Preuen auf
seinen erprobten Tarif, seine festbegrndete Zollverwaltung verweisen
konnte, so blieb nur brig, die im Norden bestehende Ordnung mit einigen
nderungen anzunehmen. Preuen verzichtete auf jedes Prcipuum {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die
Einnahmen wurden nach der Kopfzahl verteilt; nur fr die
Schiffahrtsabgaben auf der Oder und Weichsel, die ja gar nicht zur
Zollgemeinschaft gehrten, bezog Preuen eine Bauschsumme. Auch der
teuerste Herzenswunsch des bayrischen Gromachtsbewutseins fand
Erfllung: jeder Staat erhielt das Recht, Handelsvertrge zu schlieen,
lediglich die Vertrge mit dem russischen Polen blieben dem preuischen
Staate vorbehalten. Zum Entgelt fr so groe Zugestndnisse wagte Mieg, in
einem Punkte seine Instruktionen zu berschreiten: er bewilligte, da die
preuische Zollverwaltung des rascheren bergangs halber sofort im Sden
provisorisch eingefhrt wrde, noch bevor die Zollgemeinschaft in Kraft
trat.

Am 4. Mrz wurden die hessischen Bevollmchtigten zur ersten
Plenarversammlung gerufen, am 22. kam der Vertrag zustande: die
verbndeten Staaten, in fortgesetzter Frsorge fr die Befrderung der
Freiheit des Handels zwischen ihren Staaten und hierdurch zugleich in
Deutschland berhaupt, bilden einen Gesamtverein, der am 1. Januar 1834
fr acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im wesentlichen
den hessischen Vertrgen, nur da die Selbstndigkeit der Bundesgenossen
erheblich verstrkt wurde. Fr jede nderung der Zollgesetze wurde
Einstimmigkeit der Verbndeten gefordert. Das schlimmste Gebrechen des
Vereins lag weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der
Machtverhltnisse. Durch den Zutritt mehrerer grerer Staaten mit
gleichem Stimmrecht wurde die freie Ttigkeit der preuifchen
Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die neuen Rechte dagegen, die man
den Zutretenden einrumte, schienen bedenklicher als sie waren {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die
Befugnis, Handelsvertrge zu schlieen, dies von Bayern mit so
leidenschaftlichem Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses
Spielzeug {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Preuen allein galt im Auslande als Haupt und Vertreter des
Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen Handelsvertrge durch
Preuen im Namen des Vereins abgeschlossen worden. Auch die Kontrolle ward
ermigt, auf Bayerns Andringen. Die Verbndeten sendeten blo
Vereinsbevollmchtigte zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den
Hauptzollmtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation des
Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen wenig; denn
im Grunde war der Verein auch bisher nur durch wechselseitiges Vertrauen
und die Macht der Interessen zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen
gelobten einander unbeschrnkte Offenheit in der Zollverwaltung, und sie
haben ihr Wort redlich gehalten {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Da Bayern und Wrttemberg noch immer ihre trichte Sorge vor finanziellen
Verlusten nicht aufgaben, so wurde in einem geheimen Artikel den
Verbndeten das Recht vorbehalten, den Verein vor der Zeit zu kndigen,
falls ihre Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen
Rohertrags aufwiesen. Maaen unterschrieb getrosten Mutes; er wute, da
der Vertrag ein Lwenvertrag war zugunsten des Sdens, und der Erfolg
sollte seine Erwartungen noch weit bertreffen. In den Jahren von 1834 bis
1845 hat der Norden an Bayern 22,29 Millionen Taler, an Wrttemberg
10,3 Millionen herausgezahlt, in dem Zeitraum von 1854-1865 empfing Bayern
vom Norden 34 Millionen. Whrend der zwei ersten Jahrzehnte des
Zollvereins haben bei der Abrechnung regelmig nur Preuen, Sachsen,
Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle anderen Staaten gewannen.
Allerdings geben jene groen Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein
Teil der fr das Binnenland bestimmten Einfuhr in den Hfen und
Speditionspltzen des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt der
unverhltnismige Gewinn des Sdens aus der Tatsache, da die
Verwaltungskosten in Bayern schon whrend des ersten Jahres von 44 auf 16,
spter auf nahezu 10 Proz. sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort
auf das Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fnffache stieg.

Um auch den leisesten Anschein preuischer Hegemonie zu vermeiden, wurde
verabredet, da die alljhrlichen Konferenzen der
Zollvereinsbevollmchtigten nicht mehr, wie im preuisch-hessischen
Verein, regelmig zu Berlin sich versammeln sollten; sie wanderten
fortan, nach dem Belieben der Verbndeten, von Ort zu Ort, der erste
Zusammentritt fand in Mnchen statt. Streitigkeiten wollte man der
Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch einstimmigen
Beschlu fr jeden einzelnen Fall zu ernennen war. Doch ist ein solcher
Schiedsspruch niemals angerufen worden -- nicht weil die Eintracht
ungetrbt bestanden htte, sondern weil der Dnkel der Kleinstaaten den
freiwilligen Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde
Gewalt regelmig vorzog. Da Bayern seine Biersteuer behielt, war
unvermeidlich. Man begngte sich daher, ein Maximum fr die
Konsumtionssteuern festzusetzen und die allmhliche Annherung der
Steuersysteme in Aussicht zu stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das
*liberum veto* [Einspruchsrecht] und das Kndigungsrecht fr Preuen
ebenso unentbehrlich wie fr die Kleinstaaten, als ein letztes
verzweifeltes Mittel, um dem schwerflligen Krper einen Entschlu zu
entreien. Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte den
preuischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden Nachsicht
fr die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten bestimmen. Mit
berlegener Geduld erwartete Eichhorn, da aus den fast lcherlichen
Formen dieses lockeren Vereins doch eine unlsbare Gemeinschaft der
Interessen emporwachsen msse.

Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, da der so beraus vorteilhafte
Vertrag ihm die Verzeihung fr sein eigenmchtiges Vorgehen verbrge. Er
tuschte sich schwer. Knig Ludwig konnte selbstndigen Willen nicht
ertragen, empfing den Freund mit bitteren Vorwrfen; da die preuische
Zollordnung sofort provisorisch eingefhrt werden sollte, schien ihm eine
Entwrdigung der bayrischen Krone. Der Minister wollte, tief verletzt,
sein gegebenes Wort nicht zurcknehmen; er forderte und erhielt seine
Entlassung {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Nunmehr nahm der Knig die Akten an sich, und lange blieb das
Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger, Lerchenfeld,
erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen, die Notwendigkeit des
Abschlusses, doch rckte er nicht recht mit der Sprache heraus. Frst
ttingen-Wallerstein(117) vollends, der vielgewandte liberalisierende
Minister, bewies in ausfhrlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne
sterreich, die preuische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preuische
Gesandte hielt schon alles fr verloren und schrieb verzweifelnd: nur
Eichhorn selber knne noch retten. Darauf eilte Eichhorn sofort nach
Mnchen (Juli 1833), gewhrte noch das letzte Zugestndnis, gab zu, da
kein Provisorium stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit
brachte in wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Knigs gute
Natur wieder durch; er wnschte sich Glck zu der Wiederkehr der
friderizianischen Tage, lie eine Denkmnze prgen auf das Gelingen seines
eigensten Werkes und sagte zu dem Nassauer Rntgen: sterreich ist ein
abgeschlossener Staat, mit dem wir wohl Handelsvertrge, doch keinen
Zollverein schlieen knnen; Preuen ist ein Blitz, der mitten durch
Deutschland hindurchfhrt.

Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der Kampf mit dem
wrttembergischen Landtage. Die schwbischen und badischen Liberalen
hatten sich zu Anfang des Jahres in Pforzheim versammelt und dort
beschlossen, dem vordringenden preuischen Absolutismus mannhaft zu
widerstehen. Die Schutzzllner beweinten den nahen Untergang der
schwbischen Industrie; die Partikularsten bewiesen, da Wrttembergs
Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach dem Norden fhrten;
manche pessimistische Radikale gnnten dem verhaten Ministerium nicht ein
Verdienst, das der Regierung allein gebhrte, sie wnschten noch weniger,
da ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt werde.
Die gemtlichen Leute wollten die geforderten Opfer nur einem
gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst den gemigten Liberalen schien es
hochbedenklich, einer absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den
wrttembergischen Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern nur zu
einer Erklrung ber den Vertrag, nicht zu frmlicher Genehmigung
aufgefordert. Der Landtag empfand bitter seine Ohnmacht. Knig Wilhelm
setzte seinen Stolz darein, das Werk hinauszufhren; kein Zweifel, er
htte auch ohne die Zustimmung der getreuen Stnde den Vertrag vollzogen
und also den leeren Schein der schwbischen Verfassungsherrlichkeit vor
aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst Paul Pfizer, der Bewunderer
Preuens, sich nicht zur Genehmigung entschlieen; wenn er zustimmte, so
verlor er jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische
Wirksamkeit in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch war der
sddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November, genehmigte der
Landtag den Vertrag nach harten Kmpfen. Nur einzelne waren berzeugt {~HORIZONTAL ELLIPSIS~},
die Mehrzahl gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Fhrer der
Liberalen, Pfizer, Uhland(118), Rmer(119), stimmten dawider. Es war ein
vollstndiger Triumph des geschftskundigen Beamtentums ber den
schwrmenden Liberalismus.

Neue unerquickliche Hndel folgten, da nun das preuische Zollwesen durch
eine gemeinsame Vollziehungskommission im Sden eingefhrt wurde. Wie oft
mute der preuische Kommissr L. Khne von den gemtlichen bayrischen
Beamten bittere Klagen hren ber diese verwnschte Berliner Strammheit;
er bestand darauf, da in den Grenzbezirken, wo offenkundiger Schmuggel
blhte, drei Monate lang eine strenge Binnenkontrolle grndlich aufrumte.
Die unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht nicht
den bergang zur preuischen Freiheit {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Doch der wesentliche Inhalt des
Vertrags wurde redlich ausgefhrt. Seit in Mnchen ein neuer Zolldirektor,
der verdiente Knorr, ernannt war, arbeitete die Zollverwaltung fest und
pnktlich. Jeder neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhnger
im Sden; die besseren Kpfe des Liberalismus gestanden beschmt ihren
Irrtum {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}



c) _Anschlu von Sachsen und Thringen._


                       _ Die Neujahrsnacht 1834. _


Gleichzeitig mit Bayern und Wrttemberg unterhandelte Sachsen in Berlin.
Es geschah, wie Motz vorhergesehen: keine der Zollvereinsverhandlungen hat
den preuischen Staatsmnnern schwerere berwindung gekostet. Gewi trat
mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht. Das Erzgebirge
erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit seiner alten Kornkammer, den
Muldenniederungen in der Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfgung
ber seine wichtigsten Handelsstraen; Macht und Bedeutung des Zollvereins
stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabriklnder und der grte
Meplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl war der unmittelbare Vorteil fast
ausschlielich auf Sachsens Seite; in Preuen erhoben sich ernste
staatswirtschaftliche und finanzielle Bedenken. Preuen gewann in Sachsen
nur einen kleinen Markt, der berdies durch seinen eigenen Gewerbeflei
schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und demnach der
Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als in irgendeinem anderen
Industriebezirke, so frchteten die preuischen Fabriken, vornehmlich die
Webereien und Druckereien in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der
schsischen Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das
Finanzministerium mit Warnungen bestrmt; am Niederrhein rief die erste
Nachricht von dem Beginn der preuisch- schsischen Verhandlungen weithin
im Lande eine starke Aufregung hervor. Die Frage, wie ein groer Meplatz
einem Zollsystem sich einfgen lasse, galt noch allgemein als ein fast
unlsbares Problem; sie war bei den Verhandlungen mit Bayern-Wrttemberg
oft errtert und endlich zur Seite geschoben worden, da man an der
Verstndigung verzweifelte.

An der schsisch-bhmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer Schmuggel
festgenistet; das Volk nahm den elenden Zustand hin wie eine
Notwendigkeit, ja wie einen Segen. Selbst Lindenau wagte nach dem Abschlu
des Zollvereins im Gesprch mit Blittersdorff nur die schchtern
zweifelnde Bemerkung: da der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhren wird,
ist wohl schwerlich ein Unglck. Die hochherzige Gesinnung des neuen
Mitregenten, des Prinzen Friedrich August, wurde in Berlin ebenso
bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht der trefflichen Mnner, die er in
sein Kabinett berufen. Doch ein volles Jahr verflo, bis die Ordnung in
dem aufgeregten Lndchen sich wieder befestigte; Maaen fragte besorgt, ob
eine Regierung, die den schwchlichen Auflufen in Leipzig und Dresden so
wenig nachhaltigen Widerstand entgegengestellt, auch den festen Mut
besitzen werde, die Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn
nicht der Gang der Verhandlungen, da die neue Regierung das alte
kleinliche Mitrauen gegen Preuen nicht gnzlich ber Bord geworfen
hatte? Man kam in Berlin nicht los von dem Argwohn, Sachsen wrde einen
Zollverein mit sterreich vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr bte als
leere Redensarten. Wenn Knig Friedrich Wilhelm keinen deutschen Staat
locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten diesen schsischen
Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen Vereins eine so bsartige
Gehssigkeit zur Schau getragen hatte. Der preuische Konsul Baumgrtner
empfing einen herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift ber
die Notwendigkeit eines schsisch-preuischen Zollbundes schrieb und in
Sachsen verbreitete.

Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die schsische Regierung in
Umwegen und Knsteleien, nach der alten Gewohnheit der Mittelstaaten. Sie
fragte in Stuttgart und Mnchen an, ob Sachsen nicht dem Sddeutschen
Verein beitreten knne. Ihr Berliner Geschftstrger Knneritz richtete an
Ancillon die Bitte: Preuen mge sofort seinen Tarif zu Sachsens Gunsten
herabsetzen, da die Verhandlungen ber den unmittelbaren Anschlu
vorderhand noch ausgesetzt werden mten. Maaen aber antwortete
(15. September 1830): ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem
gegenseitig erleichterten Handelsverkehr knnen wir bei der Ordnung
unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Rcksicht nehmen.

Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen, was sich mit
Hnden greifen lie: da Sachsens Gewerbeflei ohne Preuens Freundschaft
untergehen mute; nahm doch die gesamte berseeische Ausfuhr des Landes
ihren Weg durch Preuen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr der rohen
Baumwolle. Leider war nur ein Teil der Fabrikanten im Gebirge dem Anschlu
gnstig, das Landvolk und vornehmlich Leipzig wehklagten ber das
hereinbrechende Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und
einsichtige Handelsstand der wackeren Pleiestadt, ganz wie spterhin die
Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen, Hamburg, die unliebsame Wahrheit
erhrtet, da der Interessent fast niemals sachverstndig ist. Auch der
groe Kaufherr wird zum Krmer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald er
seinen unmittelbaren Vorteil bedroht whnt; stolz auf seine persnliche
Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmaung, eine Beleidigung,
wenn die Mnner des grnen Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten
Geschftsformen zu ndern, und will nicht zugestehen, da ber groe
handelspolitische Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung des
Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des Staatsmannes zu
entscheiden hat. Trotz alledem entschlo sich die Regierung gegen
Jahresschlu zu jener ersten Anfrage in Berlin. Das Ministerium des
Auswrtigen antwortete (24. Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen
sehr gro, die Interessen beraus verschieden; dennoch ist die Aufgabe so
gemeinntzig und deutscher Regierungen, welche neben der Sorge fr ihre
Untertanen zugleich die Befrderung des Wohls von ganz Deutschland im Auge
haben, so entschieden wrdig, da wir den Versuch wagen wollen. Die
oberdeutschen Knige, von allem unterrichtet, berlieen die Verhandlungen
vertrauensvoll dem preuischen Hofe; die berlegenheit der schsischen
Industrie, meinte Armansperg zuversichtlich, ist in einem groen Verein
wenig zu frchten, auch die schwierige Grenzbewachung mu sich durchfhren
lassen, so man ernstlich will.

Im Mrz 1831 kam der schsische Finanzminister v. Zeschau(120) nach Berlin
-- neben dem Bayern Mieg, dem Hessen Hofmann und dem Badener Boeckh(121)
sicherlich der fhigste unter allen den Finanzmnnern, mit denen Preuen
zu verhandeln hatte -- ttig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter,
schweigsam und bedchtig, noch von seiner preuischen Dienstzeit her mit
L. Khne wohl bekannt. Die in Dresden gewnschte nderung des gesamten
Tarifs gab er bald auf, gleichwohl ward er mit Maaen nicht handelseinig.
Erschreckt durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte Preuen
provisorische Schutzzlle zugunsten einiger Fabrikwaren einfhren, damit
die Industrie Zeit behielte, sich auf die Konkurrenz des Erzgebirges zu
rsten. Zugleich verlangte man Entschdigung fr den drohenden starken
Verlust an Durchfuhrzllen. Khne selbst fand diese Forderungen zu hart;
aus dem Magdeburgischen gebrtig, betrachtete er die Kursachsen halb als
seine Landsleute und hielt dem Minister vor: nach der Teilung Sachsens sei
Preuen schon ehrenhalber verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu
zeigen. Als Maaen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte, erhob sich
sofort ein neues Hemmnis: die Mefrage. Frankfurt an der Oder hatte bisher
fr seine Messen einen Zollrabatt genossen, der erst vor kurzem auf
20 Proz. herabgesetzt war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte
Preuen seinen schwer bedrohten kleinen Meplatz nicht ungnstiger stellen
als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen sagte den unfehlbaren
Verfall ihrer Messen voraus, falls Frankfurt irgendein Vorrecht behalte;
und keine Regierung, am wenigsten eine konstitutionelle -- schrieb der
schsische Bevollmchtigte Wietersheim --, kann einer so ausdrcklichen
Erklrung der Reprsentanten des gefhrdeten Nationalinteresses
entgegenhandeln. Auch das Altenburgische Geheime Ministerium sendete ein
dringendes Mahnungsschreiben nach Berlin -- ohne alle uere
Aufforderung, wie man unschuldig beteuerte --, und schilderte in
herzbrechenden Worten das furchtbare Schicksal, das dem unglcklichen
Leipzig drohe.

Da die Verhandlungen sich so ungnstig anlieen, so wnschte der
schsische Hof, gengstigt durch die fortdauernde Grung im Lande,
mindestens einige Handelserleichterungen sofort zu erlangen, falls die
vollstndige Vereinigung nicht mglich sei. Der Prinz-Mitregent selber
stellte diese Bitte in einem Handschreiben an den Knig von Preuen
(11. April 1831). Er gab zu bedenken, da mit dem gnzlichen Milingen
dieser Verhandlungen die Ausfhrung des groen und fr die Sicherheit und
Ruhe Deutschlands begrndeten, von Ew. K. Majestt verfolgten Planes, die
Interessen des Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu
vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen,
gefhrdet werden oder mindestens Aufschub erleiden wrde. Auch mag ich mir
selbst nicht verschweigen, da eine erfolglose Verhandlung in der
gegenwrtigen Zeit auch hier nicht ohne einen sehr ungnstigen Eindruck
bleiben wrde. Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Kpfen der
preuischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies in einem
ausfhrlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen wrden, nach der
Lage der Dinge, nur dem preuischen Staate einseitige Opfer auferlegen;
wolle Sachsen dagegen zu Preuen in ein hnliches Verhltnis treten, wie
bisher Bayern und Wrttemberg, so sei dazu eine vollstndige Neugestaltung
seines Zollsystems erforderlich; warum also nicht sogleich das hchste
Ziel, den Zollverein, ins Auge fassen? {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die letzten mndlichen
Verhandlungen erfolgten im Juli, bald nachher stockte auch der
schriftliche Verkehr. Die deutschen Kabinette begannen zu frchten, da
Sachsen den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die Wende
des Jahres gentigt, in einer langen Denkschrift seine Handelspolitik vor
den oberdeutschen Knigen zu verteidigen.

Erst als Bayern und Wrttemberg ihre Zollvereinsverhandlungen in Berlin
erffneten, fate man sich in Dresden wieder ein Herz. Im Mrz 1832
erschien Zeschau zum zweitenmal in Berlin. Abermals kam man einen Schritt
weit vorwrts; Sachsen erklrte sich bereit, das preuische System der
indirekten Steuern anzunehmen. Doch ber die Messen konnte man sich wieder
nicht verstndigen. Nun wirkte auch die Staatsweisheit Moritz Mohls
lhmend auf Sachsen zurck; ohne die sddeutschen Hfe, die jetzt ihre
Verhandlungen abbrachen, wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich,
nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten; der Sommer
verlief in peinlicher Verlegenheit {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}

Inzwischen beging der schsische Hof einen schweren politischen Fehler,
der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen schien. Hannover hatte am
Bundestage wieder einmal die Ausfhrung des Artikels 19 beantragt -- in der
unverhohlenen Absicht, den Gang der preuischen Handelspolitik zu stren.
Ohne jede Rcksprache mit Preuen, ohne auch nur den Bericht der
Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen als die erste deutsche
Regierung dem trichten Antrage zu und erklrte: Hchster Zweck des Bundes
in Zollsachen ist, dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen,
was durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen in
Deutschland berhaupt Durchfuhrzlle bestehen, so doch jedenfalls ein
anderes System als das preuische! -- Die Finanzpartei in Berlin klagte
laut ber die offenbare Zweizngigkeit. Geh. Rat Michaelis fragte in einer
scharfen Denkschrift: soll diese Sprache des schsischen
Bundestagsgesandten etwa die ffentliche Meinung in Sachsen fr den
preuischen Zollverein gewinnen? -- Wen konnten auch die nichtigen
Entschuldigungen berzeugen, die der schsische Minister Minckwitz seinem
Berliner Gesandten Watzdorf schrieb (29. November 1832)? Der harmlose Mann
beteuerte, die Vorgnge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen
keinen Eintrag tun! Eichhorn aber, als ein gewiegter Kenner des
Charakters der kleinen Hfe, mahnte seine erzrnten Amtsgenossen zur
Geduld: gnnen wir doch den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre
unschuldigen Stilbungen; der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er
zuweilen einem Anfall von Schwche unterliegt; noch eine kurze Frist, und
er kommt wieder zu uns.

Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich Mieg in Dresden mit
Zeschau, und als darauf die Berliner Verhandlungen mit Bayern so glcklich
vorangingen, kam der schsische Finanzminister (24. Mrz) zum drittenmal
in die preuische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30. Mrz 1833)
schlossen Eichhorn, Maaen, Zeschau und Watzdorf den Zollvereinsvertrag,
der wrtlich mit dem soeben beendigten bayrischen bereinstimmte. Einige
Separatartikel ordneten den Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt
blieb etwas ermigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig hnliche
Vergnstigungen zuwenden. Der Mehandel erhielt eine groe Erleichterung
durch die Einrichtung der Mekontierung; fr Leipziger Grohandlungen von
gutem Rufe wurde sogar ein ber die Mezeiten hinaus fortdauerndes
Steuerkonto zum Abschreiben erffnet -- eine wichtige Vergnstigung, die
noch manchen Mibrauch veranlassen sollte. Auch die Herabsetzung einiger
Zollstze, namentlich fr Woll- und Baumwollwaren, wurde vereinbart.
Preuen verpflichtete sich, die Ermigung der Elbschiffahrtsabgaben,
welche Anhalt dem preuischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem
schsischen Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich an
Anhalts Kleinsinn.

Nicht ohne Zagen unterschrieb Maaen den Vertrag, der den preuischen
Markt den Fabriken des Erzgebirges erffnete; von allen seinen Rten
stimmte ihm nur Khne unbedingt zu. Das ist ein schwerer Vertrag -- sagte
er zu Khne {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} --, es htte ihn nicht jeder unterzeichnet. Die Besorgnis
des Staatswirts hatte zurcktreten mssen vor den Hoffnungen der
Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen seines
konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates mute die
ffentliche Meinung gnstig stimmen. Leider verging wieder eine geraume
Frist, bis die deutsche Welt mit der vollendeten Tatsache sich vershnte.
Die preuischen Fabrikanten lrmten, die gute Stadt Leipzig berlie sich
einer malosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k. k. Konsul Bercks
geschftig umhertrug, warnte die Regierung; die Stadtverordneten richteten
eine dringende Vorstellung nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich
eines Morgens ein Anschlag: Allhier wird von einem Parvenu, einem
preuischen Landrat, so schsischer Finanzminister geworden ist, das Land
fr Geld und Orden an Preuen verkauft. Der Taumel ergriff jeden Stand
und jedes Alter. Die Leipziger Schulbuben kauften sich englische
Farbksten auf Vorrat, weil sie mit frhreifer handelspolitischer Vorsicht
befrchteten, das gewohnte Spielzeug werde nunmehr fr brgerliche
Geldbeutel unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann fr die
Pleiestadt eine neue Epoche glnzender Handelsblte; das kleine Frankfurt
wurde durch den berlegenen Nebenbuhler ganz zurckgedrngt, die mchtigen
Leipziger Firmen lernten bald, den Frankfurter Merabatt fr sich selber
zu benutzen. Auch die Klagen der preuischen Fabrikanten verstummten, und
niemand wollte die warnenden Petitionen unterschrieben haben. Zeschau
selbst, der Wohltter Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren
der Mestadt niemals irgendeine Genugtuung fr so viele Schmhungen
erhalten.

Whrend diese verwickelte zweifache Verhandlung in wiederholten Anstzen
erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwstliche Geduld zugleich ein drittes
schwieriges Geschft zu fhren: die Unterhandlungen mit den thringischen
Staaten. In Thringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde die beginnende
Bekehrung gefrdert durch den unruhigen Sommer von 1830, durch die Angst
vor den murrenden Massen. Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich
einseitige Handelserleichterungen von Preuen zu erlangen. Der weimarische
Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich mit Lindenau nach Berlin,
berbrachte ein Handschreiben seines Groherzogs, das um solche
Vergnstigung bat: dies wrde in einer Periode mannigfacher Aufregungen
belgesinnten einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen. Auf
wiederholte hnliche Anfragen kleiner thringischer Hfe antwortete das
Berliner Kabinett (5. Juli 1831): man sei bereit, ber einen Zollverein zu
verhandeln, doch nur mit allen thringischen Staaten gemeinsam, und nur
wenn diese Hfe sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen
Verein. Erst als Kurhessen zu dem preuischen Vereine bergetreten war,
erklrten die ernestinischen Hfe: der Mitteldeutsche Verein sei
tatschlich aufgelst.

General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thringischen und
einige andere kleine Dynasten in Berlin auf gemeinsame Kosten ernhrten,
berreichte am 15. Januar 1832 eine Verbalnote: Preuen mge die
Initiative ergreifen, ltere bindende Verpflichtungen bestnden nicht
mehr. Weimar drngte am eifrigsten; das Groherzogtum besa an Gersdorff
und O. Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte, die wohl einsahen, wo der
Grund der ewigen Finanznot lag. Sprder verhielt sich Gotha, da hier der
hergebrachte Schmuggel allgemein als ein Nationalglck betrachtet wurde.
Maaen und Eichhorn entwickelten nun ausfhrlicher den einfachen Gedanken,
den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten thringischen
Gebiete sollen zunchst unter sich einen Verein mit gemeinsamer
Zollverwaltung bilden und dann erst als eine geschlossene Einheit in den
groen Zollverein treten; Preuen will die Kreise Erfurt, Suhl und
Ziegenrck diesem thringischen Vereine zuteilen, wird auch dafr sorgen,
da Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefgt. Zu frmlichen
Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn Eichhorn hoffte, vorher
mit Bayern und Wrttemberg abzuschlieen. Diese beiden Hfe fhlten sich
schon beunruhigt durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schliee
Thringen frher ab, so sei der Sden auf Gnade und Ungnade dem Belieben
Preuens berliefert. Darum richteten sie sogar eine Verwahrung an den
Berliner Hof (15. November 1832): ohne die vorhergehende Zustimmung
Bayerns und Wrttembergs drfe Preuen die Thringer nicht aufnehmen. Der
Dresdener Hof, der sich noch immer als das geborene Oberhaupt der
Ernestiner fhlte, verlangte zu allen Verhandlungen mit seinen
Stammesvettern zugezogen zu werden. Preuen erwiderte: wir werden Sachsens
Interessen sorgsam wahren, doch der Zutritt eines schsischen
Bevollmchtigten kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin haben
diese Bedenken der drei kleinen Knigskronen den Beginn der
Unterhandlungen verzgert.

Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit den Thringern. Die
preuischen Staatsmnner schlugen vor, eine Zentralbehrde fr das
thringische Zollwesen zu bilden. Groe Bestrzung; keiner der Kleinen
wollte eine solche Beschrnkung seiner Souvernitt zugeben. Da meinten
die Preuen begtigend: es werde gengen, einen Generalinspektor
einzusetzen; der msse freilich in Erfurt wohnen, als dem Mittelpunkte des
Landes, doch solle er nicht von Preuen, sondern von der thringischen
Hauptmacht Weimar ernannt werden. Hiermit schien jeder Widerspruch
entwaffnet. Wenn Preuen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten
unterstellte, so durfte auch der Reuenstolz und der Gothaerdnkel nicht
klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen neue Bedenken; sie
konnten sich nicht in den Gedanken finden, da ihre Verwaltung fremder
Aufsicht unterliegen solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen
abzuschlieen. Da drohte Khne: wenn man die preuischen Beamten als
Spione betrachte, dann msse Preuen sein gefrchtetes Enklavensystem
gegen die kleinen Nachbarn anwenden. Das schlug durch. Am 10. Mai 1833
wurde der Zoll- und Handelsverein der thringischen Staaten gebildet, am
folgenden Tage erklrte der neue Verein, der das gesamte System der
preuischen indirekten Steuern annahm, seinen Zutritt zu dem Deutschen
Zollvereine. Ein weimarischer Generalbevollmchtigter vertrat die
Thringer auf den Konferenzen des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine
Gesamtstimme ab; in einigen anderen Fllen sollte er die Meinung jedes
einzelnen thringischen Staates gesondert vortragen. Dieser Bund im Bunde,
welchen Preuens Staatsmnner seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies
sich als so einfach und naturgem, da niemals, auch nicht in den
schwersten Krisen des Zollvereins, an die Auflsung des thringischen
Vereins gedacht worden ist. --

Also war des groen Werkes schwerster Teil gelungen. Ein unerhrter
Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des Beamtentums; die Jahrgnge der
deutschen Gesetzsammlungen schwollen zu unfrmlichen Bnden an, von allen
den neuen Vertrgen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere
Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das Nahen einer
besseren Zeit verkndete. Auf allen Landstraen Mitteldeutschlands harrten
die Frachtwagen hochbeladen in langen Zgen vor den Mauthusern, umringt
von frhlich lrmenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des
alten Jahres hoben sich die Schlagbume; die Rosse zogen an, unter
Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwrts durch das befreite Land. Ein
neues Glied, fest und unscheinbar, war eingefgt in die lange Kette der
Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgefhrt hat zur
kaiserlichen Krone. Das Adlerauge des groen Knigs blickte aus den
Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von
Kniggrtz. Glcklicher als sein leidenschaftlicher Freund hat Maaen die
Stunde der Genugtuung noch genossen. Er starb am 4. November 1834. Einen
ebenbrtigen Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen
Rten des Finanzministeriums lebten die berlieferungen von 1818 fort.

Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des _Deutschen
Zollvereins_ an.(122) Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten
schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschlands hervor, das dereinst
den Ruhm und die Macht des Heiligen Rmischen Reiches berbieten sollte.



d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._


Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank der unvergleichlichen
Schwerflligkeit des deutschen Staatslebens nicht so rasch und nicht so
unmittelbar eingetreten, als manche khne Kpfe meinten. Schon zu Anfang
der dreiiger Jahre hoffte Hansemann(123), ein Parlament des Zollvereins
und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag erstehen zu sehen, und wie
viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht hnliche Erwartungen an
den deutschen Zollstaat geknpft. Aber der Handelsbund war kein Staat,
er bot keinen Ersatz fr die mangelnde politische Einheit und konnte noch
durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Lge der Bundesverfassung zu
zerstren. Als Minister du Thil im Jahre 1827 seinem Groherzog den Rat
gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen
aus: Wir drfen uns darber nicht tuschen; indem wir den Handelsbund
schlieen, verzichten wir auf die Selbstndigkeit unserer auswrtigen
Politik; bricht ein Krieg aus zwischen sterreich und Preuen, so ist
Hessen an die preuischen Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann(124), der
nach seiner groen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige
deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begrte, erklrte
zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der Wiederkehr
brgerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht buchstblich
eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht
verhindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preuen. Und dennoch sollte
gerade das Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen
Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preuischen Fahnen berhob
Preuen der Mhe, seine wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung
der Zollgemeinschaft die oberdeutschen Hfe sofort zu bekehren.

Das Bewutsein, da man zueinander gehre, da man sich nicht mehr trennen
knne von dem groen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes
Tages in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser
mittelbaren politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins
{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der alten Zeit, das an die
Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. Der Geschftsmann folgte
mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die deutschen
Lnder sandte, er gewhnte sich, wie schon lngst der Gelehrte, ber die
Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut
mit groen Verhltnissen, sah mit ironischer Gleichgltigkeit auf die
Kleinheit des engeren Vaterlandes. Der Gedanke selbst, da die alten
trennenden Schranken jemals wiederkehren knnten, wurde dem Volke fremd;
wer einmal in dem Handelsbund stand, gehrte ihm fr immer. Eine
unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder Krisis die alten Grenzen
des Zollvereins wieder her; kalte politische Kpfe konnten mit
mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
Der preuische Staat erfllte, indem er Deutschlands Handelspolitik
leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie
er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlands sicherte. So
ist er durch redlichen Flei langsam emporgewachsen zur fhrenden Macht
des Vaterlandes, und nur weil die europische Welt es nicht der Mhe wert
hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preuens ernstlich kennen zu
lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken der Mitte des Festlandes.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. IV, 350ff.

                            ------------------

  108 Joh. Friedr. Bhmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober 1863,
      hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der Geschichte
      des deutschen Mittelalters.

  109 Eduard v. Schenk, geb. 10. Oktober 1788, gest. 26. April 1841. Als
      Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche ber und
      wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten.

  110 Joh. Nepomuk Ringseis, geb. 16. Mai 1785, gest. 22. Mai 1880, Arzt
      von Beruf.

  111 Franois Gabriel Graf v. Bray, geb. 1765, gest. 1832.

  112 Karl Philipp Frst Wrede, geb. 29. April 1767, gest. 12. Dezember
      1838.

  113 Georg Ludwig Winter, geb. 18. Jan. 1778, gest. 17. Mrz 1838, seit
      1830 Leiter des Ministeriums des Innern in Baden.

  114 Karl Theodor Welcker, geb. 29. Mrz 1790, gest. 10. Mrz 1869,
      Professor der Rechte in Kiel, Heidelberg, Bonn, Freiburg i. Br.,
      Mitglied der badischen Kammer und einer von den Fhrern des
      sddeutschen Liberalismus.

  115 Karl v. Rotteck, geb. 18. Juli 1775, gest. 26. November 1840,
      Professor der Geschichte und der Staatswissenschaften an der
      Universitt Freiburg i. Br., von 1831 an Mitglied der 2. badischen
      Kammer, in der er als gewandter Redner die Gedanken des Liberalismus
      vertrat.

  116 Moritz Mohl, geb. 1802, gest. 18. Februar 1888, damals als Assessor
      bei der Finanzkammer in Reutlingen, seit 1841 Obersteuerrat, 1848
      Mitglied des Parlaments sowie der Nationalversammlung, seitdem
      Fhrer der grodeutschen Partei in der wrttembergischen Kammer.

  117 Ludwig Kraft Ernst Frst zu ttingen-Wallerstein, geb. 31. Januar
      1791, gest. 22. Juni 1870, von 1831 bis 1838 bayrischer Minister des
      Innern.

  118 Der Dichter Ludwig Uhland, geb. 26. April 1787, gest. 13. November
      1862.

  119 Friedrich v. Rmer, geb. 4. Juni 1794, gest. 11. Mrz 1864, Mitglied
      der liberalen Opposition in der wrttembergischen Kammer, deren
      Prsident er in spteren Jahren war.

  120 Heinrich Anton v. Zeschau, geb. 4. Februar 1789, gest. 17. Mrz
      1870, seit 1822 in schsischen Diensten, von 1831-1848
      Finanzminister bzw. Minister des Auswrtigen, von 1851-1869 Minister
      des Knigl. Hauses.

  121 Christian Friedrich v. Boeckh, geb. 13. August 1777, gest.
      21. Dezember 1855, von 1828 bis 1844 badischer Finanzminister.

  122 Von den noch auerhalb des Zollvereins stehenden Staaten bildeten
      Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe durch die
      Vertrge vom 1. Mai 1834 und 7. Mai 1836 einen _Steuerverein_, dem
      auch einige preuische und kurhessische Gebietsteile angeschlossen
      wurden; Baden, Nassau und Hessen-Homburg traten am 1. Januar 1836,
      Frankfurt a. M. am 2. Januar 1836 in den Zollverein ein; am
      1. Januar 1842 auch Braunschweig und Lippe, am 1. April 1842
      Luxemburg. Durch Vertrag vom 1. September 1851 kam auch mit dem
      Steuerverein eine Einigung zustande, die am 1. Januar 1854 den
      Eintritt desselben in den Zollverein zur Folge hatte.

  123 David Hansemann, geb. 12. Juli 1790, gest. 4. August 1864,
      preuischer Staatsmann und publizistischer Schriftsteller, 1848
      kurze Zeit Finanzminister, nachher bis 1851 Chef der Preuischen
      Bank.

  124 Friedrich Christoph Dahlmann, geb. 13. Mai 1785, gest. 5. Dezember
      1860, Geschichtsforscher und Politiker.




Register.


Addington, englischer Gesandter am Bundestag; 136.
Akzisewesen, preuisches; 5.
Alexander I., Zar; 6.
Alexius Friedrich Christian, Herzog von Anhalt-Bernburg; 62.
Altenstein, Karl, Freiherr v. Stein zum; 34. 85.
Alternat, Streit ber das A.; 159.
Altpreuen, Notstand in A.; 82 f.
Ancillon, Johann Peter Friedrich; 196.
Anhalt im Kampf gegen das preuische Zollgesetz; 37. 43. 57 ff. 63. 90 ff.
Anhalt-Bernburg; 43. 62.
Anhalt-Dessau; 62.
  -- Beitritt von Anhalt-Dessau und Anhalt-Kthen zum Zollverein; 92.
Anhalt-Kthen; 44. 48 ff. 59 ff. 63.
v. Anstett, russischer Gesandter am Bundestag; 161.
Anton, Knig von Sachsen; 131. 177. 179.
Anton Gnther, Frst von Schwarzburg-Sondershausen; 41. 42. 43. 44. 150.
Aretin, Adam Freiherr v.; 72. 73. 74. 75.
Armansperg, Joh. Ludw., Graf v.; 120. 152. 153. 154. 159. 174. 181. 197.
Arnoldi, E. W.; 22. 23. 69.
Arnstadter Beratung der thringischen Staaten; 70.
Auguste, Tochter des Knigs Friedrich Wilhelm II. von Preuen, Kurfrstin
            von Hessen; 128. 129. 130.
Baader, Joseph (Franz); 121.
Baring; 11.
Baumgrtner, preuischer Konsul; 196.
Bayer, Fabrikant; 106.
Bayrisches Zollgesetz vom 22. Juli 1819; 46 f.
  -- Bayrisch-Wrttembergischer Zollverein 113 f. 151. 181.
Beguelin, Geheimrat; 8.
Bernstorff, Christ. Gnther, Graf v.; 33. 38. 45. 46. 52. 53. 54. 55. 56.
            57. 60. 64. 67. 90. 94. 107. 125. 140. 146. 147. 150. 168.
            179. 181. 184.
Benzenberg, Joh. Friedr.; 21.
Bercks, sterreichischer Konsul in Leipzig; 201.
Beroldingen, wrttembergischer Minister; 123.
Berstett, Wilh. Ludw. Leop. Reinh., Freiherr v., badischer Minister; 28.
            29. 47. 53. 56. 57. 69. 70. 72. 75. 76. 100. 101. 102. 103.
            105. 138. 140.
Bever, Assessor; 188.
Biersack, Finanzrat; 111.
Blomberg, Freiherr v.; 155.
Blum, Robert; 24.
Bignon, Louis Pierre, Baron; 66.
Blcher, G. v.; 35.
Blittersdorf, Friedr. Landolin, Freiherr v.; 66. 99. 117. 121. 123. 146.
            162. 173. 195.
Boeckh, badischer Minister; 181.
Bhmer, Joh. Friedr.; 176.
Bombelles, Ludw. Phil., Graf. v.; 50.
Braun, Kammerrat; 132.
Bray, Franois Gabriel, Graf v., bayrischer Gesandter in Wien; 180.
Brnneck, Oberst; 82.
Buchholz, Publizist; 149.
Buhl, Fabrikant; 184.
Blow, Heinrich v.; 90. 95. 124. 137. 149. 167.
Bundesakte, Artikel; 19. 23. 25. 27. 28. 35. 38. 46. 53. 54. 99. 139. 140.
            142. 146. 147. 199.
Buol, Joh. Rud., Freiherr v.; 55.
Burke, Edmund; 11.
Bsch, Joh. G.; 22.
Camuzzi, Geheimrat; 121.
Canning, Georg, engl. Minister.
  Ministerium; C. 10.
  Anm. 80.
Carlowitz, Christoph Anton Ferd. v.; 132. 133. 138.
Carlowitz, Hans Georg v.; 131. 133. 137. 167.
Clarence, Herzogin von; 165.
Conta; 167.
Cotta, Joh. Friedr., Freiherr C. v. Cottendorf; 153. 154. 155. 159. 160.
            161.
Cromwell, Oliver; 11.
Czartoriski, Frst; 6.
Dahlmann, Friedr. Christoph; 205.
Dalberg, Emmerich Joseph, Herzog von; 122.
Darmstdter Zollkonferenzen; 68ff. 98. 100. 101.
Deutscher Zollverein; 172 ff. 203. 204.
Du Bos du Thil, Karl Wilh. Heinr. Freiherr v. ({~DAGGER~} 1859)
            hessen-darmstdtischer Minister; 56. 72. 73. 74. 77. 98. 100.
            101. 105. 106. 107. 108. 123. 126. 127. 144. 205.
Eichhof, sterreichischer Hofrat; 161.
Eichhorn, Joh. Albr. Friedr.; 14. 16. 31. 32. 33 ff. 37. 38. 40. 42. 62.
            67. 78. 90. 92. 107. 108. 110. 112. 114. 118. 120. 124. 127.
            148. 155. 164. 167. 170. 174. 187. 188. 189. 192. 198. 200.
            201. 202. 204.
Eimbecker Vertrag (27. Mrz 1830) 170 f. 173 f. 177.
Einsiedel, Detlev, Graf v.; 131. 140.
Elbschiffahrt, Freiheit der E.; 49. 54. 57.
Elbschiffahrtsakte (23. Juli 1821); 60. 62. 90.
Elbuferstaaten, Konferenz der E. in Dresden; 54. 58. 59.
Elsflether Zoll; 58.
Emil, Prinz von Hessen; 110. 112. 122.
Englische Handelskrisis; 81.
Enklavensystem, preuisches; 37 f. 40. 41. 43. 53. 59. 62. 88.
Ernst I., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha; 47. 69. 132. 133. 150. 162.
            163.
Erskine, Lord; 161.
Eschenheimer Gasse (d. i. Bundestag); 72. 91. 126. 134. 200.
Fahnenberg, badischer Gesandter in Mnchen; 123. 189.
Fenelon, Graf, franzsischer Gesandter am Nassauer Hof; 165.
Ferber, Geheimrat; 7.
Ferdinand, Herzog von Anhalt- Kthen; 44. 48. 49. 53. 54. 55. 57. 59. 60.
            61. 62. 64. 66. 88. 89. 90. 92.
Fitzgerald, englischer Minister; 137.
Frank, Pfarrer; 106.
Franz II., Kaiser von sterreich; 50. 52. 55.
Freihandel, Preuen als Vorkmpfer des Freihandelsgedankens; 11.
Friedheim, Kaufmann; 61. 62.
Friedrich August, Mitregent von Sachsen; 195. 198.
Friedrich der Groe; 34. 45. 148. 157. 160. 204.
Friedrich Wilhelm I.; 45.
Friedrich Wilhelm III.; 5. 6. 7. 8. 12. 17. 18. 19. 20. 36. 37. 38. 40.
            41. 43. 44 f. 48. 49. 57. 61. 62. 66. 67. 77. 78. 80. 82. 83.
            84. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 107. 109. 110. 112. 113. 115. 119.
            125. 129. 130. 132. 138. 148. 150. 154. 156. 160. 165. 172.
            177. 179. 181. 195. 198.
Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preuen; 154.
Friedrich Wilhelm, Kurfrst von Hessen; 175.
Friedrich Gnther, Frst von Schwarzburg-Rudolfstadt; 88.
Fritsch, Karl W., Freiherr v., Minister; 47. 53. 178.
Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiherr v.; 141. 144.
Geldausfuhr. Aufhebung des Verbots der G. in Preuen; 6.
Generalkontrolle. Aufhebung der G. in Preuen; 84 f.
Georg, Groherzog von Strelitz; 91.
Gersdorff, v., schsisch- weimarischer Minister; 201. 202.
Gesetz vom 26. Mai 1818; 8 ff. 30. 38. 40.
Gesetz vom 8. Februar 1819 ber die Besteuerung des Konsums inlndischer
            Erzeugnisse; 12.
Gise, bayrischer Minister; 189.
Goltz, Aug. Friedr. Ferd., Graf v. d.; 27. 53. 56.
Goltz, Familie v.; 83.
Gneisenau; 7. 34.
Grres, Joseph v.; 24. 26. 180.
Gothaer Lebensversicherungsbank; 23.
Grandauer, Kabinettsrat; 123.
Grant, Charles; 124.
Grolman, Karl Ludw. Wilhelm v.; 10.
Grote, Aug. Otto, Graf; 137. 149. 167. 170.
Guaita, Senator; 138. 161.
Gnther Friedrich Karl I., Frst von Schwarzburg-Sondershausen; 88.
Handelsverein, deutscher; 25.
Hnlein, preuischer Gesandter am kurhessischen Hofe; 128. 167.
Hansemann, David; 204.
Hardenberg, Frst; 6. 13. 14. 19. 21. 39. 45. 64. 84. 165 Anm.
Hatzfeldt, Franz Ludwig, Graf v.; 88.
Heidelberger Protokoll; 100. 101. 110.
Herzog, Geheimrat; 100.
Hessen-Darmstadt, Zollvertrag mit Preuen; 109 ff.
Hessen-Kassel, Gesetz vom 17. September 1819; 48.
  -- Beitritt Hessen-Kassels zum preuischen Zollsystem; 175.
Heydebreck, v., Oberprsident; 7. 8.
Hofmann, hessischer Staatsrat; 106. 109. 110. 115. 116. 122. 126. 155.
            160. 161.
Hoffmann, E. E.; 184.
Hoffmann, J. G.; 17. 18. 42. 43. 100.
Hohenzollern-Wrttembergischer Zollverein; 88.
Hruby, Freiherr v.; 128. 138. 165.
Humboldt, A. u. W.; 7.
  -- W. v. H.; 34. 58. 90. 153.
Huskisson, W.; 10. 11. 103.
Jordan, v., preuischer Gesandter in Dresden; 62. 149. 170.
Jrres; 72.
Julia, Grfin von Brandenburg, Gemahlin des Herzogs Ferdinand von
            Anhalt-Kthen; 49. 66. 88.
Juli-Revolution (1830); 171. 173.
Kamptz, Karl Friedr. Heinr. v.; 85.
Karl VII. (Albrecht), deutscher Kaiser; 157.
Karl, Herzog von Braunschweig; 139.
Karl August, Groherzog von Sachsen-Weimar; 40. 47. 50. 145.
Karl Friedrich, Groherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach; 178. 201.
Karlsbader Beschlsse (1819); 19. 50.
Karlsbader Konferenzen (1819) 19. 28. 45.
  -- (1821) 61.
Kasseler Vertrag 175. 177.
Keler, Direktor der Domnen 86.
Kircheisen, Friedr. Leop. v. 34.
Klewiz, Wilh. Anton v. 29. 41. 62. 77. 84. 94.
Klickermann, Zollinspektor 63.
Knorr, Zolldirektor 194.
Knneritz, Jul. Traugott v. 169. 170. 196.
Kotzebue 17.
Kster, Abgeordneter 69.
Krafft, Prsident 116.
Kre, v., sterreichischer Hofrat 135.
Krug 18.
Khne, Leopold 129.
Khne, Ludw. Samuel 85. 87. 175. 188.
Kunth, Staatsrat 7.
Kster, preuischer Gesandter in Mnchen 123. 125. 152. 192. 194. 197.
            200. 203.
Ladenberg, Phil. v. 8. 77. 84. 85.
La Ferronays, franzsischer Minister 123.
Landwirtschaftliche Krisis in Deutschland 81.
Langenau. Fr. Karl Gustav, Freiherr v. 117. 118. 135.
Lassalle, Ferd. 25. 29 Anm.
Lehrbach, Graf 115.
Leipzig, Schlacht bei L. 79.
Leonhardi, groherzoglich hessischer Geheimrat 135.
Leopold III., Friedrich Franz, Herzog von Anhalt-Dessau 64.
Leopold IV., Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau 62. 89. 90. 92.
Leopold, Groherzog von Baden 181. 183. 184.
Leopold von Dessau (der alte Dessauer) 59.
Lerchenfeld, Maximilian v. 72. 99. 106. 123. 141. 160. 174. 192.
Lestocq, General 41. 202.
Lindenau, Bernh. v. 134. 135. 136. 137. 138. 139. 140. 141. 144. 177. 178.
            195. 196. 201.
List, Friedr. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 32. 51. 52. 55. 57. 68. 69. 70.
Listscher Verein s. Verein deutscher Kaufleute.
Lottum, Graf 84. 87.
Lotzbeck, v. 184.
Lwenstein, Frst Georg v. 182.
Luden 17.
Lder, Kammerrat 126.
Ludwig, Groherzog von Baden 117. 181.
Ludwig I., Knig von Bayern 102. 104. 105. 106. 108. 121. 122. 123. 125.
            126. 130. 141. 151. 152. 153. 154. 155. 159. 160. 161. 175.
            181. 182. 183. 184. 185. 189. 192. 193.
Ludwig I., Groherzog von Hessen 72. 107. 112. 125. 126. 129. 205.
Ltzerode, Freiherr v. 126.
Luxburg, Graf 155.
Maaen, Generaldirektor 8. 9. 10. 11. 12. 21. 29. 31. 32. 42. 79. 85. 108.
            112. 155. 172. 175. 187. 189. 191. 195. 196. 197. 202. 204.
Mainzer Konferenzen 102.
Maltzan, v. 107. 112. 135. 145. 168.
Manteuffel, Georg Aug. Ernst v. 131.
Marschall, Freiherr v., Vertreter Nassaus am Bundestag 47. 52. 53. 56. 61.
            66. 71. 72. 76. 100. 102. 117. 129. 134. 143.
Martens, Georg Friedr. v. 27.
Marx 29 Anm.
Maximilian I. Joseph, Knig von Bayern 100. 122.
Meisterlin, Geheimer Rat 174.
Merckel, Oberprsident 7.
Metternich, Frst Klemens 19. 28. 36. 47. 49. 50. 52. 55. 61. 64. 70. 75.
            76. 88. 89. 118. 139. 140. 149. 151. 152. 153. 165. 180. 182.
Meyer, S., Kaufmann 183.
Meyerfeld, v., kurhessischer Bundestagsgesandter 173. 174.
Meysenbug, Freiherr v. 126.
Mieg, v., bayrischer Finanzminister 189. 190. 192. 200.
Michaelis, Geheimrat 199.
Milbanke, englischer Geschftstrger bei der Stadt Frankfurt 136.
Miller (Immenstadt) 25. 69. 103. 126.
Minkwitz, Freiherr v., schsischer Minister 199.
Mitteldeutscher Handelsverein 130 ff. 139 ff. 148. 149. 151. 153 f. 162.
            163. 165. 171. 173. 175 f. 178. 195. 202.
Mohl, Moritz 187. 188. 199.
Mollerus, niederlndischer Geschftstrger in Mnchen 124.
Motz, Friedr. Christ. Ad. v. 42. 77. 78 ff. 81. 83. 84. 85. 86. 87. 88.
            92. 97. 107. 108. 110. 112. 114. 116. 118. 129. 146. 147. 148.
            150. 151. 153. 154. 155. 156. 157. 159. 161. 162. 163. 164.
            170. 171. 172. 173. 194.
Motz, hessischer Finanzminister 174.
Mller, Adam 49. 50. 52. 59. 62. 63. 64. 88. 89. 91. 93.
Mnch-Bellinghausen, Joachim, Graf v. 62. 117. 118. 119. 135. 146. 161.
Mnster-Ledenburg, Ernst Friedr. Herbert, Reichsgraf 136. 165.
Nagler, Karl Friedr. v. 91. 127. 174.
Napoleon I. 71. 122. 128. 158.
Napoleon, rmischer Knig 122.
Navigationsakte 11.
Natzmer, Oldwig v., preuischer General 129.
Nebenius, Karl Friedr. 29. 30. 31. 32. 33. 42. 53. 68. 70. 72. 73. 74. 76.
            99. 100. 101. 102. 103. 104. 153.
Neujahrsnacht 1834 204.
Oberkamp, Geheimrat 126. 127. 128. 141.
Oberschnaer Punktation 133. 134. 142.
sterreichische Tendenzlgen 119.
Otterstedt, v., preuischer Gesandter am badischen Hofe 108. 116. 118.
ttingen-Wallerstein, Ludwig Kraft Ernst, Frst zu 192.
Perrot, Abgeordneter 106.
Pfizer, Paul 158. 193. 194.
Phnix, Versicherungsgesellschaft 23.
Pitt, William 79.
Pochhammer 160.
Plitz 18.
Porbeck, v., Prsident 126.
Preuisch-Bayrischer Handelsvertrag 145 ff. 155 ff. 180 f.
Preuisch-Hessischer Zollverein 109 ff.
Prohibitivzlle, franzsische 10. 11.
Rabener, Gottlieb Wilh. 145.
Radowitz, Freiherr v. 37.
Rauch, Christian, Bildhauer 160.
Rechberg, Aloys, Graf v. R. u. Rothenlwen 72. 99.
Reden, v., hannoverscher Gesandter in Dresden 140.
Reichenbach (Emilie Ortlpp), Grfin, Geliebte des Kurfrsten Ludwig II.
            von Hessen 126. 127. 171.
Reichenbach, Zusammenbruch der Firma R. in Leipzig 81.
Reinhard, Karl Friedrich, Graf 122. 136.
Renner, Defraudationsproze der Firma R. 71.
Rheinischer Merkur 24. 26.
Rheinoktroi von 1814 58.
Ricardo, David 29.
Ries, kurhessischer Geheimrat 174.
Ringseis, Joh. Nepomuk 180.
Rmer, Friedr. v. 194.
Rntgen, Aug. v. 101. 143. 161. 166. 168. 193.
Rothschild, Anselm Meyer, Freiherr v. 116. 134.
Rotteck, Karl v. 184.
Rumigny, Graf 161.
Sachsen, Knigreich, Beitritt Ss. zum Zollverein 194 ff. 200.
Sachsen-Koburg-Gotha, Vertrag Preuens mit S.-K.-G. 163.
Sachsen-Meiningen, Vertrag Preuens mit S.-M. 163.
Sachsen-Weimar sucht um Aufnahme in das preuische Zollsystem nach 178.
Sack 34.
Salmuth, v. 89.
Salzregal, Einfhrung des S.s in Preuen 6.
Schenk, Abgeordneter 115. 180.
Schenk zu Schweinsberg 174.
Schill 34.
Schleiermacher, Friedr. Ernst Dan. 34.
Schlieben, Familie der Grafen v. 83.
Schluakte 53.
Schminke, Finanzminister 127.
Schmitz-Groltenburg, Freiherr v., wrttembergischer Gesandter in Mnchen
            99. 120. 122. 189.
Schmuggel (Schwrzen)
  an den preuischen Grenzen 20 f. 41. 43. 57 ff. 63. 71. 98. 173. --
  Auf dem Schwarzwald und am Rhein 181. 183. --
  An der schsisch-bhmischen Grenze 195.
Schmuggelprmie 31.
Schnell, J. J. (Nrnberg) 25. 51.
Schn, Prsident 78. 82. 83.
Schnberg, Prsident 78. 155.
Schuckmann, Kasp. Friedr. Freih. v. 7.
Schulenburg, Graf Friedr. Albr. v. d., schsischer Gesandter in Wien 165.
Schtz, v., Steuerdirektor 86.
Schwarzburg-Rudolstadt 43.
Schwarzburg-Sondershausen und Preuens Zollgesetz 41 ff.
Schwerer, Ehr. Wilh. 132. 133. 178.
Schwerz 81.
Siebein, Geheimrat 126.
Siebenpfeiffer 176.
Smidt, Joh., Brgermeister von Bremen 137. 166.
Smith, Adam 8. 11. 29 Anm.
Sotzmann, Geheimrat 95. 160.
Spiegel, Graf, sterreichischer Gesandter in Mnchen 123.
Spittler, Ludw., Freiherr v. 34.
Sponheimer Handel 125. 152. 155. 161. 181. 183. 185.
Stader Zoll 60.
Stgemann, Friedr. Aug. v. 82.
Stem, Freiherr vom 7. 24. 34. 35. 84. 135. 138. 141.
Stein-Hardenbergsche Reformen 80.
Sternegg, v., Hofmarschall 64.
Steuerverein, Norddeutscher 170.
Stralenheim, hannoverscher Gesandter in Stuttgart 144.
Stromeyer 176.
Stuttgarter Zollkonferenzen 98 ff. 101 ff.
Sddeutscher Zollverein 56. 57. 72 ff. 181. 184. 185. 189. --
  Beitritt des S. Z.s zum Preuisch-Hessischen Zollverein 190.
Tann, Freiherr v. d. 123. 126.
Teplitzer Besprechungen (1819) 19.
Thaer 81.
Thomas, Brgermeister von Frankfurt a. M. 138.
Thon, weimarischer Bevollmchtigter 133. 202.
Thringen. Beitritt Th.s zum Zollverein 194 ff. 202 ff.
Thringischer Handelsverein 39. 94.
Tilsiter Friede 79.
Trauttmannsdorf, Graf v., sterreichischer Gesandter 91.
Trendelenburg, Adolf 164.
Truchse-Waldburg, Graf 124.
Uhland, Ludwig 194.
Varnbler, Friedr. Gottlob Karl 188.
Varnbler, Karl Freiherr v. 151. 160.
Varnhagen v. Ense, Karl Aug. 165.
Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten 25. 39. 45. 70.
Verstolck van Soelm, hollndischer Minister 124.
Vincke, Georg v., Prsident 78.
Wangenheim, Karl Aug. Freiherr v. 57. 68. 72. 76. 88. 99. 109. 137. 188.
Watzdorf, Graf v., schsischer Gesandter in Berlin 140. 199. 200.
Weber, E. (Gera) 25. 27. 51.
Weise, v. (Vater), Kanzler 41. 42.
Weise, v. (Sohn), Geheimer Rat 41. 42.
Welcker, Karl Theodor 184.
Wertheim, Verhandlungen wegen Abtretung W.s an Bayern 182.
Wiener Vertrag vom 3. Mai 1856 6.
Wiener Konferenzen 28. 29. 44. 45 ff. 93. 107.
Wiener Kongre 13. 14. 49. 52. 58. 59. 64.
Wiener Kongreakte, Art. 108 bis 116 58.
Wietersheim, Eduard v. 131. 198.
Wilhelm I., Kurfrst von Hessen 48.
Wilhelm II., Kurfrst von Hessen 74. 79. 97. 109. 126. 127. 128. 129. 130.
            138. 145. 165. 171. 174.
Wilhelm, Herzog von Nassau 102. 130. 135.
Wilhelm I., Knig von Wrttemberg 103. 104. 105. 123. 144. 151. 153. 155.
            160. 181. 183. 185. 188. 193.
Windhorn, Finanzrat 155.
Winter, Georg Ludwig, badischer Minister 183.
Wittgenstein, Prinz 126. 127. 128.
Wittgenstein, Wilh. Ludw. Georg, Graf zu Sayn-W. 61. 87. 150.
Witzleben, Job. v., preuischer Generalleutnant 153.
Wolfs, sterreichischer Legationsrat 180.
Wrede, Karl Philipp, Frst 180.
Zachari v. Lingenthal, Karl Salomon 103.
Zentner, Georg Friedr., Freiherr v. 50. 57. 123.
Zeschau, Heinrich Anton v., schsischer Finanzminister 197. 199. 200. 201.
Zollanschluvertrag mit Schwarzburg-Sondershausen 42.
Zollgesetz, Maaens preuisches Z. 6. 8 ff.
Zoll- und Handelsverein der thringischen Staaten 203.
Zu Rhein, Freiherr v. 104. 122.






***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS***



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October, 17 2007

            Project Gutenberg TEI edition 01
            Ralf Stephan, Norbert H. Langkau, and The Online Distributed
            Proofreading Team at http://www.pgdp.net. Page-images
            available at
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October, 20 2007

            Project Gutenberg TEI edition 02
            Ralf Stephan



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